Trennung

Und dennoch kam ein Tag, kam der Tag, an den ich nicht ohne

Verwünschungen zu denken vermag -- der Tag, da sich zwischen Netti und

mir der schwarze Schatten einer verhaßten und unvermeidlichen Trennung

erhob.

Mit dem gleichen gelassenen, abgeklärten Gesichtsausdruck, der ihr eigen

war, erklärte mir Netti unvermittelt, sie müsse sich im Verlauf eines

Tages der Riesenexpedition nach der Venus anschließen, die von Menni

geleitet wurde. Als sie sah, wie sehr mich diese Nachricht verstörte,

sprach sie:

»Es ist ja nicht auf lange Zeit. Hat die Expedition Erfolg, und ich

zweifle nicht daran, so wird ein Teil der Mitglieder baldigst

zurückkehren, und auch ich werde diesem Teil angehören.«

Dann berichtete sie mir, worum es sich handle. Auf dem Mars waren die

Vorräte der radiumausstrahlenden Materie, die für die Motoren der

interplanetarischen Luftschiffe und für die Zerlegung und Synthese aller

Elemente unentbehrlich waren, erschöpft und konnten nicht erneuert

werden. Auf der Venus hingegen, einem jungen Planeten, der fast viermal

kürzere Zeit bestand als der Mars, gab es auf Grund untrüglicher

Anzeichen ungeheure Lager dieser Materie, die sich fast an der

Erdoberfläche befand und sich nicht selbständig zerlegen konnte. Auf

einer Insel, die in dem gigantischen Ozean der Venus lag und von den

Marsbewohnern die »Insel des glühenden Sturms« genannt ward, gab es ein

reiches Lager der radiumausstrahlenden Materie, und es war beschlossen

worden, dieses Lager so rasch wie möglich auszubeuten. Doch war vorher

nötig, äußerst hohe und dicke Mauern zu errichten, die die Arbeiter

gegen den verderblichen glühenden Wind schützen sollten, der in seiner

Wildheit und Grausamkeit die Sandstürme unserer Wüsten bei weitem

übertraf. Diese Arbeit erforderte eine Expedition von zehn Aetheroneffs

und von zweitausend Menschen, unter denen sich zwanzig Chemiker

befanden; die übrigen sollten den Bau der Mauer übernehmen. Die besten

wissenschaftlichen Kräfte sowie die erfahrensten Aerzte würden sich

anschließen; die Gesundheit aller Expeditionsmitglieder war vom Klima

gefährdet und auch von der mörderischen Glut, sowie von den Emanationen

der radiumausstrahlenden Stoffe. Netti vermochte sich, den eigenen

Worten zufolge, nicht von der Expedition zu drücken, doch hatte sie sich

ausbedungen, daß, wenn die Arbeit gut von statten gehe, bereits nach

drei Monaten ein Aetheroneff zurückkehre, um Nachrichten und die zutage

geförderte Materie mitzubringen. Mit diesem Aetheroneff wollte dann auch

Netti heimkommen, also etwa zehn bis elf Monate nach Ausfahrt der

Expedition.

Ich vermochte nicht zu begreifen, weshalb Netti unbedingt an der

Expedition teilnehmen müsse. Sie meinte, das Unternehmen sei ein derart

ernstes, daß sie sich ihm nicht entziehen könne, außerdem sei es auch

für meine Aufgabe von großer Bedeutung, denn der Erfolg würde die

Möglichkeit einer engeren Verbindung mit der Erde schaffen. Uebrigens

würde ein jeder Irrtum auf dem Gebiet der medizinischen Hilfe das

Unternehmen von allem Anfang an zum Mißerfolg verurteilen. All dies

klang überzeugend, ich wußte ja auch, daß Netti als der beste Arzt galt,

besonders in Fällen, die nicht in den Rahmen der alten erfahrungsgemäßen

Medizin paßten; dennoch schien mir irgendwie, daß dies nicht alles sei,

als gäbe es noch etwas Unausgesprochenes.

An einem zweifelte ich nicht; an Netti selbst und ihrer Liebe. Wenn sie

sagte, es sei unbedingt nötig, die Expedition mitzumachen, so war dies

wirklich unvermeidlich, erklärte sie mir aber nicht, weshalb dies so

sein mußte, so bedeutete es, daß ich sie nicht weiter befragen dürfe.

Wenn sie sich von mir unbeobachtet glaubte, sah ich in ihren schönen

Augen Angst und Schmerz.

»Enno wird dir ein guter und liebevoller Freund sein«, sprach sie mit

wehmütigem Lächeln. »Und auch Nella wird dich nicht vergessen, sie liebt

dich um meinetwillen, besitzt viel Verstand und Erfahrung; in den

schweren Augenblicken des Lebens ist ihre Hilfe von hohem Wert. Wenn du

an mich denkst, so denke immer nur das eine: daß ich zurückkehre, sobald

dies irgendwie möglich ist.«

»Ich vertraue dir, Netti«, sprach ich, »und deshalb glaube ich auch an

mich, an den Menschen, den du liebst.«

»Du hast recht, Lenni, und ich bin überzeugt, daß dich keinerlei

Schicksalsschläge, keinerlei Prüfungen von deiner Aufgabe ablenken

werden, daß du dir selbst ebenso treu und daß du ebenso stark und rein

bleiben wirst wie bisher.«

Die Zukunft warf ihre Schatten auf unsere Abschiedsliebkosungen und

erschütterte Netti bis zu Tränen.

Der rote Stern: Ein utopischer Roman · 第 28 / 48 题