Enno

Der lange Herbst war vorüber, nun beherrschte bereits der schneearme,

aber kalte Winter unsere Gegend, die nördliche Mitte der Halbkugel. Die

kleine Sonne wärmte gar nicht mehr und leuchtete noch weniger als zuvor.

Die Natur warf die hellen Farben ab, erschien fahl und streng. Die Kälte

schlich sich ins Herz, der Zweifel in die Seele ein, und die Einsamkeit

des Sprößlings aus einer anderen Welt wurde immer qualvoller.

Ich suchte Enno auf, die ich seit langer Zeit nicht gesehen hatte. Sie

empfing mich wie einen ihr nahestehenden lieben Menschen; mir war, als

durchbreche das strahlende Licht der nahegelegenen Vergangenheit die

Winterkälte und die Nacht der Sorgen. Dann aber bemerkte ich, daß auch

sie blaß und von Kummer erschöpft zu sein schien. In ihrem Verhalten und

ihren Worten lag verborgener Gram. Wir hatten einander viel zu sagen,

und einige Stunden vergingen für mich angenehm und gut, wie dies seit

Nettis Abfahrt nicht mehr gewesen war.

Als ich mich erhob, um heimzukehren, wurde uns beiden schwer ums Herz.

»Wenn Ihre Arbeit Sie nicht hier festhält, so kommen Sie mit mir«, sagte

ich.

Enno ging sofort auf meinen Vorschlag ein. Sie nahm ihre Arbeit mit. Zu

jener Zeit hatte sie nichts im Observatorium zu tun, trug einen

ungeheuren Vorrat von Berechnungen zusammen, und wir begaben uns in die

chemische Stadt, wo ich Mennis Wohnung allein bewohnte. Allmorgendlich

fuhr ich in meine Fabrik, die sich hundert Kilometer, also eine halbe

Wegstunde, entfernt befand. Die langen Winterabende verbrachte ich von

nun an mit Enno; wir beschäftigten uns mit wissenschaftlichen Arbeiten,

plauderten oder unternahmen Spaziergänge in die Umgebung.

Enno erzählte mir ihre Geschichte. Sie liebte Menni und war dessen Frau

gewesen. Es verlangte sie sehnlichst danach, von ihm ein Kind zu haben,

aber Jahr um Jahr verstrich, ohne daß ihr Wunsch in Erfüllung ging. Sie

wandte sich an Netti um Rat. Diese erforschte alle Umstände und gelangte

zu dem kategorischen Ausspruch, daß Enno von Menni niemals ein Kind

haben werde. Menni hatte sich allzu spät vom Knaben zum Mann entwickelt

und allzu früh das anstrengende Leben eines Gelehrten und Denkers zu

führen begonnen. Die übertriebene Tätigkeit seines Gehirnes und dessen

außerordentliche Entwicklung hatten von allem Anfang an die lebendigen

Elemente der Vermehrung zerstört und erdrückt; dies war nicht mehr gut

zu machen.

Nettis Urteil bedeutete einen furchtbaren Schlag für Enno, bei der die

Liebe zu dem genialen Menschen und der starke Mutterinstinkt zu einem

Streben verschmolzen waren, das sich nun als hoffnungslos erwies.

Doch war dies noch nicht alles: Nettis Untersuchungen führten auch zu

einem zweiten Ergebnis. Es zeigte sich, daß für Mennis gigantische

geistige Arbeit, für die Entwicklung seiner genialen Fähigkeiten die

größte Enthaltsamkeit vonnöten sei, daß er sich so wenig wie möglich den

Liebkosungen der Liebe hingeben dürfe. Enno fühlte sich verpflichtet,

Nettis Rat zu befolgen und konnte sich bald von dessen Richtigkeit

überzeugen. Menni war wie neubelebt, er arbeitete mit größerer Energie

als je zuvor, neue Pläne entstanden mit außergewöhnlicher Schnelligkeit

in seinem Kopfe, er führte sie mit Erfolg durch und schien

offensichtlich nichts zu entbehren. Enno, der ihre Liebe teuerer war als

das Leben, die aber das Genie des geliebten Menschen noch höher wertete

als ihre Liebe, zog die Folgen dieser Erkenntnis.

Sie trennte sich von Menni. Dieser war im Anfang äußerst erzürnt, fand

sich jedoch bald mit der Tatsache ab. Der wahre Grund des Bruches war

ihm vielleicht unbekannt. Enno und Netti hielten ihn geheim, doch konnte

man freilich nicht sicher wissen, ob nicht Mennis durchdringender

Verstand die Ursache erraten habe. Für Enno aber war nun das Leben so

unsäglich leer, das Unterdrücken ihrer Gefühle quälte sie derart, daß

die junge Frau schon nach kurzer Zeit beschloß, Selbstmord zu begehen.

Netti, an die sich Enno gewandt hatte, schob die Tat, die sie verhindern

wollte, unter verschiedenen Vorwänden immer wieder hinaus und

benachrichtigte schließlich Menni. Dieser organisierte damals gerade die

Expedition nach der Erde und sandte sofort eine Aufforderung an Enno,

sie möge sich diesem bedeutsamen und gefährlichen Unternehmen

anschließen. Es war schwer, dieser Aufforderung nicht Folge zu leisten;

Enno nahm sie an. Eine Unmenge neuer Eindrücke halfen ihr, den

Seelenschmerz zu überwinden, und zur Zeit der Rückkehr auf den Mars

vermochte sie sich bereits so weit zu beherrschen, um als der heitere,

junge Dichter zu erscheinen, den ich auf dem Aetheroneff kennen gelernt

hatte.

An der neuen Expedition hatte Enno nicht teilgenommen, weil sie

fürchtete, sich allzu sehr an Mennis Gegenwart zu gewöhnen. Aber die

Angst um dessen Schicksal folterte sie in ihrer Einsamkeit, denn sie

kannte genau die große Gefahr des Unternehmens. An den langen

Winterabenden kreisten unsere Gedanken und Worte beständig um den einen

Punkt des Weltalls: um jenen, wo unter der Glut der gigantischen Sonne,

unter dem sengenden Hauch des Windes, die beiden uns liebsten Wesen mit

fieberhafter Energie ihre titanisch kühne Arbeit verrichteten. Dieser

gemeinsame Gedanke und die gleichartige Stimmung brachte uns einander

sehr nahe. Enno war mir mehr als eine Schwester.

Schier selbstverständlich, ohne Kampf und ohne Erschütterungen führte

unsere Freundschaft zu einem Liebesverhältnis. Die unbeirrbar ehrliche

und gütige Enno wich dieser Entwicklung nicht aus, wenngleich sie sie

nicht angestrebt hatte. Sie beschloß nur, von mir kein Kind zu haben ...

Der Schatten einer leisen Trauer verdunkelte ihre Liebkosungen, -- die

Liebkosungen einer zärtlichen Freundschaft, die alles gestattet ...

Der Winter breitete seine kalten weißen Flügel über uns, -- der lange

Marswinter, ohne Tau, ohne Winde und Schneestürme, ruhig, starr wie der

Tod. Wir beide fühlten kein Verlangen, nach dem Süden zu fliegen, wo um

diese Zeit die Sonne glühte und die Natur ihr leuchtendes Gewand

angelegt hatte. Enno sehnte sich nicht nach einer derartigen Natur, die

so schlecht mit ihrer Stimmung harmoniert hätte, und ich floh fast vor

neuen Menschen und neuen Umgebungen, denn die Gewöhnung an diese würde

neue nutzlose Arbeit gefordert, neue Erschöpfung verursacht haben; ich

näherte mich ohnehin nur gar langsam meinem Ziel. Unserer Freundschaft

eignete etwas seltsam Gespenstisches -- Liebe, die Herrschaft des

Winters, Sorgen und angstvolle Erwartung ...

Der rote Stern: Ein utopischer Roman · 第 30 / 48 题