Wie interessant auch immer die »Ungeheuer« sein mochten, so wurde meine
Aufmerksamkeit dennoch unwillkürlich von ihnen abgelenkt und richtete
sich auf den feierlichen, immer näher kommenden Augenblick der
»Abfahrt«. Ich starrte beharrlich auf die sich vor uns dehnende
schneeige Fläche und nach der steil aufragenden Granitwand. Jeden
Augenblick erwartete ich, einen starken Stoß zu verspüren, glaubte,
alles werde rasch zurückbleiben, in weiter Ferne verschwimmen. Doch
wurde ich in meiner Erwartung enttäuscht.
Eine geräuschlose, langsame, kaum wahrnehmbare Bewegung entfernte uns
ein wenig von der Schneeplatte. Nach etlichen Sekunden erst wurde der
Aufstieg bemerkbar.
»Eine Beschleunigung von zwei Zentimeter«, erklärte Menni.
Ich verstand, was dies bedeute. In der ersten Sekunde legten wir einen
Zentimeter zurück, in der zweiten drei, in der dritten fünf, in der
vierten sieben usw. Die Geschwindigkeit veränderte sich unablässig,
entwickelte sich nach dem Gesetz der arithmetischen Progression. In vier
Minuten hatten wir die Schnelligkeit eines gehenden Menschen, in
fünfzehn die eines Personenzuges erreicht usw.
Wir bewegten uns dem Gesetze der Schwerkraft zufolge, doch fielen wir
hinauf, und zwar um fünfhundertmal langsamer, als auf der Erde ein
Körper von gewöhnlicher Schwere fällt.
Die Glasplatte des Fensters begann sich vom Feld zu erheben, bildete mit
diesem einen stumpfen Winkel, analog der Kugelform des Aetheroneff,
dessen einer Teil nun sichtbar wurde. Wir vermochten, uns vorneigend,
all das zu sehen, was sich gerade unter uns befand.
Immer rascher sank die Erde unter uns nieder, immer weiter ward der
Horizont. Die dunklen Flecken der Felsen und Dörfchen wurden kleiner,
die Umrisse des Sees zeichneten sich ab wie auf einem Plan. Der Himmel
aber ward immer dunkler; während ein blauer dem Meer gleichender
Streifen den westlichen Horizont überzog, vermochten meine Augen trotz
dem Tageslicht die heller leuchtenden großen Sterne zu unterscheiden.
Die äußerst langsame, kreisende Bewegung des Aetheroneff um die eigene
vertikale Achse gestattete uns, den ganzen Raum ringsum zu überblicken.
Es deuchte, als erhebe sich der Horizont zusammen mit uns, die
Erdoberfläche erschien als ungeheuere, ausgehöhlte, mit Reliefs
geschmückte Schüssel. Die Konturen wurden verschwommener, die Reliefs
flacher, immer mehr nahm die Landschaft den Charakter einer Landkarte
an, scharf gezeichnet in der Mitte, verschwommen und unklar an den
Rändern, die von halbdurchsichtigem, bläulichem Nebel bedeckt waren. Der
Himmel wurde immer schwärzer, und zahllose Sterne, dicht gesät,
funkelten ungetrübt in ihrem stillen Licht, nicht fürchtend die
strahlende Sonne, deren Helle schier schmerzhaft brannte.
»Sagen Sie mir, Menni, wird sich diese Beschleunigung von zwei
Zentimetern, mit der wir uns jetzt bewegen, bis ans Ende der Reise
erhalten?«
»Ja«, entgegnete er. »Nur daß die Richtung etwa auf halbem Weg ins
Gegenteil umschlägt, wir mit jeder Sekunde die Geschwindigkeit nicht
beschleunigen, sondern verzögern. So daß diese, wenn die höchste
Geschwindigkeit des Aetheroneff ungefähr fünfzig Kilometer in der
Sekunde beträgt, die mittlere aber fünfundzwanzig Kilometer, im
Augenblick der Ankunft abermals ebenso gering ist, wie sie im Augenblick
der Abfahrt war. Dies ermöglicht uns, ohne Stoß und Erschütterungen an
der Oberfläche des Mars zu landen. Ohne diese ungeheuerliche wechselnde
Geschwindigkeit vermöchten wir niemals weder die Erde, noch die Venus zu
erreichen, denn sogar die kürzeste Strecke beträgt sechzig bis hundert
Millionen Kilometer, -- bei der Geschwindigkeit, sagen wir, Ihrer
Erdeneisenbahnen würde eine derartige Reise ein Jahrhundert, aber nicht,
wie in unserem Fall, Monate währen. Was den »Schuß mit der Kanonenkugel«
anbelangt, über den ich in Eueren phantastischen Romanen las, so ist
dies selbstverständlich ein bloßer Scherz, denn den Gesetzen der
Mechanik zufolge gäbe es dabei nur eine praktische Möglichkeit --
entweder sich im Augenblick des Schusses im Inneren der Kanonenkugel zu
befinden, oder sie im eigenen Inneren zu haben.«
»Auf welche Art erhalten Sie diese gleichmäßige Beschleunigung und
Verlangsamung?«
»Die bewegende Kraft des Aetheroneff ist einer jener
radiumausstrahlenden Stoffe, die uns in großen Mengen hervorzubringen
gelang. Wir fanden ein Mittel, um die Zerlegung der Elemente ums
Hunderttausendfache zu beschleunigen; dies geschieht in unseren Motoren
durch ein äußerst einfaches elektrisches Verfahren. Durch unsere Methode
wird eine ungeheure Menge Energie entbunden. Die Teilchen der
zerfallenden Atome besitzen im Flug, wie Ihnen bekannt ist, eine
zehntausendmal größere Geschwindigkeit, als das Artilleriegeschoß. Wenn
diese Teile nun aus dem Aetheroneff bloß nach einer einzigen bestimmten
Richtung fliegen können, -- das heißt, durch einen einzigen Kanal
zwischen den sonst undurchdringlichen Wänden, -- dann bewegt sich der
Aetheroneff in der entgegengesetzten Richtung, wie der Rückschlag beim
Gewehr. Da Ihnen das Gesetz der lebendigen Kraft bekannt ist, werden Sie
ja auch wissen, daß ein unbedeutender, milligrammgroßer Teil pro Sekunde
völlig genügt, um unserem Aetheroneff die regelmäßige Beschleunigung zu
verleihen.«
Während wir also redeten, hatten sich die übrigen Marsbewohner entfernt.
Menni forderte mich auf, mit ihm in seiner Kajüte zu frühstücken. Wir
gingen zusammen hin. Die Kajüte glich den Wänden des Aetheroneff, auch
sie hatte das gleiche große Kristallfenster. Wir frühstückten. Ich
wußte, daß mir neue, noch nie empfundene Gefühle bevorstanden, da ich ja
die Schwere meines Körpers verlieren würde. Ich befragte Menni darüber.
»Ja«, erwiderte er. »Obgleich uns die Sonne noch immer anzieht, so ist
doch hier ihre Anziehungskraft eine sehr geringe. Und auch jene der Erde
wird morgen oder übermorgen unmerklich werden. Nur dank der stets
zunehmenden Geschwindigkeit des Aetheroneff bleibt uns ein
Vierhundertstel, mindestens ein Fünfhundertstel unseres Gewichtes
bewahrt. Es fällt ein wenig schwer, sich zum ersten Mal daran zu
gewöhnen, obwohl die Veränderung ganz allmählich vor sich geht. Mit
zunehmender Leichtigkeit werden Sie Ihre Geschicklichkeit verlieren,
eine Menge falscher, nicht berechneter Bewegungen machen, über das Ziel
hinausschießen. Was das unvermeidliche Herzklopfen, das Schwindelgefühl
und die Uebelkeit anbelangt, so wird Ihnen Netti darüber hinweghelfen.
Es wird Ihnen auch schwer fallen, Wasser und andere Flüssigkeiten zu
handhaben, die beim leichtesten Anstoß aus dem Gefäß fließen und sich
überallhin verbreiten. Doch waren wir nach Kräften bemüht, derartige
Unbequemlichkeiten zu vermeiden und abzuschwächen. Möbel und Gefäße sind
an Ort und Stelle befestigt, die Flüssigkeiten verkorkt, überall
befinden sich Griffe und Riemen, um den unfreiwilligen Sturz zu
verhindern, der bei rascherer Bewegung leicht vorkommt. Sie werden sich
schon daran gewöhnen, haben hierzu genügend Zeit.«
Seit der Abfahrt waren etwa zwei Stunden verflossen. Schon war die
verminderte Schwere fühlbar, doch war diese Empfindung bis jetzt noch
angenehm: der Körper fühlte Leichtigkeit, die Bewegungen waren frei und
ungehemmt, dies war alles. Dem atmosphärischen Druck wichen wir völlig
aus; er kümmerte uns nicht, besaßen wir doch in unserem hermetisch
verschlossenen Schiff einen genügenden Vorrat an Sauerstoff. Das uns
sichtbare Erdgebiet glich immer mehr einer Landkarte im verkleinerten
Maßstab. Im Süden, am Mittelländischen Meer, waren zwischen dem blauen
Dunst Nordafrika und Arabien klar ersichtlich, im Norden, über
Skandinavien, verlor sich der Blick in schneeigen vereisten Leeren, nur
die Felsen Spitzbergens dunkelten als schwarze Flecke empor. Im Osten,
im grüngestreiften Ural, wurde das Grün von weißen Schneeflecken
durchbrochen, hier herrschte wieder völlig das weiße Licht, vermischt
mit leichtem, grünlichem Schimmer, eine zärtliche Erinnerung an die
ungeheueren Nadelwälder Sibiriens. Im Westen verloren sich in den hellen
Konturen Mitteleuropas die Küste von England und Nordfrankreich. Ich
vermochte nicht lange auf dieses gigantische Bild zu blicken; der
Gedanke an die schauerliche Untiefe, über der wir schwebten, erweckte in
mir ein ohnmachtsnahes Gefühl. Ich wandte mich abermals an Menni.
»Sind Sie der Kapitän dieses Schiffes?«
Menni nickte bejahend und erwiderte:
»Doch bedeutet dies keineswegs, daß ich über die Macht eines
Kommandanten verfüge, wie dies Ihrer irdischen Auffassung entspräche.
Ich habe bloß in der Führung des Aetheroneff mehr Erfahrung als die
anderen; meine Verfügungen in dieser Hinsicht werden berücksichtigt, wie
ich Sternis astronomische Berechnungen annehme, oder wie wir Nettis
medizinische Ratschläge zur Erhaltung unserer Gesundheit und
Arbeitskraft befolgen.«
»Wie alt ist Doktor Netti? Er dünkte mich äußerst jung.«
»Ich erinnere mich nicht genau, sechzehn oder siebzehn«, entgegnete
Menni lächelnd.
Das hatte auch ich gedacht. Staunte aber über eine derart junge
Gelehrsamkeit.
»In diesem Alter bereits Arzt sein!«, entfuhr es mir unwillkürlich.
»Und fügen Sie hinzu: ein äußerst geschickter und erfahrener Arzt«,
ergänzte Menni.
Damals überlegte ich nicht, -- und Menni erinnerte mich absichtlich
nicht daran, -- daß die Marsjahre fast doppelt so lang sind, wie die
unseren: der Mars umkreist die Sonne in 686 Erdentagen und Nettis
sechzehn Jahre kamen etwa dreißig Erdenjahren gleich.