So! Dies Billet konnte jedenfalls nicht schaden! Tankred nahm es an
sich, bestieg sein Pferd und ließ es, als er nach einem Stündchen das
Verwalterhaus von Falsterhof berührte, von dort aus Theonie hintragen.
Nach einigen Umwegen über den eigenen Besitz kehrte er gegen mittag
wieder nach Hause zurück und berichtete seiner ihm abermals mit einem
eigentümlich stillen und verschlossenen Wesen gegenübertretenden Frau,
weshalb er unverrichteter Sache zurückkehre.
„Die Zeit muß es klären, und wenn nicht, nun dann war's abermals eine
Hoffnung weniger!“ stieß sie in einem teilnahmlosen Ton heraus und
bückte sich über ihre Handarbeit.
„Was sagst Du? Du bist so sonderbar!“ forschte Tankred mit einem Anflug
von Ungeduld. Ihn ärgerte ihr Wesen. „War Mama unten?“
„Nein!“
„Sprachst Du niemanden?“
„Ich verstehe Dich nicht —“
Tankred fühlte, daß seine Frau auswich. Man hatte wieder auf sie
eingewirkt, und er wollte, sie sollte sprechen. In seiner reizbaren
Stimmung kehrte sich sein Zorn gegen sie.
„Hederich war hier! Er sagte es mir doch —“ setzte er, seine
Voraussetzung als Thatsache hinstellend, an.
Die Frau erhob das Haupt und sah ihren Mann finster an.
„Er sagte es Dir? Du sprichst die Unwahrheit, Tankred! Oft thust Du
das.“
„Oft thue ich das? Was soll das heißen? Was hast Du überhaupt? Du bist
so vorwurfsvoll-sentimental. Wer hat Dich beeinflußt? Sprich!“
„Ach Tankred —“ ging's aus dem Munde der Frau. Es klang wie eine tiefe,
schmerzliche Klage. Wieder einmal schien sich ihr Herz zu regen, das
Herz, das so selten sein Dasein verriet. Und Klugheit und ein mit einer
plötzlichen, unerklärlichen Unruhe vermischter Gefühlsdrang mahnte den
Mann, sein Weib in die Arme zu nehmen und zärtlich und versöhnend auf
sie einzusprechen. Aber er vermochte einmal nicht, seine Heftigkeit zu
zügeln. So stampfte er denn statt dessen mit dem Fuß und wiederholte
ungeduldig, drohend und gebieterisch:
„Ach was! Antworte, wenn ich Dich frage! Wer hat Dich gegen mich
aufgehetzt? War es der alte Schleicher? Hat er wieder mit denen oben
intriguiert? — Nun? Wirst Du antworten?“
Aber unwillkürlich trat Tankred zurück. Statt sich zu fügen, richtete
Grete plötzlich ihre Gestalt empor, und mit einem stolzen Blick seine
Gestalt musternd, rief sie:
„Wie kommst Du dazu, in einem solchen Tone mit mir zu reden? Ich lasse
nur von niemandem außer Gott Befehle erteilen. Das merke Dir, und merke
es Dir gut, denn ich dulde es nicht noch einmal. — A — h —“ stieß die Frau
langgezogen heraus und fiel in einen Sessel „Wie grenzenlos traurig
starrt mich das Leben an!“
Aus Tankred von Breckens Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen, so
unerwartet trafen ihn diese, ihr geheimstes Inneres aufdeckenden Worte,
so tief erschüttert schien seit gestern ihr ganzes Wesen, daß ihn
gegenwärtig nicht mehr Zorn und Auflehnung beherrschten, sondern
grenzenlose Überraschung, und zu ihr gesellten sich, da es nun offenbar
war, daß sich inzwischen etwas Außerordentliches zugetragen, Angst,
Feigheit und der brennende Drang nach Aufklärung. Und da griff er zur
Erreichung seiner Zwecke nach dem alten, oft angewendeten Rezept und
ergab sich einer lamentierenden Weichmütigkeit. Er begann, von sich zu
sprechen, was er alles durchzufechten habe, wie bedrückt er sei, da doch
die Dinge mit denen oben und mit Theonie wahrlich nicht spurlos an ihm
vorübergingen, wie entschuldbar es sei, daß er erregt und reizbar wäre,
und daß, wenn nicht einmal sie ihn verstehe und Nachsicht übe, das Leben
nicht mehr lebenswert für ihn sei. Und reden könne sie doch wenigstens,
das sei doch wahrlich nicht zu viel verlangt.
Aber sein Mittel verfing nicht. Sie erhob sich nicht, wie es sonst bei
Zerwürfnissen geschehen, und lehnte sich an ihn, sondern sie saß da wie
eine Abwesende und starrte mit todestraurigen Blicken vor sich hin.
Dann stieß sie in ihrer eigentümlichen, eine ganze Gedankenreihe
zusammenfassenden Weise heraus:
„Ja, ja! Jeder sucht sich den Rücken zu decken. Aber nur die That
überzeugt, und bei Dir ist die That Gegenzeuge. Worte sind Worte!“
Und mit schmerzlicher Verzweiflung im Ausdruck für sich sprechend, fügte
sie hinzu:
„Was handelte ich ein für das, was ich hingab? Was ist mir dafür
geworden? Meine Mutter verlor ich, niemand mag mich, mein Herz weint
mehr, als daß es lacht — es lacht fast nie. Sie wollen alle nichts von
uns wissen! Wir stehen ganz allein, und auch die Hoffnung auf die
Zukunft haben wir zu begraben. Nie wird Theonie ihren Sinn ändern. Und
wer verschuldet das alles?“
„Nun? Wer, wenn's wahr wäre? Bin ich's?“
Tankred sprach's mit wilder Gebärde und sah seine Frau drohend an. Er
war wie rasend. Die Zornadern schwollen ihm, und in dem geöffneten Munde
erschienen seine Zähne wie die eines Raubtieres. Aber er flößte ihr
keine Furcht ein.
„Gleichviel — es ist so — und ich muß es tragen,“ — stieß sie mit finsterm
Trotz heraus und stützte den Kopf mit dem schönen, kalten Antlitz auf
die Hand.
Aber grade ihre Ruhe machte den Mann fast besinnungslos.
„Ja, ja, Du mußt es tragen!“ betonte er roh und höhnisch. „Und das
Bündnis mit mir bereust Du jetzt natürlich, seitdem die Aussichten auf
Geld und Gut geschwunden sind. Nun kenne ich den Grund Deiner Kälte.
Jetzt bin ich Dir nichts mehr! — Natürlich, natürlich, Du kalte,
berechnende Natur!“
„O Du —!“ stieß die Frau heraus, erhob das gesenkte Haupt und sah den
Mann mit einem Ausdruck maßloser, mit Ekel und Weh vermischter
Verachtung an. Durch diese seine Sprache war das letzte vernichtet, was
sie noch in ihrem Herzen für ihn fühlte. Und er wußte auch jetzt durch
ihren Blick, daß er sie verloren, daß sie ihn erkannt hatte als das, was
er war. Gut, so mochte es denn sein! Er war zum Kampf bereit, aber die
Personen, die Mißtrauen und Widerstand in ihrem Innern angeblasen zu
solcher Flamme, sollten büßen. Zunächst jedoch noch einem anderen
Gedanken folgend, sagte er und drängte seinen Blick in ihre Augen:
„Übrigens noch eins, bevor Fragen solcher Art als völlig nebensächlich
zwischen uns erscheinen! Du gabst bisher vor, mich zu lieben. Hast Du
mich denn je geliebt?“
„Wozu — das —?“
„Gleichviel — sage auch ich. Ich bitte ja nur, zu antworten! Ich befehle
ja nicht!“
„Ich glaubte Dich zu lieben, ja! —“
„Und nun liebst Du mich nicht mehr?“
„Nein!“
Sie sprach's mit grausamer Kälte.
„Nein?“
Es drang tobend und stöhnend, fast wie ein Gebrüll aus des Mannes
Brust. Was sein Gefühl ihm gesagt, nun ward's deutlich und nüchtern
bestätigt. Aber was war denn geschehen, daß im Lauf weniger Tage sich
dieses Weibes ganzes Inneres von ihm abgewendet hatte? Zorn,
Enttäuschung, Rachsucht, Qual und ein Gefühl grenzenloser Unbefriedigung
wirbelten in Tankreds Innerem zusammen.
„Nein?“ wiederholte er. „Und da es nicht die Enttäuschung ist, die Dir
Theonie bereitete, wie Du mich eben durch Deinen Blick zu belehren
trachtetest, was ist's denn? Bist Du zu feige, mir Rede zu stehen? Nun,
was ist's wodurch ich Deine Liebe verlor?“
„Besser, Du hättest mich nicht gefragt. Ich wollte schweigen und es
ertragen bis an mein Lebensende. Ich begegnete Dir ohne Wärme, aber ich
mied bisher Wortkampf und Streit. Du aber hast mir heute Dein Inneres
enthüllt, und mit Grausen sehe ich in die Tiefe. So sei es denn! Was in
dieser Stunde geschehen, lötet doch kein Künstler wieder zusammen, und
hätte er eines Gottes Hand. Hier!“ fuhr sie fort, knöpfte ihr Mieder auf
und zog Papiere hervor. „Lies diese mir heute morgen von Theonie
zugegangenen Zeilen und lies auch die Abschrift ihrer Originalzusage.
Vergleiche sie mit dem, was Du meinen Eltern und mir vorgelegt, und dann
wage noch Deinen Blick zu mir aufzuschlagen! Und nun höre und wisse: Als
ich mich entschloß, Dir die Hand zu reichen, sah ich wohl Deine Fehler,
aber in ihnen zugleich Zeichen kräftiger Männlichkeit, die ich um so
höher schätzte, als ich sie stets in meiner Umgebung vermißt hatte! Sie
respektierte ich, und aus diesem Respekt erwuchs ein Gefühl, das ich
selbst für Liebe hielt. Nun aber empfinde ich nicht nur keinen Respekt,
sondern Ekel vor Dir. Gewiß, ich bin selbst nicht gut, ich habe wenig
Herz, ich denke zu viel an mich, auch bin ich vielleicht ein Produkt
meiner Erziehung, oft ungerecht und empfindlich, aber ich war doch nie
schlecht. Ich hasse die Lüge, die Unehrlichkeit, die Maske, die
Verstellung und jegliche Abweichung vom Recht. Es ist mir, als ob durch
diesen einen Blick in Deinen Charakter plötzlich die Binde von meinen
Augen gefallen ist. Du fragst mich spottend, ob ich Dich je geliebt
habe? Hattest Du denn je für mich ein ehrliches Gefühl? Nein, Du hattest
nur Gefühl und Sinn für mein Geld, und um das zu erobern, griffst Du zu
dem Elendesten, was es in meinen Augen giebt! Und welche Meinung über
mich dokumentiertest Du durch diese Handlung! O — welche Meinung! Ich bin
so beschämt, so bedrückt, so zerrissen und zermartert in meinem Innern,
daß der Tod mir eine Erlösung wäre. Nach reiner Luft schreie ich; wie
verpestet erscheint mir im Hause die Atmosphäre! Droben meine Mutter in
Thränen; keinem Freund, keine Liebe, nur Gesichter voll Abscheu — selbst
Hederich, mein bester, einziger Freund, wendet sich von mir! Du selbst
bist nur beherrscht von Deinen Leidenschaften, nicht das Gute in mir
fördernd, sondern nur das Schlechte, und nun gar roh, gemein, als sei
ich eine Dirne! Ich kann's und will's nicht mehr! Ich bereue, daß ich so
weit sank, daß mein besseres Ich so einschlief! Ja, meine Mutter und
Hederich haben recht. Kaum ist's noch Zeit zur Umkehr! Wenn mir jemand
gesagt hätte, Du habest einen Mord begangen, nicht furchtbarer hätte
die Nachricht auf mich wirken können, als der Beweis, daß Du ein
Fälscher bist.“ — —
Grete hatte lange das Zimmer verlassen, aber noch immer stand der Mann
regungslos da, und nur der Mund, in dem sich die Zähne zusammenbissen,
ging unruhig hin und her.
Dann aber raffte er sich auf, warf höhnisch den Kopf zurück und griff
nach Theonies Schreiben. Es lautete:
‚Sehr geehrte Frau von Brecken!
Wenn Sie diese Zeilen erhalten, wissen Sie, daß eine
Auseinandersetzung zwischen mir und meinem Vetter stattgefunden hat.
Ich habe sie nicht herbeigeführt, sondern er, und wenn er sich meiner
höflichen, aber entschiedenen Ablehnung, schon jetzt durch Vergleich
die Erbangelegenheit zu ordnen, gefügt hätte, wenn er nicht abermals
Schuld auf Schuld gehäuft und an den Tag gelegt hätte, daß seine
Wandlung nur eine rein äußerliche geblieben, würde ich sicher das
Eventualversprechen später in ein definitives verwandelt haben. Er
aber drohte mir wie vor Jahren, wo ich ihm die Schwelle meines Hauses
verbieten mußte, wie ein Einbrecher, er verunglimpfte abermals meine
in Gott ruhende Mutter, indem er behauptete, sie habe ihm
Versprechungen gemacht, kurz, er trat nicht auf wie ein Freund und
Verwandter, dem etwas zu gewähren ist, sondern wie einer, der etwas zu
fordern hat und es mit Gewalt erzwingen will.
Als ich ihm meinen Willen kund that und zugleich erklärte, daß er
durch sein empörendes Verhalten ein für allemal jeden Anspruch
verwirkt habe, spielte er eine widerwärtige Komödie und schob, statt
seine innere Verderbtheit zuzugestehen, wie stets, alles auf sein
heißes Blut. Dieses falsche Spiel um eines Vorteils Willen erhärtete
völlig meinen Entschluß, das Tuch zwischen uns zu zerreißen.
Ich füge Abschrift der Akte bei, die ich ihm seinerzeit auf sein
inständiges Bitten ausstellte. Sie allein rechtfertigt mein Verfahren.
Aber ich will überdies, daß Sie mich nicht falsch beurteilen. Da ich
nicht weiß, was er Ihnen erzählt hat, bedarf es zur richtigen
Schätzung meiner Handlungsweise dieser Zeilen.
Auch stehe ich Ihnen, obschon mein Entschluß unabänderlich, so
unabänderlich ist, daß ich bereits eine anderweitige unumstoßbare
Verfügung getroffen habe, jederzeit zu weiterer Erklärung zur
Verfügung.
Denken Sie, trotzdem auch Sie von der Wirkung meines Thuns betroffen
werden, ich bitte, nicht allzu strenge über mich. Ich vermochte nicht
anders zu handeln, und nicht ich, sondern lediglich mein Verwandter
trägt die Schuld an diesem Ergebnis.