Sein bedächtiger, federnder Traumgang hatte den Jäger an eine

Menschengestalt gemahnt. Er hatte plötzlich Olivia vor sich gesehen.

Er ließ die Flinte zu Hause und unternahm weite Wanderungen über das

Gebirge.

Wo der Horizont verstellt war durch Felsen oder Wälder, fühlte er sich

abgegrenzt und sicher; auf den Gipfeln schien es ihm, als zitterte die

Glocke des Himmels, und am Rande war ein Flimmern wie von Eisenbändern,

die im Feuer glühen.

Wenn er in ein Dorfwirtshaus kam, griff er nach der Zeitung und las die

Berichte. Die Bauern, denen er eine vertraute Erscheinung war, knüpften

Gespräche mit ihm an und wollten Aufschluß und Trost von ihm haben. Er

aber gefiel sich darin, sie in der Furcht zu bestärken, und sein letztes

Wort war stets: »Es ist aus mit uns.« Und in seinen Mienen malte sich

eine herzlose, fanatische Schadenfreude.

Einmal bewies er dem Förster und dem Postmeister mit der Karte in der

Hand, daß es gegen die Überzahl der Feinde kein Entrinnen gäbe. Jene

hörten bekümmert zu, und der Förster wagte bescheiden auf die Siege

hinzudeuten, welche die Truppen doch schon errungen hätten. Da lachte

der Hofrat und antwortete: »Im besten Fall siegen wir uns zu Tode.«

Er war immer in unruhiger Bewegung. Er ließ sich Bücher aus der Stadt

kommen, hatte aber zum Lesen keine Geduld. In früheren Tagen hatte er

den Plan gefaßt, unweit von der Hütte ein ausgemauertes Wasserbecken

anzulegen, um im Sommer baden und schwimmen zu können. Jetzt dünkte es

ihn an der Zeit, das Projekt zu verwirklichen, und jeden Morgen ging er

mit der Schaufel zu der bestimmten Stelle und grub selbst die Erde aus,

viele Stunden lang. In der Müdigkeit, die ihn dann überfiel, war ihm

zumute, als erlahmte die Wut eines Tieres, das ihn zwischen seinen

Pranken hielt.

Bei Regenwetter saß er im Haus. Oft schickte er Romana mit Aufträgen ins

Tal und kochte selbst. Oft auch, besonders am Abend, kauerte er am Herd

und starrte in die Flammen. Dann begann er in trotzigem Ton vor sich hin

zu reden, oder er nahm ein halbverbranntes Stück Holz und zeichnete mit

dem verkohlten Ende Hieroglyphen auf die weiße Kalkmauer. Aus den

Flammen aber erhob sich Olivias Gestalt und verlor sich wieder in die

Finsternis.

Allmählich bemächtigte sich seiner eine unbestimmte Angst vor Gefahren

und vor Krankheit. Er glaubte sich nicht sicher genug in der Nacht und

verbarrikadierte die Türe. Im Bett liegend, betastete er seinen Körper

und suchte nach einer Schmerzempfindung. Er zündete Licht an, griff nach

der Uhr und zählte seine Pulsschläge. Kaum konnte er es ertragen, sein

Herzgeräusch zu hören; jeden Augenblick war er darauf gefaßt, daß die

geheimnisvolle Maschine im Innern des Leibes stillestehn würde. Er

wanderte in den nächsten Ort und kaufte allerlei Mixturen und

Probatmittel in der Apotheke. Es kam ihm vor, als sähen ihn die Leute

mit argwöhnischen Augen an, als hätten sie sich besprochen und führten

etwas Verderbliches gegen ihn im Schilde. Das Rascheln im Gebüsch

erschreckte ihn, der Schrei der Krähen ließ ihn erbleichen, das Heulen

des Windes verursachte ihm die größte Pein. Beim Ausschaufeln der

Badgrube war ihm eines Morgens plötzlich zumute, als schaufle er ein

Grab, sein Grab. Entsetzt warf er das Gerät weg und hütete sich, die

Arbeit wieder aufzunehmen. Sobald es dämmerte, wagte er sich nicht mehr

ins Freie. Romana hatte bisher jeden dritten Tag die Post holen müssen.

Jetzt ließ er sie nur jede Woche hinunter, weil er sich vor dem

Alleinsein fürchtete, und wenn sie mit den Briefen kam, besah er nur die

Umschläge und die Aufschriften und getraute sich nicht, sie zu öffnen.

Er las auch keine Zeitung mehr; er wollte nicht wissen, was draußen

vorging; er wartete auf eine Katastrophe und wollte nicht erfahren, ob

sie näher gerückt oder noch abgewendet sei. Und doch zitterte er nicht

für die Menschen, nur für sich. So unentbehrlich ihm auch die

Gesellschaft Romanas war, so sehr haßte er ihr Reden und ihr Schweigen.

Wenn alles stille war, im Schnee, denn es war mittlerweile Winter

geworden, quälte es ihn, daß er um ihren Atem wußte. Manchmal schlich er

des Nachts durch die Stube und an den Bretterverschlag, hinter dem sie

schlief. Sah er noch Licht in den Spalten, so schlug er roh an die Wand,

und sie blies die Kerze aus. Vernahm er ihr Schnarchen, so biß er die

Zähne zusammen und gab sich seiner unergründlichen Erbitterung hin.

In der Schläferin war die Menschheit; nur in ihr noch. Sie drängte sich

ihm auf, sie war fordernd da. Was wollte sie, stumpfen Leibes, wie sie

lag, gefühllos und gemein? Träumte sie von dem blöden Bauernburschen,

den sie geliebt hatte und der nun in der Schlacht war? Und hatte sie

darum ein Anrecht auf ihn, Robert Lamm? Aber war nicht etwas Zufälliges

in ihrem Dasein, in ihrer Gestalt? Ein wenig verfeinert die Kontur, ein

wenig glatter die Haut, ein wenig beseelter das Gesicht, und sie war

eine andere, unheilvoll verwandelt.

»Olivia,« murmelte er vor sich hin.

Eines späten Abends wurde an die Haustür gepocht. Der Hofrat ging hin

und öffnete. Ein junger Mensch mit abgerissenen Gewändern und verstörtem

Gesicht stand draußen. Stammelnd bat er um Einlaß. Da es stürmte und

schneite, mochte ihn Lamm nicht zurückweisen. Auf die Frage, wo er

herkomme und weshalb er sich im Gebirg herumtreibe, gab er nur

verworrene Antworten. Romana führte ihn auf den Dachboden, wo er auf

einem Strohsack nächtigen konnte. Als sie zurückkam, sagte sie, es sei

ein Knecht aus ihrem Dorf, er sei bei der Musterung ausgehoben worden

und sei geflohen. Der Hofrat fuhr auf; »dann sag' ihm, er soll sich

packen!« rief er. Man könne doch keinen Menschen in diese Nacht

hinausjagen, war die Erwiderung. Lamm zündete die Laterne an, stieg auf

den Dachboden, und da er den Mann in tiefem Schlafe fand, leuchtete er

ihm ins Gesicht. Eine Sekunde lang schien es ihm, als werfe ihm ein

Spiegel sein Bild entgegen, soviel Trotz und eingefleischter Schrecken

war in diesen Zügen. Er glaubte, lauter Arme zu gewahren, die sich aus

der Finsternis nach dem Fahnenflüchtigen streckten, und von dort, wohin

er den Rücken kehrte, griffen sie auch nach ihm. In einer Wallung von

Zorn rüttelte er an der Schulter des Schläfers; der ließ nur ein Stöhnen

hören und schlief weiter. Und wie hinter dem Bretterverschlag die

schlafende Romana die Gestalt Olivias angenommen hatte, wurde dieser

fremde Mensch in ihn selbst verwandelt, und es war nicht zu

unterscheiden, ob der Schlaf dieses andern eine Wahnvorstellung war oder

sein eigenes Wachen. Es war ein grausiges Ineinanderschmelzen von Mensch

und Mensch, von Seele und Seele, ein grausiger Verlust der Leibesgrenze,

ein Übergreifen von Bewußtsein zu Bewußtsein.

Bis zum Morgengrauen schritt Lamm in seiner Stube auf und ab. Sobald es

Tag war, wollte er hinunter in den Ort, um die Anzeige zu machen. Aber

bevor er sich noch für den Gang gerüstet hatte, sah er zwei Gendarmen

mit einem Polizeihund auf das Haus zukommen. Sie hatten die ganze Gegend

abgestreift, da der Hund im Schnee die Spur verloren hatte und wollten

sich auch hier nach dem Flüchtling erkundigen. »Der Mann ist droben, den

ihr sucht,« redete sie der Hofrat an und zeigte auf die Stiege zum Dach.

Der junge Knecht wurde verhaftet und mit Handfesseln versehen. Lamm

gebot der Magd, daß sie den Gendarmen einen Imbiß reiche, und während

sie warteten und aßen, packte er eilig seinen Koffer. Dann begleitete er

die Leute ins Tal und war auffallend gesprächig, in einer seltsam

unterwürfigen Art, als habe er irgendeine Schuld auf sich geladen und

könne es durch beflissenes Wesen verhindern, daß man ihn bezichtigte.

Beim Brandwirt ließ er sein Gepäck von der Almhütte holen. Am Abend fuhr

er in die Stadt.

Er mietete sich in einem Hotel ein. Mehrere Tage ging er nicht aus dem

Zimmer, endlich entschloß er sich, seinen Diener zu benachrichtigen.

Gerold kam und brachte ihm Kleider und Wäsche, die er verlangt hatte.

Auf die Frage, ob er bei ihm bleiben solle, schüttelte der Hofrat den

Kopf und erwiderte, er werde ihn rufen, sobald er seiner bedürfe.

Die Veränderung, die mit dem stillen, plumpen Menschen vorgegangen war,

schien er nicht zu bemerken. Die Augen Gerolds schwammen in roter

Flüssigkeit, seine Arme zuckten beständig, beim Reden stotterte er und

verlor den Zusammenhang.

Aber Robert Lamm sah die Leute nicht an. Wenn er ausging, wählte er die

Abendstunden und vermied die hellbeleuchteten Straßen. Er schritt mit

gesenkten Lidern und stützte sich auf seinen Stock wie ein Greis. Es lag

eine unheimliche Komödie darin, daß er auch den Gang eines Greises

nachahmte. Er wollte vor sich selber und vor den Menschen alt sein. Er

trug sich nicht mehr mit jener gewählten Feinheit, durch welche er stets

aufgefallen war, sondern sorgte mit listiger Berechnung für kleine

Merkmale der Verlotterung; der flachkrempige Zylinder, der etwas wie ein

Wahrzeichen seiner Persönlichkeit bildete, war nicht mehr so glänzend

gebürstet, obwohl er noch immer ein bißchen schief auf dem Kopfe saß.

Es kam häufig vor, daß er trotz der Verstellung, die er übte, trotz des

Versteckenspiels, das er trieb, gegrüßt wurde. Doch dankte er nie.

Einmal trat ihm ein guter Bekannter in den Weg, gebärdete sich entzückt,

ihn zu sehen, und wünschte ihm Glück zu seiner großen Tat. Verdrossen

fragend schaute ihn der Hofrat an. Es erwies sich, daß jener das

Verwundetenspital meinte, zu welchem das Landhaus umgewandelt worden

war. Begeistert rühmte er die dortselbst getroffenen Einrichtungen,

sowie die außerordentlichen Leistungen Olivia Khuenbecks, über die man

immer neue Wunder zu hören bekomme und von der die ganze Stadt schwärme.

Mürrisch erwiderte der Hofrat, das gehe ihn alles nichts an, die Villa

sei längst keine Privatanstalt mehr, sondern befinde sich als

öffentliches Kriegslazarett unter staatlicher Aufsicht. Er könne kein

Verdienst beanspruchen, und Lobsprüche seien ihm gegenüber am falschen

Ort.

Einem ehemaligen Kollegen, von dem er gleichfalls aufgehalten und mit

Fragen belästigt wurde, flüsterte er mit heuchlerischer Bekümmernis zu,

der Arzt habe ihm das Sprechen verboten; er deutete auf seinen Kehlkopf

und ließ den Verdutzten stehen.

In den Speise- und Kaffeehäusern, die er besuchte, setzte er sich in

einen Winkel; um sich vor zudringlichen Blicken zu schützen, hielt er

eine Zeitung vor das Gesicht, ohne jedoch zu lesen. Die Menschen lärmten

ihm zu viel; seine Miene verzerrte sich gehässig, wenn sie lachten oder

aufgeregt kannegießerten. Nach seiner Ansicht hätten sie stille sein

müssen, ganz still, und am Abend hätten keine Lichter brennen dürfen.

Hörte er irgendwo Musik, so geriet er außer sich und fand, daß man das

Schicksal frech herausforderte. Wurden Extrablätter ausgerufen und alle

Hände griffen gierig danach, so blieb er teilnahmlos und rührte sich

nicht. Er war überzeugt, daß fast alles, was in diesen Blättern stand,

erlogen war. Die zahllosen Flüchtlinge, welche die Stadt füllten,

erregten seinen Ärger, anderseits bereitete ihm der Gedanke an die

Ursache ihrer Gegenwart eine hämische Genugtuung, und er machte boshafte

Glossen über das dumme Volk, das die Gefahr nicht zu ahnen schien, die

sich darin verkündete. Begegnete er Gruppen von Soldaten, geheilten

Verwundeten, die in schmierigen Uniformen und mit erbarmenswürdig

blassen Gesichtern durch die Straßen zogen, so ballte er wie im Zorn die

Faust und lächelte düster.

Dreimal wechselte er sein Quartier, weil er sich einbildete, daß während

seiner Abwesenheit Leute in seinem Zimmer gewesen seien, um zu

spionieren. Auch war es ihm überall zu teuer und zu laut. Er prüfte

mißtrauisch die Rechnungen und gab keine Trinkgelder. Zuletzt wohnte er

in einem geringen Gasthof in Währing. Seine wachsende Vereinsamung

steigerte die hypochondrischen Gefühle; oft lag er tagelang im Bett.

Es war zu Beginn des Dezember, als von den Grenzen her Vernichtung und

Untergang drohte. Es schien, daß nur ein dünner Schleier noch zu reißen

brauchte, und das Antlitz der Meduse starrte schauerlich in eine Welt,

die bis zur Stunde noch mit Not und Grauen gespielt hatte. Alles Leben

stockte wie im Zimmer eines Sterbenden: die Menschen sahen sich an, und

einer suchte Hilfe im Auge des andern. Da kam über Robert Lamm eine

eigentümliche Schwäche, und er spürte seine Verlassenheit wie ein

Zentnergewicht. Als er einmal an einer Blumenhandlung vorüberging,

stockte sein Schritt. Er mußte lachen. Es kam ihm so widersinnig vor,

daß hinter der Glasscheibe Blumen standen, jetzt, im Winter und am Abend

aller Dinge. Plötzlich erfaßte ihn die Sehnsucht nach seinen

Treibhäusern; er spürte sogleich die feuchtschwirrende Luft und den

warmen Geruch der Erde. Er erinnerte sich an seine Lieblingspflanzen und

an das Gefühl der Verschwisterung, das er gegen sie empfunden hatte. Die

letztvergangenen Monate dünkten ihm eine Zeit der Verbannung und der

Entbehrung, er begriff seine Flucht nicht, sein trotziges Fernbleiben;

er wollte hin, doch fand er sich gehemmt, und er beargwöhnte sein

Verlangen, als sei es nur ein Vorwand für ein anderes, das er sich nicht

eingestehen mochte. Der alte Selbsthaß schlug empor und mischte sich mit

dem Groll gegen eine Gestalt, die ihm einst teuer gewesen, weil er Macht

über sie gehabt, soviel Macht, daß er sich hatte einbilden dürfen, sie

sei ein von ihm abhängiges; ja von ihm geschaffenes Wesen, gleich einer

Blume, die er hegte und deren Wachstum und Farbe er bestimmte. Da kam er

zur Oper und mußte stehen bleiben, da eine Wagenkette den Weg

versperrte. Eine schöne Frau stieg aus einem Fiaker, dem Anschein nach

eine Polin, ein kostbarer Mantel umfloß den schlanken Körper, auf dem

dunklen Haar trug sie eine tiefrote Rose. Lamm hätte die Rose von ihrem

Haupt reißen mögen; es war etwas so Verwegenes und Lüsternes um sie; die

Welt erschien ihm maßlos entartet, aus aller Form und aller Vernunft; er

sah ein andres Gesicht unter der Rose, es verblaßte, erglühte, verblaßte

wieder; er wollte das Bild halten, verfolgte es, irrte ziellos umher,

wurde müde, raffte sich wieder auf, stieg in einen elektrischen Zug,

ging wieder ein Stück, und es war später Abend, als er vor seiner Villa

anlangte.

Kraft- und Krankenwagen standen am Gartentor. Soldaten eilten ein und

aus, über dem Hauseingang hing ein großes, rotes Kreuz, alle Fenster

waren hell beleuchtet. Einzutreten konnte er sich nicht entschließen. Es

war Flucht, als er sich zum Gehen wandte. Er verachtete sich, war ein

Narr in seinen Augen. Sein eigenes Haus, ein Ort der Leiden und der

Pestilenz, Teil einer Welt, aus der er sich ausgeschlossen hatte, ihm

entrissen von einer Kreatur, die er zu sein, zu denken, zu empfinden

gelehrt hatte!

Am nächsten Tag kehrte er zurück, sprach mit dem Gärtner, einem würdigen

Mann, der seit zwanzig Jahren bei ihm und mit ihm lebte. Er ging in die

Glashäuser, begleitet von dem Alten. Er ließ Gerold rufen und merkte

noch immer nichts von der Verstörung des Mannes. Er wollte nichts von

Olivia hören, doch der Gärtner fing an, sie zu preisen. Jedes Wort war

Staunen, jeder Blick Bewunderung. Mit welcher Umsicht und

Geschicklichkeit sie alles in Angriff genommen; zuerst das Ausräumen des

Hauses, dann die Neueinrichtung; wie sie mit den Behörden verhandelt,

die Handwerker zur Eile getrieben, die Geschäftsleute gefügig gemacht

habe; wie unermüdlich sie am Werk gewesen und wie nichts ihrer Beachtung

entgangen sei, von den Vorräten für die Küche bis zu den Instrumenten

für den Operationssaal. Dann kam die Frau des Gärtners hinzu und

erzählte gleichfalls; man sah, daß das Schauspiel opfervoller Tätigkeit,

das Olivia gegeben, alle andern Ereignisse im Sinn dieser Menschen

verdrängt hatte. Der Hofrat fragte, wie die Petunienstöcke fortgekommen

seien; der Gärtner gab befriedigende Auskunft. Sein Weib ließ sich aber

nicht zum Schweigen bringen und schilderte trotz der abwehrenden Gebärde

des Hofrats, wie das Fräulein die Pflegerinnen aufgenommen, nicht bloß

Berufsschwestern, sondern auch vornehme Damen, die freiwillig Dienst

täten, und wie sie nicht geruht habe, bis sie die besten Ärzte bekommen.

Anfangs habe ihr Frau von Scheyern gute Hilfe geleistet, auch andere

Damen hätten sich angeboten, die Arbeit mit ihr zu teilen, aber es sei

ihr alles zu wenig gewesen, was man getan, niemand konnte vor ihrem

Eifer bestehen. Der Gärtner nickte; es sei kaum zu fassen, fügte er

hinzu, an allen Orten scheine sie zu gleicher Zeit zu sein, auf dem

Bahnhof, um die Transporte zu überwachen, bei den Ämtern, um neue

Vergünstigungen zu erhalten, in den Krankenzimmern und in der Küche, bei

Tag und bei Nacht, und wann sie schlafe, wisse eigentlich kein Mensch.

Lamm erhob sich und schritt erregt auf und ab.

Gerold sagte dumpf: »Soviel ich höre, sollen jetzt Baracken im Park

gebaut werden.«

Der Hofrat fuhr jäh herum. »Baracken im Park? Da hab' ich noch was

dreinzureden, dünkt mich!«

»Ich denke auch,« murmelte Gerold und preßte die Hand um seinen Hals.

Auf einmal ertönte vom Haus herüber ein langgezogener Schrei. Robert

Lamm lauschte erschrocken. Die andern schienen derlei schon gewohnt.

»Armer Teufel,« sagte die Frau des Gärtners. Gerold war sichtlich

zusammengeschaudert.

Der Schrei wiederholte sich, in einer höheren Tonlage, aus heftigerem

Schmerz heraus. Lamm verließ die Gärtnerstube, sah sich draußen um, der

Schrei dauerte noch an, setzte ab, begann abermals. Von dem Trieb

beseelt, sich dem Bereich der gräßlichen Stimme zu entziehen, schlug

Lamm den Weg zum Tor ein. Plötzlich aber blieb er stehen und kehrte um.

Es zog ihn unwiderstehlich zurück, die Muskeln in seinem Gesicht

verkrampften sich, zaudernd und beklommen schritt er zum Haus. Es war

schon Abend, weicher Schnee klatschte unter seinen Füßen. Gerold folgte

ihm wie ein Schatten. Er stand vor einem beleuchteten Fenster; in den

Raum konnte er nicht blicken, da ein weißer Vorhang hinter den großen

Scheiben hing. Er stand da und lauschte zitternd dem fürchterlichen

Schrei.

»Herr Hofrat,« flüsterte Gerold, »man kann's hier nicht aushalten, man

kann nicht mehr leben in dem Haus.«

Die Umrisse einer Gestalt fielen plötzlich auf den hellen Vorhang. Das

Fenster wurde jäh geöffnet. Die es öffnete und nun in den Ausschnitt

trat und einen Blick in den Abend warf und die beiden sah und Robert

Lamm erkannte, war Olivia.

Robert Lamm nannte ihren Namen. Er stützte sich mit bebenden Armen auf

den Sims und war ihr so nah wie damals, als er ihren Händen das

Jagdmesser entwunden hatte. Doch die Schwesterntracht verlieh ihr eine

Würde, die ihn unwillkürlich veranlaßte, einen Schritt zurückzuweichen.

Der Mann im Saale schrie und schrie, gellend, markerschütternd. »Er wird

sterben,« sagte Olivia, und trotzdem sie in die Dunkelheit

hineinschaute, sah man, wie ihre Augen glanzlos wurden.

Als sei er von einer überirdischen Erscheinung geblendet, senkte Robert

Lamm den Kopf.

Nach einer Weile ging er in das Giebelzimmer hinauf, das er ehedem

bewohnt hatte und das von der Verwandlung des Hauses nicht berührt

worden war.

* * * * *

Da brannte wieder die Lampe, da blickten ihn die Bücherreihen an, und es

herrschte auch Stille; aber die alte Stille war es nicht, die Stille des

Gartens und der leeren Zimmer, nicht mehr die Stille, die er beherrscht

hatte.

In dumpfer Trauer schritt er auf und ab. Es dünkte ihm, als habe er kein

Recht, hier zu sein, als müsse er sich das Recht erst erkämpfen. Gegen

wen aber erkämpfen? Offenbar doch gegen Olivia. Er wünschte, sich mit

ihr auseinanderzusetzen, dabei fühlte er, daß ihr an einer

Auseinandersetzung gar nichts gelegen war, daß seine Person und was er

dachte und der Grund, weshalb er nun plötzlich im Hause war, in ihren

Augen gar nichts bedeutete. Er drückte auf den elektrischen Knopf der

Leitung, die in Gerolds Kammer ein Signal gab. Gerold kam nicht. Er

öffnete die Türe und rief hinaus. Keine Antwort. Er brüllte Gerolds

Namen über die Treppe hinunter. Eine weibliche Stimme fragte unwillig

erstaunt nach der Ursache des Lärms. Er fuhr fort, nach Gerold zu rufen.

Endlich erschien Gerold. Er wolle sofort das Fräulein Khuenbeck

sprechen, herrschte ihn Lamm an. Nach einigen Minuten kehrte Gerold

zurück und sagte, Schwester Olivia habe jetzt keine Zeit, sie werde

später kommen. »Bleib in deinem Loch, was streunst du im Hause herum,

wenn man dich braucht!« keifte Lamm und schlug die Tür hinter sich zu.

Gleich danach pochte es an der Tür, und Gerold schob sich über die

Schwelle. »Der Herr Stabsarzt läßt dringend ersuchen, die Türe nicht zu

schmettern,« sagte er furchtsam.

Lamm blickte finster verwundert empor. »Hinaus mit dir!« erwiderte er.

Er zog ein Buch aus dem Schrank und blätterte darin. Dann warf er es

weg. Die Hände auf dem Rücken, lief er ungestüm die Kreuz und Quer

durchs Zimmer. Ein leises Klopfen überhörte er, und er richtete sich

steif auf, als Olivia eintrat. Erst scheute er sich, ihrem Auge zu

begegnen, bald aber faßte er Mut. Ihr Gesicht hatte einen

träumerisch-verschleierten Ausdruck, der in starkem Gegensatz zu einer

gewissen Beschwingtheit und einem selbst im Ruhen willensvollen

Fortstreben aller Bewegungen stand. Sie war verändert, ganz und gar; er

wußte auch, daß ihre Stimme verändert klingen würde. Alles an ihr

erregte seinen erbitterten Widerspruch, ihre Haltung, ihr Antlitz, ihr

Blick reizten ihn gleichsam zu einer blindgehässigen Verneinung; er

schämte sich dessen und geriet doch noch mehr in Wut, gegen sich, gegen

sie, gegen ein ungreifbares Etwas, das zwischen ihnen war.

»Du reibst dich auf,« sagte er in übellaunigstem Ton, »du übernimmst

dich, du richtest dich zugrunde. Man braucht dich nur anzusehen, um zu

wissen, wie leichtsinnig du mit dir umgehst. Es schmeichelt dir

vielleicht, wenn die Leute viel Aufhebens davon machen, und es liegt in

einer solchen Zeit nahe, sich zu betäuben und im allgemeinen Elend das

eigene zu ersticken. Aber ich sehe nicht ein, warum man mit so

verhängnisvoller Leidenschaft wider sich und seinen Körper wüten soll.

Dafür bist du nicht geschaffen, das ist Verblendung.«

Olivia, die gegen die Tür gelauscht hatte und sichtlich unruhig war wie

ein Soldat, der seinen Posten verlassen hat, wandte ihm mit befremdeter

Miene das Gesicht zu. »Was weißt du von mir?« fragte sie. »Was weißt du

denn eigentlich von mir?«

Ihre Stimme klang wirklich verändert, tiefer, frauenhafter; sie enthielt

mehr Brechungen und entschiedenere Akzente.

»Ich weiß, was ich sehe,« versetzte er kurz.

»Hast du mich deshalb von der Arbeit wegrufen lassen, um mir Vorwürfe zu

machen?« fuhr sie fort. »So will ich dir sagen, daß du dazu kein Recht

hast und daß ich dir das Recht auch nicht einräume. Du bist nicht Herr

über mich. Du bist es kaum über dich. Was willst du?«

Sie schaute ihn an, und er fühlte sich ganz in ihrem Auge drinnen; es

umgab ihn förmlich, und er war klein, wie er nie gewesen, vor ihr nicht

und vor keinem. Er begriff, daß sie einen weiten Weg zurückgelegt hatte,

seit er zuletzt vertraut mit ihr gesprochen, und daß sie seine Führung

nicht mehr annahm und nicht mehr brauchte.

»Ich habe zu tun,« sagte sie, »ich komme wieder, sobald ich mich für

eine halbe Stunde freimachen kann. Es müssen Baracken gebaut werden, und

dazu ist deine schriftliche Zustimmung nötig.«

»Baracken? In meinem Park?«

»Ja, an der Südseite des Hauses.«

Er brauste auf. »Ah, freilich; da sollen wohl meine Kastanien gefällt

werden! Hundertjährige Bäume!«

»Allerdings,« erwiderte Olivia ruhig. »Bäume,« fügte sie mit einer

Gebärde trauriger und ungeduldiger Verachtung hinzu, »Bäume!«

Sie hatte schon die Klinke in der Hand, da kehrte sie sich noch einmal

um. »Bleibst du hier im Hause, Robert? Du kannst bleiben. Du kannst aus

unserer Küche zu essen bekommen. Gerold soll mich benachrichtigen, wenn

du dich entschlossen hast. Der Mann ist übrigens zum Säufer geworden.

Vor ein paar Tagen fand ihn Schwester Nina Senoner betrunken auf der

Treppe liegen. Versuch' es, ihn von dem Laster abzubringen. Doktor

Strygowski sagt, er leidet am Blutwahn.«

Olivia oder Die unsichtbare Lampe · 第 4 / 10 段