Der Mangel eines Reizschutzes für die reizaufnehmende Rindenschicht
gegen Erregungen von innen her wird die Folge haben müssen, daß diese
Reizübertragungen die größere ökonomische Bedeutung gewinnen und häufig
zu ökonomischen Störungen Anlaß geben, die den traumatischen Neurosen
gleichzustellen sind. Die ausgiebigsten Quellen solch innerer Erregung
sind die sogenannten Triebe des Organismus, die Repräsentanten aller aus
dem Körperinnern stammenden, auf den seelischen Apparat übertragenen
Kraftwirkungen, selbst das wichtigste wie das dunkelste Element der
psychologischen Forschung.
Vielleicht finden wir die Annahme nicht zu gewagt, daß die von den
Trieben ausgehenden Regungen nicht den Typus des gebundenen, sondern den
des frei beweglichen, nach Abfuhr drängenden Nervenvorganges einhalten.
Das Beste, was wir über diese Vorgänge wissen, rührt aus dem Studium der
Traumarbeit her. Dabei fanden wir, daß die Prozesse in den unbewußten
Systemen von denen in den (vor-)bewußten gründlich verschieden sind, daß
im Unbewußten Besetzungen leicht vollständig übertragen, verschoben,
verdichtet werden können, was nur fehlerhafte Resultate ergeben könnte,
wenn es an vorbewußtem Material geschähe, und was darum auch die
bekannten Sonderbarkeiten des manifesten Traumes ergibt, nachdem die
vorbewußten Tagesreste die Bearbeitung nach den Gesetzen des Unbewußten
erfahren haben. Ich nannte die Art dieser Prozesse im Unbewußten den
psychischen »Primärvorgang« zum Unterschied von dem für unser normales
Wachleben gültigen Sekundärvorgang. Da die Triebregungen alle an den
unbewußten Systemen angreifen, ist es kaum eine Neuerung zu sagen, daß
sie dem Primärvorgang folgen, und andererseits gehört wenig dazu, um den
psychischen Primärvorgang mit der frei beweglichen Besetzung, den
Sekundärvorgang mit den Veränderungen an der gebundenen oder tonischen
Besetzung _Breuer's_ zu identifizieren[12]. Es wäre dann die Aufgabe der
höheren Schichten des seelischen Apparates, die im Primärvorgang
anlangende Erregung der Triebe zu binden. Das Mißglücken dieser Bindung
würde eine der traumatischen Neurose analoge Störung hervorrufen; erst
nach erfolgter Bindung könnte sich die Herrschaft des Lustprinzips (und
seiner Modifikation zum Realitätsprinzip) ungehemmt durchsetzen. Bis
dahin aber würde die andere Aufgabe des Seelenapparates, die Erregung zu
bewältigen oder zu binden, voranstehen, zwar nicht im Gegensatz zum
Lustprinzip aber unabhängig von ihm und zum Teil ohne Rücksicht auf
dieses.
[12] Vgl. den Abschnitt VII, Psychologie der Traumvorgänge in meiner
»Traumdeutung«.
Die Äußerungen eines Wiederholungszwanges, die wir an den frühen
Tätigkeiten des kindlichen Seelenlebens wie an den Erlebnissen der
psychoanalytischen Kur beschrieben haben, zeigen im hohen Grade den
triebhaften, und wo sie sich im Gegensatz zum Lustprinzip befinden, den
dämonischen Charakter. Beim Kinderspiel glauben wir es zu begreifen, daß
das Kind auch das unlustvolle Erlebnis darum wiederholt, weil es sich
durch seine Aktivität eine weit gründlichere Bewältigung des starken
Eindruckes erwirbt, als beim bloß passiven Erleben möglich war. Jede
neuerliche Wiederholung scheint diese angestrebte Beherrschung zu
verbessern, und auch bei lustvollen Erlebnissen kann sich das Kind an
Wiederholungen nicht genug tun und wird unerbittlich auf der Identität
des Eindruckes bestehen. Dieser Charakterzug ist dazu bestimmt,
späterhin zu verschwinden. Ein zum zweitenmal angehörter Witz wird fast
wirkungslos bleiben, eine Theateraufführung wird nie mehr zum zweitenmal
den Eindruck erreichen, den sie das erstemal hinterließ; ja, der
Erwachsene wird schwer zu bewegen sein, ein Buch, das ihm sehr gefallen
hat, sobald nochmals durchzulesen. Immer wird die Neuheit die Bedingung
des Genusses sein. Das Kind aber wird nicht müde werden, vom Erwachsenen
die Wiederholung eines ihm gezeigten oder mit ihm angestellten Spieles
zu verlangen, bis dieser erschöpft es verweigert, und wenn man ihm eine
schöne Geschichte erzählt hat, will es immer wieder die nämliche
Geschichte anstatt einer neuen hören, besteht unerbittlich auf der
Identität der Wiederholung und verbessert jede Abänderung, die sich der
Erzähler zuschulden kommen läßt, mit der er sich vielleicht sogar ein
neues Verdienst erwerben wollte. Dem Lustprinzip wird dabei nicht
widersprochen; es ist sinnfällig, daß die Wiederholung, das Wiederfinden
der Identität, selbst eine Lustquelle bedeutet. Beim Analysierten
hingegen wird es klar, daß der Zwang, die Begebenheiten seiner
infantilen Lebensperiode in der Übertragung zu wiederholen, sich _in
jeder_ Weise über das Lustprinzip hinaussetzt. Der Kranke benimmt sich
dabei völlig wie infantil und zeigt uns so, daß die verdrängten
Erinnerungsspuren seiner urzeitlichen Erlebnisse nicht im gebundenen
Zustande in ihm vorhanden, ja gewissermaßen des Sekundärvorganges nicht
fähig sind. Dieser Ungebundenheit verdanken sie auch ihr Vermögen, durch
Anheftung an die Tagesreste eine im Traum darzustellende Wunschphantasie
zu bilden. Derselbe Wiederholungszwang tritt uns so oft als
therapeutisches Hindernis entgegen, wenn wir zu Ende der Kur die völlige
Ablösung vom Arzte durchsetzen wollen, und es ist anzunehmen, daß die
dunkle Angst der mit der Analyse nicht Vertrauten, die sich scheuen
irgend etwas aufzuwecken, was man nach ihrer Meinung besser schlafen
ließe, im Grunde das Auftreten dieses dämonischen Zwanges fürchtet.
Auf welche Art hängt aber das Triebhafte mit dem Zwang zur Wiederholung
zusammen? Hier muß sich uns die Idee aufdrängen, daß wir einem
allgemeinen, bisher nicht klar erkannten -- oder wenigstens nicht
ausdrücklich betonten -- Charakter der Triebe, vielleicht alles
organischen Lebens überhaupt, auf die Spur gekommen sind. _Ein Trieb
wäre also ein dem belebten Organischen innewohnender Drang zur
Wiederherstellung eines früheren Zustandes_, welchen dies Belebte unter
dem Einflusse äußerer Störungskräfte aufgeben mußte, eine Art von
organischer Elastizität, oder wenn man will, die Äußerung der Trägheit
im organischen Leben[13].
[13] Ich bezweifle nicht, daß ähnliche Vermutungen über die Natur der
»Triebe« bereits wiederholt geäußert worden sind.
Diese Auffassung des Triebes klingt befremdlich, denn wir haben uns
daran gewöhnt, im Triebe das zur Veränderung und Entwicklung drängende
Moment zu sehen, und sollen nun das gerade Gegenteil in ihm erkennen,
den Ausdruck der konservativen Natur des Lebenden. Andererseits fallen
uns sehr bald jene Beispiele aus dem Tierleben ein, welche die
historische Bedingtheit der Triebe zu bestätigen scheinen. Wenn gewisse
Fische um die Laichzeit beschwerliche Wanderungen unternehmen, um den
Laich in bestimmten Gewässern, weit entfernt von ihren sonstigen
Wohnorten abzulegen, so haben sie nach der Deutung vieler Biologen nur
die früheren Wohnstätten ihrer Art aufgesucht, die sie im Laufe der Zeit
gegen andere vertauscht hatten. Dasselbe soll für die Wanderflüge der
Zugvögel gelten, aber der Suche nach weiteren Beispielen enthebt uns
bald die Mahnung, daß wir in den Phänomenen der Erblichkeit und in den
Tatsachen der Embryologie die großartigsten Beweise für den organischen
Wiederholungszwang haben. Wir sehen, der Keim eines lebenden Tieres ist
genötigt, in seiner Entwicklung die Strukturen all der Formen, von denen
das Tier abstammt -- wenn auch in flüchtiger Abkürzung -- zu
wiederholen, anstatt auf dem kürzesten Wege zu seiner definitiven
Gestaltung zu eilen, und können dies Verhalten nur zum geringsten Teile
mechanisch erklären, dürfen die historische Erklärung nicht beiseite
lassen. Und ebenso erstreckt sich weit in die Tierreihe hinauf ein
Reproduktionsvermögen, welches ein verlorenes Organ durch die Neubildung
eines ihm durchaus gleichen ersetzt.
Der naheliegende Einwand, es verhalte sich wohl so, daß es außer den
konservativen Trieben, die zur Wiederholung nötigen, auch andere gibt,
die zur Neugestaltung und zum Fortschritt drängen, darf gewiß nicht
unberücksichtigt bleiben; er soll auch späterhin in unsere Erwägungen
einbezogen werden. Aber vorher mag es uns verlocken, die Annahme, daß
alle Triebe Früheres wiederherstellen wollen, in ihre letzten
Konsequenzen zu verfolgen. Mag, was dabei herauskommt, den Anschein des
»Tiefsinnigen« erwecken oder an Mystisches anklingen, so wissen wir uns
doch von dem Vorwurf frei, etwas derartiges angestrebt zu haben. Wir
suchen nüchterne Resultate der Forschung oder der auf sie gegründeten
Überlegung, und unser Wunsch möchte diesen keinen anderen Charakter als
den der Sicherheit verleihen.
Wenn also alle organischen Triebe konservativ, historisch erworben und
auf Regression, Wiederherstellung von Früherem gerichtet sind, so müssen
wir alle Erfolge der organischen Entwicklung auf die Rechnung äußerer,
störender und ablenkender Einflüsse setzen. Das elementare Lebewesen
würde sich von seinem Anfang an nicht haben ändern wollen, hätte unter
sich gleichbleibenden Verhältnissen stets nur den nämlichen Lebenslauf
wiederholt. Aber im letzten Grunde müßte es die Entwicklungsgeschichte
unserer Erde und ihres Verhältnisses zur Sonne sein, die uns in der
Entwicklung der Organismen ihren Abdruck hinterlassen hat. Die
konservativen organischen Triebe haben jede dieser aufgezwungenen
Abänderungen des Lebenslaufes aufgenommen und zur Wiederholung
aufbewahrt und müssen so den täuschenden Eindruck von Kräften machen,
die nach Veränderung und Fortschritt streben, während sie bloß ein altes
Ziel auf alten und neuen Wegen zu erreichen trachten. Auch dieses
Endziel alles organischen Strebens ließe sich angeben. Der konservativen
Natur der Triebe widerspräche es, wenn das Ziel des Lebens ein noch nie
zuvor erreichter Zustand wäre. Es muß vielmehr ein alter, ein
Ausgangszustand, sein, den das Lebende einmal verlassen hat, und zu dem
es über alle Umwege der Entwicklung zurückstrebt. Wenn wir es als
ausnahmslose Erfahrung annehmen dürfen, daß alles Lebende aus _inneren_
Gründen stirbt, ins Anorganische zurückkehrt, so können wir nur sagen:
_Das Ziel alles Lebens ist der Tod_, und zurückgreifend: _Das Leblose
war früher da als das Lebende._
Irgend einmal wurden in unbelebter Materie durch eine noch ganz
unvorstellbare Krafteinwirkung die Eigenschaften des Lebenden erweckt.
Vielleicht war es ein Vorgang vorbildlich ähnlich jenem anderen, der in
einer gewissen Schicht der lebenden Materie später das Bewußtsein
entstehen ließ. Die damals entstandene Spannung in dem vorhin unbelebten
Stoff trachtete darnach, sich abzugleichen; es war der erste Trieb
gegeben, der, zum Leblosen zurückzukehren. Die damals lebende Substanz
hatte das Sterben noch leicht, es war wahrscheinlich nur ein kurzer
Lebensweg zu durchlaufen, dessen Richtung durch die chemische Struktur
des jungen Lebens bestimmt war. Eine lange Zeit hindurch mag so die
lebende Substanz immer wieder neu geschaffen worden und leicht gestorben
sein, bis sich maßgebende äußere Einflüsse so änderten, daß sie die noch
überlebende Substanz zu immer größeren Ablenkungen vom ursprünglichen
Lebensweg und zu immer komplizierteren Umwegen bis zur Erreichung des
Todeszieles nötigten. Diese Umwege zum Tode, von den konservativen
Trieben getreulich festgehalten, böten uns heute das Bild der
Lebenserscheinungen. Wenn man an der ausschließlich konservativen Natur
der Triebe festhält, kann man zu anderen Vermutungen über Herkunft und
Ziel des Lebens nicht gelangen.
Ebenso befremdend wie diese Folgerungen klingt dann, was sich für die
großen Gruppen von Trieben ergibt, die wir hinter den Lebenserscheinungen
der Organismen statuieren. Die Aufstellung der Selbsterhaltungstriebe,
die wir jedem lebenden Wesen zugestehen, steht in merkwürdigem Gegensatz
zur Voraussetzung, daß das gesamte Triebleben der Herbeiführung des
Todes dient. Die theoretische Bedeutung der Selbsterhaltungs-, Macht-
und Geltungstriebe schrumpft, in diesem Licht gesehen, ein; es sind
Partialtriebe, dazu bestimmt, den eigenen Todesweg des Organismus zu
sichern und andere Möglichkeiten der Rückkehr zum Anorganischen als die
immanenten fernzuhalten, aber das rätselhafte, in keinen Zusammenhang
einfügbare Bestreben des Organismus, sich aller Welt zum Trotz zu
behaupten, entfällt. Es erübrigt, daß der Organismus nur auf seine Weise
sterben will; auch diese Lebenswächter sind ursprünglich Trabanten des
Todes gewesen. Dabei kommt das Paradoxe zustande, daß der lebende
Organismus sich auf das energischeste gegen Einwirkungen (Gefahren)
sträubt, die ihm dazu verhelfen könnten, sein Lebensziel auf kurzem
Wege (durch Kurzschluß sozusagen) zu erreichen, aber dies Verhalten
charakterisiert eben ein rein triebhaftes im Gegensatz zu einem
intelligenten Streben[14].
[14] Vgl. übrigens die später folgende Korrektur dieser extremen
Auffassung der Selbsterhaltungstriebe.
Aber besinnen wir uns, dem kann nicht so sein! In ein ganz anderes Licht
rücken die Sexualtriebe, für welche die Neurosenlehre eine
Sonderstellung in Anspruch genommen hat. Nicht alle Organismen sind dem
äußeren Zwang unterlegen, der sie zu immer weiter gehender Entwicklung
antrieb. Vielen ist es gelungen, sich auf ihrer niedrigen Stufe bis auf
die Gegenwart zu bewahren; es leben ja noch heute, wenn nicht alle, so
doch viele Lebewesen, die den Vorstufen der höheren Tiere und Pflanzen
ähnlich sein müssen. Und ebenso machen nicht alle Elementarorganismen,
welche den komplizierten Leib eines höheren Lebewesens zusammensetzen,
den ganzen Entwicklungsweg bis zum natürlichen Tode mit. Einige unter
ihnen, die Keimzellen, bewahren wahrscheinlich die ursprüngliche
Struktur der lebenden Substanz und lösen sich, mit allen ererbten und
neu erworbenen Triebanlagen beladen, nach einer gewissen Zeit vom ganzen
Organismus ab. Vielleicht sind es gerade diese beiden Eigenschaften, die
ihnen ihre selbständige Existenz ermöglichen. Unter günstige Bedingungen
gebracht, beginnen sie sich zu entwickeln, das heißt, das Spiel, dem sie
ihre Entstehung verdanken, zu wiederholen, und dies endet damit, daß
wieder ein Anteil ihrer Substanz die Entwicklung bis zum Ende fortführt,
während ein anderer als neuer Keimrest von neuem auf den Anfang der
Entwicklung zurückgreift. So arbeiten diese Keimzellen dem Sterben der
lebenden Substanz entgegen und wissen für sie zu erringen, was uns als
potentielle Unsterblichkeit erscheinen muß, wenngleich es vielleicht nur
eine Verlängerung des Todesweges bedeutet. Im höchsten Grade
bedeutungsvoll ist uns die Tatsache, daß die Keimzelle für diese
Leistung durch die Verschmelzung mit einer anderen, ihr ähnlichen und
doch von ihr verschiedenen, gekräftigt oder überhaupt erst befähigt
wird.
Die Triebe, welche die Schicksale dieser das Einzelwesen überlebenden
Elementarorganismen in acht nehmen, für ihre sichere Unterbringung
sorgen, so lange sie wehrlos gegen die Reize der Außenwelt sind, ihr
Zusammentreffen mit den anderen Keimzellen herbeiführen usw., bilden die
Gruppe der Sexualtriebe. Sie sind in demselben Sinne konservativ wie die
anderen, indem sie frühere Zustände der lebenden Substanz wiederbringen,
aber sie sind es in stärkerem Maße, indem sie sich als besonders
resistent gegen äußere Einwirkungen erweisen, und dann noch in einem
weiteren Sinne, da sie das Leben selbst für längere Zeiten erhalten. Sie
sind die eigentlichen Lebenstriebe; dadurch, daß sie der Absicht der
anderen Triebe, welche durch die Funktion zum Tode führt,
entgegenwirken, deutet sich ein Gegensatz zwischen ihnen und den übrigen
an, den die Neurosenlehre als bedeutungsvoll erkannt hat. Es ist wie ein
Zauderrhythmus im Leben der Organismen; die eine Triebgruppe stürmt nach
vorwärts, um das Endziel des Lebens möglichst bald zu erreichen, die
andere schnellt an einer gewissen Stelle dieses Weges zurück, um ihn von
einem bestimmten Punkt an nochmals zu machen und so die Dauer des Weges
zu verlängern. Aber wenn auch Sexualität und Unterschied der
Geschlechter zu Beginn des Lebens gewiß nicht vorhanden waren, so bleibt
es doch möglich, daß die später als sexuell zu bezeichnenden Triebe von
allem Anfang an in Tätigkeit getreten sind und ihre Gegenarbeit gegen
das Spiel der »Ichtriebe« nicht erst zu einem späteren Zeitpunkte
aufgenommen haben.
Greifen wir nun selbst ein erstes Mal zurück, um zu fragen, ob nicht
alle diese Spekulationen der Begründung entbehren. Gibt es wirklich,
_abgesehen von den Sexualtrieben_, keine anderen Triebe als solche, die
einen früheren Zustand wiederherstellen wollen, nicht auch andere, die
nach einem noch nie erreichten streben? Ich weiß in der organischen Welt
kein sicheres Beispiel, das unserer vorgeschlagenen Charakteristik
widerspräche. Ein allgemeiner Trieb zur Höherentwicklung in der Tier-
und Pflanzenwelt läßt sich gewiß nicht feststellen, wenn auch eine
solche Entwicklungsrichtung tatsächlich unbestritten bleibt. Aber
einerseits ist es vielfach nur Sache unserer Einschätzung, wenn wir eine
Entwicklungsstufe für höher als eine andere erklären, und andererseits
zeigt uns die Wissenschaft des Lebenden, daß Höherentwicklung in einem
Punkte sehr häufig durch Rückbildung in einem anderen erkauft oder
wettgemacht wird. Auch gibt es Tierformen genug, deren Jugendzustände
uns erkennen lassen, daß ihre Entwicklung vielmehr einen
rückschreitenden Charakter genommen hat. Höherentwicklung wie
Rückbildung könnten beide Folgen der zur Anpassung drängenden äußeren
Kräfte sein, und die Rolle der Triebe konnte sich für beide Fälle darauf
beschränken, die aufgezwungene Veränderung als innere Lustquelle
festzuhalten[15].
[15] Auf anderem Wege ist _Ferenczi_ zur Möglichkeit derselben
Auffassung gelangt (Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes,
Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, I, 1913): »Bei
konsequenter Durchführung dieses Gedankenganges muß man sich mit
der Idee einer auch das organische Leben beherrschenden Beharrungs-
resp. Regressionstendenz vertraut machen, während die Tendenz nach
Fortentwicklung, Anpassung etc. nur auf äußere Reize hin lebendig
wird.« (S. 137.)
Vielen von uns mag es auch schwer werden, auf den Glauben zu verzichten,
daß im Menschen selbst ein Trieb zur Vervollkommnung wohnt, der ihn auf
seine gegenwärtige Höhe geistiger Leistung und ethischer Sublimierung
gebracht hat, und von dem man erwarten darf, daß er seine Entwicklung
zum Übermenschen besorgen wird. Allein ich glaube nicht an einen solchen
inneren Trieb und sehe keinen Weg, diese wohltuende Illusion zu schonen.
Die bisherige Entwicklung des Menschen scheint mir keiner anderen
Erklärung zu bedürfen als die der Tiere, und was man an einer Minderzahl
von menschlichen Individuen als rastlosen Drang zu weiterer
Vervollkommnung beobachtet, läßt sich ungezwungen als Folge der
Triebverdrängung verstehen, auf welche das Wertvollste an der
menschlichen Kultur aufgebaut ist. Der verdrängte Trieb gibt es nie auf,
nach seiner vollen Befriedigung zu streben, die in der Wiederholung
eines primären Befriedigungserlebnisses bestünde; alle Ersatz-,
Reaktionsbildungen und Sublimierungen sind ungenügend, um seine
anhaltende Spannung aufzuheben, und aus der Differenz zwischen der
gefundenen und der geforderten Befriedigungslust ergibt sich das
treibende Moment, welches bei keiner der hergestellten Situationen zu
verharren gestattet, sondern nach des Dichters Worten »ungebändigt immer
vorwärts dringt« (Mephisto im »Faust«, I, Studierzimmer). Der Weg nach
rückwärts, zur vollen Befriedigung, ist in der Regel durch die
Widerstände, welche die Verdrängungen aufrecht halten, verlegt, und
somit bleibt nichts anderes übrig, als in der anderen, noch freien
Entwicklungsrichtung fortzuschreiten, allerdings ohne Aussicht, den
Prozeß abschließen und das Ziel erreichen zu können. Die Vorgänge bei
der Ausbildung einer neurotischen Phobie, die ja nichts anderes als ein
Fluchtversuch vor einer Triebbefriedigung ist, geben uns das Vorbild für
die Entstehung dieses anscheinenden »Vervollkommnungstriebes«, den wir
aber unmöglich allen menschlichen Individuen zuschreiben können. Die
dynamischen Bedingungen dafür sind zwar ganz allgemein vorhanden, aber
die ökonomischen Verhältnisse scheinen das Phänomen nur in seltenen
Fällen zu begünstigen.