III.

Im vorliegenden Falle, dem der Brüder Strauß, besser gesagt, dem des

älteren Bruders Emil, haben wir es mit einem typischen Kampf um die

Existenz in einem höheren, besseren Milieu zu tun. Es handelt sich hier

nicht so sehr um einzelne mehr oder weniger verwegene Akte einer

verbrecherischen Intelligenz, als vielmehr um den verzweifelten, aus

Belastung und Erkenntnis, aus Wissen und Minderwertigkeitsgefühlen

gespeisten Kampf einer originalen Intelligenz, eines schöpferischen, in

seinen Trieben klaren, ungebrochenen Willens: Der Gesellschaft

heimzuzahlen für die Unterdrückung, für das Leid einer befleckten,

liebeleeren Jugend, für die endlosen Jahre in Kerker und Verbannung fern

von allem, was man als schön und gut erkannte. Denn das ist das

Wesentliche an diesem Typus: daß er aus einer geheimnisvollen

Konstellation heraus genau Weg und Volumen des besseren, herrschenden

und nicht dienenden, intellektuellen, vielleicht sogar luxuriösen Lebens

kannte. Details können hier keine Rolle spielen. Gewiß kondensierte sich

sein Weltbild erst in der Einsamkeit der Bücher, der geschriebenen

Worte, deren Sinn ihm gewiß tausendfach widerspenstig und verbohrt

erschien.

Aber Gärung, Gefühl für das Wesentliche, angeborene Schärfe der

Distinktion für die Reichtümer des Lebens, den wahren Sinn lag in seinen

Möglichkeiten als Existenz schlechthin. Und mußten sich entwickeln, als

er Schlag auf Schlag mit eben der Gesellschaft, die er erstrebte, deren

Mitglied zu werden kraft ererbter Fähigkeit sein Los geworden wäre, wenn

er eben geliebt und gepflegt in jugendlichem Alter Schule und Theater,

Wärme und Nahrung, keine Prügel und gemeine Worte hätte zu sich nehmen

müssen.

Wir wissen, daß die Sinne der Kinder unendlich empfindsamer, wacher,

gereizter, deutungbegabter als unsere, der Erwachsenen. Daß Kinder in

Hypertrophien leiden, zumal die begabten. Daß jede Krümmung jugendlichen

Selbstbewußtseins fürchterliche Rache und Beschwerden am eigenen wie am

fremden Leben bedeuten.

Nur das begabte, das geniale Kind vermag zu leiden. Man sagt, daß wir in

der Jugend alle genial seien. Dann muß man wieder fragen: wo bleiben die

Resultate? Unter den Prügeln der Eltern und Lehrer? Ersterben tausend

Keime unter dem Wust des Überflüssigen, das Buch und Ermahnungen,

Ideologien der Erwachsenen ausrotten, zuschütten, bevor es zum Keimen

gelangte?

Der Geprügelte, Getretene, Ausgeschlossene, der Knabe, der sich des

tausendfachen Unrechtes blutend bewußt wird, schließt seine Augen innen

gegen dieses gemeine und verfehlte Leben. Erträgt mit verbissener,

stoischer Hartnäckigkeit alle Misèren und gewinnt in seiner

Vorstellungswelt, bevölkert von Tagträumen einen Raum, den er mit klarer

Energie beherrscht, mit dem einen Wunsche befruchtet ... einmal groß zu

sein und sich rächen zu können. Oder zumindest den Großen beweisen zu

können, wer man in Wahrheit ist!

Zu dem besonderen Problem dieses Mannes, von dem wir hier reden, tritt

noch das proletarische Bewußtsein in deutliche Antithese. Sein

Rachegefühl richtet der Erwachsene, Erwachte aus dem schlimmen Traum

verwüsteter Jugend nicht gegen Vater und Mutter, wie es wohl die Söhne

der Bürger belieben, leiden und prophetisch zugleich als eine Aufgabe

verkünden. Nicht gegen die Erniedriger im fremden Heim, in der

Heimatlosigkeit des verbrecherischen, sexuell und moralisch irritierten

Milieus der Familie, die ihn verführte und eigentlich die Handfertigkeit

züchtete, die ihn dann reizte zu neuen Taten, die neue Strafen gebaren.

Seine Wut, sein Haß gilt der bürgerlichen Gesellschaft.

Seine Idee ist die des Kohlhaas. Er will sich ein Recht verschaffen, das

nirgendwo existiert. Weil die Zeit dieser Möglichkeit, es zu erleben,

nicht unter dem bittersten Unrecht zu leiden, die Zeit der frühen

Jugend, unwiderruflich vorüber war.

Damit ist zwar sein falscher Weg aufgedeckt, soweit er aus der

persönlichen Gebundenheit hinübergreift in die Sphäre allgemeiner,

menschlicher, sozialer Gruppierung; aber die immanente Logik eines

Lebens, das nun einmal mit und zwischen uns existiert, blüht, voran will

zu seiner schönsten Entfaltung, zu seinem Sinn drängt, läßt sich nicht

umbringen durch Widersprüche, und jede Erfahrung muß bitter am eigenen

Leibe verspürt werden.

Wie stark muß aber das Leid dieses begabten Kindes gewesen sein, wenn

zehn Jahre Kerker es nicht verstummen machten. Nicht nur keinen Strich

das Fieber herunterdrückten, sondern es immer höher und

widerspruchsloser in sich zu einer dumpfen Flamme auftrieben, vor der

nichts mehr unversengt blieb. Daß schließlich Blut fließen mußte,

Menschen ihr Leben lassen. Und das von der Hand eines Mannes, der

eigentlich ein Dichter, ein Schwächling in höherem Sinn, keineswegs ein

robuster, ungehemmter Typus der verbrecherischen Intelligenz, der

Halbbildung, die sich an der höheren reiben muß, voller Gehässigkeit

verneint.

Emil Strauß ist kein Verneiner. Er bejaht die Gesellschaft und will sie

heilen. Heilung bedeutet ihm Aufnahme, Heilung für sich und für alle

anderen. Nehmt ihr mich nicht auf, so werde ich euch so lange strafen,

verfolgen, bis ihr mich beiseite schafft oder ich sonstwie draufgehe. An

einen Sieg war da nicht zu denken. Die Gerichte, die Polizei, der

gewaltige Apparat der Gesellschaft lag offen vor seinen klaren Augen.

Seine Beziehungen waren seit frühester Jugend zu diesen Trägern der

Gewalt im Staate recht intim, und das Milieu, dem er entstammte, mochte

ihm wohl Weisheiten und Erkenntnisse recht unbürgerlicher Natur in

reichstem Maße mit auf den vergitterten Pfad gegeben haben. Mehr, als

Platz in seinem phantastischen Schädel war. Jedenfalls wäre ihm

Schiller, Kleist und Goethe besser bekommen, und das Leben des Julien

Sorel hätte den jungen Mann vor mehr Torheiten bewahrt als nochmals und

wiederum drei Jahre Kerker.

Denn gerade die Isolierung von der Luft, von dem Erleben der Triebe der

Freiheit, der Liebe, von dem wenigen, das ein Mensch doch und trotz

allem braucht ... gerade das Schutzbedürfnis der Gesellschaft und die

Verbannung des Attentäters in die Nacht des Gefängnisses gaben dem

überreizten, empfindsamen Geiste den Raum und die Muße, sich in seinen

Haß zu knien.

Gefängniswärter sein ist ein schwerer Beruf. Und wenn ein Wärter auch

einmal sagte: Ja, wenn wir nur lauter Strauße hätten, dann hätten wir

ein feines Leben ... mit anderen Worten, wenn auch das melancholische

und grüblerische Temperament dieses Mannes die Wärter nicht exzessiv

reizte, so kann diesem Leben doch soviel Galle und Bosheit entströmen,

ungewollt, rein mechanisch, unkontrollierbar, unwägbar, dem Gefangenen

aber in das System der Unterdrückung mundgerecht passend, daß

unendliches Leid sich jeden Tag erneuert. Jede Wunde von frischem

blutet.

Die Gedanken sind frei. Und Strauß machte reichlichen, allzu reichlichen

Gebrauch von dieser Schrankenlosigkeit. Wollust des Denkens, das war

immer schon das Narkotikum der Unterdrückten, und wenn dieser seltene

Mensch in den jüngsten Tagen sich einer philosophischen, uralten

skeptischen Bewegung anschloß, die die reale Existenz zugunsten einer

imaginären, aber schmerzlosen, unbeschränkten eliminiert, so setzt er

nur in gerader Linie die Wollust des Phantasierens fort, die ihn

einerseits vor dem Irrewerden an sich, am Leben und der Menschheit,

andererseits aber auch vor dem Aussterben seines Hasses bewahrte.

Ein jedes Leben entwickelt sich ambivalent.

Aufbau hier und Abbruch drüben. Beziehungen werden geknüpft und alte

Fäden zerrissen. Lernen und Vergessen geschehen im gleichen Geiste, in

einem Atem. Liebe und Haß gebären einander gemeinsam aus dem gleichen

Schoße, und der Gefangene, dem eine deutliche, brutale und

rücksichtslose Macht Halt gebot, mußte in der Nacht der Kerker weiter

und weiter grübeln und in der Freiheit sich beweisen, daß sein Leben der

Rache doch einen Sinn hatte.

Und vielleicht gehört er noch unbewußt zu den trotzigen, dämonischen

Typen, die provokativ wirken. Denen die enge, pessimistisch versalzene

Freiheit nicht behagt. Die zurückstreben in die Zelle, um ihren

Maßlosigkeiten des Denkens, ihren Exzessen der Spekulation und ihrem Haß

nachhängen zu können. Vielleicht hat die Gewöhnung an Prügel und

Mißhandlung seine Nerven schon so degeneriert, daß er ohne sie nicht

leben kann.

Daß sein anarchistischer Geist, disziplin- und maßlos, der Marter bedarf

oder besser gesagt, des Gefühles der Ohnmacht, der körperlichen

Minderwertigkeit, um geistig ganz aufzuschnellen zu unheimlicher Rasanz.

Phantastik des primitiv pervertierten, gehemmten und überempfindlichen

Menschen, dem der Zuspruch des Beichtigers, der höheren Kraft, der

Glaube an die Norm und das Wissen um die ewige, unveränderliche Tragik

des begabten, aber verkannten Kindes fehlt. Trotz aller männlichen und

staunenswert mutigen Gesten blieb dieser Charakter im Kindlichen,

Hilflosen stecken.

Er kennt keine Menschen.

Sein Leben in Freiheit, soweit es Leben war, das da in wenigen

Urlaubswochen den armen Körper hin- und herschleuderte in

Wahnvorstellungen von Gerechtigkeit und Rache, soweit es Freiheit war,

unter den kritischen Blicken der Polizei in schmierigen Spelunken sitzen

zu müssen, verborgen, gehetzt, beschimpft ... diese wenigen Wochen

bringt er stumm in der ihm nicht zweifelhaften Gesellschaft schwerer

Jungen zu.

Unzugänglich.

Von Wolken tiefster hoheitsvoller Bewunderung umschwefelt.

Angebetet von dem jüngeren Bruder.

Finster. Verschlossen.

Immer noch in der Zelle, wenn auch in einer nur ihm spürbaren. Alle gehn

für ihn durchs Feuer.

Diese verwahrlosten, maniakalischen, gebrandmarkten Männer spüren seine

überlegene Intelligenz und lassen ihn vollkommen in Ruhe. Er ist eine

Art Dab, ohne dessen robuste Lust am Geld, ohne dessen artistische

Hemmungslosigkeit. Denn dieser König der Einbrecher, der Mut bewies wie

ein Löwe, der zweimal seinen Bruder befreite und zur Organisation seines

Einbruches sein Leben zehnmal aufs Spiel setzte, ist ein gehemmter

Mensch, mit einer unverwüstlichen Hochachtung vor dem Buch, vor dem

Wissen, vor der Technik, vor der Religion, vor allem kurz, was den

besseren, diplomierten Menschen in den Augen des nackten, proletarisch

geborenen und unerzogenen auszeichnet.

Der Fall Strauß · 第 6 / 17 题