»Diese Olivia,« rief Frau Khuenbeck, »die so heikel war, daß sie vom

Tisch aufstand und nicht weiteressen konnte, wenn auf einem Salatblatt

ein Wurm kroch! Was kann ihr die Welt noch sein, danach? Kann sie je

wieder ein harmloses Leben führen, ein Leben mit kleinen Pflichten?«

Lamm erhob sich. »Wir werden das Problem heute nicht lösen,

Verehrteste,« antwortete er schroff. »Unser Verstand ist überhaupt

unzulänglich gegenüber dem traurigen Verwesungsvorgang, den man Leben

nennt. Mich dürfen Sie schon gar nicht interpellieren. Ich gestehe

Ihnen, mir wird übel, wenn ich ja oder nein sagen soll. Ich bin im

Begriff, mir das Reden abzugewöhnen; meine Zunge hat nicht die geringste

Lust mehr, Geräusche zu artikulieren. Ein überflüssiges Stück Fleisch,

das mir im Munde fault. Empfehle mich Ihnen.«

* * * * *

Als er durch den Korridor seines Hauses schritt, traten ihm zwei Herren

in den Weg. Der eine war Doktor Strygowski, der andere, der mit

außerordentlicher Feinheit gekleidet war, hatte ein bartloses, etwas

aufgeschwemmtes Gesicht, und seine Miene verriet Unsicherheit und

Anmaßung. Er blieb vor dem Hofrat stehen, lüpfte den tadellos gebügelten

Zylinder, nannte seinen Namen mit einem Ton von aufdringlicher

Bescheidenheit und sagte, er sei entzückt von der Besichtigung des

Hauses, das eine Perle unter den Lazaretten der Stadt sei, und er freue

sich, dies öffentlich verkündigen zu können.

Lamm stand steif wie ein Stock. Der andere verbeugte sich, lächelte aus

irgendeinem Grunde geschmeichelt und ging.

Doktor Strygowski sagte: »Einer unserer führenden Journalisten.

Besichtigt Spitäler im Auftrag des Roten Kreuzes.«

Lamm nickte. »Kennen Sie die Geschichte vom Grafen Ulrich von

Württemberg und dem Dieb?« fragte er. »Der Graf Ulrich hatte die

Gewohnheit, oft den ganzen Tag vor seinem Schloß zu sitzen und mit jedem

zu sprechen, der vorüberging. Einmal schlich sich ein Mensch aus dem

Tor, der hatte drinnen in der Küche einen Fisch gestohlen und er hatte

einen sehr kurzen Mantel an, unter dem der Fisch hervorhing. Da rief ihn

der Graf zu sich und sagte zu ihm: 'Wenn du wieder Fische stehlen gehst,

so zieh einen längeren Mantel an oder nimm einen kürzeren Fisch.'«

Doktor Strygowski lachte. »Ich glaube, der Rat hat gefruchtet,«

antwortete er. »Unsere Fischdiebe haben sich mit hinreichend langen

Mänteln versehen.«

Lamm warf einen durchdringenden Blick auf den jungen Arzt. »Doktor

Strygowski, wenn ich nicht irre --?«

»Strygowski ist mein Name. Ich bitte um Verzeihung, daß ich unterlassen

habe --«

Lamm schüttelte ungeduldig den Kopf. »Nichts, nichts,« unterbrach er den

Doktor. Dann ließ er abermals den Blick mit fast verletzender

Unbekümmertheit auf dessen Zügen ruhen. Er war gefesselt von dem

Ausdruck des Ernstes, der darin lag, und sagte: »Es wäre mir lieb, wenn

Sie am Abend eine Stunde zu mir kommen würden. Ich habe einige Fragen an

Sie zu richten.«

Doktor Strygowski erwiderte, er werde kommen, sobald es ihm seine Zeit

erlaube.

»Herr Doktor, der Transport,« sagte Schwester Nina, die vom Eingangsflur

heraufkam. Lamm kannte die schöne, blasse Frau Senoner. Er grüßte kühl.

Die Sanitätsleute kamen mit den Bahren. Regungslos lagen die verwundeten

Männer, mit eingesunkenem Brustkorb und auf die Seite geneigtem Kopf.

Ihre Gesichter waren von einem verwitterten Grau, das Blut war durch die

Verbände gedrungen und klebte auf der Haut. Mit dumpf-ungläubiger

Verwunderung sahen sie vor sich hin. Alles was sie wahrnahmen,

verursachte ihnen eine mit Furcht gemischte Spannung, über die sie

grübelten.

Hinter den letzten Trägern ging Olivia. Sie war in einen ziemlich groben

Mantel gehüllt, das Gesicht war entfärbt. Als sie Robert Lamm gewahrte,

nickte sie ihm ohne Lächeln zu.

* * * * *

Es war elf Uhr vorbei, als Doktor Strygowski in Robert Lamms Stube trat.

Er entschuldigte sein spätes Kommen. Lamm deutete schweigend auf einen

Sessel gegenüber seinem Lehnstuhl.

»Ich will über Olivia Khuenbeck mit Ihnen sprechen,« begann er ohne

Umschweife. »Vielleicht ist Ihnen bekannt, daß Olivia während ihrer

ganzen Jugend unter meiner Obhut gestanden ist. Ich fühle mich noch

immer für das, was sie tut, verantwortlich. Möglich, daß es eine Torheit

ist, aber es ist nun einmal so. Wie beurteilen Sie die Eignung Olivias

zu dem Beruf, den sie sich hier erwählt hat?«

Ein wenig verwundert über den Ton eines verhörenden Richters, antwortete

der junge Arzt nach einigem Überlegen: »Zu einem Urteil oder einer

Kritik fehlt jede Befugnis, wo etwas so Ungewöhnliches vollbracht wird.«

»Hat sie von Anfang an gewußt, was ihr beschieden sein würde, wenn sie

beharrlich blieb?«

»Ohne Zweifel,« versetzte Doktor Strygowski.

»Beachten Sie eines,« fuhr Lamm eindringlich fort; »viele Menschen, die

sich an ein schwieriges Unternehmen wagen, ermangeln der Kenntnis und

aufrichtiger Einschätzung ihrer Fähigkeit. Sie brauchen darum nicht zu

versagen, oft zeigen sich die höheren Kräfte mit der höheren Forderung.

Aber wo es sich um den beständigen Anblick von Blut und Wunden handelt,

muß unbedingt die Phantasie nach und nach ertötet werden, sonst ist an

eine fruchtbare Arbeit nicht zu denken. Der Augenschein schwächt sich

ab, die Gewohnheit macht die Sinne stumpf.«

»Das kann ich nicht leugnen, und es gilt in allen Fällen, nur bei

Schwester Olivia nicht,« versetzte Doktor Strygowski. »Ihr Geist und ihr

Gemüt sind der Abstumpfung nicht unterworfen. Das ist das Merkwürdige

und das Seltene bei ihr. Nicht bloß, daß sie sich an das vielfältig

Entsetzliche nicht gewöhnt, nie gewöhnen wird, sondern jeder neue

Eindruck reißt ihr Herz von neuem auf. Sie ist dem Grauen, dem Schmerz,

der Empörung, dem Mitleid mit einer Intensität überliefert, die ohne

Grenze ist.«

»Also ein Phänomen, ganz einfach ein Phänomen,« sagte Lamm mit

erheuchelter Lebhaftigkeit. Er lehnte sich tief in den Sessel zurück und

umklammerte mit den Fingern die Armlehnen fest.

Doktor Strygowski fuhr fort: »Sie kennt jeden einzelnen Mann, und wir

haben jetzt hundertzwanzig Leute im Haus. Sie kennt die Beschaffenheit

der Wunden bei jedem, sie weiß ob Hoffnung besteht, das Leben zu

erhalten oder nicht, jede Besserung oder Verschlimmerung spürt sie

unmittelbar und ist sogleich zur Stelle, wenn Gefahr droht. Die

Fieberzustände sind ihr so vertraut, daß alles Fieberwesen, vom

gelispelten Betteln um Wasser bis zur Raserei, vom Zähneklappern bis zur

Hochglut zur besonderen Sprache und Mitteilung für sie geworden ist. Und

sie begnügt sich nicht, sie will immer noch ein Mehr; von sich selbst

heißt das, nur von sich selbst.«

Lamm erhob sich, ging auf und ab, setzte sich wieder. Er zwang sich

mühsam zu Ruhe. »Ich begreife es nicht,« stieß er hervor, »begreife es

nicht. Ich will gar nicht die Frage erörtern, wie sie es physisch

aushalten soll; aber Tag für Tag das alles sehen! Und nicht nur sehen,

auch hören, das Stöhnen, Wimmern, Klagen, die verzweifelten Rufe. Hier

oben schaudert mir manchmal die Haut, und ich bin doch ein

hartgesottener alter Kerl. Aber sie, sie! Diese Mimose! Von jedem

Windhauch war sie abhängig, jede übel gelaunte Miene hat sie erschreckt;

sie an einem Wirtshaus vorüberzuführen, wo Betrunkene lärmten, war ein

Wagnis.«

Überrascht von der Aufwallung eines Mannes, den er für trocken und

unempfindlich gehalten hatte, senkte Doktor Strygowski den Kopf. »Vor

einigen Tagen war ich mit Schwester Olivia in einem Haus, wo irrsinnige

Verwundete untergebracht sind,« erzählte er mit leiser Stimme; »da waren

Zimmer angefüllt mit Männern, die aneinander vorübergingen, ohne

einander zu gewahren, in gleichmäßigem Marschtempo, mit Blicken der

angstvollsten Erwartung; Zimmer, wo Männer saßen, die stundenlang die

Hände steif zum Gebet gefaltet hatten oder nach ihren Angehörigen

riefen; da war es schwer, sich zusammenzunehmen, sehr schwer. Schwester

Olivia hatte eine Gebärde, die ich nicht vergessen kann seitdem; so, als

wollte sie sagen: 'O Gott, was ist mit deiner Welt geschehen, was ist

mit eurer Welt geschehen, ihr Menschen!'«

»Ja, das kann ich mir gut denken,« antwortete Lamm nun wieder mit

erkünstelter Ruhe. »Aber erklären Sie mir doch, was in ihr vorgeht,«

fügte er hinzu und kniff die Augen sonderbar zusammen; »mich läßt da die

Logik im Stich.«

»Die menschliche Seele ist ein wunderbarer Organismus, Herr Hofrat,«

sagte Doktor Strygowski sinnend. »Ich will nicht von mir reden. Ich bin

Arzt. Aber auch ein Arzt, für den der Menschenkörper Studium und Sache

wird, gerät jetzt bisweilen mit der sogenannten göttlichen Weltordnung

in Konflikt. Man fragt sich, was das alles soll, das Leben und Sterben

und die ganze Qual. Wenn nun solche Gedanken an mir nagen, und ich

schaue Schwester Olivia an, da ist mir zumute, wie etwa einem

stümpernden Dilettanten, der vor einem Künstler steht. Die leidet! Das

ist Leiden! Gewiß, der Tag faßt vieles, man vergißt, man flieht, die

gespannte Saite lockert sich durch einen Scherz, ein unbefangenes Wort,

einen geistigen Zuspruch, aber bei ihr ist auch davon keine Spur. Es

scheint mir oft, als sei sie bereits einen Schritt über die

Alltäglichkeit hinausgelangt, ich kann es mir nicht anders erklären,

irgendein unbekanntes Element hat sich ihrer bemächtigt, für mich im

stillen nenne ich es die Metempsyche.«

Lamm schwieg, kaum daß er atmete, und nach einer kurzen Weile fuhr

Doktor Strygowski fort: »Sie versteht die Heiterkeit nicht mehr, das

harmlose Gespräch nicht mehr, das selbstverständliche Weitergehen des

Daseins nicht mehr. Sie versteht nicht, daß es noch Menschen gibt, die

von ihren Geschäften, ihren Wünschen, ihren persönlichen Vorteilen und

Enttäuschungen reden können. Ich sah sie einmal ins Pflegerinnenzimmer

treten, als eines der Mädchen vor dem Spiegel saß und sich frisierte,

einigermaßen umständlich, wie es ja manche Frauen tun. Die Miene, mit

der sie wehmütig und unwillig staunte, war ergreifend. Sie selbst hat

sich ja ihr Haar abgeschnitten, wie Sie wissen.«

»Nein, ich wußte es nicht,« murmelte Lamm, »ich wußte es in der Tat

nicht. Das unvergleichliche Haar! In Generationen schafft die Natur so

etwas nicht zum zweitenmal.«

»Unter unseren freiwilligen Damen,« begann Doktor Strygowski wieder,

»ist auch eine vielgerühmte Schauspielerin, Schwester Susanne, eine

verwöhnte Gesellschaftsdame mit Prinzessinnen-Allüren; um sie ist der

ganze Lügendunst des Theaters, und sie verrichtet ihre Obliegenheiten

mit der großen Geste, mit der sie ihre Rollen spielt. Es ist seltsam, zu

sehen, wenn Schwester Olivia mit ihr spricht. Sie schlägt die Augen zu

Boden, als schäme sie sich, und ihre Haltung hat etwas, wie soll ich

sagen, etwas geradezu magisch Edles. Sie weiß natürlich, wie es um so

manche dieser Frauen bestellt ist; daß sie sich im Pflegedienst

Abwechslung und Zerstreuung verschaffen wollen, daß sie die Leere ihres

Gemütes zudecken durch einen Eifer, der ihnen Beifall einträgt.«

Robert Lamm lachte bitter auf. »Sie sind ein gründlicher Herr, das muß

man gestehen,« sagte er. »Nun, und das wucherische Treiben der

Lieferanten, weiß sie auch von dem? Und wie verhält sie sich dazu? Und

zu der Schwerfälligkeit der Ämter und Behörden, der Schmähsucht der

Unzufriedenen, den Ränken der Beleidigten, den Ausreden der Faulen, den

krampfhaften Bemühungen der Streber und Ordensjäger, dem frühzeitigen

Erlahmen derer, die in rascher Begeisterung Wunder zu tun versprochen

hatten, mit einem Wort, dem ganzen landesüblichen Unrat, wie verhält sie

sich dazu?«

»Ich glaube, das alles legt sie sich förmlich selber zur Last und

verwandelt es in eine Forderung an sich,« erwiderte Doktor Strygowski.

Er dachte eine Weile nach, bevor er zögernd fortfuhr: »Sie muß ein

Erlebnis von einschneidender Bedeutung gehabt haben. Sie muß einmal so

zu Boden geschlagen worden sein, daß es aller Kraft bedurfte, die ein

Gemüt überhaupt aufbringen kann, damit sie sich wieder erheben konnte.

Deshalb ihre Strenge, deshalb die Klarheit in ihr, deshalb ihr

unbeirrbar gerichteter Weg.«

»Ach was, Flausen!« rief Lamm schroff, ja fast wild. »Flausen! Darauf

fall' ich Ihnen nicht herein!«

Ein rascher Blitz des Unwillens traf ihn aus Strygowskis Augen. »Ich

habe Ihnen meine Meinung nicht aufgedrängt, Herr Hofrat,« sagte er

leise. »Daß ich Olivia Khuenbeck bewundere, will ich nicht leugnen. Ich

gestehe sogar, daß ich noch nie einen Menschen in diesem Maß bewundert

habe. Meine Bewunderung ist um so größer, als ich mir nicht verhehle,

nicht verhehlen kann, _wohin_ der Weg führt, den sie geht.«

Lamm schwieg betroffen. Die beiden Männer sahen sich an.

»Und Sie haben kein -- Kapital in diese Bewunderung investiert? Sie

wollen keine Zinsen daraus ziehen?« fragte Lamm mit verkniffenem Mund.

»Ich verstehe nicht --«

»Ich meine, ob Sie nicht ein bißchen bestochen sind, vielleicht ohne es

zu wissen? Ich meine, ob Sie ohne Vorbehalt sprechen, ohne geheime

Hoffnung, ohne die Erinnerung an einen Nervenkitzel, ohne ein

egoistisches Ziel.«

»Hierauf habe ich keine Antwort.«

»Das ist jedenfalls bequem.« Lamm erhob sich und begleitete seine Worte

mit heftigen, abgehackten Gebärden. »Ich soll also schlechterdings an

Engel glauben, an graduierte Engel mit Schnurrbart und Brille! Seit wann

sind denn die Doktoren der Medizin unter die Idealisten und Propheten

gegangen? Hat euch die blutige Zeit betrunken gemacht?«

»Ihr Ungestüm gibt Ihrer Beschuldigung noch nichts Plausibles,« sagte

Strygowski, der blaß geworden war.

»Ich beschuldige Sie nicht, ich weiß nichts von Ihnen, Sie sind mir

fremd, lassen wir Ihre Person aus dem Spiel,« fuhr Lamm grollend fort.

»Wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin, will ich abbitten. Aber können Sie

sich als erfahrener Mann, als redlicher Beobachter vorstellen, daß ein

Wesen wie Olivia sich Tag für Tag, Stunde für Stunde unter Männern

bewegt, ohne nur im Geringsten als Weib auf diese Männer zu wirken?

Meine Frage enthält keine Frivolität. Sie sehen, ich bin tiefernst. Wir

leben auf einem Planeten, mag er auch noch so mangelhaft gezimmert sein,

auf dem es für bestimmte Daseinsformen bestimmte Gesetze gibt. Hunger

ist Hunger, Blut ist Blut. Hunger will Sättigung, Blut will Wärme.

Riechen Sie nicht den tückischen Giftstoff, von dem das ganze Haus

erfüllt ist? Glauben Sie, daß irgendein Weib sich dem entziehen kann,

auch wenn sie Olivia heißt?«

»Ich glaube es,« erwiderte Doktor Strygowski entschlossen. »Was Sie

sagen, ist keine Wahrheit für mich, sondern eine Anklage, die erst

bewiesen werden muß. Es müßte erst bewiesen werden, daß die Caritas, vor

der ich meine Knie beuge, ein lemurischer Unhold ist.«

»Ist sie auch!« rief Lamm mit Leidenschaft. »Ein Unhold und Lügengeist,

der Frauen- und Mädchenseelen mit falschen Hoffnungen umgarnt, um sie

dann, jeder Illusion bar, hinaus ins Leben zu stoßen.«

Ein langes Schweigen trat ein. Strygowski zog die Uhr aus der Tasche,

überlegte eine Weile, während er die Uhr in der Hand behielt und sagte

dann: »In einer Viertelstunde macht Schwester Olivia ihre zweite

Nachtrunde. Ein Vorurteil kann nur durch den Augenschein widerlegt

werden. Unmöglich, daß Sie auf Ihrer Meinung beharren, wenn Sie sie

dabei sehen.«

»Ich brauche den Augenschein nicht,« knurrte Lamm. »Alles was ist, kann

ich mir erdenken, Augenschein ist Augentrug.«

»Diese Paradoxie ist mir bekannt,« entgegnete der Arzt; »ich kenne

dieses Leiden.« Er blickte traurig zu Boden.

In diesem Augenblick vernahmen sie ein seltsames, eintöniges Plärren,

ein singsangähnliches Heulen wie von einem Hund. Der Hofrat ging zur Tür

und lauschte. Dann öffnete er die Türe, schritt durch den kleinen

Vorraum und die Treppe hinunter.

Doktor Strygowski folgte ihm.

* * * * *

Auf der untersten Treppenstufe saß zusammengekauert ein Mensch. Erst als

er ihm nahe war, erkannte Lamm seinen Diener Gerold. Er war es, der wie

ein Idiot halblaut vor sich hinheulte und dabei mit dem Oberkörper

schaukelte. »Was treibst du da?« herrschte ihn Lamm an.

»Herr Hofrat, ich find' im ganzen Haus kein Plätzchen, wo es still ist,«

flüsterte der Diener. Er schaute empor; sein Kopf sah aus wie

geschwollen.

»Geh auf der Stelle in deine Kammer und in dein Bett,« befahl Lamm.

Gerold erhob sich schwerfällig und wankte über die Stiege. »Kann aber

nicht schlafen, Herr Hofrat,« klagte er.

Lamm schüttelte sich ein wenig. Er machte Miene, wieder in seine Stube

zu gehen, aber Doktor Strygowskis Blick war jetzt so forschend, so

sonderbar auffordernd auf ihn gerichtet, daß er mit einer unbehaglichen

Empfindung von Wehrlosigkeit umkehrte und hinter dem Arzt in das große

Zimmer ging, das vormals seine Bibliothek gewesen war. Die Lichter waren

ausgelöscht bis auf eines, das neben der Tür brannte und durch ein

grünes Tuch abgedämpft war. Nur in den zunächst stehenden Betten konnte

man die Gesichter sehen. Sie hatten einen fahlen Schein. Einige

Verwundete wachten und hoben von Zeit zu Zeit den Kopf; dabei glänzten

die Augen heiß, und wenn sie den Kopf zurücksinken ließen, ächzten sie.

Doktor Strygowski zog Lamm in den Schatten und raunte ihm zu: »Sie muß

gleich kommen; hier war sie noch nicht, denn die Schwester dort drüben

ist eingenickt.«

Er hatte kaum ausgeredet, da trat im Hintergrund eine Gestalt durch die

Türe. Es war Olivia.

Ihr dunkles Gewand und die Dunkelheit im Raum ließen ihr Gesicht nahezu

weiß erscheinen. Der Schritt war lautlos und verlieh der Bewegung etwas

Geisterhaftes. Sie ging sogleich zu der jungen Schwester, die

schlummernd auf dem Stuhl saß und berührte mit der Hand deren Schulter.

Das Mädchen fuhr erschrocken empor; die Bestürzung in ihrem Gesicht

verwandelte sich in einen Ausdruck des Flehens. Olivia schüttelte den

Kopf und ging weiter.

Die Blicke derer, die wach waren, hatten sie entdeckt; sie flogen ihr

zu, förmlich ungeduldig; dies hatte etwas wie bei hungrigen Säuglingen,

wenn die Amme an die Wiege tritt. Es war rührend und unheimlich. Olivia

schien es zu fühlen; sie neigte die Stirn; alles war plötzlich so sanft

an ihr, Gang, Blick und Haltung, unsagbar innerlich und beredt.

Sie ging wie mit einer Lampe in der Hand, die nicht verlöschen durfte.

Aber trotzdem es so aussah, trotzdem diese unsichtbare Lampe ihre ganze

Aufmerksamkeit zu beanspruchen schien, war es, als sehe und spüre sie

alles, was rund um sie war, mit zehnfach geschärften Sinnen.

Als sie in das nächste Zimmer treten wollte, kam Schwester Emilie, eine

ältere Person, aus der Tür. Sie sagte: »Mit Nummer 42 geht es jetzt zu

Ende.«

»Rufen Sie Doktor Strygowski,« antwortete Olivia.

* * * * *

Vor dem kleinen Raum, in welchem Nummer 42 lag, standen flüsternd einige

Schwestern. Sie folgten Doktor Strygowski, als er zu dem Bett des

Unbekannten ging. Robert Lamm hatte sich unter sie gemischt. Olivia

bemerkte ihn im Vorüberschreiten und nickte ihm zu wie am Abend, ohne zu

lächeln, doch mit einem verwunderten Aufschimmern des Blicks.

Nicht Neugier hatte Lamm hergezogen, sondern eine Kraft, die ihren

Ursprung in Olivia hatte, oder in der unsichtbaren Lampe, die sie trug.

Der Sterbende war in einem Zustand von Auflösung und Entrückung. Der

Glanz in den Augen hatte sich so gesteigert, daß es peinigend war, in

sie zu schauen. Der seltsame Rahmenbart glich verdorrtem Gestrüpp.

Doktor Strygowski hatte sein Ohr auf der keuchenden Brust des Mannes und

lauschte dem Herzschlag.

War es nur eine Täuschung, oder verhielt es sich wirklich so: alle im

Zimmer Anwesenden hatten den Eindruck, als seien die Blicke des

Unbekannten, die bis zu dieser Stunde noch nie auf einem bestimmten

Gegenstand oder einem Menschen geruht hatten, auf Robert Lamm gerichtet,

ausschließlich und ohne abzuirren auf ihn, und zwar in einer Art, wie

wenn er eine Erinnerung in ihm wachrufen, wie wenn er ihn an ein

Versprechen mahnen wollte. Der Blick war so dringend, als sei zwischen

den beiden zu irgendeiner Zeit einmal eine Verabredung getroffen worden

und als sei eben jetzt die Frist verstrichen. Es war ein Blick des

Willens und des Bewußtseins, der alle in Erstaunen versetzte.

Lamm spähte scheu um sich her; er wollte dem Blick entrinnen, doch zwang

es ihn stets von neuem in die Richtung, wo er dem schauerlich und

dringlich glänzenden Auge begegnen mußte. Olivia stand hinter dem Arzt;

in ihrem Gesicht war ein gedankenvoller Ernst. Auch dagegen sträubte

sich Lamm mit stummer Anstrengung; am liebsten hätte er ihr zugerufen:

Sprich mit mir! Das Einfachste zu tun, was ihn aus seiner Bedrängnis

befreit hätte, sich abzuwenden und wegzugehen, war ihm durchaus

unmöglich. In dieser Not griff er zu einem sonderbaren Hilfsmittel: er

riß seine Zigarettendose aus der Tasche, entnahm ihr eine Zigarette und

hielt sie dem Sterbenden hin. Es geschah dies weniger aus Überlegung,

als aus Trotz und Trieb, die gesteigerte Situation ins Gewöhnliche zu

ziehen.

Zuerst schien es, wie wenn ein freudiger Funke aus den Augen des

Unbekannten blitze; er machte eine schwache Bewegung mit dem Arm, und

Lamm schob ihm nun die Zigarette zwischen die Lippen. Aber um den

blutlosen Mund spielte auf einmal ein Ausdruck der Verachtung; ja, der

deutlichen, bittersten Verachtung, durch ein mattes Lächeln nicht

gemildert, sondern verstärkt. Sodann erschütterte ein schrecklicher

Seufzer den Körper, das Auge brach, das Leben war dahin.

Als Robert Lamm den Raum verließ, war ihm wie einem zu schimpflicher

Strafe Verurteilten zumute; das Lächeln unergründlicher Verachtung in

der letzten Agonie des Kriegers, es haftete wie ein Brandmal auf ihm.

* * * * *

Olivia tat das Herz so weh, als sei es ein Geschwür in ihrer Brust. Am

Anfang und am Ende jeder Handlung stand dieselbe Frage; jede

Gedankenfolge schloß mit einem jammervollen Aufblick: Wo ist Hilfe? Wo

ist Trost?

Die Schauspiele verwirrten sich wie die Schicksale. Der gemeinsame

Ursprung der Leiden beruhigte die Sinne nicht. Dieses Haus, in dem sie

zufällig wirkte, war nur eines unter den Tausenden von Becken, in denen

sich das Unglück sammelte. Man mußte die Einbildungskraft in Schranken

zwängen, um nur die Hände rühren zu können. Es war ein krampfhaftes

Ansichhalten vom Morgen über den Tag zum Morgen, vom Abend die Nacht zum

Tag.

Und dennoch: immer wieder auf und hinüber, hin zu den Wunden,

vielleicht, daß eine Berührung, ein Wort, ein Blick Linderung brachte

oder Geduld einflößte.

Sie fühlte eine Kraft in sich, deren Wesen ihr nicht bekannt war. Sie

fühlte diese Kraft, wenn sie durch die Zimmer ging und die Augen an ihr

hingen. Diese Augen redeten eine Sprache von nie gehörter

Eindringlichkeit, die sie ohne Gewissenspein nur hinnehmen konnte, wenn

sie sich ganz ausschöpfte im Tun, sich ganz und gar vergaß.

Die Schicksale stürzten über sie, und sie wurde das Opfer von ihnen. Sie

wollte es sein, in ihren hingegebensten Stunden sehnte sie sich danach,

völlig zermalmt zu werden, um jeder Schuld zu entgehen. Ruhte sie, faßte

sie sich wieder, so wurde es zu gräßlich, nur zu denken an das, was war.

Nicht allein von Bildern der Zerstörung war ihr Geist beladen, Bildern

leckender Flammen, eingeäscherter Wohnungen, unerträglichen Hungers,

erstickender Todesangst, hoffnungslosen Siechtums und der Verzweiflung,

die keinen Blutstropfen unvergiftet ließ, sondern von dem auch, was

dahinter war an Wut, Haß und Bosheit, dem Gewebe kleiner Lügen, den

Beleidigungen der Menschenwürde, von dem Aufgestachelten in allen, der

von überallher tönenden Klage.

Damals, als ihre Mutter in der Sorge um Ferdinand zu ihr kam, mußte

Olivia in ihren Gedanken den Bruder erst suchen; sie sagte: »Du darfst

die Hoffnung nicht sinken lassen, Mutter; sei nicht ungeduldig.«

»Ich? Warum nur ich? Warum nicht auch du?« gab Frau Khuenbeck erstaunt

zurück.

Olivia schwieg. Ihr war, als verriete sie alle andern, wenn sie den

Bruder beklagte.

Olivia oder Die unsichtbare Lampe · 第 6 / 10 段