Das »Haus der Kinder« nahm den wichtigsten und schönsten Teil einer
Stadt von fünfzehn- bis zwanzigtausend Einwohnern ein. Diese Einwohner
bestanden freilich hauptsächlich aus Kindern und deren Erziehern. Es gab
in allen größeren Städten auf dem Planeten derartige Anstalten, in
vielen Fällen bildeten sie sogar selbständige Städte; bloß an kleineren
Orten, wie etwa in Mennis »Chemischer Stadt«, fehlten sie bisweilen.
Das große zweistöckige Haus mit dem üblichen blauen Dach lag in von
Bächen durchzogenen Gärten; hier gab es auch Teiche, Spiel- und
Turnplätze, Gemüsegärten, Blumen und nützliche Gräser, Häuschen für
zahme Tiere und Vögel ... Eine Menge kleiner Ungeheuer spielten dort,
man vermochte, dank der für Mädchen und Knaben gleichen Bekleidung,
nicht zu unterscheiden, welchem Geschlecht sie angehörten ... Es war ja
auch bei den erwachsenen Marsbewohnern schwierig, der Kleidung nach die
Männer von den Frauen zu unterscheiden, -- die Grundzüge der Gewänder
waren die gleichen, nur bei kleinen Einzelheiten bestand ein
Unterschied: die engeren Gewänder der Männer paßten sich genauer an den
Körper an, während bei den Frauen dieser mehr verhüllt wurde. Jedenfalls
aber war die ältliche Person, die uns beim Verlassen der Gondel an der
Tür eines der großen Häuser begrüßte, eine Frau, denn Netti umarmte sie
und nannte sie »Mama«. Im weiteren Gespräch jedoch redete er sie, gleich
den anderen Genossen, nur mit dem Namen: »Nella« an.
Nella hatte bereits gewußt, daß wir kommen würden und führte uns sofort
in das »Haus der Kinder«, zeigte uns alle Abteilungen, bei der von ihr
geleiteten für die Allerkleinsten beginnend, bis zu jener, die für die
ans Knaben- und Mädchenalter grenzenden Kinder bestimmt war. Unterwegs
schlossen sich uns die kleinen Ungeheuer an, betrachteten mit ihren
riesigen Augen den Menschen, der von einem anderen Planeten stammte; sie
wußten genau, wer ich sei, und als wir die letzte Abteilung erreichten,
begleitete uns bereits eine ganze Schar, wenngleich die meisten Kinder
seit dem Morgen im Garten spielten.
Im Haus der Kinder lebten etwa dreihundert Kinder verschiedenen Alters.
Ich fragte Nella, weshalb die verschiedenaltrigen Kinder zusammen, und
nicht in einzelnen Häusern untergebracht waren, was doch sicherlich die
Arbeit der Erzieher erleichtern und vereinfachen würde.
»Weil es auf diese Art keine wirkliche Erziehung geben könnte«,
erwiderte Nella. »Um für die Gesellschaft erzogen zu werden, muß das
Kind ein gesellschaftliches Leben führen. Jede lebendige Erfahrung,
jedes lebendige Wissen verbindet die Kinder miteinander. Wollten wir das
eine Alter vom anderen isolieren, so gäben wir den Kindern dadurch ein
einseitiges und enges Milieu, in dem die Entwicklung der zukünftigen
Menschen nur langsam, träge und einseitig vor sich ginge. Die
verschiedenen Alter hingegen lassen der Aktivität weit mehr Spielraum.
Die älteren Kinder sind unsere besten Gehilfen beim Erziehen der
Kleinen. Doch bringen wir nicht nur deshalb absichtlich die Kinder der
verschiedenen Altersstufen zusammen, sondern die Erzieher in jedem
Kinderhaus bemühen sich auch, die verschiedenen Alter und verschiedenen
praktischen Eigenheiten gleichsam zu sammeln.«
»Dennoch sind in diesem Haus der Kinder die Kleinen dem Alter nach in
den verschiedenen Abteilungen untergebracht«, warf ich ein. »Dies
widerspricht Ihren Worten.«
»Die Kinder begeben sich nur in die verschiedenen Abteilungen, um dort
zu schlafen und zu speisen; hierbei muß man selbstverständlich die
einzelnen Altersstufen trennen. Beim Spiel und der Beschäftigung jedoch
gruppieren sich die Kinder, wie es ihnen beliebt. Auch wenn irgend
welche belletristischen oder wissenschaftlichen Vorträge gehalten
werden, finden sich unter den Zuhörern stets auch Kinder aus anderen
Abteilungen ein. Die Kinder wählen sich selbst ihren Umgang, und lieben
es, mit den andersaltrigen Kameraden, vor allem aber mit den Erwachsenen
zu verkehren.«
»Nella«, rief aus der Menge hervorspringend ein kleiner Junge. »Esta hat
das Schiff, das ich selbst verfertigt, fortgenommen. Nimm es ihr wieder
und gib es mir.«
»Wo ist sie?« fragte Nella.
»Sie lief zum Teich, um das Schiff auf dem Wasser schwimmen zu lassen«,
erklärte das Kind.
»Ich habe jetzt keine Zeit, um dorthin zu gehen; eines von den älteren
Kindern soll mit dir gehen und Esta sagen, sie möge dich nicht kränken.
Am besten aber wäre es, du gingest allein hin und hülfest ihr, das
Schiff schwimmen zu lassen. Es ist gar nicht erstaunlich, daß ihr das
Schiff gefällt, wenn du es schön gemacht hast.«
Das Kind lief fort und Nella wandte sich an die Uebrigen.
»Hört Kinder, es wäre gut, wenn Ihr uns allein ließet. Dem Fremden kann
es nicht angenehm sein, von hundert Kinderaugen angestarrt zu werden.
Stelle dir einmal vor, Elwi, daß dich eine ganze Schar Fremder
anstarrte. Was tätest du?«
»Ich liefe fort«, entgegnete tapfer das uns zunächst stehende Kind, an
das sich Nella gewandt hatte. Und schon im gleichen Augenblick rannten
alle Kinder lachend von dannen.
»Da sehen Sie selbst, wie mächtig die Vergangenheit ist«, meinte
lächelnd die Erzieherin. »Man könnte glauben, bei uns herrsche
vollkommener Kommunismus, von dem die Kinder fast nie abweichen, --
woher stammt das Gefühl des Privateigentums? Da kommt nun ein Kind und
sagt »mein« Schiff, das »ich selbst« verfertigt habe. Und derartiges
ereignet sich häufig, führt manchmal bis zu Prügeleien. Dagegen läßt
sich nichts tun -- ein allgemeines Lebensgesetz lautet: die Entwicklung
des Organismus gibt im verkleinerten Maßstab die Entwicklung des
Aeußeren wieder, und die Entwicklung des Einzelnen wiederholt auf
gleiche Art die Entwicklung der Gesellschaft. Der Selbstbestimmung der
Kinder mittleren und reiferen Alters eignet in vielen Fällen dieser
unklar individualistische Charakter. Und diese Färbung wird mit der
Reife stärker. Nur bei der jüngsten Generation besiegt das
sozialistische Milieu endgültig die Reste der Vergangenheit.«
»Machen Sie die Kinder mit dieser Vergangenheit bekannt?« fragte ich.
»Selbstverständlich. Sie lieben sehr die Gespräche und Erzählungen über
vergangene Zeiten. Zuerst erscheinen diese ihnen als Märchen, als
schöne, ein wenig seltsame Märchen von einer anderen Welt, die mit ihren
aufregenden Bildern des Krieges und der Gewalt in den atavistischen
Tiefen des Kinderinstinktes einen Widerhall finden. Die unbesieglichen
lebendigen Ueberreste der Vergangenheit, die es in der eigenen Seele
findet, ermöglichen dem Kinde genau den Zusammenhang der Zeiten zu
erkennen, die Märchen und Bilder verwandeln sich in wahrhafte
Weltgeschichte, -- in die lebendigen Glieder einer unzerreißbaren
Kette.«
Wir durchwanderten die Alleen eines weiten Gartens, begegneten von Zeit
zu Zeit Kindergruppen, mit Spielen beschäftigt, Graben auswerfend, mit
Werkzeugen arbeitend, in ernste Gespräche vertieft, oder lebhaft
plaudernd. Alle wandten sich mir mit Aufmerksamkeit zu, doch folgte uns
niemand; anscheinend waren sie bereits von den andern benachrichtigt
worden. Die meisten Gruppen bestanden aus Kindern verschiedenen Alters;
in vielen gab es auch ein bis zwei Erwachsene.
»In diesem Hause sind viele Erzieher«, bemerkte ich.
»Ja, besonders wenn wir, was nur gerecht ist, die größeren Kinder dazu
rechnen. Wirkliche Erziehungsspezialisten gibt es hier nur drei; die
übrigen Erwachsenen, die Sie sehen, sind zum großen Teil Väter und
Mütter, die auf kurze Zeit bei ihren Kindern leben, oder junge Leute,
die sich für den Erzieherberuf vorbereiten wollen.«
»Wie, es ist den Eltern gestattet, hier mit ihren Kindern zu leben?«
»Natürlich. Einige der Mütter leben etliche Jahre hier. Die meisten
jedoch kommen von Zeit zu Zeit her, verbringen hier eine Woche, zwei
Wochen, einen Monat. Die Väter leben selten hier. In unserem Haus gibt
es sechzig Einzelzimmer für die Eltern, oder für jene Kinder, die den
Wunsch nach Einsamkeit verspüren. Ich entsinne mich nicht, daß diese
Zimmer je unbenützt blieben.«
»Es kommt demnach auch vor, daß Kinder nicht in den allgemeinen Räumen
leben?«
»Ja; die älteren Kinder verlangt es häufig danach, abgesondert zu leben.
Dies ist zum Teil ein Ueberrest jenes unbesieglichen Individualismus,
von dem ich bereits sprach, zum Teil das bei Kindern häufige Verlangen,
sich in die Studien zu vertiefen, der Wunsch, all das zu verbannen, was
die Aufmerksamkeit ablenkt und zerstreut. Gibt es doch bei uns auch
Erwachsene, die einsam zu leben wünschen, insbesondere jene, die sich
mit wissenschaftlichen Forschungen, oder aber mit Kunst beschäftigen.«
In diesem Augenblick sahen wir vor uns auf einer kleinen Wiese ein Kind,
-- es mochte sechs oder sieben Jahre zählen -- das, mit einem Stock in
der Hand, ein Tier verfolgte. Wir beschleunigten unsere Schritte; das
Kind beachtete uns nicht. Als wir an es herantraten, hatte es eben seine
Beute erreicht -- diese schien eine Art großer Frosch zu sein. Das Kind
schlug heftig auf die Pfote des Tieres los. Dann schleppte sich das Tier
mit gebrochener Pfote langsam über den Rasen.
»Weshalb tatest du dies, Aldo?« fragte Nella in aller Ruhe.
»Ich konnte es nicht fangen, es lief immer fort«, erklärte der Knabe.
»Weißt du auch, was du tatest? Du hast dem Frosch weh getan und ihm die
Pfote gebrochen. Gib den Stock her, ich werde es dir erklären.«
Das Kind gab Nella den Stock, und diese schlug ihm mit rascher Bewegung
kräftig auf die Hand. Der Knabe schrie auf.
»Tut es weh, Aldo?«, fragte die Erzieherin gelassen.
»Sehr weh; böse Nella!«, entgegnete das Kind.
»Ich verletzte dir nur leicht die Hand, du aber hast den Frosch noch
viel stärker geschlagen. Hast ihm die Pfote gebrochen. Er hat nicht nur
viel größere Schmerzen, als du, sondern kann auch nicht mehr laufen und
springen, kann sich nicht mehr seine Nahrung suchen, wird vor Hunger
sterben, oder von einem bösen Tier, dem er jetzt nicht entfliehen kann,
verschlungen werden. Was denkst du darüber, Aldo?«
Das Kind schwieg; in seinen Augen standen Tränen des Schmerzes, es hielt
die verletzte Hand mit der anderen fest. Dann sagte es: »Man muß ihm die
Pfote flicken.«
»Das ist richtig«, erwiderte Netti. »Komm, ich werde dir zeigen, wie man
es macht.«
Sie begaben sich zu dem verwundeten Tier, das sich nur auf wenige
Schritte hatte entfernen können. Netti nahm sein Taschentuch hervor,
zerriß es in Streifen, gebot Aldo, einige dünne Zweiglein zu bringen.
Mit dem tiefen Ernst echter Kinder, die einer äußerst wichtigen
Beschäftigung obliegen, legten sie beide dem Frosch einen festen Verband
an.
Bald darauf schickten Netti und ich uns an, heimzukehren.
»Ach ja«, erinnerte sich Nella. »Heute Abend können Sie bei uns Ihren
alten Freund Enno antreffen. Er wird den älteren Kindern eine Vorlesung
über den Planeten Venus halten.«
»Wohnt er denn in dieser Stadt?« erkundigte ich mich.
»Nein, das Observatorium, in dem er arbeitet, liegt auf drei Stunden von
hier. Aber er liebt die Kinder sehr und vergißt auch mich, seine alte
Erzieherin, nicht. Deshalb kommt er häufig her und erzählt den Kindern
jedesmal etwas interessantes.«
Am Abend fanden wir uns selbstverständlich zur festgesetzten Stunde
abermals im »Hause der Kinder« ein. Alle Kinder, mit Ausnahme der
allerkleinsten, hatten sich bereits versammelt; unter ihnen befanden
sich auch einige Erwachsene. Enno begrüßte mich freudig.
»Ich wählte Ihnen zuliebe dieses Thema«, meinte er scherzend. »Sie sind
betrübt über die Rückständigkeit Ihres Planeten und die schlechten
Sitten der dort lebenden Menschheit. Ich werde von einem Planeten
erzählen, wo die höchsten Vertreter des Lebens -- Dinosaurier und
fliegende Eidechsen sind, bei denen ärgere Sitten und Gebräuche
herrschen, als bei Ihrer Bourgeoisie. Dort brennen Euere Steinkohlen
nicht im Herde des Kapitalismus, sondern befinden sich noch im
Pflanzenzustand, als gewaltige Wälder. Wollen wir uns dorthin begeben
und zusammen auf die Ichthyosaurusjagd gehen? Diese Tiere stellen die
dortigen Rothschilds und Rockefellers vor; freilich sind sie gemäßigter
und gelinder als die Ihren, dafür aber besitzen sie weniger Kultur. Dort
finden wir das Reich der ersten Kapitalsanhäufung in ihren Uranfängen,
die im »Kapitalismus« Ihres Marx vergessen wurde ... Aber Nella runzelt
schon die Stirne über mein leichtfertiges Geschwätz. Ich beginne
sofort.«
Mit hinreißender Beredsamkeit schilderte er den fernen Planeten mit den
tiefen, sturmgepeitschten Ozeanen, den furchtbar hohen Bergen, der
brennenden Sonne, den dichten, weißen Wolken, den schauerlichen Orkanen
und Gewittern, den unförmigen Ungeheuern und der üppigen, riesenhaften
Vegetation. Seine Erzählung illustrierte er durch die Vorführung
lebendig wirkender Photographien, die auf der über die eine Wand des
Saales gespannten Leinwand dahinzogen. Einzig und allein Ennos Stimme
durchtönte die Dunkelheit; tiefes, aufmerksames Schweigen herrschte im
ganzen Raum. Als er das Schicksal der ersten Reisenden in jener Welt
schilderte und berichtete, wie einer derselben mit einer Handgranate
eine Rieseneidechse tötete, spielte sich eine seltsame, von den meisten
Zuhörern nicht bemerkte, kleine Szene ab. Aldo, der sich in Nellas Nähe
hielt, brach plötzlich in leises Weinen aus.
»Was fehlt dir?« fragte Nella, sich zu ihm niederbeugend.
»Das Ungeheuer tut mir leid. Man hat ihm weh getan und dann mußte es
sterben«, flüsterte der Knabe.
Nella schlang den Arm um den Kleinen und versuchte ihn zu
beschwichtigen, doch dauerte es lange Zeit, bis er sich beruhigte.
Enno berichtete von den zahllosen einzigartigen Reichtümern dieses
herrlichen Planeten, von den gewaltigen, viele Millionen Pferdekräfte
besitzenden Wasserfällen, von den Edelmetallen, die sich auf den Gipfeln
der Berge befinden, von den reichen Radiumlagern, die schon bei einer
Tiefe von etlichen hundert Metern zutage gefördert werden könnten, von
dem Vorrat an Energie für hunderttausend Jahre. Ich beherrschte die
Sprache noch nicht genügend, um die ganze Schönheit des Vortrags zu
empfinden, die Bilder aber fesselten meine Aufmerksamkeit im gleichen
Maße, wie die der Kinder. Als Enno endete und der Saal erhellt ward,
wurde mir schier ein wenig traurig zumute, wie mochten da wohl erst die
Kinder das Ende des schönen Märchens bedauern.
Als der Vortrag zu Ende war, begannen die Zuhörer Fragen zu stellen,
ihre Bemerkungen zu machen. Die Fragen waren verschiedenartig, wie es ja
auch die Zuhörer waren; sie betrafen die Genauigkeit der Photographien,
die Mittel, die im Kampf gegen die Natur angewendet wurden. Es wurde
auch die Frage aufgeworfen, wann sich auf der Venus von selbst Menschen
entwickeln würden und wie deren Körper beschaffen sein werde?
Die Bemerkungen waren meist naiv, häufig jedoch scharfsinnig; sie
wandten sich vor allem gegen Ennos Behauptung, daß zu unserer Zeit die
Venus für die Menschen ein äußerst nutzloser Planet sei und daß es kaum
möglich sein würde, ihre gewaltigen Reichtümer bald auszubeuten. Gegen
diese Ansichten lieferten die jungen Optimisten einen erbitterten Kampf,
dem sich die meisten anschlossen. Enno bewies ihnen, daß die Sonnenglut
und die feuchte Luft eine Unmenge Bazillen hervorbringe, die für die
Menschen äußerst gefährlich seien, sie mit vielen Krankheiten bedrohten;
dies erfuhren alle Reisenden auf der Venus am eigenen Leibe, sowie auch,
daß die Orkane und gewaltigen Gewitter jegliche Arbeit erschwerten, das
Leben der Menschen gefährdeten, und dergleichen mehr. Die Kinder jedoch
fanden, es sei merkwürdig, sich von derartigen Hindernissen abschrecken
zu lassen, wenn es um die Eroberung eines so herrlichen Planeten gehe.
Zur Bekämpfung der Bakterien und Krankheiten müßte man so rasch wie
möglich Tausende von Aerzten auf die Venus senden, und auch den Orkanen
und Gewittern könnte Trotz geboten werden, indem man hunderttausend
Bauarbeiter hinschickt, die überall dort, wo es nötig ist, hohe Mauern
errichten und Blitzableiter anbringen. »Mögen neun, zehn und mehr
Menschen umkommen!« rief ein entflammter zwölfjähriger Knabe. »Dort gibt
es Dinge, um derentwillen es sich zu sterben lohnt, es kommt ja nur
darauf an, den Sieg zu erringen.« Und seine glühenden Augen verrieten,
daß er sich nicht weigern würde, zu jenen zehn Menschen zu gehören.
Sanft und gelassen warf Enno diese Kartenhäuser über den Haufen; doch
war ihm anzumerken, daß er in der Tiefe seiner Seele das gleiche
empfinde wie die Kinder, und daß seine junge lodernde Phantasie
entschlossene Pläne verberge, die zwar bedachter und ausgeklügelter
waren, aber ebenso hartnäckig. Er selbst war noch nicht auf der Venus
gewesen, und seine Begeisterung bewies klar, wie sehr ihn deren
Schönheit und Gefahren anzogen.
Als der Gedankenaustausch beendet war, verließ Enno mit mir und Netti
den Saal. Er beschloß, noch einige Tage in dieser Stadt zu verweilen und
schlug mir vor, am folgenden Tag das Kunstmuseum zu besichtigen. Netti
würde beschäftigt sein; er war in eine andere Stadt zu einem großen
Aerztekonsilium gerufen worden.