Dasein, von jener Stunde an, wo sie als Kind durch seinen Einspruch
einer peinlichen Schaustellung enthoben worden war. Sie hatte gegen ihn
gewirkt, er gegen sie, aber das Band zwischen ihnen war nur um so fester
geworden, und als sie sich zur Flucht entschlossen hatte, um ihm nicht
gänzlich zu verfallen, war sie ihm schon gänzlich verfallen.
Sie hatte aber nie aufgehört, ihn Freund zu heißen. Ja, es war der
erfahrene, wohlgesinnte, starke, verläßliche Freund gewesen, sogar in
den Jahren ihrer Verfinsterung und des Selbstverlustes. Dann, als die
Verwandlung kam, als sie sein Haus von ihm forderte, als er in
geheimnisvollem Groll verreiste, als alle Geschenke des Lebens ihr
entrissen wurden bis auf eine Lampe in der Hand, die sie nicht gewahrte,
nur ahnte, deren Licht sie nur im Auge der andern entdeckte, auch da war
noch der Freund an ihrer Seite geschritten, der Lebendige, der Mensch.
Und das Wissen um seinen Haß und Abscheu war nur ein Ansporn geworden,
so zu erglühen, daß der Eispanzer um seine Brust schmelzen mußte.
'Auch Blindheit kann Todsünde sein, siehst du nicht, Olivia, woran du
mit mir bist?' Dieses Wort vernichtete wie ein zündender Blitzstrahl
alles, was sie um sich her gebaut hatte.
Nur zu deutlich hatte sie die Not gefühlt, in der er es ihr
entgegenschrie. Also war er überzeugt, daß sein Vorwurf und der
Anspruch, den er erhob, zu Recht bestünden? Daß sein Schicksal, er das
ihre wäre? Unbeseelt und mißverstehend hatte sie ihn benutzt, wie man
einen Boten benutzt oder einen Führer, und hatte seine Gaben, sein
hingeströmtes Inneres als Tribut genommen, doch immer in der fernen
Ahnung einer Schuld. War, so betrachtet, der Titel Freund nicht eine
wertlose Münze, ein Almosen, das ihr Gewissen beruhigen sollte? So wenig
Sinn und Phantasie war in ihr, daß sie ihn im Dunkeln hatte tappen
lassen Jahr für Jahr und er mit getäuschtem Herzen zum Verräter werden
mußte an sich und an der Menschheit? Jetzt begriff sie vieles, den
niedergeschlagenen Blick an ihm, die Wildheit und den hartgeschlossenen
Mund, das lieblose Urteil und sein entgleistes Leben, die Tyrannei und
die stumme Bitte, das ganze Leiden, den ganzen mühevollen Weg. Und sie
hatte oft an ihn gedacht als an einen, der die Truggestalten überdauert,
die in kurzem Glücks- und Sehnsuchtsrausch verlockend erschienen waren.
Geträumt hatte sie nie von ihm, aber vergessen hatte sie ihn nicht eine
Stunde, nie hatte sie sein Bild verloren.
Einst, auf einem Ball, hatte ein junger Mann zu ihr gesagt: »Man
erzählt, daß der Hofrat Lamm um Sie wirbt.« Sie hatte den Kopf
zurückgeworfen und mit aufsteigender Blässe in den Wangen erwidert:
»Wenn Robert Lamm mich haben wollte, hätte er nicht nötig, zu werben.«
Doch gerade damals war sie in Georg Ingbert verliebt gewesen.
Plötzlich war sie ein Weib, sein Weib. Er hatte den Verlauf ihrer
Spiele, ihrer Verstrickungen, ihrer Trübungen abgewartet, um sie zu
rufen im Angesicht einer blutüberströmten Welt. Geschah es, weil er nach
einem letzten Halt griff? Geschah es in der Erkenntnis ihres Wesens oder
in der Verzweiflung über den Niederbruch aller irdischen Ordnung? Sie
widerstrebte nicht, sie gehorchte, im Innern war sie sein Weib. Doch
außer einem schmerzlichen Verlangen nach Frieden und Zärtlichkeit fühlte
sie nichts, was an Liebe erinnerte oder was die Menschen darunter
verstanden.
* * * * *
An einem Nachmittag um die Dämmerungsstunde betrat sie das kleine
Lese- und Sprechzimmer, das für die Genesenden eingerichtet worden war.
Es war niemand darin als Schwester Nina Senoner. Sie saß am Tisch und
hatte den Kopf in die Hand gestützt. Trotz der Dunkelheit war an den
Umrissen des schönen Gesichts der Kummer erkennbar. Olivia ging näher zu
ihr hin. »Was ist mit Ihnen, Nina?« fragte sie, und als Nina Senoner
erschrocken aufblickte, spürte Olivia die unheilbare Verstörung in
diesem Gemüt. Aber sie hatte Furcht, der neuen Forderung nicht gewachsen
zu sein, die in dem Schmerz der Freundin lag.
Da machte Nina Senoner eine jähe Bewegung, schlang die Arme um Olivias
Hüften und preßte das Gesicht gegen ihre Brust.
Olivia hatte lange nicht mit einer Frau gesprochen; persönliches Wort
auf dem Grund persönlichen Gefühls zu finden, fiel ihr schwer. Sie hatte
verlernt, wichtig zu nehmen, was der einzelne in seinem Kreis mit seinem
Schicksal auszukämpfen hat; nun sah sie die Verarmung darin und empfand
Reue. Sie legte die Hände wie schützend auf Ninas Haar. Die stolze,
herbe Frau, die ungeachtet ihrer fünfunddreißig Jahre wie ein junges
Mädchen wirkte, begann zu schluchzen; unaufhörlich zuckte ihr Körper.
Nach einer Weile gelang es Olivia, sie in ihr Zimmer zu führen, wo sie
ungestört sein konnten. Sie zog Nina dicht an sich; sie trocknete mit
ihrem Taschentuch die Tränen auf dem weißen Gesicht. Sie fragte, fragte;
hingebend, ja zärtlich. Es dauerte lange, bis Nina Senoner ihre Scheu
überwand. Nie zuvor hatte jemand in solchem Ton mit ihr geredet. Sie war
in der Gesellschaft geboren, in der Gesellschaft aufgewachsen, sie
kannte nur Menschen von Haltung, von nicht zu durchdringender Fremdheit,
von vorsichtigstem Anteil. Das Element der Kälte hatte sie allmählich in
eine lebende Statue verwandelt; alles in ihr war erfroren, was Frauen
erst zu Wesen macht, Traum, Sehnsucht, Bluttrieb und Mitteilung.
Mit achtzehn Jahren hatte sie einen Mann geheiratet, den sie achtete und
der ihr ein vortrefflicher Gefährte war. Aber sein Los war die Arbeit,
und je reicher er wurde, desto verantwortungsvoller und aufreibender
wurde die Arbeit. In den Ruhepausen verlangte er freundliche Mienen,
einen geräuschlosen Haushalt und angenehme Gespräche. Nina hatte viel
Verkehr, dabei lebte sie einsamer als ein Eremit. Alle Güte und Sorgfalt
des Mannes war auf das Äußere des Daseins gerichtet; er umgab sie mit
Luxus und mit Menschen, und wenn sie Kopfweh hatte und blaß aussah, ließ
er die teuersten Ärzte kommen und wachte darüber, daß deren Ratschläge
befolgt würden. Sie hatten nie Streit miteinander, kaum einen
Wortwechsel, ihre Ehe wurde als mustergültig betrachtet, und das
strahlende Temperament der aufwachsenden Jeanette schien ein Glück zu
besiegeln, dem in den Augen der Welt nichts zur Vollkommenheit mangelte.
Es vergingen viele Jahre, ehe Nina Senoner überhaupt merkte, daß sich
mit ihr eine Veränderung ereignet hatte, die durchaus nicht zu diesem
bewunderten und beneideten Bild des Glückes passen wollte. Sie gehörte
zu den Menschen, die selten über sich und ihren Zustand nachdenken, zu
jenen frommen Naturen, die mit unerbittlicher Strenge jede Regung der
Unzufriedenheit in ihrer Brust ersticken. Doch kam es immer häufiger
vor, daß ein sehnsüchtiger Gedanke, ein Zweifel, eine Unruhe ihre Stirn
in Schatten hüllten. Sie war gern allein; solche Stunden genoß sie tief;
da verflog das Gefühl der Einsamkeit, und sie wurde fröhlich, wie sie
als junges Mädchen gewesen war. Aber man erlaubte ihr nicht, allein zu
sein. Die geselligen Pflichten nahmen an Vielfältigkeit zu; man drängte
sich an sie; man wollte sie haben; man fühlte sich wohl in ihrem Haus
und in ihrer Nähe; trotzdem sie fast immer schweigsam war, fesselte und
reizte sie Männer wie Frauen; ihr Lachen verbreitete eine festliche
Stimmung, ihr sanfter Blick glättete alle Stirnen. Sie war immer
verabredet, immer unterwegs, oder zu Hause immer unter Gästen. Die
zahllosen Ansprüche zu befriedigen, wurde schwer, sie zu vermindern ganz
unmöglich. Es war eine Lawine, die selbsttätig anschwoll und ihre Seele
unter sich begrub.
Da hatte sie eines Tages die Empfindung, als werde sie nur künstlich und
nach dem Belieben aller dieser Menschen bewegt und in ihr selbst sei gar
kein Wille mehr, kein Entschluß und keine Freiheit. Es schien ihr, als
habe man sie planmäßig und Schritt für Schritt ihres Eigenlebens beraubt
und als sei sie dessen erst inne geworden, nachdem jeder Funke davon
ausgelöscht war. Sie sah sich nur noch als Hülle ihres früheren Ichs,
als Opfer von toten Dingen, als Erfüllerin von zwangvollen Pflichten,
als Beute von fremden Menschen. Und das Schreckliche war, daß sie auch
Mann und Kind unter diesen Fremden erblickte, die sie geplündert und ihr
nichts übriggelassen hatten als einen müden Körper und ein freudloses
Herz.
Ihre Liebenswürdigkeit und Schönheit hatten viele Männer berückt;
hochgestellte und geringe, alte und junge, berühmte und unbedeutende
hatten für sie geschwärmt; manche hatten sich mit der Verehrung aus der
Ferne begnügt, andere hatten ihr Heil in heimlichem oder offenem Werben
gesucht; die Bemühungen der meisten hatte sie übersehen, und sie konnte
dabei einen Hochmut entfalten, der gründlich erkältete; einige gab es,
die sie eines vertrauten Gesprächs für würdig hielt, von denen sie
Briefe empfing, deren Schicksal ihr Interesse einflößte. Doch keinen
einzigen hatte sie so begünstigt, daß er sich in besonderer Weise hätte
ausgezeichnet finden dürfen, geschweige denn, daß sie sich ihm gegenüber
etwas vergeben hätte. In den Kreisen, in denen sie verkehrte, zählte die
ungetreue Gattin zu den gewöhnlichsten Erscheinungen des Lebens; sie
hatte gegen solche Frauen stets eine heftige Abneigung verspürt, und der
Gedanke, ihren Gatten zu betrügen, auch nur mit einem Blick, mit einem
Lächeln nur, war ihr niemals in den Sinn gekommen.
Vor zwei Jahren war es gewesen, da hatte sie in einem Kurort einen Mann
kennen gelernt, einen Ingenieur, einen vom Leben weit umhergetriebenen
Menschen, sehr ernst im Wesen, schmucklos im Auftreten, mit
Eigenschaften des Charakters, die je anziehender wurden, je länger man
sich mit ihm beschäftigte. Der Eindruck, den er auf sie machte, war von
der ersten Sekunde an entscheidend. Er stand im selben Alter wie Nina,
in der Mitte der Dreißig, aber so reif und erfahren er wirkte, es war
doch etwas Frisches in ihm, und die Unabhängigkeit seiner Gesinnung
öffnete Nina eine neue Welt, deren Schwelle zu überschreiten sie zaghaft
und verwundert zauderte. Er war verheiratet, nicht eben glücklich, hatte
Kinder, die er liebte, verfocht aber mit einer beinahe zornigen
Leidenschaft und mit Verachtung gegen die feigen Grundsätze der
sogenannten Moral das Recht der Freiheit der Herzen.
Wenn Nina um jene Zeit in den Spiegel schaute, sah sie, daß ihre Züge
anfingen, welk zu werden. Ihr Gesicht trug die Spuren einer
eigentümlichen Abspannung wie bei jemand, der jahrelang vergebens
gewartet und endlich die Hoffnung aufgegeben hat. Jetzt wußte sie,
worauf sie gewartet hatte. Die Jugend war dahin, und sie hatte nichts
von ihr genossen. Sie hatte nie geliebt. Ihre Seele war verdorrt.
Der Freund vermochte es, ihr dieses Geständnis zu erpressen. Er
vermochte mehr. Er gab ihr den Glauben, daß es noch nicht zu spät sei.
Dies aus seinem Mund zu hören und immer wieder zu hören, beglückte und
erschütterte sie. Sie verlor sich in dunkle Träumereien. Stumm lauschte
sie den Worten des Mannes, den sie plötzlich mit einer Gewalt liebte,
von der sie früher keinen Begriff gehabt und in der sie sich verwildert
und entwurzelt erschien. Mied sie gleich seinen Blick, so hätte sie doch
niederknien mögen, um seinen Schatten zu umfassen; war auch ihr Auge,
ihre Gebärde furchtsam und abwehrend, so war doch ihr Inneres voll
Zärtlichkeit und Sehnsucht. Er verstand sie; er drängte nicht; er
achtete ihr Gefühl, und seine besondere Art von Güte erstaunte sie bei
einem Mann und machte ihn ihr täglich teurer, während der Kampf, der in
ihr tobte, täglich ungestümer wurde. Eine stille Raserei nahm von ihr
Besitz; es schwindelte ihr, wenn sie seine Stimme, seinen Namen hörte;
sie wünschte zu sterben und begehrte heißer als jemals zu leben; alle
Menschen wurden ihr zu Phantomen, mystische Ratlosigkeit prägte ihrem
Gesicht den Ausdruck einer Somnambulen auf, dabei mußte sie auf der Hut
sein und sich beherrschen, denn sie war das Ziel der Aufmerksamkeit von
vielen.
Ihren Gatten zu hintergehen und sein Vertrauen zu mißbrauchen, war ihr
entsetzlich zu denken. In ihrer Glut und Bezauberung und völlig im Bann
der überlegenen Beredsamkeit des Freundes war sie dennoch nahe daran,
den letzten Schritt zu wagen, bloß um die Qual zu beenden, bloß um dem
Spender des Gefühls, das sie erfüllte, dankbar zu sein. Da kam Jeanette.
Als sie acht Tage bei der Mutter gewesen, sagte Nina zu ihrem Freund:
»Wir dürfen uns nicht mehr sehen.« Der Ingenieur reiste ab. Nina
erkrankte.
Nachdem man sie in die Stadt geschafft hatte, rief sie ihn wieder. Sie
konnte es nicht mehr ertragen, ganz ohne ihn zu sein. Es waren Nächte,
wo sie Angst hatte, wahnsinnig zu werden. Der Freund folgte ihrem Ruf,
und er besuchte sie nun, so oft sie es verlangte, zu jeder Stunde, die
sie bestimmte. Es konnte nicht häufig geschehen, aber von einem Mal zum
nächsten brachte sie die Zeit in einer trunkenen, beklommenen Freude
hin. Sie konnte tagelang in seliger Schwärmerei an ihn denken, sich
seinen Gang vorstellen, sein Lächeln, seinen Gruß, und wenn sie ihn
erwartete, schritt sie vom frühen Morgen an aufgeregt durch die Zimmer
und war totenbleich.
Aber die wenigen Stunden, die sie dann für einander hatten, wurden oft
durch das Erscheinen Jeanettes gestört. Sie trat mit einem Scherz, einer
Neckerei ein, so wie sie damals getan, als sie zur Mutter aufs Land
gekommen war. Genau wie damals schien sie belustigt von dem tiefen Ernst
in den Mienen der beiden, bedachte den Mann mit mädchenhaftem Spott,
bevormundete in ihrer gutmütigen und etwas derben Weise die Mutter, war
anspruchsvoll, ohne es zu wissen, grausam, ohne es zu wollen. Ihre
Heiterkeit hatte einen Anflug von Trotz, ihre Zutraulichkeit erweckte
den Verdacht, daß sie spioniere. Und doch war sie davon weit entfernt.
Sie war nur immer da; war sie nicht im Zimmer, so war sie doch im Haus;
war sie nicht im Haus, so war sie doch im Garten; war sie fortgegangen,
so drohte ihre Rückkehr; sie war immer da, immer zu fürchten.
Allmählich verkörperte sie für Nina den Argwohn der Welt, die Stimme des
Gewissens, die Pflicht, die sie dem Gatten schuldete. Schaute sie in das
Antlitz der Tochter, so fühlte sie die unbarmherzige Forderung, die
Fessel nicht zu brechen, die fast zwei Jahrzehnte um sie geschmiedet
hatten, empfand sie die ganze Nüchternheit und Dumpfheit ihres Daseins.
Das eigene Kind, das sie liebte, ja vergötterte, war ihr zugleich ein
Gegenstand des Hasses und der Furcht; es war der Wächter vor ihrem
Gefängnis, der Anwalt des Vaters, die Meinung der Gesellschaft.
Sie geriet in Verwirrung und unsägliche Qual. Sie floh vor Jeanette und
suchte sie, wenn sie nicht zugegen war. Sie schmeichelte ihr und bestach
sie mit Geschenken; dann wieder war sie verschlossen und kalt. Eines
Tages sagte die Achtzehnjährige zu ihrer Mutter: »Du bist mir ein
Rätsel,« und vor ihrem verwundert forschenden Auge senkte Nina den
Blick. Der Freund fand sie ruhelos und launenhaft. Wenn sie dem
Flehenden ihre Hand überließ, horchte sie mit emporgezogenen Schultern
und abgewandtem Gesicht zur Tür. Er fragte, warum sie so vor dem Kind
zittere. Sie hatte nur eine bittende Gebärde als Antwort; wie von
Leidenschaft gebrochen, sank ihr Kopf zur Seite. Er bot ihr alles, sein
Leben, die Lösung seiner Ehe; ihr Blick umklammerte ihn, doch sie erhob
beschwörend die Hände. Er wollte sie umarmen, sie stieß einen Schrei aus
und stellte sich schnellatmend mit dem Rücken gegen die Türe. »Sie würde
mich bis ans Ende der Welt verfolgen,« sagte Nina flüsternd; »sie hat
alle Macht, und ich habe keine.« Dieses wunderliche Wort ergriff den
Freund, und zum erstenmal hatte auch er bei dem Gedanken an Jeanette die
Ahnung der Gefahr.
Einst standen sie in der Dämmerung nah' beieinander am Fenster, da
wurden rasche Schritte hörbar, und Jeanette trat ein. Sie blieb an der
Schwelle stehen und lachte. Nina drehte sich um und bemerkte unmutig:
»Wie kann man sich nur so taktlos benehmen!« -- »Aber Mutter!« rief
Jeanette, abermals und noch lauter lachend. Was konnte der Grund ihres
Lachens sein, das eigentlich ein wenig albern klang? Es schnitt Nina in
die Seele, jedoch der Freund erkannte jetzt die Gefahr. Diese Jugend
verachtete das Halbe und seine dunklen Katastrophen, verachtete die
hingezogenen Entscheidungen, verachtete die Umwege und das matte
Zweifeln, verachtete die Dämmerung und das Geheimnis. Sie schuf sich ein
neues Lebensgesetz, sie hatte etwas Unbedingtes in ihrer Art, sich zu
verkündigen und für sich einzustehen, sie erklärte sich für das Gerade,
für die Helligkeit und für die Kraft.
Das war es, was er aus dem unschuldig und albern klingenden Lachen
Jeanettes herausfühlte. Und er sagte es Nina. »Geh zu ihm oder geh zu
mir,« schloß er; »zu einem mußt du gehen.«
Sie schwieg. Aber am Abend schrieb sie dem Freund einen Abschiedsbrief,
dann ging sie zu ihrem Mann und sagte ihm, daß sie einen andern liebe.
Sein Gesicht wurde wie Blei; er konnte nichts tun, als sie anstarren.
Zwei Tage und zwei Nächte sperrte er sich in seinem Zimmer ein, dann
rief er Nina und fragte, was sie vorhabe. Sie sagte: »Ich bin deine
Frau.« Da fragte er sie, ob sie einige Zeit auf dem Gut leben wolle, das
sie in Ungarn besaßen, und sie bejahte. Er begleitete sie hin, und sie
blieb dort monatelang. Jeanette besuchte sie häufig, sie war verändert,
voll Zartheit und Rücksicht, als wisse sie um das Geschehene und sei nun
zufriedengestellt. Von dem Geliebten hörte sie erst wieder, als er bei
Kriegsausbruch freiwillig ins Feld zog. Er sandte einen letzten Gruß.
Heute hatte sie die Nachricht erhalten, daß er gefallen sei.
* * * * *
In das verstörte Herz fiel der Strahl der Lampe. Ihr Geisterschein ließ
aufschimmern, was Ninas wortunkundige Lippen verschweigen mußten. Olivia
war so sehend geworden, so allfühlend, so mitschwingend; sie dachte auf
einmal an ein Wort Ingberts: Die ganze Welt ist ein einziges Herz.
Auf einmal tauchte auch Ingberts Gestalt und Gesicht vor ihr auf. Es war
wie ein vergessener Teil ihres Lebens, der dem, den sie wußte und lebte,
zum Kampf gegenübertrat. Leib und Seele standen auf widereinander; ach,
dieser Verzicht, dies dumpfe Sichnichtkennen, das nun Verrat wurde! Der
ewige Hunger der Dämonen schrie nach Stillung.
Eine reuevolle Unruhe erfaßte sie. Ingbert war der Erwecker ihrer Sinne
gewesen, und ihre Sinne erhoben sich, jetzt, aus der Zerrüttung
menschlicher Dinge, aus Ninas vernichtetem Schicksal. Der Genius in
ihrer Brust rief sie an, jetzt, da der andre, da Lamm gekommen war, um
sein Recht zu fordern.
Sie erinnerte sich der Rolle, die ihr Ingbert beim Abschied übergeben
hatte. Sie hatte sie zu Hause aufbewahrt, es drängte sie hin wie zu
einem Menschen. Als sie die Rolle in der Hand hielt, sah sie, daß auf
dem Bande, an dem das Siegel befestigt war, Worte geschrieben standen.
Sie las: Zu öffnen von Olivia, wenn sie einmal spüren kann, was sie mir
war.
Zaghaft streifte sie das Band herunter und öffnete die Rolle. Es kam
eines der Porträts zum Vorschein, das Ingbert nach seiner Krankheit von
ihr angefertigt hatte. Bei genauerer Betrachtung erkannte sie, daß es
ein ausgearbeitetes Werk war, eine Komposition, der die zahlreichen
Skizzen, die er damals gemacht, zur Grundlage gedient hatten. Das
Gesicht war von solcher Schönheit, daß Zweifel sie beschlichen, ob es
auch wirklich ihre Züge seien und nicht eine in dem Maler wurzelnde Idee
davon. Es war eine glanzvolle Freudigkeit in dem Antlitz, etwas
Strahlendes und Enthusiastisches, und um den Mund lag eine sinnliche
Bereitschaft, die Olivia fremd berührte und sie erröten ließ. 'Soll ich
so gewesen sein?' fragte sie sich.
Hatte er sie so gesehen und empfunden, dann mußte sie auch so gewirkt
haben. Dann mußte das alles auch in ihr sein. Ihr Puls schlug matter;
unwillkürlich schaute sie sich um, ob Ingbert nicht hinter ihr stehe und
sie ihn fragen könne. Nichts erschien ihr jetzt so wichtig als ihn zu
fragen.
Voller Unruhe kehrte sie ins Spital zurück. Da meldete man ihr, daß im
Sprechzimmer ein Offizier auf sie warte. Sie ging hinein; der Offizier,
der Arm und Kopf verbunden und wie alle, die unmittelbar vom Felde
kamen, leidend angestrengte Züge hatte, erhob sich und fragte höflich,
ob sie Schwester Olivia Khuenbeck sei. Dann nannte er seinen Namen und
fuhr fort: »Ich bin vom Leutnant Georg Ingbert dringend beauftragt,
Ihnen Grüße zu bestellen. Er hat mir das Wort abgenommen, es nicht zu
versäumen. Ich entledige mich hiermit meiner Mission.«
»Wo ist Georg Ingbert?« erkundigte sich Olivia mit leiser Stimme.
»Er liegt in Zawadow bei Strji.«
»Verwundet?«
»Schwer verwundet; so schwer, daß man ... daß man seinen Tod wünschen
muß.«
Olivia atmete tief. Nach langem Schweigen sagte sie, kaum hörbar: »Ich
danke Ihnen. Sie haben mir einen großen Dienst geleistet.«
Ihr Entschluß war gefaßt.
* * * * *
Sie stand vor Robert Lamm in derselben Haltung wie vor dem Offizier.
»Ich muß so schnell wie möglich nach Galizien, Robert,« sagte sie; »sei
mir behilflich, daß ich morgen die nötigen Papiere erhalte.«
»Was willst du denn in Galizien tun?« fragte er.
Sie antwortete: »Ich muß zu Georg Ingbert. Georg Ingbert liegt sterbend
in einem Feldspital.«
Lamm ging, an ihr vorüber, auf und ab. Nach einer Weile sagte er: »Ich
werde die Papiere besorgen.« Dann, wieder nach einer Weile: »Wäre es dir
lästig, wenn ich dich begleiten würde? Du brauchst auf dieser Reise
einen Schutz.«
Sie sah ihn groß an. Statt etwas zu entgegnen, bot sie ihm die Hand. Er
starrte darauf nieder, überwältigt. »Olivia, zwischen uns beiden steht
das Schicksal in seiner ganzen Unerbittlichkeit,« murmelte er.
Sie schüttelte den Kopf. »Zwischen uns beiden ist nichts Trennendes
mehr,« sagte sie mit schönem Lächeln und legte auch die linke Hand in
seine.
Ungläubig hob er die Augen. Es gibt ein Glück, das wie Angst wirkt. »Zu
spät, Olivia, zu spät,« stammelte er. »Ich bin ein gar zu irdischer
Mensch. Die Sorte geht bei langem Warten an sich selbst zugrunde. Aber
ich habe nun wenigstens die Genugtuung, daß ich nicht an ein törichtes
Hirngespinst verraten war. In jeder Raserei liegt eine höhere Vernunft.«
Olivia, sichtlich müde, lehnte den Kopf an seine Schulter.
»Es ist möglich gewesen, das genügt mir,« fuhr er fort. »Die
Verwirklichung wäre schon zu viel. Dein Leben hat sich eine Form
geschaffen, die für meines zu weit, zu tief ist. Sie wieder einzuengen,
steht nicht in deiner Macht. Wie sollten wir zu einer Gemeinsamkeit
gelangen? Du kommst im rechten Augenblick; vielleicht hätt' ich mich
sonst vollends zerfleischt. Jetzt überseh' ich den Weg; dich begleiten,
das kann ich; dich für mich behalten darf ich nicht.«
Olivia flüsterte: »Ich bin eine Frau; ich will es sein.«
Lamm nahm ihren Kopf zwischen die Hände und küßte sie auf die Stirn.
»Was hätte es dann mit Georg Ingbert auf sich?« fragte er. »Warum diese
Reise? Was suchst du bei ihm? Was ist dir sein Leben oder sein Tod, dir,
-- die durch das Sterben der Menschen geht wie durch einen Garten im
November?«
»Das kann ich dir nicht sagen,« erwiderte Olivia, »ich _muß_ es eben
tun.«
»Ich aber kann es dir sagen,« versetzte Lamm; »du willst dich mit diesem
Schritt von ihm scheiden. Er besitzt noch etwas von dir, ein Pfand, das
du auslösen möchtest. Wenn du zu mir gehst, schlägst du das Tor der
Vergangenheit hinter dir zu, und du willst nicht, daß einer, ob es auch
bloß ein Schatten ist, draußen steht und nach dir ruft.«
Olivia erbleichte. Sie schloß die Augen und schwieg.
»Wir können aber ohne Vergangenheit nicht in die Zukunft hinaus,« begann
Lamm wieder; »wer da baut, muß die Erde höhlen. Gräber der Liebe machen
neue Liebe fruchtbar, es fragt sich nur, wie reich man an Liebe ist. Du,
Olivia, hast tausendfache Liebe in die Gräber gesenkt, tausendmal hast
du Georg Ingbert schon begraben.«
»Und doch muß ich zu ihm --«
»Ich glaub' es selbst,« antwortete Lamm. »Eine Fahrt über lauter Gräber.
Zwischen dir und ihm -- Gräber; zwischen dir und mir -- Gräber. Millionen
von Verbluteten und Hingeschlachteten zwischen uns.«
»Man möchte auf einen andern Stern fliehen,« sagte Olivia. »Es muß einen
göttlichen Sinn haben, alles, sonst sind wir Narren und Verbrecher.«
»Es gibt keinen andern Stern, Olivia, aber das Leben ist unendlich. Die
wir begraben haben, die tragen uns; warum sie vernichtet worden sind,
ist nicht zu erforschen. Zu fühlen ist es, glauben muß man; kann man das
nicht, dann ist es freilich zum Verrücktwerden.«