»Die höhere Ordnung, Olivia. Du warst ja nahe, es zu nennen: Gott! Ja,
ich sag' es, ich, Robert Lamm, der Skeptiker von achtundvierzig Jahren,
der Gewohnheitsleugner, der Mann ohne Ideal. Gott! Es bleibt nichts
andres übrig. Gott will, und wir tun. Gott düngt, und wir wachsen. Gott
pflügt, und wir werden als Unkraut ausgejätet oder als Samen in die
Furchen gestreut. Was ist dein Aufbäumen, was ist mein Schwatzen? In
ferner Zukunft verleiht es vielleicht einmal einer Kreatur, an deren
Existenz wir einen sehr entfernten Anteil haben, den geheimnisvollen
Nerv zu einer Tat. Du kannst nicht helfen, keinem außer dir. Und hilfst
du dir, ich meine dem Gott in dir, so hast du nichts mehr zu fürchten.«
»Und du, Robert?« fragte Olivia ernst: »Du? Das alles ginge mir stärker
ans Herz, sprächst du zu mir als Handelnder.«
Lamm blickte mit zusammengezogenen Brauen starr ins Weite. Er
antwortete: »Da man sich in diesem Sturm und Wirrsal in einen
herabgedrückten Zustand des Lebens finden muß, wäre es wünschenswert,
wenn jedermann eine Prüfung seiner inneren Bestände vornehmen wollte.
Der Krieg wird lange dauern. Ein neues Zeitalter wird sich hernach
deutlich abscheiden. Ob ich dann noch zu brauchen bin, weiß ich nicht.
Ich will's versuchen.«
»Wirklich?« rief Olivia mit aufleuchtenden Augen. »Doch warum zögerst
du?«
»Weil ich nicht pfuschen will. Du hast mich Geduld gelehrt, Olivia.« Er
wandte sich ab und sagte gepreßt: »Könnt' ich nur in Worte fassen, was
du mir bist.«
»Robert!«
Jäh fuhr er herum und zog sie in die Arme. Sie aber befreite sich sanft
und verließ ihn.
* * * * *
Um sich zu sammeln, ging sie in den Garten. Es war hell, der Mondschein
einer Mainacht, die Luft voll Blumengerüche. In den Baracken waren
schon die Lichter ausgelöscht. Vor einem der Treibhäuser saß ein Soldat
und starrte in den Himmel. Auf den Wegen lagen weiße Blüten, so viele,
daß sie den Schritt dämpften. Alles in der Natur atmete Frieden, alles
sprach von Auferstehung und Erneuerung.
Olivia brach einen Zweig von einem Apfelbaum, roch daran und ging
sinnend weiter. 'Warum hast du das getan?' fragte sie sich plötzlich und
betrachtete den Zweig mit Abscheu. Aus den weißen Blüten grinste ihr der
Tod entgegen.
Sie erschauderte. Die ganze Welt schien ihr wie auf eine Wand gemalt,
fremd wie der Tod.
* * * * *
Erst am dritten Tage konnten sie reisen.
Es war eine sonderbare Fahrt. Robert Lamm, lebhaft und aufgeräumt,
erzählte viel und war stets um Olivia bemüht. Junge Offiziere saßen im
Wagen, die dem schönen Mädchen in der kleidsamen Schwesterntracht eine
teilnahmvolle Neugier bezeigten. Auf den Bahnhöfen gab es lange
Aufenthalte, und überall herrschte ein beängstigendes Treiben.
Verwundete Soldaten lagerten in malerischen Gruppen; Flüchtlinge jeden
Alters und Standes drängten sich um aufgeregt gestikulierende Beamte;
Munitions-, Proviant-, Spitals- und Mannschaftszüge versperrten die
Geleise oder fuhren vor; der einzelne Mensch hatte weder Wichtigkeit
noch Stimme, alles verlor sich in der Masse, wurde fortgerissen von der
Masse, anscheinend ordnungslos, und doch von einer gewaltigen und
besonnenen Kraft regiert.
»Und das alles für eine Einbildung von Feindschaft,« sagte Lamm leise zu
Olivia; »wo ist dein Feind? Wo ist meiner? Wo der von dem Slowenen, der
da am Pfeiler lehnt oder von der eleganten Dame dort, die wahrscheinlich
bei der Flucht auf einem Leiterwagen ihre Mantille zerrissen hat --? Wo
ist der Feind? Jeder ist mein Feind, jeder andere Mensch, und jeder ist
mein Bruder. Gegen wen ziehen also die Armeen, wogegen rasen die Völker?
Sie wissen es nicht. Es ist aber das Blut, der Wille der Generationen,
die nach ihnen kommen. Diese brauchen einen Weltzustand, den wir nicht
einmal träumen können, und doch müssen wir ihn für sie schaffen, sie
wollen es, sie erzwingen sich's. Die Einsicht können sie uns nicht
geben, nur das Feuer und die Brunst, die zur Zeugung gehören. Zeugung
aber ist eine Angelegenheit des Rausches, sie hat Züge von Mordlust und
Grausamkeit und stößt die Seele ins Chaos zurück, von wo sie stammt.«
»Laß das,« antwortete Olivia gepeinigt; »ich mag's nicht, wenn Gedanken
so wahr werden, daß sie verletzen. Gesteh doch lieber, gesteh es
endlich, daß du dich getäuscht hast, wenn du mir immer unser Land als
reif zum Untergange geschildert hast. Du hast gegen deine Brüder gewütet
wie ein Besessener, und gegen dich selber auch. Gesteh doch, daß wir
nicht zuschanden geworden sind vor dir und daß du das Henkerbeil umsonst
gewetzt hast. Schau' in die Gesichter, in welches du willst; ist nicht
in fast allen ein kühles, tätiges Leben, ein werkfreudiges Gefühl, und
sogar die Widerstrebenden können sich nicht entziehen. Sag's ihnen doch,
daß sie deiner nicht so ganz unwürdig waren, Robert; die Sühne bist du
ihnen schuldig.« Es klang wie Spott eines Cherubs. Lamm errötete.
In einer Station nach Krakau stieg ein dicker, kleiner Herr von etwa
fünfzig Jahren ein. Er trug ein schwarzes, flaches Strohhütchen auf
einem mächtigen Schädel und sah einem Negerhäuptling in europäischen
Kleidern ähnlich. Lamm kannte ihn, und sie begrüßten einander. Es war
Exzellenz Häfner, ein ehemaliger Minister. Durch seine Gaben zu großen
Leistungen befähigt, hatte er sich doch wider die Ränke seiner Gegner
nicht zu behaupten vermocht. In der Zeit, die ihn am Ruder gesehen,
waren die Wogen des Liberalismus hoch gegangen und hatten den starren
Theoretiker und römisch angehauchten Frondeur über Bord des
Staatsschiffes gespült. Jetzt hatte man sich der lenkenden Erfahrung
erinnert, die er besonders in den schwierigen nationalen und
wirtschaftlichen Problemen der eben befreiten Nordprovinz stets
erwiesen, und hatte ihn aus dem Dunkel eines Pensionisten-Daseins mitten
in den Tumult der Weltbühne gerufen. Er war auf dem Weg ins
Hauptquartier, wo er Beratungen wegen einer neu einzusetzenden
Verwaltungsbehörde pflegen sollte.
So erzählte er Lamm und Olivia, mit der er alsbald bekannt wurde. Er
hatte eine bestrickende Art zu plaudern, trotzdem er bissig war wie ein
Kettenhund. Die Hand auf Lamms Knie legend, sagte er zärtlich und
strafend: »Sie, lieber Hofrat, sähe ich nicht ungern unter meinen
Helfern. Es wird keine Leibwache sein, fürchten Sie nichts. Mit den
Prätorianern haben wir aufgeräumt. Sie haben sich viel zu früh ins
Ausgeding begeben. Aber Sie waren unvorsichtig, Sie waren zu leise. Auf
Filzschuhen darf man nicht aus unseren Ämtern schleichen. Wenn schon
Skandal, dann mit großem Orchester. Ich habe bereits an Sie gedacht,
denn ich bin mit der Laterne auf der Menschensuche. Werden Sie mich für
einen Fanfaron halten, wenn ich Ihnen sage, daß man den rechten Mann an
die rechte Stelle bringen wird? Das Land schwitzt seine ungesunden
Stoffe aus; Blut, Leichen, Schutt, Moder, aufgehängte Verräter. Kommen
Sie gleich mit mir, wenn es irgend angeht; ich habe ausreichende
Vollmachten. Es gibt zu tun, man kann die Flügel dehnen. Mit den alten
unbezahlten Rechnungen machen Sie es wie ich: vergleichen Sie sich und
geben Sie neuen Kredit.«
Lamm sah betreten vor sich hin. Er antwortete zaudernd und unbestimmt;
das Anerbieten war zu überraschend, und sein Mißtrauen gegen die
Regierenden war zu tief. Die Exzellenz wollte keine Ausflucht gelten
lassen. Da er bemerkte, daß Olivia begierig zuhörte und Lamms Erwiderung
mit sichtlichem Unmut aufnahm, witterte er das nahe Verhältnis zwischen
den beiden und wandte sich geschmeidig an sie. Sie gab ihm in jedem
Punkte recht, auch darin, daß Lamm die Entscheidung nicht aufschieben
dürfe. In die Enge getrieben, erklärte Lamm, daß er nicht gewohnt sei,
wichtige Entschlüsse mit solcher Eile zu fassen, auch könne er nicht
zugeben, daß Olivia die Reise mitten durch Kriegsgebiet und nahe an die
Front allein fortsetze. Olivia widersprach dem, und Exzellenz Häfner
sagte, er treffe in Tarnow zwei hohe Offiziere, die im Automobil zum San
führen und dem Fräulein sicherlich einen Platz im Wagen gewähren würden.
Ohnehin mußte man in Tarnow übernachten. Lamm bat sich Bedenkzeit bis
zum nächsten Morgen aus.
Er saß mit Olivia in einem trübseligen Gasthauszimmer. Die Exzellenz war
fortgegangen, um die Offiziere aufzuspüren, die Olivia mitnehmen
sollten. Unablässig polterten Fuhrwerke über das holprige Pflaster
draußen, und das Geschrei der kutschierenden Bauern und Soldaten
erfüllte die Nacht. An den Nebentischen saßen Juden, die sich in ihrem
unverständlichen Jargon leise unterhielten.
»Wüßt' ich dich zu Hause, so gäb's kein Schwanken für mich,« sagte Lamm.
»Ich weiß, daß ich nicht mehr hinten stehen darf. Schon um deinetwillen
nicht. Ich hab' dir's ja auch gelobt.«
»Es wär' ein schlechter Anfang, Robert, wenn mir deine Angst Ketten um
die Füße legte,« erwiderte Olivia. »Du und Angst, Angst um einen
Menschen! Ich kenn' dich nicht mehr!«
»Du sprichst von einem Anfang, Olivia; mich dünkt, es ist ein Ende. Ich
spür's in allen Nerven, und mir ist so unheimlich wie manchen Leuten,
die den Blitz fühlen, bevor er gezündet hat. Hör' doch, wie die Welt
braust und brüllt! Die Menschen sind so armselig und so furchtbar.
Dessen bleib eingedenk, daß ich um dich gedient habe, länger als Jakob
um Rahel, viel länger. Nur dacht' ich, ich müßte dich unterwerfen,
derweil lag es umgekehrt im Schicksalsplan, und ich hab' nicht begreifen
wollen, warum. Du hast gesiegt, Olivia, du bist die Siegerin, aber nicht
bloß über mich, über uns alle, auch über die Sieger, und dich für meine
Person zu beanspruchen, wäre so lächerlich, als wollt' ich den Mond in
mein Zimmer hängen, daß er mir zum Schreiben leuchte. Ich hab' eine
Erscheinung gehabt, weiter nichts.«
»Ach, Robert!« seufzte Olivia, die es nicht ertragen konnte, wenn man
sie pries. »Ahnst du denn nicht, wie jämmerlich alles ist, was man tut,
im Vergleich zu dem, was ungetan bleibt?«
»Es liegt nicht an der Qualität, es liegt im Geiste. Der Geist kann
heilig werden, trotz Völkermord und Völkerwahn. Ich habe an den Heiligen
Geist glauben gelernt, und damit allerdings steh' ich wieder am Anfang.«
Er verstummte. Olivia sah ihn an und hielt ihn im Blick ihres groß
aufgeschlagenen Auges.
* * * * *
Exzellenz Häfner kam etwas verlegen zurück. Er habe die beiden Herren
gefunden, berichtete er, aber das Unangenehme sei, daß sie noch in der
Nacht fahren müßten. Ob man der jungen Dame zumuten dürfe, die
anstrengende Reise schon in einer Stunde fortzusetzen, habe er nicht
gewagt zu entscheiden.
Olivia sagte, sie sei bereit, sie wäre froh, wenn sie rasch ans Ziel
komme. Lamm widersprach nicht.
Sie nahmen hastig einen Imbiß auf schmutzigen Tellern, dann ging Olivia
auf ihre Kammer, um ihre Tasche zu richten. Lamm folgte ihr nach einer
Weile; als er in die elende Kammer trat, die von einer einzigen Kerze
erhellt wurde, war sie schon fertig. Sie stand hochaufgerichtet am
schwarzen Fenster, den Kopf etwas zur Seite geneigt, die Schultern, nach
ihrer Art, zurückgebogen, die Arme lässig im Fall. Ihr Gesicht hatte
einen verlorenen Ausdruck, selten hatte Lamm sie so in sich selbst
ruhend gesehen.
Er trat zu ihr und küßte sie. Olivia lächelte; als sie ihn wieder küßte,
waren ihre Augen feucht.
Er ergriff das Täschchen, und sie verließen den Raum. Unten wartete die
Exzellenz, um sie an den Ort des Stelldicheins zu führen. Schweigend
gingen sie durch die finsteren Gassen. Auf einem Platz neben einer
Scheune stand der Kraftwagen. Die Vorstellung war schnell erledigt,
Olivia stieg ein, der Motor begann zu schnurren; »leb' wohl, Robert,«
rief Olivia, dann winkte sie noch einmal, und der Wagen fuhr davon.
»Kommen Sie, Freund, wir haben nur noch vier Stunden zum Schlafen,«
sagte die Exzellenz und schob den Arm in den Robert Lamms.
Für Robert Lamm gab es aber keinen Schlaf. Er verließ die zugige Kammer
wieder, kaum daß er sie betreten hatte, und ging auf die Gasse.
Die regenfeuchte Luft schlug ihm ins Gesicht, die Häuser, an denen er
vorüberging, waren schwarz, viele sahen wie seit langer Zeit verlassen
aus. Er schritt an einem Zaun hin und spähte bisweilen in die Ebene oder
in den Himmel. Die Zaunpfähle neben ihm, in endloser Folge, das brachte
ein eigentümliches Gefühl von Rhythmik in seinem Innern hervor, und
vielleicht war dies die Ursache, daß seine Gedanken immer bewegter,
immer stürmischer wurden.
Der Marschschritt einer Kolonne wurde hörbar und kam näher. Es waren
deutsche Soldaten, eine große Abteilung; der Zug wollte gar kein Ende
nehmen. Lamm konnte die Gesichter der Leute nicht unterscheiden, doch
die Entschlossenheit und der unabänderliche Gleichklang ihres Schrittes
machten einen tiefen Eindruck auf ihn. Als sie vorüber waren, blieb er
stehen und schaute ihnen nach. 'Da gehen sie nun,' dachte er und zog die
Stirn in Falten, 'da gehen sie. Es ist etwas in ihrer Haltung und in
ihrem Schritt, als rechneten sie gar nicht mit der Rückkehr. Ob nicht
ein einziger unter ihnen ist, der heimlich rebelliert? Vielleicht doch.
Aber es kommt nicht darauf an. Es kommt auf keinen einzelnen an, auf den
Willigen nicht und auf den Rebellen nicht. Was liegt am Müller und am
Schmied und am Fuhrknecht und am Schreiber und an all den Strebern und
Glücksjägern und Verliebten und Familienvätern und Staatsdienern, die
dort draußen auf dem Schlachtfeld fallen werden, was liegt an ihnen? Es
wird immer wieder Schmiede und Fuhrknechte und Schreiber und Verliebte
und Familienväter geben. Was brächten sie vor sich, wenn ihnen dies
Schicksal erspart bliebe? Es kommt auf sie nicht an. Auch auf mich kommt
es nicht an. Vor Gott bin ich gar nichts wert.'
Er ging ein Stück, in der Richtung gegen die Stadt zurück, und nach
einer Weile blieb er wieder stehen. »Und doch,« redete er nun laut vor
sich hin, »doch ist der Mensch etwas Köstliches; man muß ihn bloß
anschauen und begreifen können. Viele können es nicht. Diese Gestalt,
das Auge, die Stimme: es ist wunderbar. Die meisten spüren nicht den
Menschen. Auch ich habe den Menschen nicht gespürt. Ich habe so
hingelebt, das ist alles; habe mich geärgert, habe gezankt, gefeilscht,
geredet, aber den Menschen gespürt, nein, das hab' ich nicht.« Und im
Weitergehen wiederholte er noch ein paar mal die Worte: »Nein, das hab'
ich nicht.«
Da kam er an ein Haus, das ohne Türen und ohne Fenster war. Auch das
Dach war zum Teil weggerissen, so daß der Himmel in die öden Räume
starrte. Lamm ließ einen Blick zerstreuter Neugier über die Ruine
schweifen und wollte seinen Weg fortsetzen, als er ein jämmerliches
Wimmern vernahm. Er lauschte und hörte den Laut deutlicher. Es klang wie
das Weinen eines kleinen Kindes.
Nun trat er in das Haus, zündete seine elektrische Taschenlampe an und
ging von Stube zu Stube. In der letzten Stube sah er einen Säugling auf
schmutzigen Lumpen liegen, halb nackt und nur noch matt schreiend. Lamm
rief. Er glaubte die Mutter oder sonstige Angehörige in der Nähe. Aber
niemand antwortete; niemand war zu sehen. Der Säugling war völlig
verlassen, fror und hatte Hunger.
Lamm nahm das Kind auf seine Arme und trug es hinaus. Er rief noch
einmal; umsonst. Da trug er das wimmernde Kind auf seinen Armen weiter.
Sein anfangs zaudernder Schritt wurde fest und entschlossen, und alle
hadernden Gedanken in seinem Innern schwiegen still.
Er hüllte das frierende Kind in seinen Mantel, und als er die
Körperwärme spürte, kam etwas Freudiges über ihn, und das lebendige, an
ihn geschmiegte Wesen wurde ihm plötzlich in sonderbarer Weise teuer.
'Ich will es behalten,' sagte er sich, 'ich will es wie ein Geschenk von
Olivia behalten, und seine Augen sollen mir leuchten, wenn ich zu den
Menschen gehe und für sie schaffe.'
* * * * *
Am Nachmittag darauf, nach fünfzehnstündiger, durch viele Hindernisse
verzögerter Fahrt im Regen kam der Kraftwagen nach Drohobycz. Hier mußte
Olivia eine andere Gelegenheit suchen, und der Bemühung des einen
Offiziers gelang es, ihr einen Platz auf einem Feldpostwagen zu
verschaffen, der nach Zawadow fuhr. Hatte sie schon die Nacht und den
Tag über vom Regen zu leiden gehabt, jetzt wurde es schlimmer; oft
konnte der Wagen kaum vorwärts, so schwierig war es, den begegnenden
Fahrzeugen und marschierenden Kolonnen auszuweichen. In langen Reihen
schleppten sich Verwundete die Straßen heran; fern am Horizont umsäumte
den düstern Himmel eine dunkle Glut. Überall waren Notbrücken, überall
rauchten Trümmer, und der Erdboden war von tiefen Spalten und Löchern
zerrissen.
Völlig durchnäßt war Olivia, als endlich der schüttelnde Wagen in der
Nacht vor einem halbzerschossenen Haus einer Dorfstraße hielt. Ein
freundlicher Korporal besorgte ihr ein Obdach, irgendwo in einem
Bauernhaus, in dessen Flur sie über die Leiber schlafender Soldaten
steigen mußte. Ein Strohsack hinter einem Verschlag bildete ihr Lager.
Von den Bretterwänden troff das Wasser, die Luft war wie in einem
Keller, Pferde stampften in der Nähe, sie schloß die Augen und dämmerte
erschöpft hin, ohne schlafen zu können. Mit dem Morgengrauen erhob sie
sich und fragte um den Weg nach dem Feldspital, in welchem sie Ingbert
zu finden hoffte.
Sie ging zum Oberarzt, der kaum Zeit hatte, ihr Rede zu stehen. Ein
jüngerer Arzt trat hinzu, und dieser konnte ihr sagen, daß Leutnant
Ingbert tot sei. Gestern war er begraben worden. Olivia faßte die
Kalkmauer mit den Fingerspitzen der einen, dann der andern Hand an. Es
schien ihr, als springe ihr Herz vor Kummer.
Zu Hunderten kamen blutende Männer vom Schlachtfeld, auf Bahren, auf den
Armen der Sanitätsleute, oder von Kameraden geführt. Der Kampf um Strji
war mörderisch. Olivia half verbinden. Hier roch das Blut der Wunden
wilder und frischer als fern in der Stadt. Die Ärzte nahmen einen um den
andern vor, hatten unbewegliche Gesichter, kümmerten sich weder um
Schreien und Stöhnen, noch um Bitten. Niemand fragte, woher Olivia kam
oder ob sie bleibe, man war um jeden Arm froh, der zugriff. Auf
dergleichen war sie nicht vorbereitet gewesen, auf diese endlosen Reihen
von Starrenden und mit dem Tode Ringenden. Um Mittag wandelte sie eine
Ohnmacht an, denn sie hatte noch nichts gegessen. Auch fror sie
beständig. Ein junger Bursch brachte ihr Fleisch und Kartoffeln, sie
konnte nichts anrühren. »Na, werden Sie uns nur nicht krank,« sagte
einer der Doktoren ärgerlich im Vorübergehen. Sein Leinwandkittel war
von oben bis unten mit Blut bespritzt.
'Du mußt zu seinem Grab,' gebot eine Stimme in Olivia. Wie gehetzt floh
sie aus dem Raum, drängte sich durch die Verwundeten und fragte einen
Oberleutnant, wo die gestern Begrabenen lägen. Der Offizier zog die
Stirne kraus; die betreffende Stelle sei seit einigen Stunden gefährdet,
antwortete er. Sie sagte gepreßt, wessen Grab es sei, das sie aufsuchen
wolle. »Ich kannte Ingbert,« versetzte der Offizier, »ein lieber
Kamerad. Schade um ihn.« Dann warf er einen flüchtigen Blick auf Olivia
und erklärte sich bereit, sie zu führen. Sie war nicht fähig, ihm zu
danken. Sie hatte keinen Dank mehr in sich.
Sie gingen über einen kotigen Feldweg. Bisweilen spritzte die Erde auf,
als ob in ihrem Innern etwas geplatzt sei. »Sie schießen,« bemerkte der
Offizier, nach einem Wald in der Ferne deutend und zündete sich eine
Zigarette an.
Auf einer Wölbung des Geländes sah man unzählige kleine Holzkreuze. Der
Offizier schritt eine Weile an der vordersten Reihe entlang, blieb bei
einem stehen und sagte: »Hier liegt er.« Damit grüßte er und entfernte
sich.
'Hier liegt er,' dachte Olivia. 'Und warum eigentlich? Und warum die
andern, Unzähligen, warum?' Sie erinnerte sich der Anmut und Zartheit
des Freundes, seiner Wärme und schweigsamen Liebe, und dachte: 'Warum
nur, warum?'
Sie ging weiter, ohne auf Weg und Richtung zu achten. Immer noch fiel
Regen, immer noch fror sie. Am dunkelnden Wolkenhimmel malten sich
feurige Geschoßbahnen, Leuchtkörper schwammen weit drüben in der Luft,
bisweilen ertönte ein Krachen, als wolle der Weltkörper zerreißen. Zur
Rechten wich mannshohes Gestrüpp zurück, das eigentümlich erhellt
gewesen war, und nun gewahrte sie ein brennendes Dorf in der Ebene, weit
drüben, und sie wanderte darauf zu. Sie holte ein Wägelchen ein, das von
einem müden, klapperdürren Gaul gezogen und von einer alten Bäuerin
gefahren wurde. Fünf oder sechs entsetzlich bleiche Kinder lagen droben
und schliefen. Das Pferdchen wollte nicht mehr weiter, und die alte
Bäuerin schimpfte bald, bald flehte sie. Eines der Kinder erwachte, und
als es des Brandes ansichtig wurde, stieß es einen gellenden Schrei aus.
Plötzlich flammte in einer Entfernung von kaum zweihundert Schritt
ebenfalls ein Gebäude auf. Man sah nun, daß dort ein Dorf lag. Die
Dächer der übrigen Hütten fingen im Zeitraum von wenigen Minuten Feuer.
Olivia blieb stehen.
Männer und Weiber stürzten ins Freie; die vergrämten Gesichter waren
grell vom Feuer beschienen. Aus der Menge aber löste sich eine
auffallende Erscheinung; ein einfacher russischer Soldat, jedoch ein
Riese von Gestalt. Er war nicht jung, sicherlich über Vierzig, trug
keine Kopfbedeckung, und seine schwarzen Haare flatterten struppig um
Stirn und Schläfen. Er ging langsam, mit wagrecht vorgestreckten Armen,
und man sah an seinem Gang, daß er blind war.
Doch schwankte er nur wenig; er ging dicht an den brennenden Häusern
entlang, immer mit wagrecht vorgestreckten Armen. Die Funken prasselten
um seinen Kopf, brennende Balken fielen dicht neben ihm nieder, aber
durch keine Miene verriet er Schrecken oder Unsicherheit. Der Eindruck
war so mächtig, daß die Bauern, ihre Weiber und ihre Kinder ihm alsbald
in Scharen folgten und sich dicht an ihn drängten, als ob sie in seiner
Nähe gefeit wären.
Olivia blickte rundum: die nasse Erde rot, der sternenlose Himmel rot,
und zwischen Erde und Himmel tobende Mordmaschinen, brüllendes Vieh,
winselnde Hunde und verzweifelte Menschen. Es wollte ihr scheinen, als
käme der blinde Riese auf sie zu, um ihr eine Botschaft zu bringen, und
je deutlicher sie sein Gesicht sehen konnte, je mehr wunderte sie sich
über die unbeschreibliche, fast selige Ruhe darin. Gefährdeter konnte
kein Mensch sein; hilfloser keiner; aber was bedeutete ihm die Gefahr?
Was galt ihm diese Stunde und die nächste? Obgleich in Olivia ein
rätselhafter Wunsch war, daß er sie sehen möge, ein rätselhaftes
Bedauern, daß er sie nicht mehr sehen konnte, war es ihr doch klar, daß
nach allem, was er von dieser Welt gesehen, er glücklich zu preisen sei,
daß er nichts mehr von ihr sah.
Sie wanderte den Weg zurück, verirrte sich jedoch. Ihre Erschöpfung
wuchs, und sie konnte nicht mehr daran zweifeln, daß sie krank war.
Patrouillen begegneten ihr und riefen ihr etwas zu. Sie verstand nicht
und antwortete nicht. Auf einem umgehauenen Baumstamm rastete sie eine
Weile, dann schleppte sie sich eine halbe Stunde weiter. Sie kam zu
einem offenen Parktor, ging hinein und gewahrte ein Schilderhaus, das
leer war. Durch die Baumwipfel sah sie die Umrisse eines großen
Gebäudes.
Die Beine versagten den Dienst; sie schlüpfte in das Schilderhaus,
kauerte sich nieder und hüllte sich fester in den nassen Mantel. Ein
schlafähnlicher Zustand machte sie bewußtlos.
Als sie wieder zu sich kam, war es Tag. Sie raffte alle Kräfte zusammen
und trat ins Freie. Da bot sich ihren fieberheißen Augen ein
unvermuteter Anblick. Fahler Frühsonnenschein war durch die Nebel
gebrochen und fiel auf unzählige Beete und Sträucher voller Rosen.
Lauter Rosen, über die ganze Fläche des Parks, in allen Farben der
Gattung, soweit der Blick reichte. Dazwischen aufgeworfene Gräben,
zertretener Rasen, zersplitterte Bäume. Sie trat zum nächsten Strauch;
die Freude an den Blumen, erst wie eine überwältigende Erinnerung,
verdrängte jedes andere Gefühl und steigerte sich zu leidenschaftlichem
Verlangen. Voller Hast, ja fast gierig brach sie einige Rosen ab, ohne
darauf zu achten, daß sie sich an den Dornen die Hände blutig riß.