Unser bisheriges Ergebnis, welches einen scharfen Gegensatz zwischen den
»Ichtrieben« und den Sexualtrieben aufstellt, die ersteren zum Tode und
die letzteren zur Lebenserhaltung drängen läßt, wird uns gewiß nach
vielen Richtungen selbst nicht befriedigen. Dazu kommt, daß wir
eigentlich nur für die ersteren den konservativen oder besser
regredierenden, einem Wiederholungszwang entsprechenden Charakter des
Triebes in Anspruch nehmen konnten. Denn nach unserer Annahme rühren die
Ichtriebe von der Belebung der unbelebten Materie her und wollen die
Unbelebtheit wieder herstellen. Die Sexualtriebe hingegen -- es ist
augenfällig, daß sie primitive Zustände des Lebewesens reproduzieren,
aber ihr mit allen Mitteln angestrebtes Ziel ist die Verschmelzung
zweier in bestimmter Weise differenzierter Keimzellen. Wenn diese
Vereinigung nicht zustande kommt, dann stirbt die Keimzelle wie alle
anderen Elemente des vielzelligen Organismus. Nur unter dieser Bedingung
kann die Geschlechtsfunktion das Leben verlängern und ihm den Schein der
Unsterblichkeit verleihen. Welches wichtige Ereignis im Entwicklungsgang
der lebenden Substanz wird aber durch die geschlechtliche Fortpflanzung
oder ihren Vorläufer, die Kopulation zweier Individuen unter den
Protisten, wiederholt? Das wissen wir nicht zu sagen, und darum würden
wir es als Erleichterung empfinden, wenn unser ganzer Gedankenaufbau
sich als irrtümlich erkennen ließe. Der Gegensatz von Ich(Todes-)trieben
und Sexual(Lebens-)trieben würde dann entfallen, damit auch der
Wiederholungszwang die ihm zugeschriebene Bedeutung einbüßen.
Kehren wir darum zu einer von uns eingeflochtenen Annahme zurück, in der
Erwartung, sie werde sich exakt widerlegen lassen. Wir haben auf Grund
der Voraussetzung weitere Schlüsse aufgebaut, daß alles Lebende aus
inneren Ursachen sterben müsse. Wir haben diese Annahme so sorglos
gemacht, weil sie uns nicht als solche erscheint. Wir sind gewohnt so zu
denken, unsere Dichter bestärken uns darin. Vielleicht haben wir uns
dazu entschlossen, weil ein Trost in diesem Glauben liegt. Wenn man
schon selbst sterben und vorher seine Liebsten durch den Tod verlieren
soll, so will man lieber einem unerbittlichen Naturgesetz, der hehren
+Anankê+, erlegen sein, als einem Zufall, der sich etwa noch hätte
vermeiden lassen. Aber vielleicht ist dieser Glaube an die innere
Gesetzmäßigkeit des Sterbens auch nur eine der Illusionen, die wir uns
geschaffen haben, »um die Schwere des Daseins zu ertragen«. Ursprünglich
ist er sicherlich nicht, den primitiven Völkern ist die Idee eines
»natürlichen Todes« fremd; sie führen jedes Sterben unter ihnen auf den
Einfluß eines Feindes oder eines bösen Geistes zurück. Versäumen wir es
darum nicht, uns zur Prüfung dieses Glaubens an die biologische
Wissenschaft zu wenden.
Wenn wir so tun, dürfen wir erstaunt sein, wie wenig die Biologen in der
Frage des natürlichen Todes einig sind, ja daß ihnen der Begriff des
Todes überhaupt unter den Händen zerrinnt. Die Tatsache einer bestimmten
durchschnittlichen Lebensdauer wenigstens bei höheren Tieren spricht
natürlich für den Tod aus inneren Ursachen, aber der Umstand, daß
einzelne große Tiere und riesenhafte Baumgewächse ein sehr hohes und
bisher nicht abschätzbares Alter erreichen, hebt diesen Eindruck wieder
auf. Nach der großartigen Konzeption von W. _Fließ_ sind alle
Lebenserscheinungen -- und gewiß auch der Tod -- der Organismen an die
Erfüllung bestimmter Termine gebunden, in denen die Abhängigkeit zweier
lebenden Substanzen, einer männlichen und einer weiblichen, vom
Sonnenjahr zum Ausdruck kommt. Allein die Beobachtungen, wie leicht und
bis zu welchem Ausmaß es dem Einflusse äußerer Kräfte möglich ist, die
Lebensäußerungen insbesondere der Pflanzenwelt in ihrem zeitlichen
Auftreten zu verändern, sie zu verfrühen oder hintanzuhalten, sträuben
sich gegen die Starrheit der _Fließ_'schen Formeln und lassen zum
mindesten an der Alleinherrschaft der von ihm aufgestellten Gesetze
zweifeln.
Das größte Interesse knüpft sich für uns an die Behandlung, welche das
Thema von der Lebensdauer und vom Tode der Organismen in den Arbeiten
von A. _Weismann_ gefunden hat[16]. Von diesem Forscher rührt die
Unterscheidung der lebenden Substanz in eine sterbliche und unsterbliche
Hälfte her; die sterbliche ist der Körper im engeren Sinne, das _Soma_,
sie allein ist dem natürlichen Tode unterworfen, die Keimzellen aber
sind potentia unsterblich, insofern sie imstande sind, unter gewissen
günstigen Bedingungen sich zu einem neuen Individuum zu entwickeln, oder
anders ausgedrückt, sich mit einem neuen Soma zu umgeben[17].
[16] Über die Dauer des Lebens, 1882; Über Leben und Tod, 1892; Das
Keimplasma, 1892, u. a.
[17] Über Leben und Tod, 2. Aufl. 1892, S. 20.
Was uns hieran fesselt, ist die unerwartete Analogie mit unserer
eigenen, auf so verschiedenem Wege entwickelten Auffassung. _Weismann_,
der die lebende Substanz morphologisch betrachtet, erkennt in ihr einen
Bestandteil, der dem Tode verfallen ist, das Soma, den Körper abgesehen
vom Geschlechts- und Vererbungsstoff, und einen unsterblichen, eben
dieses Keimplasma, welches der Erhaltung der Art, der Fortpflanzung,
dient. Wir haben nicht den lebenden Stoff, sondern die in ihm tätigen
Kräfte eingestellt, und sind dazu geführt worden, zwei Arten von Trieben
zu unterscheiden, jene, welche das Leben zum Tod führen wollen, die
anderen, die Sexualtriebe, welche immer wieder die Erneuerung des Lebens
anstreben und durchsetzen. Das klingt wie ein dynamisches Korollar zu
_Weismann's_ morphologischer Theorie.
Der Anschein einer bedeutsamen Übereinstimmung verflüchtigt sich
alsbald, wenn wir _Weismann's_ Entscheidung über das Problem des Todes
vernehmen. Denn _Weismann_ läßt die Sonderung vom sterblichen Soma und
unsterblichen Keimplasma erst bei den vielzelligen Organismen gelten,
bei den einzelligen Tieren sind Individuum und Fortpflanzungszelle noch
ein- und dasselbe[18]. Die Einzelligen erklärt er also für potentiell
unsterblich, der Tod tritt erst bei den Metazoen, den Vielzelligen, auf.
Dieser Tod der höheren Lebewesen ist allerdings ein natürlicher, ein Tod
aus inneren Ursachen, aber er beruht nicht auf einer Ureigenschaft der
lebenden Substanz[19], kann nicht als eine absolute, im Wesen des Lebens
begründete Notwendigkeit aufgefaßt werden[20]. Der Tod ist vielmehr eine
Zweckmäßigkeitseinrichtung, eine Erscheinung der Anpassung an die
äußeren Lebensbedingungen, weil von der Sonderung der Körperzellen in
Soma und Keimplasmen an die unbegrenzte Lebensdauer des Individuums ein
ganz unzweckmäßiger Luxus geworden wäre. Mit dem Eintritt dieser
Differenzierung bei den Vielzelligen wurde der Tod möglich und
zweckmäßig. Seither stirbt das Soma der höheren Lebewesen aus inneren
Gründen zu bestimmten Zeiten ab, die Protisten aber sind unsterblich
geblieben. Die Fortpflanzung hingegen ist nicht erst mit dem Tod
eingeführt worden, sie ist vielmehr eine Ureigenschaft der lebenden
Materie wie das Wachstum, aus welchem sie hervorging, und das Leben ist
von seinem Beginn auf Erden an kontinuierlich geblieben[21].
[18] Dauer des Lebens, S. 38.
[19] Leben und Tod, 2. Aufl., S. 67.
[20] Dauer des Lebens, S. 33.
[21] Über Leben und Tod, Schluß.
Es ist leicht einzusehen, daß das Zugeständnis eines natürlichen Todes
für die höheren Organismen unserer Sache wenig hilft. Wenn der Tod eine
späte Erwerbung der Lebewesen ist, dann kommen Todestriebe, die sich vom
Beginn des Lebens auf Erden ableiten, weiter nicht in Betracht. Die
Vielzelligen mögen dann immerhin aus inneren Gründen sterben, an den
Mängeln ihrer Differenzierung oder an den Unvollkommenheiten ihres
Stoffwechsels; es hat für die Frage, die uns beschäftigt, kein
Interesse. Eine solche Auffassung und Ableitung des Todes liegt dem
gewohnten Denken der Menschen auch sicherlich viel näher als die
befremdende Annahme von »Todestrieben«.
Die Diskussion, die sich an die Aufstellungen von _Weismann_
angeschlossen, hat nach meinem Urteil in keiner Richtung Entscheidendes
ergeben[22]. Manche Autoren sind zum Standpunkt von _Goette_
zurückgekehrt (1883), der in dem Tod die direkte Folge der Fortpflanzung
sah. _Hartmann_ charakterisiert den Tod nicht durch Auftreten einer
»Leiche«, eines abgestorbenen Anteiles der lebenden Substanz, sondern
definiert ihn als den »Abschluß der individuellen Entwicklung«. In
diesem Sinne sind auch die Protozoen sterblich, der Tod fällt bei ihnen
immer mit der Fortpflanzung zusammen, aber er wird durch diese
gewissermaßen verschleiert, indem die ganze Substanz des Elterntieres
direkt in die jungen Kinderindividuen übergeführt werden kann (l. c.,
S. 29).
[22] Vgl. Max _Hartmann_, Tod und Fortpflanzung, 1906; Alex.
_Lipschütz_, Warum wir sterben, Kosmosbücher, 1914; Franz _Doflein_,
Das Problem des Todes und der Unsterblichkeit bei den Pflanzen und
Tieren, 1919.
Das Interesse der Forschung hat sich bald darauf gerichtet, die
behauptete Unsterblichkeit der lebenden Substanz an den Einzelligen
experimentell zu erproben. Ein Amerikaner, _Woodruff_, hat ein
bewimpertes Infusorium, ein »Pantoffeltierchen«, das sich durch Teilung
in zwei Individuen fortpflanzt, in Zucht genommen und es bis zur
3029sten Generation, wo er den Versuch abbrach, verfolgt, indem er
jedesmal das eine der Teilprodukte isolierte und in frisches Wasser
brachte. Dieser späte Abkömmling des ersten Pantoffeltierchens war
ebenso frisch wie der Urahn, ohne alle Zeichen des Alterns oder der
Degeneration; somit schien, wenn solchen Zahlen bereits Beweiskraft
zukommt, die Unsterblichkeit der Protisten experimentell erweisbar[23].
[23] Für dies und das Folgende vgl. _Lipschütz_ l. c., S. 26 und
52 ff.
Andere Forscher sind zu anderen Resultaten gekommen. _Maupas_, _Calkins_
u. a. haben im Gegensatz zu _Woodruff_ gefunden, daß auch diese
Infusorien nach einer gewissen Anzahl von Teilungen schwächer werden, an
Größe abnehmen, einen Teil ihrer Organisation einbüßen und endlich
sterben, wenn sie nicht gewisse auffrischende Einflüsse erfahren.
Demnach stürben die Protozoen nach einer Phase des Altersverfalls ganz
wie die höheren Tiere, so recht im Widerspruch zu den Behauptungen
_Weismann's_, der den Tod als eine späte Erwerbung der lebenden
Organismen anerkennt.
Aus dem Zusammenhang dieser Untersuchungen heben wir zwei Tatsachen
heraus, die uns einen festen Anhalt zu bieten scheinen. Erstens: Wenn
die Tierchen zu einem Zeitpunkt, da sie noch keine Altersveränderung
zeigen, miteinander zuzweit verschmelzen, »kopulieren« können -- worauf
sie nach einiger Zeit wieder auseinandergehen --, so bleiben sie vom
Alter verschont, sie sind »verjüngt« worden. Diese Kopulation ist doch
wohl der Vorläufer der geschlechtlichen Fortpflanzung höherer Wesen; sie
hat mit der Vermehrung noch nichts zu tun, beschränkt sich auf die
Vermischung der Substanzen beider Individuen (_Weismann's_ Amphimixis).
Der auffrischende Einfluß der Kopulation kann aber auch ersetzt werden
durch bestimmte Reizmittel, Veränderungen in der Zusammensetzung der
Nährflüssigkeit, Temperatursteigerung oder Schütteln. Man erinnert sich
an das berühmte Experiment von J. _Loeb_, der Seeigeleier durch gewisse
chemische Reize zu Teilungsvorgängen zwang, die sonst nur nach der
Befruchtung auftreten.
Zweitens: Es ist doch wahrscheinlich, daß die Infusorien durch ihren
eigenen Lebensprozeß zu einem natürlichen Tod geführt werden, denn der
Widerspruch zwischen den Ergebnissen von _Woodruff_ und von anderen
rührt daher, daß _Woodruff_ jede neue Generation in frische
Nährflüssigkeit brachte. Unterließ er dies, so beobachtete er dieselben
Altersveränderungen der Generationen wie die anderen Forscher. Er
schloß, daß die Tierchen durch die Produkte des Stoffwechsels, die sie
an die umgebende Flüssigkeit abgeben, geschädigt werden, und konnte dann
überzeugend nachweisen, daß nur die Produkte des _eigenen_ Stoffwechsels
diese zum Tod der Generation führende Wirkung haben. Denn in einer
Lösung, die mit den Abfallsprodukten einer entfernter verwandten Art
übersättigt war, gediehen dieselben Tierchen ausgezeichnet, die, in
ihrer eigenen Nährflüssigkeit angehäuft, sicher zugrunde gingen. Das
Infusor stirbt also, sich selbst überlassen, eines natürlichen Todes an
der Unvollkommenheit der Beseitigung seiner eigenen Stoffwechselprodukte;
aber vielleicht sterben auch alle höheren Tiere im Grunde an dem
gleichen Unvermögen.
Es mag uns da der Zweifel anwandeln, ob es überhaupt zweckdienlich war,
die Entscheidung der Frage nach dem natürlichen Tod im Studium der
Protozoen zu suchen. Die primitive Organisation dieser Lebewesen mag uns
wichtige Verhältnisse verschleiern, die auch bei ihnen statthaben, aber
erst bei höheren Tieren erkannt werden können, wo sie sich einen
morphologischen Ausdruck verschafft haben. Wenn wir den morphologischen
Standpunkt verlassen, um den dynamischen einzunehmen, so kann es uns
überhaupt gleichgültig sein, ob sich der natürliche Tod der Protozoen
erweisen läßt oder nicht. Bei ihnen hat sich die später als unsterblich
erkannte Substanz von der sterblichen noch in keiner Weise gesondert.
Die Triebkräfte, die das Leben in den Tod überführen wollen, könnten
auch in ihnen von Anfang an wirksam sein, und doch könnte ihr Effekt
durch den der lebenserhaltenden Kräfte so gedeckt werden, daß ihr
direkter Nachweis sehr schwierig wird. Wir haben allerdings gehört, daß
die Beobachtungen der Biologen uns die Annahme solcher zum Tod führenden
inneren Vorgänge auch für die Protisten gestatten. Aber selbst, wenn die
Protisten sich als unsterblich im Sinne von _Weismann_ erweisen, so gilt
seine Behauptung, der Tod sei eine späte Erwerbung, nur für die
manifesten Äußerungen des Todes und macht keine Annahme über die zum
Tode drängenden Prozesse unmöglich. Unsere Erwartung, die Biologie werde
die Anerkennung der Todestriebe glatt beseitigen, hat sich nicht
erfüllt. Wir können uns mit ihrer Möglichkeit weiter beschäftigen, wenn
wir sonst Gründe dafür haben. Die auffällige Ähnlichkeit der
_Weismann_'schen Sonderung von Soma und Keimplasma mit unserer Scheidung
der Todestriebe von den Lebenstrieben bleibt aber bestehen und erhält
ihren Wert wieder.
Verweilen wir kurz bei dieser exquisit dualistischen Auffassung des
Trieblebens. Nach der Theorie E. _Hering's_ von den Vorgängen in der
lebenden Substanz laufen in ihr unausgesetzt zweierlei Prozesse
entgegengesetzter Richtung ab, die einen aufbauend -- assimilatorisch,
die anderen abbauend -- dissimilatorisch. Sollen wir es wagen, in diesen
beiden Richtungen der Lebensprozesse die Betätigung unserer beiden
Triebregungen, der Lebenstriebe und der Todestriebe, zu erkennen? Aber
etwas anderes können wir uns nicht verhehlen, daß wir unversehens in den
Hafen der Philosophie _Schopenhauer's_ eingelaufen sind, für den ja der
Tod »das eigentliche Resultat« und insofern der Zweck des Lebens ist[24],
der Sexualtrieb aber die Verkörperung des Willens zum Leben.
[24] Ȇber die anscheinende Absichtlichkeit im Schicksale des
Einzelnen«, Großherzog Wilhelm Ernst-Ausgabe, IV. Bd., S. 268.
Versuchen wir kühn, einen Schritt weiter zu gehen. Nach allgemeiner
Einsicht ist die Vereinigung zahlreicher Zellen zu einem Lebensverband,
die Vielzelligkeit der Organismen, ein Mittel zur Verlängerung ihrer
Lebensdauer geworden. Eine Zelle hilft dazu, das Leben der anderen zu
erhalten, und der Zellenstaat kann weiter leben, auch wenn einzelne
Zellen absterben müssen. Wir haben bereits gehört, daß auch die
Kopulation, die zeitweilige Verschmelzung zweier Einzelligen,
lebenserhaltend und verjüngend auf beide wirkt. Somit könnte man den
Versuch machen, die in der Psychoanalyse gewonnene Libidotheorie auf das
Verhältnis der Zellen zueinander zu übertragen und sich vorzustellen,
daß es die in jeder Zelle tätigen Lebens- oder Sexualtriebe sind, welche
die anderen Zellen zum Objekt nehmen, deren Todestriebe, d. i. die von
diesen angeregten Prozesse, teilweise neutralisieren und sie so am Leben
erhalten, während andere Zellen dasselbe für sie besorgen und noch
andere in der Ausübung dieser libidinösen Funktion sich selbst
aufopfern. Die Keimzellen selbst würden sich absolut »narzißtisch«
benehmen, wie wir es in der Neurosenlehre zu bezeichnen gewohnt sind,
wenn ein ganzes Individuum seine Libido im Ich behält und nichts von ihr
für Objektbesetzungen verausgabt. Die Keimzellen brauchen ihre Libido,
die Tätigkeit ihrer Lebenstriebe, für sich selbst als Vorrat für ihre
spätere, großartig aufbauende Tätigkeit. Vielleicht darf man auch die
Zellen der bösartigen Neugebilde, die den Organismus zerstören, für
narzißtisch in demselben Sinne erklären. Die Pathologie ist ja bereit,
ihre Keime für mitgeboren zu halten und ihnen embryonale Eigenschaften
zuzugestehen. So würde also die Libido unserer Sexualtriebe mit dem
Eros der Dichter und Philosophen zusammenfallen, der alles Lebende
zusammenhält.
An dieser Stelle finden wir den Anlaß, die langsame Entwicklung unserer
Libidotheorie zu überschauen. Die Analyse der Übertragungsneurosen zwang
uns zunächst den Gegensatz zwischen »Sexualtrieben«, die auf das Objekt
gerichtet sind, und anderen Trieben auf, die wir nur sehr ungenügend
erkannten und vorläufig als »Ichtriebe« bezeichneten. Unter ihnen mußten
Triebe, die der Selbsterhaltung des Individuums dienen, in erster Linie
anerkannt werden. Was für andere Unterscheidungen da zu machen waren,
konnte man nicht wissen. Keine Kenntnis wäre für die Begründung einer
richtigen Psychologie so wichtig gewesen, wie eine ungefähre Einsicht in
die gemeinsame Natur und die etwaigen Besonderheiten der Triebe. Aber
auf keinem Gebiete der Psychologie tappte man so sehr im Dunkeln.
Jedermann stellte so viele Triebe oder »Grundtriebe« auf, als ihm
beliebte, und wirtschaftete mit ihnen wie die alten griechischen
Naturphilosophen mit ihren vier Elementen: dem Wasser, der Erde, dem
Feuer und der Luft. Die Psychoanalyse, die irgendeiner Annahme über die
Triebe nicht entraten konnte, hielt sich vorerst an die populäre
Triebunterscheidung, für die das Wort von »Hunger und Liebe« vorbildlich
ist. Es war wenigstens kein neuer Willkürakt. Damit reichte man in der
Analyse der Psychoneurosen ein ganzes Stück weit aus. Der Begriff der
»Sexualität« -- und damit der eines Sexualtriebes -- mußte freilich
erweitert werden, bis er vieles einschloß, was sich nicht der
Fortpflanzungsfunktion einordnete, und darüber gab es Lärm genug in der
strengen, vornehmen oder bloß heuchlerischen Welt.
Der nächste Schritt erfolgte, als sich die Psychoanalyse näher an das
psychologische Ich herantasten konnte, das ihr zunächst nur als
verdrängende, zensurierende und zu Schutzbauten, Reaktionsbildungen
befähigte Instanz bekannt geworden war. Kritische und andere
weitblickende Geister hatten zwar längst gegen die Einschränkung des
Libidobegriffes auf die Energie der dem Objekt zugewendeten Sexualtriebe
Einspruch erhoben. Aber sie versäumten es mitzuteilen, woher ihnen die
bessere Einsicht gekommen war, und verstanden nicht, etwas für die
Analyse Brauchbares aus ihr abzuleiten. In bedächtigerem Fortschreiten
fiel es nun der psychoanalytischen Beobachtung auf, wie regelmäßig Libido
vom Objekt abgezogen und aufs Ich gerichtet wird (Introversion), und indem
sie die Libidoentwicklung des Kindes in ihren frühesten Phasen studierte,
kam sie zur Einsicht, daß das Ich das eigentliche und ursprüngliche
Reservoir der Libido sei, die erst von da aus auf das Objekt erstreckt
werde. Das Ich trat unter die Sexualobjekte und wurde gleich als das
vornehmste unter ihnen erkannt. Wenn die Libido so im Ich verweilte,
wurde sie narzißtisch genannt[25]. Diese narzißtische Libido war
natürlich auch die Kraftäußerung von Sexualtrieben im analytischen Sinne,
die man mit den von Anfang an zugestandenen »Selbsterhaltungstrieben«
identifizieren mußte. Somit war der ursprüngliche Gegensatz von
Ichtrieben und Sexualtrieben unzureichend geworden. Ein Teil der
Ichtriebe war als libidinös erkannt; im Ich waren -- neben anderen
wahrscheinlich -- auch Sexualtriebe wirksam, doch ist man berechtigt zu
sagen, daß die alte Formel, die Psychoneurose beruhe auf einem Konflikt
zwischen den Ichtrieben und den Sexualtrieben, nichts enthielt, was
heute zu verwerfen wäre. Der Unterschied der beiden Triebarten, der
ursprünglich irgendwie qualitativ gemeint war, ist jetzt nur anders,
nämlich _topisch_ zu bestimmen. Insbesondere die Übertragungsneurose,
das eigentliche Studienobjekt der Psychoanalyse, bleibt das Ergebnis
eines Konflikts zwischen dem Ich und der libidinösen Objektbesetzung.
[25] Zur Einführung des Narzißmus. Jahrbuch der Psychoanalyse, VI,
1914, und Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, IV. Folge,
1918.
Um so mehr müssen wir den libidinösen Charakter der
Selbsterhaltungstriebe jetzt betonen, da wir den weiteren Schritt wagen,
den Sexualtrieb als den alles erhaltenden Eros zu erkennen und die
narzißtische Libido des Ichs aus den Libidobeiträgen ableiten, mit denen
die Somazellen aneinander haften. Nun aber finden wir uns plötzlich
folgender Frage gegenüber: Wenn auch die Selbsterhaltungstriebe
libidinöser Natur sind, dann haben wir vielleicht überhaupt keine
anderen Triebe als libidinöse. Es sind wenigstens keine anderen zu
sehen. Dann muß man aber doch den Kritikern recht geben, die von Anfang
an geahnt haben, die Psychoanalyse erkläre _alles_ aus der Sexualität,
oder den Neuerern wie _Jung_, die, kurz entschlossen, Libido für
»Triebkraft« überhaupt gebraucht haben. Ist dem nicht so?
In unserer Absicht läge dies Resultat allerdings nicht. Wir sind ja
vielmehr von einer scharfen Scheidung zwischen Ichtrieben = Todestrieben
und Sexualtrieben = Lebenstrieben ausgegangen. Wir waren ja bereit, auch
die angeblichen Selbsterhaltungstriebe des Ichs zu den Todestrieben zu
rechnen, was wir seither berichtigend zurückgezogen haben. Unsere
Auffassung war von Anfang eine _dualistische_ und sie ist es heute
schärfer denn zuvor, seitdem wir die Gegensätze nicht mehr Ich- und
Sexualtriebe, sondern Lebens- und Todestriebe benennen. _Jung's_
Libidotheorie ist dagegen eine monistische; daß er seine einzige
Triebkraft Libido geheißen hat, mußte Verwirrung stiften, soll uns aber
weiter nicht beeinflussen. Wir vermuten, daß im Ich noch andere als die
libidinösen Selbsterhaltungstriebe tätig sind, wir sollten nur imstande
sein, sie aufzuzeigen. Es ist zu bedauern, daß die Analyse des Ichs so
wenig fortgeschritten ist, daß dieser Nachweis uns recht schwer wird.
Die libidinösen Triebe des Ichs mögen allerdings in besonderer Weise mit
den anderen, uns noch fremden Ichtrieben verknüpft sein. Noch ehe wir
den Narzißmus klar erkannt hatten, bestand bereits in der Psychoanalyse
die Vermutung, daß die »Ichtriebe« libidinöse Komponenten an sich
gezogen haben. Aber das sind recht unsichere Möglichkeiten, denen die
Gegner kaum Rechnung tragen werden. Es bleibt mißlich, daß uns die
Analyse bisher immer nur in den Stand gesetzt hat, libidinöse Triebe
nachzuweisen. Den Schluß, daß es andere nicht gibt, möchten wir darum
doch nicht mitmachen.
Bei dem gegenwärtigen Dunkel der Trieblehre tun wir wohl nicht gut,
irgend einen Einfall, der uns Aufklärung verspricht, zurückzuweisen. Wir
sind von der großen Gegensätzlichkeit von Lebens- und Todestrieben
ausgegangen. Die Objektliebe selbst zeigt uns eine zweite solche
Polarität, die von Liebe (Zärtlichkeit) und Haß (Aggression). Wenn es
uns nun gelänge, diese beiden Polaritäten in Beziehung zu einander zu
bringen, die eine auf die andere zurückzuführen! Wir haben von jeher
eine sadistische Komponente des Sexualtriebes anerkannt[26]; sie kann
sich, wie wir wissen, selbständig machen und als Perversion das gesamte
Sexualstreben der Person beherrschen. Sie tritt auch in einer der von
mir sogenannten »prägenitalen Organisationen« als dominierender
Partialtrieb hervor. Wie soll man aber den sadistischen Trieb, der auf
die Schädigung des Objektes zielt, vom lebenserhaltenden Eros ableiten
können? Liegt da nicht die Annahme nahe, daß dieser Sadismus eigentlich
ein Todestrieb ist, der durch den Einfluß der narzißtischen Libido vom
Ich abgedrängt wurde, so daß er erst am Objekt zum Vorschein kommt? Er
tritt dann in den Dienst der Sexualfunktion; im oralen Organisationsstadium
der Libido fällt die Liebesbemächtigung noch mit der Vernichtung des
Objekts zusammen, später trennt sich der sadistische Trieb ab und
endlich übernimmt er auf der Stufe des Genitalprimats zum Zwecke der
Fortpflanzung die Funktion, das Sexualobjekt so weit zu bewältigen, als
es die Ausführung des Geschlechtsaktes erfordert. Ja, man könnte sagen,
der aus dem Ich herausgedrängte Sadismus habe den libidinösen Komponenten
des Sexualtriebs den Weg gezeigt; späterhin drängen diese zum Objekt
nach. Wo der ursprüngliche Sadismus keine Ermäßigung und Verschmelzung
erfährt, ist die bekannte Liebe-Haß-Ambivalenz des Liebeslebens
hergestellt.
[26] »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie«, von der 1. Auflage, 1905,
an.
Wenn es erlaubt ist, eine solche Annahme zu machen, so wäre die
Forderung erfüllt, ein Beispiel eines -- allerdings verschobenen --
Todestriebes aufzuzeigen. Nur daß diese Auffassung von jeder
Anschaulichkeit weit entfernt ist und einen geradezu mystischen Eindruck
macht. Wir kommen in den Verdacht, um jeden Preis eine Auskunft aus
einer großen Verlegenheit gesucht zu haben. Dann dürfen wir uns darauf
berufen, daß eine solche Annahme nicht neu ist, daß wir sie bereits
früher einmal gemacht haben, als von einer Verlegenheit noch keine Rede
war. Klinische Beobachtungen haben uns seinerzeit zur Auffassung
genötigt, daß der dem Sadismus komplementäre Partialtrieb des
Masochismus als eine Rückwendung des Sadismus gegen das eigene Ich zu
verstehen sei[27]. Eine Wendung des Triebs vom Objekt zum Ich ist aber
prinzipiell nichts anderes als die Wendung vom Ich zum Objekt, die hier
als neu in Frage steht. Der Masochismus, die Wendung des Triebs gegen
das eigene Ich, wäre dann in Wirklichkeit eine Rückkehr zu einer
früheren Phase desselben, eine Regression. In einem Punkte bedürfte die
damals vom Masochismus gegebene Darstellung einer Berichtigung als allzu
ausschließlich; der Masochismus könnte auch, was ich dort bestreiten
wollte, ein primärer sein[28].
[27] Vgl. Sexualtheorie, 4. Aufl., 1920, und »Triebe und
Triebschicksale« in Sammlung kleiner Schriften, IV. Folge.
[28] In einer inhalts- und gedankenreichen, für mich leider nicht ganz
durchsichtigen Arbeit hat Sabina _Spielrein_ ein ganzes Stück dieser
Spekulation vorweggenommen. Sie bezeichnet die sadistische Komponente
des Sexualtriebes als die »destruktive«. (Die Destruktion als Ursache
des Werdens. Jahrbuch für Psychoanalyse, IV, 1912.) In noch anderer
Weise suchte A. _Stärcke_ (Inleiding by de vertaling, von S. Freud, De
sexuele beschavingsmoral etc., 1914) den Libidobegriff selbst mit dem
theoretisch zu supponierenden biologischen Begriff eines _Antriebes
zum Tode_ zu identifizieren. (Vgl. auch _Rank_, Der Künstler.) Alle
diese Bemühungen zeigen, wie die im Texte, von dem Drang nach einer
noch nicht erreichten Klärung in der Trieblehre.
Aber kehren wir zu den lebenserhaltenden Sexualtrieben zurück. Schon aus
der Protistenforschung haben wir erfahren, daß die Verschmelzung zweier
Individuen ohne nachfolgende Teilung, die Kopulation, auf beide
Individuen, die sich dann bald voneinander lösen, stärkend und
verjüngend wirkt. (S. o. _Lipschütz_.) Sie zeigen in weiteren
Generationen keine Degenerationserscheinungen und scheinen befähigt, den
Schädlichkeiten ihres eigenen Stoffwechsels länger zu widerstehen. Ich
meine, daß diese eine Beobachtung als vorbildlich für den Effekt auch
der geschlechtlichen Vereinigung genommen werden darf. Aber auf welche
Weise bringt die Verschmelzung zweier wenig verschiedener Zellen eine
solche Erneuerung des Lebens zustande? Der Versuch, der die Kopulation
bei den Protozoen durch die Einwirkung chemischer, ja selbst
mechanischer Reize (l. c.) ersetzt, gestattet wohl eine sichere Antwort
zu geben: Es geschieht durch die Zufuhr neuer Reizgrößen. Das stimmt
nun aber gut zur Annahme, daß der Lebensprozeß des Individuums aus
inneren Gründen zur Abgleichung chemischer Spannungen, das heißt zum
Tode führt, während die Vereinigung mit einer individuell verschiedenen
lebenden Substanz diese Spannungen vergrößert, sozusagen neue
_Vitaldifferenzen_ einführt, die dann _abgelebt_ werden müssen. Für
diese Verschiedenheit muß es natürlich ein oder mehrere Optima geben.
Daß wir als die herrschende Tendenz des Seelenlebens, vielleicht des
Nervenlebens überhaupt, das Streben nach Herabsetzung, Konstanterhaltung,
Aufhebung der inneren Reizspannung erkannten (das _Nirwanaprinzip_ nach
einem Ausdruck von Barbara _Low_), wie es im Lustprinzip zum Ausdruck
kommt, das ist ja eines unserer stärksten Motive, an die Existenz von
Todestrieben zu glauben.
Als empfindliche Störung unseres Gedankenganges verspüren wir es aber
noch immer, daß wir gerade für den Sexualtrieb jenen Charakter eines
Wiederholungszwanges nicht nachweisen können, der uns zuerst zur Aufspürung
der Todestriebe führte. Das Gebiet der embryonalen Entwicklungsvorgänge
ist zwar überreich an solchen Wiederholungserscheinungen, die beiden
Keimzellen der geschlechtlichen Fortpflanzung und ihre Lebensgeschichte
sind selbst nur Wiederholungen der Anfänge des organischen Lebens; aber
das Wesentliche an den vom Sexualtrieb intendierten Vorgängen ist doch
die Verschmelzung zweier Zelleiber. Erst durch diese wird bei den
höheren Lebewesen die Unsterblichkeit der lebenden Substanz gesichert.
Mit anderen Worten: wir sollen Auskunft schaffen über die Entstehung der
geschlechtlichen Fortpflanzung und die Herkunft der Sexualtriebe
überhaupt, eine Aufgabe, vor der ein Außenstehender zurückschrecken muß,
und die von den Spezialforschern selbst bisher noch nicht gelöst werden
konnte. In knappster Zusammendrängung sei darum aus all den
widerstreitenden Angaben und Meinungen hervorgehoben, was einen Anschluß
an unseren Gedankengang zuläßt.
Die eine Auffassung benimmt dem Problem der Fortpflanzung seinen
geheimnisvollen Reiz, indem sie die Fortpflanzung als eine
Teilerscheinung des Wachstums darstellt. (Vermehrung durch Teilung,
Sproßung, Knospung.) Die Entstehung der Fortpflanzung durch
geschlechtlich differenzierte Keimzellen könnte man sich nach nüchterner
_Darwin_'scher Denkungsart so vorstellen, daß der Vorteil der
Amphimixis, der sich dereinst bei der zufälligen Kopulation zweier
Protisten ergab, in der ferneren Entwicklung festgehalten und weiter
ausgenützt wurde[29]. Das »Geschlecht« wäre also nicht sehr alt, und die
außerordentlich heftigen Triebe, welche die geschlechtliche Vereinigung
herbeiführen wollen, wiederholten dabei etwas, was sich zufällig einmal
ereignet und seither als vorteilhaft befestigt hat.
[29] Obwohl _Weismann_ (Das Keimplasma, 1892) auch diesen Vorteil
leugnet: »Die Befruchtung bedeutet keinesfalls eine Verjüngung oder
Erneuerung des Lebens, sie wäre durchaus nicht notwendig zur Fortdauer
des Lebens, sie ist nichts als _eine Einrichtung, um die Vermischung
zweier verschiedener Vererbungstendenzen_ möglich zu machen.« Als die
Wirkung einer solchen Vermischung betrachtet er aber doch eine
Steigerung der Variabilität der Lebewesen.
Es ist hier wiederum wie beim Tod die Frage, ob man bei den Protisten
nichts anderes gelten lassen soll, als was sie zeigen, und ob man
annehmen darf, daß Kräfte und Vorgänge, die erst bei höheren Lebewesen
sichtbar werden, auch bei diesen zuerst entstanden sind. Für unsere
Absichten leistet die erwähnte Auffassung der Sexualität sehr wenig. Man
wird gegen sie einwenden dürfen, daß sie die Existenz von Lebenstrieben,
die schon im einfachsten Lebewesen wirken, voraussetzt, denn sonst wäre
ja die Kopulation, die dem Lebensablauf entgegenwirkt und die Aufgabe
des Ablebens erschwert, nicht festgehalten und ausgearbeitet, sondern
vermieden worden. Wenn man also die Annahme von Todestrieben nicht
fahren lassen will, muß man ihnen von allem Anfang an Lebenstriebe
zugesellen. Aber man muß es zugestehen, wir arbeiten da an einer
Gleichung mit zwei Unbekannten. Was wir sonst in der Wissenschaft über
die Entstehung der Geschlechtlichkeit finden, ist so wenig, daß man dies
Problem einem Dunkel vergleichen kann, in welches auch nicht der
Lichtstrahl einer Hypothese gedrungen ist. An ganz anderer Stelle
begegnen wir allerdings einer solchen Hypothese, die aber von so
phantastischer Art ist -- gewiß eher ein Mythus als eine
wissenschaftliche Erklärung --, daß ich nicht wagen würde, sie hier
anzuführen, wenn sie nicht gerade die eine Bedingung erfüllen würde,
nach deren Erfüllung wir streben. Sie leitet nämlich einen Trieb ab _von
dem Bedürfnis nach Wiederherstellung eines früheren Zustandes_.
Ich meine natürlich die Theorie, die _Plato_ im _Symposion_ durch
_Aristophanes_ entwickeln läßt, und die nicht nur die Herkunft des
Geschlechtstriebes, sondern auch seiner wichtigsten Variation in bezug
auf das Objekt behandelt[30]:
[30] Übersetzung von Rud. _Kaßner_.
»Die menschliche Natur war ja einst ganz anders. Ursprünglich gab es
drei Geschlechter, drei und nicht wie heute zwei: neben dem männlichen
und weiblichen lebte ein drittes Geschlecht, welches an den beiden
ersten gleichen Anteil hatte, ....« Alles an diesen Menschen war aber
doppelt, sie hatten also vier Hände und vier Füße, zwei Gesichter,
doppelte Schamteile usw. Da ließ sich Zeus bewegen, jeden Menschen in
zwei Teile zu teilen, »wie man Birnen, um sie einzukochen,
entzweischneidet ....« »Als nun auf diese Weise die ganze Natur entzwei
war, kam in jedem Menschen die Sehnsucht nach seiner eigenen anderen
Hälfte, und die beiden Hälften schlugen die Arme umeinander und
verflochten ihre Leiber und _wollten wieder zusammenwachsen_ ....«[31]
[31] Prof. _Heinrich Gomperz_ (Wien) verdanke ich die nachstehenden
Andeutungen über die Herkunft des _Platoni_schen Mythus, die ich zum
Teil in seinen Worten wiedergebe: Ich möchte darauf aufmerksam machen,
daß sich wesentlich dieselbe Theorie auch schon in den _Upanishaden_
findet. Denn _Brihad-Âranyaka-Upanishad_ I, 4, 3 (_Deussen_,
60 Upanishads des Veda, S. 393), wo das Hervorgehen der Welt aus dem
Âtman (dem Selbst oder Ich) geschildert wird, heißt es: ».... Aber
er (der Âtman, das Selbst oder das Ich) hatte auch keine Freude;
darum hat einer keine Freude, wenn er allein ist. Da begehrte er nach
einem Zweiten. Nämlich er war so groß wie ein Weib und ein Mann, wenn
sie sich umschlungen halten. Dieses sein Selbst zerfällte er in zwei
Teile: daraus entstanden Gatte und Gattin. Darum ist dieser Leib an
dem Selbst gleichsam eine Halbscheid, so nämlich hat es _Tajñavalkya_
erklärt. Darum wird dieser leere Raum hier durch das Weib ausgefüllt.«
Die _Brihad-Âranyaka-Upanishad_ ist die älteste aller Upanishaden
und wird wohl von keinem urteilsfähigen Forscher später angesetzt als
etwa um das Jahr 800 v. Chr. Die Frage, ob eine, wenn auch sehr
mittelbare Abhängigkeit _Platon's_ von diesen indischen Gedanken
möglich wäre, möchte ich im Gegensatz zur herrschenden Meinung nicht
unbedingt verneinen, da eine solche Möglichkeit wohl auch für die
Seelenwanderungslehre nicht geradezu in Abrede gestellt werden kann.
Eine solche, zunächst durch Pythagoraeer vermittelte Abhängigkeit
würde dem gedanklichen Zusammentreffen kaum etwas von seiner
Bedeutsamkeit nehmen, da _Platon_ eine derartige ihm irgendwie aus
orientalischer Überlieferung zugetragene Geschichte sich nicht zu
eigen gemacht, geschweige denn ihr eine so bedeutsame Stellung
angewiesen hätte, hätte sie ihm nicht selbst als wahrheitshältig
eingeleuchtet.
In einer Schrift von K. _Ziegler_, Menschen- und Weltenwerden (Neue
Jahrbücher für das klassische Altertum, Bd. 31, Sonderabdruck 1913),
die sich planmäßig mit der Erforschung des fraglichen Gedankens _vor
Plato_ beschäftigt, wird dieser auf babylonische Vorstellungen
zurückgeführt.
Sollen wir, dem Wink des Dichterphilosophen folgend, die Annahme wagen,
daß die lebende Substanz bei ihrer Belebung in kleine Partikel zerrissen
wurde, die seither durch die Sexualtriebe ihre Wiedervereinigung
anstreben? Daß diese Triebe, in denen sich die chemische Affinität der
unbelebten Materie fortsetzt, durch das Reich der Protisten hindurch
allmählich die Schwierigkeiten überwinden, welche eine mit
lebensgefährlichen Reizen geladene Umgebung diesem Streben
entgegensetzt, die sie zur Bildung einer schützenden Rindenschicht
nötigt? Daß diese zersprengten Teilchen lebender Substanz so die
Vielzelligkeit erreichen und endlich den Keimzellen den Trieb zur
Wiedervereinigung in höchster Konzentration übertragen? Ich glaube, es
ist hier die Stelle, abzubrechen.
Doch nicht, ohne einige Worte kritischer Besinnung anzuschließen. Man
könnte mich fragen, ob und inwieweit ich selbst von den hier
entwickelten Annahmen überzeugt bin. Meine Antwort würde lauten, daß ich
weder selbst überzeugt bin, noch bei anderen um Glauben für sie werbe.
Richtiger: ich weiß nicht, wie weit ich an sie glaube. Es scheint mir,
daß das affektive Moment der Überzeugung hier gar nicht in Betracht zu
kommen braucht. Man kann sich doch einem Gedankengang hingeben, ihn
verfolgen, soweit er führt, nur aus wissenschaftlicher Neugierde, oder
wenn man will, als advocatus diaboli, der sich darum doch nicht dem
Teufel selbst verschreibt. Ich verkenne nicht, daß der dritte Schritt in
der Trieblehre, den ich hier unternehme, nicht dieselbe Sicherheit
beanspruchen kann wie die beiden früheren, die Erweiterung des
Begriffes der Sexualität und die Aufstellung des Narzißmus. Diese
Neuerungen waren direkte Übersetzungen der Beobachtung in Theorie, mit
nicht größeren Fehlerquellen behaftet, als in all solchen Fällen
unvermeidlich ist. Die Behauptung des _regressiven_ Charakters der
Triebe ruht allerdings auch auf beobachtetem Material, nämlich auf den
Tatsachen des Wiederholungszwanges. Allein vielleicht habe ich deren
Bedeutung überschätzt. Die Durchführung dieser Idee ist jedenfalls nicht
anders möglich, als daß man mehrmals nacheinander Tatsächliches mit bloß
Erdachtem kombiniert und sich dabei weit von der Beobachtung entfernt.
Man weiß, daß das Endergebnis um so unverläßlicher wird, je öfter man
dies während des Aufbaues einer Theorie tut, aber der Grad der
Unsicherheit ist nicht angebbar. Man kann dabei glücklich geraten haben
oder schmählich in die Irre gegangen sein. Der sogenannten Intuition
traue ich bei solchen Arbeiten wenig zu; was ich von ihr gesehen habe,
schien mir eher der Erfolg einer gewissen Unparteilichkeit des
Intellekts. Nur daß man leider selten unparteiisch ist, wo es sich um
die letzten Dinge, die großen Probleme der Wissenschaft und des Lebens
handelt. Ich glaube, ein jeder wird da von innerlich tief begründeten
Vorlieben beherrscht, denen er mit seiner Spekulation unwissentlich in
die Hände arbeitet. Bei so guten Gründen zum Mißtrauen bleibt wohl
nichts anderes als ein kühles Wohlwollen für die Ergebnisse der eigenen
Denkbemühung möglich. Ich beeile mich nur hinzuzufügen, daß solche
Selbstkritik durchaus nicht zu besonderer Toleranz gegen abweichende
Meinungen verpflichtet. Man darf unerbittlich Theorien abweisen, denen
schon die ersten Schritte in der Analyse der Beobachtung widersprechen,
und kann dabei doch wissen, daß die Richtigkeit derer, die man vertritt,
doch nur eine vorläufige ist. In der Beurteilung unserer Spekulation
über die Lebens- und Todestriebe würde es uns wenig stören, daß so viel
befremdende und unanschauliche Vorgänge darin vorkommen, wie ein Trieb
werde von anderen herausgedrängt, oder er wende sich vom Ich zum Objekt
u. dgl. Dies rührt nur daher, daß wir genötigt sind, mit den
wissenschaftlichen Termini, das heißt, mit der eigenen Bildersprache der
Psychologie (richtig: der Tiefenpsychologie) zu arbeiten. Sonst könnten
wir die entsprechenden Vorgänge überhaupt nicht beschreiben, ja würden
sie gar nicht wahrgenommen haben. Die Mängel unserer Beschreibung würden
wahrscheinlich verschwinden, wenn wir anstatt der psychologischen
Termini schon die physiologischen oder chemischen einsetzen könnten.
Diese gehören zwar auch nur einer Bildersprache an, aber einer uns seit
längerer Zeit vertrauten und vielleicht auch einfacheren.
Hingegen wollen wir uns recht klar machen, daß die Unsicherheit unserer
Spekulation zu einem hohen Grade durch die Nötigung gesteigert wurde,
Anleihen bei der biologischen Wissenschaft zu machen. Die Biologie ist
wahrlich ein Reich der unbegrenzten Möglichkeiten, wir haben die
überraschendsten Aufklärungen von ihr zu erwarten und können nicht
erraten, welche Antworten sie auf die von uns an sie gestellten Fragen
einige Jahrzehnte später geben würde. Vielleicht gerade solche, durch
die unser ganzer künstlicher Bau von Hypothesen umgeblasen wird. Wenn
dem so ist, könnte jemand fragen, wozu unternimmt man also solche
Arbeiten wie die in diesem Abschnitt niedergelegte, und warum bringt man
sie doch zur Mitteilung? Nun, ich kann nicht in Abrede stellen, daß
einige der Analogien, Verknüpfungen und Zusammenhänge darin mir der
Beachtung würdig erschienen sind[32].
[32] Anschließend hier einige Worte zur Klärung unserer Namengebung,
die im Laufe dieser Erörterungen eine gewisse Entwicklung durchgemacht
hat. Was »Sexualtriebe« sind, wußten wir aus ihrer Beziehung zu den
Geschlechtern und zur Fortpflanzungsfunktion. Wir behielten dann
diesen Namen bei, als wir durch die Ergebnisse der Psychoanalyse
genötigt waren, deren Beziehung zur Fortpflanzung zu lockern.
Mit der Aufstellung der narzißtischen Libido und der Ausdehnung
des Libidobegriffes auf die einzelne Zelle wandelte sich uns der
Sexualtrieb zum Eros, der die Teile der lebenden Substanz zu einander
zu drängen und zusammenzuhalten sucht, und die gemeinhin so genannten
Sexualtriebe erschienen als der dem Objekt zugewandte Anteil dieses
Eros. Die Spekulation läßt dann diesen Eros vom Anfang des Lebens an
wirken und als »Lebenstrieb« im Gegensatz zum »Todestrieb« treten,
der durch die Belebung des Anorganischen entstanden ist. Sie versucht
das Rätsel des Lebens durch die Annahme dieser beiden von Uranfang
an miteinander ringenden Triebe zu lösen. Unübersichtlicher ist
vielleicht die Wandlung, die der Begriff der »Ichtriebe« erfahren hat.
Ursprünglich nannten wir so alle jene von uns nicht näher gekannten
Triebrichtungen, die sich von den auf das Objekt gerichteten
Sexualtrieben abscheiden lassen, und brachten die Ichtriebe in
Gegensatz zu den Sexualtrieben, deren Ausdruck die Libido ist.
Späterhin näherten wir uns der Analyse des Ichs und erkannten, daß
auch ein Teil der »Ichtriebe« libidinöser Natur ist, das eigene Ich
zum Objekt genommen hat. Diese narzißtischen Selbsterhaltungstriebe
mußten also jetzt den libidinösen Sexualtrieben zugerechnet werden.
Der Gegensatz zwischen Ich- und Sexualtrieben wandelte sich in den
zwischen Ich- und Objekttrieben, beide libidinöser Natur. An seine
Stelle trat aber ein neuer Gegensatz zwischen libidinösen (Ich- und
Objekt-) Trieben und anderen, die im Ich zu statuieren und vielleicht
in den Destruktionstrieben aufzuzeigen sind. Die Spekulation wandelt
diesen Gegensatz in den von Lebenstrieben (Eros) und von Todestrieben
um.