In seinem Milieu, dem der Verbrecher und Deklassierten, nimmt er eine
Sonderstellung ein, nicht nur wegen seiner Taten, die die ganze Stadt in
atemlose Aufregung versetzten, sondern auch wegen seiner moralischen
Qualitäten. Nirgends weiß man Treue und Verschwiegenheit so zu schätzen
wie bei denen, die immer mit einem Fuß im Grabe oder im Gefängnis stehn.
Niemals hat Emil Strauß, bei aller Offenheit und Ehrlichkeit, die er
bewies, sobald es sich um seine eigenen Taten handelte, auch nur mit
einer Andeutung, einer Miene seine Gefährten verraten, der Polizei
irgendwie geschmeichelt. Manches in seinen Aussagen, in den Berichten
über sein Leben, klingt wie Pose oder Selbstgefälligkeit. Aber man darf
nie vergessen, daß es die Worte, Bilder und Phrasen eines weltfremden
Einsiedlers, in der Einsamkeit und Irrealität der Bücher, in der Zelle
ausgedachte, ausgefeilte Bilder und Sätze sind, logische Extrakte eines
Wissens um die eigene Seele und deren Verhängnis. Daß dieser Mensch
gezwungen war, in sich etwas Besonderes zu sehn, weil er es spürte.
Eitelkeit oder Ehrgeiz sind durchaus menschliche Arten, die Welt oder
sich selbst zu betrachten. In ein Verhältnis zu vereinen, was die Gewalt
der nackten Tatsachen trennte und verheerte.
Gewiß nennen wir das mit anderen, kritischen Worten Romantik. Aber es
handelt sich hier nicht um Kritik, sondern um Darstellung, nicht um
Wertung, denn das ist Aufgabe der Richter, und vollendet und erledigt,
sondern um Analyse eines Menschen, der nicht in diese Zeit der
Kompromisse zu gehören scheint, sondern einen Renaissancetypus
darstellt, eine Mischung von Religiosität und Gewalt, von Kultur und
Triebhaftigkeit.
Noch eins beunruhigte und hemmte die Gefährten nicht minder wie die
Gegner ... die Vollendung seiner Manieren, das Leise, unverändert
Höfliche seiner Art in der Begegnung mit Fremden. Die Sicherheit seines
Auftretens, die Beherrschtheit und Kühle seiner Höflichkeit, aus der ein
eiserner Wille, Beobachtung der eigenen Schwächen ebenso sprechen wie
Sanftmut und Kindlichkeit. Diese seine Vornehmheit wird allerdings
unterstützt von der Noblesse seiner Gestalt.
Er ist hochgewachsen, schlank, von gleichmäßig eleganten Bewegungen. Der
Ton seiner Stimme leise, bestimmt und durchaus vertrauenerweckend. Das
Gesicht groß und mager, sehr bleich die hohe, schön gewölbte Stirn. Er
legt Gewicht auf gute, elegante Kleidung. Ein Zug höherer Lebensart
scheint ihm eingeboren. Denn Kinderstube kann man nicht nachholen. All
das scheint ein Beweis ständigen kritischen Nachdenkens und
Vergleichens, ein dauerndes Kontrollieren seiner eigenen Person im
Vergleich zu seinen Erlebnissen mit Fremden, bewußt oder unbewußt die
Triebfeder seiner ganzen verzweifelten Existenz, ein fast dämonischer
Wille emporzusteigen und ein schreckliches Gefühl der eigenen Begabung.
Zugleich die ewig brennende Frage nach dem Weg, nach dem Warum der
Ungerechtigkeit, der eigenen Willensschwäche, die sich nicht anders denn
im Bösen Ausgleich mit der Gesellschaft verschaffen kann.
Es gibt für seine Taten, wenn man nicht auf das Gebiet der Pathologie
geraten will, natürlich keine menschliche Entschuldigung. Denn wie die
Richter gerade in seinem Fall mit Recht, wenn auch nicht gerade
freundlich, immer wieder betonen, hätte es Strauß bei seinen
ungewöhnlichen Fähigkeiten möglich sein müssen, das Maß des Erlaubten zu
entdecken, und gelang es ihm nicht, seinen Trieb nach Vergeltung zu
zähmen, so mußte er wissen, daß das Gesetz den Wissenden doppelt und
dreifach härter treffen würde.
Zur Erläuterung des bis jetzt Gesagten möchte ich im folgenden seine
eigene Lebensgeschichte, die er als einzige Verteidigung in seinem
großen Prozeß anführte, folgen lassen. Wobei zu beachten ist, wie stark
Strauß die Unzulänglichkeit der Tatsachen und deren Erklärung aus der
momentanen Konstellation selbst empfand. Wie stark dieser gehetzte und
einsame Mensch die Gebundenheit an die tiefen, tragischen Gesetze
empfand, die das Maß seiner Jugend und die Richtung seines ganzen Lebens
werden sollten.
„Meine Herren Richter und Geschworenen! Es soll hier nach Recht und
Gerechtigkeit über Tod und Leben eines Menschen entschieden werden.
Da ist es wohl ganz selbstverständlich, daß man sich nicht nur ganz
eingehend mit der Sache des Angeklagten, sondern zumindest ebenso
eingehend auch mit seiner Person, d. h. mit den ausschlaggebenden
Momenten seines Vorlebens beschäftigt: dies um so mehr, als es sich hier
bei der Person des Hauptangeklagten ... also bei mir ... um einen
Menschen handelt, der seit Jahren bei der öffentlichen Meinung in dem
Gerücht steht, schlechtweg der gefährlichste Schwerverbrecher
Groß-Berlins zu sein.
Diese, im wahrsten Sinne des Wortes traurige Berühmtheit verdanke ich
aber keineswegs mir selbst oder meinen Taten, sondern einzig und allein
der Geschäftstüchtigkeit gewisser Sensationsartikelfabrikanten, Leuten,
die nun einmal nicht anders können, als aus der Haut selbst der
Unglücklichsten ihrer Mitmenschen noch Riemen für sich zu schneiden.
Ich habe diesen falschen Nimbus eines „Ein- und Ausbrecherkönigs“, mit
dem geistesarme Zeilenschinder mich umgeben haben, aber bereits zu teuer
bezahlen müssen, um diese Art von kostspieliger Glorifizierung meiner
Person noch länger ruhig hinzunehmen und so schließlich Gefahr zu
laufen, nicht etwa der objektiven Würdigung bewiesener Tatsachen,
sondern der suggestiven Macht der Druckerschwärze zu erliegen.
Die Leute, die mich nur aus den tendenziös geschminkten sensationell
aufgedonnerten Hohlspiegelbildern der „chronique scandaleuse“ kennen,
müssen mich geradezu für den Abschaum des Abschaums der
Menschheit halten und alle meine Handlungen für solche Unika an
Gemeingefährlichkeit, wie sie eben nur die „Firma“ Gebr. Strauß zu
liefern vermag. Alle diejenigen Personen dagegen, welche mich persönlich
etwas genauer kennen, haben wohlbegründeterweise eine ganz andere, eine
entschieden bessere Meinung von mir.
Und um auch Ihnen, meine Herren, die Sie heute über mich zu Gericht
sitzen sollen, die erforderlichen Unterlagen zu bieten zur Bildung eines
gerechteren Urteils über meine Person, als es sich auf Grund jener im
Nick-Carter-Stile fabrizierter Elaborate bilden läßt, will ich
versuchen, Ihnen so eine Art curriculum vitae von mir zu geben.
Zu diesem Zwecke bitte ich Sie, mich nur noch einige Minuten lang ruhig
anzuhören. Denn das, worauf es hier hauptsächlich ankommt, was meinem
bisherigen ganzen Leben die Richtung gegeben hat, das läßt sich wirklich
nicht, wie man so zu sagen pflegt, in einer Nußschale darbieten. Mit
einigen bloß andeutenden Kohlestrichen läßt sich solch einem Lebensbilde
weder Form noch Farbe, noch Inhalt verleihen. Wollte ich aber
andererseits das ganze krasse Elend meiner Kindheit und Jugendzeit in
ausführlicherer Weise wahrheitsgetreu schildern, so würde ich
höchstwahrscheinlich bei Ihnen in den Verdacht geraten, anstatt
Porträtmalerei ... Stimmungsmalerei zu treiben. Deshalb scheint mir die
goldene Mittelstraße des rechten Maßhaltens nach beiden Seiten hin hier
der einzig richtige Weg, das mir vorschwebende Ziel zu erreichen.
Was hätte es denn schließlich auch für einen Sinn, wenn ich
beispielsweise in bezug auf meinen Bildungsgang Ihnen einfach die nackte
Tatsache mitteilte, daß ich acht Jahre lang die Volksschule besucht
habe. Damit wäre so gut wie nichts gesagt. Der Begriff Volksschulbildung
ist trotz seiner scheinbaren Begrenztheit doch ein recht dehnbarer und
seine richtige Werteinschätzung durchaus abhängig von der genaueren
Kenntnis der besonderen Lebensumstände und Lebensbedingungen innerer und
äußerer Art, unter denen der gebotene Bildungsstoff geistig aufgenommen
und verarbeitet worden ist.
Es ist doch unbestreitbar ein gewaltiger Unterschied, ob von zwei sonst
gleichbegabten, gleichlernbegierigen Schülern der eine das
wohlgepflegte, sorgsam gehütete Kind gesunder, geistig wie sittlich
hochstehender, in geordneten Verhältnissen lebender Eltern ist; ein
Kind, das daheim und in der Schule alle seine ihm von der Natur
verliehenen Gaben und Fähigkeiten nach allen Richtungen hin unbehindert
entfalten und zur schönsten, höchsten Blüte entwickeln kann; ... der
andere Schüler dagegen, der an Leib und Seele unterernährte, erblich
vielleicht schwerbelastete Sprößling eines Säufers ist; so ein
erbarmungswürdiges Geschöpf, das, am frühen Morgen schon vom
Zeitungstragen abgehetzt, nun ungewaschen, hungrig und zerlumpt zur
Schule eilt, doch vor Erschöpfung dem Unterricht selten mit der nötigen
Aufmerksamkeit zu folgen vermag und infolgedessen in der Entwicklung
sein Geistes- und Gemütsleben auf das schwerste beeinträchtigt, in der
Ausbildung seiner natürlichen Gaben und Fähigkeiten auf das stärkste
gehemmt und behindert wird. Daß das Niveau des Bildungsstandes dieser
beiden Typen von Schülern am Ende ihrer Schulzeit ein voneinander sehr
verschiedenes sein muß, wird wohl niemand bezweifeln.
Ich habe von meinem siebenten Lebensjahre ab tagtäglich in aller
Herrgottsfrühe hinaus gemußt, um meiner vielgeplagten Mutter beim
Zeitungstragen zu helfen. Vom zehnten Jahre an hatte ich dann außerdem
noch des Nachmittags eine Stelle als Laufjunge, von der ich des Abends
meist todmüde nach Hause kam, um dann noch das Tagespensum meiner
Schulaufgaben zu erledigen.
Die Schuld an diesen unsagbar traurigen, total zerrütteten
Familienverhältnissen, die mich zu so unnatürlich frühem Broterwerb
zwangen, trifft in erster Linie meinen Vater. Dieser von Beruf
Stubenmaler und heute ein nüchterner, solider Greis von siebzig Jahren,
ist in seinem mittleren Lebensalter ein notorischer Trinker gewesen, der
seine zahlreiche Familie zeitweise in Not und Elend fast verkommen ließ.
Meine Mutter dagegen war eine kreuzbrave, fleißige, unendlich
liebevolle, gute Frau, die sich vom frühesten Morgen bis spät in die
Nacht hinein nicht Rast noch Ruhe gönnte, um Brot zu schaffen für die
ewig hungrigen Schnäbel ihrer zahlreichen Straußenbrut, und deren
ganzes, zwanzigjähriges Eheleben ein einziges, fast ununterbrochenes
Martyrium von so tiefer Seelenqual darstellt, wie man es selbst seinem
ärgsten Widersacher nicht wünscht ...
Als ich etwa zehn Jahre zählte, trieb es mein Vater wieder gerade
besonders arg. Wir Kinder samt unserer Mutter hatten schon mehrere Tage
lang fast so gut wie nichts gegessen und waren infolgedessen
buchstäblich dem Verhungern nahe. In dieser höchsten Not nahm meine
Mutter einige Mark von dem kassierten Zeitungsgelde, um dafür Speise und
Trank zu beschaffen und unseren wütenden Hunger zu stillen. Als sie den
aufgewendeten Betrag dann nicht rechtzeitig wieder herbeizuschaffen
vermochte, griff sie, dieses hoffnungslosen, jammervollen Daseins müde,
in ihrer tiefsten Verzweiflung zum Strick ... und erhängte sich ...
Wir wohnten damals ... 1897 ... in Weißensee. Auf Kosten der Gemeinde
wurden wir Kinder nun einzeln zu fremden Leuten in Pflege gegeben, wobei
ich das Unglück hatte, sozusagen aus einem Wolkenbruch in die noch ärger
strömende Traufe zu geraten. Meine Pflegemutter nämlich war eine mit
zwar recht engem Herzen, dafür aber mit desto weiterem Gewissen begabte
Frau, die sich recht und schlecht dadurch ernährte, daß sie einzelnen
Zöglingen des Magdalenenstiftes in Weißensee gelegentlich zur Flucht
verhalf und ihnen bei ihr bekannten Kupplerinnen Unterschlupf und somit
Gelegenheit zu einem „gewissen“ Gelderwerb verschaffte, von dem sie dann
ihre Tantieme bezog. Der Mann dieser Frau war ein in einer Molkerei
beschäftigter, mit Respekt zu sagen: versoffener Kuhknecht, der, da er
bei seinem Brotherrn volle Kost erhielt, nur zum Schlafen und ...
Krakehlen nach Hause kam, sonst aber um nichts und niemand sich
kümmerte. Die erwachsene einzige Tochter dieses edlen Elternpaares war
eine „heimliche“, d. h. nicht unter sittenpolizeilicher Kontrolle
stehende Straßendirne.
In dieser überaus ehrenwerten Familie nun fand ich Aufnahme und wurde
von den beiden Frauen systematisch zum Stehlen angeleitet. Eine
Spezialität der beiden Damen war es, die Weißenseer Friedhöfe
heimzusuchen und dort die auf den Gräbern niedergelegten Wachsrosen zu
rauben, die dann in einer Kranzbinderei, wo ich seinerzeit als Laufjunge
angestellt war, weiterverkauft wurden. Bei einem dieser Kirchhofsbesuche
zwangen mich die beiden Megären, ein auf einem Kindergrab stehendes
Weihnachtsbäumchen, das mit niedlichen Glassachen allerliebst
ausgeschmückt war, bis auf das letzte Stück zu plündern ...
Welche verheerende Wirkung diese fast täglichen Vorkommnisse auf mein
empfängliches Kindergemüt, auf mein moralisches Empfinden, überhaupt auf
mein ganzes Innenleben ausüben mußten, kann ein jeder sich wohl denken.
Andeutungsweise will ich nur noch nebenbei bemerken, daß meine zwanzig
Jahre alte Pflegeschwester mich elfjährigen Jungen auch auf sexuellem
Gebiet theoretisch und praktisch auf das gründlichste aufgeklärt hat ...
Ungefähr zwei Jahre nach dem für uns Kinder so verhängnisvollen Tode
unserer guten Mutter heiratete mein Vater zum zweiten Male und wir
jüngeren Geschwister erhielten nun eine Stiefmutter, die zwar weder
lesen noch schreiben konnte, dafür aber im Lügen und Stehlen und
Schuldenmachen ganz Erkleckliches leistete. Dieser Frau nun, einer
wahren Perle von Stiefmutter, blieb es vorbehalten, meiner bereits so
weit gediehenen Jugend-„Erziehung“ den finish touch ... wie der
Engländer sagt ... den letzten Schliff zu geben.
Sie unterzog sich dieser Aufgabe mit edler Selbstverleugnung!
Durch einen unglaublich niederträchtigen Streich brachte sie es fertig,
daß ich unschuldigerweise in den Verdacht geriet, von einer mir
anvertrauten Geldsumme zwanzig Mark unterschlagen zu haben. Die Folge
davon war, daß ich nicht nur schimpflich aus meiner Stellung fortgejagt,
sondern auch noch obendrein von meinem eigenen Vater verstoßen wurde.
Arbeits-, mittel- und obdachlos lag ich nun auf der Straße; ein Junge
von fünfzehn Jahren, mir selbst und meinem Schicksal überlassen! Daß die
Gedanken und Gefühle, die mich damals durchtobten, denen eines Karl Moor
verzweifelt ähnlich waren, wird ein jeder Menschenkenner wohl begreifen.
Tatsächlich habe ich dann auch in der Folge monatelang ein wahres
Räuber- und Zigeunerleben geführt. Bis endlich die Sehnsucht, wieder
einmal unter Dach und Fach und in geordnete Verhältnisse zu kommen, mich
veranlaßte, als Knecht vorläufig auf ein Jahr lang zu einem Bauer in
Dienst zu gehn.
Ich erhielt dort fünfundzwanzig Taler Jahreslohn. Die horrende Summe
reichte nicht einmal zur Ergänzung meiner völlig abgerissenen Garderobe,
und aus diesem Grunde kehrte ich nach Ablauf meines Dienstjahres nach
der Großstadt zurück.
In den folgenden zwei Jahren war ich dann in Berlin hier und da einige
Monate lang als Gelegenheitsarbeiter in Fabriken beschäftigt; bis ich
1905 ... sei es durch Zufall, sei es durch Schicksalsfügung ... einen
Schlosser kennen lernte, der auf dem Gebiete des Einbruchdiebstahls
bereits praktische Erfahrungen gesammelt hatte. Diesem verband ich mich
nun zu löblichem Tun und erreichte dadurch, daß ich in ungeahnt kurzer
Zeit hinter Schloß und Riegel saß.
Das war sozusagen der Anfang vom Ende. Denn nun folgte eine langjährige
Freiheitsstrafe der andern fast unmittelbar auf dem Fuße, so daß ich von
den letztverflossenen fünfzehn Jahren beinahe vierzehn Jahre (!) im
Gefängnis und Zuchthaus zugebracht, und zwar, was ich doppelt und
dreifach unterstreichen will, ausschließlich in strengster Einzelhaft
zugebracht habe. Freilich, was das letztere besagen will, wird nur
derjenige voll und ganz verstehn, der einmal an sich selbst verspürt
hat, welche lähmende Wirkung die jahrelange Freiheitsentziehung auf
einen Menschen auszuüben vermag. In dieser Beziehung möchte ich die
Freiheitsstrafe vergleichen mit einem starken Narkotikum, wie etwa
Opium, Kokain oder Morphium. Von einem sachverständigen Arzte nach
gewissenhafter Diagnose nur im äußersten Fall und auch dann nur in
vorsichtig bemessener Dosis verabreicht, ist es eine heilsame Medizin,
ein wirksam vorbeugendes Schutzmittel, ein Segen für die Menschheit; zum
schwersten Fluch aber wird es, wenn allzu freigebige und
unterschiedslose Verordnung der Gifte zur Gewöhnung an dasselbe führt,
wenn die Gewohnheit zum Laster wird und das Laster schließlich in eine
Volksseuche ausartet. Der so entstehende Schaden ist unübersehbar. Die
körperlichen, geistigen und seelischen Kräfte und Fähigkeiten der
Verseuchten werden durch das Gift gelähmt, ihre Kampfkraft ums Dasein
wird in erheblichem Maße geschwächt, und die weitere natürliche Folge?
Von Stufe zu Stufe! Das traurige Los fast aller derer, die mit dem
Kerker einmal nähere Bekanntschaft gemacht. Tausend- und
abertausendfache Erfahrung bestätigt die vernichtende Wahrheit meiner
Worte ...
Ich weiß und ich fühle es, daß es ein völlig fruchtloses Bemühen wäre,
Ihnen schildern zu wollen, wie oft und wie ernstlich ich versucht habe,
zu einem geordneten, ehrbaren Leben zurückzukehren ... schildern zu
wollen, woran und warum alle diese Versuche so kläglich gescheitert
sind. ‚Wenn Ihr’s nicht fühlt, Ihr werdet’s nie erjagen.‘ Dergleichen
komplizierte psychopathische Vorgänge und Erscheinungen einem Dritten
erklären zu sollen, das hieße fürwahr, einem Blindgeborenen das
Farbenspiel des Regenbogens beschreiben. Wer einmal so tief in den Sumpf
hineingestoßen worden ist, der vermag es eben nicht wie Münchhausen, an
seinem Schopf aus eigener Kraft sich wieder hinauszuziehen. Eine
rettende, helfende, stützende Bruderhand ist mir bisher noch von keiner
Seite gereicht worden. Am allerwenigsten aber von jener Seite, auf der
stets am lautesten über die Verderbtheit der Menschen geklagt wird.
Und doch ... wer weiß? Vielleicht daß mir noch einmal in meinem Leben
ein Mensch begegnet von dem Geistesgepräge und der Gesinnungsart jenes
Sankt Johannes, den Herder in seinem tiefempfundenen, ergreifend schönen
Gedicht: ‚Der gerettete Jüngling‘ ... verewigt hat. Hoffnung läßt ja
bekanntlich nicht zuschanden werden. Es hofft der Mensch, so lange er
lebt. Ich aber hoffe, nein ich weiß, daß in diesen Tagen unter das hier
aufgeschlagene Blatt meines Lebensbuches durchaus noch kein finis,
sondern ganz bestimmt ein vice versa!!!
Hiermit lege ich Pinsel und Palette bis auf weiteres aus der Hand; denn
die Studie meines Lebensbildes ist vollendet. Sie ist mit ungeübter Hand
entworfen. Aber bis ins Kleinste hinein erfüllt von dem Heiligen Geiste
strengster Wahrhaftigkeit. Und einzig und allein aus diesem Grunde hoffe
ich, daß kein fühlender Mensch ... er sei mir persönlich wohl oder übel
gesinnt ... das Bild aufmerksam betrachten kann, ohne in der tiefsten
Tiefe seiner Seele erschüttert zu werden, daß er die Hand mit dem
Steine, die er vielleicht schon zum Wurfe bereit erhoben hat, beschämt
wieder sinken läßt und er in der Stille seines Herzenskämmerleins sich
einmal fragt, von welcher Seite hier wohl am schwersten gesündigt worden
ist, von dem Angeklagten wider die Gesellschaft oder ... umgekehrt!?!“