29,16 ff. von Deuterojesaja hervor. Man wird ~Duhm~[27] beistimmen
können, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass
die Nachahmung des Deuterojesaja nach c. 29,16 ff. nicht ganz
unbewusst geschehen sei, so dass die Möglichkeit vorliegt, dass
der Verfasser den Deuterojesaja für jesajanisch gehalten habe. Mit
Bestimmtheit lässt sich das freilich nicht sagen. Jedenfalls steht
aber die Abhängigkeit fest. Ebenso lässt sich ein Abhängigkeits- und
Verwandtschaftsverhältnis unserer Stücke mit den spätesten Psalmen
und Propheten, wie Deutero-Sacharja und Joel, nachweisen, wie im
ersten Teile gezeigt worden ist. Daraus geht hervor, dass wir mit der
Zeitansetzung unserer Stücke bis ins zweite Jahrhundert hinabzugehen
haben.
Auf diese Zeit passen nun auch die Anspielungen auf die Gegenwart,
die sich in ihnen, namentlich in c. 33 finden. Aus ihnen hat ~Duhm~
wahrscheinlich gemacht, dass dieses Kapitel ungefähr aus dem Jahre 162
stammt[28]. Diese Zeitansetzung unserer Stücke in die erste Hälfte des
zweiten Jahrhunderts findet nun auch aus c. 30,27 ff. und c. 31,7 f.
eine weitere Bestätigung.
Diese beiden Stücke wenden sich gegen „Assur“. Was konnte aber ein
nachexilischer Schriftsteller für ein Interesse daran haben, gegen das
Assur Jesaias eine Drohweissagung zu schreiben, das es doch gar nicht
mehr gab? Unter „Assur“ kann hier nur Syrien, das „Assur“ des zweiten
Jahrhunderts, verstanden werden.
In diese vielbewegte Zeit der Seleuzidenherrschaft passen nun auch
die in den anderen Stücken wahrgenommenen Andeutungen auf Kämpfe und
Kriegsnöte. Dahin gehört „das Brot der Not und Wasser der Drangsal“
in c. 30,20, das „Erbleichen“ Jakobs in c. 29,22 und endlich auch c.
28,6b, wo gesagt wird, dass Jahwe denen zur Heldenkraft werden wird,
„die den Kampf zum Thore zurücktreiben.“
Es ist demnach aus inneren und äusseren Gründen wahrscheinlich, dass
wir als ungefähre Abfassungszeit der nichtjesajanischen Stücke unseres
Buches die erste Hälfte des zweiten Jahrhunderts v. Chr. anzunehmen
haben. Sollte die Annahme ~Duhms~, dass c. 33 aus dem Jahre 162 stammt
-- was freilich nur eine Vermutung bleiben kann -- richtig sein, so
hätten wir damit den terminus ad quem der Fertigstellung des Buches
c. 28-33 gewonnen. Denn c. 33 setzt, wie wir gesehen haben, das
Vorhandensein des übrigen Buches bereits voraus und ist hinter c.
32,9-14 als zweiter Nachtrag an dasselbe angeschlossen worden. Das
älteste unjesajanische Stück unseres Buches ist c. 30,27-33. Da es
gegen „Assur“ gerichtet ist, werden wir für seine Entstehung etwa das
Jahr ±200 anzunehmen haben. Die Hauptmasse würde demnach etwa in die
Mitte zwischen 200 und 162 fallen, also um das Jahr ±180. Bestimmtere
Anhaltspunkte für die Zeitansetzung finden sich nicht.
III.
Wir haben nun im Vorstehenden auch für die nichtjesajanischen Partieen
unseres Buches eine Scheidung und Zeitansetzung der untereinander
zusammengehörigen Stücke zu geben versucht. Es erübrigt noch, dass wir
aus den gewonnenen Resultaten einen Ueberblick über den Zweck und die
Anlage unseres Buches gewinnen. Das wird am besten durch eine kurze,
zusammenfassende Darstellung der Entstehungsgeschichte unseres Buches
geschehen.[29]
Als im Jahre 705 v. Chr. der gewaltige König Sargon von Assur ermordet
worden war, und der Babylonier Merodachbaladan den Regierungswechsel
zu einem Aufstande benutzt hatte, schien vielen Vasallenstaaten des
grossen Assyrerreiches der Augenblick gekommen zu sein, das verhasste
Joch abzuschütteln. Auch in Juda regten sich Abfallsgelüste. Allein
freilich konnte mans nicht wagen; es galt, sich mit Ägypten zu
verbinden. Die ägyptenfreundliche Partei gewann die Oberhand; ein
Freiheitstaumel patriotischer Begeisterung erfasste alle. Nur ein Mann
blieb ruhig, der Prophet Jesaia; im Namen seines Gottes forderte er das
Aufgeben dieser Pläne. Nicht auf Menschen, auf Jahwe solle man sich
verlassen. „Glaubet ihr nicht, so bleibet ihr nicht.“ Er schleuderte
seine Drohungen hinein in das Volk; er trat in dem Tempelvorhofe
den trunkenen Priestern entgegen; er verkündete den Leitern und
Machthabern des Volkes den Untergang. Es half nichts. Der Aufstand
im Bunde mit Ägypten wurde Thatsache. Heimlich vor dem gewaltigen
Manne verwirklichte man seine Pläne. Als Jesaia davon erfuhr, hat
er wohl noch einmal in gewaltiger Drohrede das Strafgericht Jahwes
verkündet.[30] Aber dann zog er sich zurück: „Jetzt geh’ hinein und
schreib es nieder, und auf ein Buch zeichne es, dass es sei für einen
spätern Tag, zum Zeugen für immer!“ c. 30,8.
Dieser Befehl Jahwes, den Jesaia erhielt, war der Antrieb zur
Aufzeichnung des Buches, das unserm Buche Jesaia c. 28-33 zu Grunde
liegt. Nicht aus eigenem Antriebe hat Jesaia geschrieben; er führt
seine schriftstellerische Thätigkeit selbst auf einen besonderen Befehl
Jahwes zurück. Auch nicht aus blossem schriftstellerischen oder rein
historischem Interesse hat Jesaia sein Buch verfasst, sondern zum
Zeugnis für einen folgenden Tag, um der Wahrheit willen, damit Jahwe
in seinem Propheten Recht behalte.[31] Wir dürfen darum auch nicht
annehmen, dass die unserm Buche zu Grunde liegende Schrift Jesaias, in
welcher er sein Auftreten geschildert hat, einen allzugrossen Umfang
gehabt habe; einige kurze Notizen[32] über die den Reden zu Grunde
liegenden Ereignisse werden die uns jetzt erhaltenen Stücke verbunden
haben, etwa in der Weise von c. 7.
Welche Schicksale dieses Buch bis zum zweiten Jahrhundert gehabt hat,
ist uns unbekannt. Aus c. 30,27 ff. geht indes hervor, dass auch dieses
Buch von fremden Einflüssen nicht unberührt geblieben ist. Ebenso ist
möglicherweise c. 28,16 spätere Zuthat. Ob unter den fortgelassenen
geschichtlichen Bestandteilen fremde Stücke waren, lässt sich natürlich
nicht sagen. Der Text der jesajanischen Stücke ist teilweise sehr
verdorben, zum Teil auch verloren gegangen. Ganz verstümmelt ist c.
29,1 ff., wahrscheinlich auch der Anfang des Buches; unvollständig
erhalten ist wohl auch der Schluss c. 31,4. Dennoch geht aber aus der
grossen chronologisch-sachlichen Ordnung unserer noch jetzt erhaltenen
jesajanischen Stücke hervor, dass das ursprüngliche Buch sich ziemlich
vollständig erhalten haben muss.[33]
Endlich ist aber auch dieses Buch dem Schicksale so vieler anderen
älteren Schriften verfallen. Ein Apokalyptiker des zweiten Jahrhunderts
besorgte eine neue Ausgabe dieses alten Buches. Er fand, dass die darin
aufgezeichneten Gesichte Jesaias in seiner bedrängten Zeit sich zu
erfüllen begännen. Die Not der Fremdherrschaft, unter der seine Zeit
seufzte, ist die Erfüllung der von dem uralten Propheten geweissagten
Gerichte Jahwes über sein Volk wegen des Abfalls, den „sie“ (nämlich
die frühere Generation) begingen.[34] Er deutete die darin geweissagte
Bedrängung Jerusalems auf die syrische Tyrannei.[35] Bei dieser Deutung
konnte ihm freilich die geschichtliche Umrahmung nichts helfen. Es kam
ihm auch an sich nur auf die Offenbarungen, also auf die Sammlung des
reinen Wortes an. So brach er denn alle wirklichen und vermeintlichen
Reden aus ihrem geschichtlichen Zusammenhange heraus und verarbeitete
sie zu einem neuen Buche.
In den jesajanischen „Gesichten“ (c. 29,11) war aber nur eine Seite
der Endzeit hervorgehoben, nämlich das Gericht. Die andere Seite, die
Erlösung und das messianische Heil, fehlte. Sie hat der Herausgeber aus
seinem eigenen Schatze hinzugefügt. Das sollte kein Betrug sein und war
auch keiner.
Der Verfasser schrieb seine Stücke als notwendige Erläuterungen und
Ergänzungen, und zwar, wie er sicher annahm, ganz im Geiste Jesaias.
Was er über das zu erwartende Heil geschrieben hat, war nicht seine
Erfindung, sondern zu seiner Zeit allgemeingültiges Dogma. Ja, er hat
seine Gedanken zum Teil aus einem anderen von ihm für jesajanisch
gehaltenen Buche, dem Deuterojesaja, entlehnt. Wie harmlos er den
jesajanischen Stücken gegenübergestanden hat, ergiebt sich z. B.
daraus, dass er die Schilderung Jesaias von dem Zuge der jüdischen
Gesandtschaft nach Aegypten c. 30,6 f. für ein geheimnisvolles Orakel
über die Tiere des Südlandes gehalten hat.
Seine Schrift sollte eine Trostschrift sein. In der Zeit des Verfassers
fing man an, an der Sicherheit des messianischen Heils irre zu werden.
Da galt es, die Zeichen der Zeit zu verstehen und sie zum Trost und
zur Belehrung des Volkes nach den Weissagungen der alten Propheten
zu deuten. Aus diesem Zwecke erklärt sich der teils lehrhafte, teils
weinerliche Ton der Schrift. „Die Gerichte, die Jesaia verkündet
hat, geschehen jetzt in eurer Mitte; nur noch ein kleines Weilchen,
dann folgt die grosse Umwandlung der Dinge; du Volk in Sion sollst
nicht immerfort weinen; gab auch der Herr Brot der Not und Wasser der
Drangsal, so wird er sich jetzt bald eurer erbarmen; wie man nicht
immerfort drischt, so wird euch der Herr auch nicht immerfort schlagen.
Grade die Trübsal ist ein sicheres Zeichen des nahen Heils; dann wird
„Assur“ vernichtet, ihr aber werdet gesegnet werden.“
Eine derartige Trostschrift wollte der Verfasser geben. Er that dies,
indem er aus dem jesajanischen Buche alle wirklichen und vermeintlichen
Reden herausbrach und sie mit seinen Erklärungen und Ergänzungen zu
einem neuen Buche verarbeitete. So ist es gekommen, dass in dem neuen
Buche die beiden sich ergänzenden Gedankenreihen von Gericht und Segen
immer abwechselnd zu Worte kamen. Für den Zweck der Schrift konnte
das nur um so wirksamer und eindringlicher sein, jemehr dadurch der
eigentliche Charakter der Drohreden verwischt wurde. Dem Verfasser aber
war diese Methode durch die Art der Gewinnung der jesajanischen Stücke
an die Hand gegeben.
Als Einteilungsprinzip diente ihm das mehrfach in den jesajanischen
Stücken vorkommende הוי. Das wird ihn wohl auch veranlasst haben,
an Stelle des vielleicht verstümmelten Einganges des Buches das in
formaler Beziehung ganz passende Stück c. 28,1-4 zu setzen. Denn mit
einem jesajanischen Stücke wollte er doch sein Buch beginnen.[36]
Als Abschluss seines ganzen Werkes dichtete er nach dem Muster von
c. 9,1-6 oder c. 11,1-9 die etwas verunglückte Weissagung c. 32,1-8.
Ein späterer hat dann in ähnlicher Weise c. 32,9-20 hinzugefügt. Als
zweiter Nachtrag reihte sich dann noch c. 33 an. Der Verfasser hat es
in seinem Anfange dem Buche c. 28 ff. nachgebildet. So erschien dann
die Schrift in damaliger Weise als חסון ישעיהו, wurde als solche später
in das Ganze unseres Jesajabuches aufgenommen und blieb in dieser
Geltung seitdem unangefochten.
Dadurch, dass es der Kritik gelungen ist, die widerspruchsvolle Einheit
auch dieser Sammlung des Jesaia-Buches zu zerstören, hat sie der
alttestamentlichen Wissenschaft einen grossen Dienst geleistet.
Zunächst ist es dadurch erst möglich geworden, ein entsprechendes Bild
von der schriftstellerischen Thätigkeit jenes grossen Propheten des 8.
Jahrhunderts zu gewinnen. Man hat sich nie eine rechte Anschauung davon
machen können. Weder die Annahme einer vorhergehenden predigtähnlichen
Ausarbeitung noch die der eigenen nachträglichen Niederschrift und
redaktionellen Sammlung seiner in glühender Begeisterung gehaltenen
Reden konnte befriedigen. Die Aufgabe des „Schriftstellers“ Jesaia
ist gewiss kein Schaden für seine Bedeutung als Prophet. Sehr wohl
erklärlich aber ist, dass Jesaia, nachdem er vergeblich durch mündliche
Predigt gewirkt hat, nun auf Befehl seines Gottes davon eine kurze
Darstellung giebt zum Zeugnis für einen folgenden Tag. So wird seine
schriftstellerische Thätigkeit in seine prophetische mit hineingezogen.
Von weittragendster Bedeutung ist aber die richtige Erkenntnis von der
Komposition von Jesaia c. 28-33 für die inhaltliche Beurteilung seiner
Prophetie. Gehören ihm nämlich in jenen Kapiteln nur die Drohreden an,
hat demnach Jesaia grade in den Jahren 705 ff. den Untergang Jerusalems
verkündet, so darf wahrlich seine Bedeutung für die Folgezeit nicht
mehr darin gesehen werden, dass er die Unverletzlichkeit Jerusalems
als der Gottesstadt festgehalten habe. Ja, es wird dann überhaupt
der Meinung, die in ihm noch gern den Propheten „einer beglückenden
Fernsicht und milden Tröstung“ sieht, immer mehr der Boden entzogen.
„Ihn darf man nicht den Propheten der Hoffnung, wohl aber mehr als alle
andern den Propheten des ~Glaubens~ nennen“ (Hackmann).
Endlich lässt uns auch die Erkenntnis der Komposition unseres Buches
einen lehrreichen Einblick in die Arbeit und Anschauungen des späteren
Judentums thun. Denn wir haben es bei diesem Buche nicht mit blosser
Ueberarbeitung oder mit Einschaltungen zu thun, sondern mit völliger
Umgestaltung einer altprophetischen Schrift; und es dürfte im ganzen
Kanon kaum eine Schrift geben, bei der, wie an unserer, der Zweck und
die Art der Umgestaltung deutlich zu erkennen wäre.
~Duhm~ ist der erste gewesen, der dem Buche c. 28-33 den falschen
Schein der Einheitlichkeit genommen hat; ~Hackmann~ hat die Scheidung
von jesajanischem und nichtjesajanischem Materiale auf die richtigen
Prinzipien zurückgeführt. Der Zweck dieser Abhandlung ist es gewesen,
durch eingehende Darlegung der Komposition des Buches die Richtigkeit
der von ~Hackmann~ aufgestellten Prinzipien zu begründen und dadurch
der von ~Duhm~ eröffneten Anschauung von der Gestaltung dieses Buches
weiter Bahn zu brechen. Sie will an ihrem Teile einen kleinen Beitrag
liefern zur Lösung des grossen Problems, das die Erkenntnis von der
Beschaffenheit des Jesaia-Buches der neueren alttestamentlichen
Forschung gestellt hat.
Anhang.
1. c. 28,23-29.
Diese Dichtung enthält ein dem Landbau entnommenes Gleichnis, welches
das Verhalten Jahwes seinem Volke gegenüber abbilden soll.
Sie hat eine besonders feierliche Einleitung, wie sie der Volkssänger
gebraucht, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und wie sie auch
Jesaia in dem Gleichnisse vom Weinberge c. 5,1 nachgeahmt hat. Schon
dadurch wird es unwahrscheinlich, dass ihr eine längere oder kürzere
Rede voraufgegangen sei. Selbst ~Dillmann~ findet es wahrscheinlich,
dass v. 23-29 ursprünglich nicht in unmittelbarer Fortsetzung von v.
7-22 gesprochen ist.[37]
Aber auch inhaltlich steht dies Maschal mit v. 7-22 in keinem
Zusammenhange, so dass man annehmen könnte, Jesaia habe es nachträglich
selbst als Fortsetzung an seine jetzige Stelle gesetzt. Die Ausleger
geben sich vergeblich Mühe, den Zweck und Inhalt der Parabel mit dem
Vorangegangenen in Einklang zu bringen.[38]
Betrachtet man die Parabel für sich, so kann ihr Inhalt nur tröstlicher
Art sein. Wie der Landmann nicht immerfort pflügt und eggt, sondern
auch säet, nachdem er den Boden geebnet hat, so wird -- das ist die
einzig richtige Parallele, auch Jahwe nicht immerfort zerstören,
sondern auch bauen. Wie Dill und Kümmel nicht mit der Schleife
gedroschen, sondern mit dem Stecken geklopft wird -- nämlich, damit sie
nicht beschädigt werden -- so wird auch Jahwe sein Volk nicht zu Grunde
richten, sondern nur züchtigen. Ebenso: wie Brotkorn nicht vom Rade des
Wagens zermalmt wird, sondern nur von der Spreu geschieden, so wird
Jahwe auch sein Volk nicht zermalmen, sondern es nur so lange strafen,
bis es gereinigt und geläutert ist. Denn wunderbar ist sein Rat, gross
seine Einsicht.
Enthält aber das Maschal Tröstung, wie passt es dann als Fortsetzung
zu v. 7-22. Denn dass Jesaia, wie ~Meinhold~[39] will, eine versteckte
Drohung gegen die Magnaten darin habe aussprechen wollen, ist gänzlich
unverständlich. Und noch dazu soll Jesaia das Maschal eigens dazu
gedichtet haben, die vorstehende Drohrede zu verstärken und die Grossen
zu erschrecken! In der That, diese Erklärung ist kaum wunderbarer, als
der Fehlgriff ~Ewalds~, der, auf die vorhergehenden Drohungen wider
die trunkenen Judäer zurückgehend, in der Bilderrede v. 23-29 eine
symbolische Abmahnung von der Unmässigkeit im Trinken erblickt.
Auf andere Art sucht ~Dillmann~ darzuthun, dass sich das Maschal noch
„im Gedankenkreis des vorigen Abschnittes bewegt“. Denn teils ist es
die Bewunderung des göttlichen Verstandes, worauf das Ganze hinausläuft
(v. 29), und darin berührt es sich mit v. 21, teils wird aller
Nachdruck darauf gelegt, dass der Landmann nicht immerfort den Boden
umbricht, und darin berührt es sich mit v. 16 f., wonach „Gott nicht
blos zerstört, sondern aufbaut“.
Aber v. 21 und 29 berühren sich nicht so, wie ~Dillmann~ sagt. Beide
Verse drücken zwar eine Verwunderung aus, und zwar über Gottes Thun.
Trotzdem besagt v. 29 so ziemlich das Gegenteil von v. 21. In v. 21
wundert sich der Prophet über Gottes Thun, weil er es nicht versteht.
„Dem Propheten selber ist offenbar höchst fremd zu Mute, wenn er sich
jenes Werk vorstellt, dass Jahwe mit Assurs wilden Scharen gegen Juda
zu Felde ziehen soll: fremd seine That, wildfremd sein Werk!“ (Duhm).
Aber freilich, nach Dillmann thut Jesaia den Ausruf, weil er es
durchschaut, dass Jahwe schliesslich doch nicht Zion vertilgen, sondern
durch die Strafe seine Verklärung bewirken wird![40] Wo steht davon
auch nur ein Wort? Aber der wuchtigen Rede des Jesaia wird alles Mark
entzogen, wenn er am Schlusse seiner Drohungen theologisch spintisiert
und diesen unausgesprochenen Reflexionen durch Worte der Bewunderung
Ausdruck gegeben hätte! Nein, er durchschaut eben den Ratschluss Gottes
nicht, daher die Ausdrücke זר und נכריה, aber die Thatsache ist ihm
gewiss: er hat Vertilgung als festen Beschluss Jahwes vernommen (v.
22), und es ist auch ihm eitel Entsetzen, Orakel zu deuten (v. 19).
Ganz anders in v. 29, wo auch durch das גם זאת am Anfange deutlich
der ~Gegensatz~ zu v. 21 zum Ausdruck kommt. Insofern stehen
allerdings beide Verse in Berührung. In den vorhergehenden Versen
ist durch mehrere dem Landbau entlehnte Vergleiche das Thun Jahwes
verständlich gemacht. Jahwe sucht sein Volk heim. Aber wer sich in
seine Wege vertieft, der wird erkennen, dass das Pflügen und Dreschen
zwar notwendig ist, aber nicht ewig währen kann. Wunderbarlich ist
sein Raten; aber er führt es herrlich hinaus. Hier ist theologische
Reflexion. Mit Recht sagt ~Duhm~[41]: „Das Stück löst keine scheinbaren
Widersprüche, die in v. 7-22 enthalten wären und die auch Dillmann erst
nachträglich einfallen.“
Aber ich kann auch ~Duhm~[41] darin nicht beistimmen, dass das
Maschal den Propheten wider den spöttischen Vorwurf verteidige, dass
seine Drohungen nicht eintreffen. Denn es setzt ja Trübsal voraus
und verkündet nicht das Eintreffen der Drohung, sondern das Ende der
Plagen. Nur mit völliger Umbiegung seines einfachen Wortsinnes kann man
ihm im Zusammenhange eine solche Deutung geben, wie auch Duhm es thut.
Richtiger nach seinem Wortsinne deutet ~Guthe~[42] das Gleichnis:
„So hat auch die Strafe Jahwes ein Ende, wenn die Zeit des Segens
herbeigekommen ist.“ Aber um es so deuten zu können, muss er es aus
dem Zusammenhange entfernen. Doch giebt er ihm aus seiner Konstruktion
eines zweifachen Zukunftsbildes eine Nutzanwendung, die unhaltbar
erscheint.[43]
Das Maschal ist also weder direkte Fortsetzung von v. 7-22, noch kann
es später von dem Propheten an seine jetzige Stelle gesetzt sein. Ja,
es stammt überhaupt nicht von Jesaia.
Das Gleichnis enthält eine tröstliche Verheissung an das heimgesuchte
und geplagte Volk. Die Situation, die es voraussetzt, ist die, dass
das Volk schon lange Zeit unter den Schlägen Jahwes zu leiden hat.
Darauf liegt aller Nachdruck. So beginnt das Gleichnis schon mit der
schmerzlichen Frage הכל היום, die es ja mit einem tröstlichen „nein“
beantwortet. Ebenso heisst es v. 28: כי לא לנצח אדוש ידושנו. Das ist
bisher von den Auslegern übersehen worden, weil sie immer den Jesaia
als Autor vor Augen hatten. Und doch liegt in dem ganzen Maschal der
Hauptton darauf, dass das Volk gerade deshalb, weil es schon lange
Zeit, eine Ewigkeit (v. 28,23) unter der Zuchtrute Jahwes zu leiden
hat, und deswegen an der Hülfe und Erlösung zu zweifeln anfängt, durch
den aus dem Landbau genommenen Vergleich auf die einst doch und gewiss
eintretende Zeit des Segens vertröstet werden soll.
Diese Situation passt allerdings gar nicht auf die Zeit Jesaias, wohl
aber sehr gut auf die nachexilische Gemeinde. Jesaia hat auch das Volk
nie in seinen Reden als ein solches angesehen, das schon zu lange
Zeit unter den Schlägen Jahwes leidet, so dass es nun auf Erlösung
hoffen dürfte[44], sondern immer als ein solches, dem das gewaltige
Drohgericht Gottes noch bevorsteht.
Das durch den Inhalt des Maschals gewonnene Resultat findet nun noch
mehrfache anderweitige Bestätigung. Zunächst ist befremdlich, dass es
ganz allgemein gehalten ist und ohne weitere Nutzanwendung bleibt.
Das ist sonst nicht Jesaias Art. Das Lied vom Weinberge c. 5,1 ff.
erhält sofort seine konkrete Beziehung. Für das nachexilische Judentum
bedurfte es einer solchen nicht. Da war die Situation immer dieselbe.
Auf die nüchterne, theologisierende Reflexion ist oben schon aufmerksam
gemacht worden. Das Bild des Landbaues ist an sich passend; doch wird
es durch immer neue Wendungen breit ausgeführt, ohne doch einen neuen
Gedanken zu bringen. Auch der Stil ist matt und raisonnierend vgl.
das הלוא אם v. 25 und den Anfang von 28 לחם יודק, den man als Frage
auffassen muss, um überhaupt einen Sinn zu erhalten.
Oben ist gesagt, dass der Eingang der Einleitung eines Volksliedes
nachgeahmt ist; aber doch nicht sehr geschickt, durch blosse Häufung
von Imperativen, von denen der eine (שמעו) doppelt vorkommt. Ausserdem
hat ~Meinhold~, wenn auch in anderer Absicht, darauf aufmerksam
gemacht, dass in der älteren klassischen Zeit mit שמעו immer eine
Drohung eingeführt werde; erst in späterer Zeit, wo man für das
unterdrückte Volk keine Drohungen mehr hatte, gebrauchte man das Wort
auch zur Einleitung in Trostreden (Jes. 36,1. 4. Jes. 37,4 f. 46,3. 12
etc.).
Wenig geschickt ist die Vorwegnahme des Säens in v. 24 (לזרע), wovon
doch eigentlich erst v. 25 redet; künstlich die Konstruktion von v. 26,
der das Subjekt erst im 2. Stichos bringt; v. 28 ist auch in seiner
zweiten Hälfte schwerfällig und wird nicht leichter, wenn man auch die
Pferde durch Korrektur beseitigt und וּפְרָשׂוֹ ולא liest (Duhm). Denn
der erste Stichos giebt sich nicht als erster Vordersatz zu erkennen
und der Sinn wird verbogen; denn nicht darauf kommt es an, ob das Brot
nach dem Dreschen zermalmt wird, sondern dass das nicht durch das
Dreschen geschieht. In v. 29 streicht ~Duhm~ das צבאות, weil Jahwe
als Gott der Heerscharen nicht der Lehrmeister der Bauern war. Gewiss
nicht für Jesaia; aber wohl für einen Späteren, für den der Begriff die
konkrete Färbung nicht mehr hatte. Überhaupt ist die ganze Auffassung,
dass Jahwe Lehrmeister der Bauern sei, zu Jesaias Zeit angesichts
solcher Stellen wie ~Hosea~ 2,4 ff. kaum so volkstümlich gewesen, wie
unser Gedicht voraussetzt.
Sprachlich Ausschlag gebend ist vor allem das Wort תושיה, das zum
Wortvorrat der Weisheitslehrer gehört (Pr. 2,7. 3,21. 8,14. 18,1. Tob.
5,12. 6,13. 11,6. 12,6. 26,3 und die späte und verstümmelte Stelle Mi.
6,9). Das Wort wird also nicht, wie ~Duhm~ meint, durch unsre Stelle
als alt erwiesen. Endlich sei noch auf die beiden Begriffe נסמן und
שורה hingewiesen, die sehr jung und für uns unübersetzbar sind. Da sie
die LXX nicht hat (nur Cod. R hat für שורה κέγχρον), streichen sie
viele Ausleger, wogegen aber ~Dillmann~ Einspruch erhebt.
Die Verse 23-29 sind nach alledem nicht von Jesaia; sie sind vielmehr
erst spät verfasst und mit der Drohung v. 14-22 verbunden worden, um
derselben einen Trostspruch gegenüberzustellen. So erklärt sich auch
das גם זאת v. 29 am leichtesten, das, auf v. 21 f. zurückblickend, den
festen Vertilgungsbeschluss Jahwes im Blick auf sein wunderbar weises
Walten korrigiert.[45]
2. c. 32,15-20.