Dieses Kapitel möchte man überschreiben: Auf dem Gipfel der Macht. Der
Beschreibung der Eleganz und guten Manieren dieses Philosophen unter den
Einbrechern möchte ich zunächst die etwas tragischere seines
Schattenbildes angliedern. Gleichfalls von Herrn Dr. Loewenthal-Landegg
entworfen:
„Dann, nicht lange darauf war’s, in einer kleinen Kneipe in NO ...
An einem im Halbdunkel stehenden Tische saß Emil Strauß in einem
größeren Kreise gleichaltriger Leute. Wieder fiel mir sein tadelloses
Äußere auf und die Ruhe seines Wesens; ein auffallender Kontrast zu der
unsteten, wüsten Umgebung. Nichts störte die gediegene Note der
Erscheinung ... keine unmögliche Krawatte und kein greller, schreiender
Velourhut, wie ihn sonst die Männer vom Brecheisen und Dietrich tragen,
wenn sie in Zivil gehen.
Er schien mich sofort zu erkennen. Nur ein kurzes, unmerkliches Nicken
sagte mir, daß er auf meine Verschwiegenheit rechnete. Stumm saß er,
ohne an den Gesprächen und Zoten der Gefährten teilzunehmen. Allein die
beweglichen Augen sprachen und durchforschten jeden der Anwesenden und
Kommenden. Sein Glas mit schalem Bier stand unberührt die halbe Nacht.
Er nippte nicht einmal daran. Die um ihn behandelten ihn mit
eigenartiger Scheu, wie einen Ehrengast, den man achtet.
Später sammelten sie für einen, der „alle“ geworden war, und dessen
hungernde Familie. Jeder von den Männern und ihren Bräuten gab etwas. Er
aber leerte ohne Besinnen die ganze Brieftasche auf den Haufen, und ehe
sie noch etwas dazu sagen konnten und wollten, verschwand er schnell
hinaus in die Nacht.“
Hier ist das eigentliche Milieu dieser letzten Verwandlung des
vielseitigen und unruhigen Geistes.
Von Freund zu Freund lief er jetzt und sammelte Material. Geht zum
Anwalt, um ihn zu konsultieren. Beschreitet gewissermaßen den Rechtsweg
wie ein Herr, der zu verlangen hat. Ein Verbannter.
Es gibt keine andere Möglichkeit als die Gewalt.
Ringsum nur Gefahren. Die Häscher sind ihm unablässig auf den Spuren.
Aber er kennt weder Müdigkeit noch Furcht.
Sicherlich kommt noch eines hinzu. Vielleicht unbewußt. Jedenfalls mußte
er der damaligen Volksstimmung unterliegen. Das Fluidum der Revolution
hat gewiß auch seinen Nacken gesteift. In ihm loderte der Protest am
stärksten. Die Tausende kämpften einen allgemeinen Kampf für irgendein
Ideal, für eine Zukunft, für große Schlagworte, wie Freiheit,
Achtstundentag, bessere Löhne, Beteiligung am Umsatz.
Die Massen waren aufgescheucht und wirbelten in dem Körper des Staates,
der im Fieber zuckte. Allenthalben wurde gekämpft. Aufruhr brüllte durch
die endlosen und starren Straßen, gegen das Parlament. Seltsame Gerüchte
schwirrten um. Die Unsicherheit des Daseins, das Abenteuer hatte
unzählige Menschen der angeborenen Schüchternheit entrissen und sie in
den allgemeinen Wirbel geschleudert.
Strauß aber hatte seinen persönlichen Krieg, seine individuelle
Revolution durchzukämpfen. Solange der einzige Mensch auf Erden, dem er
sich verbunden fühlte, dem er Treue zu halten verpflichtet war, weil er
auch ihm Treue hielt, ja von seinem Leben abhängig war, solange der
Bruder im Kerker schmachtete, gab es für ihn keine Ruhe. Langsam reifte
in ihm der tollkühne Plan zu seiner Befreiung.
Mit zwei Freunden macht er sich am siebenundzwanzigsten November, abends
auf den Weg. Mit dem letzten Zug fahren sie hinaus nach Naugard.
Gutgekleidete Reisende. Unauffällig. Wenig Gepäck. Es enthält Wäsche und
Kleider. Eine Strickleiter. Werkzeuge aus dem besten Stahl.
Der eine der Begleiter wußte genau die Zelle, hatte den Plan erläutert.
In der Nacht halten die Drei vor dem riesigen, in drohende Finsternis
gehüllten Zuchthaus.
Das Feld weit und breit mit hohem Schnee bedeckt. Er dämpft jeden Laut,
leuchtet genügend, um die Fenster erkennen zu können. Aber es gilt, auch
schnell zu handeln, denn jeden Moment kann irgendein Zufall zu
Überraschungen schon hier draußen führen.
Eine kurze Beratung, die Fenster werden gezählt. Und schon sausen
Schneeballen hinauf, um den Schlafenden zu wecken, zu alarmieren.
Aber es rührt sich nichts. Offenbar ahnt er gar nichts. Es wurde nie
aufgeklärt, ob Erich von der Befreiung unterrichtet war. Auch die Namen
der Begleiter wurden nie entdeckt. Deshalb liegen die Einzelheiten
dieser Heldentat vollkommen im Dunkel.
Jedenfalls entschließt sich Emil, mit Gewalt in das Haus einzudringen.
Die Strickleiter saust durch die Luft und hakt fest an den Zacken des
Gitters. Er steht im wohlbekannten Hof vor dem mächtigen eisernen Tor.
Es wird aufgesprengt. Mit einer fabelhaften Präzision und Ruhe muß eine
Tür nach der andern seiner Wut und Entschlossenheit weichen. Schließlich
steht er vor der Zelle des Bruders. Auch diese Tür wird aufgestemmt.
Jetzt gilt es, zu zweit den gleichen Weg zurückzulegen.
Kein Wärter begegnet ihnen – keine Alarmglocke heult durch das Haus.
Auch dieses Wunder gelingt. Erich wird eingekleidet. Dann marschieren
die vier Männer fünf Stunden durch die Nacht zu einem kleinen Bahnhof
und gelangen unbehelligt nach Berlin zurück.
Die Morgenblätter sind bereits voll von dieser verwegenen Tat. Die
Polizei verdoppelt ihre Anstrengungen. Die Stadt hat die beiden
aufgenommen. Verschluckt.
Wenige Tage der Ruhe aber genügen, um den Eifer der beiden zu
verdoppeln.
Sie inszenieren den kühnsten ihrer Einbrüche, den verwegensten, den
Berlin vielleicht je erlebte. In der Nacht vom zweiten zum dritten
Dezember 1919 rauben sie das Seidenhaus der Firma Dressel in der
Niederwallstraße zu Berlin aus.
Am Samstag, dem zweiten Dezember, lassen sich die beiden in dem zum
gleichen Häuserblock, aber auf der abgekehrten Seite liegenden Gymnasium
einsperren. In der Nacht klettern sie über die Dächer der Nachbarhäuser
auf das Dach des Warenhauses. Mit einer Strickleiter gelangen sie in die
Höhe des Warenlagers. Drücken ein Fenster ein.
Fast vor den Augen der Wächter.
Gelangen in das Innere des Hauses und räumen die dort aufgespeicherten
Schätze zusammen. Verschnüren sie zu Ballen.
Auf der Straße warten die Hehler mit Wagen, um die Ware
abzutransportieren.
Nicht weniger als sechsmal mußten sie diesen lebensgefährlichen Weg
zurücklegen. Klettern, springen, gleiten.
Am Sonntag steigen sie ab und gehen zu Kempinski, das alte Berliner
Weinrestaurant, speisen. Kehren ruhig zu ihrer Arbeit zurück und
vollenden sie am Montag früh. Zwei Nächte und einen Tag hielten sie sich
an der Arbeit. Der Wert des Raubes betrug mehrere hunderttausend Mark.
Er selbst löste für die „Sore“ (Beute) nur siebzehntausend Mark, ein
herzlich geringer Betrag, zumal da es Papiermark waren. Der eigentliche
Wert dürfte etwa den gleichen Betrag in Dollars ausgemacht haben.
Natürlich wußte die Polizei sofort, wessen Werk dieser Einbruch war. Das
Einsteigen in Warenhäuser war die Spezialität der Brüder. Große Firmen
wie Michels und Wertheim waren ihrer Geschicklichkeit zum Opfer
gefallen. Auch hier hatte er, an den Fassaden emporkletternd, Stoffe im
Werte von hunderttausenden geraubt und verschärft. Die Ware wurde nie
wieder gefunden. Auch von den Geldern nichts. Einen anderen verwegenen
Zug unternahm er gegen einen großen Juwelier in der Passage
Friedrichstraße, dessen Laden er ausräumte, ohne daß auch nur eine Spur
entdeckt wurde, weder von ihm, noch von den geraubten Kostbarkeiten.
Immer fiel ihm reiche Beute in die Hände, für tausende von Dollars.
Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen. Es gab für sie keine Hindernisse,
Abwehrmaßnahmen. Sie kletterten an den Fassaden über Dächer und Mauern,
wie andere über Straßen gehn.
Dies war der letzte und größte Einbruch der beiden Einbrecherkönige,
deren Namen in aller Munde waren und eine Popularität erlangten, wie
kaum ein gleich mutiger und verwegener Abenteurer vordem.