Die Menschen

Immer merklicher empfand ich den Verlust der Schwere. Das sich

steigernde Gefühl der Leichtigkeit hörte auf, angenehm zu sein. Es

vermischte sich mit einem Element des Mißtrauens, irgendeiner unklaren

Unruhe. Ich begab mich in meine Kammer und legte mich auf die Pritsche.

Zwei Stunden des ruhigen Liegens und angestrengten Nachdenkens ließen

mich unmerklich in Schlaf versinken. Als ich erwachte, saß Netti vor dem

Tisch. Mit einer unwillkürlichen heftigen Bewegung erhob ich mich vom

Lager, wurde gleichsam hochgeschleudert und prallte mit dem Kopf gegen

die Decke.

»Wenn man weniger als zwanzig Pfund wiegt, muß man vorsichtiger sein«,

bemerkte Netti in gutmütig philosophischem Ton.

Er hatte mich aufgesucht, um mir die nötigen Anweisungen zu geben, für

den Fall, daß ich »seekrank« würde. Tatsächlich fühlte ich bereits die

durch den Verlust der Schwere erzeugten ersten Symptome. Von meiner

Kajüte ging eine elektrische Schelle in die seine, so daß ich ihn immer

zu rufen vermochte, falls ich seines Beistandes bedurfte.

Ich benützte die Gelegenheit, um mit dem jungen Arzt zu plaudern; dieser

sympathische, gelehrte und dennoch so fröhliche junge Bursche zog mich

an. Ich fragte ihn, wie es komme, daß außer Menni von allen sich auf dem

Schiff befindlichen Marsbewohnern nur noch er meine Muttersprache könne.

»Dies ist ganz einfach«, erklärte er. »Als wir _Menschen suchten_,

wählte Menni für sich und mich Ihr Vaterland, und wir verbrachten

daselbst mehr als ein Jahr, bis es uns endlich gelang, mit Ihnen die

Angelegenheit zu erledigen.«

»Die andern suchten Menschen in anderen Ländern?«

»Selbstverständlich; bei allen größeren Völkern der Erde. Aber, es fiel,

wie Menni vorausgesehen hatte, in Ihrem Lande am leichtesten, jemanden

zu finden, denn bei Ihnen ist das Leben entschlossener und glühender,

die Menschen sind mehr als in anderen Ländern gezwungen, vorwärts zu

blicken. Nachdem wir einen Menschen gefunden hatten, benachrichtigten

wir die übrigen; sie kamen aus allen Ländern herbei, und wir traten die

Fahrt an.«

»Was verstehen Sie, persönlich, unter den Ausdrücken >einen Menschen

suchen< und >einen Menschen finden<? Ich begreife, daß es sich hier

darum handelte, ein Subjekt zu finden, das der vorgeschriebenen Rolle

entsprach, -- darüber hat mich Menni aufgeklärt. Es schmeichelt mir, daß

gerade ich gewählt wurde, doch möchte ich wissen, welchen Ursachen ich

dies verdanke.«

»In großen Umrissen vermag ich es Ihnen mitzuteilen. Wir brauchten einen

Menschen, dessen Natur äußerst gesund, aber auch schmiegsam und

anpassungsfähig ist, der für die verschiedenartigsten Arbeiten

Fähigkeiten besitzt, durch möglichst wenig persönliche Bande an die Erde

geknüpft und so wenig wie möglich individualistisch veranlagt ist.

Unsere Physiologen und Psychologen legten dar, daß der Uebergang aus den

Lebensbedingungen Ihrer Gesellschaft zu den Lebensbedingungen der

unseren, die sozialistisch organisiert ist, für den einzelnen Menschen

äußerst schwer sei und eine besonders günstige Anpassungsfähigkeit

erfordere. Menni entdeckte, daß Sie diese Ansprüche besser erfüllten,

als andere.«

»Und Mennis Ansicht war für Sie alle maßgebend?«

»Ja, wir haben völliges Vertrauen in sein Urteil. Er ist ein Mensch von

hervorragenden Kräften und klarem Verstand, der sich äußerst selten

irrt. Auch besitzt er mehr Erfahrungen und eine engere Verbindung mit

den Erdenmenschen, als irgendeiner von uns; er hat als erster diese

Verbindungen angeknüpft.«

»Wer eröffnete die Verbindung zwischen den Planeten?«

»Dies war nicht das Werk eines Einzelnen, sondern vieler. Die

Minus-Materie wurde schon vor etlichen zehn Jahren entdeckt. Doch

vermochten wir sie anfangs bloß in geringer Menge herzustellen,

bedurften hierzu der Kraft äußerst vieler Fabrikskollegen, um die Mittel

zu finden, durch die sie in größeren Mengen gewonnen werden konnte.

Dann galt es, die Technik der Gewinnung und Entwicklung der

radiumausstrahlenden Stoffe zu vervollkommnen, um den Motor des

Aetheroneff herstellen zu können. Dies nahm ebenfalls viele Kräfte in

Anspruch. Auch die klimatischen Verhältnisse zwischen den Planeten

verursachten große Schwierigkeiten: die furchtbare Kälte, sowie die

brennende Sonnenhitze, die Unmöglichkeit, die umhüllende Luft zu

temperieren. Desgleichen war die Berechnung des Weges sehr schwer; es

unterliefen dabei Fehler, die man nicht hatte voraussehen können. Mit

einem Wort: die früheren Expeditionen nach der Erde endeten mit dem Tod

aller Teilnehmer, bis es endlich Menni gelang, die erste erfolgreiche

Expedition zu organisieren. Jetzt jedoch gelang es uns unlängst, dank

seiner Methode, auch die Venus zu erreichen.«

»Wenn dem so ist, dann ist Menni wahrlich ein großer Mensch«, sprach

ich.

»Wenn es Ihnen beliebt, einen Menschen, der tatsächlich viele und gute

Arbeit geleistet hat, so zu nennen.«

»Nicht dies wollte ich sagen: viele und gute Arbeit vermögen auch

vollkommen gewöhnliche Leute zu leisten, genaue, pflichttreue Menschen.

Menni jedoch ist offensichtlich etwas ganz anderes: er ist ein Genie,

ein schöpferischer Mensch, der Neues gibt und die Menschheit vorwärts

bringt.«

»Was Sie da sagen, ist unklar und unrichtig. Jeder Arbeiter ist ein

schöpferischer Mensch, aber in jedem Arbeiter schaffen die ganze

Menschheit und die Natur. Besaß denn Menni nicht alle Versuche

vorhergegangener Geschlechter, und auch die seiner Zeitgenossen,

benützte er nicht bei jedem Schritt seiner Arbeit diese Versuche? Gab

ihm die Natur nicht alle Elemente, alle von ihr hervorgebrachten

Kombinationen? Hat nicht gerade der Kampf des Menschen gegen die Natur

den lebendigen Anstoß zu neuen Kombinationen gegeben? Der Mensch ist

persönlich, -- aber sein Werk ist unpersönlich. Der Mensch stirbt früher

oder später, -- das Werk jedoch bleibt im unermeßlich sich entwickelnden

Leben bestehen. Hierin gleichen sich alle Arbeiter, der Unterschied

besteht nur darin, was von ihrem Schaffen sie überlebt, was im Leben

weiterbesteht.«

»Ja, aber zum Beispiel: der Name eines Menschen wie Menni stirbt nicht

zusammen mit ihm, sondern lebt weiter in der Erinnerung der Menschheit,

während unzählige andere Namen völlig verschwinden.«

»Der Name eines jeden wird so lange vor dem Vergessen bewahrt, wie jene

leben, die zusammen mit ihm lebten und ihn kannten. Die Menschheit

bedarf keineswegs der toten Symbole der Persönlichkeit, wenn diese nicht

mehr ist. Unsere Wissenschaft und unsere Kunst bewahrt auf unpersönliche

Art das, was von der allgemeinen Arbeit geschaffen wurde. Der Ballast

vergangener Namen ist nutzlos für das Gedächtnis der Menschheit.«

»Sie haben recht, aber das Gefühl unserer Welt lehnt sich gegen diese

Logik auf. Für uns sind die Namen der Meister des Gedankens und der

Werke lebendige Symbole, ohne die weder unsere Wissenschaft, noch unsere

Kunst, noch unser ganzes gesellschaftliches Leben zu bestehen

vermöchten. Im Kampf der Gewalt gegen die Ideen bedeutet der auf den

Fahnen stehende Name häufig mehr, als die gegebene Losung. Und der Name

des Genies ist wahrlich kein Ballast für unser Gedächtnis.«

»Dies kommt daher, weil für Euch das einzige Werk der Menschheit noch

nicht das einzige Werk ist; in den durch den Kampf der Menschen

hervorgebrachten Illusionen wird das Werk scheinbar zerstückelt,

erscheint Euch als Werk einzelner Menschen und nicht der Menschheit.

Auch mir fiel es schwer, mich an Euere Auffassung zu gewöhnen, als ich

nach Ihnen suchte.«

»Nun, möge dies gut oder schlecht sein, bei Ihnen gibt es also keine

Unsterblichen. Aber die Sterblichen hier sind wohl alle auserlesen von

jenen, die >viele und gute Arbeit leisten<, nicht wahr?«

»Im allgemeinen: ja. Menni wählte die Genossen aus vielen Tausenden

heraus, die den Wunsch hegten, mit ihm zu gehen.«

»Der gröbste und kräftigste von allen dürfte wohl Sterni sein?«

»Ja, wenn Sie hartnäckig darauf bestehen wollen, die Leute zu messen und

zu vergleichen. Sterni ist ein hervorragender Gelehrter, wenngleich von

ganz anderer Art, als Menni. Er ist Mathematiker. Er war es auch, der

eine ganze Anzahl jener Berechnungsfehler entdeckte, denen zufolge alle

vorherigen Expeditionen nach der Erde mißglückten, er bewies, daß selbst

wenige dieser Fehler genügten, um den Untergang der Menschen und des

Werkes herbeizuführen. Er fand neue Berechnungsmethoden, und von dieser

Zeit an sind die Berechnungen fehlerlos.«

»So stellte ich ihn mir nach Mennis Worten und meinem ersten Eindruck

vor. Trotzdem, es ist mir selbst unbegreiflich, erweckt sein Anblick in

mir ein unbehagliches Gefühl, eine unbegründete Unruhe, eine Art

sinnlose Antipathie. Können Sie mir, Doktor, dafür eine Erklärung

geben?«

»Sehen Sie, Sterni hat einen starken, aber kalten, vor allem:

analysierenden Verstand. Er zergliedert alles auf unerbittliche,

folgerichtige Art, seine Schlüsse jedoch sind oft einseitig, bisweilen

außerordentlich streng, denn die Analyse der einzelnen Teile ergibt

nicht das Ganze, sondern weniger als das Ganze. Sie wissen, daß überall,

wo Leben besteht, das Ganze größer ist, als seine einzelnen Teile, und

so ist denn auch der lebendige menschliche Körper größer, als dessen

einzelne Glieder. Die Folge dieser Charaktereigenschaften ist, daß

Sterni sich weit weniger als andere in die Stimmung und die Gedanken

anderer Leute zu versetzen vermag. Er wird Ihnen stets gerne bei jenen

Dingen behilflich sein, die Sie ihm selbst klar machen, niemals aber

wird er erraten, was Sie brauchen. Dies hängt natürlich auch damit

zusammen, daß seine Aufmerksamkeit fast immer völlig von der Arbeit in

Anspruch genommen wird, sein Kopf stets von irgend einer schweren

Aufgabe erfüllt ist. Darin unterscheidet er sich von Menni in hohem

Maße: dieser sieht immer alles ringsum, und mehr als einmal erklärte er

mir, wonach ich selbst verlangte, was mich beunruhigte, was mein

Verstand oder mein Gefühl suchte.«

»Wenn die Dinge so stehen, so muß Sterni uns widerspruchsvollen,

fehlerhaften Erdenmenschen gegenüber doch Feindseligkeit empfinden?«

»Feindseligkeit! Nein, dieses Gefühl ist ihm fremd. Aber ich glaube:

starken Skeptizismus. Er verbrachte ein halbes Jahr in Frankreich und

telegraphierte an Menni: >Hier hat es keinen Sinn, zu suchen.<

Vielleicht hatte er zum Teil recht, denn auch Letta, der mit ihm war,

fand keinen entsprechenden Menschen. Aber seine Charakteristik der Leute

jenes Landes war bei weitem strenger, als jene Lettas, und

selbstverständlich auch viel einseitiger, wenngleich sie nichts

tatsächlich Unwahres enthielt.«

»Wer ist dieser Letta, von dem Sie sprechen? Ich entsinne mich seiner

nicht.«

»Ein Chemiker, Mennis Gehilfe; er gehört nicht zu den Jüngsten, ist auf

unserem Aetheroneff der älteste. Mit ihm werden Sie sich leicht

verständigen können, und dies wird für Sie sehr nützlich sein. Er

besitzt einen weichen Charakter und viel Verständnis für eine fremde

Seele, obgleich er nicht, wie Menni, Psychologe ist. Suchen Sie ihn im

Laboratorium auf; er wird sich darüber freuen und Ihnen allerlei

Interessantes zeigen.«

In diesem Augenblick fiel mir ein, daß wir uns von der Erde schon weit

entfernt hatten, und es verlangte mich, sie zu betrachten. Wir begaben

uns zusammen in einen der mit großen Fenstern versehenen Seitensäle.

»Werden wir uns nicht dem Mond nähern?«, erkundigte ich mich im Gehen.

»Nein, der Mond bleibt weit abseits liegen, und dies ist recht schade.

Auch ich sähe den Mond gerne aus der Nähe. Von der Erde aus erschien er

mir so seltsam. Groß, kalt, langsam, rätselhaft ruhig, gleicht er nicht

im geringsten unseren zwei kleinen Monden, die so eilig am Himmel

dahinrennen, und ihre Gesichtchen so rasch verändern wie lebhafte

launische Kinder. Auch Euere Sonne ist bei weitem leuchtender, darin

seid Ihr glücklicher als wir. Euere Welt ist doppelt so hell als unsere,

deshalb bedürft Ihr auch nicht derartiger Augen, wie wir, braucht nicht

die großen Pupillen, um das schwache Licht unserer Tage und unserer

Nächte aufzufangen.«

Wir setzten uns ans Fenster. In der Ferne glänzte die Erde wie eine

ungeheuere Sichel, auf der bloß die Umrisse Westamerikas und des

nordöstlichen Asiens als dunkle Flecke erkennbar waren; auch ein Teil

des Stillen Ozeans war sichtbar, und ein heller Fleck: das Nördliche

Eismeer. Der Atlantische Ozean und die alte Welt versanken in Nacht,

konnten am verschwommenen Rand der Sichel bloß erraten werden, denn der

unsichtbare Teil der Erde verbarg die Sterne im ungeheuren Raum. Unsere

schiefe Bahn, sowie die Drehung der Erde um ihre Achse, verursachten

dieses veränderte Bild.

Ich blickte hinab, und mir wurde schwer ums Herz, weil ich nicht mehr

meine Heimat sah, wo so viel Leben, Kampf und Leiden herrschen, wo ich

noch gestern in den Reihen der Genossen stand, und wo heute ein anderer

meine Stelle einnimmt. Zweifel schlichen sich in meine Seele.

»Dort unten fließt Blut«, sprach ich. »Hier jedoch ist aus dem gestrigen

Arbeiter ein beschaulicher Betrachter geworden.«

»Das Blut fließt um einer besseren Zukunft willen«, entgegnete Netti.

»Und dieser Kampf fordert das _Kennen_ einer besseren Zukunft. Um diese

Kenntnisse zu erwerben, sind Sie hier.«

Von unwillkürlicher Bewegung erfaßt, griff ich nach seiner kleinen, fast

kindlichen Hand.

Der rote Stern: Ein utopischer Roman · 第 15 / 48 题