IV.

In seinem Milieu, dem der Verbrecher und Deklassierten, nimmt er eine

Sonderstellung ein, nicht nur wegen seiner Taten, die die ganze Stadt in

atemlose Aufregung versetzten, sondern auch wegen seiner moralischen

Qualitäten. Nirgends weiß man Treue und Verschwiegenheit so zu schätzen

wie bei denen, die immer mit einem Fuß im Grabe oder im Gefängnis stehn.

Niemals hat Emil Strauß, bei aller Offenheit und Ehrlichkeit, die er

bewies, sobald es sich um seine eigenen Taten handelte, auch nur mit

einer Andeutung, einer Miene seine Gefährten verraten, der Polizei

irgendwie geschmeichelt. Manches in seinen Aussagen, in den Berichten

über sein Leben, klingt wie Pose oder Selbstgefälligkeit. Aber man darf

nie vergessen, daß es die Worte, Bilder und Phrasen eines weltfremden

Einsiedlers, in der Einsamkeit und Irrealität der Bücher, in der Zelle

ausgedachte, ausgefeilte Bilder und Sätze sind, logische Extrakte eines

Wissens um die eigene Seele und deren Verhängnis. Daß dieser Mensch

gezwungen war, in sich etwas Besonderes zu sehn, weil er es spürte.

Eitelkeit oder Ehrgeiz sind durchaus menschliche Arten, die Welt oder

sich selbst zu betrachten. In ein Verhältnis zu vereinen, was die Gewalt

der nackten Tatsachen trennte und verheerte.

Gewiß nennen wir das mit anderen, kritischen Worten Romantik. Aber es

handelt sich hier nicht um Kritik, sondern um Darstellung, nicht um

Wertung, denn das ist Aufgabe der Richter, und vollendet und erledigt,

sondern um Analyse eines Menschen, der nicht in diese Zeit der

Kompromisse zu gehören scheint, sondern einen Renaissancetypus

darstellt, eine Mischung von Religiosität und Gewalt, von Kultur und

Triebhaftigkeit.

Noch eins beunruhigte und hemmte die Gefährten nicht minder wie die

Gegner ... die Vollendung seiner Manieren, das Leise, unverändert

Höfliche seiner Art in der Begegnung mit Fremden. Die Sicherheit seines

Auftretens, die Beherrschtheit und Kühle seiner Höflichkeit, aus der ein

eiserner Wille, Beobachtung der eigenen Schwächen ebenso sprechen wie

Sanftmut und Kindlichkeit. Diese seine Vornehmheit wird allerdings

unterstützt von der Noblesse seiner Gestalt.

Er ist hochgewachsen, schlank, von gleichmäßig eleganten Bewegungen. Der

Ton seiner Stimme leise, bestimmt und durchaus vertrauenerweckend. Das

Gesicht groß und mager, sehr bleich die hohe, schön gewölbte Stirn. Er

legt Gewicht auf gute, elegante Kleidung. Ein Zug höherer Lebensart

scheint ihm eingeboren. Denn Kinderstube kann man nicht nachholen. All

das scheint ein Beweis ständigen kritischen Nachdenkens und

Vergleichens, ein dauerndes Kontrollieren seiner eigenen Person im

Vergleich zu seinen Erlebnissen mit Fremden, bewußt oder unbewußt die

Triebfeder seiner ganzen verzweifelten Existenz, ein fast dämonischer

Wille emporzusteigen und ein schreckliches Gefühl der eigenen Begabung.

Zugleich die ewig brennende Frage nach dem Weg, nach dem Warum der

Ungerechtigkeit, der eigenen Willensschwäche, die sich nicht anders denn

im Bösen Ausgleich mit der Gesellschaft verschaffen kann.

Es gibt für seine Taten, wenn man nicht auf das Gebiet der Pathologie

geraten will, natürlich keine menschliche Entschuldigung. Denn wie die

Richter gerade in seinem Fall mit Recht, wenn auch nicht gerade

freundlich, immer wieder betonen, hätte es Strauß bei seinen

ungewöhnlichen Fähigkeiten möglich sein müssen, das Maß des Erlaubten zu

entdecken, und gelang es ihm nicht, seinen Trieb nach Vergeltung zu

zähmen, so mußte er wissen, daß das Gesetz den Wissenden doppelt und

dreifach härter treffen würde.

Zur Erläuterung des bis jetzt Gesagten möchte ich im folgenden seine

eigene Lebensgeschichte, die er als einzige Verteidigung in seinem

großen Prozeß anführte, folgen lassen. Wobei zu beachten ist, wie stark

Strauß die Unzulänglichkeit der Tatsachen und deren Erklärung aus der

momentanen Konstellation selbst empfand. Wie stark dieser gehetzte und

einsame Mensch die Gebundenheit an die tiefen, tragischen Gesetze

empfand, die das Maß seiner Jugend und die Richtung seines ganzen Lebens

werden sollten.

„Meine Herren Richter und Geschworenen! Es soll hier nach Recht und

Gerechtigkeit über Tod und Leben eines Menschen entschieden werden.

Da ist es wohl ganz selbstverständlich, daß man sich nicht nur ganz

eingehend mit der Sache des Angeklagten, sondern zumindest ebenso

eingehend auch mit seiner Person, d. h. mit den ausschlaggebenden

Momenten seines Vorlebens beschäftigt: dies um so mehr, als es sich hier

bei der Person des Hauptangeklagten ... also bei mir ... um einen

Menschen handelt, der seit Jahren bei der öffentlichen Meinung in dem

Gerücht steht, schlechtweg der gefährlichste Schwerverbrecher

Groß-Berlins zu sein.

Diese, im wahrsten Sinne des Wortes traurige Berühmtheit verdanke ich

aber keineswegs mir selbst oder meinen Taten, sondern einzig und allein

der Geschäftstüchtigkeit gewisser Sensationsartikelfabrikanten, Leuten,

die nun einmal nicht anders können, als aus der Haut selbst der

Unglücklichsten ihrer Mitmenschen noch Riemen für sich zu schneiden.

Ich habe diesen falschen Nimbus eines „Ein- und Ausbrecherkönigs“, mit

dem geistesarme Zeilenschinder mich umgeben haben, aber bereits zu teuer

bezahlen müssen, um diese Art von kostspieliger Glorifizierung meiner

Person noch länger ruhig hinzunehmen und so schließlich Gefahr zu

laufen, nicht etwa der objektiven Würdigung bewiesener Tatsachen,

sondern der suggestiven Macht der Druckerschwärze zu erliegen.

Die Leute, die mich nur aus den tendenziös geschminkten sensationell

aufgedonnerten Hohlspiegelbildern der „chronique scandaleuse“ kennen,

müssen mich geradezu für den Abschaum des Abschaums der

Menschheit halten und alle meine Handlungen für solche Unika an

Gemeingefährlichkeit, wie sie eben nur die „Firma“ Gebr. Strauß zu

liefern vermag. Alle diejenigen Personen dagegen, welche mich persönlich

etwas genauer kennen, haben wohlbegründeterweise eine ganz andere, eine

entschieden bessere Meinung von mir.

Und um auch Ihnen, meine Herren, die Sie heute über mich zu Gericht

sitzen sollen, die erforderlichen Unterlagen zu bieten zur Bildung eines

gerechteren Urteils über meine Person, als es sich auf Grund jener im

Nick-Carter-Stile fabrizierter Elaborate bilden läßt, will ich

versuchen, Ihnen so eine Art curriculum vitae von mir zu geben.

Zu diesem Zwecke bitte ich Sie, mich nur noch einige Minuten lang ruhig

anzuhören. Denn das, worauf es hier hauptsächlich ankommt, was meinem

bisherigen ganzen Leben die Richtung gegeben hat, das läßt sich wirklich

nicht, wie man so zu sagen pflegt, in einer Nußschale darbieten. Mit

einigen bloß andeutenden Kohlestrichen läßt sich solch einem Lebensbilde

weder Form noch Farbe, noch Inhalt verleihen. Wollte ich aber

andererseits das ganze krasse Elend meiner Kindheit und Jugendzeit in

ausführlicherer Weise wahrheitsgetreu schildern, so würde ich

höchstwahrscheinlich bei Ihnen in den Verdacht geraten, anstatt

Porträtmalerei ... Stimmungsmalerei zu treiben. Deshalb scheint mir die

goldene Mittelstraße des rechten Maßhaltens nach beiden Seiten hin hier

der einzig richtige Weg, das mir vorschwebende Ziel zu erreichen.

Was hätte es denn schließlich auch für einen Sinn, wenn ich

beispielsweise in bezug auf meinen Bildungsgang Ihnen einfach die nackte

Tatsache mitteilte, daß ich acht Jahre lang die Volksschule besucht

habe. Damit wäre so gut wie nichts gesagt. Der Begriff Volksschulbildung

ist trotz seiner scheinbaren Begrenztheit doch ein recht dehnbarer und

seine richtige Werteinschätzung durchaus abhängig von der genaueren

Kenntnis der besonderen Lebensumstände und Lebensbedingungen innerer und

äußerer Art, unter denen der gebotene Bildungsstoff geistig aufgenommen

und verarbeitet worden ist.

Es ist doch unbestreitbar ein gewaltiger Unterschied, ob von zwei sonst

gleichbegabten, gleichlernbegierigen Schülern der eine das

wohlgepflegte, sorgsam gehütete Kind gesunder, geistig wie sittlich

hochstehender, in geordneten Verhältnissen lebender Eltern ist; ein

Kind, das daheim und in der Schule alle seine ihm von der Natur

verliehenen Gaben und Fähigkeiten nach allen Richtungen hin unbehindert

entfalten und zur schönsten, höchsten Blüte entwickeln kann; ... der

andere Schüler dagegen, der an Leib und Seele unterernährte, erblich

vielleicht schwerbelastete Sprößling eines Säufers ist; so ein

erbarmungswürdiges Geschöpf, das, am frühen Morgen schon vom

Zeitungstragen abgehetzt, nun ungewaschen, hungrig und zerlumpt zur

Schule eilt, doch vor Erschöpfung dem Unterricht selten mit der nötigen

Aufmerksamkeit zu folgen vermag und infolgedessen in der Entwicklung

sein Geistes- und Gemütsleben auf das schwerste beeinträchtigt, in der

Ausbildung seiner natürlichen Gaben und Fähigkeiten auf das stärkste

gehemmt und behindert wird. Daß das Niveau des Bildungsstandes dieser

beiden Typen von Schülern am Ende ihrer Schulzeit ein voneinander sehr

verschiedenes sein muß, wird wohl niemand bezweifeln.

Ich habe von meinem siebenten Lebensjahre ab tagtäglich in aller

Herrgottsfrühe hinaus gemußt, um meiner vielgeplagten Mutter beim

Zeitungstragen zu helfen. Vom zehnten Jahre an hatte ich dann außerdem

noch des Nachmittags eine Stelle als Laufjunge, von der ich des Abends

meist todmüde nach Hause kam, um dann noch das Tagespensum meiner

Schulaufgaben zu erledigen.

Die Schuld an diesen unsagbar traurigen, total zerrütteten

Familienverhältnissen, die mich zu so unnatürlich frühem Broterwerb

zwangen, trifft in erster Linie meinen Vater. Dieser von Beruf

Stubenmaler und heute ein nüchterner, solider Greis von siebzig Jahren,

ist in seinem mittleren Lebensalter ein notorischer Trinker gewesen, der

seine zahlreiche Familie zeitweise in Not und Elend fast verkommen ließ.

Meine Mutter dagegen war eine kreuzbrave, fleißige, unendlich

liebevolle, gute Frau, die sich vom frühesten Morgen bis spät in die

Nacht hinein nicht Rast noch Ruhe gönnte, um Brot zu schaffen für die

ewig hungrigen Schnäbel ihrer zahlreichen Straußenbrut, und deren

ganzes, zwanzigjähriges Eheleben ein einziges, fast ununterbrochenes

Martyrium von so tiefer Seelenqual darstellt, wie man es selbst seinem

ärgsten Widersacher nicht wünscht ...

Als ich etwa zehn Jahre zählte, trieb es mein Vater wieder gerade

besonders arg. Wir Kinder samt unserer Mutter hatten schon mehrere Tage

lang fast so gut wie nichts gegessen und waren infolgedessen

buchstäblich dem Verhungern nahe. In dieser höchsten Not nahm meine

Mutter einige Mark von dem kassierten Zeitungsgelde, um dafür Speise und

Trank zu beschaffen und unseren wütenden Hunger zu stillen. Als sie den

aufgewendeten Betrag dann nicht rechtzeitig wieder herbeizuschaffen

vermochte, griff sie, dieses hoffnungslosen, jammervollen Daseins müde,

in ihrer tiefsten Verzweiflung zum Strick ... und erhängte sich ...

Wir wohnten damals ... 1897 ... in Weißensee. Auf Kosten der Gemeinde

wurden wir Kinder nun einzeln zu fremden Leuten in Pflege gegeben, wobei

ich das Unglück hatte, sozusagen aus einem Wolkenbruch in die noch ärger

strömende Traufe zu geraten. Meine Pflegemutter nämlich war eine mit

zwar recht engem Herzen, dafür aber mit desto weiterem Gewissen begabte

Frau, die sich recht und schlecht dadurch ernährte, daß sie einzelnen

Zöglingen des Magdalenenstiftes in Weißensee gelegentlich zur Flucht

verhalf und ihnen bei ihr bekannten Kupplerinnen Unterschlupf und somit

Gelegenheit zu einem „gewissen“ Gelderwerb verschaffte, von dem sie dann

ihre Tantieme bezog. Der Mann dieser Frau war ein in einer Molkerei

beschäftigter, mit Respekt zu sagen: versoffener Kuhknecht, der, da er

bei seinem Brotherrn volle Kost erhielt, nur zum Schlafen und ...

Krakehlen nach Hause kam, sonst aber um nichts und niemand sich

kümmerte. Die erwachsene einzige Tochter dieses edlen Elternpaares war

eine „heimliche“, d. h. nicht unter sittenpolizeilicher Kontrolle

stehende Straßendirne.

In dieser überaus ehrenwerten Familie nun fand ich Aufnahme und wurde

von den beiden Frauen systematisch zum Stehlen angeleitet. Eine

Spezialität der beiden Damen war es, die Weißenseer Friedhöfe

heimzusuchen und dort die auf den Gräbern niedergelegten Wachsrosen zu

rauben, die dann in einer Kranzbinderei, wo ich seinerzeit als Laufjunge

angestellt war, weiterverkauft wurden. Bei einem dieser Kirchhofsbesuche

zwangen mich die beiden Megären, ein auf einem Kindergrab stehendes

Weihnachtsbäumchen, das mit niedlichen Glassachen allerliebst

ausgeschmückt war, bis auf das letzte Stück zu plündern ...

Welche verheerende Wirkung diese fast täglichen Vorkommnisse auf mein

empfängliches Kindergemüt, auf mein moralisches Empfinden, überhaupt auf

mein ganzes Innenleben ausüben mußten, kann ein jeder sich wohl denken.

Andeutungsweise will ich nur noch nebenbei bemerken, daß meine zwanzig

Jahre alte Pflegeschwester mich elfjährigen Jungen auch auf sexuellem

Gebiet theoretisch und praktisch auf das gründlichste aufgeklärt hat ...

Ungefähr zwei Jahre nach dem für uns Kinder so verhängnisvollen Tode

unserer guten Mutter heiratete mein Vater zum zweiten Male und wir

jüngeren Geschwister erhielten nun eine Stiefmutter, die zwar weder

lesen noch schreiben konnte, dafür aber im Lügen und Stehlen und

Schuldenmachen ganz Erkleckliches leistete. Dieser Frau nun, einer

wahren Perle von Stiefmutter, blieb es vorbehalten, meiner bereits so

weit gediehenen Jugend-„Erziehung“ den finish touch ... wie der

Engländer sagt ... den letzten Schliff zu geben.

Sie unterzog sich dieser Aufgabe mit edler Selbstverleugnung!

Durch einen unglaublich niederträchtigen Streich brachte sie es fertig,

daß ich unschuldigerweise in den Verdacht geriet, von einer mir

anvertrauten Geldsumme zwanzig Mark unterschlagen zu haben. Die Folge

davon war, daß ich nicht nur schimpflich aus meiner Stellung fortgejagt,

sondern auch noch obendrein von meinem eigenen Vater verstoßen wurde.

Arbeits-, mittel- und obdachlos lag ich nun auf der Straße; ein Junge

von fünfzehn Jahren, mir selbst und meinem Schicksal überlassen! Daß die

Gedanken und Gefühle, die mich damals durchtobten, denen eines Karl Moor

verzweifelt ähnlich waren, wird ein jeder Menschenkenner wohl begreifen.

Tatsächlich habe ich dann auch in der Folge monatelang ein wahres

Räuber- und Zigeunerleben geführt. Bis endlich die Sehnsucht, wieder

einmal unter Dach und Fach und in geordnete Verhältnisse zu kommen, mich

veranlaßte, als Knecht vorläufig auf ein Jahr lang zu einem Bauer in

Dienst zu gehn.

Ich erhielt dort fünfundzwanzig Taler Jahreslohn. Die horrende Summe

reichte nicht einmal zur Ergänzung meiner völlig abgerissenen Garderobe,

und aus diesem Grunde kehrte ich nach Ablauf meines Dienstjahres nach

der Großstadt zurück.

In den folgenden zwei Jahren war ich dann in Berlin hier und da einige

Monate lang als Gelegenheitsarbeiter in Fabriken beschäftigt; bis ich

1905 ... sei es durch Zufall, sei es durch Schicksalsfügung ... einen

Schlosser kennen lernte, der auf dem Gebiete des Einbruchdiebstahls

bereits praktische Erfahrungen gesammelt hatte. Diesem verband ich mich

nun zu löblichem Tun und erreichte dadurch, daß ich in ungeahnt kurzer

Zeit hinter Schloß und Riegel saß.

Das war sozusagen der Anfang vom Ende. Denn nun folgte eine langjährige

Freiheitsstrafe der andern fast unmittelbar auf dem Fuße, so daß ich von

den letztverflossenen fünfzehn Jahren beinahe vierzehn Jahre (!) im

Gefängnis und Zuchthaus zugebracht, und zwar, was ich doppelt und

dreifach unterstreichen will, ausschließlich in strengster Einzelhaft

zugebracht habe. Freilich, was das letztere besagen will, wird nur

derjenige voll und ganz verstehn, der einmal an sich selbst verspürt

hat, welche lähmende Wirkung die jahrelange Freiheitsentziehung auf

einen Menschen auszuüben vermag. In dieser Beziehung möchte ich die

Freiheitsstrafe vergleichen mit einem starken Narkotikum, wie etwa

Opium, Kokain oder Morphium. Von einem sachverständigen Arzte nach

gewissenhafter Diagnose nur im äußersten Fall und auch dann nur in

vorsichtig bemessener Dosis verabreicht, ist es eine heilsame Medizin,

ein wirksam vorbeugendes Schutzmittel, ein Segen für die Menschheit; zum

schwersten Fluch aber wird es, wenn allzu freigebige und

unterschiedslose Verordnung der Gifte zur Gewöhnung an dasselbe führt,

wenn die Gewohnheit zum Laster wird und das Laster schließlich in eine

Volksseuche ausartet. Der so entstehende Schaden ist unübersehbar. Die

körperlichen, geistigen und seelischen Kräfte und Fähigkeiten der

Verseuchten werden durch das Gift gelähmt, ihre Kampfkraft ums Dasein

wird in erheblichem Maße geschwächt, und die weitere natürliche Folge?

Von Stufe zu Stufe! Das traurige Los fast aller derer, die mit dem

Kerker einmal nähere Bekanntschaft gemacht. Tausend- und

abertausendfache Erfahrung bestätigt die vernichtende Wahrheit meiner

Worte ...

Ich weiß und ich fühle es, daß es ein völlig fruchtloses Bemühen wäre,

Ihnen schildern zu wollen, wie oft und wie ernstlich ich versucht habe,

zu einem geordneten, ehrbaren Leben zurückzukehren ... schildern zu

wollen, woran und warum alle diese Versuche so kläglich gescheitert

sind. ‚Wenn Ihr’s nicht fühlt, Ihr werdet’s nie erjagen.‘ Dergleichen

komplizierte psychopathische Vorgänge und Erscheinungen einem Dritten

erklären zu sollen, das hieße fürwahr, einem Blindgeborenen das

Farbenspiel des Regenbogens beschreiben. Wer einmal so tief in den Sumpf

hineingestoßen worden ist, der vermag es eben nicht wie Münchhausen, an

seinem Schopf aus eigener Kraft sich wieder hinauszuziehen. Eine

rettende, helfende, stützende Bruderhand ist mir bisher noch von keiner

Seite gereicht worden. Am allerwenigsten aber von jener Seite, auf der

stets am lautesten über die Verderbtheit der Menschen geklagt wird.

Und doch ... wer weiß? Vielleicht daß mir noch einmal in meinem Leben

ein Mensch begegnet von dem Geistesgepräge und der Gesinnungsart jenes

Sankt Johannes, den Herder in seinem tiefempfundenen, ergreifend schönen

Gedicht: ‚Der gerettete Jüngling‘ ... verewigt hat. Hoffnung läßt ja

bekanntlich nicht zuschanden werden. Es hofft der Mensch, so lange er

lebt. Ich aber hoffe, nein ich weiß, daß in diesen Tagen unter das hier

aufgeschlagene Blatt meines Lebensbuches durchaus noch kein finis,

sondern ganz bestimmt ein vice versa!!!

Hiermit lege ich Pinsel und Palette bis auf weiteres aus der Hand; denn

die Studie meines Lebensbildes ist vollendet. Sie ist mit ungeübter Hand

entworfen. Aber bis ins Kleinste hinein erfüllt von dem Heiligen Geiste

strengster Wahrhaftigkeit. Und einzig und allein aus diesem Grunde hoffe

ich, daß kein fühlender Mensch ... er sei mir persönlich wohl oder übel

gesinnt ... das Bild aufmerksam betrachten kann, ohne in der tiefsten

Tiefe seiner Seele erschüttert zu werden, daß er die Hand mit dem

Steine, die er vielleicht schon zum Wurfe bereit erhoben hat, beschämt

wieder sinken läßt und er in der Stille seines Herzenskämmerleins sich

einmal fragt, von welcher Seite hier wohl am schwersten gesündigt worden

ist, von dem Angeklagten wider die Gesellschaft oder ... umgekehrt!?!“

Der Fall Strauß · 第 7 / 17 题