Fünfundzwanzig Jahre intensiver Arbeit haben es mit sich gebracht, daß
die nächsten Ziele der psychoanalytischen Technik heute ganz andere sind
als zu Anfang. Zuerst konnte der analysierende Arzt nichts anderes
anstreben, als das dem Kranken verborgene Unbewußte zu erraten,
zusammenzusetzen und zur rechten Zeit mitzuteilen. Die Psychoanalyse war
vor allem eine Deutungskunst. Da die therapeutische Aufgabe dadurch
nicht gelöst war, trat sofort die nächste Absicht auf, den Kranken zur
Bestätigung der Konstruktion durch seine eigene Erinnerung zu nötigen.
Bei diesem Bemühen fiel das Hauptgewicht auf die Widerstände des
Kranken; die Kunst war jetzt, diese baldigst aufzudecken, dem Kranken zu
zeigen und ihn durch menschliche Beeinflussung (hier die Stelle für die
als »Übertragung« wirkende Suggestion) zum Aufgeben der Widerstände zu
bewegen.
Dann aber wurde es immer deutlicher, daß das gesteckte Ziel, die
Bewußtwerdung des Unbewußten, auch auf diesem Wege nicht voll erreichbar
ist. Der Kranke kann von dem in ihm Verdrängten nicht alles erinnern,
vielleicht gerade das Wesentliche nicht, und erwirbt so keine
Überzeugung von der Richtigkeit der ihm mitgeteilten Konstruktion. Er
ist vielmehr genötigt, das Verdrängte als gegenwärtiges Erlebnis zu
_wiederholen_, anstatt es, wie der Arzt es lieber sähe, als ein Stück
der Vergangenheit zu _erinnern_[5]. Diese mit unerwünschter Treue
auftretende Reproduktion hat immer ein Stück des infantilen
Sexuallebens, also des Ödipuskomplexes und seiner Ausläufer zum Inhalt
und spielt sich regelmäßig auf dem Gebiete der Übertragung, d. h. der
Beziehung zum Arzt ab. Hat man es in der Behandlung so weit gebracht, so
kann man sagen, die frühere Neurose sei nun durch eine frische
Übertragungsneurose ersetzt. Der Arzt hat sich bemüht, den Bereich
dieser Übertragungsneurose möglichst einzuschränken, möglichst viel in
die Erinnerung zu drängen und möglichst wenig zur Wiederholung
zuzulassen. Das Verhältnis, das sich zwischen Erinnerung und
Reproduktion herstellt, ist für jeden Fall ein anderes. In der Regel
kann der Arzt dem Analysierten diese Phase der Kur nicht ersparen; er
muß ihn ein gewisses Stück seines vergessenen Lebens wiedererleben
lassen und hat dafür zu sorgen, daß ein Maß von Überlegenheit erhalten
bleibt, kraft dessen die anscheinende Realität doch immer wieder als
Spiegelung einer vergessenen Vergangenheit erkannt wird. Gelingt dies,
so ist die Überzeugung des Kranken und der von ihr abhängige
therapeutische Erfolg gewonnen.
[5] S. Zur Technik der Psychoanalyse II. Erinnern, Wiederholen und
Durcharbeiten. Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre,
IV. Folge, S. 441, 1918.
Um diesen »_Wiederholungszwang_«, der sich während der psychoanalytischen
Behandlung der Neurotiker äußert, begreiflicher zu finden, muß man sich
vor allem von dem Irrtum frei machen, man habe es bei der Bekämpfung der
Widerstände mit dem Widerstand des Unbewußten zu tun. Das Unbewußte,
d. h. das »Verdrängte«, leistet den Bemühungen der Kur überhaupt keinen
Widerstand, es strebt ja selbst nichts anderes an, als gegen den auf
ihm lastenden Druck zum Bewußtsein oder zur Abfuhr durch die reale Tat
durchzudringen. Der Widerstand in der Kur geht von denselben höheren
Schichten und Systemen des Seelenlebens aus, die seinerzeit die
Verdrängung durchgeführt haben. Da aber die Motive der Widerstände, ja
diese selbst erfahrungsmäßig in der Kur zunächst unbewußt sind, werden
wir gemahnt, eine Unzweckmäßigkeit unserer Ausdrucksweise zu verbessern.
Wir entgehen der Unklarheit, wenn wir nicht das Bewußte und das
Unbewußte, sondern das zusammenhängende _Ich_ und das _Verdrängte_
in Gegensatz zueinander bringen. Vieles am Ich ist sicherlich selbst
unbewußt, gerade das, was man den Kern des Ichs nennen darf; nur einen
geringen Teil davon decken wir mit dem Namen des _Vorbewußten_. Nach
dieser Ersetzung einer bloß deskriptiven Ausdrucksweise durch eine
systematische oder dynamische können wir sagen, der Widerstand der
Analysierten gehe von ihrem Ich aus, und dann erfassen wir sofort,
der Wiederholungszwang ist dem unbewußten Verdrängten zuzuschreiben.
Er konnte sich wahrscheinlich nicht eher äußern, als bis die
entgegenkommende Arbeit der Kur die Verdrängung gelockert hatte.
Es ist kein Zweifel, daß der Widerstand des bewußten und vorbewußten
Ichs im Dienste des Lustprinzips steht, er will ja die Unlust ersparen,
die durch das Freiwerden des Verdrängten erregt würde, und unsere
Bemühung geht dahin, solcher Unlust unter Berufung auf das
Realitätsprinzip Zulassung zu erwirken. In welcher Beziehung zum
Lustprinzip steht aber der Wiederholungszwang, die Kraftäußerung des
Verdrängten? Es ist klar, daß das meiste, was der Wiederholungszwang
wiedererleben läßt, dem Ich Unlust bringen muß, denn er fördert ja
Leistungen verdrängter Triebregungen zutage, aber das ist Unlust, die
wir schon gewürdigt haben, die dem Lustprinzip nicht widerspricht,
Unlust für das eine System und gleichzeitig Befriedigung für das andere.
Die neue und merkwürdige Tatsache aber, die wir jetzt zu beschreiben
haben, ist, daß der Wiederholungszwang auch solche Erlebnisse der
Vergangenheit wiederbringt, die keine Lustmöglichkeit enthalten, die
auch damals nicht Befriedigungen, selbst nicht von seither verdrängten
Triebregungen, gewesen sein können.
Die Frühblüte des infantilen Sexuallebens war infolge der Unverträglichkeit
ihrer Wünsche mit der Realität und der Unzulänglichkeit der kindlichen
Entwicklungsstufe zum Untergang bestimmt. Sie ging bei den peinlichsten
Anlässen unter tief schmerzlichen Empfindungen zugrunde. Der Liebesverlust
und das Mißlingen hinterließen eine dauernde Beeinträchtigung des
Selbstgefühls als narzißtische Narbe, nach meinen Erfahrungen wie
nach den Ausführungen _Marcinowski's_[6] den stärksten Beitrag zu dem
häufigen »Minderwertigkeitsgefühl« der Neurotiker. Die Sexualforschung,
der durch die körperliche Entwicklung des Kindes Schranken gesetzt
waren, brachte es zu keinem befriedigenden Abschluß; daher die spätere
Klage: Ich kann nichts fertig bringen, mir kann nichts gelingen. Die
zärtliche Bindung, meist an den gegengeschlechtlichen Elternteil,
erlag der Enttäuschung, dem vergeblichen Warten auf Befriedigung, der
Eifersucht bei der Geburt eines neuen Kindes, die unzweideutig die
Untreue des oder der Geliebten erwies; der eigene mit tragischem Ernst
unternommene Versuch, selbst ein solches Kind zu schaffen, mißlang in
beschämender Weise; die Abnahme der dem Kleinen gespendeten Zärtlichkeit,
der gesteigerte Anspruch der Erziehung, ernste Worte und eine
gelegentliche Bestrafung hatten endlich den ganzen Umfang der ihm
zugefallenen _Verschmähung_ enthüllt. Es gibt hier einige wenige Typen,
die regelmäßig wiederkehren, wie der typischen Liebe dieser Kinderzeit
ein Ende gesetzt wird.
[6] _Marcinowski_, Die erotischen Quellen der Minderwertigkeitsgefühle.
Zeitschrift für Sexualwissenschaft, IV., 1918.
Alle diese unerwünschten Anlässe und schmerzlichen Affektlagen werden
nun vom Neurotiker in der Übertragung wiederholt und mit großem Geschick
neu belebt. Sie streben den Abbruch der unvollendeten Kur an, sie wissen
sich den Eindruck der Verschmähung wieder zu verschaffen, den Arzt zu
harten Worten und kühlem Benehmen gegen sie zu nötigen, sie finden die
geeigneten Objekte für ihre Eifersucht, sie ersetzen das heiß begehrte
Kind der Urzeit durch den Vorsatz oder das Versprechen eines großen
Geschenks, das meist ebensowenig real wird wie jenes. Nichts von alledem
konnte damals lustbringend sein; man sollte meinen, es müßte heute die
geringere Unlust bringen, wenn es als Erinnerung auftauchte, als wenn es
sich zum neuen Erlebnis gestaltete. Es handelt sich natürlich um die
Aktion von Trieben, die zur Befriedigung führen sollten, allein die
Erfahrung, daß sie anstatt dessen auch damals nur Unlust brachten, hat
nichts gefruchtet. Sie wird trotzdem wiederholt; ein Zwang drängt dazu.
Dasselbe, was die Psychoanalyse an den Übertragungsphänomenen der
Neurotiker aufzeigt, kann man auch im Leben nicht neurotischer Personen
wiederfinden. Es macht bei diesen den Eindruck eines sie verfolgenden
Schicksals, eines dämonischen Zuges in ihrem Erleben, und die
Psychoanalyse hat von Anfang an solches Schicksal für zum großen Teil
selbstbereitet und durch frühinfantile Einflüsse determiniert gehalten.
Der Zwang, der sich dabei äußert, ist vom Wiederholungszwang der
Neurotiker nicht verschieden, wenngleich diese Personen niemals die
Zeichen eines durch Symptombildung erledigten neurotischen Konflikts
geboten haben. So kennt man Personen, bei denen jede menschliche
Beziehung den gleichen Ausgang nimmt: Wohltäter, die von jedem ihrer
Schützlinge nach einiger Zeit im Groll verlassen werden, so verschieden
sie sonst auch sein mögen, denen also bestimmt scheint, alle Bitterkeit
des Undanks auszukosten; Männer, bei denen jede Freundschaft den Ausgang
nimmt, daß der Freund sie verrät; andere, die es unbestimmt oft in ihrem
Leben wiederholen, eine andere Person zur großen Autorität für sich oder
auch für die Öffentlichkeit zu erheben, und diese Autorität dann nach
abgemessener Zeit selbst stürzen, um sie durch eine neue zu ersetzen;
Liebende, bei denen jedes zärtliche Verhältnis zum Weibe dieselben
Phasen durchmacht und zum gleichen Ende führt usw. Wir verwundern uns
über diese »ewige Wiederkehr des Gleichen« nur wenig, wenn es sich um
ein aktives Verhalten des Betreffenden handelt, und wenn wir den sich
gleichbleibenden Charakterzug seines Wesens auffinden, der sich in der
Wiederholung der nämlichen Erlebnisse äußern muß. Weit stärker wirken
jene Fälle auf uns, bei denen die Person etwas passiv zu erleben
scheint, worauf ihr ein Einfluß nicht zusteht, während sie doch immer
nur die Wiederholung desselben Schicksals erlebt. Man denke z. B. an
die Geschichte jener Frau, die dreimal nacheinander Männer heiratete,
die nach kurzer Zeit erkrankten und von ihr zu Tode gepflegt werden
mußten[7]. Die ergreifendste poetische Darstellung eines solchen
Schicksalszuges hat _Tasso_ im romantischen Epos »Gerusalemme liberata«
gegeben. Held Tankred hat unwissentlich die von ihm geliebte Clorinda
getötet, als sie in der Rüstung eines feindlichen Ritters mit ihm
kämpfte. Nach ihrem Begräbnis dringt er in den unheimlichen Zauberwald
ein, der das Heer der Kreuzfahrer schreckt. Dort zerhaut er einen hohen
Baum mit seinem Schwerte, aber aus der Wunde des Baumes strömt Blut und
die Stimme Clorindas, deren Seele in diesen Baum gebannt war, klagt ihn
an, daß er wiederum die Geliebte geschädigt habe.
[7] Vgl. hiezu die treffenden Bemerkungen in dem Aufsatz von C. G.
_Jung_, Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen.
Jahrbuch für Psychoanalyse, I, 1909.
Angesichts solcher Beobachtungen aus dem Verhalten in der Übertragung
und aus dem Schicksal der Menschen werden wir den Mut zur Annahme
finden, daß es im Seelenleben wirklich einen Wiederholungszwang gibt,
der sich über das Lustprinzip hinaussetzt. Wir werden auch jetzt geneigt
sein, die Träume der Unfallsneurotiker und den Antrieb zum Spiel des
Kindes auf diesen Zwang zu beziehen. Allerdings müssen wir uns sagen,
daß wir die Wirkungen des Wiederholungszwanges nur in seltenen Fällen
rein, ohne Mithilfe anderer Motive, erfassen können. Beim Kinderspiel
haben wir bereits hervorgehoben, welche andere Deutungen seine
Entstehung zuläßt. Wiederholungszwang und direkte lustvolle
Triebbefriedigung scheinen sich dabei zu intimer Gemeinsamkeit zu
verschränken. Die Phänomene der Übertragung stehen offenkundig im
Dienste des Widerstandes von seiten des auf der Verdrängung beharrenden
Ichs; der Wiederholungszwang wird gleichsam von dem Ich, das am
Lustprinzip festhalten will, zur Hilfe gerufen. An dem, was man den
Schicksalszwang nennen könnte, scheint uns vieles durch die rationelle
Erwägung verständlich, so daß man ein Bedürfnis nach der Aufstellung
eines neuen geheimnisvollen Motivs nicht verspürt. Am unverdächtigsten
ist vielleicht der Fall der Unfallsträume, aber bei näherer Überlegung
muß man doch zugestehen, daß auch in den anderen Beispielen der
Sachverhalt durch die Leistung der uns bekannten Motive nicht gedeckt
wird. Es bleibt genug übrig, was die Annahme des Wiederholungszwanges
rechtfertigt, und dieser erscheint uns ursprünglicher, elementarer,
triebhafter als das von ihm zur Seite geschobene Lustprinzip. Wenn es
aber einen solchen Wiederholungszwang im Seelischen gibt, so möchten wir
gerne etwas darüber wissen, welcher Funktion er entspricht, unter
welchen Bedingungen er hervortreten kann und in welcher Beziehung er zum
Lustprinzip steht, dem wir doch bisher die Herrschaft über den Ablauf
der Erregungsvorgänge im Seelenleben zugetraut haben.