Wir haben nie viele Freunde gehabt, niemals in Kaschemmen verkehrt.“

Hier haben wir einen klaren Einblick in die Verfassung dieses Menschen.

Er ist sich seines Wertes wohl bewußt. Schätzt diese Abseitigkeit und

frißt zugleich die Wollust der Ausgestoßenen in sich hinein, die als

Rache wiederkehrt und sich gegen die Gesellschaft wendet. Sein Stolz

verbietet ihm, in die dumpfen Niederungen zu tauchen, in denen die

Zunftgenossen zu leben gezwungen sind. Wo sie ihrer menschlichen oder

unmenschlichen Leidenschaft nachgehen können und die Tage der Freiheit

so verbringen, wie es ihnen paßt. Sie sonnen sich an ihren Erfolgen,

berauschen sich an neuen Möglichkeiten und haben jedes Bewußtsein für

die Unrichtigkeit ihrer Existenz im Zusammenhang mit der anderen Hälfte

der Menschheit verloren.

All diese Heimlichkeiten offizieller und betrachtender Feier fehlen im

Leben dieses Einzelfalles. Er gleicht einem Beamten, einer Maschine, die

nicht stillstehen kann, ohne wertlos zu werden.

In dieses rauhe Dasein, das von tausend freiwilligen und geliebten und

noch mehr unfreiwilligen und gefürchteten Gefahren umlauert ist, tritt

als Unterbrechung die rührende Idylle einer großen Liebe.

Aus den Erläuterungen über den Ursprung seiner Laufbahn wissen wir,

welcherart sein erstes erotisches Erlebnis war. In der Zeit der

stärksten Bindung an seine Mutter und zugleich Hoffnungslosigkeit, je

wieder menschliche, selbstverständliche Zärtlichkeit zu finden,

überfällt ihn die kalte und brutale Zärtlichkeit einer abgefeimten

Dirne, der er wehrlos, aber voll unauslöschlichen Ekels unterliegen muß.

Dieses Erlebnis hat er niemals verwinden können, und welche Bedeutung es

für ihn haben muß, geht aus der Tatsache hervor, daß der sonst wortkarge

und verschlossene Mensch in vollster Öffentlichkeit vor ganz Deutschland

gewissermaßen die Worte findet, seine Qual und seinen Ekel

hinauszuschleudern.

Zugleich aber bildet diese Wunde, der ständige Reiz, der von ihr

ausging, einen Teil seines ewig wachen und kalten Selbstbewußtseins.

Über das erotische Leben dieses Mannes, über seine allzu menschlichen

Abenteuer weiß man gar nichts. Er hängt mit verbissener und grandioser

Liebe an seinem Bruder und seiner Schwester. Widmet ihnen seine Dienste

über den Tod hinweg in einer seltsamen und düsteren Treue, die auf jeden

Menschen einen ergreifenden und echten Eindruck macht.

So lebte er bislang.

Dann trat eine Frau in sein Leben und alles wurde anders.

Emil lernte sie eines Abends in einem Caféhaus am Alexanderplatz kennen.

Nannte sich Vogel und war als Verliebter eigentlich genau so, wie er als

Typus in der Geschichte der Kriminalfälle unserer Zeit weiterleben wird.

Voll unermüdlicher Höflichkeit. Still und doch lebendig. Aufopfernd. Las

der Freundin jeden Wunsch von den Augen ab. Für Geld hatte er keinerlei

Sondergefühle. Gab es mit vollen Händen aus. Kaufte ihr Kleider und

Wäsche. Er war Schlosser und verdiente. Führte auch seinen Bruder ein.

Zog schließlich ganz zu ihr. Lüftete aber nie das Geheimnis, das sich

hinter dem rätselhaften Vogel verbarg.

Als der Vater der Freundin starb, kaufte er ihr Trauerkleider und ging

ihr zuliebe auch in Trauer.

Nicht nur die Richter legten ihm diese Rolle übel aus. Fanden seine

Zärtlichkeit und die Schonung, die eigentlich aus allen seinen

Handlungen sprach, unaufrichtig, seine Freigebigkeit verschwenderisch.

In Wirklichkeit aber hatte ihn zum ersten Male der Hunger nach Leben

gepackt. Die Erkenntnis vor der endlichen Fruchtlosigkeit seines Kampfes

mochte ihm ganz entfernt und leise dämmern. So klammerte er sich mit

allen Fasern seines liebebedürftigen und bisher verschmähten Herzens an

dieses Erlebnis und war entschlossen, es bis zum Ende auszukosten.

Dieses Ende sollte bald hereinbrechen.

Im Dezember des Jahres 1919 herrschte geradezu eine Epidemie der

Einbrüche und Überfälle. Die Polizei war Tag und Nacht auf den Beinen.

Alle Kommandos waren ständig unterwegs. So suchte am neunten Dezember

ein Kommando unter Führung des Kriminalwachtmeisters Erdmann nach den

Urhebern eines Raubüberfalles auf einen Geldtransport der Post in der

Nähe des Schlesischen Bahnhofes.

Nun waren bei der Polizei Nachrichten eingegangen über die auffallenden

Ausgaben einer Witwe B. in der Guineastraße, bei der zwei Brüder Vogel

wohnten.

Die Gegend war nicht geheuer und der Schluß der Polizei, daß diese

Gelder aus unlauterer Quelle stammen müßten, vielleicht aus jenem Raub,

lag nahe.

So machten sich also die Beamten auf den Weg zur Guineastraße – fünf an

der Zahl.

Frau B. feierte ihren Geburtstag und es ging hoch her. Etwa ein Dutzend

Personen war um den Tisch des Hauses versammelt. Es gab Wein, Schnaps,

Kuchen und reichlich zu essen und zu trinken.

Die Beamten betraten die Wohnung und erklärten, daß sie eine

Hausdurchsuchung abhalten müßten.

Man war einverstanden. Die Personalien der Anwesenden wurden

festgestellt, und die Beamten fanden an dem Namen Vogel nichts

Verdächtiges. Sie waren ahnungslos und fremd in die Wohnung des Löwen

geraten.

Diese Ahnungslosigkeit der Beamten sollte das Verhängnis beider Teile

werden.

Es war ein schwerer Fehler der leitenden Stellen der Polizei, daß sie

ohne genügende Beobachtung Mannschaften, die den Charakter der Brüder

Strauß nicht kannten, gegen diese vorsandten. Sie hätten eruieren

müssen, wer diese Brüder Vogel sind. Und dann ausgewählte Beamte, wie

das bei der eigentlichen Verhaftung dann auch geschah, auf Streife

schicken sollen.

Das ganze Renkontre mit dem tragischen Ausgang ist auf diese

Unachtsamkeit zurückzuführen. Es wäre unter den richtigen

Voraussetzungen nie zu diesen blutigen Exzessen gekommen. Der Ruf des

Beamten mußte den verwirrten Strauß, der doch sofort bemerkte, daß er

einen durch seine Unkenntnis gefährlichen Gegner vor sich hatte, als die

Drohung mit Schießen erscheinen, so daß psychologisch das Moment der

Notwehr gegeben war.

So wurde er das Opfer polizeilicher Unvorsichtigkeit, geriet

gewissermaßen in eine unfreiwillig gestellte Falle, der er nicht

entrinnen konnte.

Wie man wirklich seiner habhaft werden konnte, ohne viel

Aufhebens und vor allem ohne jeden Widerstand, bewies später der

Kriminaloberwachtmeister Dettmann.

Die drei Kriminalbeamten begannen mit ihrer Arbeit. Fanden eigentlich

nichts. Bis einer auf dem Ofen einen großen Packen Geldscheine liegen

sah.

Emil entfernte sich, um eine Leiter zu holen. Erich hatte sich beim

Eintritt der Beamten unbemerkt zurückgezogen.

Aber der Beamte behalf sich mit einem Stuhl, holte das Geld und setzte

sich an den Tisch, um zu zählen. Zwischendurch fragte er Frau B. nach

dem Ursprung einer so großen Summe, die sie als die Erbschaft von ihrem

Vater erklärte. Diese Auskunft genügte nicht und er fragte, weshalb denn

das Geld oben auf dem Ofen liege. Im allgemeinen pflege man doch einen

solch hohen Betrag in der Bank oder an einem sichereren Ort zu

verwahren.

Hier mischte sich Emil, der bis jetzt ganz ruhig, äußerlich zumindest,

geblieben war, in die Unterhaltung und motivierte dieses Versteck, das

nach seinem Dafürhalten durchaus sicher sei. Die Beamten durchsuchten

nun weiter die Wohnung, und Emil zog sich einen Augenblick in eine

kleine Kammer zurück. Seine Abwesenheit wurde aber von Erdmann bemerkt,

der ihn fragte, was er da mache.

Da erscholl das Knacken eines Revolvers, der Beamte sprang auf und

schrie: „Hände hoch!“

Niemals hatten die Brüder Strauß bis jetzt irgendeinen Angriff auf das

Leben eines Menschen unternommen. Sie waren dafür bekannt, daß sie nie

Waffen trugen. Woher kam diese plötzliche Wendung?

In der Verhandlung erzählte Emil etwa folgendes:

„Eines Tages erschien Erich mit zwei Revolvern und übergab sie mir für

den Fall, daß wir bei einer unserer Klettertouren abstürzen sollten.

Dann wollten wir uns erschießen, um nicht lange in Qualen sterben zu

müssen oder als Krüppel herumzulaufen. Nie aber, und das machte ich ihm

zur heiligsten Pflicht, darf auf einen Polizisten geschossen werden. Sei

es wer immer!“

Diese beiden Revolver lagen ungeladen in der kleinen und finsteren

Kammer versteckt.

In irgendeiner Assoziation, die wohl nur aus seiner alkoholisierten

Stimmung, aus seinem Erlebnis mit der Frau zu erklären ist, vielleicht

auch aus Verzweiflung und trüber Ahnung nahm Emil die eine Waffe und

versuchte zu laden.

Dabei schnappte wohl der Hahn und der Ruf des Beamten schreckte ihn auf.

Riß ihn in die entsetzliche Wirklichkeit zurück.

Er trat in die Stube und auf das Kommando: „Hände hoch!“ begann er zu

schießen. Streckte den Wachtmeister Erdmann nieder. Die beiden andern

Polizisten schossen ihrerseits zurück, und plötzlich tauchte auch Erich

auf, der sich an dem Gefecht beteiligte und wie wild um sich knallte.

Entsetzt flüchteten die Gäste in wildem Tumult.

Die Polizisten waren sämtlich mehr oder minder schwer verletzt. Die vor

der Türe postierten beiden Probanden halfen ihren verwundeten Kameraden.

Emil schnappte einen Teil des Geldes vom Tisch. Er hatte einen leichten

Streifschuß erhalten. Die Treppe hinauf ging es und über die nächtlichen

Dächer auf gewohnten Pfaden ins Freie.

Aber er hatte auf dem Tisch seine Brieftasche vergessen. Als man sie

öffnete, war die Lösung des Rätsels gegeben.

Die Brüder Strauß waren abermals entwischt.

Wenige Tage nach dem Kampfe erlag der wackere Wachtmeister Erdmann

seinen schweren Verletzungen. Seinem Kollegen Krumpholz, der einen

Kopfschuß erhalten hatte, mußte ein Auge entfernt werden.

Die beiden Brüder erkannten, daß jetzt ihr Leben auf dem Spiele stand.

Die ganze furchtbare Gewalt ihres Schicksals stand klar vor ihren Augen.

Bislang wußten sie, daß sie auf Gnade zu hoffen hatten, und daß die

Polizei bis zu einem gewissen Grade gute Miene zum bösen Spiel machte.

Sie in den Grenzen des Erlaubten schonend und menschlich behandelte. All

diese Sympathien, auch in der Öffentlichkeit, hatten sie sich

verscherzt. Der Ton der Presse, bis jetzt voll heimlicher oder offener

romantischer Bewunderung, schlug in grelle Entrüstung zu Schreien nach

Sühne und Vergeltung um. Und das mit Recht.

Selbst gesetzt den Fall, die Schüsse waren ein Akt der Notwehr, der

Verzweiflung und Verwirrung ... ein kühler und beherrschter Intellekt

wie der des älteren Bruders hätte die Gefahr spüren, wittern müssen, der

er entgegenstürzte in dem gleichen Augenblick, da er die Waffe berührte.

Die beiden irrten durch Berlin, um einen Unterschlupf zu finden. Wohl

selbst ihrer Sache überdrüssig und gewiß, daß sie nicht lange mehr

verschnaufen würden.

Den Ermittlungen der Polizei war es gelungen, ihren Aufenthaltsort

ausfindig zu machen. Am siebenten Januar 1920 erschien

Kriminaloberwachtmeister Dettmann bei der Inhaberin eines Logis im

Norden und verlangte Einlaß in eine Hinterkammer, in der zwei Männer

unangemeldet wohnen sollten. Ein kurzes Palaver.

„Aufmachen, Emil, hier ist Dettmann ... wir haben Handgranaten.“

„Wenn ihr vernünftig seid, wir sind es auch.“

Dann wurde die Tür geöffnet. Die beiden Brüder standen, nur mit dem Hemd

bekleidet, mit hochgehobenen Armen in der Kammer. Sie ließen sich ohne

Widerstand festnehmen und abführen.

Mit dieser ihrer Festnahme hat die „Laufbahn“ der beiden vorläufig ihr

Ende erreicht.

Ein Jahr blieben sie in Untersuchungshaft.

Die Anklage lautete auf Mord, Gefangenenbefreiung, Einbruch.

Jetzt begann der Kampf ums Leben.

Der Fall Strauß · 第 11 / 17 题