Deine Grete.‘

Als Frau von Tressen eben den Brief zu Ende gelesen, erschien Peter und

meldete, daß die Damen und auch Höppners ihm auf dem Fuße folgten.

„Welch angenehme Überraschung,“ stieß Frau von Tressen heraus und

eilte, von ihrem Manne gefolgt, den Gästen entgegen. Höppners hatten

auch Lene mitgebracht, die ihr Händchen gab und sich dann gleich einem

kleinen Hausteckel, der sich unter dem Tisch verkrochen hatte und nun

hervorkam, zuwandte. Während die Herrschaften gemütlich plaudernd beim

Kaffee saßen, erschien auch noch Hederich, von allen lebhaft begrüßt,

besonders aber von der Pastorin.

„Sie wissen wohl gar nicht mehr, wo wir wohnen, lieber Hederich!“ hub

sie an. „Wie lange ist's her, daß Sie nicht in Breckendorf waren! Aber

ich weiß, was Sie jetzt viel mehr anzieht. Unsere Frau Theonie und

gewisse andere Personen haben uns ausgestochen! Freilich, das ist

begreiflich, ich muß es zugestehen!“ schloß sie mit liebenswürdiger

Neckerei, halb Hederich, halb Carin mit ihren Blicken streifend.

Über Carins Gesicht flog ein Lächeln. Hederich aber erging sich, da er

sich getroffen fühlte, in sehr ernsthaften Gegenreden, die dann den

gutmütigen Pastor zu dem Versuch veranlaßten, die Wirkung der Worte

seiner Frau abzuschwächen.

„Ja, ja, gewiß die Entfernung!“ bestätigte er. „Breckendorf liegt so

weit, und Sie sind gerade jetzt so sehr beschäftigt. Meine Frau sagt

immer alles, was ihr gerade auf die Zunge kommt. Das kennen Sie ja bei

ihr!“

„Herr Hederich ist ein eifriger Schachspieler geworden,“ nahm nun auch

Theonie das Wort. „Das zieht ihn nach Falsterhof. Fräulein Carin ist

eine gute Lehrmeisterin —“

„Ja, drum und dran, das ist wahr, aber strenge ist sie,“ lachte

Hederich. „Erst in voriger Woche gab's viel Tadel, und von einer

Versetzung nach Prima war nicht die Rede.“

„Sie werden vielleicht bald besser spielen als ich, Herr Hederich!“ fiel

Carin ein. Und zu den übrigen gewendet, fuhr sie fort: „Es ist auch ganz

anders, als er sagt. Er hat mich schon einigemale matt gemacht! So steht

die Sache!“

Das Gespräch ging jetzt auf andere Gegenstände über. Der Pastor lobte

Herrn von Tressens vortreffliche Zigarren, und die Pastorin und Frau von

Tressen, die Lene vom Spielen abgerufen hatte, um ihr einen Kuchen

zuzustecken, waren plaudernd um die Kleine beschäftigt.

„Haben Sie schon die Rosen unten im Garten gesehen, Fräulein Carin?“

fragte Hederich nun die eifrig über eine Arbeit gebückte

Gesellschafterin Theonies.

„Nein, Herr Hederich! Sind sie besonders schön dies Jahr?“

„Na ob!“

Es trat eine Pause ein. Früher, als Carin auf Holzwerder gewesen war,

hatten Hederich ihr gegenüber die Worte nie gefehlt. Seitdem aber sein

Mitgefühl erwacht war, und später die Entbehrung, Carin nicht mehr

täglich zu sehen, sich in ihm geregt, auch Vergleiche sich ihm

aufgedrängt hatten zwischen diesem reifen, ernsten Mädchen und anderen,

hatte er all seine Unbefangenheit verloren.

Und sie half ihm gar nicht. Sie saß stets da mit einem eigentümlich

still lächelnden Gesicht, mit Mienen, durch die sie sich, wie er meinte,

über ihn stellte.

Freilich wenn sie dann die freundlichen Augen aufschlug und ihn

anblickte, war der störende Zug fort. Dann mußte er an sich halten, um

ihr nicht gleich um den Hals zu fallen.

Einmal war in Hederich der Gedanke aufgestiegen, Carin Helge zu

heiraten. Aber als sei er von einer Schlange gebissen, so war er, über

sich selbst erschrocken, aufgesprungen. Er war schon über die Vierzig,

und sie höchstens siebenundzwanzig. Schon dieses in seinen Augen

bestehende Mißverhältnis verhinderte, dem Gedanken Folge zu geben. Und

dann war sie sehr gelehrt, sprach mehrere Sprachen und hatte Kenntnis

von Dingen, die er kaum dem Namen nach kannte. Sie hatte zum Beispiel

jüngst Macaulays Geschichte von England gelesen. Schon der Name des

Autors! Der Teufel konnte ihn aussprechen. Und dann hatte sie so feine,

weiße Finger und Handgelenke und hielt sich so überaus sauber, — ihre

Kleidung machte immer den Eindruck, als sei sie eben aus der Wäsche

gekommen, — und endlich entstammte sie einer sehr angesehenen Familie.

Ihr Großvater hatte einen Gesandtenposten bekleidet, und nur durch

besonders schwere Verhältnisse war sie veranlaßt worden, ihre Heimat zu

verlassen, sich für einen Beruf auszubilden und damit ihr Brot zu

verdienen.

Nein, nein, das konnte nie etwas werden. In der Nachbarschaft hatten

schon mehrere junge Gutsbesitzer ihr Interesse für sie durchschimmern

lassen, aber sie hatte ihnen nicht einmal einen Blick gegönnt. Und nun

war sie gerade in dem letzten Jahre, seitdem sie von Holzwerder

fortgegangen, so viel schöner geworden; alle fanden es. Ihre dunklen

Augen strahlten lebhaft, während sie sich früher stets in sich selbst

zurückgezogen hatten. Ihre fast zu schlanke Gestalt hatte sich gerundet.

Das Gesicht war voller, ebenmäßiger geworden.

Und was war dagegen er? Wenn ihn die Pastorin neckte, so geschah's eben,

weil sie ihn für gänzlich ungefährlich hielt. Ihr Zartgefühl hätte ihr

sonst solche Bemerkungen verboten. —

Seinem Wunsche aber, Carin die Rosen zu zeigen, ward Hederich später,

nachdem man noch ein allgemeines Gespräch gepflogen hatte, doch näher

gerückt, als die Damen die Absicht äußerten, sich ein wenig Bewegung im

Garten zu machen. Sobald sich die übrigen erhoben, legte auch Carin ihre

Arbeit beiseite.

„Sehen Sie hier, Fräulein Carin!“ bat nun Hederich, der sich zuerst mit

Lene zu schaffen gemacht und sich dadurch von den beiden

sitzenbleibenden Herren zu trennen gewußt hatte, bei einer Wegbiegung.

„Wollen Sie nicht einmal die Blütenpracht in Augenschein nehmen? Drum

und dran! So war's noch in keinem Jahre.“

Carin nickte unbefangen und trat, während die anderen in den Buchensteig

einbogen, um auf der dort am Ausgang befindlichen Höhe einen Ausblick zu

gewinnen, mit Hederich an das mit niedrigem, stark duftendem Buchsbaum

eingefaßte Rondell.

Nachdem Carin die Rosen bewundert hatte, sagte sie: „Ich finde, daß der

Garten nicht mehr so schön gehalten wird, wie früher. Schade! Woran

liegt das?“

„Drum und dran, an dem, was Sie selbst wissen. Herr von Tressen

kränkelt viel und kommt nicht heraus. Und dann, dann, Fräulein Carin, es

ist doch nicht der frühere Zug drin. Die Alten dürfen sich in nichts

mehr mischen. Die jungen Herrschaften haben den Besitz angetreten, und

nun ist natürlich das Interesse für vieles nicht in alter Weise da.“

„Ich höre, Breckens haben heute geschrieben, daß sie die Rückreise

angetreten haben. Sie werden in einigen Tagen erwartet. Das führt dann

auch wohl für Sie manche Änderung mit sich, Herr Hederich?“

„Drum und dran! Ja gewiß! Wissen Sie, was ich glaube, Fräulein Carin?“

Hederich sprach den Namen sehr breit, er verstand's nicht anders.

„Nun, Herr Hederich?“

„Ich glaube, meine Tage sind hier überhaupt gezählt. Herr von Brecken

will selbst herrschen, auch die Ausgaben verringern. Sie wollen's beide.

Na, Sie kennen's ja am besten. Ich hab' mich auch schon an den Gedanken

gewöhnt. Am Ende, leben kann ich, so viel habe ich! Vielleicht pachte

ich mir irgendwo etwas oder kaufe mir einen kleinen Besitz. — Aber, drum

und dran, — leicht wird's mir doch nicht werden — leicht schon nicht,

weil — weil —“

„Weil man sich schwer von der Scholle trennt, auf der man so lange

fleißig wirkte und erfolgreich thätig war,“ fiel Carin ein. „Ja, das

begreife ich. Die Liebe für das hiesige Land und die Menschen waren ja

neben der Frau Pastorin eifrigem Zureden auch für mich der Grund, zu

bleiben. Sonst hätte ich mich wahrscheinlich nicht der Peinlichkeit

ausgesetzt, wieder mit Grete in Berührung zu treten. Wie leichten

Herzens hat sie mich gehen lassen!“

„Es hat sie viel beschäftigt, es hat ihr auch weh gethan, ich sagte es

Ihnen schon, Fräulein Carin. Es war ja nur, weil sie über Herrn von

Brecken so abfällig urteilten. Sie mußten doch, drum und dran, merken,

daß sie ein Auge auf ihn hatte, da war es, — nichts für ungut,

unvorsichtig und auch etwas hart von Ihnen, ihn so in Mißachtung zu

bringen. Was man lieb hat, mag man sich nicht von anderen verleiden

lassen. Aber passen Sie mal auf, es wird alles gut gehen, wenn sie

wiederkommt. Sie wird ganz die alte sein.“

„Nein, nein, das ist vorbei. Ich will auch nicht wieder und habe nur bei

Frau Cromwell die Erlaubnis erwirkt, den späteren Gesellschaften hier im

Hause fern bleiben zu dürfen. Sie denken noch immer viel zu gut über die

Menschen, Herr Hederich. Es ehrt Sie, es beweist, daß Sie ein goldenes

Herz haben. Aber Sie werden auch noch enttäuscht werden. Ich freue mich

nur, daß Sie sich die Dinge mit Herrn von Brecken schon klar gestellt

haben. Kein Jahr dauert's, dann ist's vorbei. Ich rate Ihnen, zu

kündigen, damit er es nicht thut.“

„Sie meinen —?“ schob Hederich ein und sah Carin erst ein wenig

erschrocken und dann mit einem traurigen Blicke an, ja, obschon er sich

dagegen wehrte, trat ein silberner Punkt in sein Auge.

„Nun, Herr Hederich, was ist's? Habe ich Ihnen durch meine Offenheit

unangenehme Empfindungen bereitet? Ah — ah — das thut mir weh!“ Und sanft

begütigend schloß sie: „Ich kann mich ja irren, lieber Herr Hederich!“

„Nein, das ist's nicht,“ sagte der Mann mit einfacher Würde. „Ich wurde

ein büschen weich, weil — weil — weil ich, nein, ne, ich kann's nicht

sagen, Sie könnten es falsch auslegen —“

„Ich lege gewiß nichts falsch aus, Herr Hederich. Im Gegenteil! Und es

beunruhigt mich, daß ich durch Beipflichtung Ihrer eigenen Voraussetzung

schon früher den Abschiedskummer in Ihnen wach gerufen habe, als es

nötig war. Übrigens einen Mann, wie Sie, wird man überall mit offenen

Armen aufnehmen. Sie werden bald wieder an anderer Stelle Freunde finden

und sich dann auch glücklich fühlen; dessen bin ich sicher, und das ist

mir eine Beruhigung.“

„Wie Sie das so schön ausgedrückt haben, Fräulein Carin! Und wie viel

Teilnahme Sie für mich an den Tag legen! Wenn Sie wüßten, wie nur das

wohl thut, und wie ich überhaupt —“ Er brach ab, und seine Stimme

zitterte.

In diesem Augenblicke kam der Teckel, der sich von der anderen Gruppe

getrennt hatte, herbeigelaufen, drängte sich an Hederichs Beine und

sprang an Carin empor.

„Drum und dran! Jetzt nicht. Mach', daß du wegkommst, Puffmann!“ rief

Hederich höchst ärgerlich und verscheuchte den Hund. Aber als er sein

Auge mit dem früheren, werbenden Ausdruck auf Carin richtete, sah er

über ihr Angesicht ein leise spöttelndes Lächeln fliegen. Und das störte

ihn so, ja, schnitt ihm so ins Herz, daß ihm das Wort erstarb, und daß

er mit einem „Drum und dran! dieser Köter, oft möchte man ihm den Hals

umdrehen!“ Carins Bewegung, sich zu entfernen, folgte und stumm den Weg

zur Laube zurücknahm. Als sie sich dem Platze näherten, drang lebhaftes

Plaudern an ihr Ohr, und dazwischen hörten sie der Frau Pastorin helle

Stimme. —

Vor dem Abschied bat Theonie in ihrer gewinnend liebenswürdigen Weise

Tressens, an einem der kommenden Tage das Mittagessen bei ihr einnehmen

zu wollen. Auch lud sie Hederich ein und nannte einige Familien der

Umgegend, die sie gleichfalls aufgefordert hatte.

Als bei dieser Gelegenheit erwähnt wurde, daß einer der von Theonie

erwarteten, in der Nähe von Breckendorf wohnenden Gäste die Gegend

verlassen und seinen kleinen Besitz, Haus, Hof, Park und Stallung,

verkaufen wolle, sagte Herr von Tressen:

„Das wäre so ein Gewese nach meinem Herzen, wenn ich mich jemals von

Holzwerder trennen müßte. Elsterhausen in einer Viertelstunde

erreichbar, und Breckendorf in nächster Nähe, die schöne Lage und das

wirklich splendid eingerichtete Haus — da läßt sich leben! Wem hat's

eigentlich ursprünglich gehört, Hederich?“

Aber schon nahm der Pastor zum Verdruß Hederichs, der nun einmal gern

für diese Dinge der Auskunftsgeber sein mochte, das Wort und erteilte

Herrn von Tressen Antwort. Auch Theonie fügte einige Worte hinzu und

äußerte: „Es ruhte aber niemals Segen auf den Familien, die dort gewohnt

haben. Alle kamen später in Bedrängnis. Der abgetrennte, alte Herrensitz

hat ja auch nichts als einen Park, bringt also keine Einkünfte, sondern

kostet nur Geld. Höchstens ein paar Hühner und eine Kuh können da

gehalten werden.“

„Ja höchstens! Drum und dran, nur für reiche Leute bewohnbar,“ betätigte

Hederich, um doch wenigstens seiner Ansicht auch Geltung zu verschaffen.

„Wann treffen Ihre Kinder ein?“ fragte Theonie, sich zum Abschied

erhebend. „Ich möchte Ihrer Tochter einige Blumen zum Willkommen

senden.“ Frau von Tressen gab Antwort, und alle setzten sich nach dem

Hof, auf dem der Wagen von Falsterhof bereits wartete, in Bewegung.

Wenig später hatten Theonie, Carin und auch Höppners, die in einem

flinken Landfuhrwerk eingetroffen waren, Holzwerder verlassen.

„Wir erwarten Sie also nachher zum Whist, Hederich,“ rief noch Herr von

Tressen, der unter Beihülfe seiner Frau hinkend den Weg nach dem Schloß

nahm und Hederichs höflichen Gruß durch das Lüften des Hutes erwiderte.

Und Hederich rief ein „Zu Befehl, Herr von Tressen“ zurück, obschon

seine Gedanken in diesem Augenblicke wenig bei der Sache waren.

Als er in sein wein- und epheuumschattetes Haus eintrat, murmelte er:

„Sie grüßte noch einmal vom Wagen herunter. Ja, das that sie. Wenn

dieser verdammte Puffmann nicht gewesen wäre, dann, — dann, — drum und

dran! Ich hatte so schöne Gelegenheit, ihr ein büschen Andeutung zu

geben — —“

* * * * *

Breckens wurden erwartet. Am Mittag sollten sie eintreffen, und schon

nahte sich der Augenblick. Frau von Tressen hatte das Schloß bekränzen

lassen. Um die Fenster und Thüren waren Blumenguirlanden gesteckt, und

auch Hederich hatte sich gerührt. Die Knechte und Mägde waren in ihren

Sonntagskleidern bereits aufgestellt, und die Kinder der Gutsangehörigen

standen mit Rosen in den Händen an der Schloßtreppe. Einem kleinen

Mädchen waren einige Verse einstudiert, die sie hersagen sollte. Der

Schluß der von Hederich unter vielen Nöten gedichteten Willkommsworte

lautete:

„Es wechselt Kälte, Sonnenschein und Regen!

Der Landmann braucht's,

Ihm ist's ein Segen,

Wenn's auch mal kalt und naß vom Himmel strömt!

Durch Eure Herzen aber möge strahlen

Nur warmer, goldener Sonnenschein und malen

Auf Eure Wangen Lust und Fröhlichkeit!

Das wünschen alle, die hier sind vereinet,

Und seht, ein jedes Auge weinet

Vor Freud', daß Ihr zurückgekehret seid!“

Glücklicherweise war's ein herrlicher Tag. Alles glänzte, umflutet von

der Sonne. Der Hof und der Vorgarten prangten in Ordnung und Sauberkeit,

die Blumen in letzterem leuchteten in lebhaften Farben, der Himmel war

klar und blau, und die am Morgen besprengten Gebüsche trugen noch

silberfunkelnde Spuren des erfrischenden Bades. Auch waren die Wege neu

aufgeschüttet, und von der Spitze des Daches flatterte eine Fahne in den

Tressenschen Farben.

Und alles vollzog sich, wie gehofft und erwartet war. Sichtlich bewegt

umarmte Grete ihre Mutter und ihren Vater; nach ihnen drückte sie

Hederich die Hand und reichte sie, Tankred folgend, auch den Knechten

und Mädchen. Ihr Gatte, in einem flottgeschnittenen Reisekostüm,

strahlte wie seine Frau in Frische und Gesundheit, und deutlich malten

sich die Eindrücke in beider Zügen wieder.

Bei Grete war's ein Anflug wahrer Rührung, sie verglich das wenige, was

an Gemüt in ihr ruhte, mit dem, was ihr entgegengetragen ward. Ehrliche

Scham und dankbare Gefühle zogen durch ihre Seele. Bei dem Manne war's

dagegen die Eitelkeit und die Befriedigung, daß man ihm ohne Zwang

Beweise der Verehrung entgegentrug, die er so wenig verdiente. Gesunkene

Hoffnung auf altes Glück stieg auch in Frau von Tressen empor, sie

glaubte, weil sie hoffte, und nicht minder fanden Herr von Tressen und

Hederich ihre Voraussetzungen erfüllt.

Der Tag und die kommende Woche verliefen denn auch in ungestörter

Harmonie. Grete packte, ordnete und richtete unter Beihülfe ihrer Mama

alles nach ihrer Bequemlichkeit ein, und Tankred ging mit Hederich über

die Gutsfelder und sah mit nicht geringer Genugthuung, wie jegliches

gediehen war.

Nach und nach gewannen auch die Hauseinrichtungen eine feste Gestalt.

Die junge Frau übernahm nunmehr die Küche, das Mittag- und Abendessen

wurde in dem Speisezimmer unten serviert, und die Alten begaben sich,

wenn die Glocke ertönte, herab und nahmen daran teil.

Dafür war ein festes Kostgeld verabredet worden. Tressens vergüteten,

gleichviel ob sie erschienen oder nicht, ihren Kindern monatlich eine

bestimmte Summe.

Morgens bereitete dagegen Frau von Tressen ihrem Manne selbst das

Frühstück und sorgte auch in außergewöhnlichen Fällen für ihre und seine

Bedürfnisse. Ein Diener wurde angenommen, der in erster Linie für

Tressens da war; sie bezahlten ihn, und er beschaffte, was sie

brauchten. In der Praxis sollte sich dann erst herausstellen, ob das

alles so bleiben konnte, oder Änderungen eintreten mußten.

Zunächst spürten beide Familien nur die Annehmlichkeiten der

Einrichtungen. Am Tage, der seine Pflichten erheischte, hielt sich jeder

für sich, und wenn der Abend mit seinem Ruhe- und Erholungsdrange kam,

trat auch das Bedürfnis nach Geselligkeit ein. Nach wie vor wurden die

Karten oder das Schachbrett hervorgeholt, man plauderte oder las vor,

und die Frauen beschäftigten sich mit Handarbeit. Grete hatte offenbar

den besten Willen mitgebracht, mit ihren Eltern in engstem Zusammenhange

zu bleiben, und Tankred fügte sich entweder aus wirklichem Behagen oder

aus Klugheit bereitwillig in die geschaffenen Verhältnisse.

Jedenfalls ward das gute Einvernehmen durch nichts gestört, und nach

Verlauf von einigen Wochen, als sich alles in geordnetem Gange befand,

wurde nunmehr auch erörtert, wann die jungen Leute Besuche machen

wollten, und wer zunächst eingeladen werden sollte.

„Es geht gar nicht mehr! Wir müssen sobald wie möglich nach Falsterhof,“

erklärte Grete. „Noch haben wir nicht einmal für die Blumen gedankt, die

Theonie uns gesandt hat.“

Tankred, der diesen Besuch als einen ihm sehr unbequemen absichtlich

aufgeschoben hatte, stimmte jetzt bei. Einmal mußte er seiner Kousine ja

doch zum erstenmal wieder gegenübertreten, und schon hatte Hederich, der

inzwischen wiederholt auf Falsterhof gewesen war, erzählt, daß Theonie

sich erkundigt hätte, ob ihre Blumen auch abgegeben worden seien.

„Drum und dran! Sie wundert sich, daß Sie noch nicht da waren, Herr von

Brecken. Da Sie mich fragen, ja, es ist so.“

Es wurde demnach beschlossen, am Sonntag nachmittag nach Falsterhof zu

fahren und Theonie und Fräulein Carin zu einem Diner in der Mitte der

Woche einzuladen.

Letzterer gegenüberzutreten, war Grete recht peinlich. Aber da sie sich

schon bei der Hochzeit wieder gesehen, und beide ein unbefangenes Wesen

an den Tag gelegt hatten, überwand sie bald den Anflug ihrer

unbehaglichen Stimmung.

Nach eingenommenem Kaffee um vier Uhr nachmittags machten sich die

Bewohner von Holzwerder in zwei Wagen auf den Weg. Hederich saß bei den

Alten, die Jungen kutschierten voran; Grete, neben ihrem Manne, lenkte

die Zügel. Während sie dahin fuhren, sagte Tankred:

„Weißt Du, es wäre wirklich gar zu schön, wenn die beiden Besitzungen,

die ursprünglich zusammengehört haben, wieder vereint würden. Es hat

doch keinen Zweck, daß meine Kousine da allein auf Falsterhof

wirtschaftet. Wenn sie mir ihr Versprechen früher einlöste, wäre es auch

leicht zu machen. Ich würde eine Hypothek auf Falsterhof aufnehmen und

ihr ihre Hälfte damit abkaufen. Denke Dir, Holzwerder und Falsterhof! Es

wäre eine fürstliche Herrschaft! Wenn manches anders eingerichtet wird,

die Güter rationeller bewirtschaftet werden, können sie gegen

zweihunderttausend Mark abwerfen. Sei nur recht liebenswürdig gegen

meine Kousine und auch gegen die Helge. Die hat großen Einfluß auf sie.

Sie kann uns im Fall alles verderben.“

„Wenn nur Theonie nicht noch einmal heiratet, Tankred,“ entgegnete

Grete, ihres Mannes Worte durch Neigen des Kopfes bestätigend. „Dann

könnte sie am Ende an ihrer Zusage rütteln?“

„Gewiß. Und deshalb müßte man auch darauf hinzuwirken suchen, — ich denke

täglich daran, — daß sie schon früher Ernst macht. Sie will nach der

Vorschrift des Testaments die Sicherheit haben, daß der Besitz nicht

verschleudert wird, mit anderen Worten, daß wir ihn halten, mehren und

verbessern. Wenn sie die Überzeugung gewonnen hat, daß wir das thun, so

wird sie nicht zögern, ihr Versprechen wahr zu machen. Man könnte

vielleicht Hederich ins Vertrauen ziehen. Aber das ist auch wieder zu

überlegen. Der thut nur, was er für richtig hält, und daß er auf dem

Standpunkte steht, ohne seine Verwaltung könne nichts gedeihen, ist

ausgemacht. Wir kamen schon gestern einmal an einander. Immer will er

seinen Willen durchsetzen. Eigensinnig ist er wie ein Kutschpferd.“

„Ihr kamt an einander? Weshalb? Das hast Du mir ja gar nicht erzählt.

Bitte, was war's?“

„Ich gehe stark mit der Absicht um, in größerem Maßstabe Rüben zu

pflanzen und eine Zuckerfabrik anzulegen. Von diesem Plane erzählte ich

ihm, und er wollte nichts davon wissen. Sie hätten alle bisher kein

Geschäft gemacht, meinte er.“

„Dann ist's doch auch klug, es zu lassen.“

„Ja, so scheint es, aber die anderen haben es nicht richtig angefangen.

Und das ist's ja auch nicht. Er ist nur gegen jede Neuerung, schon weil

sie ihm Unbequemlichkeiten macht. Hat er sich nicht, wie Dein Papa

erzählt, auch gegen die Branntweinbrennerei gesträubt? Und rentiert sie

nicht ausgezeichnet?“

„Das ist etwas anderes, Tankred. Damals hatte man noch keine rechten

Erfahrungen. Da sprach wohl bei ihm die Vorsicht. Aber man hört überall,

daß die Zuckerfabriken vorläufig nur von Hoffnungen leben. Die

Konkurrenz ist auch zu groß.“

„Nein, die Konkurrenz ist nicht zu groß, aber es ist noch ein Vorurteil

bei Händlern und Konsumenten zu überwinden. Aber das wird sich geben.

Der Rübenzucker stellt sich so viel billiger, daß man nach den

überseeischen Produkten schon bald gar nicht mehr fragen wird. Und die

bisher gebauten Fabriken sind auch zu teuer bezahlt. Das Anlagekapital

war zu hoch.

Inzwischen hat man bessere Maschinen erfunden, und nach einem Jahr

spätestens wird die Bahn von Elsterhausen über unser Gut gehen, und in

Breckendorf wird eine Station errichtet werden. Dann kann man ganz

anders konkurrieren.

Aber das sind alles Dinge, die in Hederichs Schädel nicht hineingehen.

Eine Eisenbahn ist ihm ein Gedanke, als wollte sich Beelzebub hier in

der Gegend dauernd niederlassen.“

Grete erwiderte nichts. Was ihr Mann sagte, konnte sie auf die

Richtigkeit nicht prüfen. Sie nahm sich aber vor, sich alles einmal in

Zahlen vorlegen zu lassen, und im übrigen wurden ihre Gedanken

unterbrochen, da nunmehr Falsterhof seitwärts auftauchte.

Theonie hatte auf ihrem Besitze sehr vorteilhafte Veränderungen

vornehmen lassen. Die das Haus verdüsternden Bäume waren gefällt, auch

nach der Gartenseite war Licht geschaffen, und das früher so finster

beschattete Haus lag jetzt, durchhellt von dem Glanz der Sonne, da.

Auch im Innern sah man die Thätigkeit einer neugestaltenden Hand. Der

Flur hatte weiße Lackfarbe mit Goldverzierungen erhalten und machte mit

den dunkelrahmigen Ölgemälden einen äußerst imponierenden Eindruck. Vom

früheren Wohngemach der alten Frau von Brecken ging jetzt eine Thür ins

Freie, und die Gartenanlagen waren unmittelbar bis ans Haus gerückt

worden.

Auf einem großen Rondell blühten edle Rosen, und mit hellgelbem Kies

bestreute Wege erfreuten statt des wildstruppigen Gebüsches und des halb

eingefallenen Grabens das Auge.

Frege begrüßte mit gewohnter ernster, aber ehrerbietiger Miene die Gäste

und führte sie in die hinteren Gemächer.

„Die Damen und ein Fremder, der zum Besuch da ist, sind im Garten,“

erklärte er. „Gleich werde ich die Herrschaften melden.“ Dann eilte er

davon.

Mit sehr eigentümlichen Empfindungen betraten Tankred und Grete die

Räume. Sie erinnerten sich jenes Nachmittags, an dem sie zusammen das

Haus besehen, und jener Augenblicke, in denen Tankred zum erstenmal

freier gesprochen: Grete von der Linden sein Inneres aufgeschlossen

hatte. Die im Hause vorgenommenen Veränderungen wirkten befremdend auf

sie ein. Der Gedanke, eigentlich schon Mitbesitzer von Falsterhof zu

sein, trat weit zurück. Theonie schaltete und waltete ohne Vorfrage oder

Mitteilung nach ihrem Gutdünken. Natürlich, es war ihr Recht, aber

gerade weil dem so war, hob sich der Wert des Erbes und die Machtfülle

der Besitzerin.

Die erste Wiederbegegnung mit seiner Kousine gestaltete sich indessen

weit leichter und angenehmer, als Tankred sich vorgestellt hatte.

Theonie reichte ihrem Vetter mit unbefangenster Miene die Hand und

umarmte Grete mit Wärme und Herzlichkeit.

Schon durch die Anwesenheit so vieler Personen, namentlich auch durch

die Gegenwart eines fremden Mannes wurde jede Peinlichkeit verwischt,

und bald saßen die Anwesenden in dem Gartenzimmer, gemütlich plaudernd,

beisammen.

Der Fremde war der Eigentümer des vor Tagen erwähnten in der Nähe von

Elsterhausen belegenen Besitzes Klementinenhof.

Er hatte früher als Hauptmann in der Armee gestanden, war wegen eines

Beinleidens gezwungen gewesen, den Dienst zu verlassen, und hatte sich,

da er vermögend war, den kleinen Besitz gekauft, um hier der Ruhe zu

pflegen und seinen Passionen nachzugehen. Er galt als ein besonnener,

aber keineswegs pedantischer Mann, und man rühmte seine große Frische,

seinen Geist und seine hohe Intelligenz.

Herr von Streckwitz führte denn auch vornehmlich das Gespräch. Herr von

Tressen fragte, weshalb er seinen Besitz aufgeben wolle, und er

erwiderte, daß er sich bei seinem Interesse für Landwirtschaft nach

einem ihm mehr Beschäftigung bietenden Gütchen umzusehen die Absicht

habe.

Hederich mischte sich hinein und machte Vorschläge, und Tankred, dem

Streckwitz gleich beim ersten Sehen höchst unsympathisch war, riet mit

vorgesteckter ehrlicher Miene, sich lieber in einer anderen Gegend

anzukaufen. Er wollte einen Mann mit solchem geistigen Übergewicht nicht

in seiner Nähe behalten, er wollte ihn auch von Theonie fern halten,

die, wie er werkte, allem, was Streckwitz sprach, mit lebhaftestem

Interesse zuhörte.

„Es gefällt mir aber gerade hier ausnehmend,“ entgegnete Streckwitz.

„Mein bisheriges Einsiedlerleben möchte ich zudem vertauschen, aber mir

Thätigkeit und Verkehr nicht in einer großen Stadt suchen, sondern auf

dem Lande. Übrigens eilt es durchaus nicht. Wenn sich mir früher oder

später eine Gelegenheit zu anderer, größerer Wirksamkeit bietet, werde

ich sie wahrnehmen. Zunächst habe ich die Absicht, mehr Verkehr zu

suchen. Sie gestatten mir auch,“ schloß er, sich mit verbindlicher Miene

gegen Tressens und Grete wendend und nach seiner Gewohnheit das rechte

Auge ein wenig zusammenkneifend, „daß ich Ihnen meine Aufwartung machen

darf?“

„Es wird uns außerordentlich freuen, Sie bei uns zu sehen,“ entgegnete

Frau von Tressen, bevor Breckens das Wort nehmen konnten.

Da sich Streckwitz in Folge dessen gegen sie und ihren Mann und nur halb

gegen Breckens verneigte, biß sich Tankred, in seiner Eitelkeit

verletzt, auf die Lippen. Er nahm sich vor, seine Schwiegermutter

demnächst einmal deutlich zu belehren, daß ihr kein Recht mehr zustehe,

eine derartige Erlaubnis zu erteilen.

Er wurde indessen von seinen Gedanken durch ein Geräusch abgelenkt, da

Fräulein Carin ein Knäuel Seide fallen ließ, und Hederich, sich

übereifrig danach bückend, so unglücklich auf dem glatten Fußboden

ausrutschte, daß er knieend vor ihr liegen blieb.

Um nun doch irgendwie seinen Ärger auszulassen, nahm sich Tankred

Hederich und Carin zur Zielscheibe und rief, des letzteren Redeweise

nachahmend:

„Bleiben Sie liegen, Hederich! Es ist — drum und dran — ein zu schöner

Anblick, Sie in Ihrem jugendlichen Feuer vor Fräulein Helge hingestreckt

zu sehen.“

Dazu lachte Tankred laut und mit der auffordernden Miene gegen die

Anwesenden, seinem Scherz zu applaudieren, während Hederich, rot vor

Beschämung, sich emporrichtete und das schmerzende Bein rieb.

Doch die von Tankred erhoffte Beipflichtung blieb aus: die Gesellschaft

stimmte nicht zu, stellte sich vielmehr, Grete eingeschlossen, auf

Hederichs Seite. Aber Hederich gab auch selbst seinen Empfindungen

Ausdruck und entgegnete auf Theonies teilnehmende Erkundigung, ob er

sich sehr weh gethan habe:

„Ich danke sehr für Ihre Güte, gnädige Frau, es ist schon vorüber. Ich

bitte nur um Entschuldigung, daß ich in Ihrem Hause — drum und dran — eine

so — lächerliche Rolle gespielt habe — —!“

Dieser auf Tankred gemünzte Satz mißfiel niemandem, und namentlich in

Carins Gesicht spiegelte sich dieser Eindruck wieder. Sie streifte erst

Hederich mit raschem freundlichen Blick und ließ dann ein auf Tankred

berechnetes verächtliches Zucken um ihre Lippen spielen.

Tankred sah es. Er wußte, was in ihr vorging, und der alte Haß gegen das

‚Frauenzimmer‘ setzte sich von neuem in ihm fest.

Der Vorfall that nun aber der bisherigen unbefangenen Stimmung so sehr

Abbruch, und das glatt fließende Gespräch setze sich nun so gezwungen

fort, daß Theonie den Vorschlag machte, einen Gang durch den Garten zu

unternehmen.

Herr von Streckwitz, ein überaus stattlicher Mann mit dunklem Vollbart

und ernsten, einnehmenden Zügen, schritt mit den beiden Tressens voran,

ihnen folgte Tankred mit seiner Frau, die sogleich seinen Arm genommen

hatte, und ein wenig später Hederich mit Carin.

Sowie die letzteren aus der Hörweite der Voranschreitenden waren, sagte

Carin:

„Ich kann's nicht sagen, wie ich diesen Brecken hasse! Ich glaube, auf

hunderttausend Meilen Umkreis giebt es keine so gemeine Seele. Und

wissen Sie, Herr Hederich: ich habe seinen Gedankengang verfolgt. Es ist

fast unheimlich, wie offen das Innere dieses Menschen vor mir liegt.

Seine schlechte Laune entstand schon, als Herr von Streckwitz der

Mittelpunkt des Gespräches ward. Dergleichen Zurücksetzungen kann er

absolut nicht vertragen. Stets muß er das Wort führen und bewundert

werden. Später ärgerte es ihn, daß Frau Cromwell sich so oft an den Gast

wendete. Am Ende interessiert sie sich für ihn! Das paßt Brecken

durchaus nicht; das durchkreuzt seine Pläne, und als Herr von Streckwitz

nun gar davon sprach, sich hier in der Gegend einen größern Besitz

erwerben zu wollen, kannte sein Ärger keine Grenzen mehr! Den ließ er

dann an Ihnen aus, Herr Hederich! Empörend handelte er, in solcher Weise

von seinem Übergewicht als Gutsherr Gebrauch zu machen. Aber eins hat

mich auch wieder ausnehmend gefreut, daß Sie ihm nämlich eine solche

Antwort zu teil werden ließen. Sie war vortrefflich; sie wirkte! Sie

hätten den Natterblick sehen sollen, mit dem er Ihnen lohnte!“

Hederich hatte, wiederholt langsam den Kopf bewegend, zugehört. Als

Carin geendigt hatte, sagte er:

„Sie gehen vielleicht etwas weit — aber — drum und dran — er ist kein

guter Mensch, wir wissen's alle längst. Und es ist wahr, es giebt Dinge,

die kann man schwer vergessen. Man streitet sich, hat verschiedene

Ansichten, sagt sich die Wahrheit, aber niemand will lächerlich gemacht

werden. Das liegt einmal im Menschen darin sind wir alle gleich!“

„Und wir haben recht!“ fiel Carin ein. Und ablenkend fuhr sie fort:

„Immer wieder frage ich mich, wie konnten Tressens diese Heirat zugeben,

und wie konnte Grete sich in den Menschen verlieben? Sie brauchte doch

wahrlich nur die Hand auszustrecken. — Ich weiß wohl, was Sie sagen

wollen. Beide Teile glaubten so am besten ihren Vorteil wahrzunehmen!

Aber welcher Vorteil erwächst ihnen denn aus der Heirat? Wissen Sie,

Herr Hederich,“ hier senkte Carin die Stimme, „was mir Frege neulich

mitgeteilt hat? Bei einer Auseinandersetzung zwischen ihm und Frau

Cromwell, worin auch des Schriftstücks — Sie wissen, der

Erbteilverschreibung — Erwähnung gethan sei, habe Frau Cromwell ihm den

Wortlaut mitgeteilt, und er, Frege, könne darauf schwören, daß das von

ihm damals abgeschriebene Dokument ganz anders — natürlich viel günstiger

gelautet habe. Brecken hat also —“ hier schossen Carins Augen

unheimliche Blicke — „sicher eine Fälschung begangen!“

„O nein, nein, Fräulein Carin,“ fiel Hederich erschrocken ein und sprach

wieder das Wort Carin sehr breit. „Da gehen Sie doch wieder zu weit! So

schlecht und so unvorsichtig ist Brecken nicht. Im Gegenteil! Er ist

schlau, und er wäre es noch mehr, wenn — drum und dran — ihn sein Blut

nicht oftmals fortreißen thäte.“ Und forschend schloß er: „Hat Frege

Frau Theonie denn auch so etwas gesagt?“

Carin nickte.

„Und was hat sie erwidert?

„Sie glaubt's nicht. Frau Cromwell ist ja überhaupt eine sehr

eigentümliche Frau. Sie strebt immer in erster Linie, gerecht und billig

zu sein, obgleich sie, wie wenige Menschen, das Schlechte verabscheut.

Einerseits dieser Grundzug ihres Wesens — denn ihre hervortretende

gelegentliche Kürze und Strenge sind auch nichts anderes als ein

Ergebnis ihrer wahrhaftigen Natur — und andererseits die Pietät, welche

sie für alles an den Tag legt, was den Namen Brecken trägt, machen sie

ungewöhnlich nachsichtig gegen ihren Vetter. Sie hofft noch immer, daß

er sich ändert, und ihr gegenüber spielt er ja auch eine recht gute

Komödie! — Wie geht's denn eigentlich in Holzwerder? Vertragen sich die

Jungen mit den Alten?“

„Drum und dran — ja —. Es giebt wohl auch mal etwas, aber es macht sich

so ziemlich —“ entgegnete Hederich. „Frau von Tressen ist vorsichtig,

und Grete will Frieden, — bis jetzt wenigstens, — und das giebt den

Ausschlag! Ich habe ihr damals vor der Hochzeit zugeredet. Ich glaube,

daß es Eindruck auf sie gemacht hat. Von da an wurde schon manches

anders; von Trennung und dergleichen war nicht mehr die Rede.“

„Ja, sie liebt Sie, Herr Hederich! Sie hängt mehr an Ihnen, als an ihrer

Mutter, von ihrem Stiefvater nicht zu sprechen. In ihr ist überhaupt

noch nicht alles Gute erloschen, sie kämpft, glaube ich, einen ehrlichen

Kampf; er aber ist schlecht aus Prinzip, und es macht ihm Freude, gemein

und boshaft zu sein, wie der heutige Vorfall wieder bewiesen hat.“

„Weshalb, Fräulein Carin,“ fiel Hederich milde ein, „hassen Sie Herrn

von Brecken eigentlich so sehr? Hat er Ihnen was Unangenehmes zugefügt?“

Carin zuckte die Achseln. „Weshalb hat man eine Abneigung gegen

Menschen, Herr Hederich? Mit demselben echt kann man fragen, weshalb man

sich zu anderen besonders hingezogen fühlt? Ich kann überhaupt nur

hassen oder lieben. Sehen Sie, in unserem Kreise sind alle Arten

vertreten. Pastor Höppner kann überhaupt nicht hassen. Deshalb ist er

auch kein Mann. Seine Frau ist ohne Ansehen der Persönlichkeit gütig und

menschenfreundlich, aber sie unterscheidet im Gegensatz zu ihm und tritt

dem Schlechten energisch entgegen. Grete vermag — ihre Person

ausgenommen, die sie über alles liebt — weder zu lieben noch zu hassen!

Ihr Mann liebt keine menschliche Seele auf der Welt, haßt aber jeden,

der ihm irgendwie in den Weg tritt, — und — Sie — Sie, Herr Hederich —“

„Nun, Fräulein Carin? —“ forschte Hederich gespannt, und sein gutes Auge

ging unruhig hin und her.

„Ja, Sie sind ein Kind und ein Mann zugleich! Sie haben einen klaren

Verstand, ein goldenes Herz und besitzen eine treue Seele.“

„Na — na — na! — Es ist schon zu viel Schönes, Fräulein Carin, aber — drum

und dran, — daß Sie das sagen, das — das — ist mir mehr wert als — als —“

sagte er weich betonend, und seine Stimme zitterte.

„Ach, Sie lieber Mensch! —“ unterbrach das Mädchen den Mann, sah ihm mit

einem seelenvollen Blick ins Auge, ließ ihn aber nicht weiter sprechen,

sondern eilte nun rasch auf Frau Theonie und die übrigen Gäste zu, die

nach dem Rundgang durch den Garten jetzt eben wieder vor dem Hause

auftauchten.

Nach einem kleinen Imbiß nahm man demnächst von Holzwerder Abschied. Nur

Herr von Streckwitz blieb noch den Abend da. —

* * * * *

Im Wohnzimmer des Pfarrhauses in Breckendorf saßen die Pastorin und

Hederich einander gegenüber.

Seit dem Vorerzählten waren fünf Monate verstrichen. Der Herbst war

bereits ins Land gezogen, und Hederich hatte sehr viel zu erzählen und

sehr viel zu hören.

Zunächst war es die Frau Pastorin, die in einem starken Redestrom ihm

ihr Herz ausschüttete.

„Was mich am meisten beschäftigt und mich geradezu traurig gemacht hat,

ist die Art und Weise, die Grete bei der Angelegenheit an den Tag legte,

Hederich. Ihn kennt man ja. Er ist und bleibt ein trauriger Geselle.

Aber sie! Doch nun hören Sie! Nachdem ich oben bei Tressens gewesen war,

die mir sogleich fünfhundert Mark für das von mir geplante Armenhaus in

Breckendorf bewilligten, ging ich hinunter und traf Ihren jungen Herrn

in seinem Zimmer am Schreibtisch. Ich trug ihm vor, was mich nach

Holzwerder geführt hatte, erzählte, daß mein Mann und ich von meinem

Vermögen fünftausend Thaler als Grundlage für den Bau hergeben wollten,

legte ihm dann auch die Liste der bisherigen Zeichner vor und bat ihn,

daß er sich auch mit einem namhafteren Betrage beteiligen möge.

Erst äußerte er nichts, ließ mich niedersitzen und guckte auf das

Papier. Dann erwiderte er mit einem infam spöttischen Ausdruck:

‚Meine Schwiegermutter hat fünfhundert Mark gezeichnet? So — so — na ja,

wer's lang hat, läßt's lang hängen! Ich kann höchstens hundert Thaler

geben. Fast kein Tag geht vorüber, an dem nicht Ansprüche an mich

herantreten, und wollte ich immer nach den Voraussetzungen der

Antragsteller geben, müßte ich nachgerade auf Einnahmen für mich selbst

verzichten.‘ — Er zählte mir denn auch eine Reihe von Vereinen auf,

denen er angehöre, sprach von Erhöhung der Steuern und anderem und rief

seine Frau, die inzwischen ins Zimmer getreten war, als Zeuge auf, wie

beschwert sie seien. ‚Glauben Sie nur, daß es uns nicht so leicht

gemacht ist, wie Sie meinen,‘ versicherte er. ‚Jeden Monat die Rente an

meine Schwiegereltern, die Wirtschaft, das Haus, Anschaffungen,

Neubauten, die gemacht werden müssen. Ich kann's nicht mehr gut machen!‘

Und Grete stimmte lebhaft ein, immer kam auch sie auf ihre Eltern

zurück: natürlich, es müßte ja sein, aber jetzt lebten doch zwei

Familien von den Einkünften von Holzwerder.

Ich sage Ihnen, Hederich, es war widerlich anzuhören, und ich habe denn

auch gar keinen Versuch mehr gemacht, sie zu einer größeren Gabe zu

bewegen. Geizig, schmutzig geizig werden sie beide. Haben Sie mir nicht

selbst erzählt, daß sich dies Jahr ungemein günstig gestellt, daß das

Gut noch nie so viel abgeworfen hat?“

„Ja, es ist richtig, sie haben schöne Einnahmen, und was sie sagen von

der Rente an die Eltern, die ist bei den Einkünften nicht gar so

schlimm.

Aber das geht jetzt in allem so! Der Thorwächterposten ist eingezogen,

seine Arbeit muß jetzt der Parkwächter mit besorgen; er kriegt aber

nicht mehr dafür und hatte die Wahl, nein zu sagen oder die Stelle zu

verlieren. Was er, drum und dran, sonst am Tage verdiente, ist nun

weggefallen. Die beiden Kutscher müssen mit im Garten helfen, und die

Burschen sind entlassen. Auch im Hause haben sie nicht mehr so viele

Dienstleute. Der Wirtschafterinposten ist eingegangen. Die junge Frau

giebt selbst aus, verschließt alles und macht Szenen, wenn zu viel

gebraucht wird. Verschiedene Lieferanten aus Elsterhausen sind schon bei

mir gewesen und haben sich bitter beklagt. Wenn sie dafür nicht liefern

könnten und wollten, werde sie aus Hamburg beziehen, sei ihnen gesagt.

Ich sollte mit Frau Grete sprechen. Aber ich lehnte es ab. Ich will mich

nicht in Sachen mischen, die mich nichts angehen. Früher durften auch

die Arbeitsleute nach dem Pflücken das letzte Obst abschütteln, das ist

nun ebenfalls vorbei. Holzsammeln in den Gehölzen hat er durch Anschlag

verboten und den Hardesvogt bestimmt, Geldstrafen dafür anzusetzen. Und

nicht einmal Vernunft ist drin. In den Knechtekammern waren zum Beispiel

neue Fenster nötig, die will er nicht bewilligen, und nun schlagen Wind

und Regen hinein.

Aber, drum und dran, für die unsinnige Geschichte mit der Zuckerfabrik

möchte er Unsummen ausgeben. Unser Land eignet sich nicht für den

Rübenbau, aber er will es durchzusetzen, er will Geld machen, raffen,

die Einnahmen vergrößern, das ist sein einziger Gedanke. Na, mit der

Fabrik wird's hoffentlich noch seine Weile haben. Sie ist dagegen.“

„Hat sie denn etwas zu sagen, wenn er will?“

„Na ob! Sie verstehen sich immer. Alles wird gemeinsam überlegt. Neulich

sagte sie, sie wollte ihr Silberzeug einschmelzen lassen und verkaufen.

Neusilber thäte es auch. Sie hätte sich herausgerechnet, daß sie so viel

Kapital herauskriegte, daß sie von den einmaligen Jahreszinsen sich eine

neue Christofleeinrichtung anschaffen könnte. Ich muß daran denken, daß

wir, drum und dran, Familienzuwachs erhalten, sagte sie —“

„So? also damit hat sie Grund, sich zu beschäftigen? Das wußte ich noch

gar nicht. Wie steht es auf Falsterhof? Ist es wahr, daß Herr von

Streckwitz dort fast täglicher Gast ist? Frau Theonie leugnete es

neulich, sie wurde aber sehr rot dabei. Ich glaube, die

Verlobungsanzeige wird nicht lange auf sich warten lassen.“

„Meinen Sie wirklich?“ fragte Hederich erstaunt. Er gehörte zu den

Menschen, die weniger selbst sehen, als sich aufmerksam machen lassen,

aber, einmal rege gemacht, aus Neugierde mehr beobachten als andere. Da

Carin, vielleicht aus Diskretion, die Möglichkeit eines tieferen

Interesses Theonies für Streckwitz nicht wieder berührt hatte, war auch

Hederich nichts aufgefallen.

„So, lieber Hederich! Nun darf ich Sie aber fortjagen; wir haben heute

Wäsche, und ich muß selbst noch mit anfassen. Heute abend ist Nähschule

bei mir, die erwachsenen Kinder aus dem Dorfe. Ich habe viel um die

Ohren. — Darf ich Ihnen rasch noch etwas bringen? Einen Schnaps? Warten

Sie — herrliche Wurst hat mir Klaus gebracht. Die müssen Sie

probieren.“ — Und während er, nachdem sie rasch den Branntwein und die

Speisen herbeischafft, aß, stand sie — sich zu setzen hatte sie keine

Zeit — vor ihm und erzählte noch von allerlei traurigen Ereignissen im

Dorfe, von Not und Krankheit, der sie abzuhelfen bemüht gewesen, und

zuletzt auch noch eine lange Geschichte von Lene. Sie sei mit ihrem

Vater in Elsterhausen und jetzt recht niedlich.

„Ja niedlich, niedlich,“ betätigte Hederich, während er das

Leberwurstbutterbrod in den Mund schob, etwas zerstreut. Die Geschichten

von Lenchen erregten wohl sonst sein Interesse, aber heute ging er ihnen

lieber aus dem Wege.

Als er schon in seinem Einspänner saß, sah er noch, daß Frau Höppner mit

einer alten Bauerfrau sprach, die vor der Thür stand und weinend ihren

Kummer erzählte. Die Pastorin aber trocknete der Alten mit ihrem

Schnupftuch die Thränen von den Wangen, und trostreiche Worte gingen

über ihre Lippen:

„Na ja, kommen Sie nur erst mal herein und nehmen was Warmes, gute Alte.

Dann wollen wir weiter sprechen,“ hörte er sie noch sagen, und „Drum und

dran, brave Frau!“ ging's über Hederichs Lippen, während er mit einem Hü

die Zügel ergriff und das Pferd antrieb.

Als er zu Hause sein Wohnzimmer betrat und Licht machte, fand er auf

seinem Schreibtisch einen Brief, der Frau von Tressens Handschrift trug.

Mit nicht geringer Spannung ergriff er das Schreiben, öffnete und las:

(Privat) ‚Lieber Hederich! Wir haben heute abend bei Breckens, die

eine Gesellschaft zu sich geladen, abgesagt. Weder mein Mann noch ich

sind in der Stimmung, daran teil zu nehmen. Ich muß Sie notwendig

sprechen. Bitte, kommen Sie zur Theezeit, wenn Sie nicht versagt sind,

und gehen Sie hinten die Treppen hinauf.

Todsünden · 第 15 / 23 题