Aber Tankred ließ sich so nicht abfertigen. Wenn Hederich nach oben
ging, fand er Tressens; ohne Zweifel würden Sie ihn auffordern, zum Thee
zu bleiben, und gewisse, am Nachmittag stattgehabte Dinge würden zur
Sprache kommen. Das paßte ihm nicht.
So setzte er denn die Weinflaschen nieder und sagte: „Was wollen Sie
sich die Treppe hinaufbemühen, Hederich. Geben Sie das Packet nur her.
Ich werde es meiner Schwiegermutter einhändigen.“
Die Situation war höchst peinlich. Wenn Hederich erklärte, daß er gar
kein Packet habe, stand er als Lügner da, und ablehnen konnte er füglich
Tankreds Anerbieten auch nicht. Da aber zu viel auf dem Spiel stand,
nicht nur für ihn, sondern auch für Tressens, nahm er seine ganze
Unerschrockenheit zusammen und sagte, indem er nach einer Bewegung, die
seine Bereitwilligkeit ausdrückte, Tankreds Wunsch zu willfahren,
erschrocken in die hintere Tasche seines Rockes griff:
„Na, das ist aber noch besser! Drum und dran, nun habe ich das Packet in
meinem Zimmer liegen lassen. Na bitte, Herr von Brecken, dann bestellen
Sie gütigst, daß ich der gnädigen Frau morgen das Gewünschte überreichen
würde. Und nun erlauben Sie, daß ich mich empfehle. Ich halte Sie auf!
Ihre Gäste werden schon da sein. Nochmals, viel Vergnügen.“
Nach diesen Worten zog er sich überhastig zurück und verwischte dadurch
wieder den ihm bisher so gut gelungenen Eindruck.
Während Tankred die zwei Flaschen Aßmannshäuser wieder ergriff, murmelte
er:
„Da ist was nicht richtig! Er wollte hinauf. Sie hatte ihn bestellt.
Aber ich will der Sache schon auf die Spur kommen!“
Dann eilte er mit hämischem Ausdruck in den Mienen die Treppe hinauf,
und oben schalt er Peter, den Diener, daß er ganz unnötig so viele
Lichter angesteckt habe:
„Immer wird darauf losgewirtschaftet. Ich sagte Ihnen doch, nur die
kleine Flur- und Treppenlampe, nicht die Wandlichter anzuzünden.“
„So, dann habe ich den gnädigen Herrn nicht recht verstanden. Bei den
Herrschaften mußte ich immer alles anstecken.“
„Ja, ja, die Herrschaften,“ entgegnete Tankred, in unzarter Weise seine
Schwiegereltern preisgebend, „die hatten's wegzuwerfen! Also, vorwärts,
löschen Sie die Lichter aus, und dann stellen Sie die Flaschen, ohne sie
zu reinigen, — hören Sie? ohne sie zu reinigen, — ins Anrichtezimmer!“
Inzwischen wanderte Hederich, sehr benommen von der Begegnung, in seine
Wohnung zurück. Er fand keinen Weg, Tressens über die Gründe seines
Nichterscheinens zu verständigen, noch weniger hielt er es für
möglich — und wenn doch etwa für möglich, nicht für rathsam, an diesem
Abend noch einen zweiten Versuch zu machen, zu ihnen zu gelangen.
Wenigstens wollte er das vorher noch überlegen. Auch wenn er einen der
Knechte mit einem Briefe die Hintertreppe hinaufsandte, konnte abermals
der Zufall sein Spiel treiben. Überhaupt war er gegen jede schriftliche
Äußerung.
Es beschäftigte ihn zu alledem, daß er zu einer Lüge seine Zuflucht
genommen hatte. Seit seinen Jünglingsjahren war mit Bewußtsein kein
unwahres Wort über seine Lippen gekommen.
Aber das war die Folge solcher Verhältnisse. Immer ungemütlicher wurde
es in Holzwerder, und Hederich sah noch weit Schlimmeres herannahen.
Während er, so nachdenkend, dasaß und aus der Pfeife die Rauchwolken
herausblies, — fast ein Stündchen mochte vergangen sein, — hörte er auf
dem kleinen Hausflur die Klingel gehen, und gleich darauf vernahm er
Peter, den Diener, und seine Haushälterin Worte wechseln.
„Na, was giebt's?“ rief Hederich die Thür öffnend. „Haben Sie eine
Bestellung an mich, Peter?“
Der Diener nickte verlegen, dann trat er näher.
„Von Herrn von Brecken soll ich bestellen, die gnädige Frau von oben
ließe um das Packet Handschuhe bitten, und die gnädige Frau von
oben — sie faßte mich ab, als ich gerade weggehen wollte — läßt fragen, ob
Sie noch kommen thäten, Herr Verwalter. Sie haben mir beide gesagt, ich
soll nichts sagen — ich meine, ich soll nichts an die oben und nichts an
die unten von meiner Bestellung an Sie erzählen!“
„Ja, lassen Sie das auch man so bleiben, Peter, auch mit dem, was ich
Ihnen auftrage, hören Sie? An Herrn von Brecken können Sie ausrichten,
ich hätte die Handschuhe wohl unterwegs verloren. Ich könnte sie in
meinem Zimmer nicht finden. Weiter nichts. An Frau von Tressen sagen Sie
blos: Ich würde ihr morgen erzählen, weshalb ich nicht gekommen wäre, es
sei denn, daß sie so gut sein wollte, sich — drum und dran — heute abend
noch eine Viertelstunde nach dem Verwalterhause herzubemühen. Es wäre
sehr gut, wenn sie es thäte. Sie ist doch noch oben und nicht bei der
Gesellschaft?“
Peter verneinte.
„Na ja, drum und dran, wie ich mir dachte. Alles Fisematenten,“ murmelte
Hederich. Und laut: „Nun, haben Sie verstanden, Peter? Die Handschuhe
seien verloren, wie sich herausgestellt habe, bestellen Sie unten.
Unten, Peter! Verwechseln Sie ja nicht. Das andere oben!“
„Ja, Herr Verwalter, soll alles fein gemacht werden. Versteh' schon.
Ach — ach es ist —“ seufzte der Mann.
„Was ist?“
Der Diener bewegte mißmutig den Kopf.
„Nichts für ungut, Herr Verwalter, ich will kündigen. Keine Stunde hat
man mehr Ruhe. Nichts ist recht zu machen. Immer soll gespart werden,
und alles, was früher gut war, ist nu schlecht. Und dann, was die
Herrschaften oben sind und die unten, das hat auch keinen Bestand. Heute
nachmittag waren sie schrecklich an einander. Ich hörte es, wie ich das
Silberzeug putzte.“
Hederich sagte anfangs nichts. Was er vernahm, beschäftigte ihn sehr.
Dann aber machte er eine ablehnende Kopfbewegung.
„Diener müssen nicht aus dem Haus schwatzen, Peter. Und überall ist
etwas. Wird sich schon wieder zurechtziehen. Na, gehen Sie, guter Peter,
und mit dem Kündigen überlegen Sie sich es noch. Aber wenn's denn doch
nicht will, dann wissen Sie, — drum und dran, — wo Hederich zu sprechen
ist.“
„Ja, ja, deswegen hab' ich auch man blos Herrn Verwalter was gesagt.
Herr Verwalter wissen, daß ich nichts herumtrage, und wieviel ich von
den alten Herrschaften halte. Aber es ist nicht mehr mit den Jungen
auszukommen. Er hat den Teufel im Leibe, und sie — sie ist ganz anders
geworden.“
„Ja, wie gesagt, Peter — es wird schon wieder besser werden. Thun Sie
Ihre Pflicht, — drum und dran, — für das andere lassen Sie den lieben
Herrgott sorgen. Und nun sputen Sie sich, daß Sie wieder hinkommen.“ —
Kaum zehn Minuten nach Peters Fortgang öffnete sich die Thür der
Verwalterwohnung von neuem, und Frau von Tressen, in einen dunkeln
Mantel gehüllt, trat zu Hederich ins Gemach.
Sie war sehr aufgeregt und drang sogleich auf den Verwalter ein, ihr
mitzuteilen, was ihn von seinem Besuche abgehalten habe.
„Um so besser, daß wir uns noch heute abend sprechen!“ erklärte sie nach
seinem durch viele drum und dran unterbrochenen Bericht. Und die Stimme
dämpfend, fuhr sie fort:
„Hören Sie denn, was heute nachmittag passiert ist. Ich habe mit Grete
und Brecken eine sehr böse Szene gehabt. Und alles hat sich eigentlich
entwickelt infolge einer ganz harmlosen Bemerkung von meiner Seite. Als
wir beim Kaffee zusammensaßen, fehlte der Zucker auf dem Tisch. Während
meine Tochter sich an das geschlossene Büffet begab, um ihn
herbeizuholen, sagte ich: ‚Ist es denn notwendig, daß Du sogar den
Zucker verschließest, Kind? Ihr seid doch nicht von Dieben umgeben —‘
‚Sogar? Was meinst Du damit?‘ entgegnete Grete, sich kurz umwendend, in
einem sehr schroffen Ton.
Da sie sich offenbar in einer gereizten Stimmung befand, lenkte ich
sogleich ein und fragte nach dem Abend und nach den Gästen. Aber sie
antwortete nicht, sie machte nur eine kurze, bejahende Bewegung. In
diesem Augenblick trat die Hausmamsell Anna herein und bat meine
Tochter, ihr die für den Abend nötigen Zuthaten auszugeben.
‚Wie, Du wagst es?‘ rief Grete, gegen die Person auftrotzend. ‚Habe ich
Dir nicht heute vormittag alles zugeteilt?‘
Und als die Mamsell das in sehr entschiedener Weise in Abrede stellte
und auf eine abermalige höchst provozierende Äußerung Gretes neben
anderen Erklärungen in die erregten Worte ausbrach, es fehle nachgerade
noch, daß sie in der Küche blos mit Luft und Wasser kochen solle, geriet
meine Tochter in einen solchen Zorn, daß sie aufsprang und dem Mädchen
einen Schlag versetzte. Aber damit nicht genug. Mein Schwiegersohn, dem
ich schon angesehen, daß er sich über meine Äußerung von vorhin geärgert
hatte, und dessen Stimmung durch diesen Vorfall nicht besser geworden
war, packte Anna am Arm und stieß sie in rohester Weise zur Thür hinaus.
Draußen befahl er der Mißhandelten, — ich hörte es, — sofort ihre Sachen
zu packen und innerhalb einer Viertelstunde das Haus zu verlassen. Was
aus ihr werde, sei ihm gleichgültig, und Lohn bezahle er nicht. Wolle
sie etwas, so könne sie klagen. Zu meinem Unglück nahm ich nach seiner
Rückkehr gerechter Weise Partei für das Mädchen. Ich hielt beiden in
sanfter Weise vor, daß sie durch die wenig gütige Art, in der sie mit
den Leuten verkehrten, durch ihr fortwährendes Verschließen und
Beaufsichtigen sie zum Widerstand anregten, statt Liebe und Interesse
für sich zu erwecken, und schloß mit der Bemerkung, daß ich doch stets
mit meinem Personal ausgekommen sei, während jetzt fast kein Tag ohne
Verdruß hingehe.
Auf die Äußerung gab zunächst meine Tochter eine Antwort, indem sie in
einem zwar ruhigen, aber sehr entschiedenen Tone hinwarf: Ich hätte
doch das feste Versprechen gegeben, mich niemals in ihre
Hausangelegenheiten zu mischen. Ich thue es aber täglich. Bald moniere
ich, daß der Korridor unten von dem Diener nicht rein gefegt sei, bald
mache ich Bemerkungen über ihre Anordnungen. So habe ich mich jüngst
über die Wäsche geäußert. Wenn zufällig mal Zucker auf dem Tische fehle,
halte ich ihr eine Strafpredigt über ihre Sparsamkeit, und daß ich in
diesem Falle Partei für das impertinente Geschöpf genommen habe, das sie
fortwährend bestohlen und heute abermals einen Versuch gemacht habe, auf
diese plumpe und unglaublich unverschämte Weise sich einen Vorteil zu
verschaffen, sei doch mehr als eigentümlich von meiner Seite! Sie habe
Beweise dafür, daß Anna sie bestohlen habe, und die Zuthaten seien heute
morgen von ihr ausgegeben.
Mit dem größten Erstaunen hörte ich, was meine Tochter sprach. Ich war
ganz ahnungslos. Wohl hatte sie hin und wieder bei meinen Bemerkungen
und Vorschlägen sehr kurze Antworten gegeben, aber ich legte ihnen keine
Bedeutung bei, da ein gewisses schroffes Wesen ihr ja schon als Kind
eigen war. Was ich that, geschah aus bester Absicht, und es war mir gar
nicht in den Sinn gekommen, daß sie die Dinge so ernsthaft nehmen, viel
weniger, daß sie mich fortwährender Einmischungen in ihre
Angelegenheiten zeihen würde.
Ich sah aus ihrer Rede, daß lange aufgestauter Groll einen Ausweg
suchte, und ich sah auch, daß ihr Mann ihr vollständig beistimmte.
Scheinbar um an meinen Gerechtigkeitssinn zu appellieren, thatsächlich
aber um mich noch mehr zu kränken, kam auch er mit allen möglichen
Dingen, die ja, wie er sich heuchlerisch ausdrückte, an sich nur
Kleinigkeiten seien, aber doch zu einem leisen Verdruß schon mehrfach
Veranlassung gegeben hätten. Wir hätten jüngst die Pferde ohne vorherige
Anfrage bei ihm oder Grete in Anspruch genommen, während sie hätten
ausfahren wollen; Peter sei mehr oben, als unten, während wir doch
unsern eigenen Diener hätten. Der letztere habe neulich durch Umstoßen
des Tintenfasses den ganzen Fußboden verdorben, und mein Mann hätte ihn
sogar noch wegen seiner Ungeschicklichkeit getröstet.
Und was den Fall mit dem Mädchen betreffe, so sei er zufällig dabei
gewesen, wie Grete für den Abendpudding und die Kuchen die Zuthaten
abgewogen habe.
‚Ja, abgewogen vielleicht, Tankred,‘ fügte ich, mich bemeisternd und
alles übrige übergehend, ein, ‚aber Anna sagte, Deine Frau habe, da sie
während ihrer Beschäftigung gerade vom Förster abgerufen worden, nachher
vergessen, ihr Mehl, Zucker und Eier in die Küche zu stellen. Es ist
doch möglich, daß Grete sich irrt: es ist doch kaum zu glauben, daß ein
Mädchen ihrer Herrschaft unbegründeterweise mit solchen Behauptungen
gegenübertritt. Und ich habe nie früher eine Unehrlichkeit an Anna
bemerkt,‘ schloß ich.
Da lachte mein Schwiegersohn mit einer so höhnischen Miene auf und
erging sich in so verletzenden Anspielungen über unsere Verschwendung
und unsere leichtsinnige Sorglosigkeit, daß ich, nicht mehr Herr meiner
Empörung, meiner Tochter zurief, ob das auch ihre Ansicht sei. Und da
sie zwar nicht ja, aber auch nicht nein sagte, wohl aber mit dem alten,
finstern, trotzigen Gesichtsausdruck dastand, entglitt mir ein Wort, auf
welches sie beide unzweifelhaft nur gewartet hatten. Ich sagte, es sei
unter solchen Verhältnissen dann wohl besser, daß ich mit meinem Manne
Holzwerder verließe! Danach stand ich auf und begab mich auf mein
Zimmer. Nach einer Stunde sandte ich hinab und ließ sagen, daß wir nicht
in der Stimmung seien, an der Gesellschaft teilzunehmen. Ich nahm an,
daß Grete nun heraufkommen und ein gutes Wort geben werde. Aber nichts
davon, bis jetzt hat keines von ihnen sich sehen lassen. Sehen Sie,
Hederich, sie _wollen_ einen Anlaß, um die ihnen lästigen Menschen, ihre
Eltern, aus dem Hause zu bringen.“
Bei diesem Schlußsatz brachen der Frau die Thränen stromweise aus den
Augen, und so bitter schluchzte sie in ihrem Schmerz und Kummer, daß dem
braven Hederich auch das Wasser unter die Wimpern trat. So war's denn
nun da, was Carin schon oft und erst jüngst wieder als bevorstehend
prophezeit hatte: Ein böses Ende werde es nehmen in nicht allzulanger
Zeit zwischen denen oben und denen unten! Und nun würde auch bald sein,
Hederichs, Schicksal sich entscheiden, denn er war entschlossen, mit
seiner Meinung nicht zurückzuhalten. Ja, er wollte mit Grete sprechen;
sie sollte hören, was er dachte!
Und Tressens noch zuzureden, war gegen seine innerste Überzeugung. Er
glaube selbst, es sei wohl das beste, äußerte er, daß sie sich in
Elsterhausen einrichteten oder sich etwa Streckwitz's Besitz pachteten.
Sicher würden sich solche Auftritte wiederholen, und ihnen aus dem Wege
zu gehen, sei nur ratsam; jetzt sei noch Geneigtheit zur Versöhnung auf
beiden Seiten vorhanden, später aber könne sich ein unheilvoller Bruch
daraus entwickeln.
„Drum und dran, es ist nun einmal so. Sich keinen Illusionen hinzugeben,
ist immer weise, wenn's auch hart, betrübend und schwer ist, sich auf
den Boden der Thatsachen zu stellen.“
„Ja, so meine ich auch, Hederich, und doch, wenn ich denke, daß wir wie
Überzählige aus dem Hause gehen, daß wir unser geliebtes Holzwerder
verlassen sollen, dann ist's mir, als überfiele mich eine unheilbare
Krankheit. Sie ahnen nicht, wie mein Gemüt beschwert ist. Seit heute
nachmittag pocht mir das Herz vor Aufregung. Das, das ist das Ende!“
stieß sie, in grenzenloser Schwermut vor sich hinstarrend, heraus. „Ja,
ja, Geld! Geld! Wir sollten nur das Vermögen haben, die Kinder sollten
nur von uns abhängig sein! Wie ganz anders würde es dann aussehen!“
Sie weinte wieder, des Lebens Jammer erfaßte sie mit ganzer Gewalt, sie
war betrübt zum Sterben, aber jetzt nicht aus der Vorstellung,
Holzwerder verlassen zu sollen, sondern aus dem Schmerz enttäuschter
Mutterliebe.
Es war richtig. Ihre Tochter kannte nur sich! Der göttliche Funke warmer
Liebe war in Gretes Herz nie zur Flamme geworden, und jetzt drohte
selbst der Funke zu verlöschen. —
* * * * *
Als am kommenden Tage Tankred nach Erledigung seiner
Vormittagsgeschäfte mit seiner Frau beim zweiten Frühstück saß,
erkundigte er sich, ob die oben etwas von sich hätten hören lassen.
„Nein! Sie werden auch nicht zu Tisch kommen, wenn ich nicht hinaufgehe.
Ich kenne Mama —“ entgegnete Grete.
„Und Du willst hinaufgehen?“
„Nein, aber ich habe mir gedacht, daß ich, wenn sie heut mittag auf das
Klingelzeichen nicht erscheinen, Peter nach oben schicke und fragen
lasse, ob die Herrschaften nicht zu Tisch kommen wollen.“
„Und wenn sie nicht kommen?“
„Dann werde ich wohl hinaufgehen und gute Worte geben müssen. Ich habe
ja nur erreichen wollen, daß Mama sich nicht ferner in meine
Angelegenheiten mischt. Jetzt wird alles — verlasse Dich darauf — eine
längere Weile nach Wunsch gehen.“
Bei den letzten Worten glitt ein Lächeln über Gretes Gesicht. Es
belehrte Tankred, daß seine Frau den gestern stattgefundenen Zwist nicht
so ernst genommen hatte, wie er selbst, und das enttäuschte ihn
zunächst. Aber da er es sich zum Gesetz gemacht hatte, vor allen Dingen
mit ihr zusammen zu halten, niemals ohne ihre Zustimmung etwas Wichtiges
zu unternehmen und sich ihre Ansichten nach Möglichkeit anzueignen, so
nahm auch er einen leichten Ton an und sagte:
„Du hast recht. Fassen wir die Sache von gestern nicht anders auf, als
ein die Luft reinigendes Gewitter. Und so wie Du es Dir ausgedacht, ist
es auch gut. Wir schicken, wenn sie nicht kommen, hinauf, als sei
nichts passiert, und begegnen ihnen mit alter Unbefangenheit. Übrigens
hast Du gehört? Sie haben sich ja mal wieder einen Teppich aus Hamburg
kommen lassen. Ich sah's heut morgen auf dem Frachtbrief, als das Packet
gebracht ward. Ist doch wirklich ein Wahnsinn, nun wieder für eine ganz
überflüssige Sache so viel Geld auszugeben!“
„Papa behauptet, es sei in seinem Zimmer so fußkalt, daß er es nicht
aushalten könne,“ schaltete Grete ein. Sie gab diesmal kein Urteil ab,
war überhaupt zurückhaltender über „die oben“ als gestern.
„Ja eben, er hat jeden Tag ein neues Bedürfnis. Hypochondrische Leute,
die nichts zu thun haben, kommen auf tausend überflüssige Geschichten.
Da fällt mir ein: es scheint ja wahrhaftig etwas zwischen Streckwitz und
Theonie zu werden. Frau von Bülow behauptete, sie seien sogar schon
verlobt. Wir müssen Hederich fragen. Übrigens möchte ich wohl wissen, ob
der gestern noch bei ihnen oben gewesen ist. Die Sache ist klar. Er
wollte keine Handschuhe abgeben, sondern sie wollten nur zusammen
hocken, um über uns zu Gericht zu sitzen. Und das ist doch kein
richtiges Verhältnis, Grete. Sie intriguieren fortwährend gegen uns, und
der alte Schwäger trägt die Neuigkeiten von Haus zu Haus, nach
Breckendorf, nach Falsterhof und nach Elsterhausen. Insofern wäre es
allerdings, um einmal den Fall ernstlich ins Auge zu fassen, gar nicht
vom Übel, wenn die Eltern fort zögen. Streckwitz's Besitz könnten sie ja
pachten. Papa scheint sehr davon eingenommen zu sein.“
Tankred hatte bei den letzten Sätzen, die ihm durch die Gelegenheit
aufgedrängt waren, Grete genau beobachtet. Er wollte wenigstens wieder
ein Samenkorn legen. Nicht nur im Zorn sollte sie den Gedanken einer
Trennung von den Eltern fassen, sondern sich nach und nach daran
gewöhnen.
Daß sie ernsthaft den Fall noch gar nicht ins Auge gefaßt hatte, ergab
sich jetzt.
„Mama würde, glaube ich, sterben, wenn sie von Holzwerder fort müßte,
Tankred. Ich muß gestehen, daß auch ich ihre Anwesenheit sehr entbehren
würde. Du lieber Himmel! Man zankt sich einmal! Wo kommt nicht so etwas
vor! Aber eine wirkliche Trennung? Nein, ich meine, den Gedanken wollen
wir vorläufig wenigstens gar nicht fassen. Und dann — und dann —“ die
Frau errötete leicht — „wenn ich demnächst in der Krankenstube liege,
würde ich ihre Abwesenheit doppelt empfinden —“
Das letztere leuchtete Tankred ein. Die Krankenwärterin beim Wochenbett
fortsenden, hieß nicht weise handeln. Ja, Grete dachte immer noch weiter
als er! Sie war außerordentlich umsichtig und behielt stets ihren
Vorteil im Auge!
Während dem Manne solche Gedanken über seine Frau aufstiegen, ward
geklopft, und Peter erschien, um eine Meldung zu machen.
Das Gespräch ward dadurch unterbrochen, und jeder ging seinen Geschäften
nach.
Am Mittag desselben Tages fuhr Herr von Streckwitz auf Falsterhof vor.
Er hatte bei seinem letzten Besuch mit Theonie von einer kleinen in
seinem Besitz befindlichen Marmorgruppe, Venus und Amor, gesprochen, und
als sie ihr lebhaftes Interesse daran ausgedrückt, um die Erlaubnis
gebeten, sie ihr verehren zu dürfen. Er suche, wie er bei der
Überreichung hervorhob, nach einem Anlaß, sich ein wenig für die vielen
Liebenswürdigkeiten erkenntlich zu zeigen, die er auf Falsterhof
empfangen habe. Sie möge ihm die Bitte nicht abschlagen, ihr die Gruppe
überreichen zu dürfen.
Nach verlegenem Dank und nach weiterem Wortaustausch sagte Theonie, die
sich mit Streckwitz im Gartenzimmer niedergelassen:
„Es bleibt also wirklich bei Ihrer Absicht, daß Sie wieder eine Zeitlang
auf Reisen gehen wollen? Wann verlassen Sie uns, Herr von Streckwitz,
und wann dürfen wir Sie zurückerwarten?“
„Nein —“ entgegnete Streckwitz. „Der Verkauf von Klementinenhof hat sich
zerschlagen; für den Fall der Veräußerung hätte ich mich ja zunächst
anderweitig einrichten müssen und ging deshalb mit solchem Plan um. Ich
bleibe nun aber den Winter über hier und will meine Bemühungen um einen
Verkauf von Klementinenhof aus fortsetzen.“
„Immer wieder wundere ich mich,“ wandte Theonie ein, „daß Sie bei Ihren
vielen Interessen das Land der Stadt vorziehen. Was bietet sich Ihnen
hier in der Einsamkeit?“
„Lieben Sie nicht auch das Land, gnädige Frau? Schätzen Sie nicht auch
die reine Luft, die einfachen, natürlichen Verhältnisse, den
unmittelbaren Verkehr mit der Natur, die Ruhe und die Behaglichkeit?
Anregung findet ein Mensch, der sich nicht nur mit seinem Ich
beschäftigt, überall. Ich liebe, wie ich schon oft hervorhob, die
Menschen in dieser Gegend, die hiesige Geselligkeit mutet mich an, und
die Beschäftigung mit Stall, Acker und Vieh hat für mich etwas
außerordentlich Anziehendes. Ich beneide die Städter nicht, ich
bemitleide sie. Ihr Gehirn ist in einer fortwährenden Bewegung, sie
müssen mitlaufen, wenn sie nicht am Wege liegen bleiben wollen, und zu
einem rechten, ruhigen Lebensgenuß vermögen sie nicht zu gelangen.
Wandern die Wohlhabenden unter ihnen nicht alle jährlich in die Berge,
ans Meer und in kleine, abgelegene Ortschaften? Und dann giebt's ja auch
heut zu tage keine Entfernungen mehr. Ich kann ja, wenn mich die Lust
und Laune packt, in wenigen Stunden in Hamburg und Berlin sein.“
„Sie haben wohl noch keine Aussicht, etwas hier in der Gegend zu
erwerben?“ knüpfte Theonie, die durch stumme Gebärden Streckwitz
beigepflichtet hatte, an. „Hederich sprach jüngst von Wankendorf. Aber
es liegt sehr nördlich, und der Preis soll hoch sein.“
Streckwitz schüttelte den Kopf. „Ich möchte am liebsten etwas hier in
der nächsten Umgebung finden. Ich möchte auch Ihnen“ — Streckwitz legte
einen nicht mißzuverstehenden Inhalt in den Ton seiner Worte — „nahe
bleiben, gnädige Frau.“
Theonie errötete leicht und hielt das Auge gesenkt. Ihr mädchenhaftes
Wesen kannte nicht das Mienenspiel, das Frauen anwenden, um Männer zu
ermuntern.
Sie zeigte rasch auf zwei Zeisige, die in einem Bauer hin- und
herflatterten, und suchte so dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.
Aber Streckwitz war heute gekommen, um sich über Theonies Gefühle für
ihn Klarheit zu verschaffen.
Nachdem er einen Blick umher geworfen, um sich besser zu versichern, daß
er nicht gestört werde, sagte er:
„Vorher sprachen Sie Ihre Verwunderung darüber aus, daß ich mich hier,
wie Sie sich ausdrückten, in der Einsamkeit vergrabe. Ein gleiches habe
ich von Ihnen schon mehrfach gedacht, gnädige Frau. Durch Ihre Hand ist
zwar Falsterhof gelichtet und hat den früheren düstern Eindruck
verloren, aber grade für eine junge Frau — da für Ihr Geschlecht so enge
Grenzen gezogen sind, weil Sie sich nicht, wie wir, frei bewegen
können, — scheint es mir hier recht einförmig. Haben Sie denn kein
Verlangen nach der Stadt?“
„Nein, keins! Ich könnte nirgend anderswo leben, und als ich mich nach
dem Tode meiner Mutter von hier entfernen mußte, war ich sehr
unglücklich.“
„Sie mußten?“
„Ja — oder ich wollte, gleichviel. Als der Tag meiner Rückkehr
festgesetzt war, vermochte ich erst wieder die Schwermut, die mich
erfaßt hatte, abzustreifen.“
„Sie hatten damals die Gesellschaft Ihres Herrn Vetters, wenn ich mich
recht erinnere? Er ist wohl ein sehr anregender Mann? Ich war jüngst auf
Holzwerder und habe höchst angenehme Stunden dort verlebt. Sehr gefallen
wir auch die Schwiegereltern. Charmante Leute.“
Theonie betätigte letzteres durch eine Bewegung, über Tankred aber
äußerte sie sich nicht.
Diese stete, taktvolle Zurückhaltung war's aber eben gerade, die
Streckwitz, der das wenig günstige Urteil der Menge über Tankred kannte,
zu Theonie so hinzog. Alles, was er bisher von ihr gesehen hatte, war
tadellos. Sie war ernst, aber nicht sentimental, klug ohne das
Bestreben, sich geltend zu machen, und besaß neben einem edlen
Selbstgefühl eine vollendete Weiblichkeit in ihrer Erscheinung und ihrem
Wesen. Da das Gespräch sich wieder ein wenig von dem ihm am Herzen
liegenden Gegenstand abgewandt hatte, suchte der Mann nach einer
direkten Anknüpfung, und plötzlich kam ihm ein Gedanke.
„Noch eins wollte ich Ihnen heute bei meinem Besuch vortragen, gnädige
Frau,“ hub er nach geschicktem Übergang an. „Ich habe die Absicht,
allernächstens ein kleines Diner zu geben. Würden Sie und Fräulein Carin
wohl so liebenswürdig sein, auch daran teil zu nehmen? Ich weiß, daß ich
etwas erbitte, das ein wenig ungewöhnlich erscheint. Aber ich hoffe doch
auf Ihre gütige Zusage, ja, ich darf sagen, daß ich das kleine Fest
vorzugsweise veranstalte, um bald wieder die Freude zu haben, mit Ihnen
zu plaudern. Es verlangt mich jeden Tag danach, und wenn ich von Ihnen
fern bin, fehlt nur etwas, das durch nichts zu ersetzen ist.“
Die legten Worte hatte Streckwitz in einem weichen, eindrucksvollen Ton
gesprochen, und diesmal wich auch Theonie seinen ehrlichen Augen nicht
aus. Aber sein Blick verwirrte sie doch so sehr, daß sie nicht gleich
Worte fand, vielmehr die Schultern bewegte und in der Erregung den
ausdrucksvoll geschnittenen Mund zusammenpreßte.
„Ich bitte, sprechen Sie — sagen Sie etwas —“ drängte Streckwitz, durch
die Ungewißheit, wie er ihr Wesen deuten sollte, nicht mehr Herr seiner
Gefühle, „oder darf ich noch etwas hinzufügen, etwas von dem vielen, was
mich bewegt, seitdem ich Sie kennen lernte? Nun? Darf ich, Theonie,
liebste Frau Theonie? —“ wiederholte Streckwitz, indem er sich erhob und
Theonie näher trat.
Mit zagendem Ausdruck suchte er ihr abgewendetes Antlitz, er zitterte
innerlich, und sein Atem ging rasch.
Aber es war nur für Sekunden. Dann wandte sie sich zu ihm, sah im mit
einem Ausdruck unbeschreiblicher Hingebung ins Auge, lächelte sanft und
neigte ihre feine Gestalt zu ihm.
„O komm, Du Liebe!“ flüsterte der Mann stürmisch und breitete seine Arme
aus.
Durch ihren Körper ging ein Beben; sie liebte ihn leidenschaftlich, und
er hörte es aus ihrem Munde, als er nun glückberauscht sie fest und
fester an sich zog.
* * * * *
Die Verlobung des Herrn von Streckwitz mit Theonie Cromwell bildete in
der Umgegend das Tagesgespräch.
Je nach ihrer freundlichen oder durch vermeintliche Zurücksetzung, Neid
und Mißgunst hervorgerufenen feindlichen Stimmung nahmen die Menschen
für oder gegen das Brautpaar Partei. Einmal hieß es, sie paßten
vortrefflich zusammen, und beide seien liebens- und achtenswerte
Menschen, ein andermal dagegen, es könne nur ein Unglück daraus
entstehen, wenn zwei so selbstbewußte und absprechende Menschen sich
vereinigten. Und einmal paßte den Leuten Theonies Nase nicht, ein
andermal hielten sie sich über Streckwitz's schleppenden Gang auf, bald
war's nur Berechnung von seiner Seite, und bald hatte sie ihn durch
Koketterie und zwar durch ihr gemacht sanftes Wesen und ihr langsames
Augenaufschlagen gefangen. Aber jedenfalls — darin stimmten alle
überein — kam Geld zu Geld; für beide Teile war die Partie eine gute, und
mit so reichen Leuten zu halten, wenn man sie auch nicht mochte, war
nicht mehr als selbstverständlich. Ohne Nebengedanken stimmten
eigentlich nur Tressens und Höppners dieser Verbindung zu. Selbst in
Carins und Hederichs Freude mischte sich ein Spürchen Unbehaglichkeit.
Hederich fürchtete, das Mädchen, das er nun einmal liebte, zu verlieren.
Sie würde sich eine andere Stellung suchen müssen, und er sie nicht mehr
sehen; und Carin beschäftigte nicht minder der Gedanke, daß nun wohl
ihre Tage auf Falsterhof gezählt seien.
Die Pastorin hatte in ihrer Freude keine Ruhe und mußte gleich etwas
thun. An Streckwitz schrieb sie einen Brief, in dem sie ihm gratulierte,
und zu Theonie machte sie sich schon wenige Tage nach Empfang der
Verlobungsanzeige auf den Weg.
„Sie müssen meinen guten Mann entschuldigen, er hatte dringende
Amtsgeschäfte, sonst wäre er mitgekommen!“ erklärte sie nach ihrem aus
dem Herzen kommenden und von einer Umarmung begleiteten Glückwunsch.
„Und gleich heute möchte ich von Ihnen hören, liebste Theonie, wann Sie
und Herr von Streckwitz uns beehren können. Wir möchten Ihnen ein recht
lustiges Verlobungsfest geben und dazu nette Menschen einladen. Waren
Tressens schon bei Ihnen? Haben Sie etwas gehört, wie die Dinge stehen?
Man erzählt sich, daß zwischen den Alten und Jungen schwere Differenzen
ausgebrochen sind. Es war leider zu erwarten! Übrigens, Ihr Vetter wird
nicht sehr von Ihrer Verlobung erbaut sein, Theonie.“
So sprach die lebhafte Pastorin in raschem Redefluß und ward erst
unterbrochen, als Theonie ihr nun mit einem unbefangenen:
„Sie meinen, liebe Pastorin?“ ins Wort fiel.
„Nun, er wird natürlich fürchten, daß Sie jetzt an eine
Vermögensabtretung nicht mehr denken, daß er auf Falsterhof in Zukunft
keinerlei Aussicht hat.“
„Er irrt sich aber!“ entgegnete Theonie mit größter Ruhe. „Wenn er
während der Frist nichts thut, was ehrenrührig ist, und wenn er nicht
verschwendet, sondern solide wirtschaftet, halte ich an meiner einmal
gegebenen Zusage fest. In diesem Sinne gab ich sie. Daß mein Vetter
seinen Charakter nicht ändert, weiß ich, aber diese Forderung habe ich
auch nie an ihn gestellt.“
Die Pastorin sah mit Bewunderung auf die Sprechende. Ein solcher Sinn
für Gerechtigkeit und ein solches Festhalten an einem gegebenen Wort
waren ihr bisher nicht vorgekommen. Aber da sie Brecken immer mehr
verabscheute, ja, nach der Unterredung betreffs ihres Siechenhauses
sogar einen untilgbaren Widerwillen gegen ihn gefaßt hatte, knüpfte sie
noch einmal an und sagte:
„Ihre im übrigen sehr vorsichtig gefaßte und durchaus nicht bindende
Zusage gaben Sie doch damals aus Zwang. Auch die Furcht leitete Sie. Um
Gewalttaten aus dem Wege zu gehen, gingen Sie auf seinen Vorschlag ein,
Theonie. Wie stehen nun heute die Dinge? Das Hauptmotiv Ihrer
Handlungsweise, daß Ihr Vetter mittellos war, ist inzwischen
fortgefallen. Er sitzt jetzt unter warmen Decken. Ferner, damals dachten
Sie nicht an Heiraten. Jetzt aber steht Ihnen Ihr Mann doch näher, als
Ihr Vetter, und wenn Sie Nachkommen haben, wird er sich gewiß weigern,
die Hälfte von Falsterhof für nichts herzugeben. Und ist Ihr Vetter denn
wirklich würdig, so von Ihnen bevorzugt zu werden?“
„Es sieht Ihnen gar nicht ähnlich, daß Sie an einmal gegebenen Zusagen
rütteln, liebe Pastorin. Was hat Ihnen mein Vetter gethan?“
„Das will ich Ihnen sagen, oder vielmehr ich will Ihnen den Grund
darlegen, weshalb ich diesem Menschen nicht noch einen Vermögenszuwachs
gönne.“
Und nun erzählte die Pastorin von ihrem Besuch, wie Brecken und Grete
sich dabei benommen, und daß er erklärt habe, höchstens hundert Thaler
zeichnen zu wollen.
„Sehen Sie, das ist es!“ schloß sie. „Wenn Ihr Geld gute Früchte tragen
würde, auch andere Vorteil daraus ziehen könnten, wenn's nicht nur der
Gier dieses Geizhalses diente, dann würde ich gewiß keine Einsprache
erheben. Aber indem Sie sich das Kapital entziehen, verringern Sie für
sich selbst die Möglichkeit, Ihren Nebenmenschen davon mitzuteilen, wie
bisher Glück und Segen dadurch zu verbreiten. — Ja, ja, ich weiß sehr
wohl, wie viel Sie thun, liebste Theonie! Wo immer es sich um ein
Liebeswerk handelt, sind Sie da, und in Breckendorf und Elsterhausen
sind die Namen derer nicht zu zählen, denen Sie Wohlthaten erzeigen. Das
ist das Richtige. Wer sein Geld so anwendet, der hat auch ein Recht,
viel zu haben. — Blos Geld erwerben, um es zu besitzen? Welch ein
gemeiner Standpunkt! Immer ist's ein Beweis kleinlicher Seelen. Und
nicht einmal den Einwand, es sei nicht das Geld sondern die Freude am
Erwerben, der Sparsamkeitsdrang, — lasse ich gelten! Geld soll nur ein
Mittel zum Zweck sein, glücklich zu werden und andere glücklich zu
machen. Darin besteht jedes Vernünftigen Lebensaufgabe. — Wenn ich an
Ihrer Stelle wäre, würde ich Ihrem Vetter erklären, ich habe damals
verhüten wollen, mein Geld einem Verschwender zu geben. Das sei er
nicht, wie Sie jetzt sähen, aber, was weit schlimmer, ein Geizhals, und
Geiz sei einer der gemeinsten menschlichen Triebe. Übrigens“ — brach die
Pastorin ab, da sie sah, daß ihre Rede auf Theonie Eindruck gemacht
hatte, und jetzt weitere Worte vielleicht schaden könnten, statt
nützen — „wie wird's nun mit unserer trefflichen Carin? Bleibt sie bei
Ihnen?“
„Ich werde ihr nicht kündigen,“ erwiderte Theonie. „Wohin soll das arme,
verlassene Ding? Sollte sie aber selbst den Wunsch ansprechen, zu gehen,
so ist es etwas anderes.“
„Auch das sieht Ihnen wieder ganz ähnlich, Sie herrliches Menschenkind.
Immer stellen Sie sich auf den Standpunkt Ihres Nebenmenschen, nicht nur
auf Ihren,“ schloß die Pastorin lebhaft und drückte der Freundin in
einem überströmenden Gefühl die Hand. —
Während in solcher Weise die Pastorin Höppner, ihrem Unmut nachgebend,
in die Breckenschen Angelegenheiten eingriff, gestalteten sich in
Tankred ganz andere und keineswegs hoffnungslose Gedanken. Schon
wiederholt hatte er gefunden, daß es nicht nur weise sei, das Ungünstige
zu nützen, um Günstiges daraus zu ziehen, sondern daß dies bei
geschickter Handhabung auch meist mit Erfolg gekrönt wurde.
Versteckte Pfade zum Glück lagen überall, aber man mußte Augen zum Sehen
haben. —
In einer Unterredung, die zwischen Tankred und seiner Frau über Theonies
Verlobung stattfand, warf Grete ähnliche Zweifel hin, wie die Pastorin
sie geäußert hatte.
„Nun wird's wohl mit dem Erben nichts!“ begann sie und schnitt aus einem
großen Haufen weißer und bunter Leinwandstücke, die vor ihr lagen, eine
Anzahl Vierecke, aus denen sie Wischtücher machen wollte. „Herr von
Streckwitz sieht wir gar nicht danach aus, als werde er Dich freiwillig
zum Miterben von Falsterhof einsetzen. Zu Erörterungen oder gar zum
Prozeß wird's jedenfalls kommen, aber es ist richtig: weshalb sich schon
jetzt den Kopf verdrehen! Nur eins, Tankred, wir wollen ihnen keine
Veranlagung geben, berechtigte Anklagen gegen uns zu erheben. Um unserer
selbst willen schon wollen wir es vermeiden.“
Grete hatte die Worte in dem ihr eigenen Gemisch von Ehrlichkeit und
Berechnung gesprochen und sah, ein eben gesäumtes Tuch glättend und in
genauer Anpassung auf ein Häufchen bereits fertig gewordener legend, zu
ihrem Manne empor.
Er aber sagte, aus einem tiefen Nachdenken sich erhebend:
„Was meinst Du, Grete, wenn wir die Sache ganz anders anfingen, jetzt,
wo noch der Gedanke in Theonie kräftig ist, wo noch ihr Rechtsgefühl
nicht durch Einwirkung von seiten anderer gelitten hat? Ich stimme Dir
nämlich bei: Wenn die paar Jahre verflogen sind, wird von der Sache gar
nicht mehr die Rede sein. Sie werden Kinder haben, und an freiwillige
Hergabe ist nicht zu denken. Ich meine so: Ich trete jetzt vor Theonie
hin und sage: Gieb mir einen größeren Teil, etwa zwei Drittel von dem
Zugesagten, dann will ich auf meine weiteren Ansprüche verzichten. Thue
es, bevor Du an den Altar trittst, damit Du reinen Tisch hast, wenn Du
in die Ehe gehst. Ich glaube, ich würde reüssieren! Vielleicht könnten
wir Theonie durch Hederich sondieren. Was meinst Du?“
„Wie viel wird denn das ausmachen — ich meine an Kapital — ungefähr?“ warf
Grete forschend hin.
„Nun, ich rechne den Wert von Falsterhof auf vierhunderttausend Thaler.
Davon die Hälfte sind sechshunderttausend Mark, und davon zwei Drittel
vierhunderttausend.“
„Ah —!“ machte Grete. „Aber,“ setzte sie gleich hinzu, „das ist doch ein
Unterschied von zweihunderttausend Mark.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Schlag's jedenfalls in runder Summe vor! Laß Dich nicht auf
Teilzahlungen ein, Tankred. Der Gedanke an sich ist ja sonst sehr gut!
Sage ihr, sie solle fünfhunderttausend Mark zahlen, dann spart sie doch
noch hunderttausend.“
Tankred machte eine etwas ungeduldige Bewegung.
„Wir verfügen über eine Beute, die wir noch gar nicht haben. Nein, das
geht nicht. Wenn sie nun überhaupt nicht will? Zwingen kann ich sie doch
nicht. Ja, später klagen, prozessieren, aber was kommt dabei heraus?“
Tankred wollte von Prozessen schon deshalb nichts wissen, weil seine
Fälschung dabei an den Tag kommen konnte.
Und dann, während er noch nachdachte, kam's jäh wie ein Blitz über ihn,
daß es schon am besten wäre, wenn's keinen Streckwitz auf der Welt gäbe,
wenn, wenn — auch Theonie nicht mehr auf Erden sei! Dann war er Erbe des
Ganzen!
Die Furie Habsucht packte ihn mit solcher Gewalt, so unvermittelt und
heftig war ihr Angriff auf seine Seele, daß ihm die Kniee bebten, und in
dem Drange nach Ablösung von dem furchtbaren Gedanken sich unwillkürlich
ein schwerer Seufzer aus seiner Brust wand, und seine Augen sich
schlossen.
Grete erhob überrascht das Haupt.
„Was hast Du? Ist Dir nicht wohl?“ fragte sie betroffen.
„Doch — doch. — Mich fröstelte nur ein wenig.“ Und dann: „Sag, Grete, wie
wär's, wenn Du mit Hederich sprächest, daß er Theonie sondierte? Dir
schlägt er nichts ab, im Gegenteil —“
Die Frau aber schüttelte den Kopf. Sie wollte in dieser Sache Hederich
nicht ins Vertrauen ziehen, ihr Inneres sträubte sich dagegen, grade ihm
die Blößen ihrer Seele aufzudecken. Sie war eifrig bedacht, sich die
gute Meinung, die er noch von ihr hatte, zu erhalten.
So sagte sie denn, auch ihrer besseren Einsicht folgend und sie
vorschiebend:
„Nein, das ist nichts. Wo man selbst reden kann, soll man sich keines
Vermittlers bedienen. Und in delikaten Dingen sind zwei Ohren mehr immer
zu viel. Wenn Hederich von unseren Absichten unterrichtet wird, weiß
auch Carin sie, und Carin bespricht alles mit der Pastorin, die ihren
Mund nie halten kann. Du mußt mit Theonie ohne Zeugen reden; sie
ist — das muß man ihr rühmend nachsagen — die personifizierte Diskretion.“
Tankred stimmte eifrig bei. Ja, seine Frau hatte, wie immer, recht; er
beschloß auch, gleich zu handeln und alle Künste aufzuwenden, um seinen
Zweck zu erreichen. Noch hatte sicher Streckwitz keinen Einfluß auf
Theonie gewonnen. Je länger er aber zögerte, um so ungünstiger wurden
seine Ansichten.
Gleich nach Tisch ließ er sein Reitpferd satteln, hörte noch einmal
alles, was Grete ihm sagte, an und machte sich dann nach Falsterhof auf
den Weg.
Es war ein nebliger, aber ungewöhnlich milder Wintertag. Bald nach
Tankreds Fortreiten begann es vom düsteren Himmel herunter zu flocken,
und die warme Luft verwandelte die Schneegebilde bereits vor dem
Herabfallen in flüssiges Naß. Der Gaul leckte und dampfte. Die Hufe
drangen tief in die schlüpfrigen Wege ein, und beim schnellen Trab
spritzte das erdigschmutzige Wasser Tankred in das ohnehin feuchte
Gesicht. Aber er achtete weder darauf, noch auf die Nässe, die seinen
ganzen Körper bedeckte; er sah nicht die im feuchten Nebel ausgestreckte
Landschaft, die Bäume, Felder und Wiesen, er war nur beschäftigt mit
seinen Plänen, mit Theonie und seinen Schwiegereltern. Wenn er letztere
nur erst aus dem Hause gebracht hätte! Es stand fest in ihm, sobald
Grete ihrer Mutter Hülfe am Krankenbett entbehren konnte, wollte er ein
Ende machen. Aber während er sich ausmalte, daß sie wirklich von
Holzwerder Abschied nähmen, — er sah seinen Schwiegervater in den Wagen
steigen und das schmerzentstellte Gesicht seiner Schwiegermutter vor
sich —, stolperte der Gaul, von Tankred loser im Zügel gehalten, so
unglücklich, daß der Reiter fast aus dem Sattel gehoben ward.
Das Tier aber mußte für seines Herrn Nachlässigkeit büßen; Tankred zog
dem Rappen mit der Reitgerte einige starke Schläge über den Rücken. Und
während der abergläubische Mann dahinsauste, überkam ihn die
Vorstellung, daß das Schicksal ihn durch diesen Vorfall habe mahnen
wollen. Na ja, Gedanken waren noch keine That! — So schloß er rasch einen
Kompromiß mit der leicht zu beschwichtigenden Stimme in seiner Brust.
Endlich gewann er eine kurz vor Falsterhof aufsteigende Höhe, und zu
seinen Füßen lag halbverschwommen das Gut ausgebreitet. Aus dem
Schornstein des Herrenhauses schob sich langsam qualmend der Rauch. Wie
eine schwarze Wolke erschien er dem Auge, da ein noch dichterer Nebel
inzwischen die Landschaft eingehüllt hatte.
Tankred ward dadurch an die bald eintretende Dunkelheit gemahnt, und so
setzte er, die Ebene gewinnend, das Tier so lange in Galopp, bis er den
Hof erreicht hatte.
„Die gnädige Frau zu Hause? Herr von Streckwitz auch da?“ warf Tankred
hin, während Klaus das Tier abführte.
Ein Ja und ein Nein erfolgte. Theonie war also allein, Gott sei Dank!
Als Tankred ins Haus trat, war Frege nicht anwesend; ein Mädchen,
welches eine auf dem Flur stehende, mit messingenen Zierraten versehene
hochschlanke Uhr putzte, stieg eilig von einem für ihre Arbeit
herangerückten Stuhl herab und eilte fort, um Tankred zu melden.
Seltsamer Gegensatz! Hier das peinliche Behüten eines Hausgegenstandes,
und dagegen er, der kam, um zu sagen: gieb nur freiwillig die Hälfte
Deines Vermögens! Tankreds gehobene Vorstellungen wurden durch diesen
Vergleich sehr herabgestimmt, aber nun erschien die Magd wieder, und er
trat in das von der Abenddämmerung umhüllte Wohngemach.
„Ich komme trotz Schnee und Regen, Theonie, um Dir gleich meinen
Glückwunsch zu sagen,“ begann Tankred bei Theonies Eintritt. „Grete
schließt sich mir von Herzen an und bittet, Du mögest verzeihen, daß sie
nicht schon heute mitgekommen. Eine Erkältung, die sie sich zugezogen,
und das schreckliche Wetter —“
Theonie machte eine liebenswürdige Bewegung, bat Tankred, Platz zu
nehmen, und sagte nach einigen warmen Dankesworten, sich besinnend:
„Ich denke, ich lasse lieber schon Licht bringen?“
Sie war aufgestanden, aber hielt inne, als Tankred sie unterbrach:
„So? meinst Du? Nun, mir ist's recht. Ich schwatze sonst gern im
Halbdunkel.“
Tankred von Brecken wollte kein Licht. Er konnte besser sprechen, wenn's
dunkel um ihn her war, und er ergriff auch nach kurzem Redeaustausch
über Herrn von Streckwitz, seine Schwiegereltern und Hederich das Wort
in seiner Angelegenheit:
„Höre Theonie! Da wir nun einmal ungestört beisammen sitzen, möchte ich
Dir etwas sagen, etwas die Zukunft Betreffendes. Ich weiß, daß Du mich
nicht mißverstehen wirst, und was ich sagen will, ist auch von Vorteil
für Dich! Durch Deine Verlobung und demnächst stattfindende Heirat
verschieben sich sicher Deine Dispositionen bezüglich Deines Vermögens.
Ich begreife das — begreife das vollkommen. Als Du mir damals die
schriftliche Zusage machtest, lag alles anders. Aber da Du sie mir doch
einmal gegeben und, wie ich Dich kenne, nicht ausgestellt hast, um mich
nur durch Redensarten zu vertrösten, möchte ich Dir einen Vorschlag
unterbreiten, damit Du mit völlig klaren Verhältnissen in die Ehe gehst:
Entschließe Dich jetzt, mir einen geringen Anteil auszuzahlen, finde
Dich jetzt mit mir ab!“
Tankred durchdrang mit Luchsaugen die Dämmerung, um den Eindruck seiner
Worte auf Theonies Antlitz zu lesen. So viel hing von diesem Augenblick
ab!
Zu seiner Überraschung nahm Theonie seine Rede sehr ruhig, aber zu
seiner höchsten Enttäuschung auch sein Ansuchen äußerst kühl auf.
Sie sagte fast ausdruckslos in Miene und Ton:
„Zu meinem Bedauern muß ich Deinen Antrag ablehnen, Tankred. Die fünf
Jahre müssen voll verstreichen, und dann werden nicht, wie Du meinst,
die veränderten Verhältnisse meinen Entschluß beeinflussen, sondern die
Umstände für mich maßgebend sein. Wenn ich, wie ich hoffe, in die Lage
komme, Dir etwas abzutreten oder auszuzahlen, so soll Dir nichts gekürzt
werden —“
„Bitte, sage mir Theonie,“ fiel Tankred, durch die letzten Worte aus all
seinen Himmeln gerissen, mit künstlicher Ruhe ein, „was soll ich denn
eigentlich erfüllen? Was kann dann anders sein als heute? Entschuldige!
Aber ich sehe keinen Unterschied. Liegt es nicht wirklich in Deinem
Interesse, daß Du Dich vor Deiner Heirat mit mir abfindest? Ich bin
überzeugt, Dein Bräutigam wird anders über die Sache denken, als Du.
Willst Du nicht wenigstens den Vorschlag in Überlegung ziehen, mit ihm
reden? Sprechen wir einmal in Zahlen. Der Wert von Falsterhof
repräsentiert wohl fast ein und eine halbe Million. Wenn ich nun sagte,
zahle mir jetzt —“
Aber statt ihn ausreden zu lassen, erhob sich Theonie mit einem
„Entschuldige, bitte“ und hörte, was der nun doch mit einer brennenden
Lampe ins Zimmer tretende Frege „gehorsamst“ zu melden hatte.
„Der Verwalter von Falsterhof läßt fragen, ob er morgen Vormittag zum
Vortrage kommen dürfe.“
„Ja, Frege, es paßt mir um elf Uhr!“
Nun schloß sich die Thür wieder.
„Es nützt wirklich gar nichts, Tankred, diese Sache zu besprechen, ich
wiederhole vorher Gesagtes,“ knüpfte Theonie mit der alten Ruhe an.
„Auch wenn Du fragst, was sich erfüllen soll, so kann ich Dir darauf nur
antworten: Ich will, wenn ich Dir das Kapital auszahle, daß alle
Bedingungen zutreffen, die ich damals an dieses Eventualversprechen
knüpfte. Ich erkläre Dir nochmals, daß die zwischen mir und Streckwitz
wahrscheinlich eintretende Gütergemeinschaft an dem Geist der Sache
nichts ändern wird. Nicht unser Geldvorteil soll maßgebend sein, sondern
Deine Würdigkeit.“
„Mit anderen Worten, Du bist schon jetzt entschlossen, mir keinen
Groschen auszuzahlen —“ stieß Tankred, kaum Herr seiner Erregung,
heraus. „Was heißt Würdigkeit? Sind wir Kinder? Handelt es sich um das
Verhalten auf der Schulbank und um den Lohn eines Apfels für gutes
Betragen? Ich bin neben Dir der einzige Brecken auf der Welt. Wenn Du
gestorben wärest, würde mir Falsterhof zugefallen sein. Also nicht um
eine bloße Laune oder dergleichen handelt es sich, sondern um ein tiefer
begründetes, natürliches Anrecht. Was soll ich denn heute oder später
mit dem Gelde thun? Ich will es hüten und mehren, um meinem Nachkommen,
dem letzten männlichen Zweig der Breckens, zu Besitz und Ansehen zu
verhelfen. War das nicht auch Deines Vaters, unserer Vorfahren
Lebenszweck? Bin ich ein Verschwender? Mache ich mich unehrenhafter
Handlungen schuldig? Wird unser Familienname durch mich geschädigt oder
geschändet? Andere Gesichtspunkte hast Du doch wohl nicht aufzustellen?
Nicht von aller Welt geliebt zu werden, das teile ich mit vielen
Menschen. Wer Charakter hat, wird niemals sehr gefallen. In der That,
ich verstehe Dich nicht. Wir schaffen aber klare Verhältnis wenn Du Dich
jetzt mit mir abfindest, und Du sparst ein Stück Geld.“
„Ich will nicht sparen!“ entgegnete Theonie stolz. „Dir soll Dein Recht
werden, wenn Du eins zu erheben hast! Und laß uns nun das peinliche
Gespräch schließen. Ich thu's und will's nicht, Tankred. Kommt die Zeit,
so werden mein Mann und ich prüfen und ohne Rücksicht auf unseren
Vorteil handeln.“
„Ich nehme den Fall, daß Ihr zu der Ansicht kommt, ich sei unwürdig!
Meinst Du denn, ich müßte mich ohne weiteres darein finden?
„Ich brauche doch keine Gründe für eine Weigerung anzugeben, also hast
Du auch kein Recht zu einer Reklamation, Tankred!“
„Ah! so faßt Du Deine Zusage auf? Na, ja, ich sehe, wie die Dinge
stehen! Nur eins hätte ich nicht gedacht: daß Du Dich hinter Worten
verschanzen würdest. Von Theonie Cromwell hatte ich anderes erwartet.“
„Nein, ich verschanze mich gar nicht, Tankred. Das ist auch einer Deiner
Fehler: Du gestaltest Dir die Dinge nach Deinen Vorlegungen, und wenn's
nicht so kommt, machst Du andere dafür verantwortlich, daß Du Dich
Illusionen hingegeben hast.“
„Auch einer meiner Fehler? Was habe ich denn sonst noch für welche?“
Höhnisch ging's aus Tankreds Munde, und die Backenknochen seines
Verbrechergesichtes schoben sich unheimlich vor. Und als Theonie nur
ablehnend die Achseln zuckte, sprang er in die Höhe, stellte sich vor
sie hin und raunte ihr mit heiserer Stimme zu:
„Noch einmal, zum letztenmal! Gieb nach! Du weißt, daß ich nicht mit mir
spaßen lasse! Du kannst Ruhe und Frieden haben — oder das Gegenteil! Wenn
Du mir vierhunderttausend Mark auszahlt, will ich auf alle Ansprüche
verzichten, und wir bleiben gute Freunde. Wo nicht, werde ich die
mündlichen Zusagen Deiner Mutter mit ins Feld führen, nachweisen, daß
ich mich dem Verzicht nur zwangsweise gefügt habe, und auf sofortige
Erfüllung meiner Ansprüche klagen. Ich kann schwören, daß sie mir
versprach, mich zum Miterben einzusetzen.“
„Du lügst,“ rief Theonie, von Empörung und Ekel fortgerissen. „Du lügst
und fügst zu allem anderen noch den Meineid. Wenn meine Mutter etwas
versprochen hätte, würde es auch von uns gehalten worden sein. O,
verächtlich bist Du mir; so verächtlich, daß ich nichts in der Welt so
verabscheue wie Dich. Meine Natur unterdrückte ich, ich wollte sie nicht
Herr über mich werden lassen, ich wollte gerecht sein, mit Deinen
Fehlern rechnen, da niemand frei davon ist. Und Dir wäre geworden, was
Du wünschest, wenn Du geblieben wärest, was Du seit Deiner Heirat warst.
Aber diese Drohungen und diese Lüge reißen alles wieder in mir auf. Ich
fühle wie damals, wo ich vor Deinem Mordblick flüchtete. Aber keine
Furcht beherrscht mich mehr! Was kann's denn Schlimmeres sein als der
Tod? Wag es! Und Geld! Geld! Schon jetzt zwitschern die Spatzen auf dem
Dache von Deinem Geiz, von Deiner Habsucht, von Deinem grenzenlosen,
jedes anderen Rechte mißachtenden Egoismus. Statt Dich des ungeheuren
Glückes, das Dir geworden, dankbar zu erinnern, es Dir stets
vorzuhalten, verfolgst Du diejenigen mit Deinem Haß, durch deren
Befürwortung Du etwas geworden. Sie stehen Dir im Wege. Nur Dein Ich,
Dein grauenhaftes Ich hat Audienz bei Dir! Mache, thue, was Du willst.
Ich zerreiße noch heute die Akte. Schon heute ist entschieden, daß ich
wich weigere, Dir auch nur einen Pfennig auszuzahlen. Du hast Dein Spiel
verloren, weil Du mich abermals einen Blick in Deine gemeine Seele thun
ließest.“
Der Mann hörte, was seine Verwandte sprach, und seine Wut kannte keine
Grenzen mehr. Zu der bis zur Raserei gesteigerten Empfindlichkeit, daß
sie wagte, ihm so zu begegnen, gesellte sich eine tobende Wut über sich
selbst. Hatte sie nicht gesagt: sie würde ihr Wort gehalten haben, wenn
nicht diese Szene zwischen ihnen vorgefallen wäre? Er hätte sich selbst
züchtigen mögen, und wie einst, ging's durch seine Gedanken, ob's denn
gar keine Möglichkeit mehr gäbe, das Geschehene ungeschehen zu machen.
Und wieder siegten selbst in diesem furchtbaren Affekt Gier und Habsucht
in ihm.
Er sank stöhnend auf seinen Stuhl zurück, bedeckte sein Angesicht mit
den Händen und verharrte wie ein Zerschlagener.
Und dann glitt er nieder auf die Kniee, schob sich zu seiner Verwandten
hin, tastete nach ihrer Rechten und flehte, daß sie ihm vergeben möge.
Er habe sich abermals vom Zorn hinreißen lassen, er wisse dann nicht,
was er thue, sie habe ihm doch schon einmal vergeben, und was er von der
Verstorbenen gesagt, sei wirklich in dem von ihm angeführten Sinne wahr,
wenigstens habe er hingeworfene Worte so gedeutet. Er wolle ja das
beste, er verstehe es nur nicht immer; er sei ehrlich bestrebt, seine
Fehler abzulegen, aber er habe mit seiner Natur zu kämpfen. Sie sei ja
ein Gott an Gerechtigkeit, Milde und Güte und möge, gleichviel was sie
beschlossen, ihm verzeihen. „Bitte, bitte, liebe, teure Theonie, sei
wieder die alte. Und mit meinen Vorschlägen meinte ich es ja wirklich
gut. Es ist doch verständig, sich zu vergleichen, und Du hast selbst
Vorteil davon. Und nur noch einmal, zum letztenmal,“ schloß er, „vergiß
alles, was mein Mund sprach, ich bereue tief.“
Aber die Frau, die ihn in ihrem Ekel und ihrer Empörung wiederholt hatte
unterbrechen wollen, die ihm nichts, gar nichts mehr glaubte, vielmehr
wußte, daß er durch sein Komödienspiel nur Verlorenes noch einmal wieder
zu retten versuchen wolle, riß sich, als er zuletzt ihre Kleider
umfaßte, von ihm los, warf den Kopf zurück und rief, mit ausgestreckten
Händen ihn abwehrend:
„O Natter, Schlange, weiche von mir. Es giebt, glaube ich, nichts in der
Welt, worin die Natur so viel Gemeines zusammenmischte, wie in Dir. Wenn
ich überdenke, was ich je hörte oder las über die Schlechtigkeit
menschlicher Kreaturen, so entrollte sich doch nie vor meinen Augen ein
solches Bild. Lüge, Verstellung, Feigheit, Gemeinheit, Habsucht und Geiz
begegnen sich, sie alle reichen sich die Hände in Dir. Deine Seele ist
keiner vornehmen Regung fähig, sie ist niederträchtig und schmutzig; wo
anderen das Herz sitzt, hockt bei Dir die grauenhafteste Eigenliebe, und
Deine gemeinen Leidenschaften sind so stark entwickelt, daß nur die
Gelegenheit zum Verbrechen fehlt, um sie ans Licht zu fördern. Und ich
glaubte noch an Dich, wollte an Dich glauben! Aber diese
Wiederholung — Du drohst mir, Du beschimpfst das Andenken meiner Mutter,
Du spielst eben eine über alle maßen ekelhafte Komödie — hat alles für
immer in mir getötet. Ich wiederhole: zerrissen ist jedes Band zwischen
uns für alle Zeiten. Und nun gehe! Ich will um Deiner selbst willen
hoffen, daß diese neue Erfahrung Dir eine Lehre sein mag. Es ist ein
schwerer Irrtum zu glauben, man könne in der Welt Niederträchtigkeit an
die Stelle von Tugend setzen. Auch für Dich werden Stunden kommen, wo Du
nach Gott und nach denen schreist, die es gut mit Dir meinten. Ja,
fletsche nur die Zähne und spotte meiner Moralpredigt. Es giebt einen
Himmel und eine Gerechtigkeit, und Dich wird das Schicksal richten, wenn
Du nicht bald und völlig umkehrst!“ —
Nach diesen Worten verließ Theonie, den zu wiederholten malen wie ein
Wahnsinniger gegen sie auftrotzenden Mann stolz und furchtlos abwehrend,
das Zimmer.
Als Tankred den Weg nach Elsterhausen zurücknahm, beschäftigte ihn die
eben gehabte Unterredung. Alles, alles war nun dahin! Nur die
Möglichkeit, daß Theonie sterben, und daß er dadurch dermaleinst noch in
den Besitz des Gutes gelangen konnte, blieb zurück. Aber sie konnte ja
steinalt werden, und er konnte vor ihr dahingehen! Was war nicht alles
denkbar!? — —
Und was sollte er Grete berichten? Daß ein unheilbares Zerwürfnis
zwischen ihm und Theonie eingetreten sei?
Wodurch? Sie würde doch fragen. Und die Folgen? Enterbung! — Nein! Das
brachte er so nicht über die Lippen. Er mußte sie täuschen, sie
vorläufig noch einwiegen in Hoffnungen. Vielleicht fand sie dennoch
einen Ausweg. Wenn sich Grete vor Theonie demütigte, wenn auch Hederichs
Einfluß zu Hülfe genommen ward, ließ sich doch vielleicht noch alles zum
guten lenken, noch ein Vergleich schließen.
Dieser Gedanke belebte vorübergehend wieder die Seele des Mannes, er
setzte dem Gaul die Sporen in die Seiten und flog dahin. Ein offener
Wagen kam ihm entgegen. Ein einzelner Mann, in einen Pelz gehüllt, saß
darin; es war Herr von Streckwitz. Diese Begegnung gab Tankred den
Gedanken ein, die Vermittlung des Bräutigams Theonies anzurufen.
Ja, damit wollte er beginnen. Er wollte Streckwitz aufsuchen, bevor
Theonie ihn sprechen konnte. Unter solchen Gedanken erreichte er gegen
neun Uhr Holzwerder.
Als er ins Wohngemach trat, kam ihm Grete nicht wie sonst entgegen, sie
nickte ihm nur stumm zu, und ihre Augen waren verweint.
„Nun? Was ist? Du erschreckst mich,“ stieß Tankred heraus. „Sprich, was
hat sich ereignet?“
Aber sie sagte nichts, sie ließ den Kopf sinken, und Thränen schossen
aus ihren Augen.
„Ist wieder etwas mit denen oben?“ drängte Tankred. „Hat's eine Szene
gegeben?“
Nun hub sie schluchzend an:
„Es ist alles aus. Mama hat mir vor kaum einer halben Stunde nach einem
furchtbar erregten Auftritt erklärt, daß sie beide Holzwerder verlassen
und nach Elsterhausen ziehen wollen.“
„Und die Veranlassung?“ fragte Tankred gespannt.
Nun erschien der Diener Peter und meldete, daß das Abendessen
aufgetragen sei. Dadurch ward das Gespräch der Eheleute zeitweilig
unterbrochen.
„Beruhige Dich! — beruhige Dich!“ tröstete Brecken nach des Dieners
Fortgang seine Frau, faßte sie leicht um die Schultern und zog die
kopfschüttelnd ihn Abwehrende mit sich ins Speisezimmer. „Es wird nichts
so heiß gegessen, wie es auf den Tisch kommt. Die oben werden schon von
selbst wieder gut Wetter machen.“
„Nein, nein! Diesmal ist's Ernst!“ entgegnete Grete rauh, sich gleichsam
trotzig gegen seine Auffassung auflehnend, und auch in der Folge sprach
sie in einem Ton, der sich eben so sehr gegen ihn wendete, wie gegen
ihre Mutter: „Du hättest nur hören sollen, was sie alles vorbrachte. Da
verlor ich die Geduld, und ich war's, die ausrief: ‚So geht doch, wenn
es Euch bei uns so wenig behagt. Ihr seid ja Eure eigenen Herren.‘ Das
schlug dem Faß den Boden aus. Mama hat mir unglaubliche Dinge gesagt:
Wir warteten auf ihren Tod; jeden Tag fühlten sie beide, wie lästig sie
uns seien: von Liebe, Rücksicht, Pietät sei nicht die Rede. Wir fänden
uns mit der Thatsache, daß sie auf der Welt seien, notgedrungen ab. — Am
Ende, es ist doch meine Mutter,“ schloß Grete abermals schluchzend und
schob die ihr von Tankred inzwischen vorgesetzten Speisen von sich.
„Aber was war es denn? Was hat Euch denn so maßlos aufgeregt?“ forschte
Tankred in gemischten Empfindungen. Wenn ihm auch nichts lieber war, als
die Lästigen von Holzwerder zu entfernen, so beunruhigte ihn doch sowohl
seiner Frau bedrückte Stimmung als auch ihre allzu deutlich gegen ihn
hervortretende Reizbarkeit.
„Ja, was war's? Die alte Geschichte! Sie behauptete, das Gänsesauer sei
heute mittag nicht frisch gewesen. Papa habe sich ganz krank darnach
gefühlt. Soweit dürfe doch meine Sparsamkeit nicht gehen, daß ich
Verdorbenes auf den Tisch setzte. Mama hatte in der Küche gefragt, und
die Köchin behauptet, sie habe mich aufmerksam gemacht, daß die Kruke
schlecht verschlossen gewesen sei. Erst blieb ich ruhig, aber als sie
mir dann wieder eine Rede über unsere, namentlich Deine Sparsamkeit
hielt, die schon sprichwörtlich geworden sei, verließ mich bereits die
Geduld. Zuletzt kam sie in anderer Weise auf Dich zu sprechen
und — und —“
„Nun?“
„Sie erhob schwere Anschuldigungen gegen Dich. Ich sollte auf Dich
einwirken, meinte sie. Und als sie mir den Zweck Deines Rittes nach
Falsterhof herausgelockt, rief sie: Immer nur haben, haben, raffen!
Nicht abwarten kann Dein Mann. Und verderben wird er seine Sache, an
deren Gelingen doch auch wir interessiert sind, schon deshalb, weil wir
dann weniger beschämt werden durch die Art und Weise, wie er allezeit
die Monatszahlungen leistet. Es scheint beinah Absicht zu sein, daß bei
jeder Zahlung etwas fehlt, und daß er es auch nachträglich zu
berichtigen vergißt. Im letzten Monat seien es, behauptete sie, wieder
zwölf Mark gewesen. Das müsse bei einem korrekten Mann doch nicht
vorkommen. Ich sollte Dir natürlich von alledem nichts sagen, aber,
aber — jetzt muß es doch heraus —“ schloß Grete immer in demselben
Gemisch von Ärger über ihre Mutter und von halber Parteinahme für sie.
„Und ganz ohne jeglichen Anlaß von Deiner Seite kamen alle diese
Invektiven zum Vorschein?“
„Nun ja, wie ich schon sagte. Da sie mich gereizt hatte, sprach ich von
ihrer Verschwendung. Sie haben sich doch nun wieder ein Vogelbauer für
hundertfünfzig Mark angeschafft, während sie schon die beiden
Prachtbauer besitzen. Darüber äußerte ich mich, und dann antwortete
Mama: Besser noch verschwenden, als so schmutzig geizig sein, wie wir es
wären. Und wir thäten beide, als ob wir ihnen das Gnadenbrod hinwürfen,
und erlaubten uns Bemerkungen über jegliches, was von ihnen ausginge.
Sie hätten doch nach der notariellen Ausfertigung ein Recht auf die
Rente. Und sie sei alt genug, um zu wissen, was sie zu thun und zu
lassen habe; bei mir brauche sie nicht erst in die Schule zu gehen und
sich von mir Lehren zu holen!“ —
Die junge Frau hatte das alles rasch, ohne Absatz, stürmisch und erregt
herausgestoßen. Nun übermannte sie wieder ihre Bedrückung, und weinend
und schluchzend hielt sie inne.
Tankred aber, obschon er zuhörte und auch den Sinn der Worte in sich
aufnahm, war schon längst nicht mehr bei der Sache; seine Gedanken
gingen, nachdem er gesehen, daß es sich nicht um einen besonderen
Streitgrund handelte, allein zu den Vorfällen in Falsterhof zurück. Er
konnte es nicht erwarten, nun seinerseits zu berichten, brach auch rasch
von dem alten Thema ab und sagte:
„Ach, das kommt ja alles wieder in Ordnung, und wenn nicht, ist's
wahrlich auch kein Unglück! Aber was ich erlebt habe, ist ganz anderer,
weit schlimmerer Natur!“
Die Frau erhob bei diesen Worten rasch und erschrocken das herabgeneigte
Antlitz.
Tankred berichtete sodann ausführlich über die stattgehabte Unterredung
und erzählte, daß Theonie einen Vergleich sehr schroff abgelehnt und
eine dadurch von seiner Seite hervorgerufene Äußerung als Anlaß genommen
habe, um ihm in sehr wenig rücksichtsvoller Weise zu begegnen, ja, nach
heftigem Streit und trotz seiner versöhnenden Worte habe sie die
Erklärung abgegeben, sie wolle ihm überhaupt nichts abtreten. Offenbar
suche sie seit ihrer Verlobung nach einem Vorwand, um das von ihr
gegebene Versprechen zurückzunehmen, und habe jetzt gleich die
Gelegenheit dazu ergriffen.
Aber Grete nahm die Sache nicht so auf, wie Tankred erwartet hatte. Sie
war zwar seinen Auseinandersetzungen mit gespanntem Ausdruck gefolgt,
aber sie legte durch Mienen und eingestreute Bemerkungen schon während
seiner Erzählung an den Tag, daß sie weniger Theonie als ihm selbst die
Schuld an diesem ganz unerwarteten Ausgang zuschob.
Durch ihre Zweifel und ihren Tadel und dann wieder durch ihr stummes,
einsilbiges, mit Achselzucken verbundenes Wesen, durch ihre sonderbaren,
halb vorwurfsvollen, halb mißtrauischen Blicke versetzte sie ihn aber in
eine so gereizte Stimmung, daß er an sich halten mußte, um ihr nicht in
brutaler Weise zu begegnen. Zuletzt versuchte er, um sie auf seine Seite
zu bringen, es auf andere Weise; er gab zu, daß er vielleicht die
Hauptschuld trage, und bat schmeichelnd um ihren Rat und ihre Hülfe. Das
schien von Wirkung zu sein.
Grete überlegte; dann sagte sie: „Laß einmal sehen, was sie Dir damals
geschrieben hat. Es wäre ja möglich, daß man die Sache wieder ins Gleis
bringen könnte.“
Tankred schwankte, ob er ihrem Wunsch willfahren sollte, auch war er
unschlüssig, welches von den beiden Aktenstücken ihr einzuhändigen wäre,
das Original oder das Falsifikat. Dann aber trug die gehobene Stimmung,
in die er dadurch geraten, daß Grete wieder eins mit ihm zu sein schien,
den Sieg über seine Bedenken davon; er ging an sein Schreibpult, zog das
Falsifikat hervor und überreichte es ihr. Grete las es aufmerksam durch,
legte es dann beiseite und gab abermals ihrer Hoffnung Ausdruck, daß
noch nicht alles verloren sei; auch stimmte sie halbwegs zu, als Tankred
auf sie einredete, am folgenden Tage selbst nach Falsterhof zu fahren
und mit Theonie zu sprechen, während er mit Streckwitz reden wollte.
Nicht in der früheren, deutlich hervortretenden Übereinstimmung mit ihm,
aber, wie es schien, doch ruhiger und versöhnlicher als beim Eingang des
Gespräches, hörte dann Grete noch ferner ihrem Mann zu, und erst gegen
Mitternacht begaben sich beide — Grete unter einem schwermütigen „Gute
Nacht! Hoffentlich bringt die Zukunft Gutes. Es sieht augenblicklich
alles so trübe aus! —“ zur Ruhe.
Als die Eheleute am folgenden Morgen beim Frühstück wieder zusammen
saßen, erklärte aber Grete dennoch zu Tankreds äußerstem Verdruß, daß
sie bei nochmaliger Überlegung zu dem Entschluß gelangt sei, von einem
Besuch bei Theonie abzusehen. Es widerstrebe ihr, sich in diese
Angelegenheit zu mischen, es werde ein falsches Licht auf sie werfen, es
passe nicht für sie, ihr Gefühl lehne sich auch dagegen auf. Und gestern
habe er drüben erklärt, sie sei nicht wohl, und heute erscheine sie
kerngesund vor Theonie. Schon das werde einen unvorteilhaften Eindruck
hervorrufen. Er müsse selbst die Angelegenheit zu ordnen suchen. Sie
habe, wenn es mit den Eltern nicht so stände, wohl Neigung, mit ihrer
Mutter die Sache zu besprechen, überhaupt wäre letztere geeigneter als
sie, mit Theonie zu reden. Aber freilich, davon könne keine Rede sein,
es sei ja alles mit den Eltern aus. —
Tankred wollte anfänglich Einwendungen erheben, seiner Frau ihre
Auffassung ausreden, aber als sie ihrer Mutter Erwähnung that, blitzte
es in ihm auf.
Ja, das war ein guter Gedanke! Wenn Frau von Tressen sich bewegen ließ,
auf Theonie einzureden, kam sicher am ehesten etwas heraus. Und es war
im Grunde richtig: für Grete paßte es nicht; den Gedanken hatte Furcht
und Unruhe geboren. Er sprang deshalb empor und sagte:
„Weißt Du, Grete, das ist das Richtige. Und ich will auch gleich
handeln. Wir wollen mal Peter sofort hinaufschicken und fragen lassen,
ob ich Mama in einer wichtigen Sache sprechen könne. Ich äußere erst
mein Bedauern, daß gestern wieder etwas zwischen Euch vorgefallen, und
lege ihr dann die Sache dar. Es hilft nichts, wir müssen alle Minen
springen lassen, und es ist keine Zeit zu verlieren. Wenn Theonie und
Streckwitz sich bereits gesehen haben, ist nichts mehr zu machen. Wir
müssen ihn und sie vorher abfangen.“
Nach wenigen Minuten erschien der nach oben gesandte Diener wieder. Frau
von Tressen ließe sagen, sie sei nicht wohl, sie müsse bedauern, heute
niemanden sehen zu können.
Das hatte Brecken denn doch nicht erwartet. Er sah, die oben nahmen
jetzt die Dinge sehr ernst. Nach kurzem Besinnen aber reckte er sich und
sagte:
„Ich gehe trotzdem hinauf, ich will doch sehen, ob sie mich abweist.
Wenn nicht anders, trete ich ohne weiteres ein und nehme ihr die Sache
über den Kopf.“
Grete äußerte kein Nein und kein Ja.
„Versuch's!“ warf sie tonlos hin, und Tankred, immer nur mit dieser
einen Angelegenheit beschäftigt, übersah ihr Wesen, schob es auf die mit
ihrem körperlichen Zustand zusammenhängende Unberechenbarkeit der
Stimmung, von der er schon mehrfach Proben gehabt, und eilte hinauf.
Frau von Tressen hatte sich eben mit ihrem Manne vom Frühstück erhoben,
als die Thür mit einem schmeichelnden „Guten Morgen, Mama! Guten Morgen,
Papa!“ von Tankred geöffnet ward.
„Entschuldigt, daß ich so ohne Meldung bei Euch eindringe, Peter kam
nicht zurück! Aber was ich Euch zu sagen habe, hat Eile,“ fuhr er
kriechend fort.
Und ehe Tressens zu einer Antwort zu gelangen vermochten, erklärte er,
daß Grete sehr bedrückt sei, und daß der gestrige Zwist hoffentlich
der letzte gewesen sein werde. Von seiner Seite solle alles dazu
geschehen und von Gretes Seite auch. Und dann rückte er mit der
Falsterhof-Angelegenheit heraus, berichtete ausführlich und bat seine
Schwiegermutter aufs dringendste, mit Theonie über eine Abfindung zu
verhandeln.
Da der Mann in Geldsachen allezeit die Menschen nach sich zu beurteilen
pflegte, hatte er gar nicht gezweifelt, daß Frau von Tressen auf seine
Bitte eingehen werde. Er war daher aufs höchste betroffen und nicht
minder geärgert, als sie sehr kurz und entschieden den Kopf schüttelte
und sagte:
„Nein, nein, damit will ich nichts zu thun haben. Es widerstrebt mir
durchaus, in dieser Angelegenheit vermittelnd einzutreten. Es kann bei
der Sachlage gar nicht anders als wie eine Bettelei aufgefaßt werden,
und dagegen lehnt sich mein Empfinden auf. Ich habe, als Grete mir von
deinem Schritt erzählte, gleich gedacht, daß das nichts werden würde.
Theonie betrachtet die Sache nicht wie ein Geschäft, bei dem es ihr von
Wert ist, etwas abzuhandeln, sondern sie leiten ganz andere
Gesichtspunkte. In dem Schriftstück hat sie fünf Jahre ausbedungen und
würde ihr Wort gehalten haben, wenn Du Dich der von ihr in Aussicht
genommenen Vergünstigung würdig gezeigt hättest. Hat sie jetzt schon
nein gesagt, so ist das eben so sehr ihr fester Entschluß, wie es ihre
ehrliche Absicht war, Dir im Falle das Erbteil zuzuwenden. Daran werde
ich nichts ändern, und wenn doch, ich mag und will's nicht. Es hat, wie
gesagt, den Anstrich einer Bettelei, zu der wir nicht den geringsten
Anlaß haben. Begnügt Euch denn nun mit dem, was Ihr habt, freut Euch
dessen, laßt jedem das seine, das ihm zukommt, und trachtet nicht nach
Fremdem. Das ist mein Rat. Daß es uns natürlich angenehm gewesen wäre,
daß es sogar damals vor Deiner Heirat eine Voraussetzung war, daß auch
Du etwas in die Ehe bringen würdest, brauche ich nicht hervorzuheben.
Aber es ist überhaupt so vieles anders geworden, als wir gedacht haben,
daß es wirklich auf etwas mehr oder weniger nicht ankommt. In unseren
Augen wenigstens nicht. Das schöne Glück, das wir erträumt haben, ist
dahin, und unser Entschluß, Holzwerder zu verlassen, steht auch fest. Es
ist ja sehr schön, daß Ihr das bedauert, es scheint mir auch natürlich,
aber es ändert nichts an der Einsicht, daß ein Zusammenleben zwischen
uns unmöglich ist! — So, nun kennst Du meine und Tressens Ansicht, und
nun lasse uns aus dem Spiel.“
„Nun, wie Du willst,“ entgegnete Brecken, der, sich beherrschend, diesen
Worten zugehört hatte, und in dem trotz aller höchst unliebsamen
Erfahrungen abermals Hochmut, verletzte Eitelkeit und Zorn jegliche
Klugheit und Besonnenheit überwogen. „Ihr werdet es aber noch bereuen,
und ein für allemal bemerkt, liebe Mama, an den guten Lehren, die Du
fortwährend an Grete und mich austeilst, finden wir sehr wenig
Geschmack. Sie eignen sich mehr für Schulkinder als für uns.“
Nach diesen Worten verließ er mit einer impertinenten Miene das Zimmer.
„Nein, es ist nichts!“ rief er, als er zurückkehrte, und Grete fragend
und in sichtbar großer Erregung das Haupt erhob. „Und Du hast recht, es
ist überhaupt aus mit ihnen. Sie wollen fort, unbedingt fort, und dann
lasse sie auch nur! Mir ist absolut nichts daran gelegen, im Gegenteil!
Gott sei Dank, daß die Quälerei ein Ende hat. Nicht wahr, wir sind uns
selbst genug, meine Grete?“ schloß er schmeichelnd und werbend und
umarmte, ehe sie es hindern konnte, die zitternd aufhorchende Frau. Sie
aber entzog sich rasch, ungeduldig, und wie von einem Schmerz betroffen,
seinen Zärtlichkeiten, stieß ein rauhes: „Nein, nein, laß, ich mag jetzt
nicht!“ heraus und verließ das Gemach.
Tankred wollte aufbrausen und ihr nacheilen, aber er unterließ es doch.
Er würde mit ihr schon alles wieder ins Gleichgewicht bringen. Das hing
mit ihrem gegenwärtigen Befinden zusammen; es waren auch Hederichs
Einflüsse, dem er aber jetzt kündigen wollte, und die Lamentationen von
denen oben wirkten ebenfalls mit. Das kannte er schon. Vielleicht
beeinflußte überdies die Enttäuschung Grete, aber die würde bald wieder
einem anderen Gefühl weichen. Er siegte doch noch! Tankred von Brecken
war wieder voll bester Hoffnungen.
* * * * *
Bald nachdem Tankred sich entfernt hatte, begab sich Grete zu Hederich.
Sie nahm einen versteckten der sie hinten ans Haus führte, fragte
Hederichs Wirtschafterin, ob der Herr Verwalter anwesend sei, und trat,
deren eifrige Bereitwilligkeit, Hederich zu benachrichtigen, kurz
abwehrend, ohne Meldung in dessen Arbeitsgemach.
Hederich stand, den Rücken der Thür zugewendet, über eine Kiste gebückt,
in die er Papiere packte, und sagte, offenbar seine Wirtschafterin
vermutend, und ohne sich umzuwenden.
„Was ist — was ist? — Drum und dran — jetzt habe ich keine Zeit. — Wie?
Was? — Ah, ah — Sie, liebe Frau von Brecken? — Verzeihen Sie! Bitte,
nehmen Sie Platz. — Nein, es ist gar nichts. Es war nur — drum und dran
— Hier, hier sitzen Sie bequemer. — Ja, ich will gleich sagen, daß ich
nicht zu Hause bin, daß wir ganz ungestört bleiben.“
Nach diesen Worten lief er fort, kam eilfertig zurück und nahm neben
Grete, die mit trüber Miene und blassen Wangen sich niedergehockt hatte,
Platz.
„Nun, was ist geschehen? Hoffentlich nichts Böses?“ begann Hederich,
sich zu der jungen Frau neigend und sie mit seinen ehrlichen Augen voll
Teilnahme anblickend.
Aber statt zu antworten, legte Grete plötzlich die Hände vor das
Angesicht, und ein leises Schluchzen drang aus ihrer Brust.
„Es ist aus, alles aus, Hederich,“ stieß sie, nachdem er zärtlich, wie
man einem Kinde begegnet, auf sie eingeredet hatte, heraus. „Ich bin
traurig zum sterben. Niemand hat mich lieb, niemand mag mich — Mama und
Papa wollen unabänderlich fort. Und noch anderes: Ich fühle — o
Hederich! — es ist schrecklich — entsetzlich —, allmählich eine nicht zu
erklärende Abneigung gegen Brecken. — Und doch vielleicht sehr
erklärbar,“ fuhr sie nach kurzer Pause in bitterem Tone fort. „Er ist
nicht gut, ich seh's, — er ist schlecht! Er ist es noch nicht gegen mich
gewesen, wenn er auch schon gelegentlich sehr roh und rücksichtslos war,
aber es wird kommen. Es bereitet sich etwas vor; mir ahnt es. Wissen
Sie, Hederich, ich möchte wieder von ihm. Ich möchte meine Freiheit
zurück haben. Nachdem mir Mama wiederholt ihre Ansicht über ihn
ausgesprochen, und ich jetzt sehe und höre, wie sie alle über ihn
denken, finde ich, durch meine eigene Sinnesänderung bestärkt, alles
betätigt. Ich fühle, daß sein Einfluß auf mich nicht gut war, daß er
meine Fehler, meine Engherzigkeit förderte, daß er es gewesen, der mich
den Gedanken, die Eltern sollten Holzwerder verlassen, schon als etwas
ganz Selbstverständliches ansehen ließ. Er bringt uns überhaupt mit
aller Welt in Uneinigkeit. Die Menschen ziehen sich von uns zurück — ich
merke es wohl —, sie wollen nichts mit ihm, mit uns zu thun haben. Wir
erhalten Absagen, wenn wir einladen. Man giebt Gesellschaften und umgeht
uns. Noch sind kaum zwei Jahre verflossen, und schon ist das Leben
jeglichen Reizes entkleidet, ja, die Hoffnung auf Gut und Geld ist nun
auch geschwunden. Er hat sich mit Theonie überworfen!“
„Wie? Mit Frau Cromwell auch?“ stieß Hederich, dem alles andere von
Grete Vorgebrachte nicht neu war, der auch die Sinneswendung in ihr
früher oder später hatte kommen sehen, auf den das Zerwürfnis mit
Theonie aber wie ein Blitzschlag wirkte, erschrocken heraus.
Und nun sagte sie ihm alles, was sie wußte, und wie sie trotz Tankreds
Darstellung die Dinge beurteilte. Sie gab ihm allein schuld, sie schloß:
„Er hat's natürlich verdorben. Als sie nicht gleich wollte, wie er
wünschte, ist er brutal und ausfallend geworden. Sie wissen, im Zorn
spricht er unglaubliche Dinge und deckt sein Inneres auf.
Ach — ach — Hederich — ich weiß nicht, was werden soll. Hat mich Mama so
beeinflußt? Ich verstehe mich selbst nicht. Ich bin mir nur darüber
klar, daß ich nicht glücklich bin und mit Brecken nicht leben kann.
Nein! Nein. Es ist nicht das, was Sie denken, leider, leider denken,
Hederich. Die Erbschaftsangelegenheit beeinflußt mich durchaus nicht.
Ich schwöre es Ihnen. Ich kann ja einmal nicht gegen meine Natur, ich
bin sparsam und habe das Geld lieb, aber jetzt bewegt mich nur der eine
Gedanke, die Achtung vor mir selbst zurückzugewinnen, mir die Achtung
anderer zurückzuerwerben, mich mit Mama auszusöhnen und meine Seelenruhe
wieder zu erlangen. O, ich möchte Theonie sprechen. Nicht, um etwas von
ihr zu erbetteln wie er, nein, um klar zu sehen, mich vor ihr zu
rechtfertigen, und wenn ich Schuld trug, sie ihr abzubitten. Und nun
helfen Sie mir, Hederich. Was soll ich thun? Wie komme ich von ihm ab?
Ich muß wieder frei sein!“
Der Mann, der Grete durch besänftigende Einschaltungen und Trostworte
wiederholt unterbrochen hatte, erhob bei den letzten Worten das Haupt
und sagte:
„Ja, meine liebe Frau von Brecken, liebe Frau Grete, das ist eine
schwere, sehr schwere Sache, und das müssen Sie selbst wissen. Wie
wollen Sie das, drum und dran, anfangen? Er läßt Sie nicht gutwillig,
und wenn er Sie wirklich läßt — passen Sie auf — dann verlangt er
womöglich alles, was Sie besitzen, und wirft Ihnen und Ihren Eltern kaum
einen Bettel hin. Ich sag's — drum und dran — offen, wie ich's mein. Und
erlauben Sie die Frage: Haben Sie Gütergemeinschaft mit ihm
geschlossen?“
„Ja — a —, ich that's, weil er seinerseits die Erbschaft von Falsterhof
als sicher in Aussicht stellte. — Bitte vergessen Sie doch nicht,
Hederich,“ schob Grete eilfertig ein, als sie des Freundes bedauerndes
Kopfschütteln begegnete, „welches Air er sich gab! Wir konnten doch nur
die beste Meinung von ihm fassen! Er wußte sich so einzuschmeicheln, daß
wir die abfälligen Urteile anderer bloß als Neid und Mißgunst ansahen,
als das Ergebnis seines häufig schroffen Wesens und seiner gelegentlich
hervorbrechenden jähzornigen Natur. Gewiß, ich weiß, Sie warnten mich.
Aber er hatte damals meine Sinne bereits gefangen. Ich bin jung, ich bin
ein Weib und habe Fleisch und Blut —“
Die Frau brach plötzlich ab und starrte vor sich hin, und dann sagte sie
als Resultat ihrer raschen Überlegungen, aber auch so, als habe ein
Vorgespräch darüber stattgefunden: „Ja, das wäre eine Möglichkeit, daß
wir, ohne geschieden zu werden, getrennt weiter lebten, jeder für sich.
Nun ja denn — ich will's versuchen, so lange es geht,“ schloß sie, dumpf
resigniert. „Dann können die Eltern bleiben, und gerade sie sollen
bleiben, ‚er‘ mag sich von uns separieren.“
Da die Gedanken der Frau solche Wendung genommen, sprach Hederich noch
eindringlicher auf sie ein, bat, daß sie sich beruhigen möge, und gab
auch, um zum guten zu reden, seiner Verwunderung Ausdruck, daß sie so
plötzlich zu einer solchen Stellung Tankred gegenüber gelangt sei.
„Nicht plötzlich, Hederich. Ich habe mich nur rasch zu einem Entschluß
aufgerafft,“ entgegnete sie mit einer eigentümlichen Weichheit im Ton.
„Und wissen Sie nicht, daß mir schon während meiner Verlobung bisweilen
Zweifel kamen, daß ich fühlte, es sei doch vielleicht nicht das Rechte,
daß ich äußerte, ich brauche einen Mann, der mein bischen Herz fördere,
statt die guten Regungen in mir zu ersticken!? Gewiß, ich hatte
zeitweilig alle Sehkraft verloren, während unserer langen Reise fast
ganz, aber die letzten Gespräche mit Mama, zusammen mit allen Vorgängen,
brachten mich zum Nachdenken und zur Besinnung, und mir schauderte vor
dem Bild, das sie mir von mir selbst und von ihm rückhaltlos entrollte.
Das Gefühl für Recht und Wahrheit begann sich in mir zu regen; ich
konnte meinen Mann plötzlich nicht sehen; über alles, was er that und
sagte, stieg Ärger und Unmut, oft Ekel in wir auf, weil ich alles
berechnend, unwahr, falsch fand; mir graute, wenn er mich berührte, und
meine Gelassenheit und Ruhe waren schon längst künstlich oder ein
Ergebnis der letzten noch vorhandenen Regungen für ihn.“
Während Grete diese Worte sprach, erschien die Wirtschafterin und
überbrachte ein Schreiben. Es sei im Schloß abgegeben; Peter habe es
herübergebracht; der Bote von Falsterhof wisse nicht, ob er Antwort
haben solle.
„Von Falsterhof? Von Theonie?“ Grete erbrach den Brief mit fieberhafter
Hast, las ihn, erbleichte, griff dann nach einer Einlage und schaute sie
mit großen, erschrockenen Augen an. Und nachdem sie auch diese gelesen,
ließ sie die Schriftstücke aus der Hand fallen und sank stöhnend und wie
vernichtet in den Sessel zurück.
* * * * *
Als Tankred, während dies bei Hederich geschah, auf den in
Klementinenhof zwischen Tannenreihen sich ausbreitenden Vorhof trabte,
zog ein eben dem Stall sich nähernder Diener den Hut und fragte, ob er
das Vergnügen habe, mit Herrn von Brecken zu sprechen. Er sei von seinem
in der Nacht erkrankten Herrn beauftragt worden, nach Holzwerder zu
reiten, um Herrn von Brecken zu bitten, geneigtest einen anderen Tag für
seinen Besuch zu wählen. Nicht wenig überrascht, aber auch von Mißtrauen
erfaßt, forschte Tankred in des Boten Mienen. Aber in ihnen spiegelte
sich ein so ehrlicher Ausdruck wieder, und der Bericht des Dieners über
die Krankheit klang so überzeugend, daß Tankred von der Annahme,
Streckwitz habe sich nur eines Vorwandes bedient, um eine Begegnung mit
zu ihm vermeiden, sogleich zurück kam. Aber die Ungeduld, doch irgend
etwas seinen Plänen Förderliches zu unternehmen, beherrschte ihn so
sehr, daß er beschloß, Höppners aufzusuchen und dort je nach Gelegenheit
direkt oder indirekt für sich zu wirken.
Frau Höppner empfing ihn, als er nach scharfem Ritt und Einstellung des
Rappen im Krug das Pastorenhaus betrat, auf dem Flur und erzählte ihm
sogleich sehr besorgt, daß ihr Mann wieder einmal das Bett hüten müsse.
Sie erwarte den Arzt und sehe schon mit Ungeduld nach ihm aus. Während
sie ihr Gespräch in etwas gezwungener Weise im Wohnzimmer fortsetzten,
schon deshalb, weil Tankred sah, daß die Gelegenheit, über seine Sache
zu reden, durchaus keine günstige war, meldete die Magd den Doktor, der
sogleich ins Zimmer trat und berichtete, daß er bereits bei dem nachts
vorher erkrankten Herrn von Streckwitz gewesen sei.
Tankred stellte sich völlig unwissend und bat den Arzt, Näheres
mitzuteilen.
Es könne eine sehr langwierige Sache werden, äußerte der Doktor Ernst,
ein etwas kurz und bündig sprechender, auch wegen seiner Formlosigkeit
vielfach angegriffener, aber ungewöhnlich zuverlässiger Mann. Es seien
leider die Anzeichen einer Kopfrose vorhanden; Herr von Streckwitz habe
in der Nacht bereits starkes Fieber gehabt.
Die Pastorin hörte voll Teilnahme zu, auch regte sich ein tiefes Mitleid
für Theonie.
Wenn das Befinden ihres Mannes sie nicht abhalte, werde sie gleich am
Nachmittag nach Falsterhof fahren, erklärte sie.
Der Doktor war schon im Begriff, das Zimmer zu verlassen, wandte sich
bei diesen Worten aber noch einmal zurück und sagte: „Es wäre allerdings
sehr wünschenswert, daß Frau Cromwell zuverlässige Mitteilung in
schonender Weise erhielte. Herr von Streckwitz hat ihr vorläufig nur
sagen lassen, daß er heute verhindert sei, sie zu besuchen.“
„So, so!“ stieß die Pastorin lebhaft heraus. „Ja, dann muß ich doch
wohl sehen, ob ich nicht — Aber halt! Würden Sie es nicht vielleicht
übernehmen, Ihre Kousine vorzubereiten, Herr von Brecken?“
Hier fand sich ein Ausweg! Brecken war in den Augen der Anwesenden als
einziger Verwandter grade die richtige Persönlichkeit. Der Doktor
stimmte auch zu und sah, bereits in der Thür gehend, Tankred ermunternd
an.
„Ja natürlich — gewiß — ich werde alles besorgen!“ gab Tankred, dem
plötzlich ein Gedanke durch den Kopf schoß, bereitwillig zurück. „Und
was meinen Sie, Herr Doktor, wäre es wünschenswert, daß meine Kousine
etwa zur Pflege hinüberkäme?“
„Nein — ich denke — wir wollen das noch abwarten. Ihre Frau Kousine würde,
abgesehen von naheliegenden Bedenken, wohl dadurch grade beunruhigt
werden. Nein! Ich bitte, nur zu sagen, daß etwas Erkältung und Fieber
vorhanden sei. Sie werde täglich Nachricht erhalten.“ —
Wenige Minuten später hatten sich die Sprechenden getrennt, und Tankred
war schon wieder auf dem zum Wirtshaus.
Wenn doch der Himmel Einsicht nehmen und Streckwitz aus der Welt
schaffen wollte! dachte er, während er dahinschritt. Dann, dann konnte
alles noch gut werden! In ihrem Schmerz würde Theonie wieder weicher,
nachgiebiger werden, noch weniger Wert auf Hab und Gut legen, als jetzt.
Und die ihm aufgetragene Botschaft wollte er bestens zu seinem Vorteil
nützen!
Im Krug angekommen, ließ er sich Papier und Tinte geben und schrieb:
‚Liebe Theonie! Mir wurde, da ich zufällig bei Höppners war und dort
den Doktor traf, der Auftrag, Dich zu benachrichtigen, daß Dein
Verlobter von einem Unwohlsein befallen ist. Ich freue mich, Dir sagen
zu können, daß Ernst keinerlei Besorgnisse hegt; nur besuchen kann
Dich Dein Bräutigam in den nächsten Tagen nicht. Ich wähle diese Form
der Mitteilung, da ich persönlich ja nicht vor Dir erscheinen darf.
Ist es denn wirklich wahr, daß jedes Band zwischen uns zerrissen ist?
Kannst Du wirklich nicht verzeihen Deinem seine leidenschaftliche
Natur stets nachher tief bereuenden