Nach dem Frühstück forderte mich Menni auf, unser »Schiff« zu
besichtigen. Vor allem begaben wir uns in den Maschinenraum. Dieser nahm
das unterste Stockwerk des Aetheroneff ein -- stieß direkt an dessen
verdichteten Boden und bildete die Scheidewand zwischen fünf Zimmern --
das eine in der Mitte, die anderen an den Seiten gelegen. Inmitten des
zentralen Raumes erhob sich der Treibmotor, an seinen vier Seiten von in
den Boden eingelassenen runden Glasfenstern umgeben; das eine Fenster
bestand aus reinem Kristall, die anderen waren bunt gefärbt; das Glas
hatte eine Dicke von etwa drei Zentimetern und war außerordentlich
durchsichtig. Im gegebenen Augenblick vermochten wir durch diese Fenster
bloß einen Teil der Erdoberfläche zu sehen.
Die Basis der Maschine bildete ein vertikaler Metallzylinder, drei Meter
hoch und einen halben Meter im Durchmesser. Menni erklärte mir, dieser
Zylinder bestehe aus Osmium, einem schwer schmelzenden Edelmetall, aus
der Gruppe des Platins. In diesem Zylinder ging die Zerlegung der
radiumausstrahlenden Stoffe vor sich; die zwanzig Zentimeter dicken
Wände bewiesen zur Genüge die bei diesem Prozeß entwickelten Energien.
Im Raum herrschte keine besondere Hitze; der ganze Zylinder war von zwei
großen, breiten, aus irgendeinem durchsichtigen Material bestehenden
Futteralen umgeben. Diese Futterale schützten vor der Hitze; beide
vereinigten sich unter der Decke zu einem Rohr, aus dem die erhitzte
Luft nach allen Seiten ausströmte und den Aetheroneff gleichmäßig
»heizte«.
Die übrigen Teile der Maschine waren durch verschiedene Zylinder
miteinander verbunden, bestanden aus elektrischen Spulen, Akkumulatoren,
einem Meßapparat mit Zifferblatt usw. Alles befand sich in tadelloser
Ordnung, und verschiedene Spiegel gestatteten dem diensthabenden
Maschinisten, den ganzen Umkreis zu überblicken, ohne sich von seinem
Lehnstuhl zu erheben.
Von den Seitenstuben war die eine das »astronomische« Zimmer, rechts und
links von diesem befanden sich der »Wasserraum« und der »Sauerstoffraum«
und auf der entgegengesetzten Seite der »Rechenraum«. Im astronomischen
Zimmer waren der Fußboden und die Wände aus dickem Kristall; das in
geometrischen Formen geschliffene Glas zeigte ideale Reinheit. Die
Durchsichtigkeit dieses Glases war so groß, daß ich, während ich Menni
über die Schwebebrücke folgte und hinabblickte, zwischen mir und dem
Abgrund unter uns nichts sah; ich mußte die Augen schließen, um nicht
von qualvollem Schwindel überwältigt zu werden. Ich bemühte mich,
seitwärts, nach den Instrumenten zu schauen, die sich zwischen der
Brücke auf Stativen befanden, oder sich von der Decke und der Außenwand
herabsenkten. Das Hauptteleskop war etwa zwei Meter lang, die Linse von
unproportionierter Größe und augenscheinlich von einer entsprechenden
optischen Stärke.
»Als Ferngläser verwenden wir nur Diamanten«, sagte Menni. »Sie geben
ein bedeutend größeres Gesichtsfeld.«
»Wie stark ist die gewöhnliche Vergrößerung dieses Teleskops?« fragte
ich.
»Die klare Vergrößerung beträgt etwa das Sechshundertfache«, entgegnete
Menni. »Genügt uns dies nicht, so photographieren wir das Gesichtsfeld
und betrachten die Photographie unter dem Mikroskop. Derart vermögen wir
eine sechzigtausendfache und noch bedeutendere Vergrößerungen zu
erzielen, und das Photographieren nimmt kaum eine Minute Zeit in
Anspruch.«
Menni forderte mich auf, durch das Teleskop die entschwindende Erde zu
betrachten und stellte es ein.
»Die Entfernung beträgt nun ungefähr zweitausend Kilometer«, erklärte
er. »Wissen Sie, was vor Ihnen liegt?«
Mit einem Mal erkannte ich den Hafen der skandinavischen Hauptstadt, die
ich häufig in Parteiangelegenheiten besucht hatte ... Es interessierte
mich, die Dampfer in der Reede zu betrachten. Menni drehte einen an der
Seite befestigten Griff, setzte anstelle des Fernrohrs den
photographischen Apparat, nahm dann nach wenigen Sekunden Teleskop und
Apparat und schob beide in eine riesenhafte, in der Ecke stehende
Vorrichtung, die sich als Mikroskop erwies.
»Wir entwickeln und fixieren das Bild dort«, sprach er, ohne die Platte
mit den Händen zu berühren. Nach wenigen belanglosen Griffen, die
höchstens eine halbe Minute währten, schob er das Mikroskop vor mich
hin. Mit verblüffender Klarheit sah ich einen mir bekannten, einer
nordischen Gesellschaft gehörenden Dampfer; er schien sich etliche zehn
Schritte von mir entfernt langsam zu bewegen; im kreisenden Licht war
das Bild reliefartig und hatte eine völlig natürliche Färbung. Auf der
Brücke stand der grauhaarige Kapitän, mit dem ich auf meinen Fahrten
häufig geplaudert hatte. Ein Matrose, der eine Kiste an Deck schleppte,
blieb plötzlich stehen, neben ihm ein Passagier, der mit der Hand auf
etwas wies. Und all dies war zweitausend Kilometer entfernt ...
Ein junger Marsbewohner, Sternis Gehilfe, betrat den Raum. Er mußte über
die vom Aetheroneff zurückgelegte Strecke eine genaue Messung anstellen.
Wir wollten ihn in seiner Arbeit nicht stören und begaben uns weiter, in
den »Wasserraum«. Dort befanden sich ein ungeheures mit Wasser gefülltes
Reservoir und große Filtrierapparate. Eine Anzahl Röhren leitete das
Wasser durch den ganzen Aetheroneff.
Nun betraten wir den »Rechenraum«. Hier standen für mich unverständliche
Maschinen mit unzähligen Zifferblättern und Zeigern. Sterni arbeitete an
der größten Maschine. Von dieser hing ein langes Band nieder,
augenscheinlich das Resultat der Berechnungen. Die auf dem Band
stehenden, sowie die auf den Zifferblättern sich befindenden Zeichen
waren mir völlig unbekannt. Ich wollte Sterni nicht stören, empfand
überhaupt keine Lust, mit ihm zu sprechen. Rasch verließen wir diesen
Raum und betraten die letzte Seitenstube.
Diese war der »Sauerstoffraum«. Hier wurden die Sauerstoffvorräte
aufbewahrt, in der Gestalt von fünfundzwanzig Tonnen Bertholetschen
Salzen, aus denen, durch eine entsprechende Methode, bis zu zehntausend
Kubikmetern Sauerstoff hergestellt werden konnten, eine genügende Menge
für einige Fahrten gleich der unseren. Hier befanden sich auch die
Apparate zur Spaltung der Salze, sowie Vorräte von Bariumoxyd und
Aetzkali, die die Bestimmung hatten, der Luft die Kohlensäure zu
entziehen, Vorräte von Schwefel-Anhydrid zur Absorbierung der
überschüssigen Feuchtigkeit und des Leuhomain, -- jenes durch das Atmen
erzeugten physiologischen Giftes, das unvergleichlich gefährlicher ist,
als die Kohlensäure. Dieser Raum unterstand Dr. Netti.
Dann kehrten wir in den mittleren Maschinenraum zurück, fuhren mit einem
kleinen Aufzug ins höchste Stockwerk des Aetheroneff. Hier war der
Mittelraum als zweites Observatorium eingerichtet; es glich in allem dem
unteren Raum, nur daß hier die Kristallhülle sich oben und nicht unten
befand, und daß die Instrumente größere Dimensionen hatten. Aus diesem
Observatorium vermochte man die andere Hälfte der Himmelssphäre zu
sehen, und die Planeten zu bestimmen. Der Mars leuchtete mit seinem
roten Licht etwas abseits vom Zenith. Menni richtete auf ihn das
Teleskop, und ich erblickte die mir durch Schiaparellis Landkarten
bekannten Konturen, die Meere und Kanäle. Menni photographierte den
Planeten und legte unter das Mikroskop eine detaillierte Karte. Doch
vermochte ich von dieser ohne Mennis Erklärungen nichts zu verstehen:
die Flecken der Städte, Wälder und Seen unterschieden sich voneinander
durch für mich unmerkliche und unverständliche Einzelheiten.
»Wie groß ist die Entfernung?« fragte ich.
»Verhältnismäßig gering; sie beträgt ungefähr hundert Millionen
Kilometer.«
»Weshalb befindet sich der Mars nicht im Zenith der Kuppel? Fliegen wir
denn nicht geradewegs, sondern seitlich auf ihn zu?«
»Ja, anders geht es nicht. Indem wir uns von der Erde fortbewegen,
bewahren wir unter anderem durch die Kraft der Trägheit auch die
Geschwindigkeit, mit der die Erde um die Sonne kreist, das heißt,
dreißig Kilometer in der Sekunde. Die Geschwindigkeit des Mars jedoch
beträgt vierundzwanzig Kilometer, und flögen wir perpendikular in der
Bahn zwischen Mars und Erde, so würden wir mit der restlichen
Geschwindigkeit von sechs Kilometern in der Sekunde gegen die Oberfläche
des Mars stoßen. Dies darf nicht geschehen, wir müssen deshalb den
krummlinigen Pfad wählen, damit die überflüssige Geschwindigkeit ins
Gleichgewicht kommt.«
»Wie lange ist in diesem Fall unser Weg?«
»Etwa hundertsechzig Millionen Kilometer. Die zur Zurücklegung dieser
Strecke nötige Zeit beträgt im Mindestfall zweieinhalb Monate.«
Wäre ich nicht Mathematiker gewesen, so hätten diese Zahlen meinem
Herzen nichts gesagt. So jedoch erweckten sie in mir ein dem Alpdruck
ähnliches Gefühl, und ich beeilte mich, den astronomischen Raum zu
verlassen. Die sechs Seitenabteilungen des obersten Abschnitts umgaben
ringförmig das Observatorium; sie hatten keine Fenster, und ihre Decke,
die ein Teil der Oberfläche der Kugel war, neigte sich fast zum Fußboden
hinab. An der Decke waren große Reservoire für die Minus-Materie
angebracht, deren Repulsion alles auf dem Aetheroneff zu paralysieren
vermochte.
Die mittleren Stockwerke, das dritte und vierte, umfaßten Säle,
Laboratorien für die einzelnen Mitglieder der Expedition, Kajüten,
Baderäume, die Bibliothek, den Turnsaal usw.
Nettis Kajüte befand sich neben der meinen.