»Ich hätte nie gedacht, daß auch bei Euch ein eigenes Museum für
Kunstgegenstände existiere«, meinte ich, mit Enno dem Museum zustrebend.
»Glaubte, daß Bildergalerien und Skulpturausstellungen eine Eigenheit
des Kapitalismus mit seinem prunkhaften Luxus und grob zur Schau
getragenen Reichtum seien. In der sozialistischen Gesellschaft erwartete
ich die Kunst überall im Leben zu finden, als Schmuck dieses Lebens.«
»Darin irren Sie auch nicht«, antwortete Enno. »Der größte Teil der
Kunstgegenstände ist bei uns für die Gemeinschaftsgebäude bestimmt, für
jene, wo wir unsere allgemeinen Angelegenheiten regeln, wo wir studieren
und Forschungen anstellen oder der Ruhe pflegen. Fabriken und Betriebe
werden weit weniger geschmückt, die Aesthetik der gewaltigen Maschinen
und deren Bewegung ist an und für sich ein schöner Anblick, und es gibt
nur wenig Kunstgegenstände, die völlig mit den Maschinen harmonieren, in
deren Gegenwart nicht einen abgeschwächten, verminderten Eindruck
machten. Am wenigsten aber schmücken wir unsere Häuser, wo wir uns ja
auch äußerst selten aufhalten. Unser Kunstmuseum jedoch ist eine
ästhetisch-wissenschaftliche Anstalt, eine Schule, in der man die
Entwicklung der Kunst zu verfolgen vermag, oder, richtiger gesagt, die
Entwicklung der Menschheit in ihrer künstlerischen Tätigkeit.«
Das Museum befand sich auf einer kleinen Insel inmitten eines Sees,
durch eine schmale Brücke mit dem Ufer verbunden. Das viereckige Gebäude
war von einem Garten umgeben, in dem hohe Springbrunnen plätscherten und
unzählige blaue, weiße, schwarze und gelbe Blumen prunkten; außen war es
herrlich geschmückt, innen hell von Licht überflutet.
Hier gab es wahrlich nicht jene unsinnige Anhäufung von Gemälden und
Statuen wie in den großen Museen der Erde. Vor mir erläuterten einige
hundert Abbildungen die Entwicklung der plastischen Kunst, angefangen
von den groben, ersten Gegenständen der prähistorischen Zeit bis zu den
technisch-idealen Erzeugnissen des letzten Jahrhunderts. Und vom Anfang
bis zum Ende war überall der Stempel jener innerlichen Vollkommenheit
fühlbar, die wir »Genie« nennen. Offensichtlich gehörte alles hier
ausgestellte zu den besten Erzeugnissen jeder Epoche.
Um die Schönheit einer anderen Welt klar zu erfassen, gilt es, deren
Leben genau zu kennen, aber um anderen das Verständnis für diese
Schönheit zu übermitteln, dazu muß man selbst deren teilhaftig sein.
Deshalb vermag ich auch nicht zu _schildern_, was ich dort sah; ich
vermag nur Andeutungen zu geben, kann bloß ausdrücken, was mich am
meisten in Staunen versetzte.
Das Hauptmotiv der Skulptur war bei den Marsbewohnern ebenso wie bei uns
der schöne menschliche Körper. Die körperliche Beschaffenheit der
Marsbewohner unterscheidet sich nur wenig von jener der Erdenmenschen,
abgesehen von der Verschiedenheit der Augen, die zum Teil durch die
Schädelformation bedingt ist, doch übersteigt auch diese Verschiedenheit
nicht jene, die bei den einzelnen irdischen Rassen vorkommt. Ich kann
diesen Unterschied nicht genau erklären, verstehe mich schlecht auf
Anatomie; jedenfalls aber gewöhnte sich mein Auge bald an die
Marsbewohner, sah in ihnen keineswegs Mißgeburten, sondern vielmehr
etwas Originelles.
Ich bemerkte, daß der männliche und weibliche Körperbau weit ähnlicher
war, als bei den Erdenrassen; die Breite der Frauenschultern entsprach
häufig der der Männer, und das gleiche galt von der Muskulatur. Dies
zeigte sich besonders in den Abbildungen aus der letzten Zeit, der Zeit
der freien menschlichen Entwicklung; bei den Werken aus der
kapitalistischen Periode trat der Unterschied zwischen dem männlichen
und weiblichen Körper weit stärker zutage. Anscheinend hatte die
häusliche Sklaverei der Frau und das Schuften des Mannes die Körper nach
verschiedenen Richtungen hin beeinflußt.
Ich verlor auf keinen Augenblick die bald klare, bald verschwommene
Erkenntnis, daß ich vor mir die Bilder einer fremden Welt sehe; sie
trugen für mich den Stempel des Seltsamen, Gespenstischen. Sogar die
herrlichen Frauenkörper dieser Statuen und Bilder erweckten in mir ein
unverständliches Gefühl, das mit dem mir bekannten aesthetisch
verliebten Entzücken nichts gemein hatte, sondern vielmehr den unklaren
Ahnungen und Empfindungen glich, die mich vor langer Zeit, an der Grenze
zwischen Kindheit und Jünglingsalter, heimgesucht hatten.
Die Statuen der frühesten Epochen waren, wie dies auch bei uns der Fall
ist, einfarbig. Die späteren jedoch besaßen die Farben der Natur. Dies
wunderte mich keineswegs; ich fand stets, daß das Verwerfen der
Wirklichkeit nicht ein unentbehrliches Element der Kunst sein könne, ja,
daß es sogar unkünstlerisch wirke, insbesondere, wenn es die
Mannigfaltigkeit der Wahrnehmung vermindert, wie dies bei einfarbigen
Skulpturen der Fall zu sein pflegt. In solchen Fällen wird die
künstlerische Idealisierung des konzentrierten Lebens gestört.
Bei den Statuen und Bildern der alten Zeiten herrschte ebenso wie bei
unseren antiken Kunstgegenständen große Ruhe und Gelassenheit vor; diese
waren voller Harmonie, frei von jeglicher Anspannung. In den folgenden
Uebergangsepochen zeigte sich ein anderer Charakter: Leidenschaft,
Aufregung, bisweilen gemildert zu irren Träumen, Träumen erotischer oder
religiöser Natur, mitunter den schmerzhaften Widerspruch zwischen
seelischer und körperlicher Kraft scharf betonend. In der
sozialistischen Epoche veränderte sich abermals der Grundcharakter: hier
überwogen harmonische Bewegung, gelassen vertrauensvolle Entfaltung der
Kräfte, fremd jeder schmerzlichen Vergewaltigung, ein freies Streben,
eine lebendige Tätigkeit, das konzentrierte Bewußtsein der
Einheitlichkeit des Körpers und der unbesieglichen Vernunft.
Wenn die ideale Frauenschönheit der antiken Zeiten die Möglichkeit
grenzenloser Liebe, die der Renaissance den Durst nach mystischer und
gefühlicher Liebe ausdrückte, so verkörperte jene, die sich nun meinen
Augen zeigte, die Liebe selbst in ihrem ganzen ruhigen und stolzen
Selbstbewußtsein -- klar, leuchtend, alles besiegend ...
Den späteren sowie den frühesten künstlerischen Schöpfungen eignete ein
äußerst einfacher Charakter; sie behandelten ein einziges Motiv. Ihre
Aufgabe bestand darin, ein kompliziertes menschliches Wesen
wiederzugeben, dessen Leben reich und ausgefüllt war; deshalb wählten
sie jenen Augenblick des Lebens, in dem sich irgend ein Gefühl oder ein
Streben konzentriert hatte ... Bei den neuesten Künstlern schienen
beliebte Themen: die Extase des schöpferischen Gedankens, die Extase der
Liebe, die Extase des Naturgenusses, der ruhige freiwillige Tod --
lauter Themen, die charakteristisch waren für eine große Rasse, eine
Rasse, die intensiv und vollkommen zu leben und bewußt und würdig zu
sterben verstand.
Die Abteilung für Gemälde und Skulptur nahm die eine Hälfte des Museums
ein; die andere war der Architektur gewidmet. Unter Architektur
verstanden die Marsbewohner nicht nur die Aesthetik der Bauten und der
großen technischen Konstruktionen, sondern auch die der Möbel, der
Werkzeuge, der Maschinen, überhaupt die Aesthetik alles materiell
Nützlichen. Welche gewaltige Rolle in ihrem Leben gerade diese Kunst
spielte, ließ sich aus dem Reichtum und der Vollständigkeit dieser
Sammlung ersehen. Von den ersten Höhlenwohnungen mit den primitiven
Geräten bis zu den luxuriösen Gemeinschaftshäusern aus Glas und
Aluminium, bis zu den gigantischen Fabriken mit den schauerlich schönen
Maschinen, bis zu den gewaltigen Kanälen mit den mächtigen Ufern und
Schwebebrücken -- war hier alles in der typischen Form dargestellt, in
Bildern, Plänen, Modellen, besonders aber in großen Stereoskopen, die
eine Illusion der Wirklichkeit gaben. Eine besondere Stelle nahm die
Aesthetik der Gärten, der Felder und Parke ein; und wie ungewohnt auch
immer mir die Natur dieses Planeten war, so vermochte ich dennoch die
Schönheit der Blumen- und Formenkombinationen zu erkennen, die das
Kollektivgenie dieses großäugigen Volkes der Natur verliehen hatte.
In den Uebergangsepochen kam es, wie auch bei uns, häufig vor, daß die
Pracht die Nützlichkeit beeinträchtigte, der äußere Schmuck hinderlich
für die Dauerhaftigkeit wurde; die Kunst vergewaltigte die Gegenstände.
Hier jedoch, in den Erzeugnissen der neuen Epoche, schauten meine Augen
nichts derartiges, weder bei den Möbeln, noch bei den Geräten oder
Konstruktionen. Ich fragte Enno, ob die zeitgenössische Architektur
jemals die Neigung zeige, um der Schönheit willen die praktische
Vollkommenheit zu vernachlässigen.
»Niemals«, entgegnete er. »Diese wäre eine falsche Schönheit, wäre etwas
Gekünsteltes, aber keine Kunst.«
Bis zur sozialistischen Zeit ward das Andenken der großen Männer durch
Denkmäler geehrt; jetzt jedoch wurden Denkmäler nur mehr zur Erinnerung
an große Ereignisse errichtet: wie etwa der erste Versuch, die Erde zu
erreichen, der mit dem Tode aller Mitglieder der Expedition endete, oder
aber die völlige Ausrottung einer tödlichen Infektionskrankheit, oder
die Entdeckung und Synthese der Spaltung aller chemischen Elemente. Im
Stereogramm sah man zusammen mit den Denkmälern Grabmäler und Kirchen.
(Früher hatte es bei den Marsbewohnern auch eine Religion gegeben.)
Eines der letzten Denkmäler großer Männer war das jenes Ingenieurs, von
dem mir Menni erzählt hatte. Es war dem Künstler trefflich gelungen, die
ganze Seelenstärke dieses Mannes wiederzugeben, der die Armee der Arbeit
siegreich in den Kampf wider die Natur geführt und stolz das feige
Urteil der Sitten über seine Tat zurückgewiesen hatte. Als ich in
unwillkürlicher Versonnenheit vor dem Panorama dieses Denkmals
verweilte, sprach Enno leise einige Verse, in denen der seelischen
Verfassung des Helden Ausdruck verliehen wurde.
»Von wem sind diese Verse?« fragte ich.
»Von mir«, erwiderte Enno. »Ich schrieb sie für Menni.«
Ich vermochte nicht völlig die innere Schönheit dieser mir noch immer
fremden Sprache zu beurteilen, aber die Gedanken waren zweifellos klar,
der Reim war stark, der Rhythmus klingend und mächtig. Dies lenkte meine
Gedanken in eine neue Richtung.
»Euere Dichtung hat also noch strenge Reime und Rhythmus?«
»Selbstverständlich«, entgegnete Enno erstaunt. »Finden Sie das etwa
nicht schön?«
»Doch«, erklärte ich, »bei uns hingegen war die Ansicht verbreitet, daß
diese Form dem Geschmack der herrschenden Klassen unserer Gesellschaft
entspringe, der Ausdruck ihrer Laune und ihrer Leidenschaft für
Begrenztes sei, eine Fessel für die freie künstlerische Rede bedeute.
Wir glaubten, die Poesie der Zukunft, die Dichtung der sozialistischen
Epoche werde diese engen Gesetze abschütteln und vergessen.«
»Das ist völlig falsch«, meinte Enno. »Die reinen Reime erscheinen uns
schön, aber keineswegs aus Leidenschaft für das Begrenzte, sondern weil
sie zutiefst mit dem rhythmischen Prozeß unseres Lebens und unseres
Bewußtseins harmonieren. Und der Rhythmus, der das Vielförmige zu einem
einzigen Schlußakkord vereint, hat nicht auch er seinen tiefgründigen
Ursprung in der lebendigen Verbindung der Menschen, die das Mannigfache
des Aeußern mit der Lust der einheitlichen Liebe krönt? Der Arbeit mit
dem einheitlichen Ziel, der Einheitlichkeit der Stimmung in der Kunst?
Ohne Reim und Rhythmus gibt es überhaupt keine künstlerische Form. Wo
der Rhythmus der Töne fehlt, muß er durch den umso strengeren Rhythmus
der Bilder oder Ideen ersetzt werden ... Und wenn Reim und Rhythmus
tatsächlich feudalen Ursprungs sind, so läßt sich dies ja auch von
vielen anderen guten und schönen Dingen sagen.«
»Aber der Reim an und für sich beschränkt und erschwert den poetischen
Ausdruck der Idee.«
»Was hat das zu bedeuten? Diese Begrenzung entspringt dem vom Künstler
frei gewählten Ziel. Sie erschwert nicht nur, sondern vervollkommnet
auch den Ausdruck der dichterischen Idee, verfolgt ausschließlich diesen
Zweck. Je komplizierter das Ziel, desto schwerer der dazu führende Weg
und desto größer der Zwang, den sich der Künstler auferlegen muß. Wenn
Sie einen schönen Bau errichten wollen, wie viel richtiger Technik und
Harmonie bedürfen Sie dabei, das heißt: wie viel »Zwang« müssen Sie sich
auferlegen! Bei der Wahl des Zieles sind Sie frei. Dies ist die einzige
menschliche Freiheit. Wenn Sie aber nach dem Ziel verlangen, so
verlangen Sie gleichzeitig auch nach den Mitteln, durch die es zu
erreichen ist.«
Wir schlenderten in den Garten hinaus, um uns von den zahlreichen
Eindrücken zu erholen. Der Abend war bereits niedergesunken, ein klarer
milder Frühlingsabend. Die Blumen zogen Kelche und Blätter ein, um sie
für die Nacht zu schließen; dies war eine Eigenheit der Marspflanzen,
verursacht von den kalten Nächten. Ich wandte mich abermals an meinen
Gefährten:
»Sagen Sie mir, welche Art der Belletristik ist heutzutage bei Ihnen die
vorherrschende?«
»Im Drama die Tragödie, in der Dichtung die Naturschilderung«,
antwortete Enno.
»Was ist der Inhalt der Tragödien? Wo finden Sie bei Ihrem glücklichen
friedlichen Dasein den Stoff für Tragödien?«
»Glücklich? Friedlich? Woher nehmen Sie das? Es ist ja wahr, daß bei uns
zwischen den Menschen Frieden herrscht, aber keineswegs herrscht Frieden
zwischen uns und den Kräften der Natur, das wäre ja auch unmöglich.
Diese ist ein Feind, bei dem selbst jeder Sieg eine neue drohende Gefahr
bedeutet. In der letzten Epoche der Geschichte haben wir die Ausbeutung
unseres Planeten um das zehnfache erhöht, unsere Bevölkerung wächst an
und noch weit mehr steigern sich unsere Bedürfnisse. Schon mehr als
einmal bedrohte uns auf dem einen oder anderen Arbeitsfeld die
Erschöpfung der Naturkräfte und Mittel. Bis heute gelang es uns noch
immer, diese Gefahr zu besiegen, ohne zu der hassenswerten Verkürzung
des Lebens greifen zu müssen, der Verkürzung des Lebens bei uns selbst
und unseren Nachkommen. Aber gerade jetzt nimmt der Kampf abermals einen
besonders ernsthaften Charakter an.«
»Ich hätte niemals gedacht, daß bei Ihrer technischen und
wissenschaftlichen Vollkommenheit eine derartige Gefahr bestehen könnte.
Sie sagten, dies habe sich auf dem Mars bereits ereignet?«
»Ja, vor siebzig Jahren; als unsere Steinkohlenvorräte versiegten und
der Uebergang zur Wasser- und Elektrizitätskraft noch lange nicht
bewerkstelligt war; damals mußten wir, um die gewaltigen Maschinen
herstellen zu können, einen bedeutenden Teil unserer Wälder abholzen,
was auf Jahre hinaus unseren Planeten verunstaltete und das Klima
verschlechtert hat. Als dann diese Krise überwunden war, zeigte es sich,
vor etwa zwanzig Jahren, daß die Eisenerzlager erschöpft waren. Nun galt
es, in aller Eile die richtige dauerhafte Legierung des Aluminiums
herzustellen, und ein großer Teil unserer technischen Kraft wurde auf
die elektrische Gewinnung des Aluminiums aus der Erde verwandt. Heute,
da sich, wie auch aus der Statistik ersichtlich ist, die Bevölkerung
äußerst rasch vermehrt, wissen wir bereits, daß uns in dreißig Jahren
ein furchtbarer Mangel an Lebensmitteln bedrohen wird, falls es uns bis
dorthin nicht gelingen sollte, die Synthese des Eiweiß aus den Elementen
zu entdecken.«
»Aber die anderen Planeten«, warf ich ein, »könnten Sie nicht auf denen
das Fehlende finden?«
»Wo? Die Venus ist anscheinend noch unzugänglich. Und die Erde? Die
besitzt ihre eigene Menschheit, und es ist bis heute noch nicht klar
ersichtlich, inwieweit wir deren Kräfte ausnützen können. Jede Fahrt
nach der Erde verschlingt große Vorräte an radiumausstrahlenden Stoffen;
dies weiß ich von Menni, der mir unlängst über seine letzte Expedition
berichtete, und unser Vorrat an diesen Stoffen ist ziemlich gering.
Nein, die sich uns überall entgegenstellenden Schwierigkeiten sind
keineswegs zu unterschätzen, und je enger sich unsere Menschheit im
Kampfe gegen die Natur zusammenschließt, desto enger schließen sich auch
die Elemente zusammen.«
»Aber es würde doch genügen, die Vermehrung zu beschränken?«
»Die Vermehrung beschränken! Das bedeutete den Sieg der Natur. Bedeutete
den Verzicht auf das unbegrenzte Anwachsen des Lebens, bedeutete das
Stehenbleiben auf der gleichen Stufe. Wir siegen, weil wir in gewaltigen
Massen gegen die Natur vorgehen. Wenn wir aber auf das Anwachsen unseres
Heeres verzichten, dann sind wir von allen Seiten durch die
Elementargewalten belagert. Dann würde auch der Glaube an unsere
Kollektivkraft geschwächt werden, an unser großes Gemeinschaftsleben.
Und zusammen mit diesem Glauben ginge auch für jeden Einzelnen der Sinn
des Lebens verloren, weil ja doch in jedem von uns die kleine Zelle des
großen Organismus lebt, vollständig lebt, und jeder wieder in dieser
Zelle sein Dasein hat. Nein, eine Beschränkung der Vermehrung, -- das
wäre das allerletzte, wozu wir uns entschließen könnten, und wenn dies
gegen unseren Willen geschähe, so würde es den Anfang vom Ende
bedeuten.«
»Nun begreife ich, daß auch bei Ihnen stets Tragödienstoffe vorhanden
sind, zumindest als drohende Möglichkeit. Solange jedoch der Sieg noch
auf Seiten der Menschheit ist, sieht sich der Einzelne zur Genüge vor
dieser Tragödie der Gemeinschaft bewahrt; ja selbst wenn die Gefahr in
unmittelbare Nähe rückt, so verteilen sich die gigantische Anstrengung
und die Leiden des Kampfes so gleichmäßig unter den zahllosen
Einzelwesen, daß deren ruhiges Glück kaum gestört werden kann. Und zu
diesem Glück fehlt anscheinend bei Ihnen nichts.«
»Ruhiges Glück! Ist es denn möglich, daß der Einzelne nicht zutiefst die
Erschütterung eines ganzen Lebens, in dem sein Anfang und sein Ende
liegt, empfinde? Und zeigen sich nicht auch die tiefen Widersprüche des
Lebens in der Begrenztheit des Einzelwesens verglichen mit dessen Ziel,
in seiner Ohnmacht, mit diesem Ziel zu verschmelzen, es völlig mit
seinem Bewußtsein zu umfassen und sein Bewußtsein selbst aus dem Ziel zu
schöpfen? Begreifen Sie diese Widersprüche nicht? Das kommt daher, weil
sie in Euerer Welt von anderen, näherliegenden und gröberen Dingen
verdunkelt werden. Der Kampf der Klassen, der Gruppen, der Einzelwesen
raubt Euch die Idee des Zieles, und zugleich damit das Glück sowie das
Leid, die darin enthalten sind. Ich sah Ihre Welt; und ich vermag auch
nicht den zehnten Teil des Wahnsinns zu erfassen, in dem Ihre Brüder
leben. Eben deshalb vermag ich nicht zu beurteilen, wer von uns dem
ruhigen Glück näher ist: je stärker und harmonischer das Leben, desto
quälender und unvermeidlicher wirken die Dissonanzen.«
»Sagen Sie, Enno, sind Sie zum Beispiel nicht glücklich? Sie besitzen
Jugend, Wissen, Poesie und sicher auch Liebe ... Was können Sie Schweres
erfahren haben, daß Sie so glühend von der Tragödie des Lebens
sprechen?«
»Das ist prächtig«, lachte Enno, und sein Lachen klang seltsam. »Sie
wissen nicht, daß der heitere Enno bereits einmal zu sterben beschlossen
hatte. Und wenn Menni nur einen einzigen Tag später sechs Worte
geschrieben hätte, in denen unsäglich viel lag: »Wollen Sie auf die Erde
mitkommen?« so würde Ihnen Ihr heiterer Reisegefährte gefehlt haben.
Doch kann ich Ihnen augenblicklich nichts Näheres verraten. Sie werden
ja selbst sehen, daß, wenn es bei uns ein Glück gibt, dieses keineswegs
das friedliche und ruhige Glück ist, von dem Sie sprechen.«
Ich konnte mich nicht entschließen, weitere Fragen zu stellen. Aber ich
konnte auch nicht länger systematisch die Kunstsammlung besichtigen.
Meine Aufmerksamkeit war abgelenkt, meine Gedanken schweiften umher. In
der Abteilung für Skulptur verharrte ich vor einer der neuesten Statuen,
die einen schönen Jüngling darstellte. Seine Gesichtszüge erinnerten an
Netti; mich erschütterte das Talent, mit dem der Künstler in dem
leblosen Stoff, in unvollendeten Zügen, in den glühenden Augen des
Knaben die Geburt des Genies wiedergegeben hatte. Lange verweilte ich
reglos vor dieser Statue, und die ganze Umgebung entschwand meinem
Bewußtsein; Ennos Stimme durchbrach meine Gedanken:
»Das seid Ihr«, sprach er, auf den Jüngling weisend. »Dies ist Ihre
Welt. Sie wird eine wundervolle Welt sein; heute befindet sie sich noch
in ihrer Kindheit, beachten Sie, was für dunkle Träume, was für bebende
Bilder noch ihr Bewußtsein erregen ... Noch liegt sie im Halbschlaf,
doch wird sie erwachen; ich fühle es, glaube zutiefst daran!«
In das freudige Gefühl, das diese Worte in mir erweckten, mischte sich
ein seltsames Bedauern:
»Weshalb war es nicht Netti, der diese Worte sprach?«