Nach schweren mechanischen Erschütterungen, Eisenbahnzusammenstößen und
anderen, mit Lebensgefahr verbundenen Unfällen ist seit langem ein
Zustand beschrieben worden, dem dann der Name »traumatische Neurose«
verblieben ist. Der schreckliche, eben jetzt abgelaufene Krieg hat eine
große Anzahl solcher Erkrankungen entstehen lassen und wenigstens der
Versuchung ein Ende gesetzt, sie auf organische Schädigung des
Nervensystems durch Einwirkung mechanischer Gewalt zurückzuführen[1].
Das Zustandsbild der traumatischen Neurose nähert sich der Hysterie
durch seinen Reichtum an ähnlichen motorischen Symptomen, übertrifft
diese aber in der Regel durch die stark ausgebildeten Anzeichen
subjektiven Leidens, etwa wie bei einer Hypochondrie oder Melancholie,
und durch die Beweise einer weit umfassenderen allgemeinen Schwächung
und Zerrüttung der seelischen Leistungen. Ein volles Verständnis ist
bisher weder für die Kriegsneurosen noch für die traumatischen Neurosen
des Friedens erzielt worden. Bei den Kriegsneurosen wirkte es einerseits
aufklärend, aber doch wiederum verwirrend, daß dasselbe Krankheitsbild
gelegentlich ohne Mithilfe einer groben mechanischen Gewalt zustande
kam; an der gemeinen traumatischen Neurose heben sich zwei Züge hervor,
an welche die Überlegung anknüpfen konnte, erstens, daß das Hauptgewicht
der Verursachung auf das Moment der Überraschung, auf den Schreck, zu
fallen schien, und zweitens, daß eine gleichzeitig erlittene Verletzung
oder Wunde zumeist der Entstehung der Neurose entgegenwirkte. Schreck,
Furcht, Angst werden mit Unrecht wie synonyme Ausdrücke gebraucht; sie
lassen sich in ihrer Beziehung zur Gefahr gut auseinanderhalten. Angst
bezeichnet einen gewissen Zustand wie Erwartung der Gefahr und
Vorbereitung auf dieselbe, mag sie auch eine unbekannte sein; Furcht
verlangt ein bestimmtes Objekt, vor dem man sich fürchtet; Schreck aber
benennt den Zustand, in den man gerät, wenn man in Gefahr kommt, ohne
auf sie vorbereitet zu sein, betont das Moment der Überraschung. Ich
glaube nicht, daß die Angst eine traumatische Neurose erzeugen kann; an
der Angst ist etwas, was gegen den Schreck und also auch gegen die
Schreckneurose schützt. Wir werden auf diesen Satz später zurückkommen.
[1] Vgl. Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen, mit Beiträgen von
_Ferenczi_, _Abraham_, _Simmel_ und E. _Jones_. Band I der
Internationalen Psychoanalytischen Bibliothek, 1919.
Das Studium des Traumes dürfen wir als den zuverlässigsten Weg zur
Erforschung der seelischen Tiefenvorgänge betrachten. Nun zeigt das
Traumleben der traumatischen Neurose den Charakter, daß es den Kranken
immer wieder in die Situation seines Unfalles zurückführt, aus der er
mit neuem Schreck erwacht. Darüber verwundert man sich viel zu wenig.
Man meint, es sei eben ein Beweis für die Stärke des Eindruckes, den das
traumatische Erlebnis gemacht hat, daß es sich dem Kranken, sogar im
Schlaf immer wieder aufdrängt. Der Kranke sei an das Trauma sozusagen
psychisch fixiert. Solche Fixierungen an das Erlebnis, welches die
Erkrankung ausgelöst hat, sind uns seit langem bei der Hysterie bekannt.
_Breuer_ und _Freud_ äußerten 1893: Die Hysterischen leiden großenteils
an Reminiszenzen. Auch bei den Kriegsneurosen haben Beobachter, wie
_Ferenczi_ und _Simmel_, manche motorische Symptome durch Fixierung an
den Moment des Traumas erklären können.
Allein es ist mir nicht bekannt, daß die an traumatischer Neurose
Krankenden sich im Wachleben viel mit der Erinnerung an ihren Unfall
beschäftigen. Vielleicht bemühen sie sich eher, nicht an ihn zu denken.
Wenn man es als selbstverständlich hinnimmt, daß der nächtliche Traum
sie wieder in die krankmachende Situation versetzt, so verkennt man die
Natur des Traumes. Dieser würde es eher entsprechen, dem Kranken Bilder
aus der Zeit der Gesundheit oder der erhofften Genesung vorzuführen.
Sollen wir durch die Träume der Unfallsneurotiker nicht an der
wunscherfüllenden Tendenz des Traumes irre werden, so bleibt uns etwa
noch die Auskunft, bei diesem Zustand sei wie so vieles andere auch die
Traumfunktion erschüttert und von ihren Absichten abgelenkt worden, oder
wir müßten der rätselhaften masochistischen Tendenzen des Ichs gedenken.
Ich mache nun den Vorschlag, das dunkle und düstere Thema der
traumatischen Neurose zu verlassen und die Arbeitsweise des seelischen
Apparates an einer seiner frühzeitigsten normalen Betätigungen zu
studieren. Ich meine das Kinderspiel.
Die verschiedenen Theorien des Kinderspiels sind erst kürzlich von S.
_Pfeifer_ in der »Imago« (V/4) zusammengestellt und analytisch gewürdigt
worden; ich kann hier auf diese Arbeit verweisen. Diese Theorien bemühen
sich, die Motive des Spielens der Kinder zu erraten, ohne daß dabei der
ökonomische Gesichtspunkt, die Rücksicht auf Lustgewinn, in den
Vordergrund gerückt würde. Ich habe, ohne das Ganze dieser Erscheinungen
umfassen zu wollen, eine Gelegenheit ausgenützt, die sich mir bot, um
das erste selbstgeschaffene Spiel eines Knaben im Alter von 1½ Jahren
aufzuklären. Es war mehr als eine flüchtige Beobachtung, denn ich lebte
durch einige Wochen mit dem Kinde und dessen Eltern unter einem Dach,
und es dauerte ziemlich lange, bis das rätselhafte und andauernd
wiederholte Tun mir seinen Sinn verriet.
Das Kind war in seiner intellektuellen Entwicklung keineswegs voreilig,
es sprach mit 1½ Jahren erst wenige verständliche Worte und verfügte
außerdem über mehrere bedeutungsvolle Laute, die von der Umgebung
verstanden wurden. Aber es war in gutem Rapport mit den Eltern und dem
einzigen Dienstmädchen und wurde wegen seines »anständigen« Charakters
gelobt. Es störte die Eltern nicht zur Nachtzeit, befolgte gewissenhaft
die Verbote, manche Gegenstände zu berühren und in gewisse Räume zu
gehen, und vor allem anderen, es weinte nie, wenn die Mutter es für
Stunden verließ, obwohl es dieser Mutter zärtlich anhing, die das Kind
nicht nur selbst genährt, sondern auch ohne jede fremde Beihilfe
gepflegt und betreut hatte. Dieses brave Kind zeigte nun die
gelegentlich störende Gewohnheit, alle kleinen Gegenstände, deren es
habhaft wurde, weit weg von sich in eine Zimmerecke, unter ein Bett usw.
zu schleudern, so daß das Zusammensuchen seines Spielzeugs oft keine
leichte Arbeit war. Dabei brachte es mit dem Ausdruck von Interesse und
Befriedigung ein lautes, langgezogenes o--o--o--o hervor, das nach dem
übereinstimmenden Urteil der Mutter und des Beobachters keine
Interjektion war, sondern »_Fort_« bedeutete. Ich merkte endlich, daß
das ein Spiel sei, und daß das Kind alle seine Spielsachen nur dazu
benütze, mit ihnen »fortsein« zu spielen. Eines Tages machte ich dann
die Beobachtung, die meine Auffassung bestätigte. Das Kind hatte eine
Holzspule, die mit einem Bindfaden umwickelt war. Es fiel ihm nie ein,
sie z. B. am Boden hinter sich herzuziehen, also Wagen mit ihr zu
spielen, sondern es warf die am Faden gehaltene Spule mit großem
Geschick über den Rand seines verhängten Bettchens, so daß sie darin
verschwand, sagte dazu sein bedeutungsvolles o--o--o--o und zog dann die
Spule am Faden wieder aus dem Bett heraus, begrüßte aber deren
Erscheinen jetzt mit einem freudigen »Da«. Das war also das komplette
Spiel, Verschwinden und Wiederkommen, wovon man zumeist nur den ersten
Akt zu sehen bekam, und dieser wurde für sich allein unermüdlich als
Spiel wiederholt, obwohl die größere Lust unzweifelhaft dem zweiten Akt
anhing[2].
[2] Diese Deutung wurde dann durch eine weitere Beobachtung völlig
gesichert. Als eines Tages die Mutter über viele Stunden abwesend
gewesen war, wurde sie beim Wiederkommen mit der Mitteilung begrüßt:
Bebi o--o--o--o!, die zunächst unverständlich blieb. Es ergab sich
aber bald, daß das Kind während dieses langen Alleinseins ein Mittel
gefunden hatte, sich selbst verschwinden zu lassen. Es hatte sein Bild
in dem fast bis zum Boden reichenden Standspiegel entdeckt und sich
dann niedergekauert, so daß das Spiegelbild »fort« war.
Die Deutung des Spieles lag dann nahe. Es war im Zusammenhang mit der
großen kulturellen Leistung des Kindes, mit dem von ihm zustande
gebrachten Triebverzicht (Verzicht auf Triebbefriedigung), das Fortgehen
der Mutter ohne Sträuben zu gestatten. Es entschädigte sich gleichsam
dafür, indem es dasselbe Verschwinden und Wiederkommen mit den ihm
erreichbaren Gegenständen selbst in Szene setzte. Für die affektive
Einschätzung dieses Spieles ist es natürlich gleichgültig, ob das Kind
es selbst erfunden oder sich infolge einer Anregung zu eigen gemacht
hatte. Unser Interesse wird sich einem anderen Punkte zuwenden. Das
Fortgehen der Mutter kann dem Kinde unmöglich angenehm oder auch nur
gleichgültig gewesen sein. Wie stimmt es also zum Lustprinzip, daß es
dieses ihm peinliche Erlebnis als Spiel wiederholt? Man wird vielleicht
antworten wollen, das Fortgehen müßte als Vorbedingung des erfreulichen
Wiedererscheinens gespielt werden, im letzteren sei die eigentliche
Spielabsicht gelegen. Dem würde die Beobachtung widersprechen, daß der
erste Akt, das Fortgehen, für sich allein als Spiel inszeniert wurde,
und zwar ungleich häufiger als das zum lustvollen Ende fortgeführte
Ganze.
Die Analyse eines solchen einzelnen Falles ergibt keine sichere
Entscheidung; bei unbefangener Betrachtung gewinnt man den Eindruck, daß
das Kind das Erlebnis aus einem anderen Motiv zum Spiel gemacht hat. Es
war dabei passiv, wurde vom Erlebnis betroffen und bringt sich nun in
eine aktive Rolle, indem es dasselbe, trotzdem es unlustvoll war, als
Spiel wiederholt. Dieses Bestreben könnte man einem Bemächtigungstrieb
zurechnen, der sich davon unabhängig macht, ob die Erinnerung an sich
lustvoll war oder nicht. Man kann aber auch eine andere Deutung
versuchen. Das Wegwerfen des Gegenstandes, so daß er fort ist, könnte
die Befriedigung eines im Leben unterdrückten Racheimpulses gegen die
Mutter sein, weil sie vom Kinde fortgegangen ist und dann die trotzige
Bedeutung haben: Ja, geh' nur fort, ich brauch' dich nicht, ich schick'
dich selber weg. Dasselbe Kind, das ich mit 1½ Jahren bei seinem ersten
Spiel beobachtete, pflegte ein Jahr später ein Spielzeug, über das es
sich geärgert hatte, auf den Boden zu werfen und dabei zu sagen: Geh' in
K(r)ieg! Man hatte ihm damals erzählt, der abwesende Vater befinde sich
im Krieg, und es vermißte den Vater gar nicht, sondern gab die
deutlichsten Anzeichen von sich, daß es im Alleinbesitz der Mutter
nicht gestört werden wolle[3]. Wir wissen auch von anderen Kindern, daß
sie ähnliche feindselige Regungen durch das Wegschleudern von
Gegenständen an Stelle der Personen auszudrücken vermögen[4]. Man gerät
so in Zweifel, ob der Drang, etwas Eindrucksvolles psychisch zu
verarbeiten, sich seiner voll zu bemächtigen, sich primär und unabhängig
vom Lustprinzip äußern kann. Im hier diskutierten Falle könnte er einen
unangenehmen Eindruck doch nur darum im Spiel wiederholen, weil mit
dieser Wiederholung ein andersartiger, aber direkter Lustgewinn
verbunden ist.
[3] Als das Kind 5¾ Jahre alt war, starb die Mutter. Jetzt, da sie
wirklich »fort« (o--o--o) war, zeigte der Knabe keine Trauer um sie.
Allerdings war inzwischen ein zweites Kind geboren worden, das seine
stärkste Eifersucht erweckt hatte.
[4] Vgl. Eine Kindheitserinnerung aus »Dichtung und Wahrheit«. Imago,
V/4, Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, IV. Folge.
Auch die weitere Verfolgung des Kinderspiels hilft diesem unserem
Schwanken zwischen zwei Auffassungen nicht ab. Man sieht, daß die Kinder
alles im Spiele wiederholen, was ihnen im Leben großen Eindruck gemacht
hat, daß sie dabei die Stärke des Eindruckes abreagieren und sich
sozusagen zu Herren der Situation machen. Aber anderseits ist es klar
genug, daß all ihr Spielen unter dem Einflusse des Wunsches steht, der
diese ihre Zeit dominiert, des Wunsches: groß zu sein und so tun zu
können wie die Großen. Man macht auch die Beobachtung, daß der
Unlustcharakter des Erlebnisses es nicht immer für das Spiel unbrauchbar
macht. Wenn der Doktor dem Kinde in den Hals geschaut oder eine kleine
Operation an ihm ausgeführt hat, so wird dies erschreckende Erlebnis
ganz gewiß zum Inhalt des nächsten Spieles werden, aber der Lustgewinn
aus anderer Quelle ist dabei nicht zu übersehen. Indem das Kind aus der
Passivität des Erlebens in die Aktivität des Spielens übergeht, fügt es
einem Spielgefährten das Unangenehme zu, das ihm selbst widerfahren war,
und rächt sich so an der Person dieses Stellvertreters.
Aus diesen Erörterungen geht immerhin hervor, daß die Annahme eines
besonderen Nachahmungstriebes als Motiv des Spielens überflüssig ist.
Schließen wir noch die Mahnungen an, daß das künstlerische Spielen und
Nachahmen der Erwachsenen, das zum Unterschied vom Verhalten des Kindes
auf die Personen des Zuschauers zielt, diesem die schmerzlichsten
Eindrücke z. B. in der Tragödie nicht erspart und doch von ihm als hoher
Genuß empfunden werden kann. Wir werden so davon überzeugt, daß es auch
unter der Herrschaft des Lustprinzips Mittel und Wege genug gibt, um das
an sich Unlustvolle zum Gegenstand der Erinnerung und seelischen
Bearbeitung zu machen. Mag sich mit diesen, in endlichen Lustgewinn
auslaufenden Fällen und Situationen eine ökonomisch gerichtete Ästhetik
befassen; für unsere Absichten leisten sie nichts, denn sie setzen
Existenz und Herrschaft des Lustprinzips voraus und zeugen nicht für die
Wirksamkeit von Tendenzen jenseits des Lustprinzips, das heißt solcher,
die ursprünglicher als dies und von ihm unabhängig wären.