Im Krankenhaus

Ich kehrte äußerst ermüdet heim; nach zwei schlaflosen Nächten und einem

qualvollen Tag, da ich zu keiner Arbeit fähig war, beschloß ich, mich an

Netti zu wenden. Ich wollte den mir unbekannten Arzt der chemischen

Stadt nicht zu Rate ziehen. Netti arbeitete seit dem Morgen im

Krankenhaus, dort fand ich ihn in der Vorhalle, mit der Aufnahme der

eben eingetroffenen Kranken beschäftigt.

Als Netti mich im Vorraum erblickte, eilte er sofort auf mich zu,

betrachtete aufmerksam mein Gesicht, nahm mich bei der Hand und führte

mich in ein kleines Zimmer. Hier herrschte weiches blaues Licht, ein

leichter angenehmer, mir unbekannter Duft erfüllte den Raum, dessen

Stille durch nichts gestört wurde. Netti drückte mich in einen bequemen

Lehnstuhl und sprach:

»Denken Sie an nichts, machen Sie sich über nichts Sorgen. Für heute

nehme ich alles auf mich. Rasten Sie; später komme ich wieder.«

Er verließ das Zimmer, und ich dachte an nichts, machte mir über nichts

Sorgen, als habe er tatsächlich alle meine Gedanken und Sorgen auf sich

genommen. Dies war äußerst angenehm, und nach wenigen Minuten schlief

ich ein. Als ich erwachte, stand Netti vor mir, blickte mich lächelnd

an.

»Fühlen Sie sich besser?« fragte er.

»Ich bin vollkommen gesund, Sie aber sind ein genialer Arzt«, erwiderte

ich. »Gehen Sie zu Ihren Kranken und beunruhigen Sie sich meinetwegen

nicht.«

»Meine Arbeit ist schon beendet. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen unser

Krankenhaus zeigen«, schlug Netti vor.

Ich empfand dafür lebhaftes Interesse, und wir schickten uns an, das

ganze schöne Gebäude zu besichtigen.

Chirurgische Fälle und Nervenkrankheiten schienen hier vorzuherrschen.

Die meisten chirurgischen Fälle waren durch Maschinen verursachte

Verletzungen.

»Es ist doch nicht möglich, daß es in Eueren Betrieben an

Schutzvorrichtungen fehlt?« fragte ich Netti.

»Vollkommene Schutzvorrichtungen, die jeden Unglücksfall ausschließen,

gibt es überhaupt nicht. Aber Sie sehen hier die Verletzten aus einem

Gebiet mit zwei Millionen Einwohnern -- bei einem derartigen Gebiet sind

etliche zehn Verwundete gar nicht so viel. Meist handelt es sich hier um

Neulinge, die sich noch nicht recht auf die Maschinen verstehen, an

denen sie arbeiten. Bei uns behagt es den Leuten, von dem einen

Arbeitszweig zum anderen überzugehen. Die Erziehungs- und

Kunstspezialisten sind am häufigsten die Opfer ihrer Zerstreutheit; ihre

Aufmerksamkeit schweift oft ab, sie versinken in Gedanken und

Betrachtungen.«

»Die Nervenkrankheiten werden wohl meistens durch Erschöpfung

verursacht?«

»Ja, dieser Fälle gibt es viele. Doch werden derartige Krankheiten auch

ebenso oft durch eine Krise im Geschlechtsleben oder aber eine andere

seelische Erschütterung hervorgerufen, wie etwa der Tod geliebter

Menschen.«

»Werden hier auch Geisteskranke mit verdunkeltem oder verwirrtem

Bewußtsein aufgenommen?«

»Nein. Für diese gibt es ein eigenes Krankenhaus. Bei ihnen bedarf es

besonderer Vorrichtungen, damit sie in gewissen Fällen weder sich, noch

anderen Schaden zufügen können.«

»Und wird bei Euch in solchen Fällen gegen die Kranken Gewalt

angewandt?«

»Bisweilen; selbstverständlich aber nur dann, wenn es sich als

unumgänglich nötig erweist.«

»Nun begegne ich in Ihrer Welt bereits zum zweiten Mal der Gewalt! Das

erste Mal geschah dies im »Haus der Kinder«. Sagen Sie mir, es gelingt

also auch auf dem Mars nicht, dieses Element völlig aus dem Leben zu

verbannen? Sie sind gezwungen, es mit Bewußtsein anzunehmen.«

»Ja; ebenso wie wir gezwungen sind, Krankheit und Tod hinzunehmen, oder

etwa eine bittere Medizin zu schlucken. Welches vernünftige Wesen würde

zum Beispiel im Fall der Selbstverteidigung auf die Gewalt verzichten?«

»Wissen Sie, daß diese Tatsache mir die Kluft zwischen Ihrer und unserer

Welt weit weniger groß erscheinen läßt?«

»Der Unterschied besteht nicht darin, daß bei Ihnen notgedrungenerweise

viel, bei uns aber wenig Gewalt angewandt wird, sondern vielmehr darin,

daß sich bei Ihnen die Gewalt als Gesetz verkleidet, sei es nun als

äußeres oder inneres, daß sie als sittliche und rechtliche Norm

auftritt, die die Menschen beherrscht und belastet. Bei uns hingegen

tritt die Gewalt entweder als Krankheitserscheinung auf, oder aber als

vernünftige Handlung eines vernunftbegabten Wesens. In keinem dieser

Fälle bedeutet sie irgendein gesellschaftliches Gesetz, oder eine

gesellschaftliche Norm, ist weder persönliches noch unpersönliches

Gebot.«

»Gibt es denn keine Regel, nach der Sie die Freiheit der Geisteskranken

oder der Kinder einschränken?«

»Ja, eine Art wissenschaftliche, der Medizin oder Pädagogik entstammende

Regel. Freilich sind in dieser technischen Regel nicht alle jene Fälle

vorausgesehen, in denen die Gewalt angewandt werden muß, noch aber die

Mittel bei ihrer Anwendung, die Stufen -- alldies hängt

selbstverständlich von der Gesamtheit der Vorbedingungen ab.«

»Wird dadurch der Willkür der Erzieher oder Krankenpfleger nicht völlig

freier Lauf gelassen?«

»Was bedeutet das Wort »Willkür«? Wenn es unnötige, überflüssige

Anwendung der Gewalt bedeutet, so kann es nur in bezug auf einen Kranken

angewandt werden, der sich im Krankenhaus befindet. Ein vernünftiger,

bewußt handelnder Mensch ist der Willkür nicht fähig.«

Wir durchschritten die Krankensäle, die Operationsräume, die Zimmer, in

denen die Medizinen aufbewahrt wurden, die Stuben der Pfleger. Im

obersten Stockwerk betraten wir einen geräumigen, schönen Saal, dessen

durchsichtige Wände den Ausblick auf den See, den Wald und die fernen

Berge gestatteten. Der Raum war mit Statuen und Gemälden von hohem

künstlerischem Wert geschmückt, die Möbel waren prächtig und luxuriös.

»Dies ist das Zimmer der Sterbenden«, sprach Netti.

»Bringen Sie alle Sterbenden hierher?« fragte ich.

»Ja, oder sie begeben sich selbst in diesen Saal«, lautete die Antwort.

»Können denn bei Ihnen die Sterbenden noch selbst gehen?« staunte ich.

»Jene, die körperlich gesund sind, vermögen es selbstverständlich.«

Ich begriff, daß es sich hier um Selbstmörder handle.

»Sie überlassen diesen Saal den Selbstmördern zur Ausführung ihres

Vorhabens?«

»Ja, sowie alle Mittel, die einen ruhigen schmerzlosen Tod bringen.«

»Und Sie legen ihnen kein einziges Hindernis in den Weg?«

»Wenn der Patient bei klarem Verstand ist und sein Entschluß feststeht,

kann es doch gar kein Hindernis geben. Natürlich wird dem Kranken

Gelegenheit gewährt, sich vorher mit dem Arzt zu beraten. Einige tun

dies, -- andere nicht.«

»Kommen bei Ihnen viele Selbstmorde vor?«

»Ja, besonders unter den alten Leuten. Wenn sich das Gefühl des Lebens

abstumpft und schwächer wird, ziehen es viele vor, nicht das natürliche

Ende abzuwarten.«

»Begehen auch junge, völlig gesunde und starke Menschen Selbstmord?«

»Auch dies kommt vor, aber äußerst selten. Seitdem ich im Krankenhaus

arbeite, kann ich mich bloß an zwei Fälle erinnern, der dritte ließ von

seinem Vorhaben ab.«

»Wer waren die beiden Unglücklichen und was trieb sie in den Tod?«

»Der erste war mein Lehrer, ein hervorragender Arzt, der der

Wissenschaft viel Neues gegeben hat. Bei ihm war die Fähigkeit, die

Leiden anderer mitzufühlen, in einem unglaublich hohen Maße entwickelt.

Dies führte seinen Verstand und seine Energie zum Studium der Medizin,

war aber auch sein Verderben. Er ertrug es nicht. Verbarg aber seine

geistige Einstellung so gut vor allen Menschen, daß seine Tat völlig

überraschend wirkte. Er beging diese nach einer schweren Epidemie, die

als Folge der Trockenlegung einer Meeresbucht auftrat, als die toten

Fische tonnenweise verwesend am Strand lagen. Die Krankheit war ebenso

schmerzhaft wie bei Ihnen die Cholera, aber noch weit gefährlicher. Von

zehn Erkrankungen nahmen neun einen tödlichen Verlauf. Da aber dennoch

eine geringe Möglichkeit der Genesung bestand, konnten die Aerzte den

Bitten der Kranken um einen raschen und schmerzlosen Tod nicht

nachkommen; es war ja auch nicht möglich, von einem Menschen, den

starkes Fieber und große Schmerzen peinigten, anzunehmen, daß er sich

bei völlig klarem Bewußtsein befinde. Mein Lehrer arbeitete wie ein

Wahnsinniger, und seine Forschungen trugen viel dazu bei, die Epidemie

abzukürzen. Als diese völlig verschwunden war, beging er Selbstmord.«

»Wie alt war er damals?«

»Ihrer Berechnung nach ungefähr Fünfzig. Bei uns ist dies noch ein

jugendliches Alter.«

»Und der zweite Fall?«

»Eine Frau, der am gleichen Tag Mann und Kind gestorben waren.«

»Und der dritte Fall?«

»Den kann Ihnen nur jener Genosse erzählen, der ihn selbst erlebte.«

»Das ist wahr«, meinte ich. »Erklären Sie mir aber nun etwas anderes:

wie kommt es, daß sich die Marsbewohner so lange jung erhalten? Ist dies

eine Eigenheit Ihrer Rasse oder hängt es von den günstigen

Lebensbedingungen, oder aber noch von etwas anderem ab?«

»Mit der Rasse hat es nichts zu tun; noch vor zweihundert Jahren waren

wir weit weniger langlebig. Die günstigeren Lebensbedingungen? Ja,

selbstverständlich spielen auch diese eine bedeutsame Rolle, die

Hauptursache jedoch ist eine ganz andere: nämlich die _Erneuerung_ des

Lebens.«

»Was ist das?«

»Eine dem Wesen nach äußerst einfache Sache, Ihnen jedoch wird sie

wahrscheinlich seltsam erscheinen, obgleich Ihre Wissenschaft bereits

alle Daten für diese Methode kennt. Sie wissen, daß die Natur, um die

Lebensfähigkeit der Zelle oder des Organismus zu steigern, das

Einzelwesen durch ein anderes ergänzt. Um dieses Ziel zu erreichen,

verschmilzt sich das Einzelwesen aus zweien zu einem, und auf diese Art

erhält es die Lebens- und Vermehrungsfähigkeit, die »Unsterblichkeit«

des Protoplasma. Derselbe Gedanke beherrscht die Kreuzungen der höheren

Pflanzen- und Tierarten; hier vereinigen sich lebendige Elemente zweier

verschiedener Wesen, auf daß ein drittes geboren werde. Schließlich

wissen Sie wohl auch um die Einimpfung des Blutes, von dem einen zum

anderen Geschöpf, um diesem anderen eine stärkere Lebensfähigkeit zu

verleihen, wie dies beim Serum gegen verschiedene Krankheiten der Fall

ist. Wir gehen hierin noch weiter: verwenden die _Transfusion des

Blutes_ zwischen zwei menschlichen Wesen, von denen jedes dem anderen

eine gesteigerte Lebensfähigkeit zu geben vermag. Diese einmalige

Transfusion des Blutes zwischen zwei Menschen wird durch einen die

Blutgefäße der beiden verbindenden Apparat bewerkstelligt. Bei

Beobachtung der nötigen Vorsichtsmaßregeln ist der Prozeß völlig

ungefährlich. Das Blut des einen Menschen lebt weiter im Organismus des

anderen, vermischt sich mit dem eigenen Blut und erneuert die Gewebe.«

»Auf diese Art vermögen Sie durch die Transfusion jungen Blutes den

Alten die Jugend wiederzugeben?«

»Zum Teil; freilich nicht ganz. Denn das Blut ist im Organismus nicht

alles, der Organismus verarbeitet es. Deshalb altert auch der junge

Mensch nach der Transfusion alten Blutes nicht; alles, was in ihm

Schwäche, Alter ist, verteilt sich rasch im jungen Organismus, und zur

gleichen Zeit scheidet er aus dem Organismus all das aus, dessen er

nicht bedarf; dadurch werden die Energie und Anpassungsfähigkeit seines

ganzen Wesens gesteigert.«

»Wenn dies so einfach ist, weshalb hat bis heute unsere irdische Medizin

das Mittel noch nicht angewandt? Die Transfusion des Blutes ist, wenn

ich nicht irre, bereits seit etlichen hundert Jahren bekannt.«

»Ich weiß es nicht; vielleicht besteht irgendeine organische Eigenheit,

die bei den Erdenmenschen diesem Mittel seine Wirksamkeit raubt.

Vielleicht aber kommt dies auch von dem bei Ihnen herrschenden

Individualismus, der so sehr den einen Menschen vom anderen trennt, daß

der Gedanke an eine lebendige Verschmelzung Ihren Gelehrten schier als

ein Ding der Unmöglichkeit erscheint. Außerdem gibt es bei Ihnen eine

Unzahl das Blut vergiftender Krankheiten, Krankheiten, von denen die

Befallenen oft gar nicht wissen, oder die sie verheimlichen. Die bei

Ihnen äußerst selten vollzogene Transfusion des Blutes trägt irgendwie

einen philanthropischen Charakter: jener, der viel Blut besitzt, gibt

davon jenem, der dessen äußerst nötig bedarf, zum Beispiel in Fällen, wo

durch Wunden ein großer Blutverlust entstanden ist. Freilich kommt dies

auch bei uns vor; meist aber verhält es sich anders, entspricht unserer

ganzen Ordnung: unser Leben ist nicht nur dem Geist nach ein

kameradschaftliches, sondern sogar dem Körper nach.«

Der rote Stern: Ein utopischer Roman · 第 24 / 48 题