Trotz der Behandlung durch einen so ausgezeichneten Arzt wie Netti
währte meine Krankheit einige Wochen. Ich lag zu Bett, ruhig und
apathisch, betrachtete mit der gleichen Seelenruhe die Wirklichkeit und
die Gespenster. Nettis stete Gegenwart erweckte in mir ein kaum
merkliches, leichtes Gefühl der Zufriedenheit.
Heute erscheint mir in der Erinnerung mein damaliges Verhältnis zu den
Halluzinationen sehr merkwürdig; obgleich ich mich an die hundert Mal
von ihrer Unwirklichkeit überzeugte, so vergaß ich dies, sobald sie
erschienen; selbst wenn sich mein Bewußtsein nicht verdunkelte und
verwirrte, hielt ich die Erscheinungen für wirkliche Gesichter und
Dinge. Bloß wenn sie bereits verschwunden waren, oder im Augenblick vor
ihrem Verschwinden, erkannte ich ihre Gespensterhaftigkeit.
Nettis Hauptbestreben ging dahin, mir Schlaf und Ruhe zu verschaffen. Er
konnte sich nicht dazu entschließen, mir irgendeine Medizin zu
verabreichen, fürchtete, diese könnte auf den irdischen Organismus als
Gift wirken. Etliche Tage vermochte er mich mit den gewöhnlichen Mitteln
nicht zum Schlafen zu bringen; die Halluzinationen verhinderten dies.
Endlich aber gelang es ihm dennoch, und als ich nach zwei- bis
dreistündigem Schlaf erwachte, sprach er:
»Nun zweifle ich nicht mehr an Ihrer Genesung, wenngleich die Krankheit
noch lange währen dürfte.«
Und die Krankheit nahm ihren Verlauf. Die Halluzinationen wurden
seltener, doch waren sie um nichts weniger lebhaft und klar, wurden
sogar etwas komplizierter; bisweilen ließen sich die gespenstischen
Gäste mit mir in ein Gespräch ein.
Von diesen Gesprächen hatte nur ein einziges für mich Sinn und
Bedeutung; es war schon gegen Ende meiner Krankheit, als es geführt
wurde.
Eines Morgens erwachend, sah ich Netti wie gewöhnlich in meiner Nähe;
vor seinem Lehnstuhl aber stand mein alter Revolutionskamerad, der
lebhafte, boshaft spöttische Agitator Ibrahim. Er schien etwas zu
erwarten. Als sich Netti ins anstoßende Zimmer begab, um das Bad
vorzubereiten, sprach Ibrahim grob und entschlossen zu mir:
»Du Dummkopf! Was hältst du Maulaffen feil? Siehst du denn etwa nicht,
wer dein Arzt ist?«
Ich wunderte mich weder über die in seinen Worten enthaltene Andeutung,
noch über den zynischen Ton, ich kannte ja seine Art. Doch entsann ich
mich des eisernen Griffs, mit dem Nettis kleine Hände zupackten und
glaubte Ibrahim nicht.
»Umso ärger für dich!« meinte er mit verächtlichem Lachen und
verschwand.
Netti betrat das Zimmer. Bei seinem Anblick empfand ich ein seltsames
Unbehagen. Er schaute mich scharf an.
»Nun«, sprach er, »Ihre Genesung macht rasche Fortschritte.«
Den ganzen Tag über war Netti schweigsam und versonnen. Am folgenden
Tag, überzeugt davon, daß ich mich wohl fühle und die Halluzinationen
sich nicht wiederholen würden, ging er seiner Arbeit nach und kehrte
erst gegen Abend heim, ließ sich durch einen anderen Arzt vertreten.
Etliche Tage kam er nur des Abends zu mir, um mich einzuschläfern. Erst
nun wurde es mir klar, wie wichtig und angenehm mir seine Anwesenheit
sei. Zusammen mit der Erregung der Genesung, die irgendwie aus der
ganzen Natur in meinen Organismus einzudringen schien, verfolgte mich
immer häufiger Ibrahims Andeutung. Ich schwankte, versicherte mir
selbst, das ganze sei Unsinn, der Gedanke entspringe meiner Krankheit;
weshalb hätten Netti und die übrigen Freunde mich in dieser Beziehung
irreführen sollen? Nichtsdestoweniger blieb ein unklarer Zweifel zurück,
der etwas Angenehmes besaß.
Einmal fragte ich Netti, mit was für einer Arbeit er eben beschäftigt
sei. Er erwiderte, es gebe jetzt viele Beratungen, auf denen über eine
neue Expedition nach den anderen Planeten verhandelt werde, er sei als
Experte zugezogen. Menni leite die Beratungen, doch dächte weder er noch
Netti daran, die Expedition in nächster Zeit zu unternehmen, was mich
mit großer Freude erfüllte.
»Aber Sie selbst, beabsichtigten Sie nicht heimzukehren?« fragte Netti,
und aus seinem Ton klang leise Unruhe.
»Es gelang mir doch noch nicht, irgendetwas zu tun«, entgegnete ich.
Nettis Gesicht strahlte.
»Sie irren, Sie haben bereits viel getan, ... schon diese Antwort allein
...«, erwiderte er.
Ich ahnte in dieser Andeutung etwas, das ich nicht wußte, das mich aber
betraf.
»Kann ich Sie nicht zu einer dieser Beratungen begleiten?« erkundigte
ich mich.
»Auf keinen Fall. Abgesehen davon, daß Sie noch der Erholung bedürfen,
müssen Sie noch einige Monate alles vermeiden, was mit dem Beginn Ihrer
Krankheit im Zusammenhang steht.«
Ich wollte nicht streiten. Es war so angenehm, sich zu erholen; die
Pflicht der Menschheit gegenüber schien in weite Ferne gerückt. Jetzt
beunruhigten mich nur mehr, und zwar in immer stärkerem Maße, die
Gedanken über Netti.
Eines Abends stand ich am Fenster und blickte durch die Dämmerung in die
geheimnisvolle Schönheit des Parkes; dieser dünkte mich herrlich, und
nichts an ihm war meinem Herzen fremd. Ein leises Klopfen an der Tür
wurde vernehmbar, und ich fühlte mit einem Mal -- dies sei Netti. Er
näherte sich mit seinen leichten raschen Schritten, streckte mir
lächelnd die Hand hin: der alte Erdengruß, der ihm gefiel. Freudig griff
ich nach seiner Hand, drückte sie so heftig, daß es sogar seine festen
Finger schmerzte.
»Ich sehe, daß meine Rolle als Arzt zu Ende ist«, lächelte er. »Doch muß
ich noch einige Fragen an Sie richten, um meiner Sache ganz gewiß zu
sein.«
Er richtete Fragen an mich, ich gab Antwort, erfaßt von unverständlicher
Verwirrung, und las in der Tiefe seiner großen, großen Augen heimliches
Lachen. Schließlich vermochte ich mich nicht länger zu beherrschen.
»Erklären Sie mir, weshalb ich mich so stark zu Ihnen hingezogen fühle?
Weshalb freut es mich so ungemein, Sie zu sehen?«
»Hauptsächlich wohl aus dem Grunde, weil ich Sie behandelt habe und Sie
unbewußt die Freude der Genesung auf mich übertragen. Vielleicht aber
auch ... deshalb, weil ich ... eine Frau bin ...«
Dunkle Punkte kreisten vor meinen Augen, alles ringsum versank in Nacht,
das Herz hörte schier zu schlagen auf ... Einen Augenblick lang hielt
ich wie ein Wahnsinniger Netti in meiner Umarmung fest, küßte ihre
Hände, ihr Gesicht, ihre großen tiefen Augen, die grünlich blau
leuchteten, wie der Himmel ihres Planeten ...
Schlicht und großherzig überließ sich Netti meiner Umarmung ... Als ich
meine sinnlose Freude beherrschte und von neuem ihre Hände und ihr
Gesicht küßte, die Augen voller Freudentränen, die selbstverständlich
von der durch die Krankheit verursachten Schwäche herrührten, sprach
Netti mit ihrem lieben Lächeln:
»Es schien mir, als fühlte ich in Ihrer Umarmung Ihre ganze junge Welt,
deren Despotismus, deren verzweifeltes Glücksverlangen -- all dies lag
in Ihrer Liebkosung. Ihre Liebe gleicht dem Mord ... Aber ... ich liebe
Sie, Lenni ...«
Dies war Glück.