III.

Fünfundzwanzig Jahre intensiver Arbeit haben es mit sich gebracht, daß

die nächsten Ziele der psychoanalytischen Technik heute ganz andere sind

als zu Anfang. Zuerst konnte der analysierende Arzt nichts anderes

anstreben, als das dem Kranken verborgene Unbewußte zu erraten,

zusammenzusetzen und zur rechten Zeit mitzuteilen. Die Psychoanalyse war

vor allem eine Deutungskunst. Da die therapeutische Aufgabe dadurch

nicht gelöst war, trat sofort die nächste Absicht auf, den Kranken zur

Bestätigung der Konstruktion durch seine eigene Erinnerung zu nötigen.

Bei diesem Bemühen fiel das Hauptgewicht auf die Widerstände des

Kranken; die Kunst war jetzt, diese baldigst aufzudecken, dem Kranken zu

zeigen und ihn durch menschliche Beeinflussung (hier die Stelle für die

als »Übertragung« wirkende Suggestion) zum Aufgeben der Widerstände zu

bewegen.

Dann aber wurde es immer deutlicher, daß das gesteckte Ziel, die

Bewußtwerdung des Unbewußten, auch auf diesem Wege nicht voll erreichbar

ist. Der Kranke kann von dem in ihm Verdrängten nicht alles erinnern,

vielleicht gerade das Wesentliche nicht, und erwirbt so keine

Überzeugung von der Richtigkeit der ihm mitgeteilten Konstruktion. Er

ist vielmehr genötigt, das Verdrängte als gegenwärtiges Erlebnis zu

_wiederholen_, anstatt es, wie der Arzt es lieber sähe, als ein Stück

der Vergangenheit zu _erinnern_[5]. Diese mit unerwünschter Treue

auftretende Reproduktion hat immer ein Stück des infantilen

Sexuallebens, also des Ödipuskomplexes und seiner Ausläufer zum Inhalt

und spielt sich regelmäßig auf dem Gebiete der Übertragung, d. h. der

Beziehung zum Arzt ab. Hat man es in der Behandlung so weit gebracht, so

kann man sagen, die frühere Neurose sei nun durch eine frische

Übertragungsneurose ersetzt. Der Arzt hat sich bemüht, den Bereich

dieser Übertragungsneurose möglichst einzuschränken, möglichst viel in

die Erinnerung zu drängen und möglichst wenig zur Wiederholung

zuzulassen. Das Verhältnis, das sich zwischen Erinnerung und

Reproduktion herstellt, ist für jeden Fall ein anderes. In der Regel

kann der Arzt dem Analysierten diese Phase der Kur nicht ersparen; er

muß ihn ein gewisses Stück seines vergessenen Lebens wiedererleben

lassen und hat dafür zu sorgen, daß ein Maß von Überlegenheit erhalten

bleibt, kraft dessen die anscheinende Realität doch immer wieder als

Spiegelung einer vergessenen Vergangenheit erkannt wird. Gelingt dies,

so ist die Überzeugung des Kranken und der von ihr abhängige

therapeutische Erfolg gewonnen.

[5] S. Zur Technik der Psychoanalyse II. Erinnern, Wiederholen und

Durcharbeiten. Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre,

IV. Folge, S. 441, 1918.

Um diesen »_Wiederholungszwang_«, der sich während der psychoanalytischen

Behandlung der Neurotiker äußert, begreiflicher zu finden, muß man sich

vor allem von dem Irrtum frei machen, man habe es bei der Bekämpfung der

Widerstände mit dem Widerstand des Unbewußten zu tun. Das Unbewußte,

d. h. das »Verdrängte«, leistet den Bemühungen der Kur überhaupt keinen

Widerstand, es strebt ja selbst nichts anderes an, als gegen den auf

ihm lastenden Druck zum Bewußtsein oder zur Abfuhr durch die reale Tat

durchzudringen. Der Widerstand in der Kur geht von denselben höheren

Schichten und Systemen des Seelenlebens aus, die seinerzeit die

Verdrängung durchgeführt haben. Da aber die Motive der Widerstände, ja

diese selbst erfahrungsmäßig in der Kur zunächst unbewußt sind, werden

wir gemahnt, eine Unzweckmäßigkeit unserer Ausdrucksweise zu verbessern.

Wir entgehen der Unklarheit, wenn wir nicht das Bewußte und das

Unbewußte, sondern das zusammenhängende _Ich_ und das _Verdrängte_

in Gegensatz zueinander bringen. Vieles am Ich ist sicherlich selbst

unbewußt, gerade das, was man den Kern des Ichs nennen darf; nur einen

geringen Teil davon decken wir mit dem Namen des _Vorbewußten_. Nach

dieser Ersetzung einer bloß deskriptiven Ausdrucksweise durch eine

systematische oder dynamische können wir sagen, der Widerstand der

Analysierten gehe von ihrem Ich aus, und dann erfassen wir sofort,

der Wiederholungszwang ist dem unbewußten Verdrängten zuzuschreiben.

Er konnte sich wahrscheinlich nicht eher äußern, als bis die

entgegenkommende Arbeit der Kur die Verdrängung gelockert hatte.

Es ist kein Zweifel, daß der Widerstand des bewußten und vorbewußten

Ichs im Dienste des Lustprinzips steht, er will ja die Unlust ersparen,

die durch das Freiwerden des Verdrängten erregt würde, und unsere

Bemühung geht dahin, solcher Unlust unter Berufung auf das

Realitätsprinzip Zulassung zu erwirken. In welcher Beziehung zum

Lustprinzip steht aber der Wiederholungszwang, die Kraftäußerung des

Verdrängten? Es ist klar, daß das meiste, was der Wiederholungszwang

wiedererleben läßt, dem Ich Unlust bringen muß, denn er fördert ja

Leistungen verdrängter Triebregungen zutage, aber das ist Unlust, die

wir schon gewürdigt haben, die dem Lustprinzip nicht widerspricht,

Unlust für das eine System und gleichzeitig Befriedigung für das andere.

Die neue und merkwürdige Tatsache aber, die wir jetzt zu beschreiben

haben, ist, daß der Wiederholungszwang auch solche Erlebnisse der

Vergangenheit wiederbringt, die keine Lustmöglichkeit enthalten, die

auch damals nicht Befriedigungen, selbst nicht von seither verdrängten

Triebregungen, gewesen sein können.

Die Frühblüte des infantilen Sexuallebens war infolge der Unverträglichkeit

ihrer Wünsche mit der Realität und der Unzulänglichkeit der kindlichen

Entwicklungsstufe zum Untergang bestimmt. Sie ging bei den peinlichsten

Anlässen unter tief schmerzlichen Empfindungen zugrunde. Der Liebesverlust

und das Mißlingen hinterließen eine dauernde Beeinträchtigung des

Selbstgefühls als narzißtische Narbe, nach meinen Erfahrungen wie

nach den Ausführungen _Marcinowski's_[6] den stärksten Beitrag zu dem

häufigen »Minderwertigkeitsgefühl« der Neurotiker. Die Sexualforschung,

der durch die körperliche Entwicklung des Kindes Schranken gesetzt

waren, brachte es zu keinem befriedigenden Abschluß; daher die spätere

Klage: Ich kann nichts fertig bringen, mir kann nichts gelingen. Die

zärtliche Bindung, meist an den gegengeschlechtlichen Elternteil,

erlag der Enttäuschung, dem vergeblichen Warten auf Befriedigung, der

Eifersucht bei der Geburt eines neuen Kindes, die unzweideutig die

Untreue des oder der Geliebten erwies; der eigene mit tragischem Ernst

unternommene Versuch, selbst ein solches Kind zu schaffen, mißlang in

beschämender Weise; die Abnahme der dem Kleinen gespendeten Zärtlichkeit,

der gesteigerte Anspruch der Erziehung, ernste Worte und eine

gelegentliche Bestrafung hatten endlich den ganzen Umfang der ihm

zugefallenen _Verschmähung_ enthüllt. Es gibt hier einige wenige Typen,

die regelmäßig wiederkehren, wie der typischen Liebe dieser Kinderzeit

ein Ende gesetzt wird.

[6] _Marcinowski_, Die erotischen Quellen der Minderwertigkeitsgefühle.

Zeitschrift für Sexualwissenschaft, IV., 1918.

Alle diese unerwünschten Anlässe und schmerzlichen Affektlagen werden

nun vom Neurotiker in der Übertragung wiederholt und mit großem Geschick

neu belebt. Sie streben den Abbruch der unvollendeten Kur an, sie wissen

sich den Eindruck der Verschmähung wieder zu verschaffen, den Arzt zu

harten Worten und kühlem Benehmen gegen sie zu nötigen, sie finden die

geeigneten Objekte für ihre Eifersucht, sie ersetzen das heiß begehrte

Kind der Urzeit durch den Vorsatz oder das Versprechen eines großen

Geschenks, das meist ebensowenig real wird wie jenes. Nichts von alledem

konnte damals lustbringend sein; man sollte meinen, es müßte heute die

geringere Unlust bringen, wenn es als Erinnerung auftauchte, als wenn es

sich zum neuen Erlebnis gestaltete. Es handelt sich natürlich um die

Aktion von Trieben, die zur Befriedigung führen sollten, allein die

Erfahrung, daß sie anstatt dessen auch damals nur Unlust brachten, hat

nichts gefruchtet. Sie wird trotzdem wiederholt; ein Zwang drängt dazu.

Dasselbe, was die Psychoanalyse an den Übertragungsphänomenen der

Neurotiker aufzeigt, kann man auch im Leben nicht neurotischer Personen

wiederfinden. Es macht bei diesen den Eindruck eines sie verfolgenden

Schicksals, eines dämonischen Zuges in ihrem Erleben, und die

Psychoanalyse hat von Anfang an solches Schicksal für zum großen Teil

selbstbereitet und durch frühinfantile Einflüsse determiniert gehalten.

Der Zwang, der sich dabei äußert, ist vom Wiederholungszwang der

Neurotiker nicht verschieden, wenngleich diese Personen niemals die

Zeichen eines durch Symptombildung erledigten neurotischen Konflikts

geboten haben. So kennt man Personen, bei denen jede menschliche

Beziehung den gleichen Ausgang nimmt: Wohltäter, die von jedem ihrer

Schützlinge nach einiger Zeit im Groll verlassen werden, so verschieden

sie sonst auch sein mögen, denen also bestimmt scheint, alle Bitterkeit

des Undanks auszukosten; Männer, bei denen jede Freundschaft den Ausgang

nimmt, daß der Freund sie verrät; andere, die es unbestimmt oft in ihrem

Leben wiederholen, eine andere Person zur großen Autorität für sich oder

auch für die Öffentlichkeit zu erheben, und diese Autorität dann nach

abgemessener Zeit selbst stürzen, um sie durch eine neue zu ersetzen;

Liebende, bei denen jedes zärtliche Verhältnis zum Weibe dieselben

Phasen durchmacht und zum gleichen Ende führt usw. Wir verwundern uns

über diese »ewige Wiederkehr des Gleichen« nur wenig, wenn es sich um

ein aktives Verhalten des Betreffenden handelt, und wenn wir den sich

gleichbleibenden Charakterzug seines Wesens auffinden, der sich in der

Wiederholung der nämlichen Erlebnisse äußern muß. Weit stärker wirken

jene Fälle auf uns, bei denen die Person etwas passiv zu erleben

scheint, worauf ihr ein Einfluß nicht zusteht, während sie doch immer

nur die Wiederholung desselben Schicksals erlebt. Man denke z. B. an

die Geschichte jener Frau, die dreimal nacheinander Männer heiratete,

die nach kurzer Zeit erkrankten und von ihr zu Tode gepflegt werden

mußten[7]. Die ergreifendste poetische Darstellung eines solchen

Schicksalszuges hat _Tasso_ im romantischen Epos »Gerusalemme liberata«

gegeben. Held Tankred hat unwissentlich die von ihm geliebte Clorinda

getötet, als sie in der Rüstung eines feindlichen Ritters mit ihm

kämpfte. Nach ihrem Begräbnis dringt er in den unheimlichen Zauberwald

ein, der das Heer der Kreuzfahrer schreckt. Dort zerhaut er einen hohen

Baum mit seinem Schwerte, aber aus der Wunde des Baumes strömt Blut und

die Stimme Clorindas, deren Seele in diesen Baum gebannt war, klagt ihn

an, daß er wiederum die Geliebte geschädigt habe.

[7] Vgl. hiezu die treffenden Bemerkungen in dem Aufsatz von C. G.

_Jung_, Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen.

Jahrbuch für Psychoanalyse, I, 1909.

Angesichts solcher Beobachtungen aus dem Verhalten in der Übertragung

und aus dem Schicksal der Menschen werden wir den Mut zur Annahme

finden, daß es im Seelenleben wirklich einen Wiederholungszwang gibt,

der sich über das Lustprinzip hinaussetzt. Wir werden auch jetzt geneigt

sein, die Träume der Unfallsneurotiker und den Antrieb zum Spiel des

Kindes auf diesen Zwang zu beziehen. Allerdings müssen wir uns sagen,

daß wir die Wirkungen des Wiederholungszwanges nur in seltenen Fällen

rein, ohne Mithilfe anderer Motive, erfassen können. Beim Kinderspiel

haben wir bereits hervorgehoben, welche andere Deutungen seine

Entstehung zuläßt. Wiederholungszwang und direkte lustvolle

Triebbefriedigung scheinen sich dabei zu intimer Gemeinsamkeit zu

verschränken. Die Phänomene der Übertragung stehen offenkundig im

Dienste des Widerstandes von seiten des auf der Verdrängung beharrenden

Ichs; der Wiederholungszwang wird gleichsam von dem Ich, das am

Lustprinzip festhalten will, zur Hilfe gerufen. An dem, was man den

Schicksalszwang nennen könnte, scheint uns vieles durch die rationelle

Erwägung verständlich, so daß man ein Bedürfnis nach der Aufstellung

eines neuen geheimnisvollen Motivs nicht verspürt. Am unverdächtigsten

ist vielleicht der Fall der Unfallsträume, aber bei näherer Überlegung

muß man doch zugestehen, daß auch in den anderen Beispielen der

Sachverhalt durch die Leistung der uns bekannten Motive nicht gedeckt

wird. Es bleibt genug übrig, was die Annahme des Wiederholungszwanges

rechtfertigt, und dieser erscheint uns ursprünglicher, elementarer,

triebhafter als das von ihm zur Seite geschobene Lustprinzip. Wenn es

aber einen solchen Wiederholungszwang im Seelischen gibt, so möchten wir

gerne etwas darüber wissen, welcher Funktion er entspricht, unter

welchen Bedingungen er hervortreten kann und in welcher Beziehung er zum

Lustprinzip steht, dem wir doch bisher die Herrschaft über den Ablauf

der Erregungsvorgänge im Seelenleben zugetraut haben.

Jenseits des Lustprinzips · 第 6 / 12 题