dem Hause zu und trat in die Vorhalle. Es war eine geräumige
Baulichkeit, einer der vielen adligen Herrensitze dieser Gegend. Kein
Mensch war zu sehen. Die Türen der Zimmer standen offen, und überall
zeigten sich die Spuren böswilliger Zerstörung. Die Gläser der Spiegel
lagen in Scherben auf dem Boden, die Möbel waren umgestürzt, das
Porzellan zerschmettert, die Bücher aus den Regalen geschleudert und
zerfetzt, die Bilder zerschnitten, die Wände mit Unrat beschmiert. Hier
mochte sie nicht bleiben; ihre letzte Kraft zusammenraffend, stieg sie
die Treppe hinauf. Sie rief, doch niemand antwortete. Da, als sie in
einen Raum mit hohen Fenstern trat, gewahrte sie endlich einen Menschen.
In der Mitte des sonst völlig leeren Raumes stand ein Sarg, darin lag
ein Greis mit langem, weißem Bart; ein Kruzifix aus Silber ruhte auf
seiner Brust, und an den vier Ecken des Sarges brannten vier Kerzen.
Daneben aber saß ein Knabe von etwa vierzehn Jahren; er hatte
tiefschwarze Haare, die über die blassen Wangen fielen; seine Augen
waren traurig und voll Angst.
Erstaunt betrachtete er die Fremde. Er erhob sich und redete sie
polnisch an. Olivia verstand die Sprache nicht; da sie sich aber
hinschwinden fühlte, machte sie eine bittende Gebärde und preßte die
linke Hand gegen ihre Brust, in der der Atem flog. Der Knabe sah sie an
und begriff; ihn hatte der Krieg frühzeitig über menschliches Leiden
unterrichtet. Auf den Zehen, als könne der tote Mann noch gestört
werden, ging er zu einer Tür, die er öffnete und wies auf ein Bett, das
dort im Zimmer stand. Nicht zu verkennen, daß es das Schlafgemach einer
Frau gewesen war; auf den Lehnen der Stühle hingen Frauenkleider, in
einer Ecke standen Frauenschuhe; sonst deutete manches auf eine eilige
Flucht hin.
Olivia schloß die Tür, als sie drinnen war, riß ihre nassen Gewänder vom
Körper, stürzte förmlich in das Bett, wühlte die zitternden Glieder in
die Kissen, richtete sich noch einmal auf und griff nach den Rosen, dann
rang sie seufzend die Hände, spürte, daß ihr die Sinne vergingen, und
freute sich darauf, nicht mehr denken und fürchten zu müssen.
Nach einer Weile klopfte es an der Tür, der Knabe trat lautlos ein.
Unschlüssig stand er zu Füßen des Lagers und schaute auf die Kranke,
deren Wangen sich mit Scharlachröte bedeckten. Er fand sie schön; ihre
Gegenwart erregte scheue Neugier in ihm, ihr Zustand stimmte ihn
mitleidig. Abermals sagte er etwas in polnischer Sprache. Olivia riß
entsetzt die Augen auf. Plötzlich schrie sie: »Gebt mir die Rosen!« und
preßte die drei Rosen, die sie krampfhaft in den Fingern hielt, an ihren
Mund.
Dieses Wort kannte der Knabe. Wahrscheinlich hatten Rosen in seinem
bisherigen Leben eine gewisse Rolle gespielt. Sie mußten ein Ziel
eigensinniger Liebhaberei gewesen sein, vielleicht des toten Greises,
der draußen im Sarg lag; nicht bloß die Kultur des Parks lenkte darauf
hin, sondern auch die zerstörten Gemälde, auf denen fast ausschließlich
Rosen dargestellt waren. Und da Olivia ihren Fieberruf wiederholte und
immer wieder ekstatisch die Rosen, die sie hatte, ans Gesicht drückte,
glaubte er, sie wolle mehr, sie brauche sie aus irgendeinem Grund, den
er nur noch nicht verstand. Rasch verließ er das Zimmer, und nach
einigen Minuten schon kehrte er zurück, beide Hände voller Rosen, und
warf sie auf das Bett.
Als er vernahm, daß die Fiebernde sich beruhigte, war er auch gewiß, das
Rechte getroffen zu haben. Er ging noch einmal, dann ein drittes und
viertes Mal. Schließlich hatte er so viele Rosen heraufgebracht, daß sie
von der Bettdecke auf den Boden fielen und ihr Geruch das ganze Zimmer
und jenes noch, in dem der Tote lag, erfüllte. Danach ging er zu dem
Toten hinaus, kam wieder zurück, lief zum fünften Male in den Garten und
brachte wieder Rosen, soviel er tragen konnte, und lächelte zufrieden,
als er sah, daß die unbekannte Frau, die mit ihren kurzgeschnittenen
Haaren einen rührenden Eindruck auf ihn machte, nun stille war und die
Augen geschlossen hatte.
Olivias Kopf ruhte auf dem Arm; während sie schlief, wurde ihr Gesicht
erst bleich und immer bleicher; von einem gewissen Punkt an kehrte aber
die Farbe des Lebens zurück, als ob ein Traum von glücklicher und
tätiger Zukunft die Seele jäh berührt hätte. Dieser Traum erzeugte ein
Lächeln; das Lächeln schien das Blut, das schon verblaßte, neu zu röten.
Verwandlung war in ihr; über ihr Verheißung eines Geistes aus
verwandelter Welt.
[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der Erstveröffentlichung erstellt. Diese erschien in »Velhagen
& Klasings Monatshefte«, XXXI. Jahrgang 1916/1917, Hefte 1-3,
September-November 1916. Die Seitenzahlen springen entsprechend dieser
Heftaufteilung. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller
gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
S. 002: [Punkt ergänzt] Mühe hatte, sie zu beruhigen.
S. 003: [Punkt korrigiert] über ihn erholt hatte, -> hatte.
S. 017: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit -> ohnehin
S. 167: mit abgerissenen Gewändern und verstörtem Gesichts -> Gesicht
S. 168: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten -> geheilten
S. 172: die Finsternis brannte ihn förmlich auf der Stirn -> brannte ihm
S. 173: [Komma entfernt] fruchtloses Unterfangen, ist, -> Unterfangen ist,
S. 182: die Bestürzung in ihrem Gedicht -> Gesicht
S. 182: Er war rührend und unheimlich. -> Es ]
[Transcriber's Notes: This ebook has been transcribed from the first
publication of the story, printed in "Velhagen & Klasings Monatshefte",
XXXI. bound volume 1916/1917, issues 1-3, September-November 1916. The
page numbers jump according to the distribution of the story onto the
three issues of the monthly periodical. The table below lists all
corrections applied to the original text.
p. 002: [added period] Mühe hatte, sie zu beruhigen.
p. 003: [corrected period] über ihn erholt hatte, -> hatte.
p. 017: warf er ihr doch ohnhin bei jeder Gelegenheit -> ohnehin
p. 167: mit abgerissenen Gewändern und verstörtem Gesichts -> Gesicht
p. 168: Gruppen von Soldaten, gegeheilten Verwundeten -> geheilten
p. 172: die Finsternis brannte ihn förmlich auf der Stirn -> brannte ihm
p. 173: [extra comma] fruchtloses Unterfangen, ist, -> Unterfangen ist,
p. 182: die Bestürzung in ihrem Gedicht -> Gesicht
p. 182: Er war rührend und unheimlich. -> Es ]