Auf der Suche

Der oben geschilderte Vorfall ließ in meiner Seele das Gefühl tiefster

Demütigung zurück. Noch weit schmerzlicher als früher empfand ich die

Ueberlegenheit meiner Umgebung, in der Fabrik und überall. Zweifellos

übertrieb ich diese Ueberlegenheit sowie das Gefühl der eigenen

Schwäche. Ich begann in der mich umgebenden Dienstbereitschaft und

Fürsorge eine leichte Färbung halb verächtlicher Herablassung zu sehen,

in der vorsichtigen Zurückhaltung meiner Arbeitsgefährten eine heimliche

Abneigung gegen das niedrigere Wesen. In einer derartigen Stimmung

verlor ich die Fähigkeit genauer Beobachtung und richtiger Wertung.

In allen anderen Beziehungen blieben meine Gedanken klar, arbeiteten nun

vor allem an dem Problem, das sich auf Nettis Abreise bezog. Ich fühlte

immer stärker die Ueberzeugung, daß es für Nettis Teilnahme an der

Expedition ein mir noch unbekanntes Motiv gab, eines, das stärker und

gewichtiger war, als jene, die sie mir gegenüber vorgebracht hatte. Der

neue Beweis von Nettis Liebe und von der ungeheueren Bedeutung, die sie

meiner Mission, die zwei Welten einander nahe zu bringen, beilegte,

bestärkte mich in der Annahme, daß sie sich ohne zwingende Gründe nicht

entschlossen haben würde, mich für lange Zeit auf dem tiefen, durch

Sandbänke und Klippen gefahrvollen Meer des fremden Lebens allein zu

lassen, mußte doch ihr heller und scharfer Verstand besser als jeder

andere begreifen, welche Gefahren mich hier bedrohten. Es gab _etwas_,

um das ich nicht wußte, doch war ich fest überzeugt, dieses Etwas stehe

in enger Verbindung mit mir, und es sei nötig, um jeden Preis zu

erfahren, worum es sich handle.

Ich beschloß, systematisch Nachforschungen anzustellen. Es fielen mir

Beobachtungen ein, zu denen mich einige zufällige und unwillkürliche

Andeutungen Nettis veranlaßt hatten: der beunruhigte Ausdruck, der auf

ihrem Gesicht lag und mich in Erstaunen versetzte, sobald die Rede auf

die Kolonialexpeditionen kam; ich begann zu ahnen, daß Netti sich zu

unserer Trennung nicht erst damals entschlossen hatte, als sie mir davon

sprach, sondern bereits weit früher, schon in den ersten Tagen unserer

Vereinigung. Demnach mußte der Grund aus jener Zeit stammen. Wo aber war

er zu suchen?

Er konnte eine rein persönliche Angelegenheit Nettis sein, konnte aber

auch mit der besonderen Bedeutung der Expedition zusammenhängen. Die

erste Annahme erschien mir, nachdem ich Nettis Brief gelesen hatte,

unwahrscheinlich. Vor allem galt es also, die Einzelheiten zu

erforschen, mit jenen zu beginnen, die die Geschichte dieser

Expeditionen zu erklären vermochten.

Es verstand sich von selbst, daß die Expedition auf den Beschluß der

»Kolonialgruppe« zurückzuführen war. -- Diesen Namen trug

die Vereinigung jener Arbeiter, die aktive Teilnehmer der

interplanetarischen Reisen waren, zusammen mit dem Vorsitzenden des

Zentralen statistischen Bureaus und jener Fabriken, die die Aetheroneffs

herstellten, sowie alle für die Expedition unentbehrlichen Mittel. Ich

wußte, daß die letzte Sitzung der »Kolonialgruppe« während meiner

Krankheit stattgefunden hatte. Menni und Netti hatten an ihr

teilgenommen. Damals befand ich mich bereits auf dem Wege der Genesung,

langweilte mich ohne Netti und verlangte, ebenfalls der Sitzung

beizuwohnen. Netti jedoch erwiderte, dies wäre gefährlich für meine

Gesundheit. Hing diese »Gefahr« vielleicht von etwas ab, das ich nicht

wissen durfte? Ich mußte demnach das Protokoll der Sitzung lesen, dort

alles suchen, was mit dieser Frage in Zusammenhang stehen konnte.

Doch stieß ich bereits hier auf Schwierigkeiten. In der

Kolonialbibliothek wurde mir nur die auf der Sitzung gefaßte Resolution

vorgelegt. In dieser Resolution wurde bis in alle Einzelheiten die ganze

Organisation des grandiosen Unternehmens geschildert, doch fand ich

nirgends das, was mich im Augenblick interessierte. Ich erhielt auf

meine Fragen keine Antwort. Die Resolution wurde ohne jedes Motiv

wiedergegeben, ohne irgendeinen Hinweis auf die Ausführungen, die ihr

vorangegangen waren. Als ich dem Bibliothekar erklärte, ich wolle das

Protokoll, erwiderte er, das Protokoll werde nicht veröffentlicht,

außerdem würden detaillierte Protokolle überhaupt nicht geführt, wie

dies auch bei den technischen Sitzungen der Fall sei.

Auf den ersten Blick erschien mir dies richtig. Die Marsbewohner

veröffentlichten meist nur die »_Beschlüsse_« dieser Sitzungen, sie

nahmen an, daß jede dort geäußerte verständige und nützliche Ansicht,

sowie gegenteilige Meinungen und Auffassungen besser in Artikeln,

Broschüren, Büchern usw. verfochten werden konnten, als in einer kurzen

Rede. Ueberhaupt behagte es den Marsbewohnern nicht, die »Literatur«

übermäßig zu vermehren und man suchte bei ihnen vergeblich etwas, das

unserer »Arbeitskommission« gleichkam; sie bemühten sich, alles so wenig

umfangreich wie möglich zu gestalten. Im gegebenen Fall jedoch schenkte

ich den Worten des Bibliothekars keinen Glauben. Auf dieser Sitzung

hatte es sich um große und gewichtige Dinge gehandelt, als daß man sie

der öffentlichen Beurteilung hätte entziehen können, wie das bei den

gewöhnlichen technischen Fragen der Fall war.

Ich versuchte selbstverständlich mein Mißtrauen zu verbergen, um

keinerlei Verdacht zu erregen, vertiefte mich ergeben in das mir

gewährte Material und entwickelte unterdessen den Plan meines weiteren

Vorgehens.

Es war offensichtlich, daß ich von den Büchern der Bibliothek nicht jene

erhalten würde, deren ich bedurfte; entweder gab es über diese

Angelegenheit gar kein Protokoll, oder aber der Bibliothekar war auf

meine Fragen vorbereitet gewesen und versteckte es vor mir. Doch blieb

noch die Phonographen-Abteilung der Bibliothek übrig.

Dort konnten auch jene Protokolle, die nicht zur Veröffentlichung

freigegeben wurden, gefunden werden. Der Phonograph ersetzte bei den

Marsbewohnern häufig die Stenographie, und in den Archiven wurden viele

phonographische Platten der verschiedenen wichtigen Versammlungen

aufbewahrt.

Ich benützte den Augenblick, da der Bibliothekar in seine Arbeit

vertieft war und verfügte mich unbemerkt in die Phonographen-Abteilung.

Dort erbat ich von dem diensthabenden Genossen den Katalog der Platten.

Er gab ihn mir.

Aus dem Katalog ersah ich gar bald die Nummer der Platte der mich

interessierenden Sitzung und ich begab mich unter dem Vorwand, daß ich

den Genossen nicht belästigen wolle, selbst auf die Suche. Auch hier

errang ich einen Erfolg.

Es gab von dieser Sitzung fünfzehn Phonogramme. An jeder der Platten war

entsprechend dem hier üblichen Brauch ein Inhaltsverzeichnis befestigt.

Ich studierte rasch diese Verzeichnisse.

Die fünf ersten waren den Berichten über die Expedition gewidmet,

stammten noch aus einer früheren Sitzung und beschäftigten sich mit

technischen, den Aetheroneff betreffenden Fragen.

Die Ueberschrift der vierten Platte lautete:

»Vorschlag des Zentralen statistischen Bureaus für den Uebergang zur

Massenkolonisation. Wahl der Planeten -- Erde oder Venus. Reden und

Vorschläge Sternis, Nettis, Mennis und anderer. Beschluß zu Gunsten der

Venus.«

Ich fühlte, dies sei, was ich suche und steckte die Platte in den

Apparat. Was ich nun vernahm, schnitt mir für ewige Zeiten in die Seele.

Es war Folgendes.

Menni eröffnete die Sitzung als Vorsitzender des Kongresses. Als erster

ergriff der Vorsitzende des Zentralen statistischen Bureaus das Wort.

Er bewies auf Grund genauer Zahlen, daß bei der gegebenen Vermehrung der

Bevölkerung und der Steigerung ihrer Bedürfnisse selbst für den Fall,

daß die Marsbewohner die Ausbeutung ihres Planeten einschränkten, in

etwa dreißig Jahren ein Mangel an Lebensmitteln eintreten müsse. Dieser

Gefahr vermöchte freilich die Entdeckung der Synthese des Eiweiß aus

unorganischen Stoffen zu begegnen, doch könne niemand dafür bürgen, daß

diese Entdeckung in den nächsten dreißig Jahren gemacht würde. Deshalb

sei es unbedingt nötig, daß die Kolonialgruppe von den rein

wissenschaftlichen Expeditionen nach anderen Planeten zur Organisation

einer Massenauswanderung der Marsbewohner übergehe. In Frage kämen zwei

vom Mars aus erreichbare Planeten, beide reich an Naturschätzen. Es

müsse schleunigst beschlossen werden, welcher der beiden als Zentrum der

Kolonisation zu wählen sei, damit dann sofort an die Ausarbeitung des

Planes gegangen werden könne.

Menni stellte die Frage, ob jemand gegen den Antrag des Redners oder

gegen dessen Motivierung etwas einzuwenden habe. Doch verlangte niemand

das Wort.

Dann warf Menni die Frage auf, welcher Planet als erster für die

Massenkolonisation gewählt werden solle.

Sterni ergriff das Wort.

Der rote Stern: Ein utopischer Roman · 第 32 / 48 题