Die Nacht

Mennis Wohnung nahm das ganze fünfte Stockwerk eines großen Gebäudes

ein, das an dem einen Ende der Stadt vereinsamt zwischen niederen

Häuschen aufragte. Wir begegneten niemandem. Die Zimmer, die ich mit

Menni durchschritt, waren leer; im grellen Licht der elektrischen Lampen

mutete diese Leere besonders trübselig und unnatürlich an. Im dritten

Zimmer blieb Menni stehen.

»Hier«, und er wies auf die Tür des vierten Zimmers, »befindet sich das

kleine Luftschiff, in dem wir uns nach dem Aetheroneff begeben werden.

Vorher aber muß ich noch eine kleine Verwandlung bewerkstelligen. In

dieser Maske fiele es mir schwer, das Schiff zu lenken.« Er knöpfte den

Kragen auf, nahm zugleich mit den Brillen die erstaunliche Maske ab, die

wir, sowohl ich wie alle anderen, bis dahin für sein wahres Gesicht

gehalten hatten. Ich war von dem sich mir bietenden Anblick äußerst

verblüfft. Mennis Augen waren ungeheuer groß, waren größer, als dies

Menschenaugen je zu sein pflegen. Die Pupillen waren sogar für diese

unnatürlich großen Augen außerordentlich geweitet, was einen schier

erschreckenden Eindruck hervorrief. Der obere Teil des Gesichtes und der

Schädel waren so breit, wie dies bei den großen Augen notwendig schien,

hingegen war der untere, völlig bartlose Teil des Gesichtes ungewöhnlich

klein. All das machte einen sehr originellen Eindruck, gemahnte an eine

Mißgeburt, doch keineswegs an eine Karikatur.

»Sie sehen, was für ein Aeußeres mir die Natur gab«, sprach Menni.

»Werden begreifen, daß ich es verbergen muß, schon um die Menschen nicht

zu erschrecken, mehr noch aber aus konspirativen Gründen. Sie jedoch

müssen sich an meine Häßlichkeit gewöhnen, denn Sie werden gezwungen

sein, lange Zeit mit mir zu verbringen.«

Er öffnete die Tür des anstoßenden Zimmers und entzündete das Licht. Ich

erblickte einen großen Saal. In der Mitte lag ein kleiner, ziemlich

breiter Kahn aus Metall und Glas. Vorderteil, Bord und Boden bestanden

aus Glas und Stahlgeflecht; die durchsichtigen Wände von etwa zwei

Zentimeter Dicke waren augenscheinlich sehr fest. Am Vorderteil des

Schiffes befanden sich, in einem spitzen Winkel vereinigt, zwei starke

Kristallplatten; diese mochten die Luft zerschneiden und gleichzeitig

die Passagiere gegen den durch die rasche Bewegung erzeugten Wind

schützen. Die Maschine füllte den Mittelteil des Schiffes aus, die

Schrauben und die etwa einen halben Meter breiten Schaufeln nahmen den

Hinterteil des Schiffes ein. Der halbe Vorderteil des Schiffes, sowie

die Maschinen waren von einem feinen, dünnplattigen Schutzdach bedeckt;

den Glasbord verstärkten Metallbänder und leichte Stahlsäulen. Das Ganze

war fein und zierlich wie ein Spielzeug.

Menni gebot mir, auf der Seitenbank der Gondel Platz zu nehmen, dann

verlöschte er das elektrische Licht und öffnete das riesige Saalfenster.

Er selbst setzte sich vorne an die Maschine und warf aus der Gondel

einige Säcke Ballast. Das Schiff zitterte, setzte sich langsam in

Bewegung und schwebte lautlos zum offenen Fenster hinaus.

»Dank der Minus-Materie«, sagte Menni, »brauchen unsere Aeroplane nicht

die wichtigtuerischen und ungelenken Flügel.«

Ich saß wie angeschmiedet, wagte nicht, mich zu rühren. Der Lärm der

Schrauben wurde immer stärker, die kalte Winterluft überströmte uns,

kühlte mir das glühende Gesicht, doch vermochte sie nicht durch meine

warmen Kleider zu dringen. Ringsum funkelten, schwebten tausend Sterne,

und unter uns ... Durch den durchsichtigen Boden der Gondel sah ich, wie

die dunklen Flecken der Häuser immer kleiner wurden und die hellen

Pünktchen der elektrischen Lampen immer mehr in der Ferne verschwammen;

in der Tiefe leuchteten die schneeigen Ebenen unter dem düsteren,

blaßblauen Himmel. Das Gefühl des Schwindels, das mich zuerst leicht und

fast angenehm gedeucht hatte, nahm heftig zu, und ich schloß die Augen,

um ihm zu entkommen.

Schärfer wurde die Luft, mächtiger der Lärm der Schrauben und das

Pfeifen des Windes -- augenscheinlich steigerte sich unsere

Geschwindigkeit. Mein Ohr unterschied durch alle Geräusche einen feinen

ununterbrochenen, gleichmäßigen, silbrigen Ton -- die Luft peitschend,

erschütterte dieser die Glaswände der Gondel. Eine seltsame Musik

erfüllte das Bewußtsein, die Gedanken verwirrten sich, verschwanden,

zurück blieb einzig und allein das Gefühl einer elementar-leichten und

ungehemmten Bewegung, die uns weitertrug, vorwärts, vorwärts in den

unendlichen Raum.

»Vier Kilometer in der Minute«, sprach Menni, und ich öffnete die Augen.

»Ist es noch weit?« fragte ich.

»Noch etwa eine Wegstunde auf eisgebundenem See.«

Wir hatten eine Höhe von etlichen hundert Metern erreicht; das

Flugschiff bewegte sich horizontal, ohne sich zu senken und ohne höher

zu steigen. Nun hatten sich meine Augen bereits an das Dunkel gewöhnt

und ich vermochte alles ringsum klar zu erkennen. Wir waren in der

Gegend der Seen und Granitfelsen. Ueber den Schnee aufragend, dunkelten

die Felsen. Zwischen ihnen klebten Dörfchen.

Zu unserer Linken blieben in der Ferne zurück die Flächen der von

gefrorenem Schnee bedeckten Felder, zu unserer Rechten die weiße Ebene

eines ungeheueren Sees. In dieser leblosen Winterlandschaft schickten

wir uns an, das Band zwischen uns und der alten Erde zu zerreißen. Und

jählings fühlte ich nicht nur die Ahnung, nein, die Gewißheit, daß

dieses Band nun auf ewig zerrissen werde ...

Die Gondel senkte sich langsam zwischen die Felsen nieder, hielt an in

der kleinen Bucht des Bergsees, vor einem dunklen, aus dem Schnee

aufragenden Bau. Weder Fenster noch Türen waren zu sehen. Die

Metallhülle schob sich langsam zur Seite, eine schwarze Oeffnung kam zum

Vorschein, in die unsere Gondel hineinflog. Dann schloß sich die

Oeffnung von neuem, der Raum, in den wir gelangt waren, erhellte sich im

Licht elektrischer Lampen. Es war dies ein großes, langgestrecktes

Zimmer ohne Möbel; auf dem Fußboden lagen viele Säcke mit Ballast.

Menni befestigte die Gondel an einem eigens dazu bestimmten Pfosten und

schob eine der Seitentüren auf. Sie führte auf einen langen, hell

erleuchteten Korridor. An den Seiten des Korridors befanden sich

Kajüten. Menni geleitete mich in eine derselben und sprach:

»Hier ist Ihre Kajüte. Richten Sie sich hier ein; ich muß mich ins

Maschinenabteil begeben. Wir sehen uns morgen früh wieder.«

Ich war froh, allein zu sein. Nach der durch die seltsamen Ereignisse

des Abends hervorgerufenen Aufregung machte sich bei mir große

Erschöpfung bemerkbar. Ohne das auf dem Tisch vorbereitete Abendessen

anzurühren, verlöschte ich die Lampe und warf mich aufs Bett. In meinem

Kopf vermischten sich auf unsinnigste Art die Gedanken, jagten von Thema

zu Thema, nahmen die unerwartetsten Formen an. Ich bemühte mich

hartnäckig, einzuschlafen, doch wollte mir dies lange Zeit nicht

gelingen. Endlich jedoch verdunkelte sich das Bewußtsein, unklare,

schwankende Gestalten begannen vor meinen Augen zu reigen, meine

Umgebung zerfloß ins Weite, und schwere Träume suchten mein Gehirn heim.

Das Ganze endete mit einem furchtbaren Alpdruck. Ich stand am Rande

eines ungeheueren schwarzen Abgrunds, in dessen Untiefe Sterne

funkelten. Menni riß mich mit unbesiegbarer Kraft hinab, sagend, ich

dürfe nicht die Schwerkraft fürchten, wir würden nach einigen

hunderttausend Jahren des Sturzes die nächsten Sterne erreichen. Ich

stöhnte auf in der Qual des letzten Kampfes und erwachte.

Weiches blaues Licht erfüllte meine Stube. Niedergebeugt zu mir, saß auf

meinem Lager -- Menni? Ja, er war es, aber phantastisch verändert: mir

schien, als sei er um vieles kleiner und seine Augen blickten nicht mehr

so scharf aus dem Antlitz; seine Züge waren weich und gütig, nicht kalt

und abstoßend, wie sie am Rande des Abgrunds gewesen ...

»Wie gut Sie sind ...«, murmelte ich, unklar diese Veränderung

erfassend.

Er lächelte und legte mir die Hand auf die Stirne. Eine kleine weiche

Hand. Ich schloß die Augen, mir kam der sinnlose Gedanke, daß ich diese

Hand küssen müßte, dann vergaß ich alles und versank in einen ruhigen,

wohltuenden Schlaf.

Der rote Stern: Ein utopischer Roman · 第 11 / 48 题