Die Annäherung

Die Erde entfernte sich immer mehr und verwandelte sich, gleichsam als

zürnte sie ob dieser Trennung, in eine Mondsichel, die die winzige

Sichel des wirklichen Mondes begleitete. Parallel damit waren wir, die

Bewohner des Aetheroneff, gleich phantastischen Akrobaten, die ohne

Flügel zu fliegen und nach Belieben im Raum jede Stellung einzunehmen

vermögen, mit dem Kopf bald auf dem Fußboden, bald auf der Decke, bald

auf den Wänden stehen ... darin fast keinen Unterschied sehen ...

Allmählich näherte ich mich meinen neuen Gefährten und begann mich unter

ihnen heimisch zu fühlen.

Schon am Tag nach unserer Abfahrt (wir hielten an dieser Zeitberechnung

fest, obgleich es für uns natürlich weder wirkliche Tage, noch Nächte

gab) legte ich, dem eigenen Wunsch zufolge, die Kleidung der

Marsbewohner an, um weniger von den übrigen abzustechen. Freilich gefiel

mir diese Kleidung auch an und für sich: sie war einfach, bequem, ohne

nutzlose Einzelheiten wie Kragen und Manschetten, gestattete die

größtmöglichste Freiheit der Bewegung. Die einzelnen Teile des Gewandes

wurden durch Klammern verbunden, so daß das ganze Gewand zwar

einheitlich, aber dennoch leicht an- und auszuziehen war; so vermochte

man zum Beispiel den einen, oder beide Aermel, oder aber die ganze Bluse

abzulegen. Und die Manieren meiner Mitreisenden glichen ihrem Gewand:

sie waren einfach, ermangelten alles Ueberflüssigen, jeder

Konventionalität. Sie begrüßten einander nicht, verabschiedeten sich

nicht, dankten nicht, verlängerten nicht aus Höflichkeit ein Gespräch,

wenn der Zweck desselben erreicht war. Zur gleichen Zeit jedoch gaben

sie voller Geduld jedem die erwünschten Erklärungen, paßten sich genau

der geistigen Einstellung des Fragenden an, nahmen Rücksicht auf dessen

Psychologie, wenngleich diese auch nicht im geringsten der ihren glich.

Selbstverständlich ging ich gleich am ersten Tag an das Erlernen ihrer

Sprache, und sie waren alle gerne bereit, mir als Lehrer zu dienen, vor

allem aber Netti. Die Sprache war äußerst originell, und trotz der

einfachen Grammatik und Regeln eigneten ihr Einzelheiten, an die ich

mich schwer anzupassen vermochte. Die Regeln hatten keine Ausnahmen, es

gab auch keine Unterschiede, kein männliches, weibliches oder sächliches

Geschlecht. Hingegen besaßen die Namen der Gegenstände und die

Eigennamen eine Biegung, die sich auf das Zeitliche bezog. Dies wollte

mir nicht recht in den Kopf.

»Was für einen Sinn haben diese Formen?« fragte ich Netti.

»Begreifen Sie es denn nicht? Wenn Sie in Ihrer Sprache einen Gegenstand

benennen, so achten sie sorgsam darauf, ob er männlich oder weiblich

ist, was bei leblosen Gegenständen äußerst unwichtig, bei lebendigen

aber sehr merkwürdig erscheint. Es ist bei weitem wichtiger, zwischen

jenen Gegenständen zu unterscheiden, die jetzt bestehen, und jenen, die

waren oder erst sein werden. Bei Euch ist das Haus sächlich, der Kahn

männlich, bei den Franzosen ist das Haus weiblichen Geschlechtes, das

Ding an sich aber bleibt dasselbe. Wenn Ihr aber von einem Haus redet,

das bereits abgebrannt oder das noch nicht erbaut ist, so verwendet Ihr

das gleiche Wort und die gleiche Form, wie wenn Ihr von dem Hause

sprecht, in dem Ihr lebt. Gibt es denn in der Natur einen größeren

Unterschied als den zwischen einem lebenden und einem toten Menschen,

zwischen dem, was ist, und dem, was nicht ist? Ihr braucht ganze Worte

und Sätze, um diesen Unterschied auszudrücken -- ist es nicht weit

besser, dies durch das Hinzufügen eines Buchstabens zu tun?«

Netti war mit meinem Gedächtnis zufrieden; seine Lehrmethode schien

äußerst gut, und ich kam rasch vorwärts. Dies half mir bei der

Annäherung an meine Reisegefährten, ich begann der Reise auf dem

Aetheroneff mit großem Vertrauen entgegenzusehen, begab mich in Kajüten

und Laboratorien, befragte die Marsbewohner über alles, was mich

beschäftigte.

Der junge Astronom Enno, Sternis Gehilfe, ein lebhafter, heiterer

Mensch, dem Wuchs nach fast noch ein Knabe, zeigte mir eine Menge

interessanter Dinge, nicht bloß Berechnungen und Formeln -- auf diesem

Gebiet war er Meister -- sondern auch die Schönheit dieser

Beobachtungen. Mir war in der Gesellschaft des jungen Astronom-Dichters

wohl zumute; der Trieb, mich über unsere Lage in der Natur genau zu

orientieren, lenkte meine Schritte immer von neuem zu Enno und seinem

Teleskop.

Einmal zeigte mir Enno durch das stärkste Vergrößerungsglas den winzigen

Planeten Eros; ein Teil seiner Bahn lag zwischen Erde und Mars, der

andere befand sich weiter als der Mars, im Gebiet der Asteroiden. Damals

befand sich der Eros auf hundertfünfzig Millionen Kilometer von uns

entfernt, aber die Photographie seiner kleinen Scheibe zeigte im

mikroskopischen Maßstab die ganze Landkarte, die der des Mondes glich.

Selbstverständlich war auch der Eros ein toter Stern, gleich dem Monde.

Ein anderes Mal photographierte Enno einen Schwarm Meteore, die etliche

hundert Millionen Kilometer von uns entfernt waren. Auf diesem Bild

waren natürlich nur verschwommene Nebel zu sehen. Bei dieser Gelegenheit

erzählte mir Enno, daß eine der früheren Expeditionen zur gleichen Zeit

zugrunde ging, als ein derartiger Schwarm Meteore niederschoß. Die

Astronomen, die mit großen Teleskopen die Fahrt des Aetheroneff

beobachteten, sahen, wie plötzlich das elektrische Licht erlosch -- der

Aetheroneff verschwand auf ewig im Raum.

Wahrscheinlich war der Aetheroneff mit einigen dieser winzigen Körper

zusammengestoßen; bei der ungeheuerlichen Geschwindigkeit mochten diese

die Wände durchbohrt haben. Die Luft drang in den Raum und die Kälte der

zwischen den Planeten befindlichen Sphäre ließ die bereits toten Körper

der Reisenden gefrieren. Nun fliegt der Aetheroneff dahin, folgt der

Bahn der Kometen, entfernt sich auf immer von der Sonne. Niemand weiß,

wo der Weg dieses schauerlichen, von Leichen bemannten Schiffes enden

wird.

Bei diesen Worten schien eine eisige Leere in mein Herz zu dringen. Ich

stellte mir lebhaft vor, wie unser winziges leuchtendes Schifflein im

unendlichen toten Ozean des Raumes schwebt. Ohne Stützpunkt in der

schwindelerregend schnellen Bewegung, und ringsum die schwarze Leere ...

Enno erriet meine Stimmung.

»Menni ist ein vortrefflicher Steuermann ...«, sagte er. »Und Sterni

irrt sich nicht ... Und der Tod ... Sie haben ihm sicherlich schon oft

im Leben ins Auge geblickt ... Was uns droht ... ist der Tod, weiter

nichts.«

Gar bald kam die Stunde, da wir im Kampf mit einem schweren Kummer

gezwungen wurden, an diese Worte zu denken.

Der Chemiker Letta zog mich nicht nur durch seine sanfte Natur an, von

der mir Netti bereits gesprochen hatte, sondern auch durch sein großes

Wissen und sein Interesse für eine von mir viel studierte Frage: die

Struktur der Materie. Außer ihm war in dieser Frage nur noch Menni

kompetent, doch wandte ich mich so wenig wie möglich an Menni,

verstehend, daß dessen Zeit äußerst wertvoll sei, sowohl im Interesse

der Wissenschaft, als auch in dem der Expedition, und daß ich nicht das

Recht habe, sie für mich in Anspruch zu nehmen. Der gutmütige alte Letta

hingegen ließ sich mit derart unerschöpflicher Geduld zu meiner

Unwissenheit herab, erklärte mir mit solcher Bereitwilligkeit, ja sogar

mit offensichtlicher Freude das Alphabet dieser Wissenschaft, daß ich

niemals das Gefühl hatte, ihn zu belästigen.

Letta hielt mir einen ganzen Kurs über die Struktur der Materie,

illustrierte diesen durch verschiedene Experimente der Zerlegung der

Elemente und durch deren Synthese. Viele dieser Experimente hatte er

anscheinend allein ausführen und sich darauf beschränken müssen, bloß

Schlagworte niederzuschreiben, insbesondere bei jenen, die einen

stürmischen Verlauf nehmen; diese Elemente zersetzten sich in der Form

einer Explosion, oder die Zersetzung konnte zumindest unter gegebenen

Bedingungen diese Form annehmen.

Einmal betrat während einer mir erteilten Lektion Menni das

Laboratorium. Letta beendete eben die Niederschrift eines äußerst

interessanten Experimentes und schickte sich an, dasselbe anzustellen.

»Seien Sie vorsichtig«, sprach Menni. »Ich entsinne mich, daß dieses

Experiment eines Tages für mich schlecht ausfiel; es genügt die kleinste

Menge nebensächlicher Ingredienzien in der von Ihnen zu zerlegenden

Materie, um bei der Erhitzung selbst durch den schwächsten elektrischen

Strom eine Explosion herbeizuführen.«

Schon wollte Letta das geplante Experiment aufgeben, aber Menni, der mir

gegenüber unveränderlich aufmerksam und liebenswürdig war, schlug vor,

bei der genauen Vorbereitung für das Experiment zu helfen; das

Experiment wurde ohne Unfall beendet.

Am folgenden Tag stellten wir mit dem gleichen Stoff neue Experimente

an. Mir schien es, als entnähme Letta die Materie nicht demselben Glas

wie am vorhergehenden Tag. Als er bereits die Retorte in das elektrische

Bad stellte, dachte ich daran, ihn darüber zu befragen. Gelassen schritt

er an den die Reagenten enthaltenden Schrank, stellte das Bad mit der

Retorte auf das an der Wand stehende Tischchen; an die gläserne

Außenwand des Aetheroneff. Ich folgte ihm.

Jählings erfolgte ein ohrenbetäubender Knall, und wir wurden beide mit

ungeheurer Kraft gegen die Schranktür geschleudert. Ein furchtbar lauter

Pfiff, entsetzlicher Lärm und metallisches Klirren. Ich fühlte, daß eine

orkanartige, unbezwingliche Kraft mich nach rückwärts, an die Außenwand

riß. Schier mechanisch gelang es mir, nach dem starken Riemen zu

greifen, der horizontal befestigt am Schrank hing. In dieser Lage

vermochte ich dem gewaltigen Luftstrom standzuhalten. Letta war meinem

Beispiel gefolgt.

»Halten Sie sich fest«, schrie er mir zu; ich vermochte im Dröhnen des

Orkans kaum seine Stimme zu vernehmen. Eine scharfe Kälte durchdrang

meinen Körper.

Letta blickte sich rasch um. Seine Züge waren erschreckend in ihrer

Blässe, doch verwandelte sich plötzlich der Ausdruck des Entsetzens in

den klarer Vernunft und festen Entschlusses. Er sprach bloß zwei Worte,

-- ich vermochte sie nicht zu hören, erriet aber, daß sie ein Abschied

auf ewig waren. Dann ließ er den Riemen los.

Ein dumpfer Schlag, und das Dröhnen des Orkans verebbte. Ich fühlte, daß

ich nun den Riemen loslassen und um mich blicken könne. Vom Tischchen

war nichts mehr zu sehen, an der Wand jedoch, dicht mit dem Rücken an

sie gepreßt, stand unbeweglich Letta. Seine Augen waren geweitet, das

ganze Gesicht schien gleichsam erstarrt. Ich vernahm an der Tür ein

Geräusch und öffnete sie. Ein starker warmer Wind stieß mich zurück.

Eine Sekunde nachher betrat Menni das Zimmer. Er eilte zu Letta hin.

Wenige Augenblicke später war der Raum voller Menschen. Netti stieß alle

zur Seite, stürzte zu Letta. Die übrigen umringten uns in bewegtem

Schweigen.

»Letta ist tot«, klang Mennis Stimme auf. »Die bei dem chemischen

Experiment erfolgte Explosion zerschmetterte die Wand des Aetheroneff,

und Letta verstopfte mit seinem Leib die Bresche. Der Luftdruck zerriß

seine Lungen und lähmte sein Herz. Der Tod war ein augenblicklicher.

Letta rettete unseren Gast, hätte er anders gehandelt, sie hätten beide

unweigerlich den Tod gefunden.«

Netti brach in heftiges Schluchzen aus.

Der rote Stern: Ein utopischer Roman · 第 16 / 48 题