Die Erklärung

Als ich erwachte und meine Stube erhellte, war es zehn Uhr. Nachdem ich

mich angekleidet hatte, drückte ich auf die Schelle, und gleich darauf

betrat Menni das Zimmer.

»Werden wir bald abfahren?« fragte ich.

»In einer Stunde«, erwiderte Menni.

»Kamen Sie heute Nacht zu mir, oder träumte ich dies nur?«

»Es war kein Traum, doch kam nicht ich zu Ihnen, sondern unser junger

Arzt Netti. Sie schliefen unruhig und gequält, er mußte Sie mit Hilfe

des blauen Lichtes und der Hypnose einschläfern.«

»Ist er Ihr Bruder?«

»Nein«, entgegnete Menni lächelnd.

»Sie sagten mir noch nie, welcher Nation Sie angehören. Sind auch Ihre

übrigen Genossen vom gleichen Typus, wie Sie?«

»Ja«, antwortete Menni.

»Dies bedeutet, daß Sie mich betrogen haben«, sprach ich scharf. »Hier

handelt es sich nicht um eine wissenschaftliche Gesellschaft, sondern um

etwas ganz anderes?«

»Ja«, erwiderte Menni gelassen. »Wir alle sind Bewohner eines anderen

Planeten, gehören einer andersgearteten Menschheit an. Wir sind --

Marsbewohner.«

»Weshalb betrogen Sie mich?«

»Hätten Sie mich angehört, wenn ich Ihnen mit einem Male die ganze

Wahrheit gesagt haben würde? Ich hatte äußerst wenig Zeit, um Sie zu

überzeugen. Deshalb mußte ich um der Wahrscheinlichkeit willen die

Wahrheit fälschen. Ohne diesen Uebergang wäre Ihr Bewußtsein allzusehr

erschüttert worden. In der Hauptsache aber -- was diese unsere Reise

anbelangt -- sprach ich die Wahrheit.«

»Ich bin also dennoch Ihr Gefangener?«

»Nein, noch sind Sie frei. Es bleibt Ihnen eine Stunde Zeit, Ihren

Entschluß zu fassen. Wollen Sie die Fahrt aufgeben, so werden wir Sie

zurückbringen und unsere Reise aufgeben, denn es hätte für uns keinen

Sinn, allein heimzukehren.«

»Wozu brauchen Sie mich?«

»Um ein lebendiges Band zwischen uns und der irdischen Menschheit

herzustellen. Damit Sie unsere Lebensordnung kennen lernen und den

Marsbewohnern die nähere Bekanntschaft mit der irdischen Ordnung

vermitteln, damit Sie, falls Ihnen dies erwünscht ist, in unserer Welt

Vertreter Ihres Planeten seien.«

»Ist dies nun bereits die volle Wahrheit?«

»Ja, die volle Wahrheit. Falls Sie die Kraft fühlen, diese Rolle

durchzuführen.«

»In einem solchen Fall muß ich es eben versuchen. Ich bleibe bei Ihnen.«

»Ist dies Ihr endgültiger Entschluß?« fragte Menni.

»Ja, wenn nicht auch diese letzte Erklärung irgend eine Art Uebergang

bedeutet.«

»Also wir reisen«, sprach Menni, ohne meine Stichelei zu beachten. »Ich

gehe noch, um dem Maschinisten einige Weisungen zu erteilen, dann komme

ich wieder und wir wollen zusammen die Abfahrt des Aetheroneff

beobachten.«

Er verließ das Zimmer, und ich blieb von den verschiedensten Gedanken

bewegt zurück. Noch war die Erklärung nicht vollständig. Es blieb eine

recht bedeutsame Frage übrig. Doch konnte ich mich nicht entschließen,

sie an Menni zu stellen. Hatte er bewußt, wissentlich meinen Bruch mit

Anna Nikolajewna herbeigeführt? Mir erschien dies so. Wahrscheinlich sah

er in ihr ein Hindernis für seine Ziele. Vielleicht mit Recht. Doch

hatte er den Bruch höchstens beschleunigen, nicht aber schaffen können.

Freilich war dies eine dreiste Einmischung in meine persönlichen

Angelegenheiten gewesen. Da ich aber nun bereits mit Menni verbunden

war, mußte ich meine Feindseligkeit gegen ihn unterdrücken. Es galt, das

Vergangene nicht mehr zu berühren; am besten würde es sein, nicht mehr

an diese Frage zu denken.

Im allgemeinen bedeutete diese neue Wendung für mich keinerlei besondere

Erschütterung. Der Schlaf hatte mich gekräftigt, und es war schwer, nach

dem am gestrigen Abend Verlebten noch über irgend etwas in Verblüffung

zu geraten. Nun galt es bloß, den Plan künftiger Tätigkeit

auszuarbeiten.

Offensichtlich bestand meine Aufgabe darin, mich so schnell und so

vollkommen wie möglich mit meiner neuen Umgebung vertraut zu machen. Am

besten wird es wohl sein, ich befasse mich zuerst mit dem

Zunächstliegenden, strebe dann Schritt für Schritt dem Fernerliegenden

zu. Als Zunächstliegendes erschienen mir der Aetheroneff, seine Bewohner

und unsere beginnende Fahrt. Der Mars war noch fern, im besten Fall

würden wir ihn, Mennis Worten zufolge, in zwei Monaten erreichen.

Die äußere Form des Aetheroneff hatte ich bereits am vorhergehenden

Abend erblickt: sie war fast kugelförmig, mit abpolierten Enden,

gemahnte an das aufgestellte Ei des Kolumbus. Selbstverständlich war

diese Form gewählt worden, um bei möglichst kleiner Oberfläche die

größtmögliche Ausdehnung zu erhalten, das heißt, bei dem geringsten

Aufwand von Material die der Abkühlung ausgesetzte möglichst geringe

Fläche. Was das Material anbelangte, so schien dieses aus Aluminium und

Glas zu bestehen. Die innere Einrichtung sollte mir von Menni gezeigt

und erklärt werden, auch wollte er mich mit den übrigen »Ungeheuern«

bekannt machen, wie ich bei mir meine neuen Genossen nannte.

Menni kehrte zurück und führte mich zu den übrigen Marsbewohnern. Sie

waren alle in dem Seitensaal versammelt, dessen ungeheueres

Kristallfenster die eine Hälfte der Wand einnahm. Das echte Sonnenlicht

wirkte nach der phantastischen Helle der elektrischen Lampen angenehm.

Es waren etwa zwanzig Marsbewohner zugegen; mich deuchte, sie hätten

alle die gleichen Gesichter. Der Mangel eines Bartes oder Schnurrbartes,

ja sogar das völlige Fehlen von Runzeln und Falten schien die

Verschiedenheit ihres Wuchses gleichsam zu verwischen. Unwillkürlich

heftete ich die Augen auf Menni, um ihn unter diesen mir fremden

Kameraden nicht zu verlieren. Uebrigens gelang es mir bald, zwischen

ihnen meinen nächtlichen Gast Netti zu erkennen, der sich durch seine

Jugendlichkeit und Lebhaftigkeit auszeichnete, sowie den

breitschultrigen Riesen Sterni zu unterscheiden, der mich mit kaltem,

fast unheildrohendem Gesichtsausdruck betrachtete. Außer Menni sprach

nur Netti Russisch. Sterni und drei oder vier andere redeten

Französisch, noch andere Englisch oder Deutsch; untereinander

unterhielten sie sich in einer mir völlig neuen Sprache, anscheinend

ihrer Muttersprache. Diese war wohlklingend und schön, und ich bemerkte

mit Vergnügen, daß die Aussprache offensichtlich keine großen

Schwierigkeiten bot.

Der rote Stern: Ein utopischer Roman · 第 12 / 48 题