I.

In der psychoanalytischen Theorie nehmen wir unbedenklich an, daß

der Ablauf der seelischen Vorgänge automatisch durch das Lustprinzip

reguliert wird, das heißt, wir glauben, daß er jedesmal durch eine

unlustvolle Spannung angeregt wird und dann eine solche Richtung

einschlägt, daß sein Endergebnis mit einer Herabsetzung dieser Spannung,

also mit einer Vermeidung von Unlust oder Erzeugung von Lust

zusammenfällt. Wenn wir die von uns studierten seelischen Prozesse mit

Rücksicht auf diesen Ablauf betrachten, führen wir den _ökonomischen_

Gesichtspunkt in unsere Arbeit ein. Wir meinen, eine Darstellung, die

neben dem _topischen_ und dem _dynamischen_ Moment noch dies

_ökonomische_ zu würdigen versuche, sei die vollständigste, die wir uns

derzeit vorstellen können, und verdiene es, durch den Namen einer

_metapsychologischen_ hervorgehoben zu werden.

Es hat dabei für uns kein Interesse zu untersuchen, inwieweit wir uns

mit der Aufstellung des Lustprinzips einem bestimmten, historisch

festgelegten, philosophischen System angenähert oder angeschlossen

haben. Wir gelangen zu solchen spekulativen Annahmen bei dem Bemühen,

von den Tatsachen der täglichen Beobachtung auf unserem Gebiete

Beschreibung und Rechenschaft zu geben. Priorität und Originalität

gehören nicht zu den Zielen, die der psychoanalytischen Arbeit gesetzt

sind, und die Eindrücke, welche der Aufstellung dieses Prinzips zugrunde

liegen, sind so augenfällig, daß es kaum möglich ist, sie zu übersehen.

Dagegen würden wir uns gerne zur Dankbarkeit gegen eine philosophische

oder psychologische Theorie bekennen, die uns zu sagen wüßte, was die

Bedeutungen der für uns so imperativen Lust- und Unlustempfindungen

sind. Leider wird uns hier nichts Brauchbares geboten. Es ist das

dunkelste und unzugänglichste Gebiet des Seelenlebens, und wenn wir

unmöglich vermeiden können, es zu berühren, so wird die lockerste

Annahme darüber, meine ich, die beste sein. Wir haben uns entschlossen,

Lust und Unlust mit der Quantität der im Seelenleben vorhandenen -- und

nicht irgendwie gebundenen -- Erregung in Beziehung zu bringen, solcher

Art, daß Unlust einer Steigerung, Lust einer Verringerung dieser Quantität

entspricht. Wir denken dabei nicht an ein einfaches Verhältnis zwischen

der Stärke der Empfindungen und den Veränderungen, auf die sie bezogen

werden; am wenigsten -- nach allen Erfahrungen der Psychophysiologie --

an direkte Proportionalität; wahrscheinlich ist das Maß der Verringerung

oder Vermehrung in der Zeit das für die Empfindung entscheidende Moment.

Das Experiment fände hier möglicherweise Zutritt, für uns Analytiker ist

weiteres Eingehen in diese Probleme nicht geraten, solange nicht ganz

bestimmte Beobachtungen uns leiten können.

Es kann uns aber nicht gleichgültig lassen, wenn wir finden, daß ein so

tiefblickender Forscher wie G. Th. _Fechner_ eine Auffassung von Lust

und Unlust vertreten hat, welche im wesentlichen mit der zusammenfällt,

die uns von der psychoanalytischen Arbeit aufgedrängt wird. Die Äußerung

_Fechner's_ ist in seiner kleinen Schrift: Einige Ideen zur Schöpfungs-

und Entwicklungsgeschichte der Organismen, 1873 (Abschnitt XI, Zusatz,

p. 94), enthalten und lautet wie folgt: »Insofern bewußte Antriebe immer

mit Lust oder Unlust in Beziehung stehen, kann auch Lust oder Unlust

mit Stabilitäts- und Instabilitätsverhältnissen in psychophysischer

Beziehung gedacht werden, und es läßt sich hierauf die anderwärts von

mir näher zu entwickelnde Hypothese begründen, daß jede, die Schwelle

des Bewußtseins übersteigende psychophysische Bewegung nach Maßgabe mit

Lust behaftet sei, als sie sich der vollen Stabilität über eine gewisse

Grenze hinaus nähert, mit Unlust nach Maßgabe, als sie über eine gewisse

Grenze davon abweicht, indes zwischen beiden, als qualitative Schwelle

der Lust und Unlust zu bezeichnenden Grenzen eine gewisse Breite

ästhetischer Indifferenz besteht, ....«

Die Tatsachen, die uns veranlaßt haben, an die Herrschaft des

Lustprinzips im Seelenleben zu glauben, finden auch ihren Ausdruck in

der Annahme, daß es ein Bestreben des seelischen Apparates sei, die in

ihm vorhandene Quantität von Erregung möglichst niedrig oder wenigstens

konstant zu erhalten. Es ist dasselbe, nur in andere Fassung gebracht,

denn wenn die Arbeit des seelischen Apparates dahin geht, die

Erregungsquantität niedrig zu halten, so muß alles, was dieselbe zu

steigern geeignet ist, als funktionswidrig, das heißt, als unlustvoll

empfunden werden. Das Lustprinzip leitet sich aus dem Konstanzprinzip

ab; in Wirklichkeit wurde das Konstanzprinzip aus den Tatsachen

erschlossen, die uns die Annahme des Lustprinzips aufnötigten. Bei

eingehenderer Diskussion werden wir auch finden, daß dies von uns

angenommene Bestreben des seelischen Apparates sich als spezieller Fall

dem _Fechner_'schen Prinzip der _Tendenz zur Stabilität_ unterordnet,

zu dem er die Lust-Unlustempfindungen in Beziehung gebracht hat.

Dann müssen wir aber sagen, es sei eigentlich unrichtig, von einer

Herrschaft des Lustprinzips über den Ablauf der seelischen Prozesse zu

reden. Wenn eine solche bestände, müßte die übergroße Mehrheit unserer

Seelenvorgänge von Lust begleitet sein oder zur Lust führen, während

doch die allgemeinste Erfahrung dieser Folgerung energisch widerspricht.

Es kann also nur so sein, daß eine starke Tendenz zum Lustprinzip in der

Seele besteht, der sich aber gewisse andere Kräfte oder Verhältnisse

widersetzen, so daß der Endausgang nicht immer der Lusttendenz

entsprechen kann. Vgl. die Bemerkung _Fechner's_ bei ähnlichem Anlasse

(ebenda, p. 90): »Damit aber, daß die Tendenz zum Ziele noch nicht die

Erreichung des Zieles bedeutet und das Ziel überhaupt nur in

Approximationen erreichbar ist, ....« Wenn wir uns nun der Frage

zuwenden, welche Umstände die Durchsetzung des Lustprinzips zu vereiteln

vermögen, dann betreten wir wieder sicheren und bekannten Boden und

können unsere analytischen Erfahrungen in reichem Ausmaße zur

Beantwortung heranziehen.

Der erste Fall einer solchen Hemmung des Lustprinzips ist uns als ein

gesetzmäßiger vertraut. Wir wissen, daß das Lustprinzip einer primären

Arbeitsweise des seelischen Apparates eignet, und daß es für die

Selbstbehauptung des Organismus unter den Schwierigkeiten der Außenwelt

so recht von Anfang an unbrauchbar, ja in hohem Grade gefährlich ist.

Unter dem Einflusse der Selbsterhaltungstriebe des Ichs wird es vom

_Realitätsprinzip_ abgelöst, welches ohne die Absicht endlicher

Lustgewinnung aufzugeben, doch den Aufschub der Befriedigung, den

Verzicht auf mancherlei Möglichkeiten einer solchen und die zeitweilige

Duldung der Unlust auf dem langen Umwege zur Lust fordert und

durchsetzt. Das Lustprinzip bleibt dann noch lange Zeit die Arbeitsweise

der schwerer »erziehbaren« Sexualtriebe, und es kommt immer wieder vor,

daß es, sei es von diesen letzteren aus, sei es im Ich selbst, das

Realitätsprinzip zum Schaden des ganzen Organismus überwältigt.

Es ist indes unzweifelhaft, daß die Ablösung des Lustprinzips durch das

Realitätsprinzip nur für einen geringen und nicht für den intensivsten

Teil der Unlusterfahrungen verantwortlich gemacht werden kann. Eine

andere, nicht weniger gesetzmäßige Quelle der Unlustentbindung ergibt

sich aus den Konflikten und Spaltungen im seelischen Apparat, während

das Ich seine Entwicklung zu höher zusammengesetzten Organisationen

durchmacht. Fast alle Energie, die den Apparat erfüllt, stammt aus den

mitgebrachten Triebregungen, aber diese werden nicht alle zu den

gleichen Entwicklungsphasen zugelassen. Unterwegs geschieht es immer

wieder, daß einzelne Triebe oder Triebanteile sich in ihren Zielen oder

Ansprüchen als unverträglich mit den übrigen erweisen, die sich zu der

umfassenden Einheit des Ichs zusammenschließen können. Sie werden dann

von dieser Einheit durch den Prozeß der Verdrängung abgespalten, auf

niedrigeren Stufen der psychischen Entwicklung zurückgehalten und

zunächst von der Möglichkeit einer Befriedigung abgeschnitten. Gelingt

es ihnen dann, was bei den verdrängten Sexualtrieben so leicht

geschieht, sich auf Umwegen zu einer direkten oder Ersatzbefriedigung

durchzuringen, so wird dieser Erfolg, der sonst eine Lustmöglichkeit

gewesen wäre, vom Ich als Unlust empfunden. Infolge des alten, in die

Verdrängung auslaufenden Konfliktes hat das Lustprinzip einen

neuerlichen Durchbruch erfahren, gerade während gewisse Triebe am Werke

waren, in Befolgung des Prinzips neue Lust zu gewinnen. Die Einzelheiten

des Vorganges, durch welchen die Verdrängung eine Lustmöglichkeit in

eine Unlustquelle verwandelt, sind noch nicht gut verstanden oder nicht

klar darstellbar, aber sicherlich ist alle neurotische Unlust von

solcher Art, ist Lust, die nicht als solche empfunden werden kann.

Die beiden hier angezeigten Quellen der Unlust decken noch lange nicht

die Mehrzahl unserer Unlusterlebnisse, aber vom Rest wird man mit einem

Anschein von gutem Recht behaupten, daß sein Vorhandensein der

Herrschaft des Lustprinzips nicht widerspricht. Die meiste Unlust, die

wir verspüren, ist ja Wahrnehmungsunlust, entweder Wahrnehmung des

Drängens unbefriedigter Triebe oder äußere Wahrnehmung, sei es, daß

diese an sich peinlich ist, oder daß sie unlustvolle Erwartungen im

seelischen Apparat erregt, von ihm als »Gefahr« erkannt wird. Die

Reaktion auf diese Triebansprüche und Gefahrdrohungen, in der sich die

eigentliche Tätigkeit des seelischen Apparates äußert, kann dann in

korrekter Weise vom Lustprinzip oder dem es modifizierenden

Realitätsprinzip geleitet werden. Somit scheint es nicht notwendig, eine

weitergehende Einschränkung des Lustprinzips anzuerkennen, und doch kann

gerade die Untersuchung der seelischen Reaktion auf die äußerliche

Gefahr neuen Stoff und neue Fragestellungen zu dem hier behandelten

Problem liefern.

Jenseits des Lustprinzips · 第 4 / 12 题