Die Eindrücke der ersten Tage, die wie ein stürmischer Wasserfall mein
Bewußtsein überfluteten, ließen mich erkennen, was für eine ungeheuere
Arbeit mir bevorstand. Vor allem galt es, diese Welt zu _begreifen_,
diese unermeßlich reiche und in ihrer Ordnung so eigenartige Welt. Dann
aber mußte ich mich ihr _nähern_, jedoch nicht wie einem interessanten
Museumsgegenstand, sondern wie ein Mensch den Menschen, ein Arbeiter den
Arbeitern. Nur so vermochte ich meine Mission zu erfüllen, als
wahrhaftes Band zwischen zwei Welten zu dienen, zwischen denen ich, der
an der Grenze stehende Sozialist, einen unendlich winzigen Augenblick
der Gegenwart bedeutete, der Vergangenheit und Zukunft verband.
Als ich das Krankenhaus verließ, sprach Netti zu mir: »Beeilen Sie sich
nicht allzu sehr.« Mir schien es, als habe er unrecht. Im Gegenteil: ich
mußte mich beeilen, mußte alle Kräfte, alle Energie anspannen -- denn
meine Verantwortung war eine ungeheuer große. Welcher gewaltige Nutzen
konnte unserer alten zerquälten Menschheit erwachsen, welche gigantische
Beschleunigung ihrer Entwicklung durch den Einfluß dieser lebendigen,
energischen, hohen Kultur, die so mächtig und harmonisch war! Und jeder
Augenblick der Verzögerung in meiner Arbeit konnte ein Hinausschieben
dieses Einflusses bedeuten ... Nein, ich durfte nicht erwarten, durfte
nicht rasten. Und ich arbeitete viel. Lernte die Wissenschaft und die
Technik der neuen Welt kennen, beobachtete genau ihr gesellschaftliches
Leben, studierte ihre Literatur. Und dabei boten sich mir viele
Schwierigkeiten.
Die wissenschaftlichen Methoden verblüfften mich völlig: ich prägte sie
mir mechanisch ein, vermeinte anfangs, sie seien leicht, einfach, ohne
Fehler; bald aber bemerkte ich, daß ich sie nicht verstand, daß ich
nicht begriff, wieso sie zum Ziele führten, ihre Verbindung nicht fand
und ihr Wesen nicht erfaßte. Ich glich einem alten Mathematiker des 17.
Jahrhunderts, dessen begrenzter unbeweglicher Geist die lebendige
Dynamik der unendlich kleinen Größen nicht zu erfassen vermag.
Die allgemein zugänglichen Versammlungen der Marsbewohner versetzten
mich durch ihren rein sachlichen Charakter in großes Erstaunen. Ob sie
nun wissenschaftlichen Fragen, oder aber der Organisation der Arbeit
oder Kunstfragen galten, -- stets waren die Ausführungen und Reden
seltsam nüchtern und kurz, die Argumente genau, sachlich, niemand
wiederholte sich und keiner wiederholte, was ein anderer gesagt hatte.
Der Beschluß der Versammlung, der häufig ein einstimmiger war, wurde mit
märchenhafter Geschwindigkeit durchgeführt. Beschloß die Versammlung der
Lehrer, daß eine neue Lehranstalt gegründet werden müsse, oder die
Versammlung der Arbeitsstatistiker, daß ein neues Unternehmen gegründet
werden solle, oder die Versammlung der Stadtbewohner, daß irgendein
Gebäude zu schmücken sei, -- sofort erschienen auch schon die neuen
Zahlen der erforderlichen Arbeitskraft, das Zentralbureau schaffte auf
dem Luftweg Hunderte und Tausende von neuen Arbeitern herbei; nach
einigen Tagen oder einer Woche war bereits alles beendet, und die neuen
Arbeiter verschwanden; niemand wußte, wohin. All dies erweckte in mir
schier den Eindruck der Magie, einer seltsamen, gelassenen, kalten,
Beschwörungen und Mystik verachtenden Magie, die vielleicht eben deshalb
durch ihre übermenschliche Macht besonders rätselhaft wirkte.
Auch die Literatur der neuen Welt, sogar die rein künstlerische,
bedeutete für mich weder Erholung noch Beruhigung. Ihre Form erschien
zwar klar und unkompliziert, aber der Inhalt mutete mich fremd an. Es
verlangte mich, tiefer in sie einzudringen, sie zu begreifen, ihr näher
zu kommen, doch führten meine Bemühungen zu einem völlig unerwarteten
Ergebnis: die Formen wurden gespenstisch, von Nebel umhüllt.
Besuchte ich das Theater, so überkam mich ebenfalls das Gefühl der
Verständnislosigkeit. Die Reden der Helden waren so zurückhaltend und
gedämpft, ihre Gefühle so schwach betont, daß es fast schien, als
wollten sie bei dem Zuschauer keinerlei Stimmung erregen, als wären sie
nur abgeklärte Philosophen, freilich äußerst idealisierte. Nur die
historischen, in der fernen Vergangenheit spielenden Dramen weckten in
mir einen vertrauten Eindruck; hier war auch das Spiel der Darsteller
bedeutend lebhafter, der Ausdruck persönlicher Gefühle um vieles
unverhüllter, glich weit mehr dem, woran ich in unseren Theatern gewöhnt
war.
Ein Umstand zog mich trotz allem immer wieder ins Theater unserer
kleinen Stadt: nämlich der, daß es hier keine Schauspieler gab. Die hier
aufgeführten Stücke wurden uns durch optische und akustische Apparate
vermittelt, die sich in anderen großen Städten befanden, oder aber, und
dies kam noch häufiger vor, es wurden Stücke aufgeführt, die so alt
waren, daß die meisten der darin auftretenden Schauspieler nicht mehr
unter den Lebenden weilten. Die Marsbewohner kannten die Momentaufnahmen
in natürlichen Farben, benützten sie, um Leben und Bewegung
wiederzugeben, wie dies in unseren Kinos geschieht. Aber sie vereinigten
nicht nur den Kinematograph mit dem Phonograph, wie das bereits, wenn
auch ohne rechten Erfolg, auf der Erde getan wurde, sondern sie wandten
auch das Stereogramm an und verliehen dadurch den Kinobildern Relief.
Auf der Leinwand erschienen gleichzeitig zwei Abbildungen, -- zwei halbe
Stereogramme; vor jedem Sitz war ein entsprechendes stereoskopisches
Glas befestigt, das die beiden flachen Abbildungen zu einer vereinigte.
Es schien seltsam, klar und genau lebendige Menschen zu sehen, die sich
bewegten, handelten, ihren Gefühlen in Worten Ausdruck verliehen, und
gleichzeitig zu wissen, daß von all dem nichts existierte, als die
Mattscheibe, der Phonograph und das elektrische Licht mit dem Uhrwerk.
Ja, dies war fast mystisch seltsam, und erweckte unklare Zweifel an
aller Wirklichkeit.
Selbstverständlich wurde durch all diese Tatsachen meine Aufgabe, das
Verstehen der fremden Welt, in hohem Maße erschwert. Ich hätte
entschieden fremder Hilfe bedurft. Doch wandte ich mich nur sehr selten
an Menni mit der Bitte um Erklärungen. Ich wollte ihn nicht in Anspruch
nehmen, denn er war eben mit seinen Forschungen über die Gewinnung der
»Minus-Materie« beschäftigt. Er arbeitete unermüdlich, schlief oft
nächtelang nicht, und ich wollte ihn nicht stören und ablenken. Seine
Arbeitsfreudigkeit war für mich ein lebendiges Beispiel, das mich
unwillkürlich dazu verleitete, meine Anstrengungen fortzusetzen.
Die übrigen Freunde waren von meinem Horizont verschwunden. Netti
verreiste auf etliche hundert Kilometer, um den Bau und die Organisation
eines riesenhaften neuen Krankenhauses auf der anderen Halbkugel des
Planeten zu leiten. Enno, Sternis Gehilfe, war ebenfalls viel
beschäftigt; in seinem Observatorium wurden Messungen und Berechnungen
für neue Expeditionen nach der Venus und der Erde angestellt, sowie für
Expeditionen nach dem Mond und dem Merkur; letztere sollten
photographiert und von den Mineralien sollten Proben zurückgebracht
werden. Mit den anderen Marsbewohnern war ich nicht näher bekannt,
beschränkte meine Gespräche mit ihnen auf praktische Fragen; es fiel mir
schwer, mich diesen so fremden und hoch über mir stehenden Wesen zu
nähern.
Allmählich begann ich zu finden, daß, allgemein gesprochen, meine Arbeit
gute Fortschritte machte. Ich bedurfte immer weniger der Rast, ja sogar
des Schlafes. Alles, was ich fast mechanisch leicht und frei erlernte,
brachte ich bequem in meinem Kopf unter, und dies rief irgendwie das
Gefühl hervor, als sei mein Kopf völlig leer und könne noch viel, sehr
viel beherbergen. Freilich, wenn ich nach alter Gewohnheit versuchte,
für mich selbst genau zu formulieren, was ich wußte, so mißlang das fast
immer; doch deuchte mich, es sei nicht wichtig, Einzelheiten und Teile
klar definieren zu können. Vor allem gelte es einen Allgemeinbegriff zu
haben, und den besaß ich.
Eine besonders lebhafte Befriedigung fand ich in meiner Arbeit nicht; es
gab nichts, das in mir das frühere Gefühl unmittelbaren Interesses
wachgerufen hätte, doch erschien mir dies selbstverständlich: nach all
dem, was ich gesehen und erfahren hatte, fiel es mir schwer, noch über
irgendetwas zu staunen. Es kam ja auch gar nicht darauf an, ob mir etwas
angenehm sei, sondern vielmehr darauf, daß ich alles begreife und mir zu
eigen mache.
Eines nur war peinlich: es wurde mir täglich schwerer, meine
Aufmerksamkeit völlig auf einen Gegenstand zu konzentrieren. Die
Gedanken schweiften von einer Sache, von einer Seite zur anderen; klare,
gänzlich unerwartete Erinnerungen fluteten bisweilen über mein
Bewußtsein hinweg, ließen mich meine Umgebung vergessen, raubten mir die
kostbaren Minuten. Ich bemerkte dies, zwang mich mit neuer Energie zur
Arbeit, aber nach kurzer Zeit suchten abermals flüchtige Bilder und
Phantasien der Vergangenheit mein Gehirn heim, und es galt von neuem,
ihrer Gewalt zu widerstehen.
Immer häufiger überkam mich ein bebendes, seltsam beunruhigendes Gefühl;
bekannte Gesichter tauchten vor mir auf, alte Geschehnisse. Eine
übermächtige Flut riß mich zurück, in ferne Zeiten, in die Jugend und
früheste Kindheit, dort verlor sich mein Bewußtsein in Unklarheit und
Wirrnis. Nach solchen Stunden vermochte ich die andauernde Zerstreutheit
nicht zu bewältigen.
In meinem Inneren entstand ein heftiger Widerstand, der mich hinderte,
einer Sache lange Zeit zu widmen; ich hastete von Gegenstand zu
Gegenstand, schleppte in meine Stube einen Haufen Bücher, die früher am
rechten Ort aufbewahrt waren, Tabellen, Karten, Stereogramme,
Phonographen usw. Auf diese Art hoffte ich, den Zeitverlust wieder
einzubringen, aber die furchtbare Zerstreutheit übermannte mich stets
von neuem, und häufig ertappte ich mich dabei, daß ich lange reglos auf
einen Punkt starrte, nichts begriff, nichts tat.
Lag ich auf meinem Bett und blickte durch das Glasdach zum düsteren
Nachthimmel empor, so begannen meine Gedanken eigenwillig mit
erstaunlicher Lebhaftigkeit und Energie zu arbeiten. Vor meinem Geiste
erschienen ganze Zahlenreihen und Formeln, sie waren von einer
derartigen Klarheit, daß ich sie, Zeile um Zeile, abzulesen vermochte.
Doch verblaßten diese Erscheinungen gar bald, machten anderen Platz,
mein Bewußtsein kehrte zum Panorama eines unglaublich lebendigen und
klar umrissenen Bildes zurück, das nichts mit meiner Beschäftigung und
meinen Sorgen zu tun hatte. Ich schaute irdische Landschaften,
theatralische Szenen, Bilder aus Kindermärchen, sah sie wie in einem
Spiegel. Sie durchdrangen meine Seele, verschwammen, vermischten sich,
erweckten keinerlei Aufregung, sondern bloß ein leichtes Interesse, eine
gewisse Neugierde, der eine schwache Befriedigung eignete. Dieser
Vorgang vollzog sich in meinem Bewußtsein, vermengte sich nicht mit der
äußeren Umgebung; später jedoch griff er auch auf sie über. Ich versank
in Schlummer, in Träume, die voll lebendiger und komplizierter
Erscheinungen waren; der Schlummer war ein leichter und gab mir nicht,
wonach mich so sehr verlangte -- das Gefühl der Rast und Erholung.
Schon längere Zeit störte mich Ohrensausen, jetzt wurde dieses immer
unaufhörlicher und stärker, hinderte mich bisweilen sogar daran, die
Töne des Phonographen zu vernehmen. Des Nachts raubte es mir den Schlaf.
Immer wieder vermeinte ich dazwischen Menschenstimmen zu hören, bekannte
und unbekannte, bisweilen glaubte ich, mein Name würde gerufen, oder
aber ich vernähme Gespräche, deren Worte ich wegen des Sausens nicht zu
verstehen vermochte. Ich sah ein, daß ich nicht völlig gesund sei, daß
mich Verwirrung und Zerstreutheit überwältigten, vermochte ich doch
nicht einmal einige Zeilen im Zusammenhang zu lesen.
»Das ist selbstverständlich nur Uebermüdung«, sprach ich zu mir. »Ich
muß mehr rasten, habe tatsächlich zu viel gearbeitet. Doch brauche ich
Menni davon nichts zu sagen, denn was jetzt mit mir vorgeht, erweckt gar
sehr den Eindruck, als machte ich bereits zu Anfang meiner Arbeit
Bankrott.«
Wenn mich Menni in meiner Stube aufsuchte, dies kam freilich zu jener
Zeit selten vor, gab ich mir den Anschein, äußerst beschäftigt zu sein.
Er warnte mich: ich arbeite zu viel, setze mich der Gefahr der
Erschöpfung aus.
»Heute sehen Sie besonders schlecht aus«, sagte er. »Schauen Sie in den
Spiegel, wie Ihre Augen glänzen, wie blaß Sie sind. Sie müssen sich
ausruhen, das wird später Früchte tragen.«
Mich verlangte ja selbst nach Ruhe, doch vermochte ich keine zu finden.
Zwar tat ich fast nichts, aber alles ermüdete mich, sogar die geringste
Anstrengung. Die stürmische Flut lebendiger Bilder, Erinnerungen und
Phantasien ebbte weder bei Tag noch bei Nacht ab. In ihr verblaßte meine
Umgebung, verlor sich, nahm etwas Gespenstisches an.
Schließlich mußte ich mich ergeben; ich sah, daß Schlaffheit und Apathie
immer stärker meinen Willen schwächten, daß ich immer weniger gegen sie
anzukämpfen vermochte. Eines Abends, als ich zu Bette lag, wurde es mir
plötzlich schwarz vor den Augen. Doch verging dies rasch, und ich trat
ans Fenster, um auf die Bäume des Parkes zu blicken. Jählings fühlte
ich, daß mich jemand anstarre. Ich wandte mich um -- vor mir stand Anna
Nikolajewna Ihr Antlitz war blaß und traurig, aus ihren Blicken sprach
Vorwurf. Ich wurde erregt, dachte gar nicht an das Seltsame ihrer
Erscheinung, tat einen Schritt vor, um ihr entgegenzugehen und etwas zu
sagen. Sie aber verschwand, als habe sie sich in Luft aufgelöst.
Und in diesem Augenblick begann der Gespensterreigen. An vieles erinnere
ich mich nicht; mein Bewußtsein war verdunkelt, ich befand mich in einer
Art Traum. Es kamen und gingen, erschienen vor mir allerlei Menschen,
denen ich in meinem früheren Leben begegnet war, aber auch Unbekannte.
Merkwürdigerweise befanden sich unter ihnen keine Marsbewohner, es waren
lauter Erdenmenschen. Die Bekannten gehörten meist zu jenen, die ich
seit langem nicht gesehen hatte, alte Schulkameraden, mein junger
Bruder, der noch als Kind gestorben war. Durchs Fenster erblickte ich
einen berüchtigten Spion, der mich mit bösem Lachen aus seinen listigen,
unsteten Augen anblickte. Die Gespenster redeten nicht mit mir; in der
Nacht jedoch, da alles still war, vernahm ich halluzinierende Töne,
hörte unzusammenhängende, sinnlose Gespräche, geführt von den
Unbekannten: ein Fahrgast, der mit einem Droschkenkutscher stritt, ein
Kommis überredete einen Kunden, die Ware zu kaufen, der Lärm eines
Universitätsauditoriums tobte, der Pedell versuchte Ruhe zu schaffen,
verkündete, daß der Herr Professor gleich kommen würde. Die
Gesichtshalluzinationen waren weit interessanter und störten mich viel
weniger und seltener.
Nach der Erscheinung Anna Nikolajewnas sprach ich selbstverständlich mit
Menni über meinen Zustand. Er schickte mich sofort ins Bett, berief den
Arzt und telephonierte den sechstausend Kilometer entfernten Netti an.
Der Arzt erklärte, er könne sich nicht entschließen, etwas zu tun, da er
den Organismus der Erdenmenschen zu wenig kenne; jedenfalls bedürfe ich
vor allem der Ruhe und Erholung. Befolgte ich diesen Rat, so sei es
nicht gefährlich, einige Tage zu warten, bis Netti zurückkäme.
Netti stellte sich am dritten Tag ein. Als er sah, in was für einem
Zustand ich mich befand, blickte er Menni mit traurigem Vorwurf an.