Wenn es wirklich ein so allgemeiner Charakter der Triebe ist, daß sie
einen früheren Zustand wiederherstellen wollen, so dürfen wir uns nicht
darüber verwundern, daß im Seelenleben so viele Vorgänge sich unabhängig
vom Lustprinzip vollziehen. Dieser Charakter würde sich jedem
Partialtrieb mitteilen und sich in seinem Falle auf die Wiedererreichung
einer bestimmten Station des Entwicklungsweges beziehen. Aber all dies,
worüber das Lustprinzip noch keine Macht bekommen hat, brauchte darum
noch nicht im Gegensatz zu ihm zu stehen, und die Aufgabe ist noch
ungelöst, das Verhältnis der triebhaften Wiederholungsvorgänge zur
Herrschaft des Lustprinzips zu bestimmen.
Wir haben es als eine der frühesten und wichtigsten Funktionen des
seelischen Apparates erkannt, die anlangenden Triebregungen zu »binden«,
den in ihnen herrschenden Primärvorgang durch den Sekundärvorgang zu
ersetzen, ihre frei bewegliche Besetzungsenergie in vorwiegend ruhende
(tonische) Besetzung umzuwandeln. Während dieser Umsetzung kann auf die
Entwicklung von Unlust nicht Rücksicht genommen werden, allein das
Lustprinzip wird dadurch nicht aufgehoben. Die Umsetzung geschieht
vielmehr im Dienste des Lustprinzips; die Bindung ist ein vorbereitender
Akt, der die Herrschaft des Lustprinzips einleitet und sichert.
Trennen wir Funktion und Tendenz schärfer voneinander, als wir es bisher
getan haben. Das Lustprinzip ist dann eine Tendenz, welche im Dienste
einer Funktion steht, der es zufällt, den seelischen Apparat überhaupt
erregungslos zu machen, oder den Betrag der Erregung in ihm konstant
oder möglichst niedrig zu erhalten. Wir können uns noch für keine dieser
Fassungen sicher entscheiden, aber wir merken, daß die so bestimmte
Funktion Anteil hätte an dem allgemeinsten Streben alles Lebenden, zur
Ruhe der anorganischen Welt zurückzukehren. Wir haben alle erfahren, daß
die größte uns erreichbare Lust, die des Sexualaktes, mit dem momentanen
Erlöschen einer hochgesteigerten Erregung verbunden ist. Die Bindung der
Triebregung wäre aber eine vorbereitende Funktion, welche die Erregung
für ihre endgültige Erledigung in der Abfuhrlust zurichten soll.
Aus demselben Zusammenhang erhebt sich die Frage, ob die Lust- und
Unlustempfindungen von den gebundenen wie von den ungebundenen
Erregungsvorgängen in gleicher Weise erzeugt werden können. Da erscheint
es denn ganz unzweifelhaft, daß die ungebundenen, die Primärvorgänge
weit intensivere Empfindungen nach beiden Richtungen ergeben als die
gebundenen, die des Sekundärvorganges. Die Primärvorgänge sind auch die
zeitlich früheren, zu Anfang des Seelenlebens gibt es keine anderen, und
wir können schließen, wenn das Lustprinzip nicht schon bei ihnen in
Wirksamkeit wäre, könnte es sich überhaupt für die späteren nicht
herstellen. Wir kommen so zu dem im Grunde nicht einfachen Ergebnis, daß
das Luststreben zu Anfang des seelischen Lebens sich weit intensiver
äußert als späterhin, aber nicht so uneingeschränkt; es muß sich häufige
Durchbrüche gefallen lassen. In reiferen Zeiten ist die Herrschaft des
Lustprinzips sehr viel mehr gesichert, aber dieses selbst ist der
Bändigung so wenig entgangen wie die anderen Triebe überhaupt.
Jedenfalls muß das, was am Erregungsvorgange die Empfindungen von Lust
und Unlust entstehen läßt, beim Sekundärvorgang ebenso vorhanden sein
wie beim Primärvorgang.
Hier wäre die Stelle, mit weiteren Studien einzusetzen. Unser Bewußtsein
vermittelt uns von innen her nicht nur die Empfindungen von Lust und
Unlust, sondern auch von einer eigentümlichen Spannung, die selbst
wieder eine lustvolle oder unlustvolle sein kann. Sind es nun die
gebundenen und die ungebundenen Energievorgänge, die wir mittels dieser
Empfindung von einander unterscheiden sollen, oder ist die
Spannungsempfindung auf die absolute Größe, eventuell das Niveau der
Besetzung zu beziehen, während die Lust-Unlustreihe auf die Änderung
der Besetzungsgröße in der Zeiteinheit hindeutet? Es muß uns auch
auffallen, daß die Lebenstriebe so viel mehr mit unserer inneren
Wahrnehmung zu tun haben, da sie als Störenfriede auftreten,
unausgesetzt Spannungen mit sich bringen, deren Erledigung als Lust
empfunden wird, während die Todestriebe ihre Arbeit unauffällig zu
leisten scheinen. Das Lustprinzip scheint geradezu im Dienste der
Todestriebe zu stehen; es wacht allerdings auch über die Reize von
außen, die von beiderlei Triebarten als Gefahren eingeschätzt werden,
aber ganz besonders über die Reizsteigerungen von innen her, die eine
Erschwerung der Lebensaufgabe erzielen. Hieran knüpfen sich ungezählte
andere Fragen, deren Beantwortung jetzt nicht möglich ist. Man muß
geduldig sein und auf weitere Mittel und Anlässe zur Forschung warten.
Auch bereit bleiben, einen Weg wieder zu verlassen, den man eine Weile
verfolgt hat, wenn er zu nichts Gutem zu führen scheint. Nur solche
Gläubige, die von der Wissenschaft einen Ersatz für den aufgegebenen
Katechismus fordern, werden dem Forscher die Fortbildung oder selbst die
Umbildung seiner Ansichten verübeln dürfen. Im übrigen mag uns ein
Dichter (_Rückert_ in den Makamen des Hariri) über die langsamen
Fortschritte unserer wissenschaftlichen Erkenntnis trösten:
»Was man nicht erfliegen kann, muß man erhinken.
..................
Die Schrift sagt, es ist keine Sünde zu hinken.«