Zu der Analyse dieses Falles scheint es unumgänglich notwendig, die
soziologische Struktur der heutigen Großstadt zu untersuchen, bevor die
Tatsache, daß einmal oder besser mehrere Male zwei Menschen ihr Leben in
tollkühner Manier aufs Spiel setzten, um, sagen wir zu Geld, zu
Kleidern, Essen und Trinken und zu Frauen zu kommen, als Tatbestand
gewertet werden darf. Um eine Zeitlang wenigstens das Leben führen zu
können, dem sie Tausende ihrer Mitmenschen, ihnen an Kraft, Intelligenz
und Überlegung keineswegs ebenbürtige, sorglos Stunden, Tage und Jahre
in Mengen, in ganzen Schichten dienen sehn.
Ganze Stadtviertel, Vororte, Stätten des Vergnügens, der Erholung,
Bildung sind diesem freundlichen und erstrebenswerten Ziel geweiht.
Dahinein gehören nur jene, die das Mittel und Aussehn haben, die würdig
befunden wurden, sich in diesen geheiligten Orten aufzuhalten. Der Typus
dieser Menschen ist ein anderer – obwohl jedes Kind weiß, daß Geld und
Schneider die erstaunlichsten Wandlungen der Personen nicht nur, sondern
auch der Zeit herbeiführen.
Hier beginnt bereits die Psychologie der Grenze. Jenes Gebiet, wo
unmerklich Natur oder Gesellschaft, ein künstliches Gebilde, Formen und
Fähigkeiten schafft, die nicht mit Begriffen zu belegen oder zu deuten
sind. Für den reichen, in Hinblick auf seine zukünftige Stellung
erzogenen Menschen ist der Kreis der wohlgekleideten, gebildeten,
vermögenden ein Ruhepunkt, eine Sicherheit, das Milieu, das ihm einen
Stempel, aber auch einen Rückhalt verleiht. Er bewegt sich mit der
Selbstverständlichkeit des Instinktes und der geformten Klugheit seiner
Anpassung zwischen Gleichgearteten, Gleichdenkenden und kennt ihre
Meinungen, die Themata der Gespräche und Neigungen, beherrscht den Kodex
der Ehre und Formalitäten in Rang- und Kleidungsfragen.
Hier findet der Geborgene Freundschaft und Liebe, Kredit und Hilfe,
Ideen und gute Laune. Da spielt es keine Rolle, welcherart die Stellung
des einzelnen ist. Seine Gesellschaft genügt ihm und es steht ihm frei,
sie zugunsten einer höher gearteten, einflußreicheren zu wechseln ...
wenn es ihm gelingt! Denn je höher der Name einer Stufe der
Gesellschaft, desto exklusiver, unzugänglicher, mißtrauischer wird sie.
Desto beschränkter die Zahl der Zugelassenen.
Die Kaste stellt den Fonds an Werten des Menschen.
Sein Wert entspricht hier weniger seinem Werk, als vielmehr einer
angeborenen oder erworbenen Stammeszugehörigkeit. Den Stamm eines
Menschen erkennt man an manchen Dingen. An seinen Händen, seiner Wäsche,
dem Bankkonto, den guten Manieren, seinem Witz, seiner Begabung als
Liebhaber. All diese Möglichkeiten aber fallen in nichts zusammen, wenn
der kleinste Flecken auf seiner Vergangenheit, seiner Ehre ruht.
Was bedeutet in einem Kreis gleichgerichteter oder ungerichteter, rein
vegetativ genießerischer Menschen Gegenwart, was Zukunft, wenn einer mal
mit der Polizei in Konflikt geriet!
Ehre, das ist die weiße Seite in den Papieren.
Die Papiere liegen auf der Polizei. Dort sind sie zwar gut aufgehoben,
aber sie existieren.
Der Drohwert einer verschwiegenen Verfehlung wälzt mehr Angst auf den
tausendmal reuigen Sünder als die Tat.
Hier wird der Begriff des schlechten Gewissens in keiner Weise berührt.
Denn es handelt sich nicht um den Menschen, der etwas begehn will, ein
Attentat gegen die Gesellschaft plant, einen Schwindel, einen Mord, eine
Erpressung verüben will. Diese Abenteurer, Hochstapler der Beziehungen,
des Geldes und der Intelligenz wären beim ersten Anzeichen einer
Unsicherheit verloren. Sie glauben, und ganz mit Recht, an die magische
Kraft der falschen Namen und Papiere, die ihnen die goldenen Pforten
öffneten. Nein, hier soll die Hemmung fixiert werden, der ein sonst
wohlbeschaffener und geeigneter Mensch erliegen muß, hinter dem die
Vergangenheit die Kontinuität der guten Führung, der moralischen Haltung
einen Sprung zeigt.
Die Robusten werden diesen Alpdruck überwinden. Es gibt da das Mittel
der Splendidität, der Hilfsbereitschaft, der Unentbehrlichkeit, das alle
Bedenken zerstreut.
Aber der empfindsame Typus, dessen Nerven gespannter, dessen
Verantwortlichkeitsgefühl tiefer, der seine Haltung kontrolliert und in
den Mienen der ihn Empfangenden sein Schicksal zu lesen versteht und
angewiesen ist, aus geschäftlichen oder menschlichen, erotischen oder
künstlerischen Gründen einem Kreise von Menschen anzugehören, der ihm
Bewußtsein der Existenz, Geltung, Ehre, Verdienst verschafft ... ein
solcher Mensch wird eines Tages entdeckt und eliminiert, oder er begeht
aus dem Übereifer seiner Schwäche heraus einen Fehltritt, der ihn
unmöglich macht.
Weiß er aber aus Kenntnis seiner Fähigkeiten, seiner Schwächen des
Lebens überhaupt diesen Ausgang voraus, meidet er die ihm genehme,
entsprechende Gruppe der Gesellschaft, so bleibt ihm nur die Einsamkeit.
Der Typus des Entwurzelten, des Seltsamen, des Abenteurers oder des sich
an allen Mitmenschen gehässig Rächenden ist geboren.
Über allen Bindungen schwebt ein Verhängnis.
Die Ahnenden erfüllt es mit Scheu und Fremdheit, mit Neid und Haß die
Ausgeschlossenen.
Die Macht der Gruppe ist _Tabu_.
Das Streben der Unteren drängt nach oben. Es gibt nur diese eine
kontinuierliche soziale Kraft.
Was aber stellt sich als Unten, als Sockel, als Fundament unter dieses
gewaltige Gebäude der herrschenden, der schönen und reichen
Gesellschaft?
Das sind die dunklen, nicht vergoldeten Massen. Die Masse, das ist
wiederum der Schrecken der Oberen.
Die Masse ist der Fundus, das Reservoir an Kraft, Intelligenz, Blut und
Kapital eines Staates, einer Gesellschaft besser gesagt, die nicht aus
eigener Fähigkeit heraus produzieren kann, sondern, lediglich im Besitz
der Finanzen und Werkzeuge, sich die einzelnen Individuen verdingt, und
sie für sich und ihre Fabriken arbeiten läßt.
Die Masse besteht zweifellos aus Einzelwesen, aber der Mangel an
Unterschiedlichkeit, Beweglichkeit, Bildung, Bedürfnissen schweißt sie
zusammen zu eben der Masse, die in unseren Tagen die Millionenstädte
übervölkert, die großen Heere der Schlachten und der Arbeit, des
Verkehrs und der Revolutionen auf die Beine bringt, und bewaffnet oder
unbewaffnet als ein Schrecken wirkt auf die Feineren, die Wenigen,
Glücklicheren. Zwischen beiden Heerlagern herrscht dumpfer Haß,
Abneigung, Unterwürfigkeit, Aggressivität und Abwehrzustand.
Das Emporkommen aus der Masse war eine kurze Zeit nach dem Völkerbeben
leichter als je. Der große Proletschub brachte zwar frisches Blut in
dürre Adern. Die Natur half sich gegen den Aderlaß. Aber dieses
Experiment bekam den Oberen schlecht, und die Echten lehnten es
kategorisch ab. Der Rest blieb als eine Serie schlechter Witze in den
Gazetten und Gerichtssälen auf der Strecke.
Ganz zu den Ausnahmen und in allen Chroniken verzeichnet erscheint der
Aufstieg des begabten Mannes aus der unbekannten, wesenlosen Masse zu
Macht, Reichtum, zur Ebenbürtigkeit.
Die unteren Intelligenzen sind keineswegs in der Minderheit. Ihre
Begabung keineswegs geringer. Trotz der verschlossenen Bildungsstätten
möchte es vielen durch eisernen Fleiß gelingen, Examina zu bestehn. Das
prinzipielle Manko liegt in der Befangenheit, im Tabu, das den Blick
verzaubert, den Schritt hemmt und die Stimmen der Gewaltigen zu
unheimlichen Geräuschen und Nebentönen anschwellen läßt: im Ohr und in
der Seele des Nachdrängenden.