VI.

Unser bisheriges Ergebnis, welches einen scharfen Gegensatz zwischen den

»Ichtrieben« und den Sexualtrieben aufstellt, die ersteren zum Tode und

die letzteren zur Lebenserhaltung drängen läßt, wird uns gewiß nach

vielen Richtungen selbst nicht befriedigen. Dazu kommt, daß wir

eigentlich nur für die ersteren den konservativen oder besser

regredierenden, einem Wiederholungszwang entsprechenden Charakter des

Triebes in Anspruch nehmen konnten. Denn nach unserer Annahme rühren die

Ichtriebe von der Belebung der unbelebten Materie her und wollen die

Unbelebtheit wieder herstellen. Die Sexualtriebe hingegen -- es ist

augenfällig, daß sie primitive Zustände des Lebewesens reproduzieren,

aber ihr mit allen Mitteln angestrebtes Ziel ist die Verschmelzung

zweier in bestimmter Weise differenzierter Keimzellen. Wenn diese

Vereinigung nicht zustande kommt, dann stirbt die Keimzelle wie alle

anderen Elemente des vielzelligen Organismus. Nur unter dieser Bedingung

kann die Geschlechtsfunktion das Leben verlängern und ihm den Schein der

Unsterblichkeit verleihen. Welches wichtige Ereignis im Entwicklungsgang

der lebenden Substanz wird aber durch die geschlechtliche Fortpflanzung

oder ihren Vorläufer, die Kopulation zweier Individuen unter den

Protisten, wiederholt? Das wissen wir nicht zu sagen, und darum würden

wir es als Erleichterung empfinden, wenn unser ganzer Gedankenaufbau

sich als irrtümlich erkennen ließe. Der Gegensatz von Ich(Todes-)trieben

und Sexual(Lebens-)trieben würde dann entfallen, damit auch der

Wiederholungszwang die ihm zugeschriebene Bedeutung einbüßen.

Kehren wir darum zu einer von uns eingeflochtenen Annahme zurück, in der

Erwartung, sie werde sich exakt widerlegen lassen. Wir haben auf Grund

der Voraussetzung weitere Schlüsse aufgebaut, daß alles Lebende aus

inneren Ursachen sterben müsse. Wir haben diese Annahme so sorglos

gemacht, weil sie uns nicht als solche erscheint. Wir sind gewohnt so zu

denken, unsere Dichter bestärken uns darin. Vielleicht haben wir uns

dazu entschlossen, weil ein Trost in diesem Glauben liegt. Wenn man

schon selbst sterben und vorher seine Liebsten durch den Tod verlieren

soll, so will man lieber einem unerbittlichen Naturgesetz, der hehren

+Anankê+, erlegen sein, als einem Zufall, der sich etwa noch hätte

vermeiden lassen. Aber vielleicht ist dieser Glaube an die innere

Gesetzmäßigkeit des Sterbens auch nur eine der Illusionen, die wir uns

geschaffen haben, »um die Schwere des Daseins zu ertragen«. Ursprünglich

ist er sicherlich nicht, den primitiven Völkern ist die Idee eines

»natürlichen Todes« fremd; sie führen jedes Sterben unter ihnen auf den

Einfluß eines Feindes oder eines bösen Geistes zurück. Versäumen wir es

darum nicht, uns zur Prüfung dieses Glaubens an die biologische

Wissenschaft zu wenden.

Wenn wir so tun, dürfen wir erstaunt sein, wie wenig die Biologen in der

Frage des natürlichen Todes einig sind, ja daß ihnen der Begriff des

Todes überhaupt unter den Händen zerrinnt. Die Tatsache einer bestimmten

durchschnittlichen Lebensdauer wenigstens bei höheren Tieren spricht

natürlich für den Tod aus inneren Ursachen, aber der Umstand, daß

einzelne große Tiere und riesenhafte Baumgewächse ein sehr hohes und

bisher nicht abschätzbares Alter erreichen, hebt diesen Eindruck wieder

auf. Nach der großartigen Konzeption von W. _Fließ_ sind alle

Lebenserscheinungen -- und gewiß auch der Tod -- der Organismen an die

Erfüllung bestimmter Termine gebunden, in denen die Abhängigkeit zweier

lebenden Substanzen, einer männlichen und einer weiblichen, vom

Sonnenjahr zum Ausdruck kommt. Allein die Beobachtungen, wie leicht und

bis zu welchem Ausmaß es dem Einflusse äußerer Kräfte möglich ist, die

Lebensäußerungen insbesondere der Pflanzenwelt in ihrem zeitlichen

Auftreten zu verändern, sie zu verfrühen oder hintanzuhalten, sträuben

sich gegen die Starrheit der _Fließ_'schen Formeln und lassen zum

mindesten an der Alleinherrschaft der von ihm aufgestellten Gesetze

zweifeln.

Das größte Interesse knüpft sich für uns an die Behandlung, welche das

Thema von der Lebensdauer und vom Tode der Organismen in den Arbeiten

von A. _Weismann_ gefunden hat[16]. Von diesem Forscher rührt die

Unterscheidung der lebenden Substanz in eine sterbliche und unsterbliche

Hälfte her; die sterbliche ist der Körper im engeren Sinne, das _Soma_,

sie allein ist dem natürlichen Tode unterworfen, die Keimzellen aber

sind potentia unsterblich, insofern sie imstande sind, unter gewissen

günstigen Bedingungen sich zu einem neuen Individuum zu entwickeln, oder

anders ausgedrückt, sich mit einem neuen Soma zu umgeben[17].

[16] Über die Dauer des Lebens, 1882; Über Leben und Tod, 1892; Das

Keimplasma, 1892, u. a.

[17] Über Leben und Tod, 2. Aufl. 1892, S. 20.

Was uns hieran fesselt, ist die unerwartete Analogie mit unserer

eigenen, auf so verschiedenem Wege entwickelten Auffassung. _Weismann_,

der die lebende Substanz morphologisch betrachtet, erkennt in ihr einen

Bestandteil, der dem Tode verfallen ist, das Soma, den Körper abgesehen

vom Geschlechts- und Vererbungsstoff, und einen unsterblichen, eben

dieses Keimplasma, welches der Erhaltung der Art, der Fortpflanzung,

dient. Wir haben nicht den lebenden Stoff, sondern die in ihm tätigen

Kräfte eingestellt, und sind dazu geführt worden, zwei Arten von Trieben

zu unterscheiden, jene, welche das Leben zum Tod führen wollen, die

anderen, die Sexualtriebe, welche immer wieder die Erneuerung des Lebens

anstreben und durchsetzen. Das klingt wie ein dynamisches Korollar zu

_Weismann's_ morphologischer Theorie.

Der Anschein einer bedeutsamen Übereinstimmung verflüchtigt sich

alsbald, wenn wir _Weismann's_ Entscheidung über das Problem des Todes

vernehmen. Denn _Weismann_ läßt die Sonderung vom sterblichen Soma und

unsterblichen Keimplasma erst bei den vielzelligen Organismen gelten,

bei den einzelligen Tieren sind Individuum und Fortpflanzungszelle noch

ein- und dasselbe[18]. Die Einzelligen erklärt er also für potentiell

unsterblich, der Tod tritt erst bei den Metazoen, den Vielzelligen, auf.

Dieser Tod der höheren Lebewesen ist allerdings ein natürlicher, ein Tod

aus inneren Ursachen, aber er beruht nicht auf einer Ureigenschaft der

lebenden Substanz[19], kann nicht als eine absolute, im Wesen des Lebens

begründete Notwendigkeit aufgefaßt werden[20]. Der Tod ist vielmehr eine

Zweckmäßigkeitseinrichtung, eine Erscheinung der Anpassung an die

äußeren Lebensbedingungen, weil von der Sonderung der Körperzellen in

Soma und Keimplasmen an die unbegrenzte Lebensdauer des Individuums ein

ganz unzweckmäßiger Luxus geworden wäre. Mit dem Eintritt dieser

Differenzierung bei den Vielzelligen wurde der Tod möglich und

zweckmäßig. Seither stirbt das Soma der höheren Lebewesen aus inneren

Gründen zu bestimmten Zeiten ab, die Protisten aber sind unsterblich

geblieben. Die Fortpflanzung hingegen ist nicht erst mit dem Tod

eingeführt worden, sie ist vielmehr eine Ureigenschaft der lebenden

Materie wie das Wachstum, aus welchem sie hervorging, und das Leben ist

von seinem Beginn auf Erden an kontinuierlich geblieben[21].

[18] Dauer des Lebens, S. 38.

[19] Leben und Tod, 2. Aufl., S. 67.

[20] Dauer des Lebens, S. 33.

[21] Über Leben und Tod, Schluß.

Es ist leicht einzusehen, daß das Zugeständnis eines natürlichen Todes

für die höheren Organismen unserer Sache wenig hilft. Wenn der Tod eine

späte Erwerbung der Lebewesen ist, dann kommen Todestriebe, die sich vom

Beginn des Lebens auf Erden ableiten, weiter nicht in Betracht. Die

Vielzelligen mögen dann immerhin aus inneren Gründen sterben, an den

Mängeln ihrer Differenzierung oder an den Unvollkommenheiten ihres

Stoffwechsels; es hat für die Frage, die uns beschäftigt, kein

Interesse. Eine solche Auffassung und Ableitung des Todes liegt dem

gewohnten Denken der Menschen auch sicherlich viel näher als die

befremdende Annahme von »Todestrieben«.

Die Diskussion, die sich an die Aufstellungen von _Weismann_

angeschlossen, hat nach meinem Urteil in keiner Richtung Entscheidendes

ergeben[22]. Manche Autoren sind zum Standpunkt von _Goette_

zurückgekehrt (1883), der in dem Tod die direkte Folge der Fortpflanzung

sah. _Hartmann_ charakterisiert den Tod nicht durch Auftreten einer

»Leiche«, eines abgestorbenen Anteiles der lebenden Substanz, sondern

definiert ihn als den »Abschluß der individuellen Entwicklung«. In

diesem Sinne sind auch die Protozoen sterblich, der Tod fällt bei ihnen

immer mit der Fortpflanzung zusammen, aber er wird durch diese

gewissermaßen verschleiert, indem die ganze Substanz des Elterntieres

direkt in die jungen Kinderindividuen übergeführt werden kann (l. c.,

S. 29).

[22] Vgl. Max _Hartmann_, Tod und Fortpflanzung, 1906; Alex.

_Lipschütz_, Warum wir sterben, Kosmosbücher, 1914; Franz _Doflein_,

Das Problem des Todes und der Unsterblichkeit bei den Pflanzen und

Tieren, 1919.

Das Interesse der Forschung hat sich bald darauf gerichtet, die

behauptete Unsterblichkeit der lebenden Substanz an den Einzelligen

experimentell zu erproben. Ein Amerikaner, _Woodruff_, hat ein

bewimpertes Infusorium, ein »Pantoffeltierchen«, das sich durch Teilung

in zwei Individuen fortpflanzt, in Zucht genommen und es bis zur

3029sten Generation, wo er den Versuch abbrach, verfolgt, indem er

jedesmal das eine der Teilprodukte isolierte und in frisches Wasser

brachte. Dieser späte Abkömmling des ersten Pantoffeltierchens war

ebenso frisch wie der Urahn, ohne alle Zeichen des Alterns oder der

Degeneration; somit schien, wenn solchen Zahlen bereits Beweiskraft

zukommt, die Unsterblichkeit der Protisten experimentell erweisbar[23].

[23] Für dies und das Folgende vgl. _Lipschütz_ l. c., S. 26 und

52 ff.

Andere Forscher sind zu anderen Resultaten gekommen. _Maupas_, _Calkins_

u. a. haben im Gegensatz zu _Woodruff_ gefunden, daß auch diese

Infusorien nach einer gewissen Anzahl von Teilungen schwächer werden, an

Größe abnehmen, einen Teil ihrer Organisation einbüßen und endlich

sterben, wenn sie nicht gewisse auffrischende Einflüsse erfahren.

Demnach stürben die Protozoen nach einer Phase des Altersverfalls ganz

wie die höheren Tiere, so recht im Widerspruch zu den Behauptungen

_Weismann's_, der den Tod als eine späte Erwerbung der lebenden

Organismen anerkennt.

Aus dem Zusammenhang dieser Untersuchungen heben wir zwei Tatsachen

heraus, die uns einen festen Anhalt zu bieten scheinen. Erstens: Wenn

die Tierchen zu einem Zeitpunkt, da sie noch keine Altersveränderung

zeigen, miteinander zuzweit verschmelzen, »kopulieren« können -- worauf

sie nach einiger Zeit wieder auseinandergehen --, so bleiben sie vom

Alter verschont, sie sind »verjüngt« worden. Diese Kopulation ist doch

wohl der Vorläufer der geschlechtlichen Fortpflanzung höherer Wesen; sie

hat mit der Vermehrung noch nichts zu tun, beschränkt sich auf die

Vermischung der Substanzen beider Individuen (_Weismann's_ Amphimixis).

Der auffrischende Einfluß der Kopulation kann aber auch ersetzt werden

durch bestimmte Reizmittel, Veränderungen in der Zusammensetzung der

Nährflüssigkeit, Temperatursteigerung oder Schütteln. Man erinnert sich

an das berühmte Experiment von J. _Loeb_, der Seeigeleier durch gewisse

chemische Reize zu Teilungsvorgängen zwang, die sonst nur nach der

Befruchtung auftreten.

Zweitens: Es ist doch wahrscheinlich, daß die Infusorien durch ihren

eigenen Lebensprozeß zu einem natürlichen Tod geführt werden, denn der

Widerspruch zwischen den Ergebnissen von _Woodruff_ und von anderen

rührt daher, daß _Woodruff_ jede neue Generation in frische

Nährflüssigkeit brachte. Unterließ er dies, so beobachtete er dieselben

Altersveränderungen der Generationen wie die anderen Forscher. Er

schloß, daß die Tierchen durch die Produkte des Stoffwechsels, die sie

an die umgebende Flüssigkeit abgeben, geschädigt werden, und konnte dann

überzeugend nachweisen, daß nur die Produkte des _eigenen_ Stoffwechsels

diese zum Tod der Generation führende Wirkung haben. Denn in einer

Lösung, die mit den Abfallsprodukten einer entfernter verwandten Art

übersättigt war, gediehen dieselben Tierchen ausgezeichnet, die, in

ihrer eigenen Nährflüssigkeit angehäuft, sicher zugrunde gingen. Das

Infusor stirbt also, sich selbst überlassen, eines natürlichen Todes an

der Unvollkommenheit der Beseitigung seiner eigenen Stoffwechselprodukte;

aber vielleicht sterben auch alle höheren Tiere im Grunde an dem

gleichen Unvermögen.

Es mag uns da der Zweifel anwandeln, ob es überhaupt zweckdienlich war,

die Entscheidung der Frage nach dem natürlichen Tod im Studium der

Protozoen zu suchen. Die primitive Organisation dieser Lebewesen mag uns

wichtige Verhältnisse verschleiern, die auch bei ihnen statthaben, aber

erst bei höheren Tieren erkannt werden können, wo sie sich einen

morphologischen Ausdruck verschafft haben. Wenn wir den morphologischen

Standpunkt verlassen, um den dynamischen einzunehmen, so kann es uns

überhaupt gleichgültig sein, ob sich der natürliche Tod der Protozoen

erweisen läßt oder nicht. Bei ihnen hat sich die später als unsterblich

erkannte Substanz von der sterblichen noch in keiner Weise gesondert.

Die Triebkräfte, die das Leben in den Tod überführen wollen, könnten

auch in ihnen von Anfang an wirksam sein, und doch könnte ihr Effekt

durch den der lebenserhaltenden Kräfte so gedeckt werden, daß ihr

direkter Nachweis sehr schwierig wird. Wir haben allerdings gehört, daß

die Beobachtungen der Biologen uns die Annahme solcher zum Tod führenden

inneren Vorgänge auch für die Protisten gestatten. Aber selbst, wenn die

Protisten sich als unsterblich im Sinne von _Weismann_ erweisen, so gilt

seine Behauptung, der Tod sei eine späte Erwerbung, nur für die

manifesten Äußerungen des Todes und macht keine Annahme über die zum

Tode drängenden Prozesse unmöglich. Unsere Erwartung, die Biologie werde

die Anerkennung der Todestriebe glatt beseitigen, hat sich nicht

erfüllt. Wir können uns mit ihrer Möglichkeit weiter beschäftigen, wenn

wir sonst Gründe dafür haben. Die auffällige Ähnlichkeit der

_Weismann_'schen Sonderung von Soma und Keimplasma mit unserer Scheidung

der Todestriebe von den Lebenstrieben bleibt aber bestehen und erhält

ihren Wert wieder.

Verweilen wir kurz bei dieser exquisit dualistischen Auffassung des

Trieblebens. Nach der Theorie E. _Hering's_ von den Vorgängen in der

lebenden Substanz laufen in ihr unausgesetzt zweierlei Prozesse

entgegengesetzter Richtung ab, die einen aufbauend -- assimilatorisch,

die anderen abbauend -- dissimilatorisch. Sollen wir es wagen, in diesen

beiden Richtungen der Lebensprozesse die Betätigung unserer beiden

Triebregungen, der Lebenstriebe und der Todestriebe, zu erkennen? Aber

etwas anderes können wir uns nicht verhehlen, daß wir unversehens in den

Hafen der Philosophie _Schopenhauer's_ eingelaufen sind, für den ja der

Tod »das eigentliche Resultat« und insofern der Zweck des Lebens ist[24],

der Sexualtrieb aber die Verkörperung des Willens zum Leben.

[24] Ȇber die anscheinende Absichtlichkeit im Schicksale des

Einzelnen«, Großherzog Wilhelm Ernst-Ausgabe, IV. Bd., S. 268.

Versuchen wir kühn, einen Schritt weiter zu gehen. Nach allgemeiner

Einsicht ist die Vereinigung zahlreicher Zellen zu einem Lebensverband,

die Vielzelligkeit der Organismen, ein Mittel zur Verlängerung ihrer

Lebensdauer geworden. Eine Zelle hilft dazu, das Leben der anderen zu

erhalten, und der Zellenstaat kann weiter leben, auch wenn einzelne

Zellen absterben müssen. Wir haben bereits gehört, daß auch die

Kopulation, die zeitweilige Verschmelzung zweier Einzelligen,

lebenserhaltend und verjüngend auf beide wirkt. Somit könnte man den

Versuch machen, die in der Psychoanalyse gewonnene Libidotheorie auf das

Verhältnis der Zellen zueinander zu übertragen und sich vorzustellen,

daß es die in jeder Zelle tätigen Lebens- oder Sexualtriebe sind, welche

die anderen Zellen zum Objekt nehmen, deren Todestriebe, d. i. die von

diesen angeregten Prozesse, teilweise neutralisieren und sie so am Leben

erhalten, während andere Zellen dasselbe für sie besorgen und noch

andere in der Ausübung dieser libidinösen Funktion sich selbst

aufopfern. Die Keimzellen selbst würden sich absolut »narzißtisch«

benehmen, wie wir es in der Neurosenlehre zu bezeichnen gewohnt sind,

wenn ein ganzes Individuum seine Libido im Ich behält und nichts von ihr

für Objektbesetzungen verausgabt. Die Keimzellen brauchen ihre Libido,

die Tätigkeit ihrer Lebenstriebe, für sich selbst als Vorrat für ihre

spätere, großartig aufbauende Tätigkeit. Vielleicht darf man auch die

Zellen der bösartigen Neugebilde, die den Organismus zerstören, für

narzißtisch in demselben Sinne erklären. Die Pathologie ist ja bereit,

ihre Keime für mitgeboren zu halten und ihnen embryonale Eigenschaften

zuzugestehen. So würde also die Libido unserer Sexualtriebe mit dem

Eros der Dichter und Philosophen zusammenfallen, der alles Lebende

zusammenhält.

An dieser Stelle finden wir den Anlaß, die langsame Entwicklung unserer

Libidotheorie zu überschauen. Die Analyse der Übertragungsneurosen zwang

uns zunächst den Gegensatz zwischen »Sexualtrieben«, die auf das Objekt

gerichtet sind, und anderen Trieben auf, die wir nur sehr ungenügend

erkannten und vorläufig als »Ichtriebe« bezeichneten. Unter ihnen mußten

Triebe, die der Selbsterhaltung des Individuums dienen, in erster Linie

anerkannt werden. Was für andere Unterscheidungen da zu machen waren,

konnte man nicht wissen. Keine Kenntnis wäre für die Begründung einer

richtigen Psychologie so wichtig gewesen, wie eine ungefähre Einsicht in

die gemeinsame Natur und die etwaigen Besonderheiten der Triebe. Aber

auf keinem Gebiete der Psychologie tappte man so sehr im Dunkeln.

Jedermann stellte so viele Triebe oder »Grundtriebe« auf, als ihm

beliebte, und wirtschaftete mit ihnen wie die alten griechischen

Naturphilosophen mit ihren vier Elementen: dem Wasser, der Erde, dem

Feuer und der Luft. Die Psychoanalyse, die irgendeiner Annahme über die

Triebe nicht entraten konnte, hielt sich vorerst an die populäre

Triebunterscheidung, für die das Wort von »Hunger und Liebe« vorbildlich

ist. Es war wenigstens kein neuer Willkürakt. Damit reichte man in der

Analyse der Psychoneurosen ein ganzes Stück weit aus. Der Begriff der

»Sexualität« -- und damit der eines Sexualtriebes -- mußte freilich

erweitert werden, bis er vieles einschloß, was sich nicht der

Fortpflanzungsfunktion einordnete, und darüber gab es Lärm genug in der

strengen, vornehmen oder bloß heuchlerischen Welt.

Der nächste Schritt erfolgte, als sich die Psychoanalyse näher an das

psychologische Ich herantasten konnte, das ihr zunächst nur als

verdrängende, zensurierende und zu Schutzbauten, Reaktionsbildungen

befähigte Instanz bekannt geworden war. Kritische und andere

weitblickende Geister hatten zwar längst gegen die Einschränkung des

Libidobegriffes auf die Energie der dem Objekt zugewendeten Sexualtriebe

Einspruch erhoben. Aber sie versäumten es mitzuteilen, woher ihnen die

bessere Einsicht gekommen war, und verstanden nicht, etwas für die

Analyse Brauchbares aus ihr abzuleiten. In bedächtigerem Fortschreiten

fiel es nun der psychoanalytischen Beobachtung auf, wie regelmäßig Libido

vom Objekt abgezogen und aufs Ich gerichtet wird (Introversion), und indem

sie die Libidoentwicklung des Kindes in ihren frühesten Phasen studierte,

kam sie zur Einsicht, daß das Ich das eigentliche und ursprüngliche

Reservoir der Libido sei, die erst von da aus auf das Objekt erstreckt

werde. Das Ich trat unter die Sexualobjekte und wurde gleich als das

vornehmste unter ihnen erkannt. Wenn die Libido so im Ich verweilte,

wurde sie narzißtisch genannt[25]. Diese narzißtische Libido war

natürlich auch die Kraftäußerung von Sexualtrieben im analytischen Sinne,

die man mit den von Anfang an zugestandenen »Selbsterhaltungstrieben«

identifizieren mußte. Somit war der ursprüngliche Gegensatz von

Ichtrieben und Sexualtrieben unzureichend geworden. Ein Teil der

Ichtriebe war als libidinös erkannt; im Ich waren -- neben anderen

wahrscheinlich -- auch Sexualtriebe wirksam, doch ist man berechtigt zu

sagen, daß die alte Formel, die Psychoneurose beruhe auf einem Konflikt

zwischen den Ichtrieben und den Sexualtrieben, nichts enthielt, was

heute zu verwerfen wäre. Der Unterschied der beiden Triebarten, der

ursprünglich irgendwie qualitativ gemeint war, ist jetzt nur anders,

nämlich _topisch_ zu bestimmen. Insbesondere die Übertragungsneurose,

das eigentliche Studienobjekt der Psychoanalyse, bleibt das Ergebnis

eines Konflikts zwischen dem Ich und der libidinösen Objektbesetzung.

[25] Zur Einführung des Narzißmus. Jahrbuch der Psychoanalyse, VI,

1914, und Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, IV. Folge,

1918.

Um so mehr müssen wir den libidinösen Charakter der

Selbsterhaltungstriebe jetzt betonen, da wir den weiteren Schritt wagen,

den Sexualtrieb als den alles erhaltenden Eros zu erkennen und die

narzißtische Libido des Ichs aus den Libidobeiträgen ableiten, mit denen

die Somazellen aneinander haften. Nun aber finden wir uns plötzlich

folgender Frage gegenüber: Wenn auch die Selbsterhaltungstriebe

libidinöser Natur sind, dann haben wir vielleicht überhaupt keine

anderen Triebe als libidinöse. Es sind wenigstens keine anderen zu

sehen. Dann muß man aber doch den Kritikern recht geben, die von Anfang

an geahnt haben, die Psychoanalyse erkläre _alles_ aus der Sexualität,

oder den Neuerern wie _Jung_, die, kurz entschlossen, Libido für

»Triebkraft« überhaupt gebraucht haben. Ist dem nicht so?

In unserer Absicht läge dies Resultat allerdings nicht. Wir sind ja

vielmehr von einer scharfen Scheidung zwischen Ichtrieben = Todestrieben

und Sexualtrieben = Lebenstrieben ausgegangen. Wir waren ja bereit, auch

die angeblichen Selbsterhaltungstriebe des Ichs zu den Todestrieben zu

rechnen, was wir seither berichtigend zurückgezogen haben. Unsere

Auffassung war von Anfang eine _dualistische_ und sie ist es heute

schärfer denn zuvor, seitdem wir die Gegensätze nicht mehr Ich- und

Sexualtriebe, sondern Lebens- und Todestriebe benennen. _Jung's_

Libidotheorie ist dagegen eine monistische; daß er seine einzige

Triebkraft Libido geheißen hat, mußte Verwirrung stiften, soll uns aber

weiter nicht beeinflussen. Wir vermuten, daß im Ich noch andere als die

libidinösen Selbsterhaltungstriebe tätig sind, wir sollten nur imstande

sein, sie aufzuzeigen. Es ist zu bedauern, daß die Analyse des Ichs so

wenig fortgeschritten ist, daß dieser Nachweis uns recht schwer wird.

Die libidinösen Triebe des Ichs mögen allerdings in besonderer Weise mit

den anderen, uns noch fremden Ichtrieben verknüpft sein. Noch ehe wir

den Narzißmus klar erkannt hatten, bestand bereits in der Psychoanalyse

die Vermutung, daß die »Ichtriebe« libidinöse Komponenten an sich

gezogen haben. Aber das sind recht unsichere Möglichkeiten, denen die

Gegner kaum Rechnung tragen werden. Es bleibt mißlich, daß uns die

Analyse bisher immer nur in den Stand gesetzt hat, libidinöse Triebe

nachzuweisen. Den Schluß, daß es andere nicht gibt, möchten wir darum

doch nicht mitmachen.

Bei dem gegenwärtigen Dunkel der Trieblehre tun wir wohl nicht gut,

irgend einen Einfall, der uns Aufklärung verspricht, zurückzuweisen. Wir

sind von der großen Gegensätzlichkeit von Lebens- und Todestrieben

ausgegangen. Die Objektliebe selbst zeigt uns eine zweite solche

Polarität, die von Liebe (Zärtlichkeit) und Haß (Aggression). Wenn es

uns nun gelänge, diese beiden Polaritäten in Beziehung zu einander zu

bringen, die eine auf die andere zurückzuführen! Wir haben von jeher

eine sadistische Komponente des Sexualtriebes anerkannt[26]; sie kann

sich, wie wir wissen, selbständig machen und als Perversion das gesamte

Sexualstreben der Person beherrschen. Sie tritt auch in einer der von

mir sogenannten »prägenitalen Organisationen« als dominierender

Partialtrieb hervor. Wie soll man aber den sadistischen Trieb, der auf

die Schädigung des Objektes zielt, vom lebenserhaltenden Eros ableiten

können? Liegt da nicht die Annahme nahe, daß dieser Sadismus eigentlich

ein Todestrieb ist, der durch den Einfluß der narzißtischen Libido vom

Ich abgedrängt wurde, so daß er erst am Objekt zum Vorschein kommt? Er

tritt dann in den Dienst der Sexualfunktion; im oralen Organisationsstadium

der Libido fällt die Liebesbemächtigung noch mit der Vernichtung des

Objekts zusammen, später trennt sich der sadistische Trieb ab und

endlich übernimmt er auf der Stufe des Genitalprimats zum Zwecke der

Fortpflanzung die Funktion, das Sexualobjekt so weit zu bewältigen, als

es die Ausführung des Geschlechtsaktes erfordert. Ja, man könnte sagen,

der aus dem Ich herausgedrängte Sadismus habe den libidinösen Komponenten

des Sexualtriebs den Weg gezeigt; späterhin drängen diese zum Objekt

nach. Wo der ursprüngliche Sadismus keine Ermäßigung und Verschmelzung

erfährt, ist die bekannte Liebe-Haß-Ambivalenz des Liebeslebens

hergestellt.

[26] »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie«, von der 1. Auflage, 1905,

an.

Wenn es erlaubt ist, eine solche Annahme zu machen, so wäre die

Forderung erfüllt, ein Beispiel eines -- allerdings verschobenen --

Todestriebes aufzuzeigen. Nur daß diese Auffassung von jeder

Anschaulichkeit weit entfernt ist und einen geradezu mystischen Eindruck

macht. Wir kommen in den Verdacht, um jeden Preis eine Auskunft aus

einer großen Verlegenheit gesucht zu haben. Dann dürfen wir uns darauf

berufen, daß eine solche Annahme nicht neu ist, daß wir sie bereits

früher einmal gemacht haben, als von einer Verlegenheit noch keine Rede

war. Klinische Beobachtungen haben uns seinerzeit zur Auffassung

genötigt, daß der dem Sadismus komplementäre Partialtrieb des

Masochismus als eine Rückwendung des Sadismus gegen das eigene Ich zu

verstehen sei[27]. Eine Wendung des Triebs vom Objekt zum Ich ist aber

prinzipiell nichts anderes als die Wendung vom Ich zum Objekt, die hier

als neu in Frage steht. Der Masochismus, die Wendung des Triebs gegen

das eigene Ich, wäre dann in Wirklichkeit eine Rückkehr zu einer

früheren Phase desselben, eine Regression. In einem Punkte bedürfte die

damals vom Masochismus gegebene Darstellung einer Berichtigung als allzu

ausschließlich; der Masochismus könnte auch, was ich dort bestreiten

wollte, ein primärer sein[28].

[27] Vgl. Sexualtheorie, 4. Aufl., 1920, und »Triebe und

Triebschicksale« in Sammlung kleiner Schriften, IV. Folge.

[28] In einer inhalts- und gedankenreichen, für mich leider nicht ganz

durchsichtigen Arbeit hat Sabina _Spielrein_ ein ganzes Stück dieser

Spekulation vorweggenommen. Sie bezeichnet die sadistische Komponente

des Sexualtriebes als die »destruktive«. (Die Destruktion als Ursache

des Werdens. Jahrbuch für Psychoanalyse, IV, 1912.) In noch anderer

Weise suchte A. _Stärcke_ (Inleiding by de vertaling, von S. Freud, De

sexuele beschavingsmoral etc., 1914) den Libidobegriff selbst mit dem

theoretisch zu supponierenden biologischen Begriff eines _Antriebes

zum Tode_ zu identifizieren. (Vgl. auch _Rank_, Der Künstler.) Alle

diese Bemühungen zeigen, wie die im Texte, von dem Drang nach einer

noch nicht erreichten Klärung in der Trieblehre.

Aber kehren wir zu den lebenserhaltenden Sexualtrieben zurück. Schon aus

der Protistenforschung haben wir erfahren, daß die Verschmelzung zweier

Individuen ohne nachfolgende Teilung, die Kopulation, auf beide

Individuen, die sich dann bald voneinander lösen, stärkend und

verjüngend wirkt. (S. o. _Lipschütz_.) Sie zeigen in weiteren

Generationen keine Degenerationserscheinungen und scheinen befähigt, den

Schädlichkeiten ihres eigenen Stoffwechsels länger zu widerstehen. Ich

meine, daß diese eine Beobachtung als vorbildlich für den Effekt auch

der geschlechtlichen Vereinigung genommen werden darf. Aber auf welche

Weise bringt die Verschmelzung zweier wenig verschiedener Zellen eine

solche Erneuerung des Lebens zustande? Der Versuch, der die Kopulation

bei den Protozoen durch die Einwirkung chemischer, ja selbst

mechanischer Reize (l. c.) ersetzt, gestattet wohl eine sichere Antwort

zu geben: Es geschieht durch die Zufuhr neuer Reizgrößen. Das stimmt

nun aber gut zur Annahme, daß der Lebensprozeß des Individuums aus

inneren Gründen zur Abgleichung chemischer Spannungen, das heißt zum

Tode führt, während die Vereinigung mit einer individuell verschiedenen

lebenden Substanz diese Spannungen vergrößert, sozusagen neue

_Vitaldifferenzen_ einführt, die dann _abgelebt_ werden müssen. Für

diese Verschiedenheit muß es natürlich ein oder mehrere Optima geben.

Daß wir als die herrschende Tendenz des Seelenlebens, vielleicht des

Nervenlebens überhaupt, das Streben nach Herabsetzung, Konstanterhaltung,

Aufhebung der inneren Reizspannung erkannten (das _Nirwanaprinzip_ nach

einem Ausdruck von Barbara _Low_), wie es im Lustprinzip zum Ausdruck

kommt, das ist ja eines unserer stärksten Motive, an die Existenz von

Todestrieben zu glauben.

Als empfindliche Störung unseres Gedankenganges verspüren wir es aber

noch immer, daß wir gerade für den Sexualtrieb jenen Charakter eines

Wiederholungszwanges nicht nachweisen können, der uns zuerst zur Aufspürung

der Todestriebe führte. Das Gebiet der embryonalen Entwicklungsvorgänge

ist zwar überreich an solchen Wiederholungserscheinungen, die beiden

Keimzellen der geschlechtlichen Fortpflanzung und ihre Lebensgeschichte

sind selbst nur Wiederholungen der Anfänge des organischen Lebens; aber

das Wesentliche an den vom Sexualtrieb intendierten Vorgängen ist doch

die Verschmelzung zweier Zelleiber. Erst durch diese wird bei den

höheren Lebewesen die Unsterblichkeit der lebenden Substanz gesichert.

Mit anderen Worten: wir sollen Auskunft schaffen über die Entstehung der

geschlechtlichen Fortpflanzung und die Herkunft der Sexualtriebe

überhaupt, eine Aufgabe, vor der ein Außenstehender zurückschrecken muß,

und die von den Spezialforschern selbst bisher noch nicht gelöst werden

konnte. In knappster Zusammendrängung sei darum aus all den

widerstreitenden Angaben und Meinungen hervorgehoben, was einen Anschluß

an unseren Gedankengang zuläßt.

Die eine Auffassung benimmt dem Problem der Fortpflanzung seinen

geheimnisvollen Reiz, indem sie die Fortpflanzung als eine

Teilerscheinung des Wachstums darstellt. (Vermehrung durch Teilung,

Sproßung, Knospung.) Die Entstehung der Fortpflanzung durch

geschlechtlich differenzierte Keimzellen könnte man sich nach nüchterner

_Darwin_'scher Denkungsart so vorstellen, daß der Vorteil der

Amphimixis, der sich dereinst bei der zufälligen Kopulation zweier

Protisten ergab, in der ferneren Entwicklung festgehalten und weiter

ausgenützt wurde[29]. Das »Geschlecht« wäre also nicht sehr alt, und die

außerordentlich heftigen Triebe, welche die geschlechtliche Vereinigung

herbeiführen wollen, wiederholten dabei etwas, was sich zufällig einmal

ereignet und seither als vorteilhaft befestigt hat.

[29] Obwohl _Weismann_ (Das Keimplasma, 1892) auch diesen Vorteil

leugnet: »Die Befruchtung bedeutet keinesfalls eine Verjüngung oder

Erneuerung des Lebens, sie wäre durchaus nicht notwendig zur Fortdauer

des Lebens, sie ist nichts als _eine Einrichtung, um die Vermischung

zweier verschiedener Vererbungstendenzen_ möglich zu machen.« Als die

Wirkung einer solchen Vermischung betrachtet er aber doch eine

Steigerung der Variabilität der Lebewesen.

Es ist hier wiederum wie beim Tod die Frage, ob man bei den Protisten

nichts anderes gelten lassen soll, als was sie zeigen, und ob man

annehmen darf, daß Kräfte und Vorgänge, die erst bei höheren Lebewesen

sichtbar werden, auch bei diesen zuerst entstanden sind. Für unsere

Absichten leistet die erwähnte Auffassung der Sexualität sehr wenig. Man

wird gegen sie einwenden dürfen, daß sie die Existenz von Lebenstrieben,

die schon im einfachsten Lebewesen wirken, voraussetzt, denn sonst wäre

ja die Kopulation, die dem Lebensablauf entgegenwirkt und die Aufgabe

des Ablebens erschwert, nicht festgehalten und ausgearbeitet, sondern

vermieden worden. Wenn man also die Annahme von Todestrieben nicht

fahren lassen will, muß man ihnen von allem Anfang an Lebenstriebe

zugesellen. Aber man muß es zugestehen, wir arbeiten da an einer

Gleichung mit zwei Unbekannten. Was wir sonst in der Wissenschaft über

die Entstehung der Geschlechtlichkeit finden, ist so wenig, daß man dies

Problem einem Dunkel vergleichen kann, in welches auch nicht der

Lichtstrahl einer Hypothese gedrungen ist. An ganz anderer Stelle

begegnen wir allerdings einer solchen Hypothese, die aber von so

phantastischer Art ist -- gewiß eher ein Mythus als eine

wissenschaftliche Erklärung --, daß ich nicht wagen würde, sie hier

anzuführen, wenn sie nicht gerade die eine Bedingung erfüllen würde,

nach deren Erfüllung wir streben. Sie leitet nämlich einen Trieb ab _von

dem Bedürfnis nach Wiederherstellung eines früheren Zustandes_.

Ich meine natürlich die Theorie, die _Plato_ im _Symposion_ durch

_Aristophanes_ entwickeln läßt, und die nicht nur die Herkunft des

Geschlechtstriebes, sondern auch seiner wichtigsten Variation in bezug

auf das Objekt behandelt[30]:

[30] Übersetzung von Rud. _Kaßner_.

»Die menschliche Natur war ja einst ganz anders. Ursprünglich gab es

drei Geschlechter, drei und nicht wie heute zwei: neben dem männlichen

und weiblichen lebte ein drittes Geschlecht, welches an den beiden

ersten gleichen Anteil hatte, ....« Alles an diesen Menschen war aber

doppelt, sie hatten also vier Hände und vier Füße, zwei Gesichter,

doppelte Schamteile usw. Da ließ sich Zeus bewegen, jeden Menschen in

zwei Teile zu teilen, »wie man Birnen, um sie einzukochen,

entzweischneidet ....« »Als nun auf diese Weise die ganze Natur entzwei

war, kam in jedem Menschen die Sehnsucht nach seiner eigenen anderen

Hälfte, und die beiden Hälften schlugen die Arme umeinander und

verflochten ihre Leiber und _wollten wieder zusammenwachsen_ ....«[31]

[31] Prof. _Heinrich Gomperz_ (Wien) verdanke ich die nachstehenden

Andeutungen über die Herkunft des _Platoni_schen Mythus, die ich zum

Teil in seinen Worten wiedergebe: Ich möchte darauf aufmerksam machen,

daß sich wesentlich dieselbe Theorie auch schon in den _Upanishaden_

findet. Denn _Brihad-Âranyaka-Upanishad_ I, 4, 3 (_Deussen_,

60 Upanishads des Veda, S. 393), wo das Hervorgehen der Welt aus dem

Âtman (dem Selbst oder Ich) geschildert wird, heißt es: ».... Aber

er (der Âtman, das Selbst oder das Ich) hatte auch keine Freude;

darum hat einer keine Freude, wenn er allein ist. Da begehrte er nach

einem Zweiten. Nämlich er war so groß wie ein Weib und ein Mann, wenn

sie sich umschlungen halten. Dieses sein Selbst zerfällte er in zwei

Teile: daraus entstanden Gatte und Gattin. Darum ist dieser Leib an

dem Selbst gleichsam eine Halbscheid, so nämlich hat es _Tajñavalkya_

erklärt. Darum wird dieser leere Raum hier durch das Weib ausgefüllt.«

Die _Brihad-Âranyaka-Upanishad_ ist die älteste aller Upanishaden

und wird wohl von keinem urteilsfähigen Forscher später angesetzt als

etwa um das Jahr 800 v. Chr. Die Frage, ob eine, wenn auch sehr

mittelbare Abhängigkeit _Platon's_ von diesen indischen Gedanken

möglich wäre, möchte ich im Gegensatz zur herrschenden Meinung nicht

unbedingt verneinen, da eine solche Möglichkeit wohl auch für die

Seelenwanderungslehre nicht geradezu in Abrede gestellt werden kann.

Eine solche, zunächst durch Pythagoraeer vermittelte Abhängigkeit

würde dem gedanklichen Zusammentreffen kaum etwas von seiner

Bedeutsamkeit nehmen, da _Platon_ eine derartige ihm irgendwie aus

orientalischer Überlieferung zugetragene Geschichte sich nicht zu

eigen gemacht, geschweige denn ihr eine so bedeutsame Stellung

angewiesen hätte, hätte sie ihm nicht selbst als wahrheitshältig

eingeleuchtet.

In einer Schrift von K. _Ziegler_, Menschen- und Weltenwerden (Neue

Jahrbücher für das klassische Altertum, Bd. 31, Sonderabdruck 1913),

die sich planmäßig mit der Erforschung des fraglichen Gedankens _vor

Plato_ beschäftigt, wird dieser auf babylonische Vorstellungen

zurückgeführt.

Sollen wir, dem Wink des Dichterphilosophen folgend, die Annahme wagen,

daß die lebende Substanz bei ihrer Belebung in kleine Partikel zerrissen

wurde, die seither durch die Sexualtriebe ihre Wiedervereinigung

anstreben? Daß diese Triebe, in denen sich die chemische Affinität der

unbelebten Materie fortsetzt, durch das Reich der Protisten hindurch

allmählich die Schwierigkeiten überwinden, welche eine mit

lebensgefährlichen Reizen geladene Umgebung diesem Streben

entgegensetzt, die sie zur Bildung einer schützenden Rindenschicht

nötigt? Daß diese zersprengten Teilchen lebender Substanz so die

Vielzelligkeit erreichen und endlich den Keimzellen den Trieb zur

Wiedervereinigung in höchster Konzentration übertragen? Ich glaube, es

ist hier die Stelle, abzubrechen.

Doch nicht, ohne einige Worte kritischer Besinnung anzuschließen. Man

könnte mich fragen, ob und inwieweit ich selbst von den hier

entwickelten Annahmen überzeugt bin. Meine Antwort würde lauten, daß ich

weder selbst überzeugt bin, noch bei anderen um Glauben für sie werbe.

Richtiger: ich weiß nicht, wie weit ich an sie glaube. Es scheint mir,

daß das affektive Moment der Überzeugung hier gar nicht in Betracht zu

kommen braucht. Man kann sich doch einem Gedankengang hingeben, ihn

verfolgen, soweit er führt, nur aus wissenschaftlicher Neugierde, oder

wenn man will, als advocatus diaboli, der sich darum doch nicht dem

Teufel selbst verschreibt. Ich verkenne nicht, daß der dritte Schritt in

der Trieblehre, den ich hier unternehme, nicht dieselbe Sicherheit

beanspruchen kann wie die beiden früheren, die Erweiterung des

Begriffes der Sexualität und die Aufstellung des Narzißmus. Diese

Neuerungen waren direkte Übersetzungen der Beobachtung in Theorie, mit

nicht größeren Fehlerquellen behaftet, als in all solchen Fällen

unvermeidlich ist. Die Behauptung des _regressiven_ Charakters der

Triebe ruht allerdings auch auf beobachtetem Material, nämlich auf den

Tatsachen des Wiederholungszwanges. Allein vielleicht habe ich deren

Bedeutung überschätzt. Die Durchführung dieser Idee ist jedenfalls nicht

anders möglich, als daß man mehrmals nacheinander Tatsächliches mit bloß

Erdachtem kombiniert und sich dabei weit von der Beobachtung entfernt.

Man weiß, daß das Endergebnis um so unverläßlicher wird, je öfter man

dies während des Aufbaues einer Theorie tut, aber der Grad der

Unsicherheit ist nicht angebbar. Man kann dabei glücklich geraten haben

oder schmählich in die Irre gegangen sein. Der sogenannten Intuition

traue ich bei solchen Arbeiten wenig zu; was ich von ihr gesehen habe,

schien mir eher der Erfolg einer gewissen Unparteilichkeit des

Intellekts. Nur daß man leider selten unparteiisch ist, wo es sich um

die letzten Dinge, die großen Probleme der Wissenschaft und des Lebens

handelt. Ich glaube, ein jeder wird da von innerlich tief begründeten

Vorlieben beherrscht, denen er mit seiner Spekulation unwissentlich in

die Hände arbeitet. Bei so guten Gründen zum Mißtrauen bleibt wohl

nichts anderes als ein kühles Wohlwollen für die Ergebnisse der eigenen

Denkbemühung möglich. Ich beeile mich nur hinzuzufügen, daß solche

Selbstkritik durchaus nicht zu besonderer Toleranz gegen abweichende

Meinungen verpflichtet. Man darf unerbittlich Theorien abweisen, denen

schon die ersten Schritte in der Analyse der Beobachtung widersprechen,

und kann dabei doch wissen, daß die Richtigkeit derer, die man vertritt,

doch nur eine vorläufige ist. In der Beurteilung unserer Spekulation

über die Lebens- und Todestriebe würde es uns wenig stören, daß so viel

befremdende und unanschauliche Vorgänge darin vorkommen, wie ein Trieb

werde von anderen herausgedrängt, oder er wende sich vom Ich zum Objekt

u. dgl. Dies rührt nur daher, daß wir genötigt sind, mit den

wissenschaftlichen Termini, das heißt, mit der eigenen Bildersprache der

Psychologie (richtig: der Tiefenpsychologie) zu arbeiten. Sonst könnten

wir die entsprechenden Vorgänge überhaupt nicht beschreiben, ja würden

sie gar nicht wahrgenommen haben. Die Mängel unserer Beschreibung würden

wahrscheinlich verschwinden, wenn wir anstatt der psychologischen

Termini schon die physiologischen oder chemischen einsetzen könnten.

Diese gehören zwar auch nur einer Bildersprache an, aber einer uns seit

längerer Zeit vertrauten und vielleicht auch einfacheren.

Hingegen wollen wir uns recht klar machen, daß die Unsicherheit unserer

Spekulation zu einem hohen Grade durch die Nötigung gesteigert wurde,

Anleihen bei der biologischen Wissenschaft zu machen. Die Biologie ist

wahrlich ein Reich der unbegrenzten Möglichkeiten, wir haben die

überraschendsten Aufklärungen von ihr zu erwarten und können nicht

erraten, welche Antworten sie auf die von uns an sie gestellten Fragen

einige Jahrzehnte später geben würde. Vielleicht gerade solche, durch

die unser ganzer künstlicher Bau von Hypothesen umgeblasen wird. Wenn

dem so ist, könnte jemand fragen, wozu unternimmt man also solche

Arbeiten wie die in diesem Abschnitt niedergelegte, und warum bringt man

sie doch zur Mitteilung? Nun, ich kann nicht in Abrede stellen, daß

einige der Analogien, Verknüpfungen und Zusammenhänge darin mir der

Beachtung würdig erschienen sind[32].

[32] Anschließend hier einige Worte zur Klärung unserer Namengebung,

die im Laufe dieser Erörterungen eine gewisse Entwicklung durchgemacht

hat. Was »Sexualtriebe« sind, wußten wir aus ihrer Beziehung zu den

Geschlechtern und zur Fortpflanzungsfunktion. Wir behielten dann

diesen Namen bei, als wir durch die Ergebnisse der Psychoanalyse

genötigt waren, deren Beziehung zur Fortpflanzung zu lockern.

Mit der Aufstellung der narzißtischen Libido und der Ausdehnung

des Libidobegriffes auf die einzelne Zelle wandelte sich uns der

Sexualtrieb zum Eros, der die Teile der lebenden Substanz zu einander

zu drängen und zusammenzuhalten sucht, und die gemeinhin so genannten

Sexualtriebe erschienen als der dem Objekt zugewandte Anteil dieses

Eros. Die Spekulation läßt dann diesen Eros vom Anfang des Lebens an

wirken und als »Lebenstrieb« im Gegensatz zum »Todestrieb« treten,

der durch die Belebung des Anorganischen entstanden ist. Sie versucht

das Rätsel des Lebens durch die Annahme dieser beiden von Uranfang

an miteinander ringenden Triebe zu lösen. Unübersichtlicher ist

vielleicht die Wandlung, die der Begriff der »Ichtriebe« erfahren hat.

Ursprünglich nannten wir so alle jene von uns nicht näher gekannten

Triebrichtungen, die sich von den auf das Objekt gerichteten

Sexualtrieben abscheiden lassen, und brachten die Ichtriebe in

Gegensatz zu den Sexualtrieben, deren Ausdruck die Libido ist.

Späterhin näherten wir uns der Analyse des Ichs und erkannten, daß

auch ein Teil der »Ichtriebe« libidinöser Natur ist, das eigene Ich

zum Objekt genommen hat. Diese narzißtischen Selbsterhaltungstriebe

mußten also jetzt den libidinösen Sexualtrieben zugerechnet werden.

Der Gegensatz zwischen Ich- und Sexualtrieben wandelte sich in den

zwischen Ich- und Objekttrieben, beide libidinöser Natur. An seine

Stelle trat aber ein neuer Gegensatz zwischen libidinösen (Ich- und

Objekt-) Trieben und anderen, die im Ich zu statuieren und vielleicht

in den Destruktionstrieben aufzuzeigen sind. Die Spekulation wandelt

diesen Gegensatz in den von Lebenstrieben (Eros) und von Todestrieben

um.

Jenseits des Lustprinzips · 第 9 / 12 题