Im vorliegenden Falle, dem der Brüder Strauß, besser gesagt, dem des
älteren Bruders Emil, haben wir es mit einem typischen Kampf um die
Existenz in einem höheren, besseren Milieu zu tun. Es handelt sich hier
nicht so sehr um einzelne mehr oder weniger verwegene Akte einer
verbrecherischen Intelligenz, als vielmehr um den verzweifelten, aus
Belastung und Erkenntnis, aus Wissen und Minderwertigkeitsgefühlen
gespeisten Kampf einer originalen Intelligenz, eines schöpferischen, in
seinen Trieben klaren, ungebrochenen Willens: Der Gesellschaft
heimzuzahlen für die Unterdrückung, für das Leid einer befleckten,
liebeleeren Jugend, für die endlosen Jahre in Kerker und Verbannung fern
von allem, was man als schön und gut erkannte. Denn das ist das
Wesentliche an diesem Typus: daß er aus einer geheimnisvollen
Konstellation heraus genau Weg und Volumen des besseren, herrschenden
und nicht dienenden, intellektuellen, vielleicht sogar luxuriösen Lebens
kannte. Details können hier keine Rolle spielen. Gewiß kondensierte sich
sein Weltbild erst in der Einsamkeit der Bücher, der geschriebenen
Worte, deren Sinn ihm gewiß tausendfach widerspenstig und verbohrt
erschien.
Aber Gärung, Gefühl für das Wesentliche, angeborene Schärfe der
Distinktion für die Reichtümer des Lebens, den wahren Sinn lag in seinen
Möglichkeiten als Existenz schlechthin. Und mußten sich entwickeln, als
er Schlag auf Schlag mit eben der Gesellschaft, die er erstrebte, deren
Mitglied zu werden kraft ererbter Fähigkeit sein Los geworden wäre, wenn
er eben geliebt und gepflegt in jugendlichem Alter Schule und Theater,
Wärme und Nahrung, keine Prügel und gemeine Worte hätte zu sich nehmen
müssen.
Wir wissen, daß die Sinne der Kinder unendlich empfindsamer, wacher,
gereizter, deutungbegabter als unsere, der Erwachsenen. Daß Kinder in
Hypertrophien leiden, zumal die begabten. Daß jede Krümmung jugendlichen
Selbstbewußtseins fürchterliche Rache und Beschwerden am eigenen wie am
fremden Leben bedeuten.
Nur das begabte, das geniale Kind vermag zu leiden. Man sagt, daß wir in
der Jugend alle genial seien. Dann muß man wieder fragen: wo bleiben die
Resultate? Unter den Prügeln der Eltern und Lehrer? Ersterben tausend
Keime unter dem Wust des Überflüssigen, das Buch und Ermahnungen,
Ideologien der Erwachsenen ausrotten, zuschütten, bevor es zum Keimen
gelangte?
Der Geprügelte, Getretene, Ausgeschlossene, der Knabe, der sich des
tausendfachen Unrechtes blutend bewußt wird, schließt seine Augen innen
gegen dieses gemeine und verfehlte Leben. Erträgt mit verbissener,
stoischer Hartnäckigkeit alle Misèren und gewinnt in seiner
Vorstellungswelt, bevölkert von Tagträumen einen Raum, den er mit klarer
Energie beherrscht, mit dem einen Wunsche befruchtet ... einmal groß zu
sein und sich rächen zu können. Oder zumindest den Großen beweisen zu
können, wer man in Wahrheit ist!
Zu dem besonderen Problem dieses Mannes, von dem wir hier reden, tritt
noch das proletarische Bewußtsein in deutliche Antithese. Sein
Rachegefühl richtet der Erwachsene, Erwachte aus dem schlimmen Traum
verwüsteter Jugend nicht gegen Vater und Mutter, wie es wohl die Söhne
der Bürger belieben, leiden und prophetisch zugleich als eine Aufgabe
verkünden. Nicht gegen die Erniedriger im fremden Heim, in der
Heimatlosigkeit des verbrecherischen, sexuell und moralisch irritierten
Milieus der Familie, die ihn verführte und eigentlich die Handfertigkeit
züchtete, die ihn dann reizte zu neuen Taten, die neue Strafen gebaren.
Seine Wut, sein Haß gilt der bürgerlichen Gesellschaft.
Seine Idee ist die des Kohlhaas. Er will sich ein Recht verschaffen, das
nirgendwo existiert. Weil die Zeit dieser Möglichkeit, es zu erleben,
nicht unter dem bittersten Unrecht zu leiden, die Zeit der frühen
Jugend, unwiderruflich vorüber war.
Damit ist zwar sein falscher Weg aufgedeckt, soweit er aus der
persönlichen Gebundenheit hinübergreift in die Sphäre allgemeiner,
menschlicher, sozialer Gruppierung; aber die immanente Logik eines
Lebens, das nun einmal mit und zwischen uns existiert, blüht, voran will
zu seiner schönsten Entfaltung, zu seinem Sinn drängt, läßt sich nicht
umbringen durch Widersprüche, und jede Erfahrung muß bitter am eigenen
Leibe verspürt werden.
Wie stark muß aber das Leid dieses begabten Kindes gewesen sein, wenn
zehn Jahre Kerker es nicht verstummen machten. Nicht nur keinen Strich
das Fieber herunterdrückten, sondern es immer höher und
widerspruchsloser in sich zu einer dumpfen Flamme auftrieben, vor der
nichts mehr unversengt blieb. Daß schließlich Blut fließen mußte,
Menschen ihr Leben lassen. Und das von der Hand eines Mannes, der
eigentlich ein Dichter, ein Schwächling in höherem Sinn, keineswegs ein
robuster, ungehemmter Typus der verbrecherischen Intelligenz, der
Halbbildung, die sich an der höheren reiben muß, voller Gehässigkeit
verneint.
Emil Strauß ist kein Verneiner. Er bejaht die Gesellschaft und will sie
heilen. Heilung bedeutet ihm Aufnahme, Heilung für sich und für alle
anderen. Nehmt ihr mich nicht auf, so werde ich euch so lange strafen,
verfolgen, bis ihr mich beiseite schafft oder ich sonstwie draufgehe. An
einen Sieg war da nicht zu denken. Die Gerichte, die Polizei, der
gewaltige Apparat der Gesellschaft lag offen vor seinen klaren Augen.
Seine Beziehungen waren seit frühester Jugend zu diesen Trägern der
Gewalt im Staate recht intim, und das Milieu, dem er entstammte, mochte
ihm wohl Weisheiten und Erkenntnisse recht unbürgerlicher Natur in
reichstem Maße mit auf den vergitterten Pfad gegeben haben. Mehr, als
Platz in seinem phantastischen Schädel war. Jedenfalls wäre ihm
Schiller, Kleist und Goethe besser bekommen, und das Leben des Julien
Sorel hätte den jungen Mann vor mehr Torheiten bewahrt als nochmals und
wiederum drei Jahre Kerker.
Denn gerade die Isolierung von der Luft, von dem Erleben der Triebe der
Freiheit, der Liebe, von dem wenigen, das ein Mensch doch und trotz
allem braucht ... gerade das Schutzbedürfnis der Gesellschaft und die
Verbannung des Attentäters in die Nacht des Gefängnisses gaben dem
überreizten, empfindsamen Geiste den Raum und die Muße, sich in seinen
Haß zu knien.
Gefängniswärter sein ist ein schwerer Beruf. Und wenn ein Wärter auch
einmal sagte: Ja, wenn wir nur lauter Strauße hätten, dann hätten wir
ein feines Leben ... mit anderen Worten, wenn auch das melancholische
und grüblerische Temperament dieses Mannes die Wärter nicht exzessiv
reizte, so kann diesem Leben doch soviel Galle und Bosheit entströmen,
ungewollt, rein mechanisch, unkontrollierbar, unwägbar, dem Gefangenen
aber in das System der Unterdrückung mundgerecht passend, daß
unendliches Leid sich jeden Tag erneuert. Jede Wunde von frischem
blutet.
Die Gedanken sind frei. Und Strauß machte reichlichen, allzu reichlichen
Gebrauch von dieser Schrankenlosigkeit. Wollust des Denkens, das war
immer schon das Narkotikum der Unterdrückten, und wenn dieser seltene
Mensch in den jüngsten Tagen sich einer philosophischen, uralten
skeptischen Bewegung anschloß, die die reale Existenz zugunsten einer
imaginären, aber schmerzlosen, unbeschränkten eliminiert, so setzt er
nur in gerader Linie die Wollust des Phantasierens fort, die ihn
einerseits vor dem Irrewerden an sich, am Leben und der Menschheit,
andererseits aber auch vor dem Aussterben seines Hasses bewahrte.
Ein jedes Leben entwickelt sich ambivalent.
Aufbau hier und Abbruch drüben. Beziehungen werden geknüpft und alte
Fäden zerrissen. Lernen und Vergessen geschehen im gleichen Geiste, in
einem Atem. Liebe und Haß gebären einander gemeinsam aus dem gleichen
Schoße, und der Gefangene, dem eine deutliche, brutale und
rücksichtslose Macht Halt gebot, mußte in der Nacht der Kerker weiter
und weiter grübeln und in der Freiheit sich beweisen, daß sein Leben der
Rache doch einen Sinn hatte.
Und vielleicht gehört er noch unbewußt zu den trotzigen, dämonischen
Typen, die provokativ wirken. Denen die enge, pessimistisch versalzene
Freiheit nicht behagt. Die zurückstreben in die Zelle, um ihren
Maßlosigkeiten des Denkens, ihren Exzessen der Spekulation und ihrem Haß
nachhängen zu können. Vielleicht hat die Gewöhnung an Prügel und
Mißhandlung seine Nerven schon so degeneriert, daß er ohne sie nicht
leben kann.
Daß sein anarchistischer Geist, disziplin- und maßlos, der Marter bedarf
oder besser gesagt, des Gefühles der Ohnmacht, der körperlichen
Minderwertigkeit, um geistig ganz aufzuschnellen zu unheimlicher Rasanz.
Phantastik des primitiv pervertierten, gehemmten und überempfindlichen
Menschen, dem der Zuspruch des Beichtigers, der höheren Kraft, der
Glaube an die Norm und das Wissen um die ewige, unveränderliche Tragik
des begabten, aber verkannten Kindes fehlt. Trotz aller männlichen und
staunenswert mutigen Gesten blieb dieser Charakter im Kindlichen,
Hilflosen stecken.
Er kennt keine Menschen.
Sein Leben in Freiheit, soweit es Leben war, das da in wenigen
Urlaubswochen den armen Körper hin- und herschleuderte in
Wahnvorstellungen von Gerechtigkeit und Rache, soweit es Freiheit war,
unter den kritischen Blicken der Polizei in schmierigen Spelunken sitzen
zu müssen, verborgen, gehetzt, beschimpft ... diese wenigen Wochen
bringt er stumm in der ihm nicht zweifelhaften Gesellschaft schwerer
Jungen zu.
Unzugänglich.
Von Wolken tiefster hoheitsvoller Bewunderung umschwefelt.
Angebetet von dem jüngeren Bruder.
Finster. Verschlossen.
Immer noch in der Zelle, wenn auch in einer nur ihm spürbaren. Alle gehn
für ihn durchs Feuer.
Diese verwahrlosten, maniakalischen, gebrandmarkten Männer spüren seine
überlegene Intelligenz und lassen ihn vollkommen in Ruhe. Er ist eine
Art Dab, ohne dessen robuste Lust am Geld, ohne dessen artistische
Hemmungslosigkeit. Denn dieser König der Einbrecher, der Mut bewies wie
ein Löwe, der zweimal seinen Bruder befreite und zur Organisation seines
Einbruches sein Leben zehnmal aufs Spiel setzte, ist ein gehemmter
Mensch, mit einer unverwüstlichen Hochachtung vor dem Buch, vor dem
Wissen, vor der Technik, vor der Religion, vor allem kurz, was den
besseren, diplomierten Menschen in den Augen des nackten, proletarisch
geborenen und unerzogenen auszeichnet.