Vermißten. Frau von Scheyern kam nicht mehr ins Spital. Sie sprach eines
Tages mit Olivia darüber, wie sie beim Anblick jedes Briefträgers
bleich geworden sei, bei jedem Läuten der Wohnungsglocke gezittert habe.
Da sah Olivia Tausende und aber Tausende von Müttern, die in folternder
Ungewißheit um das Leben ihrer Söhne schwebten und an keinem Morgen
erwachten, ohne auf die Kunde gefaßt zu sein, die ihr Dasein in eine
Wüstenei verwandelte.
Im Anfang blieben die Geschehnisse im Schatten, und nur die Gesichter
traten hervor. Als sie aufhörten, stumm zu sein, wenigstens für Olivia,
wälzte sich von allen Seiten das Grauen heran. Viele von denen, die
dalagen, hatten überdies Worte, unvergeßliche Worte, um andre wieder
schallte tönend ihr Erlebnis, ohne daß sie selber Kunde gaben.
»Ich will nimmer hinaus,« knirschte einer im Fieber und bäumte sich
verzweifelt, »tut mit mir, was ihr wollt, aber ich geh' nimmer.« Einer
stieß im Schlaf die schrecklichsten Angstlaute aus, und einer schaute
gebannt, mit aufgerissenen Augen in die Luft, als sehe er in
ununterbrochener Folge wieder und wieder, was ihm das Herz zerfleischt
und den Verstand geraubt hatte.
Da war ein Mann, der in seinem bürgerlichen Beruf Akrobat gewesen war.
Mit seiner Familie, die eine kleine Truppe bildete, die Cromwell-Truppe,
wie sie sich fremdländisch-imposant nannte, war er jahrelang durch die
Provinz gezogen und hatte das Publikum durch seine Geschicklichkeit
ergötzt. Ein Schrapnellschuß hatte ihm beide Beine weggerissen, Frau und
Kinder waren des Ernährers beraubt, er lag da, ein Krüppel, und sann
darüber nach, was er an Stelle seiner verlorenen Kunst würde treiben
können. Er dachte an das bunte Kostüm, in dem er aufgetreten war, an den
Beifall, den er mit seiner Arbeit am hohen Trapez geerntet, und daß das
alles nun vorbei war.
Oft blickte Olivia forschend in sein Gesicht. Es war ein sehr
gewöhnliches Gesicht mit vollen Backen, kleinen dummen Augen und
niederer, fliehender Stirn. Aber die Gewöhnlichkeit der Züge war durch
die geheimnisvolle Arbeit irgendwelcher inneren Kräfte umglüht. Wie ging
das zu?
Sie grübelte unablässig. Was bedeuteten ihr im Grunde all diese Leute,
die aus einem kleinen Leben zufällig in ein großes gerissen worden und
darin zerschmettert worden waren, zufällig in diesem Haus ein Asyl
gefunden hatten? Was galt ihr der Bauer aus der Südmark, der da lag,
erblindet? Aber wie er es trug, was er daraus schuf! Was war mit ihm
vorgegangen, daß er tun konnte, was er getan? Viele Wochen hatte er
unbeweglich im nassen Schützengraben zugebracht, unter den Folgen eines
bösartigen Rheumatismus hatte er das Augenlicht eingebüßt. Eines Tages
war seine Mutter ins Spital gekommen, ein abgehärmtes Weib, frühzeitig
ergraut, in Sorgen gealtert. Er war ihr einziger Sohn, ihre Stütze, ihre
Hoffnung. Sie wußte nichts von der Erblindung, und er hatte beschlossen,
sie ihr noch zu verhehlen. Von ihrer Ankunft benachrichtigt, hatte er
Ärzte und Schwestern gebeten, daß man ihr nichts sage. Zuerst ging es
ganz gut; er nahm sich zusammen, die Brille mit farbigen Gläsern
begünstigte die Täuschung. Allmählich wurde die Frau stutzig. Ein paar
tastende Gebärden, der tote Ausdruck der Züge erweckten Ahnungen. Sie
langte plötzlich nach seiner Hand, und als er sich nicht rührte, stieß
sie einen markerschütternden Schrei aus. Der junge Mensch erbleichte.
Mit schuldbewußtem Ton sagte er: »Was willst denn, Mutter, ich seh' dich
ja.« Aber es war zu spät, sie glaubte ihm nicht mehr. Sie mußte
fortgebracht werden. Von Zeit zu Zeit hörte man ihn immer wieder vor
sich hinmurmeln: »Ich seh' dich ja.«
Woher kam ihm dieser Heroismus?
Woher kamen dem einfachen mährischen Soldaten die Worte, mit denen er
schilderte, wie er in Polen einen ganzen Tag und eine ganze Nacht
hindurch einen irrsinnig gewordenen Oberleutnant hatte bewachen müssen?
Es waren die furchtbarsten Stunden seines Lebens gewesen und der tiefste
Eindruck, den er vom Krieg empfangen hatte. Er vor der Hütte, der
Offizier in der einzigen Stube drinnen, immer auf und ab gehend, vor
sich hinsprechend, immer auf und ab und in regelmäßigen Pausen zu dem
Soldaten tretend. »Laß mich heraus.« -- »Darf nicht, Herr Oberleutnant.«
Und jener, wie ein verstörter Geist, zur Wand hinüber, in die Wand
hineinredend: »Er will mich nicht herauslassen.« Dann wieder: »Gib mir
dein Gewehr.« -- »Darf nicht, Herr Oberleutnant.« Der Offizier zur Wand,
und dort in klagendem Ton: »Er gibt mir das Gewehr nicht.« So ging es
den ganzen Tag, die ganze Nacht; mit verzweifelten, kurzen, hastigen
Schritten wanderte er ruhlos auf und ab, auf und ab, kam nach zehn
Minuten und forderte etwas, das Gewehr, ein Messer, Briefpapier,
Schnaps, und wenn es ihm der Soldat verweigerte, stellte er sich mit dem
Gesicht zur Wand und rapportierte der Wand, daß er nicht erhalten habe,
was er begehrt. Es war herzbeklemmend, man konnte es kaum ertragen, noch
der Bericht stockte unter der Wirkung des Grauens.
Und der Konditor, der vom Vollzug des Standrechts in Serbien erzählte.
Man hieß ihn bloß den Konditor, denn er war in seinem Zivilverhältnis
Gehilfe bei einem Zuckerbäcker. Er war aufgeschwemmt und ziemlich roh,
doch wenn er an eine gewisse Szene erinnert wurde, die er mitangesehen
und die ihm nicht aus dem Sinn wollte, zitterte jedesmal seine Stimme,
und von oben bis unten schüttelte es ihn. Es war Befehl gegeben worden,
alle Häuser zu durchsuchen, aus denen auf die durchziehenden Truppen
gefeuert worden war, und die Männer, die man darin fand, sogleich zu
erschießen. Eines Tages marschierte die Abteilung durch eine Dorfstraße
und gelangte unangefochten bis ans letzte Haus. Aus einem Fenster dieses
Hauses wurden zwei Schüsse abgegeben, die aber niemand trafen. Die
Leute, denen das Morden schon zu viel war, wollten keine Notiz davon
nehmen, jedoch das Kommando wurde erteilt. Als sie nun das Haus
betraten, lagen in der Tenne zwölf Männer auf den Knien, schon zum Tod
bereit. Ebenso viele Frauen standen bleich, hochaufgerichtet im
Hintergrund des Raumes an der Wand. Zwölf Soldaten legten die Gewehre
auf die zwölf Männer an, die Salve krachte, die Männer stürzten tot zu
Boden. Von den Frauen aber verzog keine einzige eine Miene, sie rührten
sich nicht, mit Ausnahme eines jungen Weibes; dieses strich langsam mit
der Hand über die Stirne; sonst nichts. Es mußte in der Gebärde etwas
Übermenschliches an Qual enthalten gewesen sein, denn der Erzähler kam
immer wieder darauf zurück; es ließ ihn nicht los, er mußte es immer
wieder beschreiben.
Olivia sah diese Frauenhand, sah sie über die Stirne streichen, als sei
die letzte Hoffnung die, daß vielleicht alles nur ein böser Traum war.
Und »warum?« fragte es in ihr, »warum, o Gott?«
In einem der Zimmer kauerte ein Hund; er war nicht vom Bett seines Herrn
zu vertreiben, dem er in die Schlacht und von der Schlacht wieder bis
ans Krankenlager gefolgt war. Ein schmutziger, häßlicher Köter war es,
der aber niemand zur Last fiel. So oft sein Herr einen Laut von sich
gab, blickte er mit sanften Augen empor, sonst starrte er müde vor sich
hin, gleich als sei er dort draußen von einem Strahl höheren Bewußtseins
getroffen worden, der seine Tierseele flüchtig erleuchtet hatte, so daß
sie jetzt in dunkler Pein noch danach rang.
Warum diese unermeßliche Schwermut in den Augen des schmutzigen Hundes?
Was begriff er? Was war ihm seltsam, was hatte ihn so still werden
lassen?
Ein Bild war da, so oft sie es dachte war ihr als müsse sie hinstürzen
und ihr Denken erwürgen: zwei Offiziere, in der Attacke aufeinander
zureitend, mit geschwungenem Säbel gegeneinander. Schon will der unsere
zuhauen, da sieht er, daß der Russe keinen Kopf mehr hat, daß er aber
noch immer, den Säbel hoch im Arm, auf seinem Gaul sitzt. Da stößt der
unsere einen Schrei aus, fällt vom Pferd, und auf dem Boden windet er
sich stumm wie ein Epileptiker. Und er blieb auch stumm, er hatte die
Sprache verloren.
Sie sah die Flüchtlinge, Männer mit eilig errafften Habseligkeiten, die
Weiber mit ihren Kindern, die eine hatte einen Säugling verloren, die
andere brach zusammen, und sie waren ohne Speise und Trank und
nächtigten auf dem Felde und zogen dahin ohne Ziel. Sie sah sie in den
Viehwagen langer Eisenbahnzüge eingesperrt, wie sie fuhren, immerzu
fuhren, durch eine Welt, in der es nur noch verkohlte Ruinen gab, und
wie sie um Brot schrien, und wie ihre Kinder verhungerten, ihre
Säuglinge verschmachteten.
Sie sah die Gefangenen, die den Schiffbrüchigen auf einer öden Insel
glichen; sah die Väter, die keine Söhne, die Kinder, die keinen Vater
mehr hatten, die Witwen, die trauernden Bräute, die Verlassenen,
Beraubten, zugrunde Gerichteten überall. Sie sah die Mutigen erlahmen,
die Feigen apathisch werden, und wie die Freunde aufhörten, füreinander
zu zittern. Sie sah die tausendfältige Unbill, Zurücksetzung und
Bestechlichkeit, sah wie die Fackel der Idee auch im Edlen erlosch, wenn
die trübe Flut des Niedrigen und Gewöhnlichen emporschwoll oder das
körperliche Leiden die Kraft der Seele besiegte. Wie die Begeisterung
flügellahm, die Tapferkeit zur Grimasse wurde, das Abenteuer auch für
den Leichtherzigsten seinen Reiz, die Gefahr ihre Lockung einbüßte und
nur den Stärksten noch der Ruf der Pflicht aufrechterhielt.
Olivia sah die Städte rauchen, die Anwesen geplündert, die Äcker
zerstampft, die Wälder geknickt. Sie sah den Tod in jeglicher Gestalt,
ja, die Erde war gepflastert mit Toten. Sie hingen verstümmelt in den
Drahtverhauen und lagen eingebettet in Blumen, sie waren versunken in
den Sümpfen und hinuntergestürzt in Gebirgsschluchten, sie schwammen in
den Wellen des Meeres und fielen aus den Wolken herab: Männer und
Jünglinge, Kinder und Greise, Frauen und Mädchen, Reiche und Arme, Gute
und Schlechte, Verräter und Verratene, Schöne und Häßliche, Glückliche
und Unglückliche.
Und sie hörte das Geläute der Glocken und das Prasseln der Brände und
alle Laute, die die menschliche Stimme hat, um Schmerz und Todesangst
auszudrücken. Sie hörte, wie sie in den Kirchen beteten und in den
Stuben weinten. Sie hörte die Worte des Abschieds und die Worte frommer
Fügsamkeit. Sie hörte den Marschschritt der Armeen, das Schlürfen müder
Kolonnen, die seufzende Eile der Geschlagenen, die Gesänge des Triumphes
und die Lieder, die sie sangen, wenn sie vergessen oder wenn sie sich
berauschen wollten.
Da war ein Lied, welches ihr ein Landsturmmann vorsang, der in einer
Nacht beim Granatenfeuer weiße Haare bekommen hatte.
Befohlen wird, ihr Bauern: holt den Spaten,
zu begraben, zu begraben die Soldaten.
Eines Klafters Tiefe, zwanzig Klafter Länge,
dritthalb Ellen breit, da liegen sie nicht enge.
Hurtig, Leute, hurtig; Erde ausgehoben!
die Gemeinen unten, Korporale oben.
An den Seiten viere, in der Mitten viere,
überquer die Herren, Herren Offiziere.
Dann kommt der Herr Oberst in der festen Truhe,
dem nimmt keiner mehr die verdiente Ruhe.
Haben ihre Ruh, die tapfern Kameraden,
zieht nur wieder heim, ihr Bauern mit dem Spaten.
Morgen früh vielleicht bin ich auch geschossen,
morgen früh, gewiß, ist mein Blut geflossen.
Diese einfachen Strophen machten auf Olivia einen ungewöhnlichen
Eindruck, und ihre Gedanken begannen hinter dem zerstückten und
verworrenen Getriebe nach etwas Bestimmtem zu suchen.
Es wurde ihr alles zur Vision, immer glühender und glühender, und sie
suchte in der glühenden Wirrnis nach einer Gestalt. Sie suchte den
Urheber, sie suchte den Bösen. Ja, sie gab ihm schlankweg den Namen des
Bösen. Sie sagte sich: einer muß sein, der das ungeheure Leid, den
unermeßlichen Jammer bewirkt; einer muß da wirken, Gott kann es nicht
sein, es muß ein Gegner von Gott sein und ein Feind seiner Kreaturen;
Feind alles Geschaffenen, alles Blutes, aller Wärme, aller Liebe, alles
Lebens und Entstehens. Sie nannte ihn den Bösen, und sie suchte ihn.
* * * * *
Eines Nachts lag sie angekleidet auf dem Sofa in der Kammer, die allein
zu bewohnen die einzige Bequemlichkeit war, welche sie sich verstattete.
Es war finster, sie konnte nicht schlafen, und sie starrte in die Luft.
Um eine reichgedeckte Tafel saßen fünf oder sechs junge Weiber. Sie
waren in Gesellschaftstoilette, tief entblößt, lachten ausgelassen und
tranken Sekt. Mit ihren Scherzen, frivolen Wortspielen und
verführerischen Gebärden wandten sie sich an einen, der am oberen Ende
der Tafel saß. Der aber hatte keine Gestalt, er war wie ein Kloß, wie
ein Stück Lehm. Aber die Diener zitterten, wenn sie in seine Nähe kamen,
und die Frauen wurden unter der Schminke bleich, wenn er sie anschaute.
Ein befrackter Mensch mit langem Künstlerhaar spielte Klavier; bisweilen
warf ihm der Gestaltlose ein Goldstück hinüber, das er geschickt
auffing, ohne sein Spiel zu unterbrechen.
Mitten auf dem blendendweißen Tischtuch lag, unbemerkt von allen, eine
Leiche. Ihr Körper war ganz und gar mit Früchten und Konfekt bedeckt,
und aus der Brust ragten, zwischen Pfirsichen und Trauben, die Griffe
von drei Messern heraus. Durch die Fugen des Tisches rann Blut und
tropfte in leisen Schlägen auf den Boden.
Die Mahlzeit war zu Ende, alle waren in übermütigster Laune, da erhob
sich der Gestaltlose und forderte eine der Frauen zum Tanze auf. Die
Betreffende war geradezu ein Wunder an Schönheit, strahlend von Jugend
und Leidenschaft; sie trug ein enganliegendes Gewand aus Silberschuppen,
das die schlanke Figur zur höchsten Geltung brachte. In ihrem Tanz war
die freie Anmut bewußter Kunst, und als sie den Kopf zurückbog und
hingerissen lächelte, lächelten die andern Frauen mit und klatschten in
die Hände.
Während der Klavierspieler in einen schnelleren Rhythmus überging, war
es, als ob der tanzende Kloß sich dehne und wachse; er bekam einen
Schädel, aus dem Schädel blickten Augen, und diese Augen sprachen: Ich
begehre, ich begehre. Diese irisierenden Gallertaugen waren von einer
solchen Lust erfüllt, daß die Zuschauerinnen plötzlich verstummten und
sich ein bleierner Druck auf sie legte. Die Tänzerin aber wurde
zusehends blasser, sie suchte sich aus der Umklammerung des Kloßes zu
befreien. Ihm jedoch wuchsen spindeldürre Arme, mit denen er sie still
gewalttätig an sich preßte, immer fester, so fest, daß sie zu röcheln
begann, daß ihr Gesicht blau wurde, daß ihr Leib in der Mitte
einknickte, und als sie ihm schließlich entseelt in den Armen hing, sah
es aus, als sei nichts mehr von ihr übrig als das Kleid.
Ihre Genossinnen sprangen schreiend auf, wollten fliehen, umklammerten
einander, da richtete der Mensch, der mit den drei Messern in die Brust
unter Früchten begraben war, den Kopf in die Höhe und sagte mit
geschlossenen Augen, wodurch sein Sprechen doppelt unheimlich wurde: Gib
sie mir wieder!
In dem prunkvollen Raum, der sich auszuweiten schien, strömten nun auf
einmal viele Menschen, Bauern, Fabrikarbeiter, Soldaten, Offiziere,
ärmlich gekleidete Frauen, junge Mädchen. Einer von ihnen, ein alter
Mann mit weißem Bart, drängte sich nach vorn und sagte zu dem Kloß, der
jetzt allmählich eine menschliche Gestalt annahm: Gib mir meine Tochter
wieder!
Mehrere, die hinter ihm standen, schrien gleichfalls, wie außer sich:
Gib uns unsere Töchter zurück! Unsere Bräute! Unsere Schwestern!
Da aber wurde ein monotones Gemurmel hörbar, die Aufgeregten sahen sich
um und machten scheu einer Gruppe von Bauern Platz, die demütig und
bekümmert aussahen; sie beugten sich zur Erde und riefen: Gib uns unser
Land, gib uns unsere Wälder!
Dazwischen gellten die Stimmen von Frauen: Unsere Söhne gib uns, du
Mörder, unsre Söhne!
Der Kloß wich Schritt für Schritt ins Leere, bekam aber immer mehr
Gestalt. Er war ganz und gar braun, Gesicht, Hände und Körper; es war
als sei er mit Rost überzogen oder mit verkrustetem Schlamm. Die Züge
erweckten nicht die geringste Vorstellung von seinem Wesen; sie hatten
etwas Verwischtes, Mumienhaftes. Mit seinen überaus langen Armen winkte
er den Dienern, die brachten nun Säcke voll Gold und Edelsteinen und
schütteten ihren Inhalt auf den Boden. Es entstand ein beklommenes
Schweigen, bis der alte Mann vortrat, auf den ausgebreiteten Schatz wies
und in strengem Ton sagte: Das für unsere Töchter? Das für unsere Söhne?
Für unser Herzblut das, du in Ewigkeit Verruchter?
Und alle Stimmen riefen verzweifelt: Unsere Brüder! Unsere Söhne! Unsere
Länder! Du in Ewigkeit Verruchter!
Olivia hatte die Augen offen und sah und hörte alles so wirklich, als ob
sie im Theater säße.
* * * * *
Wo bin ich, wo war ich? fragte sie sich unablässig; wo soll ich hin, wo
kann man noch leben, wo ist es noch möglich, zu lächeln, wo ist noch
Freude, wie kann je wieder Freude entstehen?
Sie wünschte, sich verwandeln zu können. Als sie von fern durch die
Glaswand der Treibhäuser Blumen sah, erbleichte sie in geisterhafter
Sehnsucht nach einem Blumenleben. So in der Erde zu wurzeln, tief und
innig, bewußtlos hinzudämmern, mit zartesten Fasern an die Natur
gebunden!
Daß man Blume werden könne, irgendwie, irgendwann, wurde Traum und
beglückende Idee für sie. Es erschien ihr wie ein letzter Preis und ein
letztes Asyl.
Sie erhielt die Nachricht, daß ihr Bruder bei einem Sturmangriff fern im
Osten gefallen war. Stumm und zu keiner Tröstung fähig saß sie zu Hause
vor der versteinerten Mutter.
Nach einer Weile kam Robert Lamm und setzte sich zu ihnen.
»Dazu muß man Kinder haben, dazu sie aufziehen,« sagte die unglückliche
Mutter mit Augen ohne Tränen; »zwanzig Jahre war er alt.«
Lamm nickte. Beim Fortgehen sagte er zu Olivia: »Um Pfingsten herum
werd' ich vielleicht allein bei ihr sitzen. Man müßte dich mit Stricken
auf ein Bett binden.«
Ein paar Tage später ging sie gegen Abend in seine Kammer. »Schau' dich
nach der Mutter um,« bat sie, »ich kann meinen Platz nicht verlassen.«
»Ja, du bist wichtig,« pflichtete er ihr voller Hohn bei, »oder du
glaubst es wenigstens zu sein. Ich aber tauge nicht dazu, den Halbtoten
ihre Toten beklagen zu helfen.«
»Wozu also taugst du?« konnte sie sich zu fragen nicht enthalten, und
ihr Blick flammte. »Du warst dir und andern lang genug gut gewesen, das
schlechte Wetter zu machen. Wir haben aber soviel von der Sorte in
unserm Land, daß sich die Sonne schon mit Ekel von uns abwendet. Es ist
kein Ruhm damit zu holen.«
Er lachte sonderbar. »Wenn du Widerpart zu leisten verstehst, räum' ich
dir die Freiheit ein, mich zu beschimpfen,« entgegnete er und ließ,
beinahe wie ein Sklave, Arme und Schultern hängen; »nur nicht diese
wolkenhafte Unnahbarkeit, dieses Schmachten im Überschmerz. Ich werde
verrückt, wenn ich es ansehe. Zu weich, meine Teure, zu weich! Ihr
lockert eure Fundamente und unsere mit solcher Seelenverschwendung.«
Olivia sah ihn an, halb bedauernd, halb erstaunt. »Du bist sehr einsam,«
sagte sie.
»Ich will ja deine Mutter besuchen,« lenkte er ab, unangenehm berührt
von ihrem Ton und ihrer betrachtenden Kühle, »aber sie hat nichts von
mir. Ich bin ihrer Trauer nur im Wege. Ich bin schließlich allen im
Wege, auch mir selbst.«
»Du bist sehr einsam,« wiederholte Olivia, und in ihrem Gesicht war
plötzlich ein Ausdruck von Mitleid, der ihn schaudern machte.
»Nun ja,« stotterte er, »was weiter?«
»Einsamkeit ist eine Todsünde, Robert.« Sie trat einen Schritt näher vor
ihn hin und sagte: »_Deine_ Einsamkeit ist Todsünde.«
»So nimm sie mir weg,« versuchte er düster zu scherzen. »Bekehre mich,
vielleicht gelingt's, sonst holt mich eines Tages sicher der Teufel.
Siehst du nicht, Olivia, woran du mit mir bist? Sahst du es nicht?«
brach er aus und bohrte die Fäuste in die Augenhöhlen. »Auch Blindheit
kann eine Todsünde sein,« murmelte er völlig verstört, »genau so wie
Einsamkeit.«
Daß ihm dieses oder ein ähnlich geartetes Wort jemals entschlüpfen
könnte, hätte er nie für möglich gehalten. Scham bemächtigte sich
seiner, und am liebsten hätte er sich mit Nägeln das Gesicht
zerfleischt. Er sah sich alt, verkommen, wertlos, ohne Licht, ohne
Kraft, ohne Würde, und für die Dauer einiger Minuten war sein ganzes
Wesen umnachtet und im Krampf.
Als die Hände von den Augen sanken, war Olivia aus dem Zimmer gegangen.
Mit welcher Miene, mit welch erschüttertem Zögern hatte er nicht
wahrgenommen, darum brach alles zusammen in ihm. Nun war er wirklich
alt, wirklich ohne Wert und Würde. Denn der Mensch ist doch am Ende das,
wozu ihn die formen, denen seine Liebe gilt.
* * * * *
Einsamkeit Todsünde? So will ich mich mit Menschen umstellen, sagte er
sich, das steht in meiner Macht, und mit dem liederlichsten Lebenswandel
kann ich Absolution erwerben.
Es kam eine Wut über ihn, sich gemein zu machen, ein Verlangen nach
Lärm, Streit und Verwirrung, ein Trieb, zu horchen, zu schnüffeln, zu
schüren. Er ging in die Kaffeehäuser, in die Versammlungen, zu früheren
Kollegen, sprach Bekannte auf der Straße an und redete so lange mit
ihnen, bis sie zutraulich wurden. Er hatte einen Geierblick für die
Unzufriedenen, die Verschwörer, die heimlichen Brandstifter, die Nörgler
und Dunkelmänner aller Kategorien. Er wußte sie so einzuspinnen, daß
sie getäuscht die Maske fallen ließen. Er verstand so zu heucheln, daß
er sich selber widerlich wurde. Seine tückischen Mitleids- und
Freundschaftsversicherungen wurden mit den Geständnissen quittiert, um
die es ihm zu tun war. Er tat jenen schön, deren Bestechlichkeit und
Verrätertum öffentliches Geheimnis war; er schmeichelte den Betrügern
und klatschte den falschen Propheten Beifall.
Er rechnete mit der Redseligkeit, der sich auch die Schlauesten im
Katzenjammer nach einer Orgie überließen; mit dem Zynismus, den auch der
Tartüff in der Erwartung der großen Katastrophe an den Tag legte; mit
der aufgehäuften Bitterkeit der Erniedrigten und Zurückgesetzten, mit
dem Druck der Lasten auf allen Schultern, mit der natürlichen Freude des
Menschen an Unheil, Tod und Zerstörung.
Aber sein selbstquälerischer und haßerfüllter Gang zu den Menschen nahm
eine unerwartete Wendung. Die Gegenspieler traten vor ihn hin, während
ihn die Spieler beschäftigten; von Schatten umringt, die in einer
Schattensprache redeten, sah er über ihnen, unter ihnen, hinter ihnen
Gestalten. Hingekauert an einem morschen und entlaubten Baum, vernahm er
den ewigen Gesang der Wurzel. Er fühlte die Kraft, fühlte die Bewegung,
fühlte die Wehen der Wiedergeburt mitten unter Gespenstern; er fühlte
sein Land, er fühlte sein Volk. Wenn er vor den Bäckerläden die blassen
Frauen stehen sah, geduldig wartend, daß das Brot ausgeteilt werde, wenn
die zu Krüppel Geschossenen mit unbegreiflich strahlenden, fast
schwärmerischen Augen, an Stöcke gefesselt, einherhumpelten, wenn
verschämte Armut den Geber mied und die Verlorenen in den
Elendsquartieren Siegesfeste gläubig-still feierten, da wurde ihm der
Zusammenhang bewußt, da war er Teil und Erbe, da erkannte er nicht nur,
wie allein er war, sondern auch, wie verlassen sie waren, wie er sie
verlassen hatte.
Über den Gesichtern, die er schaute, lag der Schein einer verborgenen
Lichtquelle. Kam nicht das Licht von der unsichtbaren Lampe her, mit der
Olivia des Nachts durch die Säle geschritten? Er konnte sich dieser
Vorstellung nicht entziehen: in der finster gewordenen Welt die eine
Flamme; ringsum im Kreis die Seelen, deren Kraft es ist, zu schweigen
und zu dienen; sie warten auf das Wunder, das darin besteht, daß sie die
Lampe sehen werden, denn dann sind sie erlöst.
Traum eines Einsamen, Traum von der Lampe und vom Volk!
Eines Abends kam er heim, angegriffen von der Frühlingsluft, in einer
sonderbaren Stimmung zwischen Hinwelken und innerlicher Glut, in der ihm
jetzt zumute war, als müsse er das Gesicht in Kissen vergraben und
schluchzen, und jetzt wieder, als stehe er am Anfang der Zeit und an der
Schwelle des Lebens: so zwischen Tod und Werden kam er und suchte ein
Bild und einen Begriff von seinem eigenen Wesen. Da öffnete sich die
Türe und Olivia trat herein.
Er erbebte; es ahnte ihm, daß es sich um eine Entscheidung handelte.
Die Bestürzung, in der Olivia das letztemal von Lamm weggegangen, war
nachhaltig gewesen. Sie hatte eine dunkle Schuld gegen ihn immer
empfunden, aber daß er sie nun zur Verantwortung ziehen würde, hatte sie
nicht erwartet.