IV.

Was nun folgt, ist Spekulation, oft weitausholende Spekulation, die ein

jeder nach seiner besonderen Einstellung würdigen oder vernachlässigen

wird. Im weiteren ein Versuch zur konsequenten Ausbeutung einer Idee,

aus Neugierde, wohin dies führen wird.

Die psychoanalytische Spekulation knüpft an den bei der Untersuchung

unbewußter Vorgänge empfangenen Eindruck an, daß das Bewußtsein nicht

der allgemeinste Charakter der seelischen Vorgänge, sondern nur eine

besondere Funktion derselben sein könne. In metapsychologischer

Ausdrucksweise behauptet sie, das Bewußtsein sei die Leistung eines

besonderen Systems, das sie Bw. benennt. Da das Bewußtsein im

wesentlichen Wahrnehmungen von Erregungen liefert, die aus der Außenwelt

kommen und Empfindungen von Lust und Unlust, die nur aus dem Inneren des

seelischen Apparates stammen können, kann dem System W-Bw. eine

räumliche Stellung zugewiesen werden. Es muß an der Grenze von außen und

innen liegen, der Außenwelt zugekehrt sein und die anderen psychischen

Systeme umhüllen. Wir bemerken dann, daß wir mit diesen Annahmen nichts

Neues gewagt, sondern uns der lokalisierenden Hirnanatomie angeschlossen

haben, welche den »Sitz« des Bewußtseins in die Hirnrinde, in die

äußerste, umhüllende Schicht des Zentralorgans verlegt. Die Hirnanatomie

braucht sich keine Gedanken darüber zu machen, warum -- anatomisch

gesprochen -- das Bewußtsein gerade an der Oberfläche des Gehirns

untergebracht ist, anstatt wohlverwahrt irgendwo im innersten Innern

desselben zu hausen. Vielleicht bringen wir es in der Ableitung einer

solchen Lage für unser System W-Bw. weiter.

Das Bewußtsein ist nicht die einzige Eigentümlichkeit, die wir den

Vorgängen in diesem System zuschreiben. Wir stützen uns auf die

Eindrücke unserer psychoanalytischen Erfahrung, wenn wir annehmen, daß

alle Erregungsvorgänge in den anderen Systemen Dauerspuren als Grundlage

des Gedächtnisses in diesen hinterlassen, Erinnerungsreste also, die

nichts mit dem Bewußtwerden zu tun haben. Sie sind oft am stärksten und

haltbarsten, wenn der sie zurücklassende Vorgang niemals zum Bewußtsein

gekommen ist. Wir finden es aber beschwerlich zu glauben, daß solche

Dauerspuren der Erregung auch im System W-Bw. zustande kommen. Sie

würden die Eignung des Systems zur Aufnahme neuer Erregungen sehr bald

einschränken[8], wenn sie immer bewußt blieben; im anderen Falle, wenn

sie unbewußt würden, stellten sie uns vor die Aufgabe, die Existenz

unbewußter Vorgänge in einem System zu erklären, dessen Funktionieren

sonst vom Phänomen des Bewußtseins begleitet wird. Wir hätten sozusagen

durch unsere Annahme, welche das Bewußtwerden in ein besonderes System

verweist, nichts verändert und nichts gewonnen. Wenn dies auch keine

absolut verbindliche Erwägung sein mag, so kann sie uns doch zur

Vermutung bewegen, daß Bewußtwerden und Hinterlassung einer

Gedächtnisspur für dasselbe System miteinander unverträglich sind. Wir

würden so sagen können, im System Bw. werde der Erregungsvorgang bewußt,

hinterlasse aber keine Dauerspur; alle die Spuren desselben, auf welche

sich die Erinnerung stützt, kämen bei der Fortpflanzung der Erregung auf

die nächsten inneren Systeme in diesen zustande. In diesem Sinne ist

auch das Schema entworfen, welches ich dem spekulativen Abschnitt meiner

»Traumdeutung« 1900 eingefügt habe. Wenn man bedenkt, wie wenig wir aus

anderen Quellen über die Entstehung des Bewußtseins wissen, wird man dem

Satze, _das Bewußtsein entstehe an Stelle der Erinnerungsspur_,

wenigstens die Bedeutung einer irgendwie bestimmten Behauptung einräumen

müssen.

[8] Dies durchaus nach J. _Breuer's_ Auseinandersetzung im

theoretischen Abschnitt der »Studien über Hysterie«, 1895.

Das System Bw. wäre also durch die Besonderheit ausgezeichnet, daß der

Erregungsvorgang in ihm nicht wie in allen anderen psychischen Systemen

eine dauernde Veränderung seiner Elemente hinterläßt, sondern gleichsam

im Phänomen des Bewußtwerdens verpufft. Eine solche Abweichung von der

allgemeinen Regel fordert eine Erklärung durch ein Moment, welches

ausschließlich bei diesem einen System in Betracht kommt, und dies den

anderen Systemen abzusprechende Moment könnte leicht die exponierte Lage

des Systems Bw. sein, sein unmittelbares Anstoßen an die Außenwelt.

Stellen wir uns den lebenden Organismus in seiner größtmöglichen

Vereinfachung als undifferenziertes Bläschen reizbarer Substanz vor;

dann ist seine der Außenwelt zugekehrte Oberfläche durch ihre Lage

selbst differenziert und dient als reizaufnehmendes Organ. Die

Embryologie als Wiederholung der Entwicklungsgeschichte zeigt auch

wirklich, daß das Zentralnervensystem aus dem Ektoderm hervorgeht, und

die graue Hirnrinde ist noch immer ein Abkömmling der primitiven

Oberfläche und könnte wesentliche Eigenschaften derselben durch

Erbschaft übernommen haben. Es wäre dann leicht denkbar, daß durch

unausgesetzten Anprall der äußeren Reize an die Oberfläche des Bläschens

dessen Substanz bis in eine gewisse Tiefe dauernd verändert wird, so daß

ihr Erregungsvorgang anders abläuft als in tieferen Schichten. Es

bildete sich so eine Rinde, die endlich durch die Reizwirkung so

durchgebrannt ist, daß sie der Reizaufnahme die günstigsten Verhältnisse

entgegenbringt und einer weiteren Modifikation nicht fähig ist. Auf das

System Bw. übertragen, würde dies meinen, daß dessen Elemente keine

Dauerveränderung beim Durchgang der Erregung mehr annehmen können, weil

sie bereits aufs äußerste im Sinne dieser Wirkung modifiziert sind. Dann

sind sie aber befähigt, das Bewußtsein entstehen zu lassen. Worin diese

Modifikation der Substanz und des Erregungsvorgangs in ihr besteht,

darüber kann man sich mancherlei Vorstellungen machen, die sich der

Prüfung derzeit entziehen. Man kann annehmen, die Erregung habe bei

ihrem Fortgang von einem Element zum anderen einen Widerstand zu

überwinden und diese Verringerung des Widerstandes setze eben die

Dauerspur der Erregung (Bahnung); im System Bw. bestünde also ein

solcher Übergangswiderstand von einem Element zum anderen nicht mehr.

Man kann mit dieser Vorstellung die _Breuer_'sche Unterscheidung von

ruhender (gebundener) und frei beweglicher Besetzungsenergie in den

Elementen der psychischen Systeme zusammenbringen[9]; die Elemente des

Systems Bw. würden dann keine gebundene und nur frei abfuhrfähige

Energie führen. Aber ich meine, vorläufig ist es besser, wenn man sich

über diese Verhältnisse möglichst unbestimmt äußert. Immerhin hätten wir

durch diese Spekulationen die Entstehung des Bewußtseins in einen

gewissen Zusammenhang mit der Lage des Systems Bw. und den ihm

zuzuschreibenden Besonderheiten des Erregungsvorganges verflochten.

[9] Studien über Hysterie von J. _Breuer_ und S. _Freud_, 3.

unveränderte Auflage, 1917.

An dem lebenden Bläschen mit seiner reizaufnehmenden Rindenschichte

haben wir noch anderes zu erörtern. Dieses Stückchen lebender Substanz

schwebt inmitten einer mit den stärksten Energien geladenen Außenwelt

und würde von den Reizwirkungen derselben erschlagen werden, wenn es

nicht mit einem _Reizschutz_ versehen wäre. Es bekommt ihn dadurch, daß

seine äußerste Oberfläche die dem Lebenden zukommende Struktur aufgibt,

gewissermaßen anorganisch wird und nun als eine besondere Hülle oder

Membran reizabhaltend wirkt, das heißt, veranlaßt, daß die Energien der

Außenwelt sich nur mit einem Bruchteil ihrer Intensität auf die nächsten

lebend gebliebenen Schichten fortsetzen können. Diese können nun hinter

dem Reizschutz sich der Aufnahme der durchgelassenen Reizmengen widmen.

Die Außenschicht hat aber durch ihr Absterben alle tieferen vor dem

gleichen Schicksal bewahrt, wenigstens so lange, bis nicht Reize von

solcher Stärke herankommen, daß sie den Reizschutz durchbrechen. Für den

lebenden Organismus ist der Reizschutz eine beinahe wichtigere Aufgabe

als die Reizaufnahme; er ist mit einem eigenen Energievorrat

ausgestattet und muß vor allem bestrebt sein, die besonderen Formen der

Energieumsetzung, die in ihm spielen, vor dem gleichmachenden, also

zerstörenden Einfluß der übergroßen, draußen arbeitenden Energien zu

bewahren. Die Reizaufnahme dient vor allem der Absicht, Richtung und Art

der äußeren Reize zu erfahren, und dazu muß es genügen, der Außenwelt

kleine Proben zu entnehmen, sie in geringen Quantitäten zu verkosten.

Bei den hochentwickelten Organismen hat sich die reizaufnehmende

Rindenschicht des einstigen Bläschens längst in die Tiefe des

Körperinnern zurückgezogen, aber Anteile von ihr sind an der Oberfläche

unmittelbar unter dem allgemeinen Reizschutz zurückgelassen. Dies sind

die Sinnesorgane, die im wesentlichen Einrichtungen zur Aufnahme

spezifischer Reizeinwirkungen enthalten, aber außerdem besondere

Vorrichtungen zu neuerlichem Schutz gegen übergroße Reizmengen und zur

Abhaltung unangemessener Reizarten. Es ist für sie charakteristisch, daß

sie nur sehr geringe Quantitäten des äußeren Reizes verarbeiten, sie

nehmen nur Stichproben der Außenwelt vor; vielleicht darf man sie

Fühlern vergleichen, die sich an die Außenwelt herantasten und dann

immer wieder von ihr zurückziehen.

Ich gestatte mir an dieser Stelle ein Thema flüchtig zu berühren,

welches die gründlichste Behandlung verdienen würde. Der _Kant_'sche

Satz, daß Zeit und Raum notwendige Formen unseres Denkens sind, kann

heute infolge gewisser psychoanalytischer Erkenntnisse einer Diskussion

unterzogen werden. Wir haben erfahren, daß die unbewußten Seelenvorgänge

an sich »zeitlos« sind. Das heißt zunächst, daß sie nicht zeitlich

geordnet werden, daß die Zeit nichts an ihnen verändert, daß man die

Zeitvorstellung nicht an sie heranbringen kann. Es sind dies negative

Charaktere, die man sich nur durch Vergleichung mit den bewußten

seelischen Prozessen deutlich machen kann. Unsere abstrakte

Zeitvorstellung scheint vielmehr durchaus von der Arbeitsweise des

Systems W-Bw. hergeholt zu sein und einer Selbstwahrnehmung derselben zu

entsprechen. Bei dieser Funktionsweise des Systems dürfte ein anderer

Weg des Reizschutzes beschritten werden. Ich weiß, daß diese

Behauptungen sehr dunkel klingen, muß mich aber auf solche Andeutungen

beschränken.

Wir haben bisher ausgeführt, daß das lebende Bläschen mit einem

Reizschutz gegen die Außenwelt ausgestattet ist. Vorhin hatten wir

festgelegt, daß die nächste Rindenschicht desselben als Organ zur

Reizaufnahme von außen differenziert sein muß. Diese empfindliche

Rindenschicht, das spätere System Bw., empfängt aber auch Erregungen von

innen her; die Stellung des Systems zwischen außen und innen und die

Verschiedenheit der Bedingungen für die Einwirkung von der einen und der

anderen Seite werden maßgebend für die Leistung des Systems und des

ganzen seelischen Apparats. Gegen außen gibt es einen Reizschutz, die

ankommenden Erregungsgrößen werden nur in verkleinertem Maßstab wirken;

nach innen zu ist ein Reizschutz unmöglich, die Erregungen der tieferen

Schichten setzen sich direkt und in unverringertem Maße auf das System

fort, indem gewisse Charaktere ihres Ablaufes die Reihe der

Lust-Unlustempfindungen erzeugen. Allerdings werden die von innen

kommenden Erregungen nach ihrer Intensität und nach anderen qualitativen

Charakteren (eventuell nach ihrer Amplitude) der Arbeitsweise des

Systems adaequater sein als die von der Außenwelt zuströmenden Reize.

Aber zweierlei ist durch diese Verhältnisse entscheidend bestimmt,

erstens die Praevalenz der Lust- und Unlustempfindungen, die ein Index

für Vorgänge im Innern des Apparates sind, über alle äußeren Reize, und

zweitens eine Richtung des Verhaltens gegen solche innere Erregungen,

welche allzu große Unlustvermehrung herbeiführen. Es wird sich die

Neigung ergeben, sie so zu behandeln, als ob sie nicht von innen,

sondern von außen her einwirkten, um die Abwehrmittel des Reizschutzes

gegen sie in Anwendung bringen zu können. Dies ist die Herkunft der

_Projektion_, der eine so große Rolle bei der Verursachung

pathologischer Prozesse vorbehalten ist.

Ich habe den Eindruck, daß wir durch die letzten Überlegungen die

Herrschaft des Lustprinzips unserem Verständnis angenähert haben; eine

Aufklärung jener Fälle, die sich ihm widersetzen, haben wir aber nicht

erreicht. Gehen wir darum einen Schritt weiter. Solche Erregungen von

außen, die stark genug sind, den Reizschutz zu durchbrechen, heißen wir

_traumatische_. Ich glaube, daß der Begriff des Traumas eine solche

Beziehung auf eine sonst wirksame Reizabhaltung erfordert. Ein

Vorkommnis wie das äußere Trauma wird gewiß eine großartige Störung im

Energiebetrieb des Organismus hervorrufen und alle Abwehrmittel in

Bewegung setzen. Aber das Lustprinzip ist dabei zunächst außer Kraft

gesetzt. Die Überschwemmung des seelischen Apparats mit großen

Reizmengen ist nicht mehr hintanzuhalten; es ergibt sich vielmehr eine

andere Aufgabe, den Reiz zu bewältigen, die hereingebrochenen Reizmengen

psychisch zu binden, um sie dann der Erledigung zuzuführen.

Wahrscheinlich ist die spezifische Unlust des körperlichen Schmerzes der

Erfolg davon, daß der Reizschutz in beschränktem Umfange durchbrochen

wurde. Von dieser Stelle der Peripherie strömen dann dem seelischen

Zentralapparat kontinuierliche Erregungen zu, wie sie sonst nur aus dem

Innern des Apparates kommen konnten[10]. Und was können wir als die

Reaktion des Seelenlebens auf diesen Einbruch erwarten? Von allen Seiten

her wird die Besetzungsenergie aufgeboten, um in der Umgebung der

Einbruchstelle entsprechend hohe Energiebesetzungen zu schaffen. Es wird

eine großartige »Gegenbesetzung« hergestellt, zu deren Gunsten alle

anderen psychischen Systeme verarmen, so daß eine ausgedehnte Lähmung

oder Herabsetzung der sonstigen psychischen Leistung erfolgt. Wir suchen

aus solchen Beispielen zu lernen, unsere metapsychologischen Vermutungen

an solche Vorbilder anzulehnen. Wir ziehen also aus diesem Verhalten den

Schluß, daß ein selbst hochbesetztes System imstande ist, neu

hinzukommende strömende Energie aufzunehmen, sie in ruhende Besetzung

umzuwandeln, also sie psychisch zu »binden«. Je höher die eigene ruhende

Besetzung ist, desto größer wäre auch ihre bindende Kraft; umgekehrt

also, je niedriger seine Besetzung ist, desto weniger wird das System

für die Aufnahme zuströmender Energie befähigt sein, desto gewaltsamer

müssen dann die Folgen eines solchen Durchbruchs des Reizschutzes sein.

Man wird gegen diese Auffassung nicht mit Recht einwenden, daß die

Erhöhung der Besetzungen um die Einbruchsstelle sich weit einfacher aus

der direkten Fortleitung der ankommenden Erregungsmengen erkläre. Wenn

dem so wäre, so würde der seelische Apparat ja nur eine Vermehrung

seiner Energiebesetzungen erfahren, und der lähmende Charakter des

Schmerzes, die Verarmung aller anderen Systeme bliebe unaufgeklärt. Auch

die sehr heftigen Abfuhrwirkungen des Schmerzes stören unsere Erklärung

nicht, denn sie gehen reflektorisch vor sich, das heißt, sie erfolgen

ohne Vermittlung des seelischen Apparats. Die Unbestimmtheit all unserer

Erörterungen, die wir metapsychologische heißen, rührt natürlich daher,

daß wir nichts über die Natur des Erregungsvorganges in den Elementen

der psychischen Systeme wissen und uns zu keiner Annahme darüber

berechtigt fühlen. So operieren wir also stets mit einem großen X,

welches wir in jede neue Formel mit hinübernehmen. Daß dieser Vorgang

sich mit quantitativ verschiedenen Energien vollzieht, ist eine leicht

zulässige Forderung, daß er auch mehr als eine Qualität (z. B. in der

Art einer Amplitude) hat, mag uns wahrscheinlich sein; als neu haben wir

die Aufstellung _Breuer's_ in Betracht gezogen, daß es sich um zweierlei

Formen der Energieerfüllung handelt, so daß eine freiströmende, nach

Abfuhr drängende, und eine ruhende Besetzung der psychischen Systeme

(oder ihrer Elemente) zu unterscheiden ist. Vielleicht geben wir der

Vermutung Raum, daß die »Bindung« der in den seelischen Apparat

einströmenden Energie in einer Überführung aus dem frei strömenden in

den ruhenden Zustand besteht.

[10] Vgl. Triebe und Triebschicksale. Sammlung kleiner Schriften zur

Neurosenlehre, IV, 1918.

Ich glaube, man darf den Versuch wagen, die gemeine traumatische Neurose

als die Folge eines ausgiebigen Durchbruchs des Reizschutzes

aufzufassen. Damit wäre die alte, naive Lehre vom Schock in ihre Rechte

eingesetzt, anscheinend im Gegensatz zu einer späteren und psychologisch

anspruchsvolleren, welche nicht der mechanischen Gewalteinwirkung,

sondern dem Schreck und der Lebensbedrohung die ätiologische Bedeutung

zuspricht. Allein diese Gegensätze sind nicht unversöhnlich, und die

psychoanalytische Auffassung der traumatischen Neurose ist mit der

rohesten Form der Schocktheorie nicht identisch. Versetzt letztere das

Wesen des Schocks in die direkte Schädigung der molekularen Struktur,

oder selbst der histologischen Struktur der nervösen Elemente, so suchen

wir dessen Wirkung aus der Durchbrechung des Reizschutzes für das

Seelenorgan und aus den daraus sich ergebenden Aufgaben zu verstehen.

Der Schreck behält seine Bedeutung auch für uns. Seine Bedingung ist das

Fehlen der Angstbereitschaft, welche die Überbesetzung der den Reiz

zunächst aufnehmenden Systeme einschließt. Infolge dieser niedrigeren

Besetzung sind die Systeme dann nicht gut imstande, die ankommenden

Erregungsmengen zu binden, die Folgen der Durchbrechung des Reizschutzes

stellen sich um so vieles leichter ein. Wir finden so, daß die

Angstbereitschaft mit der Überbesetzung der aufnehmenden Systeme die

letzte Linie des Reizschutzes darstellt. Für eine ganze Anzahl von

Traumen mag der Unterschied zwischen den unvorbereiteten und den durch

Überbesetzung vorbereiteten Systemen das für den Ausgang entscheidende

Moment sein; von einer gewissen Stärke des Traumas an wird er wohl nicht

mehr ins Gewicht fallen. Wenn die Träume der Unfallsneurotiker die

Kranken so regelmäßig in die Situation des Unfalles zurückführen, so

dienen sie damit allerdings nicht der Wunscherfüllung, deren

halluzinatorische Herbeiführung ihnen unter der Herrschaft des

Lustprinzips zur Funktion geworden ist. Aber wir dürfen annehmen, daß

sie sich dadurch einer anderen Aufgabe zur Verfügung stellen, deren

Lösung vorangehen muß, ehe das Lustprinzip seine Herrschaft beginnen

kann. Diese Träume suchen die Reizbewältigung unter Angstentwicklung

nachzuholen, deren Unterlassung die Ursache der traumatischen Neurose

geworden ist. Sie geben uns so einen Ausblick auf eine Funktion des

seelischen Apparats, welche, ohne dem Lustprinzip zu widersprechen, doch

unabhängig von ihm ist und ursprünglicher scheint als die Absicht des

Lustgewinns und der Unlustvermeidung.

Hier wäre also die Stelle, zuerst eine Ausnahme von dem Satze, der Traum

ist eine Wunscherfüllung, zuzugestehen. Die Angstträume sind keine

solche Ausnahme, wie ich wiederholt und eingehend gezeigt habe, auch die

»Strafträume« nicht, denn diese setzen nur an die Stelle der verpönten

Wunscherfüllung die dafür gebührende Strafe, sind also die

Wunscherfüllung des auf den verworfenen Trieb reagierenden

Schuldbewußtseins. Aber die obenerwähnten Träume der Unfallsneurotiker

lassen sich nicht mehr unter den Gesichtspunkt der Wunscherfüllung

bringen, und ebensowenig die in den Psychoanalysen vorfallenden Träume,

die uns die Erinnerung der psychischen Traumen der Kindheit

wiederbringen. Sie gehorchen vielmehr dem Wiederholungszwang, der in der

Analyse allerdings durch den -- nicht unbewußten -- Wunsch, das

Vergessene und Verdrängte heraufzubeschwören, unterstützt wird. So wäre

also auch die Funktion des Traumes, Motive zur Unterbrechung des

Schlafes durch Wunscherfüllung der störenden Regungen zu beseitigen,

nicht seine ursprüngliche, er konnte sich ihrer erst bemächtigen,

nachdem das gesamte Seelenleben die Herrschaft des Lustprinzips

angenommen hatte. Gibt es ein »Jenseits des Lustprinzips«, so ist es

folgerichtig, auch für die wunscherfüllende Tendenz des Traumes eine

Vorzeit zuzulassen. Damit wird seiner späteren Funktion nicht

widersprochen. Nun erhebt sich, wenn diese Tendenz einmal durchbrochen

ist, die weitere Frage: Sind solche Träume, welche im Interesse der

psychischen Bindung traumatischer Eindrücke dem Wiederholungszwange

folgen, nicht auch außerhalb der Analyse möglich? Dies ist durchaus zu

bejahen.

Von den »Kriegsneurosen«, soweit diese Bezeichnung mehr als die

Beziehung zur Veranlassung des Leidens bedeutet, habe ich an anderer

Stelle ausgeführt, daß sie sehr wohl traumatische Neurosen sein könnten,

die durch einen Ichkonflikt erleichtert worden sind[11]. Die auf Seite 8

erwähnte Tatsache, daß eine gleichzeitige grobe Verletzung durch das

Trauma die Chance für die Entstehung einer Neurose verringert, ist nicht

mehr unverständlich, wenn man zweier von der psychoanalytischen

Forschung betonten Verhältnisse gedenkt. Erstens, daß mechanische

Erschütterung als eine der Quellen der Sexualerregung anerkannt werden

muß (vgl. die Bemerkungen, »Die Wirkung des Schaukelns und

Eisenbahnfahrens« in »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie«, 4. Auflage,

1920), und zweitens, daß dem schmerzhaften und fieberhaften Kranksein

während seiner Dauer ein mächtiger Einfluß auf die Verteilung der Libido

zukommt. So würde also die mechanische Gewalt des Traumas das Quantum

Sexualerregung frei machen, welches infolge der mangelnden

Angstvorbereitung traumatisch wirkt, die gleichzeitige Körperverletzung

würde aber durch die Anspruchnahme einer narzißtischen Überbesetzung des

leidenden Organs den Überschuß an Erregung binden (s. »Zur Einführung

des Narzißmus«, Kleine Schriften zur Neurosenlehre, 4. Folge, 1918). Es

ist auch bekannt, aber für die Libidotheorie nicht genügend verwertet

worden, daß so schwere Störungen in der Libidoverteilung wie die einer

Melancholie durch eine interkurrente organische Erkrankung zeitweilig

aufgehoben werden, ja daß sogar der Zustand einer vollentwickelten

Dementia praecox unter der nämlichen Bedingung einer vorübergehenden

Rückbildung fähig ist.

[11] Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. Einleitung. Internationale

Psychoanalytische Bibliothek, Nr. 1, 1919.

Jenseits des Lustprinzips · 第 7 / 12 题