Auch c. 32,15-20 giebt sich als direkte Fortsetzung von v. 9-14. Die

Worte עד יערה עלינו רוח ממרום knüpfen mit ihrem עד unmittelbar an

das עד עולם in v. 14 an. Dass diese inhaltlich scheinbar unmögliche

Verbindung nur von einem Solchen vollzogen werden konnte, dem die

eschatologischen Ideen der späteren Zeit dogmatisch feststanden, ist

schon im ersten Teile gezeigt worden. Aber Inhalt und Form zeigen auch

deutlich, dass auch diese Verse überhaupt erst als Fortsetzung von

v. 9-14 entstanden sind. In v. 9-14 wird zuerst die Verwüstung der

Gärten und Fruchtgefilde, und dann die Zertrümmerung der menschlichen

Wohnungen gedroht; in v. 15-20 wird zuerst verheissen, dass die Wüste

zum Fruchtgefild werden soll und dann werden den Menschen sichere

Wohnungen in Aussicht gestellt. Zur Entlehnung der Ausdrücke ist vor

allem v. 9 f. mit v. 18b zu vergleichen. Die Prädikate der Frauen

Jerusalems שאננות und בטחות werden hier auf die Wohnungen übertragen.

Vgl. auch v. 17 am Schluss.

In c. 29,9 f. musste es für die Späteren unverständlich sein, was unter

dem dort verkündeten Verstockungsgerichte gemeint sei. Der Verfasser

von v. 11 f. hat eine Erklärung von v. 9 f. im Sinne der späteren Zeit

gegeben. Er sieht darin, dass seinen Zeitgenossen „das Gesicht von dem

allen“, d. h. die dem Jesaia gewordenen Offenbarungen wie ein Buch mit

sieben Siegeln erscheint, eine Erfüllung der Weissagung v. 10, und

es ist offenbar seine Absicht, durch seine Zusätze den Schleier des

Verständnisses zu lüften. Der Anschluss der Verse an die vorhergehenden

durch ותהי und die Beziehung von חזות כל auf das Vorangegangene zeigen,

dass die Verse keine selbstständige Bedeutung haben können und wollen.

An das kurze Stück c. 29,15 schliesst sich eine längere

Auseinandersetzung über eschatologische Dinge an. Der Ausruf: הפככם

geht unmittelbar auf die in v. 15 getadelte Frage zurück und steht

inhaltlich schon mit v. 14 in Zusammenhang. Der Verfasser fasst die

Frage in v. 15 als Verzweiflungsfrage der Elenden seines Volkes auf,

und giebt deshalb trostreichen Aufschluss. v. 18, ähnlich wie v. 11 f.,

geht auf die Worte: והיה במחשך מעשיהם in v. 15 zurück. Zu v. 24 vgl.

c. 28,9 f., zu v. 17 c. 32,15. Diese beständige Bezugnahme auf seine

Umgebung beweist, dass auch dieses Stück kein selbstständiges Produkt

eines andern Autors, sondern erst zum Zwecke der Erläuterung und

Fortsetzung von v. 15 und den vorangegangenen Versen geschrieben ist.

Dasselbe gilt auch von dem Stücke c. 30,18-26. Durch ein ולכן ist

es eng an das Vorhergehende angeschlossen. Und der, welcher es

angeschlossen hat, hat es auch geschrieben. ~Duhm~ meint zwar, dass

das „darum“ v. 18 so gänzlich unmöglich als Fortsetzung von v. 17

sei, dass man nur annehmen kann, der Ergänzer habe das Auge mehr auf

seinen eigenen früheren Einsatz, als auf den Text des alten Propheten

gerichtet gehabt. Man muss aber eben bedenken, dass derselbe auch v.

8-17 unter eschatologischem Gesichtspunkt angesehen hat. Für ihn ist

das Volk, zu dem er redet, der in v. 17 genannte Rest. Die Drohung

sieht er bereits erfüllt; und grade die Erfüllung derselben ist ihm ein

Beweis, dass auch die Erfüllung der Verheissung nahe bevorsteht, dass

Jahwe voll Ungeduld ist, seinem Volke Huld zu schenken v. 18.

Und nicht nur v. 18 schliesst sich an das Vorhergehende eng an, auch

die übrigen Verse stehen damit in Verbindung. v. 20 stellt Jahwe als

Lehrer seines Volkes hin, weil in v. 9 von der תורת יהוה die Rede

gewesen ist. v. 21 weist auf den rechten Weg, von dem sie nach v. 11

abgewichen sind; v. 26b nimmt ganz das Bild von v. 13 f. wieder auf.

Berg und Hügel in v. 25 sind aus v. 17b; der Tag des grossen Würgens,

„wenn Türme fallen“ spielt auf v. 13 f. an.

Es bleiben nun noch vier Stücke übrig, die inhaltlich nicht in so reger

Beziehung mit ihrer Umgebung stehen und in sich selbst einen mehr

geschlossenen Zusammenhang bilden: c. 28,24-29, c. 30,27-33, c. 32,1-8,

c. 33. Diese bedürfen deshalb noch einer besonderen Besprechung.

c. 28,23-29 enthält ein dem Landbau entnommenes Maschal mit einer

besonderen, dem Volksliede nachgeahmten Einleitung. Schon um dieser

Einleitung willen wird es von den Auslegern als besonderes Stück

behandelt, das Jesaia erst bei der Zusammenstellung seines Buches an

seine jetzige Stelle gesetzt habe. Dass es indessen nicht von Jesaia

sein kann, ist oben bewiesen worden. Sein Inhalt ist rein tröstlicher

Natur. Aber grade deswegen nimmt es zu seiner Umgebung bezw. zu den

voraufgegangenen jesajanischen Stücken dieselbe Stellung ein, wie die

besprochenen unjesajanischen Stücke zu den ihren. Es bringt gegenüber

den vorangegangenen Drohungen die Verheissung, indem es zugleich durch

seinen Inhalt die Drohung und Strafe erklärt. Dass das Maschal zu den

voraufgegangenen Stücken wirklich auch in diese Beziehung gebracht sein

will, geht deutlich aus v. 29 hervor. Dieser Vers ist das Gegenstück zu

v. 22. In v. 22 heisst es:

כי כלה ונחרצה שמעתי מאת יהוה צבאות

In Vers 29 wird gesagt:

גם זאת מעם יהוה צבאות יצאה

Es ist klar, dass dieser Vers mit seinem גם זאת auf v. 22 zurückweist,

dass er also auch erst um dieser Rückbeziehung willen geschrieben

ist. Aber damit ist nicht gesagt, dass auch das Maschal erst um der

vorangehenden Stücke willen gedichtet worden ist. Bestimmte Bezugnahmen

auf das Vorhergehende in Inhalt und Form finden sich in demselben

nicht. Wir werden es daher vorläufig als ein besonderes Stück zu

betrachten haben. Die Frage, ob es nicht mit den anderen Stücken

trotzdem denselben Verfasser haben könne, wird nachher erörtert werden.

Wir kommen zu c. 30,27-33. Auch dieses Stück ist eine besondere

Weissagung, welche von dem Erscheinen Jahwes zum Entscheidungskampfe

mit „Assur“ handelt. Sie beginnt ohne irgendwelche Anknüpfung an das

auch selbst schon unjesajanische Stück v. 18-26 mit dem volltönenden

Eingänge:

הנה שם יהוה בא

Das Stück ist aber auch in sofern selbstständig, als es keinerlei

Anspielungen und Rückbeziehungen auf die jesajanischen Stücke unseres

Buches enthält. Assur wird in denselben nicht einmal erwähnt.

Ohne Anschluss an ihre Umgebung nach vorwärts und rückwärts ist auch

die messianische Weissagung c. 32,1-8; auch sie setzt völlig neu ein

mit ihrem הן v. 1. Andrerseits ist aber doch hervorzuheben, dass sich

in diesem Abschnitte manche Anklänge an jesajanische Stellen unseres

Buches finden, die wie Rückbeziehungen und Nachahmungen aussehen, v. 2b

erinnert an c. 28,12, v. 3a an c. 29,9 f. 30,10; die Stammler in v. 4

an c. 28,7 ff., 30,10. 2.

Diese Beziehungen sind ja freilich für sich genommen keine zwingenden

Beweise dafür, dass das Stück c. 32,1-8 der Herstellung unserer

Sammlung seine Entstehung zu verdanken hat; wir werden aber nachher

sehen, dass noch andere Gründe stark für diese Annahme sprechen.

c. 33 ist wieder ein für sich selbstständiges Stück. Es ahmt zwar mit

seinem הוי in v. 1 den jesajanischen Stücken nach; es schliesst sich

aber weder unmittelbar an jesajanische Partieen an, noch ist in seinem

Inhalt und seiner Form etwas zu entdecken, was sonst auf dieselben

hinwiese und als Erklärung oder Berichtigung derselben aufgefasst

werden könnte.

Wir kommen jetzt zur Besprechung des Verhältnisses der unjesajanischen

Stücke zu einander. Hierbei ist eigentlich schon im Voraus anzunehmen,

dass die Fortsetzungen und Ergänzungen der zusammmengehörigen

jesajanischen Partieen von demselben Verfasser herrühren. Denn die

Herstellung unseres Buches durch Entnahme jesajanischer Stücke aus

einem grösseren Zusammenhange kann nur das Werk eines Mannes sein.

Höchstens können spätere Leser hier und da Worte oder Sätze in den

Zusammenhang eingeschoben, oder sich schon in dem dem Verfasser

vorgelegenen jesajanischen Buche fremde Bestandteile befunden haben.

Auf diese letztere Möglichkeit werden wir später noch zurückkommen. Für

die meisten dieser Fortsetzungen und Ergänzungen lassen sich aber auch

litterar-kritische Gründe aufweisen, die die Herleitung von ein und

demselben Verfasser empfehlen.

Hierfür kommt vor allem in Betracht die Gleichartigkeit der

schriftstellerischen Form, in der die Stücke hergestellt sind. Alle

sind gleichmässig eng und doch sehr äusserlich mit den jesajanischen

Stücken verbunden, vgl. das ויהי c. 29,4 und 11; das ולכן c. 30,18;

das הפככם c. 29,16; die Gegenüberstellung der verschiedenen Bilder c.

31. Alle Stücke entlehnen bei ihrer Bezugnahme auf die jesajanischen

Partieen gleichmässig in ziemlich äusserlicher und wenig geschickter

Weise Bilder und Ausdrücke aus denselben, wie oben gezeigt worden

ist. Aber auch sonst zeigen diese Stücke unter einander manche

Aehnlichkeiten. Das tritt namentlich in den beiden längsten von ihnen,

c. 29,16-24 und c. 30,18-26, hervor. Die Anlage von c. 30,18 ff. ist

der von c. 29,16 ff. ziemlich ähnlich. Zuerst heisst es c. 30,18, dass

Jahwe voll Ungeduld wartet, seine Huld zu offenbaren. Das entspricht

dem הלא עוד מעט מזער in c. 29,17. Die Not, von der c. 30,18 redet, ist

in c. 29,22 ff. geschildert. c. 30,20 entspricht inhaltlich c. 29,24.

Dort ist gesagt, dass die Juden ihren „Lehrer“ Jahwe sehen sollen

(es heisst nicht: auf ihn sehen sollen); hier werden sie „die Lehre

lernen“; aus Finsternis heraus werden die Augen der Blinden sehen v. 18.

Auch die in beiden Stücken vorausgesetzte Situation scheint dieselbe

zu sein. c. 30,20 ist von Brot der Not und Wasser der Drangsal die

Rede; das scheint auf erlittene Drangsalierungen und vielleicht sogar

Belagerung zu deuten vgl. auch v. 26. Aehnlich ist 29,16 ff. 22 b wohl

von äusseren Feinden die Rede, vor denen „Jakob erbleicht“, besonders

aber c. 28,6 f., wo gesagt ist, dass Jahwe denen zur Heldenkraft werden

soll, „die den Kampf zum Thor zurücktreiben“, vgl. auch 29,8. Endlich

ist auch allen diesen Stücken die Stimmung gemeinsam, dass das Volk, zu

dem sie reden, die Offenbarungen seiner Apokalyptiker nicht mehr recht

glauben will, dass es blind und taub ist (c. 29,81 f., 18, 24. c. 30,20

f.), murrt c. 29,24 und sich unverständig zeigt c. 29,16. Deshalb geben

sich auch alle diese Stücke die möglichste Mühe, die Notwendigkeit und

Möglichkeit eines baldigen Umschwunges der Dinge zu beweisen c. 29,8.

11 f. 16 f. c. 30,18 f. vgl. auch c. 28,23-29. c. 32,6 f.

Aus allen diesen Gründen zusammen mit der oben hervorgehobenen inneren

Wahrscheinlichkeit wird man das Recht haben, alle Fortsetzungen und

Ergänzungen der zusammengehörigen jesajanischen Stücke von demselben

Verfasser herzuleiten.

Von demselben Verfasser scheint mir auch der Zusatz von c. 28,1-4

herzurühren. Wir haben schon gesehen, dass c. 28,1-4 mit v. 7 ff.

schriftstellerisch verbunden ist. Es gehört also jetzt eng zu den

zusammengehörigen jesajanischen Stücken unseres Buches. Die Art seines

Anschlusses an das jesajanische Stück sowie der Benutzung des darin

gebrauchten Bildes und die in v. 7 vorausgesetzte Situation einer

Bedrängung resp. Belagerung Jerusalems sind der Art und Stimmung der

anderen Stücke ziemlich ähnlich.

Anders ist es mit dem Zusatz zu c. 32,9-14. Zwar ist auch hier die

Form des Anschlusses an das jesajanische Stück (durch עד יערה) der der

übrigen Stücke völlig analog, und auch die oben besprochene Art der

Benutzung von Ausdruck und Inhalt desselben entsprechend. Aber doch hat

man den Eindruck, dass c. 32,15-20 nach Form und Inhalt andersartig ist

als die übrigen Zusätze. Das Stück ist in seiner ganzen Stimmung nicht

so darauf angelegt, den Lesern in tröstlicher und lehrhafter Weise die

Gewissheit und den baldigen Eintritt des grossen Umschwunges der Dinge

ans Herz zu legen, als dass es vielmehr kompilatorisch und apodiktisch

eine Aussage des eschatologischen Dogmas an die andere reiht. Von

der Ausgiessung des Geistes, die der Verfasser als bekanntes Dogma

einführt, ist nur hier die Rede, obwohl z. B. c. 30,18 ff. und c. 29,18

Gelegenheit geboten hätten, davon zu reden. Sämmtliche Aussagen in v.

15-20 klingen wie Anspielungen und Nachahmungen aus den vorhergehenden

Zusätzen. v. 17 setzt deutlich c. 32,1 voraus; v. 18 lehnt sich im

Ausdrucke an 32,9 und 30,15 an; v. 20 ist zusammenfassende Nachahmung

von c. 30,23-25; v. 15b ist etwas veränderte Wiederholung von c. 29,17.

Nun könnte man ja grade aus diesen Anklängen auf denselben Verfasser

schliessen; aber die Art und Weise, wie z. B. c. 29,17 in v. 15b

wiederholt wird, macht doch wahrscheinlich, dass ein anderer diese

Wiederholung vollzogen hat, denn der Sinn in c. 29,17 ist ein völlig

anderer als in c. 32,15. Dort ist die völlige Umwandlung der Natur

gemeint: der Libanon soll zum Fruchtgefilde, und dieses zum Waldgebirge

werden. Hier dagegen soll die einstige Fruchtbarkeit des ganzen Landes

in Aussicht gestellt werden: die Wüste soll Fruchtgarten, und dieser

Wald werden. Es kommt dadurch natürlich eine etwas verunglückte Klimax

heraus, aber das macht gerade um so wahrscheinlicher, dass v. 15b

Nachahmung von c. 29,17 ist (~Stade~), als umgekehrt (~Duhm~).

Mit c. 32,15-20 steht nun c. 33 im engen Zusammenhange. Das hebt auch

~Dillmann~ hervor, der wegen der Anklänge von c. 33,5 f. 16 an c. 32,15

f. 18 annimmt, dass derselbe Schriftsteller, der c. 33 überarbeitet

hat, auch c. 32,9-20 einer Schlussredaktion unterzogen habe. Für uns

geht aus diesen Anklängen nicht die Annahme einer Schlussredaktion,

sondern die der Zusammengehörigkeit beider Stücke hervor. Denn mit

Jesaia haben c. 32,15 ff. und c. 33 nichts zu thun. c. 33,16 f.

erinnert zwar auch stark an 30,20 und ~Duhm~ glaubt deshalb, in beiden

Stücken dieselbe Hand sehen zu müssen, „v. 17 ff. haben wie c. 29,16

ff. die Tendenz, die Gesetzestreuen zu trösten und zum Ausharren

anzufeuern, man erkennt, warum das Büchlein c. 28-33 zusammengestellt

ist, nicht aus blossem Sammeleifer, um den prophetischen Kanon zu

kompletieren, sondern aus demselben Grunde, aus dem das Buch Daniel

geschrieben wurde.“[23] Aber eben diese Tendenz war damals für jeden

Apokalyptiker die gleiche und lässt deshalb keinen Schluss auf

Identität der Verfasser zu; die Art aber, in der hier diese Tendenz

vorgetragen wird, ist nicht ganz so lehrhaft wie in c. 29 und 30; und

wenn wir in c. 32,15 ff. einen anderen Verfasser erkannt zu haben

glauben wie in c. 29 f., so wird dies auch von c. 33 zu gelten haben,

das sich mit c. 32,15 ff. berührt.

Ist unsere Annahme richtig, so kämen wir auch von der Betrachtung der

nichtjesajanischen Stücke aus zu dem Schlusse, dass c. 32,9 bis c.

33,24 ursprünglich nicht zu dem Buche c. 28 ff. gehört haben, sondern

erst später als Nachträge an dasselbe angeschlossen worden sind. Und

zwar werden wir zwei solcher Nachträge anzunehmen haben: c. 32,9-20 und

c. 33. Denn einmal setzt c. 33 neu ein und ist in seinem Anfange eine

äusserliche Nachbildung des „Wehe“-Buches c. 28 ff., und dann erklären

sich so auch die angeführten Beziehungen zwischen ihm und c. 32,15 ff.

am besten.

Betrachten wir nun noch die drei noch übrigen nichtjesajanischen

Stücke unseres Buches. Den Abschluss desselben bildet die messianische

Weissagung in c. 32,1-8. ~Duhm~ will dieses Stück mit c. 2,2-4 und c.

11,1-8 in ursprünglichen Zusammenhang bringen. Da auch diese Stücke uns

nicht als jesajanisch gelten[24], so wäre das auch für uns möglich.

Aber gerade der Umstand, den ~Duhm~ als ein starkes Hindernis für

nachexilische Ansetzung geltend macht, dass nämlich ein nachexilischer

Dichter nicht so trocken von dem Messias hätte sprechen können, wie

c. 32,1 ff. thut, macht es doch unmöglich, das Stück mit c. 11,1 ff.

von demselben Verfasser abzuleiten, der in c. 11,1 ff. so begeistert

und poetisch redet. Vielmehr passt gerade die trockene und lehrhafte

Art unseres Stückes ausgezeichnet zu den übrigen nichtjesajanischen

Partieen unseres Buches, und da, wie wir gesehen haben, unser Stück

namentlich in v. 3-5 beständig auf die vorhergehenden Partieen Bezug

nimmt, so ist es höchst wahrscheinlich, dass der Zusammensteller

unseres Buches das Stück selbst als Abschluss desselben gedichtet hat.

Der messianische Anfang und die Aehnlichkeit im Versbau mit c. 11,1

ff. erklärt sich vielleicht daraus, dass der Verfasser das mit c. 11,1

ff. schliessende Buch gekannt hat und seinem Buche einen ähnlichen

Abschluss geben wollte.

Wegen seines lehrhaften Charakters ist man nun auch berechtigt, das

Maschal in c. 28,23-29 dem Hersteller unseres Buches zuzuschreiben.

Wir haben gesehen, dass es durch v. 29 eng als Erklärung und Ergänzung

der jesajanischen Partieen in c. 28,7-22 vom Verfasser des Buches

an das Vorhergehende angeschlossen ist, dass sich aber aus dem Text

keine Anknüpfungspunkte dafür ergeben, dass es erst zu diesem Zwecke

gedichtet sei. Aber sein lehrhafter Inhalt und die trockene, lehrhafte

Form, in welcher derselbe vorgetragen wird (namentlich v. 23. 25. 28)

passt vorzüglich zu der sonstigen Art unseres Verfassers, namentlich

auch zu c. 32,7 f. Sodann spricht ein Umstand dafür, dass das Maschal

in unserm Zusammenhange seine ursprüngliche Stelle hat, nämlich der,

dass es keine selbstständige Nutzanwendung hat und wahrscheinlich nach

seinem ganzen Bau niemals gehabt hat, dass es also auf einen derartigen

Zusammenhang, wie den unsern, angewiesen ist. Endlich könnte man auf

den Vergleich von v. 25 mit 29,17 hinweisen. In beiden Fällen wird in

schulmässig lehrhafter Weise mit dem Fragewort הלא eine argumentatio

e concessis eingeführt. Auch erinnert das לא לנעה in v. 28 dem Sinne

nach an das עוד מעט מזער c. 29,17 und an das בכו לא תבכה] c. 30,19: du

sollst nicht immerfort weinen.

Es bleibt nun nur noch c. 30,27-33 übrig. Dieses Stück ist in sich

vollkommen selbstständig und hat zu den jesajanischen Partieen unseres

Buches gar keine innere und äussere Beziehungen. Es unterscheidet sich

aber auch in Form und Inhalt vollständig von den nichtjesajanischen

Stücken desselben. Statt der lehrhaften Auseinandersetzungen haben

wir hier schwülstige Schilderungen und groteske Bilder. Es ist schon

deshalb kaum anzunehmen, dass es von demselben Verfasser herrührt

wie die anderen Stücke. Zudem folgt es auf ein nichtjesajanisches

Stück, und man dürfte wohl annehmen, dass der Verfasser seine eigene

Fortsetzung mit dem Vorhergehenden in etwas engere Beziehung gesetzt

haben würde. Auch inhaltlich unterscheidet sich das Stück von den

anderen nichtjesajanischen Stücken. Während es in den vorhergehenden

Stücken darauf ankam, das Volk über sein Unglück zu belehren und

auf das baldige Eintreten der goldenen Zukunft zu vertrösten, wird

hier ein Schlachtlied wider „Assur“ angestimmt. Nur c. 31,8 f. hat

ähnlichen Inhalt. Es ist aber auch ganz deutlich, dass diese beiden

Verse von unserm Stücke abhängen und auf dasselbe Bezug nehmen. Denn

Assur wird in c. 31,8 als bekannt eingeführt, der Fels erinnert an

c. 30,29b; endlich das Feuer und der Backofen in Jerusalem v. 9b

ist eine Anspielung auf c. 30,33, wonach das feindliche Heer auf

dem Scheiterhaufen verbrannt werden soll. c. 31,8 f. ist nun ohne

Zweifel vom Hersteller des Buches als Fortsetzung und Ergänzung von

v. 1-4 verfasst (v. 8 ist Nachbildung von v. 3). Das beweist nun

aber eher gegen als für die Identität des Verfassers von c. 30,27

ff. und c. 31,8 f. Denn es ist nicht anzunehmen, dass der Verfasser

sich selbst so ausgeschrieben und auf seine eigene Dichtung als auf

den „Spruch Jahwes“ hingewiesen haben sollte, wie v. 8 f. thun.

Viel wahrscheinlicher ist, dass der Hersteller des Buches das Stück

c. 30,27-33 für jesajanisch gehalten und darum in seine Sammlung

aufgenommen hat.

Der Sammler hat nun das Stück entweder schon in dem grösseren

Zusammenhange, aus dem er seine jesajanischen Stücke entnommen

hat, vorgefunden, oder er hat es, wie c. 28,1-4 als ein besonderes

Orakel besessen. Bei der letzteren Annahme lässt sich allerdings

kein genügender Grund entdecken, warum er das Stück dann in den

jesajanischen Zusammenhang vor c. 31,1-4 eingeschoben hätte; es

hätte auch nach c. 31 seinen guten Platz gehabt, während es an

seiner jetzigen Stelle mit seiner Umgebung nach vorn und hinten

ohne Zusammenhang steht. Daher werden wir wohl anzunehmen haben,

dass der Sammler das Stück in dem von ihm benutzten geschichtlichen

Zusammenhange schon vorgefunden hat. Diese Annahme bereitet auch

gar keine Schwierigkeiten, wenn man bedenkt, wie z. B. in den

geschichtlichen Anhängen des Jesaia-Buches, c. 36-39, auch nachträglich

noch grössere Stücke, wie c. 38,10-20 eingeschoben werden konnten. Ja,

wir werden a priori anzunehmen haben, dass es sehr unwahrscheinlich

ist, dass sich die von Jesaia verfasste geschichtliche Darstellung bis

zu der Zeit, in welcher der Verfasser unseres Buches schrieb, völlig

rein von fremdem Gute gehalten haben sollte.

Ueberblicken wir jetzt noch einmal den Gang unserer Untersuchung

über die nichtjesajanischen Stücke des Buches c. 28-33, so haben wir

folgende Resultate gewonnen:

1) Diejenigen Stücke, welche sich als Fortsetzungen oder Ergänzungen

der jesajanischen Partieen unseres Buches geben, rühren alle von

demselben Verfasser her. Es sind dies folgende Abschnitte: c. 28,5 f.

c. 29,4-8. c. 29,11 f. c. 29,16-24. c. 30,18-26. c. 31,4-8. Ausserdem

gehören dem Hersteller unseres Buches wahrscheinlich noch an: das

Maschal c. 28,23-29 und die messianische Weissagung c. 32,1-8.

2) c. 30,27-33 ist eine Weissagung über die Vernichtung Assurs

von unbekannter Hand, die aber der Hersteller unseres Buches für

jesajanisch gehalten und jedenfalls auch schon im Zusammenhange der

jesajanischen Stücke vorgefunden hat.

3) c. 32,15-20 und c. 33 sind sammt dem dazu gehörigen jesajanischen

Stücke spätere Nachtragungen und Ergänzungen, wahrscheinlich auch von

anderer Hand.

Es käme nun noch darauf an, für die Abfassung der einzelnen Stücke

eine genaue Zeitangabe zu ermitteln. Das ist nun aber bei ihrer

Beschaffenheit ganz unmöglich. Denn die eschatologischen Weissagungen

der nachexilischen Zeit schweben in der Luft, handeln von der

Zukunft, ohne die Gegenwart zu berücksichtigen. Vollkommen ist dies

freilich nicht möglich; aber der geschichtliche Hintergrund, den sie

widerspiegeln, ist so allgemein, dass er auf Jahrhunderte, ja auf

das ganze nachexilische Judentum passt. „Die jüdische Hoffnung hatte

nicht den realistischen Charakter der alten Weissagung. Keine Brücke

leitete von der Gegenwart hinüber in die Zukunft, das Reich Davids

sollte plötzlich durch das Eingreifen eines deus ex machina in die Welt

gesetzt werden. Die Ereignisse der Zeit führten den Tag Jahwes nicht

herbei, sondern waren nur Symptome, dass er nahe.“[25]

Der Charakter der Zeit, aus der diese Weissagungen stammen, spiegelt

sich fast nur in der Stimmung wieder, die sie beseelt. Aber auch diese

Stimmung war für das nachexilische Judentum nahezu immer dieselbe.

Es klingt fast wie eine Charakterisierung unserer Stücke, wenn

~Wellhausen~[26] darüber schreibt: „Die Stimmung, die wir bei den

heimgekehrten Verbannten fanden, blieb permanent, weil der Widerspruch

nicht aufhörte, dass das messianische Heil längst fällig war und doch

nicht eintrat. Die Befreiung aus dem Exil hatte die bitter empfundene

Fremdherrschaft doch nicht beseitigt. Nachdem das Gefängnis längst

gewendet war, musste die Bitte: „Wende das Gefängnis!“ noch immer

wiederholt werden. Sion war zwar wieder gebaut, doch im Drucke der

Zeiten. Die Frömmigkeit war Traurigkeit; erst von der Zukunft wagte man

zu hoffen, dass dann die Opfer dem Herrn gefallen würden.“

Wollen wir eine einigermassen sichere Zeitbestimmung für unsere

Weissagungen finden, so müssen wir mehr die Theologie und die Form

derselben zu Rate ziehen; der allenfalls erkennbare zeitgeschichtliche

Hintergrund kommt erst bestätigend in zweiter Linie in Betracht.

Wir haben daher vor allem das Verhältnis unserer Stücke mit anderen

Erzeugnissen des alttestamentlichen Schrifttums ins Auge zu

fassen. Da ist es nun von vornherein als bemerkenswerte Thatsache

hinzustellen, dass unsere Stücke mit den Schriften der vorexilischen

Periode weder in Form noch Inhalt in irgend einer Beziehung stehen,

dass sie dagegen nach beiden Seiten das engste Verwandtschafts-

und Abhängigkeitsverhältnis mit anerkannt nachexilischen Schriften

aufweisen.

Im einzelnen ist ja darauf schon bei der Besprechung dieser Stücke

im ersten Teile dieser Abhandlung eingegangen worden. Hier seien

nur noch einmal die Berührungspunkte mit Deutero- und Trito-Jesaja

zusammengestellt, die in unseren Stücken besonders stark hervortreten:

Vergleiche dazu: c. 29,16 mit 45,9. c. 29,18 mit 42,18. c. 29,29 mit

41,16. c. 30,26 mit 65,17. c. 32,6-8 mit 58,7-10. c. 32,20 mit 58,11.

c. 33,3 mit 66,6. c. 33,5 mit 40,22. 66,1. c. 33,14 mit 66,24. c. 33,24

mit 60,21.

Die Komposition des Buches Jes. c. 28-33. · 第 4 / 7 段