Sie ging. Das Wort Blutwahn, das sie so gelassen ausgesprochen hatte,

rauschte noch durch das Zimmer wie ein beflügeltes Untier. Lamm machte

einige Schritte, als wolle er ihr folgen, als müsse er noch einen Blick

in ihr Gesicht werfen, nur um glauben zu können, daß sie es war, sie

selbst, und nicht eine Doppelgängerin.

* * * * *

Da sie versprochen hatte, wiederzukommen, wartete er auf sie.

Zweifellos hatte sie außer acht gelassen, daß es schon zehn Uhr war, als

sie sich entfernt hatte. Sie konnte doch nicht daran denken, ihn in

später Nacht aufzusuchen. Es lag etwas Erschütterndes in der

Vorstellung, daß Zeit und Zeiteinteilung keine Rolle für sie spielten.

In einem Sessel sitzend, hielt er ein aufgeschlagenes Buch vor sich, las

aber nicht. Sein Blick, bald gespannt, bald ermattet, war unveränderlich

düster. Bisweilen dünkte ihn, er höre wieder den Schrei, der ihn zu dem

beleuchteten Fenster gezogen hatte. Bisweilen glaubte er Ächzen und

Stöhnen deutlich zu vernehmen. Ihm war, als lausche er in den brodelnden

Krater eines Vulkans.

Gerold kam und richtete das Bett, den Waschtisch, nahm Wäsche aus dem

Schrank. Lautlos ging er hin und her und sah aus, als fürchte er das

Auge seines Herrn. Lamm hatte die Laden des Schreibtisches geöffnet und

wühlte in alten Briefen und Papieren. Manchmal spähte er hastig nach

Gerold und erschrak bei dem Anblick des krankhaft gelben Gesichts.

Alles, wovor ihm bangte und was ihm unerträglich zu denken war, hatte

sich als Erlebnis in diesem Gesicht eingegraben. Lamm befahl ihm

endlich, das Zimmer zu verlassen. Da schlich Gerold mit geducktem Kopf

hinaus.

Lange nach Mitternacht legte sich Lamm zum Schlafe hin. Aber er konnte

die Lider nicht schließen, die Finsternis brannte ihm förmlich auf der

Stirn. Er hatte in den alten Briefen nicht gelesen; alle Worte,

geschriebene und gedruckte, waren ihm wie Moder. Doch ein Geruch der

Vergangenheit hatte ihn umfangen und war in sein leeres Herz geströmt

wie Gift.

Es wurde ihm bewußt, wie sehr ihn das Schicksal um Liebe und Liebesrecht

verkürzt hatte, und Begebenheiten traten in lebendige Nähe, die mit

Schweigen und Vergessenheit zu bedecken er immerfort bemüht gewesen war.

Dazwischen tauchten Gerolds Züge empor wie ein versteinertes Bild des

Grauens, dann gewahrte er Olivias Gesicht, in phosphoreszierender

Blässe, in einem Rahmen von Blut. Er biß die Zähne zusammen, als schlüge

ihn eine unsichtbare Faust. Unten im Korridor rief jemand mit

rücksichtsloser Lautheit: »Schwester Emilie! Schwester Emilie!« Lamm

richtete sich auf, stemmte die Arme hinter sich und schrie in die Luft

hinein: »Ruhe!«

Seine Stimme hallte im Raum, unten wurde sie natürlich nicht gehört.

Aber sein Haß saugte sich an dem unbekannten Rufer fest und begleitete

ihn in die Zimmer und an die Betten der Soldaten, und aus diesen

bleichen Wesen sprach derselbe Hohn: 'Wir sind in deinen Frieden

eingedrungen, wir haben deinen Frieden zerstört, wir haben dir alles

geraubt, was du besessen hast; deine Gemälde sind verschwunden, deine

Möbel, deine Teppiche, deine Tapeten haben wir genommen, deine Bäume

lassen wir fällen, deine Blumen reißen wir aus, und die einzige Seele,

um die du geworben, die du in deine Einsamkeit geschleift hast wie der

Tiger die Beute in die Wildnis, deren du in deinem Innern noch sicher

warst, als sie sich fern von dir durch die verdunkelte Welt schleppte,

auch die haben wir zu uns gelockt, wir Menschen, wir elenden, kranken

Menschen!'

Es war wie ein Fiebertraum. Da erhob sich von neuem Olivias Bild, doch

er erkannte nun und fühlte, was sie ihm bedeutet hatte, ahnte, was sie

ihm war, was sie ihm wurde. Ein Verlangen nach ihrer Stimme kam über

ihn, ihrem Wort, ihrem Zuspruch, ihrer Widerrede, Verlangen, sich ihr zu

eröffnen, zu erklären, von ihr gebilligt und begriffen zu sein.

Als er am Morgen einen Blick in den Spiegel warf, war er entsetzt. Ein

altes, fahles, hohlwangiges Gesicht starrte ihm gespenstergleich

entgegen. Er machte eine Grimasse und stellte höhnend fest, daß seine

Blütezeit vorüber sei.

* * * * *

Erst um die Dämmerungsstunde kam Olivia herauf.

Ohne noch einmal sich bitten zu lassen, gab ihr Lamm die schriftliche

Einwilligung zum Bau der Baracken.

Sie dankte. Sie war müde und setzte sich nieder; eine gewisse Nervosität

verriet auch jetzt, daß sie sich keine Rast erlauben zu dürfen glaubte.

Der gestern geschrien hatte, war schon tot. Sie erzählte es beiläufig.

Es war für sie ein Fall unter vielen.

Er nickte. Damit müsse er sich abfinden, daß der Tod Stammgast in dem

Hause sei, sagte er; mit ihrem Tun könne er sich nicht abfinden. Bis zur

Atemlosigkeit gehetzt, wie er sie vor sich sehe, könne er sich nun und

nimmer entschließen, ihr Unternehmen zu billigen oder gar zu preisen.

»Es mag der Weg für hundert andre sein, dein Weg ist es nicht, Olivia.

Für die Haltlosen, die Enttäuschten, vom Leben Betrogenen der richtige

Weg, für dich der Irrweg.«

»Warum, Robert? Es ist dein Trotz und dein tyrannischer Wille, die mir

entgegenstehen. Ich habe Welt und Menschen anders gefunden, als du sie

mir gezeigt hast,« antwortete sie.

»Anders gefunden? Wie denn, wenn man fragen darf? Bist du auch die

Zeugin von großen Leiden, so bist du doch nicht befähigt, darüber zu

urteilen, woher sie stammen und welche Gerechtigkeit in ihnen liegt.«

»Ich urteile nicht, ich leugne nichts, ich behaupte nichts. Das tun die

Zuschauer, Robert, die herzlosen Zuschauer.«

»Ein Mann ist stets Zuschauer, meine Liebe, auch wo er handelt. Soll ich

plötzlich vergessen, wogegen sich fünfundzwanzig Jahre lang mein Gemüt

empört hat, wovon ich beleidigt und gedemütigt worden bin zeit meines

Lebens? Euch ist der Krieg ein Unglück, ein Verhängnis, das nicht zu

verhüten gewesen ist wie ein Hagelschlag oder eine Seuche, mir ist er

die Sühne für eine unendliche, aufgehäufte Schuld. Im Grauen der

Feuersbrunst wollt ihr nichts mehr davon wissen, daß ihr so lange

gezündelt habt, bis die Flammen endlich zum Dach herausgeschlagen sind.

Jetzt ringt ihr die Hände, jetzt wehklagt ihr, jetzt wollt ihr helfen

und retten, jetzt, da es zu spät ist. Früher ward ihr taub, habt euch

verhätschelt und verhärtet, seid Genüßlinge gewesen, Spieler, Trinker,

Sportshelden, Bücherwürmer, Ehrabschneider und Rechtsbeuger. Es kommt

mir so lächerlich vor, so unnütz, so aufgeblasen. Du mußt schon

verzeihen, Olivia.«

Olivia erhob sich und erwiderte mit der Ruhe, die ihr die erlebten

Gesichte, die Tage, die Nächte, die Schmerzen, das Ungeheure der

geschauten Wirklichkeit gaben: »Du tust mir leid, Robert, mehr kann ich

nicht sagen, du tust mir namenlos leid. Und wenn ich dich ansehe, weiß

ich, daß das nur deine Worte sind. Dein Gefühl ist es nicht, kann's

nicht sein.«

»Ach, bleib' bei mir mit dem Gefühl vom Hals! Was ich fühle, ist meine

Privatsache, was ich denke, geht das Allgemeine an. Und ich denke, daß

du mit dem Eimer in deinem schwachen Arm ein Meer von Blut nicht

ausschöpfen kannst. Ich denke, daß einer Sintflut nicht abzuhelfen ist,

indem man ein paar Zaunlatten in den Boden rammt. Ich denke, daß, wo der

Sturm ganze Wälder zerschmettert hat, es ein fruchtloses Unterfangen

ist, mit dem Leimtopf dabeizustehen. Ich denke, daß niemand das Recht

hat, sich zu verschwenden, der, wenn auch nur in der Idee eines

einzelnen, der Menschheit besser dient, indem er sich bewahrt. Wer

geboren ist, Blumen zu hegen, der tauche seine Hände nicht in Blut, oder

er entwürdigt die Natur. Weshalb die Welt noch mehr herunterbringen, da

sie doch ohnehin schon auf den Hund gekommen ist. Das alles klingt ja

verflucht grausam, aber das Schicksal gibt mir ein Exempel von

Grausamkeit, das mir Mut einflößt.«

»Ich wundre mich,« sagte Olivia kopfschüttelnd, und ihre blauen Augen

strahlten im Feuer des Unwillens. »Woher nimmst du die Kraft und den

Entschluß, dich einer Verantwortung zu entziehen, die alle spüren, von

der alle niedergezwungen werden? Bist du der Richter und untersteht die

ganze übrige Welt deinem Spruch? Hast du nie gefehlt, nie selber

gesündigt, hast du dir kein Versäumnis vorzuwerfen, bist du nicht auch

ein Mensch und stehst mit uns allen unter dem gleichen Gesetz? Warum

also diese Anmaßung, dieses Feilschen und Hadern, diese feige Flucht vor

dem, was nun einmal ist?«

Er schwieg zunächst. Er ging ungeduldig auf und ab und pfiff leise. Er

warf finstere Seitenblicke auf sie, und ihre schlanke, hochaufgerichtete

Gestalt mit den seltsam zurückgebogenen Schultern erfüllte ihn mit einer

Scheu, die er sich nicht eingestehen mochte. Er trat ans Fenster und

trommelte an die Scheiben, und während er in den winterlichen Garten und

in die kahlen Äste der Bäume schaute, sah er immer bloß sie, fühlte

immer nur sie, bewunderte sie, schmähte sie, suchte nach ihr in seinem

zerwühlten Innern, suchte sich in ihr, sammelte Gründe, quälte seinem

Geist Rechtfertigungen ab.

Er sprach von dem Unheil, das über die Menschheit hereingebrochen war,

als von der großen Reinigung. Er sprach von der geschichtlichen

Notwendigkeit und von den politischen Verkleidungen, unter denen sie

die Völker narre und durch die sie alle einzelnen zu vollbringen zwinge,

was keiner zu tun wünsche. Längst seufzten die Länder, die Städte unter

einem Überfluß von Menschen und von Produktion; die Fülle sei zur Not

geworden, es sei wie in einem Zimmer gewesen, dessen Sauerstoff durch zu

viele atmende Lungen verbraucht worden war. Sei sie nicht selbst mit den

Worten zu ihm gekommen, es gäbe zu wenig Platz? Nun werde Platz

geschaffen, darin liege die Fügung, und nicht nur Platz für den Körper,

sondern auch für die Seele, für den Glauben, Platz für den Herrgott, der

in Gefahr gewesen, in seinem Himmel zu ersticken. Da dürfe man nicht die

Hände ringen und sich larmoyanter Wehklage überlassen; da zieme sich

Ehrfurcht vor dem höheren Walten, denn wer falle, der sei eben der Ähre

vergleichbar, die, wie die tausende ihrer Mitähren, reif sei für die

Sichel des Schnitters. Jeder erlitte den Tod nun einmal. Auch wenn

Millionen stürben, sei es doch nur ein einziger Tod, und es sei ein

Fehler in der Phantasie des Lebenden, ihn millionenfach zu sehen.

Olivia schaute ihn an, lächelnd und mit einem erglühten Blick. »Ich bin

auch eine Ähre, warum willst du mich sondern?« sagte sie.

»Ja, ich will dich sondern,« antwortete er heftig; doch stockte er, weil

er die Vermessenheit des Wortes empfand und etwas damit verriet, was ihm

selbst noch unbewußt in seiner tiefsten Brust verborgen war.

»Warum?« beharrte sie, und ihr Lächeln wurde so vergeistert, daß er

Furcht vor ihr verspürte. »Wenn du die Dinge in solcher Art betrachtest,

bin ich dann nicht ein Werkzeug für die, die ich rette, wie die Granate

ein Werkzeug der Vernichtung ist? Könntest du nur einmal die Augen eines

Menschen schimmern sehen, dem man die Schmerzen lindert! Du weißt nicht,

was Dankbarkeit ist. Bedeutet denn das Leben für dich nichts? Das

einmalige, herrliche, unbegreifliche, das man erst ahnt, wenn der Tod

nach ihm langt --? Du weißt nicht, was Leben heißt!«

»Mach ich einen Dichter, einen Träumer, einen, der die Wirklichkeit des

Seins nie zu beherrschen und nüchtern abzuschätzen gelernt hat, mach ich

solch einen plötzlich zum Steuermann auf einem Schiff, während der

Taifun rast, so tu' ich ungefähr dasselbe, was du mit dir tust,«

antwortete Lamm und wandte ihr das in allen Muskeln bebende Gesicht zu.

»Wie alles in dir zerrissen und verbrannt ist! Jedes Maß zerstört, jede

Form zerstört!«

»Nein, nein, nein!« rief sie ihm entgegen. »Nicht zerstört, nicht

zerrissen, nur lebendig, endlich lebendig. Und wenn dieses Lebendigsein

auch Zerstörung wäre, wer bin ich denn, daß ich auf mich achten sollte,

mich schützen dürfte? Für wen, wofür mich bewahren? Wo ist das Bessere,

Größere? Laß mich sein, wie ich bin, laß mich tun, was ich tue!«

Sie sah ihn eine Sekunde lang mit starren Augen an, dann brach der Blick

und feuchtete sich. Sie trat ein paar Schritte auf ihn zu, preßte beide

Hände wider ihre Brust und flüsterte, totenbleich: »Ach, Robert, es ist

fürchterlich! Fürchterlich!«

Er umfing die Schwankende mit seinen Armen und stand regungslos da.

Nach einer Weile machte sie sich sanft los, strich mit der Hand über

ihre Haare und sagte erschrocken: »Ich vergesse mich ganz. Es wartet

soviel Arbeit auf mich. Gute Nacht, Robert.«

Schnell verließ sie das Zimmer.

* * * * *

Ungefähr vor einer Woche war ein Mann eingeliefert worden, den man ohne

Uniform, bis aufs Hemd entkleidet, auf einem Schlachtfeld in Galizien

gefunden hatte. Er hatte einen Schuß im Rückgrat, konnte nicht sprechen

und keinerlei Auskunft über sich geben.

Still und steif war er dagelegen, die Augen immer auf denselben Punkt in

der Luft gerichtet. Er hatte ein außerordentlich schönes Gesicht, blaß,

vergeistigt, durchformt; ein schwarzer Bart umrahmte es derart, daß Kinn

und Wangen von Haaren frei waren.

Ob er Freund oder Feind war, wußte man nicht. Er trug die Nummer 42, das

war alles. Man redete ihn in allen Sprachen aller Völker an, die im

Krieg standen, doch gab er niemals ein Zeichen, daß er die Worte faßte.

Man vermutete, er sei auch des Gehörs beraubt und hielt ihm Zeitungen

und beschriebene Zettel vor; er beachtete nicht einmal die Gebärde.

Ohne zu seufzen, ohne einen Laut der Klage lag er da.

Wennschon dies von einer völligen Teilnahmlosigkeit, ja von einem

inneren Starrkrampf zeugte, hatten doch seine Augen den stärksten Glanz

bewahrt, der sich denken ließ. Sie waren ununterbrochen weit geöffnet,

und als ob der Bewegungsmuskel der Lider nicht mehr arbeitete, schlossen

sie sich nicht eine Minute lang. Der Ausdruck in ihnen war keineswegs

fieberisch; es war ein mildes Licht, ein seelenhaftes Strahlen, das auf

Ärzte und Schwestern eine geheimnisvolle Anziehung übte. Oft standen

mehrere Personen zugleich an seinem Lager, die sich für kurze Zeit ihrer

Beschäftigung entzogen hatten, nur um diesem Blick zu begegnen und ihn

festzuhalten.

Und in jeder Nacht kam Olivia an das Bett dieses Verwundeten, blieb

stehen, schaute in das bleiche Gesicht und suchte, auch sie, den

wunderbar verlorenen, wunderbar erfüllten Blick des fremden Mannes. In

jeder Nacht unterbrach sie ihren Rundgang hier und verweilte wie ein

Mensch, der Atem schöpft und sich besinnt und der Lösung eines düsteren

Geheimnisses näher ist als bisher.

Seit dieser Mann im Hause war, seit sie diese Augen wahrgenommen hatte,

die über dem wirren, wilden Geschehen wie zwei feine, einsame Sterne

leuchteten, diesen Blick erfahren hatte, der schmerzlich-schmerzlos,

wissend-bewußtlos aus dem Geisterreich zu dringen schien, hatten sich

ihre jagende Unrast und grausamste Seelenpein etwas gelindert; sie

tauchte empor aus der qualmenden Höllenglut und lenkte ihren Blick gen

Himmel, vielleicht zum erstenmal im Leben mit der Ahnung und dem Gefühl

von Gott.

Es war kein andrer Ausweg mehr gewesen als nach oben.

* * * * *

Mit dreizehn Schritten durchmaß Robert Lamm sein Giebelzimmer. Er hatte

berechnet, daß er zwölftausendfünfhundert Schritte machen mußte, um eine

Strecke von zehn Kilometern zurückzulegen. Er besaß einen Schrittzähler,

mit dessen Hilfe er täglich die durchwanderte Bahn bestimmte. An manchen

Tagen waren es zwölf, an manchen fünfzehn Kilometer.

Die Märsche dünkten ihm notwendig zur Erhaltung seiner Gesundheit. Auch

konnte er beim Gehen besser denken.

Aber die Gedanken führten zu keinem Ergebnis. Jedesmal graute ihm davor,

daß er nach dem dreizehnten Schritt wieder umkehren mußte. Wenn der

neunte, der zehnte Schritt einen Aufschwung, eine Erleuchtung versprach,

die Wand, die zur Umkehr zwang, machte alles wieder zunichte.

Fünf bis sechs Stunden Schlaf, zwei bis drei Marschieren und zwei bis

drei Lektüre, blieben immer noch mindestens zwölf Stunden, die leer

waren, zwölf boshaft schleichende Stunden. Jedes Geräusch im Hause,

jeder Ruf, jedes Glockenzeichen, jedes Flüstern oder Murmeln war eine

Feindseligkeit, war doch zugleich eine willkommene Unterbrechung.

Wieviel da lauerte, schreckte, drohte, da draußen, da drunten!

Angst vor Begegnungen hielt ihn davon ab, die Schwelle zu überschreiten.

Nach Verlauf einer Woche brütete er über Fluchtplänen. Doch wußte er,

daß sich niemand um ihn kümmerte.

Ein sonderbares Vergnügen gewährte es ihm, die Personen an sich

vorüberziehen zu lassen, die er ehedem mit seinem Haß bedacht hatte. Es

stellte sich heraus, daß von diesem Haß nicht mehr viel übrig war; auch

wenn seine Erinnerung noch so grobe Zerrbilder malte, vermochte er an

jenen Leuten wenig zu entdecken, was ein so heftiges Gefühl

gerechtfertigt hätte.

Die Ursache war nicht etwa die, daß er die Fähigkeit zu hassen verloren

hatte, sondern daß alles, was noch an Haß in ihm war, sich gegen einen

einzigen Menschen richtete: allein und unversöhnlich gegen Olivia.

Sie hatte ihn gezwungen, wider seine Überzeugung zu handeln. Sie hatte

ihn um die letzte Hoffnung betrogen, die er noch gehegt, um die letzte,

die geheimste Erwartung, die er trotz aller Weltverachtung und

schmerzlichen Verlassenheit noch an die Zukunft geknüpft hatte.

Es dauerte lange, bis er sich dies eingestand. Er war der Mann nicht, um

einer solchen Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Sein Gemüts- und

Sinnenleben war eine vernachlässigte Provinz seines Daseins, und die

dunklen Wege der Seele nur zu ahnen, war ihm nicht bequem; er leugnete

sie, wo es möglich war. Aber jetzt trat das Vergangene so nah an ihn

heran; er wußte plötzlich, daß er schon das Bild des Kindes Olivia mit

Lust in sich aufgenommen, und daß das Wächter- und Erzieheramt, das er

ausgeübt, ihm mehr und anderes bedeutet hatte als eine Pflicht der

Pietät und der Freundschaft. Auge und Empfindung hatten ihn getäuscht;

er hätte sich befleckt, sie verraten geglaubt, wenn er von ihr, von

sich, vom Schicksal gefordert, wenn er wissentlich zu erreichen

getrachtet hätte, wonach sein ausgehungertes Herz lechzte. Wunsch und

Sehnsucht zu ersticken und zu unterdrücken, dienten ihm aber menschlich

nicht; es verfinsterte ihn und höhlte ihn aus.

Die Gestalt Olivias, die Stimme, der Schritt, der Blick, das Lächeln:

alles das war ihm einst wie ein Eigentum gewesen, Frucht seiner Mühe,

Lohn seiner Entbehrung, Ausgleich seiner trüben Erfahrung; ihm

beschieden, weil zu tiefst nur von ihm erkannt. Für ihn gemacht, für ihn

lebendig, weil er den magischen Schlüssel dazu besaß, das Wesen zu

begreifen glaubte. Ihr Tun war seines, auch das anscheinend

Widerstrebende war noch in der Harmonie mit ihm. Als sie unter seiner

Belehrung zusammengebrochen war -- er nannte es Belehrung, obwohl ihm

sein Gewissen einen härteren Ausdruck vorschlug -- als sie sich der

Geißel seiner Worte und dem lähmenden Einfluß seiner Urteile durch die

Flucht entzogen hatte, war er noch weit entfernt, sie verloren zu geben;

mit fatalistischer Geduld vertraute er auf seine Wirkung in die Ferne,

rechnete mit ihrer Wiederkehr, wie wenn er sie in Traumschlaf versetzt

hätte und den Zeitpunkt abwarten wollte, der zur Erweckung am

günstigsten war.

Ihr Erscheinen riß ihn völlig aus dieser Einbildung. Äußere Umstände,

die stärker waren als alles, was er in die Wagschale hätte werfen

können, hatten den Sieg über ihn erlangt. Ein Rausch von Zorn erfaßte

ihn und erneute sich immer wieder, so oft er sich sagte, daß bei

natürlicher Entwicklung der Dinge sein Anrecht unbestritten geblieben

und die Schwankende, Haltlose ihm endlich in die Arme geführt hätte.

Jetzt hatte er verspielt; der Einsatz bestand in seiner Existenz, in

vielen Jahren hartnäckig und trotzig verhehlter Zuversicht. Er hatte auf

jedes Gut und jedes Ziel sonst verzichtet und zäh und stumm, wie nur er

sein konnte, alles auf das eine Los gesetzt. Er hatte verspielt, und er

wußte es nun. Derselbe Sturm, den er geweissagt hatte, seitdem sein

männlicher Geist und Wille in Konflikt geraten war mit den Gebresten der

Zeit und den Unterlassungssünden ihrer Menschen, hatte die Blüte

ausgerissen und verweht, die er im geschütztesten Winkel seines

Lebensgartens gepflanzt hatte.

Hier war kein Appell möglich. Sie hatte ihm deutlich genug zu verstehen

gegeben, daß jeder Versuch, sie zurückzuhalten, ihn in ihren Augen zum

Verbrecher stempelte. Er durfte nicht hoffen, daß irgendein Mensch,

weder Mann noch Weib, weder Freund noch Feind, in seinen Bemühungen

etwas anderes erblickte als Verschrobenheit und Herzenskälte. Er hatte

sie eingebüßt, sie war dahin, sie konnte ihn nicht mehr sehen und hören,

sie hatte sich dem blutigen Chaos verdungen und bildete sich ein,

nützlich zu sein und litt unsäglich, und würde immer ärger leiden

müssen, je höher die Woge des Entsetzens stieg.

Es gab Stunden, wo er wie ein rachebrütender Teufel bleich und böse in

einem Winkel seiner Kammer kauerte und sich das Hirn zermarterte mit den

Gedanken, die ihm sein ohnmächtiger Groll und seine wirklich

beispiellose Einsamkeit erregten. Es war etwas Troglodytisches um ihn;

es umwehte ihn die Luft aus einer versteinerten Welt; er glich dem

körperlosen Schatten, der nach einer Seele sucht und sie nicht finden

kann. Er fühlte sich ausgestoßen und gänzlich vergessen, erniedrigt und

beraubt; er fror und fieberte, er sann auf Gewaltstreiche, aber die

Vorstellung, daß möglicherweise er es sein mußte, der sich zu beugen und

zu unterwerfen hatte, war ihm noch mit keinem Hauch genaht.

* * * * *

Eines Nachmittags um die Dämmerungszeit schlich er aus dem Hause und

ging zu Frau Khuenbeck.

Sie empfing ihn ohne Herzlichkeit. Er hatte sich jahrelang nicht um sie

gekümmert, das trug sie ihm nach.

Sie machte ihn im stillen auch für alles verantwortlich, was mit Olivia

geschehen war, und als er die Rede auf das Mädchen gebracht hatte,

erklärte sie, daß sie ihre Tochter nur selten sehe. Olivia sei

ungehalten, wenn man sie im Spital besuche. Eine Zeitlang seien keine

Nachrichten von Ferdinand gekommen, da sei sie hingegangen und habe sich

bei Olivia erkundigt, ob sie etwas erfahren habe. Sie habe nichts

gewußt, habe aber auch keinerlei Besorgnis gezeigt. Sie habe ruhig

zugehört, aber in ihrem Blick sei etwas gewesen, wobei einem eiskalt

wurde.

»Haben Sie das vielleicht beobachtet,« fuhr Frau Khuenbeck fort, »den

Blick, meine ich, den Blick einer Besessenen? Gewiß begeh' ich ein

Unrecht, wenn ich so etwas sage. Die Menschen beten sie ja an. Auch ich

muß sie bewundern, aber sie ist mir fremd geworden. Geht das mit rechten

Dingen zu?«

Lamm schwieg. Es genügte ihm, daß die Frau von Olivia sprach. Er hielt

es für ausreichend, sie durch eine ermunternde Miene anzuspornen.

»Sie assistiert jetzt bei den Operationen,« berichtete Frau Khuenbeck.

»Sie hat das Narkotisieren erlernt und eine solche Geschicklichkeit

darin erworben, daß die Ärzte ihre Mithilfe jeder anderen vorziehen.

Doktor Strygowski sagte mir, es sei wunderbar; instinktiv bringe sie

genau die Tiefe des Betäubungsschlafes zustande, die für den

betreffenden Fall erforderlich ist. Wenn einer schreit oder sich

sträubt, so braucht sie ihn nur anzurühren, und er fügt sich.«

»Märchen,« warf Robert Lamm hin.

»Ich glaube nicht, daß es ein Märchen ist. Ich glaube, es ist ein

Erbteil von ihrem Vater, der hatte auch so eine Zauberhand. Einige Ärzte

meinen, daß sie sich auf eine besondere Kunst des Dosierens versteht. Es

sind auch Chirurgen aus der Stadt gekommen, denen sie eine Erklärung

geben sollte. Sie konnte aber nichts erklären.«

»Die Esel vom Fach vermuten immer da Wunder, wo ganz und gar keine

sind,« bemerkte Lamm trocken.

Frau Khuenbeck zuckte die Achseln. »Ein Soldat sagte von ihr: sie packt

einen so an, daß man vergißt, was einem bevorsteht. Aber was bedeutet

mir das? Wie ich das zweite- oder drittemal dort war, mußte ich auf sie

warten und ging im Flur auf und ab, und da kam sie mit dem blutenden,

frisch abgesägten Bein eines Menschen. Es war in ein Linnen geschlagen,

doch wer kann so ein Bild wieder loswerden, wenn er es einmal geschaut!

Mir wurde weh vor Grausen, ich hatte das Gefühl, als begehe das Kind

eine schreckliche Sünde.«

Robert Lamms Gesicht verzerrte sich. »So ein Bein, wissen Sie, ist

außerdem verflucht schwer,« sagte er mit heiserer Stimme, »es mag gut

und gern seine fünfzehn Kilo wiegen.«

Olivia oder Die unsichtbare Lampe · 第 5 / 10 段