In diesen kurzen Monaten war es mir dank Nettis Hilfe in hohem Maße
gelungen, mich auf die Verwirklichung meines Hauptplanes vorzubereiten:
ein nützlicher Arbeiter der Marsgesellschaft zu werden. Ich schlug
wohlüberlegt alle Aufforderungen ab, über die Erde und deren Menschen
Vorträge zu halten; es wäre sinnlos gewesen, dies zu meiner Spezialität
zu machen, da es ja auf künstliche Art mein Bewußtsein an die Dinge der
Vergangenheit gefesselt hätte und mir dadurch die Zukunft, für die es zu
kämpfen galt, verloren gegangen wäre. Ich beschloß ganz einfach, in
einen Betrieb zu gehen und wählte, nach verschiedenen Vergleichen und
reiflicher Ueberlegung, als erste Arbeitsstelle die Kleiderfabrik.
Selbstverständlich wählte ich eine leichtere Arbeit. Dennoch forderte
diese von mir eine nicht geringe und ernsthafte Vorbereitung. Vor allem
galt es, mich mit der Ausarbeitung des wissenschaftlichen Prinzips der
Fabrikorganisationen im allgemeinen bekannt zu machen, dann aber mit
jener besonderen Organisation der von mir gewählten Fabrik, mit deren
Architektur, deren Arbeitseinteilung, mit den Maschinen, an denen ich
arbeiten würde, kurzum mit allen Einzelheiten. Zu diesem
Vorbereitungsstudium mußte ich gewisse Gebiete der Mechanik, der
Technik, ja sogar der mathematischen Analyse studieren. Die
Hauptschwierigkeit bestand für mich nicht in den Gegenständen selbst,
sondern in den Formeln. Die Lehrbücher und Anleitungen rechneten nicht
mit der weit niedrigeren Erdenkultur. Ich erinnerte mich daran, wie ich
als Kind gequält wurde, indem man mir ein französisches Lehrbuch der
Mathematik gab. Ich empfand für diesen Gegenstand eine ernsthafte
Vorliebe, und anscheinend auch eine ungewöhnliche Begabung. Die
Schwierigkeiten, die dem Anfänger meist so viel Kopfzerbrechen bereiten,
die Idee des »Grenzwertes« und der »Ableitung« machten mir so wenig
Mühe, als wären sie mir immer bekannt gewesen. Doch fehlten mir jene
logische Disziplin und das praktische Wissen, die von dem französischen
Professor vorausgesetzt wurden; das ganze Lehrbuch war dem Ausdruck nach
äußerst klar und genau, doch geizte es mit Erklärungen. Es gab hier
keine jener logischen Brücken, die sich ein Mensch von höherer
wissenschaftlicher Kultur selbst hinzudenken kann, die aber für den
jungen Asiaten vonnöten sind. Bisweilen dachte ich ganze Stunden lang
über irgendeine magische Reduktion nach, die auf die Worte folgte: »Wenn
wir unsere Aufmerksamkeit auf den vorangegangenen Vergleich richten, so
kommen wir zu dem Ergebnis ...« -- Derart war es mir damals ergangen,
und das gleiche empfand ich in noch verstärktem Maße beim Studium der
wissenschaftlichen Bücher des Mars. Die Illusion, die mich zu Beginn
meiner Krankheit irregeführt hatte, daß alles leicht und verständlich
sei, verschwand spurlos. Aber Netti hatte mir mit ihrer geduldigen Hilfe
stets zur Seite gestanden und mir den schweren Weg geebnet.
Bald nach Nettis Abfahrt faßte ich meinen Entschluß und trat in den
Betrieb ein. Die Fabrik war ein riesenhaftes und äußerst kompliziertes
Unternehmen; sie glich nicht im geringsten unserer üblichen Vorstellung
von einer Kleiderfabrik. Hier waren Spinnerei, Weberei, das Zuschneiden,
Nähen und Färben der Kleider vereinigt, das Material jedoch, das zur
Verarbeitung gelangte, war weder Flachs, noch Baumwolle, noch
Pflanzenfasern überhaupt, noch Wolle, noch Seide, sondern etwas ganz
anderes.
In der ersten Zeit verfertigten die Marsbewohner ihre Gewänder aus den
gleichen Stoffen wie wir; sie bauten jene Pflanzen an, deren Gewebe
diesem Zweck diente, schoren die wolletragenden Tiere, zogen ihnen die
Haut ab, züchteten eine besondere Art Spinnen, deren Gewebe die
Eigenschaften der Seide besaß usw. Die wirtschaftlichen Veränderungen
und die Vervollkommnung der Technik erforderten jedoch eine immer
größere Getreideproduktion. Die Pflanzenfasern wurden durch mineralische
Fasern ersetzt. Später wandten die Gelehrten alle Aufmerksamkeit der
Erforschung der Spinnengewebe zu, suchten nach einer Synthese neuer
Stoffe mit analogen Eigenschaften. Als ihnen dies gelungen war, erfolgte
auf diesem ganzen Gebiet eine gewaltige Umwälzung, und heute konnte man
die Gewebe des alten Typus nur noch in historischen Museen sehen.
Unsere Fabrik war die wahrhafte Verkörperung dieser Umwälzung. Etliche
Mal im Monat wurde aus der zunächstgelegenen chemischen Fabrik auf dem
Schienenweg für die Spinnerei »Material« geliefert, das heißt: eine
durchsichtige Flüssigkeit in gewaltigen Zisternen. Aus diesen Zisternen
wurde vermittels besonderer luftdichter Apparate das Material in
ungeheure, hohe Metallreservoire geleitet, deren dichter Boden
hunderttausend mikroskopisch kleine Oeffnungen besaß. Durch diese
Oeffnungen gelangte die klebrige Flüssigkeit unter einen starken
Luftdruck und verhärtete sich zu zähen Fasern. Zehntausend mechanische
Spindeln erfaßten diese Fasern, spannen sie zu Fäden verschiedener
Dicke, schafften das Gespinst in die Webeabteilung. Hier wurden die
verschiedenen Stoffe gewebt, von den allerfeinsten, wie Musselin und
Batist, bis zu den dicksten, wie Tuch und Filz. Die endlosen breiten
Streifen gelangten nun weiter in die Zuschneidewerkstätte. Hier wurden
sie von neuen Maschinen gepackt, sorgfältig gefaltet, geschichtet, zu
genau ausgemessenen Stücken zerschnitten, zu Stücken, die die einzelnen
Teile des Gewandes bildeten.
In der Schneiderwerkstatt wurden aus den zugeschnittenen Stücken fertige
Kleider hergestellt, jedoch ohne daß dabei Nadel, Faden oder Nähmaschine
angewandt worden wären. Durch einen chemischen Prozeß wurden die Ränder
der Kleidungsstücke erweicht und abermals in ihren ersten flüssigen
Zustand versetzt. Sobald die chemische Substanz verdunstete, waren die
Kleider gleichsam zusammengelötet, fester, als es bei der besten
Schneiderarbeit der Fall gewesen wäre. Diese Lötung wurde gleichzeitig
überall vollzogen, wo es nottat, so daß auf diese Art fertige Kleider
hergestellt wurden, und zwar in einigen tausend Mustern, der Form und
dem Maß nach verschieden.
Es gab für jede Größe einige hundert Muster, aus denen ein jeder fast
immer das geeignete zu wählen vermochte, und dies umso mehr, als sich
die Marsbewohner äußerst ungezwungen kleideten. War dennoch das
Geeignete nicht vorhanden, wie etwa im Fall einer körperlichen
Unnormalität, so kam das Stück abermals unter die Zuschneidemaschine; es
wurde ein besonderer Anzug »genäht«, was etwa eine Stunde in Anspruch
nahm.
Was die Farbe der Gewänder anbelangte, so trugen die Marsbewohner meist
dunkle weiche Farben, die dem Material entsprachen. Wurde jedoch eine
andere Farbe verlangt, so kam der Anzug in die Färbeabteilung und
erhielt vermittels eines chemisch-elektrischen Prozesses die gewünschte
Farbe, die ideal gleichmäßig und ideal dauerhaft war.
Aus den gleichen, nur viel dickeren Geweben wurden das Schuhwerk und die
warmen Winterkleider hergestellt. Unsere Fabrik verfertigte diese nicht,
doch gab es andere, noch größere Betriebe, in denen alles verfertigt
wurde, was ein Mensch vom Kopf bis zu den Füßen an Bekleidung braucht.
Ich arbeitete der Reihe nach in allen Abteilungen des Betriebes, ließ
mich anfangs völlig von meiner Arbeit hinreißen. Besonders interessant
erschien mir die Zuschneidewerkstatt; hier mußte ich bei meiner Arbeit
mir bisher unbekannte Hilfsmittel in Anspruch nehmen: die mathematische
Analyse. Die Aufgabe bestand darin, aus einem gegebenen Stück bei dem
geringstmöglichen Materialverlust alle Teile eines Anzugs zu gewinnen.
Dies war natürlich eine äußerst prosaische, aber auch ernste Sache, denn
selbst der geringste Irrtum, der sich im Verlauf der Arbeit viele
Millionen Mal wiederholte, bedeutete einen ungeheuren Verlust. Einen
erfolgreichen Entschluß zu fassen, gelang mir meist »nicht schlechter«
als andern.
Nicht »schlechter« zu arbeiten als die anderen, das strebte ich aus
allen Kräften an, und fast immer mit einem gewissen Erfolg. Doch mußte
ich bemerken, daß dies für mich eine weit größere Anstrengung bedeutete
als für meine Kameraden. Nach den gewöhnlichen vier bis sechs
Arbeitsstunden -- die Erdenberechnung als Grundlage genommen -- fühlte
ich heftige Erschöpfung und mußte sofort rasten, während die andern noch
in Museen, Bibliotheken, Laboratorien gingen oder aber in andere
Fabriken, um dort die Arbeit zu beobachten, bisweilen auch noch selbst
mitzuarbeiten ...
Ich hoffte, mich allmählich an die neue Arbeit zu gewöhnen und meinen
Genossen gleich zu werden. Doch geschah dies nicht. Ich überzeugte mich
immer mehr davon, daß mir die _Kultur der Aufmerksamkeit_ fehle.
Körperliche Bewegungen wurden äußerst wenig erfordert, und was deren
Schnelligkeit und Gewandtheit anbelangte, so stand ich nicht hinter den
anderen zurück, ja, ich übertraf sie sogar. Aber die ununterbrochene
aufmerksame Beobachtung der Maschine und des Materials fiel meinem
Gehirn ungeheuer schwer: diese Fähigkeit vermag sich offensichtlich erst
im Verlauf einiger Generationen zu jener Stufe zu entwickeln, die hier
als Durchschnitt und völlig alltäglich erscheint.
Wenn mich, und dies war meist am Ende des Arbeitstages der Fall,
Erschöpfung ankam und meine Aufmerksamkeit nachließ, ich Fehler beging
oder auf eine Sekunde die Ausführung einer Arbeit unterließ, brachte die
unermüdliche, unbeirrte Hand meines Nachbarn die Sache immer in Ordnung.
Die merkwürdige Fähigkeit dieser Menschen, alles ringsum zu beobachten,
ohne dabei auch nur im geringsten die eigene Arbeit zu vernachlässigen,
versetzte mich in Erstaunen und reizte mich sogar. Ihre Fürsorge störte
mich nicht nur, nein, sie rief in mir auch Aerger und Ungeduld wach;
erregte in mir das Gefühl, als ob alle ununterbrochen meine Tätigkeit
verfolgten ... Diese Unruhe verstärkte noch meine Zerstreutheit und ließ
mich schlechter arbeiten.
Heute, nach langer Zeit, da ich genau und leidenschaftslos an all dies
zurückdenke, sehe ich ein, daß ich es damals falsch aufgefaßt habe. Mit
der gleichen Fürsorge und auf dieselbe Art halfen meine Genossen in der
Fabrik einander. Ich war keineswegs der Gegenstand irgendeiner
ausschließlichen Aufsicht oder Kontrolle, wie es mich damals dünkte. Ich
selbst, der Mensch aus einer individualistischen Welt, sonderte mich von
den übrigen ab und verkannte auf krankhafte Art ihre Güte und ihre
kameradschaftlichen Dienste, für die sie, die Menschen einer
kameradschaftlichen Welt, von mir nicht gewürdigt werden konnten.