Die ersten Tage nach der Katastrophe blieb Netti in seinem Zimmer, und
ich las in Sternis Augen einen fast mißgünstigen Ausdruck. Zweifellos
ergab sich aus Lettas Tod eine Lehre, und Sternis mathematisch
eingestelltes Gehirn konnte nicht umhin, einen Vergleich zwischen dem
hohen Wert jenes Lebens zu ziehen, das geopfert, und jenes das bewahrt
worden war. Menni blieb, wie immer, unverändert freundlich und gelassen,
brachte mir sogar noch mehr Aufmerksamkeit und Fürsorge entgegen; seinem
Beispiel folgten auch Enno und die übrigen.
Ich lernte eifrig die Sprache der Marsbewohner; bei der ersten günstigen
Gelegenheit wandte ich mich an Menni und bat ihn, mir irgendein Buch zu
geben, das die Geschichte ihrer Menschheit behandle. Menni fand diesen
Gedanken vortrefflich und brachte mir ein Werk, das die Marskinder in
die allgemeine Weltgeschichte einführte.
Ich begann mit Nettis Hilfe dieses Buch zu lesen und zu übersetzen. Der
Geschmack, mit dem der unbekannte Verfasser die auf den ersten Blick
abstrakt, allgemein und schematisch wirkenden Dinge zu beleben, zu
konkretisieren und zu illustrieren verstanden hatte, versetzte mich in
Erstaunen. Dieser Geschmack gestattete ihm, ein geometrisch aufgebautes
System mit derart folgerichtigen Schlüssen für Kinder zu erörtern, wie
dies bei keinem unserer populär schreibenden irdischen Verfasser
gelungen wäre.
Der erste Teil des Werkes hatte geradezu einen philosophischen Charakter
und war der Idee des Weltalls als einheitliches Ganzes geweiht, das in
sich alles einschließt und sich alles dienstbar macht. Dieser Teil
erinnerte lebhaft an die Ausführungen jener Arbeiter-Denker, die auf
naive und schlichte Art die erste proletarische Naturphilosophie
schufen.
Im folgenden Teil wandte sich die Ausführung jener unermeßlich fernen
Zeit zu, da im Weltall noch keine uns bekannten Formen bestanden hatten,
im gewaltigen Raum das Chaos und die Unbestimmtheit die Herrschaft
geführt. Der Verfasser berichtete über die Abtrennung der ersten
formlosen, unmerklich feinen Materie, die chemisch nicht festzustellen
ist. Diese Abtrennung bewirkte die Entstehung der gigantischen
Sternenwelt, die als Sternnebel erscheint und zu der auch die
Milchstraße mit zwanzig Millionen Sonnen gehört, unter denen unsere
Sonne eine der kleinsten ist.
Weiterhin war die Rede von der Konzentrierung der Materie und dem
Uebergang zu einer festeren Verbindung, die die Form chemischer Elemente
annahm; zu diesen ersten formlosen Materien gehören auch die gasförmigen
Sonnennebel, von denen wir mit Hilfe des Teleskops viele Tausend zu
unterscheiden vermögen. Die Geschichte der Entwicklung dieser Nebel, die
Herauskristallisierung der Sonnen und Planeten, ist bei uns nur in der
Kant-Laplaceschen Entstehungstheorie zu finden, aber mit größerer
Bestimmtheit und mehr Einzelheiten.
»Sagen Sie mir, Menni«, fragte ich, »halten Sie es wirklich für richtig,
den Kindern gleich zu Anfang diese allgemeinen, fast abstrakten Ideen zu
vermitteln, diese farblosen Weltbilder zu zeigen, die der ihnen
naheliegenden konkreten Umgebung so fern sind? Bedeutet dies nicht, das
kindliche Gehirn mit leeren, fast nur wörtlichen Bildern füllen?«
»Die Sache ist die«, erwiderte Menni, »daß bei uns der Unterricht
niemals mit dem Buch beginnt. Das Kind schöpft seine Kenntnisse aus der
lebendigen, von ihm beobachteten Natur, aus der lebendigen Verbindung
mit anderen Menschen. Ehe es nach einem derartigen Buch greift, hat es
bereits allerlei Reisen unternommen, verschiedene Bilder der Natur
betrachtet, es kennt viele Pflanzen- und Tierarten, kennt das Teleskop,
das Mikroskop, die Photographie, den Phonograph, hat von älteren Kindern
und erwachsenen Freunden allerlei Erzählungen über Vergangenes und
Fernes gehört. Das Buch erfüllt bloß die Aufgabe, all diese Kenntnisse
zu verknüpfen und zu stärken, zufälliges Wissen zu vervollkommnen und
den künftigen Bildungsweg zu weisen. Vor allem gilt es natürlich, ein
genaues Wissen zu erzielen, das Kind vom Anfang bis zum Ende zu führen,
auf daß es sich nicht in Einzelheiten verliere. Der vollkommene Mensch
muß bereits im Kind geschaffen werden.«
All dies erschien mir äußerst ungewohnt, doch wollte ich Menni nicht
weiter befragen; ich werde ja unmittelbar die Bekanntschaft der
Marskinder machen, sowie des dort herrschenden Erziehungssystems. Ich
kehrte zu meinem Buch zurück.
Der Gegenstand des folgenden Teils war die geologische Geschichte des
Mars. Diese Ausführungen brachten trotz ihrer Kürze zahllose Vergleiche
mit der Geschichte der Erde und der Venus. Bei einem bedeutenden
Parallelismus aller drei ergab sich als wichtigster Unterschied, daß der
Mars doppelt so alt wie die Erde und viermal so alt wie die Venus war.
Es wurde in Zahlen die Entwicklung der Planeten angegeben, ich entsinne
mich ihrer noch genau, doch will ich sie hier nicht anführen, um den
irdischen Gelehrten eine Erschütterung zu ersparen, denn diese Zahlen
wären für sie etwas äußerst Unerwartetes.
Dieser Abhandlung folgte die Geschichte des Lebens von seinem Anbeginn.
Es wurden hier geschildert jene ersten Verbindungen, die das Cyanradical
enthielten und die noch keine lebendige Materie waren, obzwar sie viele
ihrer Eigenheiten besaßen. Desgleichen wurden hier jene geologischen
Bedingungen geschildert, unter denen sich die chemischen Verbindungen
vollzogen. Die Ursachen wurden erklärt, vermittels derer sich die eine
Materie im Gegensatz zu anderen, die zwar eine stärkere aber weniger
schmiegsame Verbindung besaßen, bewahrte und anhäufte. Schritt für
Schritt wurde hier die Entwicklung und Differenzierung dieser chemischen
Ahnen jeglichen Lebens verfolgt, bis zur Bildung der ersten wahrhaft
lebendigen Zelle, mit der die »Herrschaft der Einzeller« anhebt.
Nun folgte das Bild der stufenweisen Entwicklung der lebendigen Wesen,
ihrer allgemeinen Genealogie, vom Einzeller bis zu ihrer höchsten
Entwicklung -- dem Menschen einerseits, sowie andrerseits zu seinen
verschiedenen Abarten. Im Vergleich mit der »irdischen«
Entwicklungslinie zeigte sich, daß auf dem Weg von der ersten Zelle bis
zum Menschen die ersten Glieder der Kette fast gleich waren und auch bei
den folgenden nur ein geringer Unterschied bemerkbar wurde; bei den
mittleren Gliedern jedoch begann der Unterschied bedeutsam zu werden.
Das erschien mir äußerst seltsam.
»Diese Frage«, sagte Netti, »ist, so viel ich weiß, noch nicht zum
Spezialstudium geworden. Wußten wir doch vor zwanzig Jahren noch nicht,
wie die höchst entwickelten Erdentiere beschaffen seien. Wir waren
äußerst erstaunt, als wir sahen, wie sehr sie unserem Typus gleichen.
Anscheinend ist die mögliche Zahl der höchsten, das vollkommenste Leben
ausdrückenden Typen eine geringe, und auf den dem unseren gleichenden
Planeten vermag bei den gleichartigen Bedingungen der Natur dieses
Maximum des Lebens bloß eine Form hervorzubringen.«
»Außerdem«, bemerkte Menni, »ist der höchste Typus, der sich der
Planeten bemächtigt hat, jener, der am stärksten der ganzen Summe der
Lebensbedingungen Ausdruck verleiht, bei den Zwischenstufen hingegen,
die sich nur einem Teil der Bedingungen anzupassen vermögen, bleibt mehr
Raum für Verschiedenheit.«
Ich entsann mich, daß mir bereits in meinen Studentenjahren der Gedanke
an die mögliche Zahl der höchsten Typen durch den Kopf gegangen war,
aber freilich aus einer ganz anderen Ursache: bei den Achtfüßlern, den
Kopffüßlern des Meeres, besitzt die höchstentwickelte Art Augen, die
denen unserer Wirbeltiere seltsam ähnlich sind. Und doch ist die
Entwicklung des Auges bei den Kopffüßlern eine ganz andere, insofern,
als die entsprechenden Gewebe des Sehapparates bei ihnen in
entgegengesetzter Ordnung angebracht sind.
Wie dem auch immer sei, eines stand fest: auf dem anderen Planeten
lebten Menschen, die uns gleichen und es verlangte mich, mit ihrem Leben
und ihrer Geschichte bekannt zu werden.
Was die prähistorische Zeit und die ersten Phasen des menschlichen
Lebens auf dem Mars anbelangte, so bestand zwischen diesen und denen der
Erde eine ungeheure Aehnlichkeit. Die gleichen Stammesverhältnisse
hatten geherrscht, einzelne Stämme hatten bestanden, die untereinander
durch Tauschhandel verbunden gewesen waren. Nachher jedoch zeigte sich
ein Auseinandergehen, nicht in der Richtung der Entwicklung, sondern in
der Schnelligkeit und der Art ihres Charakters.
Der Gang der Geschichte auf dem Mars war irgendwie glatter und
einfacher, als der auf der Erde. Freilich gab es Kriege zwischen den
Stämmen und Völkern, und es gab auch den Klassenkampf; doch spielten im
historischen Leben die Kriege eine äußerst kleine Rolle und wurden
verhältnismäßig früh aus der Welt geschafft; auch der Klassenkampf war
geringer und weniger scharf, was die rohe Gewalt anbelangte. Dies ging
selbstverständlich nicht alles aus dem Buch hervor, aber ich vermochte
es dennoch zu erkennen.
Die Sklaverei hatten die Marsbewohner überhaupt nie gekannt; ihre
Feudalzeit war im geringen Maßstab militaristisch gewesen,
ihr Kapitalismus befreite sich frühzeitig vom
nationalistisch-imperialistischen Charakter, und es gab nichts, was
unserer zeitgenössischen Armee entsprach.
Die Erklärung für alle diese Tatsachen mußte ich selbst finden. Die
Marsbewohner und selbst Menni begannen erst jetzt die Geschichte der
Erdenmenschheit zu studieren, und es war ihnen noch nicht gelungen, aus
unserer und ihrer Vergangenheit vergleichende Folgerungen zu ziehen.
Ich entsann mich eines früheren Gespräches mit Menni. Als ich mich
anschickte, die von meinen Reisegefährten benützte Sprache zu lernen,
interessierte es mich zu erfahren, ob diese von allen Marssprachen die
verbreitetste sei. Menni erklärte mir, sie sei die einzige auf dem Mars
geredete Sprache.
»Auch bei uns«, fügte Menni hinzu, »verstanden die Bewohner der
verschiedenen Länder einander nicht, aber schon vor langer Zeit, etliche
hundert Jahre vor dem sozialistischen Umsturz, wurden alle Dialekte zu
einer einzigen Sprache verschmolzen. Dies vollzog sich auf freie,
elementare Art -- niemand bemühte sich darum oder schenkte der
Angelegenheit besondere Aufmerksamkeit. Etliche örtliche Sprachgebräuche
erhielten sich noch längere Zeit, doch waren diese allen verständlich.
Und die Entwicklung der Literatur fegte auch diese hinweg.«
»Diese Tatsache vermag bloß auf eine Art erklärt zu werden«, meinte ich.
»Offensichtlich ist auf Ihrem Planeten die Verbindung zwischen den
Menschen weit besser, leichter und enger, als bei uns.«
»Dies stimmt«, erwiderte Menni. »Auf dem Mars gibt es weder Euere
ungeheuren Ozeane, noch Euere unübersteigbaren Berggipfel. Unsere Meere
sind klein, trennen nirgends die einzelnen Landteile in selbständige
Kontinente, unsere Berge sind nicht hoch, abgesehen von einigen Gipfeln.
Die ganze Oberfläche unseres Planeten ist viermal kleiner, als die der
Erde. Außerdem ist bei uns die Schwerkraft zweieinhalbmal geringer, als
bei Euch; dank der Leichtigkeit unseres Körpers vermögen wir uns auch
ohne besondere Mittel rasch und leicht zu bewegen, wir laufen ohne zu
ermüden ebenso schnell wie Ihr zu Pferde weiterkommt. Die Natur hat
zwischen unseren Völkern weit weniger Mauern und Scheidewände
aufgerichtet, als bei Euch.«
Dies war offensichtlich eine der Hauptursachen, die bei der
Marsmenschheit die scharfe Trennung der Rassen und Nationen verhindert
hatte, sowie das Emporkommen der Kriegerkaste, des Militarismus und des
ganzen Systems des Massenmordens. Wahrscheinlich hatte auch hier der
Kapitalismus mit seinen Widersprüchen zur Erschaffung all dieser, der
höheren Kultur angehörenden Eigenheiten geführt, doch wurde die
Entwicklung des Kapitalismus von der Nebenerscheinung begleitet, für die
politische Vereinigung aller Völker und Nationen neue Bedingungen zu
schaffen. Grund und Boden der Kleinbauern wurden frühzeitig vom
Großgrundbesitz verschlungen, und bald darauf wurde der ganze Grund und
Boden nationalisiert.
Die Ursache hierfür lag in der stetig stärker werdenden Trockenheit des
Bodens, gegen welche die Kleinbauern nicht erfolgreich zu kämpfen
vermochten. Die Erde des Planeten verschlang das Wasser und gab es nicht
wieder zurück. Dies war die Fortsetzung jenes elementaren Prozesses,
vermittels dessen die einst auf dem Mars bestehenden Ozeane seichter
geworden und sich in kleine Binnenmeere verwandelt hatten. Ein
derartiger Prozeß geht auch auf unserer Erde vor sich, doch ist er noch
nicht so weit gediehen; auf dem Mars hingegen, der doppelt so alt ist
wie die Erde, wurde die Lage bereits vor tausend Jahren äußerst ernst.
Die Verminderung der Meere führte zu einer Verminderung der Wolken und
des Regens, zum Seichterwerden der Flüsse und zum Austrocknen der
Quellen. An den meisten Orten mußte die künstliche Bewässerung
eingeführt werden. Wie hätten sich unter diesen Bedingungen die
unabhängigen Kleinbauern halten können?
In dem einen Fall gingen sie einfach zugrunde und ihr Boden fiel in die
Hände der benachbarten Großgrundbesitzer, die über genügend Kapital
verfügten, um die künstliche Bewässerung durchführen zu können. Im
anderen Fall schlossen sich die Bauern zusammen, vereinigten ihre Kräfte
für das gemeinsame Werk. Doch gingen diesen Genossenschaften früher oder
später die Mittel aus; anfangs dünkte sie dies ein vorübergehendes
Uebel, sie machten bei den großen Kapitalisten die ersten Anleihen.
Trotzdem ging es mit ihnen immer rascher bergab, die Prozente der
Anleihe vergrößerten ihre Ausgaben, führten unweigerlich zu neuen
Anleihen usw. Die bäuerlichen Genossenschaften unterlagen der
wirtschaftlichen Macht ihrer Gläubiger und gingen zugrunde, rissen ihre
Mitglieder, bisweilen hundert oder tausend Bauern, auf einmal mit sich.
Derart gelangte die urbar gemachte Erde in den Besitz etlicher tausend
großer Bodenkapitalisten; aber der innere Teil des Landes blieb eine
Wüste; hierher gelangte kein Wasser, und die einzelnen Kapitalisten
besaßen nicht genügend Mittel, um diese Landstriche zu bewässern. Als
die Staatsgewalt, die damals schon völlig demokratisch war, sich
gezwungen sah, diese Sache in die Hand zu nehmen, um das allzu zahlreich
werdende Proletariat zu beschäftigen und der sterbenden Bauernschaft zu
Hilfe zu kommen, verfügte selbst sie nicht über die zum Bau der
gigantischen Kanäle nötigen Mittel. Kapitalistische Syndikate wollten
die Sache übernehmen, -- doch war das ganze Volk dagegen, wohl wissend,
das dies eine Stärkung der Syndikate und deren Herrschaft bedeuten
würde. Nach langem Kampf und verzweifeltem Widerstand von seiten der
Bodenkapitalisten wurde eine große progressive Einkommensteuer auf
landwirtschaftliche Erzeugnisse eingeführt. Die durch diese Steuer
erzielten Summen wurden zum Fonds der ungeheuren Arbeit: des Baues der
Kanäle. Die Macht der Gutsbesitzer war gebrochen, und der Uebergang zur
Nationalisierung von Grund und Boden vollzog sich rasch. Damit
verschwanden auch die letzten Reste der Kleinbauern, da die Regierung im
eigenen Interesse ausschließlich den Großkapitalisten Land überlassen
hatte, so daß die landwirtschaftlichen Unternehmungen noch größer
geworden waren als zuvor. Nun wurden die hauptsächlichsten Kanäle
geschaffen, was zu einer mächtigen wirtschaftlichen Entwicklung führte
und die politische Vereinigung der Menschheit näher brachte. Dies
lesend, konnte ich nicht umhin, Menni meine Verwunderung darüber
auszudrücken, daß Menschenhände vermocht hatten, solche riesenhaften
Wasserwege zu erbauen, die selbst mit unseren mangelhaften Teleskopen
von der Erde aus gesehen werden konnten.
»Sie befinden sich in einem kleinen Irrtum«, erwiderte Menni. »Zwar sind
diese Kanäle tatsächlich ungeheuer groß, aber sie müßten noch um etliche
zehn Kilometer breiter sein, um von Eueren Astronomen unterschieden
werden zu können. Was diese sehen, sind die gewaltigen Waldstreifen, die
wir längs der Kanäle pflanzten, damit eine gleichmäßige Verdunstung der
Feuchtigkeit erzielt und das allzurasche Austrocknen des Wassers
verhindert werde.
Die Zeit der Kanalbauten brachte einen ungeheueren wirtschaftlichen
Aufschwung; die Industrie blühte und der Klassenkampf ebbte ab. Es gab
eine große Nachfrage nach Arbeitskräften, die Arbeitslosigkeit
verschwand völlig. Als jedoch das große Werk beendet war, und zusammen
mit ihm auch die kapitalistische Kolonisierung der wüsten Gegenden, kam
es bald zu einer wirtschaftlichen Krise, und die »soziale Welt« wurde
durchschaut. Die soziale Revolution brach aus. Und abermals spielte sich
alles verhältnismäßig friedlich ab; die Hauptwaffe der Arbeiter war der
Streik, und nur in seltenen Fällen und an einigen Orten, fast
ausschließlich in ländlichen Bezirken, kam es zu Aufständen. Schritt für
Schritt unterlagen die Grundbesitzer dem Unvermeidlichen; selbst als die
Regierungsgewalt schon in den Händen der Arbeiterpartei lag, versuchten
die Sieger nicht, ihre Sache mit Gewalt zu fördern.
Es gab, nachdem die Produktionsmittel sozialisiert worden waren, keine
Entschädigung im wahren Sinne des Wortes, doch wurden die Kapitalisten
pensioniert. Später spielten viele von ihnen bei der Organisation
kooperativer Unternehmungen eine große Rolle. Zuerst fiel es schwer, der
Schwierigkeit bei der Verteilung der Arbeit im Sinne der Arbeiter zu
begegnen. Ungefähr hundert Jahre bestand für alle, ausgenommen die
pensionierten Kapitalisten, die allgemeine Arbeitspflicht; zuerst der
Sechsstundentag; später wurde die Arbeitszeit verkürzt. Der Fortschritt
der Technik sowie die genaue Berechnung der freien Arbeit gestatteten,
bei dieser die letzten Ueberreste des alten Systems auszumerzen.«
Das ganze Bild war schön und harmonisch, nicht wie bei uns von Blut und
Pulverrauch befleckt; ich empfand unwillkürlich ein Gefühl des Neides
und sprach darüber mit Netti, da wir zusammen das Buch lasen.
»Ich weiß nicht«, meinte der Jüngling, »mir scheint, daß Sie unrecht
haben. Es ist wahr, daß auf der Erde die Gegensätze weit stärker sind,
und daß die Natur der Erde weit freigebiger Schläge und Tod verteilt,
als unser Mars. Doch ist dies vielleicht darauf zurückzuführen, daß der
Reichtum der Erde von allem Anfang an unvergleichlich größer war, als
der unsere; die bedeutend größere Sonne gibt ihr die lebendige Kraft.
Bedenken Sie, um wie viele Millionen Jahre unser Planet älter ist, als
der Euere; unsere Menschheit jedoch entstand bloß einige zehntausend
Jahre vor der Eueren, und ist letzterer heute vielleicht nur um zwei,
höchstens drei Jahrhunderte voraus. Ich stelle mir diese beiden
Menschheiten als zwei Brüder vor. Der ältere besitzt einen ruhigen,
gleichmäßigen Charakter, der Jüngere ist stürmisch und explosiv. Der
jüngere Bruder versteht es schlechter, seine Kräfte zu verwerten,
vergeudet sie, begeht mancherlei Fehler; seine Kindheit war voller
Krankheiten und unruhig. Jetzt, da er ins Jünglingsalter kommt, leidet
er unter qualvollen krampfartigen Anfällen. Wird er aber nicht zu einem
schaffenden Künstler werden, der weit größer und stärker ist, als der
ältere Bruder, wird er nicht dann unsere alte Natur weit schöner und
reicher gestalten? Ich weiß es nicht, doch scheint mir, daß dem so sein
wird.«