Diese dem Kernpunkt seiner Anfrage kühl ausweichende und sogar die
Fregesche Angelegenheit gänzlich umgehende Antwort enttäuschte und
ärgerte Tankred aufs äußerste. In seiner gewohnten Heftigkeit warf er
den „Wisch“ in die Ecke und murmelte böse Worte zwischen den Lippen.
Eine infam hochmütige Art hatte diese Theonie, eine Art, für die er sie
am liebsten gleich gezüchtigt haben würde!
Und was sollte er nun auf Holzwerder erklären? Bisher hatte er noch
immer triftig klingende Auswege zu finden gewußt und in der Sicherheit,
daß Theonie ihm zu Willen sein werde, zuletzt erklärt, daß er in den
nächsten Tagen nach Falsterhof übersiedeln wolle. Daß seine Verwandte
die Absicht ihrer Rückkehr bestätigte, paßte ihm auch nicht. Überhaupt
fand er es sehr überflüssig, daß sie wiederkam, weil es seine Pläne
durchkreuzte. Er fürchtete, daß Frau von Tressen ein offenes Wort mit
Theonie sprechen könne, bevor er Grete geheiratet habe.
Es ging auch aus den Zeilen hervor, daß Theonie gar keine Furcht mehr
vor ihm empfand. Natürlich! Sie hatte ihn ja durch das Schriftstück in
Händen. Wenn er irgend etwas that, was ihr Mißfallen erregte, schädigte
er seine Zukunft.
Tankred kam zum erstenmal der Gedanke, ob es nicht am besten sein werde,
das Feld zu räumen, sich mit seiner künftigen Frau ganz aus diesem
Umkreis zu entfernen! Dann war er mit einem Schlage aller Kontrolle
entrückt und brachte sich aus dem Verkehr und der Nähe der ihm lästigen
Personen. Er wollte es überlegen und mit Grete darüber sprechen.
* * * * *
An einem der dem Vorerzählten folgenden Tage begab sich in der
Vormittagsstunde Frau von Tressen zu ihrer Tochter Grete ins Zimmer.
Grete bewohnte zwei sehr hübsche, in einem erkerartigen Anbau gelegene
Gemächer im Parterre. Von hier aus hatte man einen ungehinderten Blick
ins freie Land und eine Aussicht auf einen weitläufigen, sich bis an
die Seite des Schlosses hin ausdehnenden Garten.
Eine große Ordnung zeichnete die Räume neben ihrer reichen Einrichtung
aus, zugleich aber fiel die Anhäufung von zahlreichen Gegenständen auf.
Hier konnte sich die Behauptung, daß aus der Umgebung eines Menschen
sich sein Charakter ableiten lasse, bewahrheiten; ein geschärftes Auge
erkannte sowohl das Bestreben der Inhaberin der Räume, sich mit
Bequemlichkeiten zu umgeben, als auch ein peinliches Behüten von Besitz.
Auch fehlte ihr der Schönheitssinn nicht. Blumen standen in den Fenstern
und füllten namentlich den Erker. Die vorhandenen Gegenstände bekundeten
sämtlich einen geläuterten Geschmack.
Letzterer war ein Erbteil Gretes von ihrer Mutter; sie glich ihr darin
völlig, während ihre sonstigen Eigenschaften sie durchaus von ihr
unterschieden.
Heute hatte Frau von Tressen die Absicht, endlich einmal mit ihrer
Tochter die materielle Frage der Zukunft zu besprechen. Ihr Mann hatte
ihr mitgeteilt, daß er bei Brecken ein uneingeschränktes Entgegenkommen
gefunden habe, aber das blieb doch gegenstandslos, wenn nicht auch Grete
sich einverstanden erklärte; auch mußte die Höhe der Rente einer
Besprechung unterzogen werden.
Grete befand sich eben beim Putzen ihrer vielen Nippessachen und erhob
etwas überrascht den Kopf, als ihre Mutter zu so ungewohnter Stunde bei
ihr eintrat.
„Hast Du einen Augenblick Zeit? Ich möchte etwas mit Dir besprechen.
Grete —“
„Bitte, liebe Mama. Nur einen Augenblick —“ Und fortfahrend in ihrer
Beschäftigung: „Sieh, wie Minna grenzenlos ungeschickt ist! Da hat sie
nun wieder etwas abgestoßen. Gerade an dem alten Krug! Man müßte die
Dinge einschließen, und dazu sind sie doch nicht da. — So, bitte, Mama!
Willst Du nicht hier sitzen? Noch eins: Habt Ihr heute jemanden
eingeladen? Tankred kommt zu Tisch. Du weißt doch!“
Frau von Treffen nickte. „Gerade über ihn und Dich, aber auch über mich
und meinen Mann wollte ich mit Dir sprechen, Grete. Höre mich also
einmal ruhig an.
Als Dein Vater starb, lagen die Verhältnis sehr einfach, weil überaus
günstig! Ich hatte selbst ein Vermögen, und Dein Vater überließ Dir den
sonst vorhandenen, von ihm in die Ehe mitgebrachten Besitz. Leider
hatten wir — ich meine Dein Stiefvater und ich — viel Unglück. Papiere, in
denen mein Vermögen angelegt war, fielen oder wurden ganz wertlos; und
einmal angebröckelt, zerrann im Laufe der Zeit alles, was ich besessen
hatte.
Stillschweigend haben wir nun von den Renten, die Dir zufielen, mit
gelebt und sind darauf auch für die Zukunft angewiesen, da dein
Stiefvater sowohl seines Alters als seiner Kränklichkeit wegen nicht
imstande ist, noch selbst etwas zu erwerben. Papa hat nun schon mit
Tankred gesprochen und ihm die Notwendigkeit vor Augen gestellt, daß
eine Vereinbarung zwischen Euch und uns stattfindet. In erster Linie
aber hast Du Dein Einvernehmen zu erklären, liebe Grete, und ich möchte
Dir einmal sagen, wie wir uns die Dinge gedacht haben.“
„Ja, liebe Mama,“ ging's in ruhig kühlen Ton aus Gretes Munde.
„Holzwerder warf in den legten Jahren unter Hederichs Verwaltung
durchschnittlich sechzigtausend Mark ab. Davon ist stets ein Teil für
Verbesserungen aufgewendet, der Rest ist für unsern gemeinsamen
Unterhalt, Deine Erziehung und die Abwechslungen, die wir uns verschafft
haben, verbraucht worden. Tankred hat — natürlich unter Vorbehalt — mit
Papa von zwanzigtausend Mark gesprochen, die er Dich bitten würde, uns
zu überlassen. Ihr würdet also mehr als das Doppelte behalten, wenn Ihr
auf Holzwerder bleibt, da Wohnung und Lebensmittel Euch hier nichts
kosten. Wenn es auch natürlich erscheint, daß diese Dinge zwischen
Eltern und Kindern besprochen werden, so bleibt es doch peinlich, und
ich würde Dir dankbar sein, liebe Grete, wenn du nach Rücksprache mit
Tankred das Resultat Eurer Überlegungen ohne abermalige Erörterungen in
einem von unserem Advokaten beglaubigten Dokument Deinem Vater übergeben
wolltest. — Nun, was meinst Du?“ schloß die Frau, als Grete bei der
Pause, die sie machte, nicht gleich ins Wort fiel.
„Ich verstehe ja gar nichts von Geldsachen, liebe Mama. Ich habe keine
Ahnung, wie viel wir für unsern Unterhalt brauchen. Ich meine aber, daß
es ganz selbstverständlich ist, daß Ihr eine auskömmliche Rente bezieht,
zumal Euch die Vorteile des Aufenthalts auf Holzwerder entzogen werden.“
Da diese Antwort auf der einen Seite sehr ausweichend war, der Schluß
aber auf etwas hinzudeuten schien, was Frau von Treffen noch gar nicht
in den Sinn gekommen war, schwieg sie für Sekunden höchst betroffen und
ihre Enttäuschung malte sich deutlich in ihren Zügen. Dann aber nahm sie
mit einem Anflug von anlehnender Abwehr das Wort und sagte:
„Ich verstehe nicht, Kind, was willst Du mit dem letzten Satze sagen?“
„Na ja, ich meine,“ entgegnete Grete, nicht ohne Verlegenheit, „daß Ihr
doch — wohl in Zukunft —“ und nun lenkte sie durch den Ton in einer Weise
ein, als ob das Folgende eben doch nur den Wünschen ihrer Mutter
entspräche, — „in der Stadt leben wollt!“
„Nein!“ gab die Frau kurz und entschieden und wiederum so zurück, als ob
sie die Hoffnung, die sich in den Worten ihrer Tochter ausgesprochen
hatte, gar nicht herausgefühlt habe. „Wir behalten unsern Wohnsitz hier.
Ich denke, wir richten uns oben ein — auch darüber wollte ich mit Dir
reden — und Ihr herrscht unten. Natürlich bleibt Euch das Reich, und wir
bescheiden uns mit den kleineren Räumen.“
„So, so,“ meinte Grete, sich zwangsweise fügend. „Gewiß, ja, das läßt
sich ja auch machen! — Ich weiß nicht, wie Tankred darüber denkt. — Und
was die andere Sache betrifft, so will ich auch gleich heute mit ihm
sprechen. Sei überzeugt, liebe Mama,“ schloß sie, noch mehr einlenkend,
da sie dem sehr ernsten Blicke ihrer Mutter begegnete, „daß die Dinge
sich so vollziehen werden, wie sie einer gerechten Behandlung in solchen
Fällen entsprechen.“
„Es wird also doch nötig sein, daß wir noch einmal reden!? Das möchte
ich nicht. Es wäre mir —“ hier nahm Frau von Treffen schon deshalb
einen entschiedenen Anlauf, weil ihr ahnte, daß sie vielleicht alles
verscherzen werde, falls sie die augenblickliche Gelegenheit nicht
wahrnahm, — „doch lieb, wenn wir beide noch ein Wort über die Höhe der
Rente sprächen, wenn Du, mein liebes Kind, mich dadurch, daß Du Dich
jetzt äußerst, der Peinlichkeit einer abermaligen Erörterung
überhöbest.“
„Nun ja, Mama,“ entgegnete Grete, die nicht minder selbstsüchtig war als
Tankred, aber die Tugend der Offenheit besaß: „Ich finde es, ehrlich
gesagt, etwas viel, was Ihr verlangt. Zwanzigtausend Mark entsprechen
bei vier Prozent einem Kapital von fünfhunderttausend Mark. Es können
ja, so viel ich davon verstehe, in der Landwirtschaft Konjunkturen
eintreten, die unsere Einnahme auf wohl zwei Drittel zu reduzieren
vermögen, — ja, gewiß, Hederich hat mir das früher einmal gesagt, — und
dann ist das Verhältnis doch zu ungünstig. Wir müssen rechnen, was uns
im ungünstigsten Falle bleibt; davon Euch ein Drittel zu überweisen,
scheint mir gerecht und billig. Bitte, laß mich mit Tankred, der ja über
landwirtschaftliche Verhältnisse unterrichtet ist, sprechen, auch noch
einmal mit Hederich Rücksprache nehmen. Ich sage Dir dieser Tage genau,
was wir können und wollen!“
Die verwöhnte Frau, die bisher allein geherrscht und über die
vorhandenen Mittel mit unbeschränkter Hand verfügt hatte, biß die Lippen
aufeinander. Gegen das, was Grete gesagt hatte, ließ sich nichts
einwenden, es verriet zugleich aber einen so festen Willen und einen so
klaren Blick in die Verhältnisse, daß die Frau von der unangenehmen
Überraschung, daß sie so benachteiligt werden sollte, ganz überwältigt
ward.
Und doch bezwang sie sich. Gerade ihre zarte Sinnesart ließ sie
schweigen neben der Erwägung, daß sie ja ohnehin machtlos war, wenn
Grete erklärte, sie wolle sich an ein festes und schriftliches Abkommen
überhaupt nicht binden. Nach dem Umfang ihrer Einnahme und ihres eigenen
Verbrauchs wolle sie geben.
Aber unter dem schmerzlichen Gefühl über den unnatürlich berechnenden
Sinn ihres Kindes griff sie nach dessen Hand und sagte:
„Wir waren bisher so glücklich mit einander, Grete. Laß unser gutes
Einvernehmen nicht erschüttert werden durch Geldfragen, die leider in
den meisten Fällen Zerwürfnisse hervorrufen. Ich bitte Dich, mein Kind,
behalte mich lieb, wie ich Dich liebe, und erinnere Dich stets, daß Du
einst ein hülfloses Geschöpf warst, das nirgends eine bessere Zuflucht
fand als am Herzen seiner Mutter! — Nicht wahr, Grete, Du versprichst
mir, daß Du zu mir und Deinem Vater halten wirst. Ach, oft sah ich schon
mit Sorge in die Zukunft, und mein Sinn ward trübe. Er ist es jetzt
wieder!“
Bei den legten Worten drängten sich schwere Thränen aus den Augen der
Frau, und in Grete von der Linden regte sich etwas von Rührung und guten
Entschlüssen zugleich.
„Ich bitte Dich, Mama, weine nicht. Gab ich Dir denn Anlaß, so traurig
zu sein, habe ich nicht als selbstverständlich betont, daß Euch ein
sorgenfreies Alter gesichert wird? Wenn ich meiner nur einmal
innewohnenden Natur folge, die weniger sorglos und leicht ist als die
Deine, — verzeih die Erwähnung, — und sorgfältig vorher prüfe, so liegt
doch zugleich eine größere Gewähr für Dich darin, daß ich es ernst meine
und gewillt bin, was ich zusage, auch nach Kräften zu halten.“
Grete von der Lindens Worte waren ehrlich gemeint. Sie fühlte, was sie
sprach, wenn sie auch selbst in diesem Augenblicke sich nicht fortreißen
ließ, sondern über den Anspruch, den ihre Mutter erhob, ihre eigene
Meinung festhielt. Sie nahm sich aber vor, allzeit gerecht und billig zu
handeln.
Freilich vergaß sie, daß in Zukunft noch jemand mitzusprechen haben
werde, vergaß, daß Rost an der Seele unaufhaltsam weiter frißt, und daß
kein Mensch vorher sagen kann, welchen Einfluß ein anderer auf seine
Denk- und Handlungsweise gewinnen wird.
* * * * *
Als an diesem Tage Tankred und Grete nach Tisch sich zurückzogen und das
Recht ausübten, das man den nach Alleinsein drängenden Verlobten
einräumt, entwand sich Grete ziemlich rasch seinen Armen und sagte:
„Bitte, laß, lieber Tankred! Ich möchte heute einmal mit Dir über die
Zukunftsangelegenheiten meiner Eltern sprechen!“
Tankred horchte auf. Was Grete sagte, regte ihn sehr an, und da es sich
um diese Angelegenheit handelte, überwand er den Verdruß, daß sie sich
den Zärtlichkeiten entzog, nach denen sein leidenschaftlicher Sinn
verlangte.
Grete berichtete sodann über das zwischen ihr und ihrer Mutter
gepflogene Gespräch und schloß, nachdem sie in ihrer überlegenen Weise
die Dinge dargestellt hatte, mit den Worten: „Was meinst Du? Findest Du
nicht, daß ich recht habe, wenn ich die Ansprüche der Eltern etwas
einzuschränken wünsche?“
Tankred nickte lebhaft. Daß Grete hervorgehoben hatte, bei schlechteren
Konjunkturen könnten ihm und ihr nicht dieselben Lasten auferlegt werden
wie in guten Zeiten, gefiel ihm ganz außerordentlich.
Hier fand sich der Punkt, an dem er für seine geheimen Absichten
anknüpfen konnte.
Nachdem er seine Braut mit vielen offenen und versteckten Komplimenten
überschüttet hatte, erwiderte er:
„Wäre es nicht überhaupt am besten, die Akte, wenn solche überhaupt
nötig ist, — Mißtrauen können Deine Eltern doch nicht in uns setzen! — so
zu fassen, daß wir uns verpflichten, ihnen ein Drittel der jedesmaligen
Jahreserträgnisse zu überweisen, so lange beide leben, die Hälfte des
Drittels aber, wenn eins von ihnen stirbt? Und wäre es nicht
andererseits auch gerecht, wenn sie Dich bei dieser Gelegenheit zum
Erben ihres eventuellen Nachlasses einsetzen?“
Grete bewegte den Kopf. Der erstere Vorschlag gefiel ihr, entsprechend
ihrer nüchternen Veranlagung, ausnehmend. Der Zusatz, ein kleinliches
Spekulieren auf eine sehr große Unwahrscheinlichkeit, mutete sie weniger
an. Bis jetzt sträubte sich ihre Natur noch immer dagegen, etwas zu
thun, was einen anfechtbaren Charakter trug. Sie suchte aber aus
Rücksicht gegen Tankred der Sache eine leichte, mehr komische Seite
abzugewinnen, und sagte lächelnd:
„Da können wir ebenso gut die Forderung stellen, daß die Spatzen auf den
Dächern Holzwerders nach ihrem Tode ihr Gefieder zu unserer Verfügung
stellen. — Ich meine,“ fügte sie, selbst gestört durch die Ironie und den
Anflug von Unzartheit in ihren Worten, hinzu: „Auf diese Erklärung
können wir schon deshalb verzichten, weil nie etwas da sein wird. Meine
Eltern verstehen ja gar nicht, Haus zu halten. Und schriftlich muß ich
Ihnen die Zusicherung einer Rente geben, und Du mußt, um Deine
Zustimmung auszudrücken, mit unterschreiben. Da Mama es so erbeten hat,
mag ich es ihr nicht abschlagen.“
„Und ich muß zustimmen, Grete?“ fiel Tankred schmeichelnd ein und küßte
seine Braut zärtlich. „Du willst also nicht nur Herz- und
Seelengemeinschaft, sondern auch Gütergemeinschaft mit mir schließen?“
„Ja, ich mit Dir, und Du mit mir!“
„Ah — —“ stieß Tankred heraus und lächelte künstlich.
Das junge Geschöpf behandelte Geldsachen, als ob sie ihr seit
Kindesbeinen geläufig seien. Und sie gab wohl, wußte aber auch wieder zu
nehmen. Ihre praktische Umsicht war in der That erstaunlich! Aber er
ließ nichts von seinen Eindrücken merken, stimmte ihr nur, um ihre
Vertrauensseligkeit zu bestärken, durch ein „Natürlich! natürlich,
liebster Schatz!“ bei und triumphierte, daß ihm solche seine Macht und
seinen Einfluß für die Zukunft sichernde Vergünstigung freiwillig
geboten ward.
Über die schriftliche Zusicherung, die Tressens gegeben werden sollte,
dachte er auch schön günstiger. Wenn kein Fixum festgestellt, vielmehr
die Summe von den nicht kontrollierbaren Einnahmen, die das Gut
erzielte, abhängig gemacht wurde, dann waren genug Hinterthüren
vorhanden, um Tressens später die Einkünfte zu schmälern. — Endlich
unterlag der künftige Wohnsitz der „Alten“ noch einer Erörterung
zwischen Tankred und Grete.
„Ich meine allerdings, daß dies ein Punkt ist, wo Du fest bleiben mußt,
Grete. Ohne Not mit den Schwiegereltern zusammenzuwohnen, heißt, täglich
das Dach öffnen, um das Wetter hereinzulassen. Aber bitte, berühre diese
Sache vorläufig noch gar nicht. Wir werden sagen, daß wir nach der
Hochzeit eine Reise unternehmen wollen, und unsere Wünsche sprechen wir
dann in sehr rücksichtsvoller, aber ebenso entschiedener Weise
schriftlich aus. Mündliche Erörterungen sind peinlich, ihnen wollen wir
aus dem Wege gehen. Daß sie uns jährlich einmal besuchen, kann uns
natürlich nur sehr willkommen sein, aber sie oben, wir unten, das führt
zu nichts Gutem. Übrigens will ich zugeben, — “ hier trug Tankred der
Möglichkeit Rechnung, daß doch einmal das Gespräch über diesen
Gegenstand Tressens zu Ohren kommen könnte, — „daß für ein Zusammenleben
wenige Personen sich so eignen, wie Deine überaus treffliche Mutter und
Dein sehr liebenswürdiger Papa.“
Grete war sichtlich völlig einverstanden. Gegen das vorgeschlagene
Versteckspielen lehnte sich ihre ehrliche Natur freilich ein wenig auf,
aber sie überwand ihr Schwanken leicht, weil sie die eben von Tankred
hervorgehobene Peinlichkeit einer mündlichen Erörterung in Betracht
zog.
„Wann siedelst Du denn nun nach Falsterhof über, lieber Tankred?“ warf
dann noch Grete hin. „Woran liegt's eigentlich, daß Du nicht Ernst
machst? Die Gründe von früher sind doch nun hinfällig.“
Da schoß es Tankred von Brecken durch den Kopf, daß er das Ungünstige
für sich günstig nützen könne, und er gab, den Tag, an welchem die Szene
mit Frege stattgefunden, auf eine frühere Zeit verschiebend, diesen
Vorfall als Grund für sein Fernbleiben von Falsterhof an. Grete werde
verstehen, wie ungemütlich es sei, einen solchen renitenten Menschen,
den er aber doch nicht fortschicken könne, um sich zu haben. Den
Gegenstand, wegen dessen er ihn gezüchtigt hatte, umging er; er erwähnte
nur, daß Frege sich höchst unverschämt betragen habe. Eine offene
Darlegung des Sachverhalts schien ihm gefährlich; sie konnte doch
Mißtrauen erwecken. Gerade das Schriftstück hatte ja Tressens
Bereitwilligkeit, einer Verlobung mit Grete zuzustimmen, gefördert;
letztere selbst — Tankred bezweifelte es nicht — würde ohne die Aussicht,
die ihm durch dasselbe auf Falsterhof eröffnet wurde, gezögert haben, ja
zu sagen.
Er durchschaute sie ganz. Sie aber, seiner Kunst erliegend, traute ihm
bisher nichts Schlechtes zu; sie fand ihn etwas berechnend und
selbstsüchtig, aber das störte sie keineswegs, im Gegenteil, das erhöhte
seinen Wert in ihren Augen. —
Inzwischen hatte die Unterredung mit ihrer Tochter Frau von Tressen
nicht minder beschäftigt als Tankred und Grete, ja, so wenig
vorteilhaft war der Eindruck gewesen, den sie davon empfangen, und so
sorgende Zweifel waren in ihr aufgestiegen, daß sie beschloß, einmal
vertraulich mit Hederich über den Gegenstand zu reden. Sie glaubte, sie
werde durch eine Rücksprache mit ihm Beruhigung finden. Er kannte Grete
so lange und hatte sich auch ein Urteil über Tankred gebildet. Der
Drang, das, was ihr Herz beschwerte, abzulösen, trieb sie; es lag in
ihrer lebhaften Art, daß sie Dinge, die sie beschäftigten, nicht auf
sich beruhen lassen konnte.
Da sie Hederich mehrere Tage nicht gesehen hatte, wollte sie auch über
Höppners etwas von ihm erfahren. Hederich war, wie das Hausgesinde ihr
gesagt, in letzter Zeit sehr oft im Pastorenhause gewesen. Seine Liebe
zu der Frau, der einzigen Tochter eines vordem in der Nähe ansässig
gewesenen, verstorbenen Gutsbesitzers, bei dem er viel verkehrt hatte,
schien keineswegs erloschen. Oder vielleicht hatte sich sein Herz
besänftigt, und nur die Gewohnheit trieb ihn häufiger in die Nähe der
Pastorin.
Hederich bewohnte ein mit allem möglichen Krimskrams vollgepacktes, zur
rechten Hand im Verwalterhause liegendes Parterrezimmer. Als Frau von
Tressen bei ihm eintrat, saß er in dem sehr heißen Gemach in Hemdsärmeln
und war mit der Prüfung von Gutsrechnungen beschäftigt.
Bei ihrem Kommen sprang er verlegen empor, mühte sich mit großer
Ungeschicklichkeit, seinen Hausrock anzuziehen, wobei er zunächst nicht
in den Ärmel, sondern in das Brusttaschenloch fuhr, und räumte dann
einen mit Rechnungsbüchern bepackten Stuhl ab.
„Hier, hier, bitte, gnädigste Frau. Daß Sie mich auch gerade so finden.
Ich bitte, drum und dran, um Entschuldigung.“
Frau von Tressen suchte ihm durch erhöhte Liebenswürdigkeit seine
Verlegenheit zu nehmen, setzte sich und kam gleich auf die Sache. Sie
teilte Hederich im Vertrauen mit, daß die Zukunft ihr große Sorge mache,
und daß sie das Bedürfnis habe, sich gegen ihn darüber auszusprechen.
„Es tritt ein neuer Abschnitt in unserem Leben ein, wir stehen nun
wirklich vor dem, was ja einmal kommen mußte, und ich fühle, wie
notwendig es ist, den Augenblick zu nützen.“
„Gewiß, gewiß — drum und dran, jeder ist sich selbst der nächste,“
bestätigte Hederich, ohne einen in einer abgenagten Spitze steckenden
Zigarrenrest fortzulegen, und immerfort mit dem kleinen Finger über die
ausgekohlte Fläche fahrend.
„Ja, mein guter Hederich, aber es ist nicht leicht, weil Erörterungen
über den Gegenstand peinlich sind. Es beunruhigt mich auch, daß die
jungen Leute durchaus nicht zu wünschen scheinen, daß wir auf Holzwerder
bleiben.“
Hederich antwortete nicht gleich, er bewegte nur die Schultern und holte
seufzend Atem.
‚Ja, ja, das glaube ich wohl,‘ stand in seinem Wesen ausgedrückt. Dann
aber sagte er freundlich und doch einen ehrerbietigen Ton in seine Worte
legend:
„Was meinen Sie, gnädige Frau, wenn ich mal mit Fräulein Grete spräche?
Ich weiß, sie giebt was auf mich; ja, sie thut, was ich ihr rate.
Neulich kam sie von selbst an und fragte allerlei. Sie wollte wissen,
wie viel das Gut abwürfe und anderes, drum und dran.“
„Ich sehe, Sie teilen meine Besorgnisse — ich sage Besorgnisse, Hederich,
denn mich von Holzwerder trennen zu sollen, ist mir ein nicht ausdenkbar
schmerzlicher Gedanke. Und mit Grete reden? Hm — hm — Sagen Sie, guter
Hederich, — offen zwischen uns, was halten Sie von Herrn von Brecken?“
„Dieselbe Frage richtete Grete damals auch an mich,“ bestätigte
Hederich, kratzte seinen Kopf und sog, in Gedanken verloren, an der
zerbissenen Zigarrenspitze.
Hederich hatte mancherlei kleine üble Gewohnheiten, aber in seiner
Kleidung war er stets musterhaft sauber, und auch sein Gesicht, so wenig
schön es war, besaß eine trockene, gesunde, spiegelsaubere Farbe, die
Anlaß gab, daß Kinder sich leicht an ihn schmiegten und ihn herzten.
Überhaupt wirkte seine Erscheinung, wenn er nicht gerade das Gesicht
unter dem Reflex innerer Eindrücke allzu sehr auf- und abzog, sehr
sympathisch.
Eine warme Empfindung durchdrang gegenwärtig auch Frau von Tressen; sie
liebte den Mann, sie fühlte grade in diesem Augenblick, wie sehr ihr
Herz ihm zugethan war, und seine Bewegungen, das häufige Berühren des
Gesichts mit den Händen, sein Kopfkratzen und Schulterziehen gehörten
einmal zu ihm.
„Nun, und was erwiderten Sie, Hederich?“ fragte Frau von Tressen sehr
gespannt.
„Drum und dran, ich sagte, er kenne nur sich und nochmals sich, aber
sonst hätte er wohl die ausgelassenen Tage im Rücken und würde sicher
künftig seinen Kram zusammenhalten.“
„Sie raten mir also auch, daß ich auf sehr präzisen Abmachungen bestehe?
Auf schriftliche!?“
„Na ob!“ stieß Hederich heraus.
„So — so — hm — hm,“ machte Frau von Tressen. Sie war betroffen, und doch
stimmte das Geäußerte mit ihren eigenen, bisher nur zurückgedrängten
Gedanken überein. So sagte sie denn:
„Nein, sprechen Sie einstweilen nicht mit meiner Tochter, Hederich. Es
sei denn, daß sie selbst anfängt. Und bezüglich unseres Hierbleibens
habe ich noch eine Idee. Ich denke, da werde ich schon das Richtige
treffen und meine Wünsche zur Geltung bringen. — Um übrigens etwas
anderes zu berühren, wie geht es Pastor Höppner?“
„Er kommt sich wieder! Seit gestern nachmittag ist eine Änderung
eingetreten,“ erklärte Hederich. „Er mag wieder essen, und der Doktor
sagt, nun wäre alles gewonnen. Der Pastor lachte gestern, — ich saß an
seinem Bett, — als Fräulein, Fräulein — drum und dran — nun kann ich
wahrhaftig nicht auf ihren Namen kommen, — Fräulein Carin ihn ein bischen
neckte. Ist doch eine Perle von einem Frauenzimmer! Offen gesagt, das
kann ich Fräulein Grete nicht verzeihen, daß sie mit ihr so umgesprungen
ist.“
Bei Carins Erwähnung machte Hederich sehr eigentümliche Augen, so viel
Zärtliches drückte sich in seinen Mienen aus, daß Frau von Tressen
überrascht ihren Blick auf ihm ruhen ließ. Dann aber hellte es sich in
ihr auf.
Nicht der Pastorin galten am Ende seine vielen Besuche, sondern Carin!
Auch das beschäftigte die Frau, als sie nun Abschied nahm und langsam
über den vom Schnee freigelegten Weg aufs Schloß zuschritt. —
Am Abend war eine kleine Gesellschaft von Gutsfreunden aus der Umgegend
nach Holzwerder geladen, und sie erschienen alle, obschon am Nachmittag
ein schweres Schneetreiben aufgekommen war. Um so anheimelnder wirkten
die lichtdurchstrahlten, sanft und gleichmäßig erwärmten,
teppichbedeckten Räume im Schloß Holzwerder, und Hederich, der sich als
letzter Gast über den schneebedeckten Hof aufgemacht hatte, gab den
Empfindungen aller Ausdruck, als er, beim Eintreten von Herrn von
Tressen bewillkommt, ausrief:
„Drum und dran! Man wird überhaupt erst wieder Mensch, wenn man hier in
die Gemütlichkeit kommt!“
Bei Tisch erhob sich ein sehr lebhaftes politisches Gespräch zwischen
den Herren, und später ward eine neue, die Gutsverhältnisse betreffende
Regierungs-Verfügung in den Bereich der Erörterung gezogen, die auch
nach Aufhebung der Tafel die Herren noch beschäftigte, als sie die Damen
allein ließen und sich ins Rauchzimmer begaben.
Als Grete, die sich auch eben bei den Frauen niederlassen wollte, den
zurück gebliebenen Hederich bemerkte, machte sie eine auf die
Gesellschaft berechnete Bewegung, als ob ihr plötzlich etwas noch
notwendig zu Besorgendes einfiele, eilte ins Nebengemach und faßte des
alten Freundes Arm.
„Kommen Sie, ich möchte Sie etwas fragen, lieber Hederich!“ sagte sie
und zog ihn in ein neben dem Zwischengemach befindliches, ebenfalls
geöffnetes und erleuchtetes Kabinet.
Er folgte bereitwillig, und nachdem sie ihm für die in seiner Hand
befindliche, unangezündete Havannazigarre Feuer aufgedrängt und sich
neben ihm niedergelassen hatte, fuhr sie fort:
„Nicht wahr, Mama war heute vormittag bei Ihnen, Hederich? Was wollte
sie? Sprach sie über mich?“
„Drum und dran. — Ja! Wenn Sie mich fragen, liebes Fräulein —“
„So — o, also doch!“ machte Grete langgezogen, „bitte, sagen Sie mir
alles. Ich wäre Ihnen wirklich sehr, sehr dankbar, wenn Sie wir den
Inhalt des Gesprächs rückhaltlos mitteilen wollten.“
„Wie kommen Sie denn mit einemmal auf so was?“ schob Hederich, sich in
seiner platten Weise ausdrückend, eigentlich nur um sich zu sammeln,
ein. „Haben Sie Unannehmlichkeiten mit ihr gehabt —?“
Grete schüttelte den Kopf. „Nein, durchaus nicht! Aber Mama hat in
diesen Tagen die Zukunft mit mir besprochen, und ich habe dann mit
meinen Verlobten geredet, und da — da — fürchte ich doch, daß sich noch
allerlei Schwierigkeiten herausstellen werden. Ich möchte nun gern
wissen, worauf sich bei den Eltern die Sache vorzugsweise zuspitzt. Also
bitte, erzählen Sie.“
Aber Hederich that nicht gleich, was sie verlangte. Er faßte die Hand
des schönen, jungen Geschöpfes, das er einst auf den Knieen gewiegt, und
das die Arme so oft zärtlich um seinen Hals geschlungen hatte, und
sagte:
„Hören Sie, liebe Grete — liebes Fräulein Grete. Ich möchte Sie, bevor
wir weiter sprechen, einmal erinnern dürfen an vergangene Zeiten. Ich
bin Ihr alter Freund, — Sie werden mir deshalb das offene Wort zu gute
halten — ich bin auch ein Freund Ihrer Eltern und besonders Ihrer Mama.
Drum und dran, sie hat ja auch ihre Fehler. Ich sagte es schon neulich,
aber sie verehre und liebe ich nun mal ganz besonders, — und da drängt es
mich, zu sprechen, damit nichts, gar nichts den guten Frieden des Hauses
auch in Zukunft stört. Ich meine, Sie sollten nicht zuerst an sich und
Ihren Bräutigam denken, sondern zuerst an Ihre Mama, die seit Ihrer
Geburt keinen andern Gedanken hatte, als den, wie sie Sie hochbringen,
erziehen und glücklich machen könnte. Verdient das nicht Dank von Ihrer
Seite? Kann das jemals vergessen werden? Man sieht es so oft, drum und
dran, wie eine Mutter sich den Bissen am Munde abspart, um selbst ihren
schon erwachsenen Söhnen und dann auch noch wieder ihren Enkeln etwas
zuzuwenden — es ist ja, um das Herz weich zu machen, was solche Frauen
fertig bringen! Aber die Kinder, — die Kinder!? Es ist wahr, was in der
Bibel steht!
Sie aber, Fräulein Grete, sollten nicht nur an sich denken. Sie sollten
nicht zu denen gehören. Gewiß, Sie sind einmal nicht weichmütig, der
liebe Gott hat Ihnen mehr den Verstand gegeben. Schon als kleines
Mädchen sammelten Sie im Garten alles auf, die Birnen und Äpfel, und
sprachen davon, daß man es brauchen könnte. Aber es giebt etwas, das
Anständigkeit in der Gesinnung heißt, — drum und dran — mißverstehen Sie
mich nicht, und da meine ich, in erster Linie sollten Sie Ihren Eltern
hier in Holzwerder die Wohnung lassen.
Sehen Sie, das ist's, was Mama das Herz so schwer macht. Sie sagt, sie
könnte es nicht überleben, wenn sie hier weg sollte. Bitte, liebes
Fräulein, suchen Sie da das Rechte zu finden: es ist ja immer schwer,
wenn man so zusammenhockt, — gewiß, — aber bei jedem Menschen ist etwas,
was er wohl anders haben möchte, und — und — ich glaube auch, Ihre Mama
wird sich nicht in Ihre Sachen mischen, Ihr Papa erst gar nicht. Wenn
Sie gesehen hätten, wie bedrückt sie war —“
Hederich hielt inne und beobachtete, obschon er sich ein anderes Ansehen
gab, Gretes Mienen. Freilich fand er nicht ganz das darin, was er
gehofft hatte. Gerade dieser Punkt war es ja, der Grete trotz der Abrede
mit Tankred Sorge machte. Ihr Instinkt sagte ihr, daß sie aus Erfahrung
nicht beurteilen konnte, welche Schwierigkeiten ein Zusammenleben haben
werde. Indessen hatte Hederichs Rede doch einen weit tieferen Eindruck
auf sie gemacht, als es ihm scheinen wollte.
Sie drückte die hingehaltene Hand des Alten und sagte ernst, fast
schwermütig:
„Es ist mir oft so, als wäre mein Herz geteilt, und die beiden Hälften
gehörten gar nicht zusammen. Bisweilen bin ich nur Gefühl, und alles,
was ich thue, unterliegt ihm. Manchmal wieder ist's ganz anders. Nicht
nur der Verstand spricht dann, sondern ich lehne mich fast boshaft auf
gegen alles, was sich mir entgegenstellt. Ja, boshaft, Hederich! Ich
fühle Befriedigung darin, jemandem weh zu thun. So war's mit Carin.
Es brannte in mir, ihr Unangenehmes zu sagen, ich wollte mich auch von
ihren stets vigilierenden Augen befreien. Und als sie fort war, sehnte
ich mich zwar nicht nach ihr, ein Beweis, — daß ich sie wohl doch nicht
so geliebt habe, wie ich glaubte, — aber ich schämte mich meiner
Herzlosigkeit. Was wohl noch einmal aus mir wird! Ich ängstige mich
bisweilen. — Ich glaube — ich glaube —“
„Nun?“ setzte Hederich, weich sprechend, an.
Das Mädchen richtete sich höher empor, sah Hederich fest in die Augen
und sagte, die Stimme dämpfend: „Ja, ich glaube eigentlich, daß ich
hätte einen Mann haben müssen, der wie Pastor Ja-ja viel, sehr viel Herz
hat, nicht mir so ganz ähnlich sieht, wie Brecken. Wenn ich allein bin,
mache ich Pläne, wie ich doch den Eltern alles zuwenden will, — zwar
nicht ganz so, wie sie es meinen, aber doch reichlich — und wenn ich ihn
dann höre, und es zur That kommen soll, so erheben sich wieder ganz
andere Stimmen in mir.
Nicht wahr, Sie sagen niemandem, daß ich je so mit Ihnen sprach,
Hederich! Sie aber sollen doch sehen, daß ich nicht so herzlos
bin, — schlecht und berechnend nennen sie mich sogar in der
Nachbarschaft; ja, ja, ich weiß wohl, wie sie über mich urteilen, — also,
daß ich nicht so herzlos bin, um sich sogar des Nachdenkens über mich zu
entschlagen.“
„Sie sagten eben,“ knüpfte Hederich an, und eine Hoffnung, rasch wie ein
Funke, glühte plötzlich in ihm empor, „daß Sie fühlen, Sie müßten einen
weicher gearteten Menschen an Ihrer Seite haben. Heißt das, drum und
dran, daß Sie Ihre Wahl bereuen? O, dann handeln Sie, so lange es noch
Zeit ist. Ich bitte, ich beschwöre Sie! Die Augenblicke, wo die Sinne
sprechen, sind kurz, — nachher kommt eine lange, ewig lange Zeit, und
wenn man dann nicht zu einander paßt, möchte man alles hingeben, um
wieder los zu werden, was man zu erobern so viel Eile hatte.“
Es flog durch den Körper des Mädchens, als ob ein Schauder sie erfaßte;
sie atmete tief, tief auf und starrte, die Augen senkend, auf den
Fußboden.
„Ach Hederich — ich weiß es nicht,“ drang's rasch und stöhnend aus ihrem
Munde, und ein hülfloser Ausdruck trat in ihre Züge. Aber es war nur für
Sekunden. Dann war alles wieder verwischt, sie schüttelte den Kopf, in
ihren Mienen lag das alte Phlegma, und sie sagte fast geschäftsmäßig:
„Das ist eben der Kampf bezüglich seiner. Aber es ist doch nicht das
Richtige. Ein Mensch muß wissen, was er will!“
Zum Unglück trat, als Hederich trotz ihrer Äußerungen noch einmal
anknüpfen wollte, — so viele, eindringliche, beredte Worte lagen ihm auf
der Zunge, — Frau von Tressen ins Gemach, und ihre Unterhaltung ward
unterbrochen.
„Da bist Du, Grete. Tankred sucht Dich überall“ rief sie. Und neckend
fuhr sie fort:
„Er wird sicher eifersüchtig werden, wenn er erfährt, daß Du so lange
mit Hederich in heimlicher Ecke geplaudert hast!“
Grete aber sagte zur höchsten Überraschung beider sehr ernst, fast
finster:
„Er hat wirklich auch Ursache, eifersüchtig zu sein! Ich kenne keinen
besseren Mann auf der Welt, als Hederich, und ich hätte gleich ja
gesagt, wenn er um mich angehalten hätte.“
Nach diesen Worten eilte sie rasch fort.
Nachdem Frau von Tressen sich von ihrem Erstaunen erholt hatte, stieß
Hederich, dem's blutrot über das Gesicht gelaufen war, unter Umgehung
von Gretes letzten Worten heraus:
„Drum und dran, gnädige Frau, sie hat doch ein gutes Herz. Aber
freilich, er, — er wird's nicht ausbilden!“ Nun schritten sie beide
nachdenklich, aber mit dann sich rasch wieder glättender Miene auf den
Kreis der Gäste zu. —
* * * * *
Fast zehn Monate waren vergangen. Der Sommer war lange ins Land gezogen,
und seit dem Vorerzählten hatte sich vieles verändert.
Tankred von Brecken hatte Grete von der Linden heimgeführt und befand
sich, während Tressens sich nach wie vor auf Holzwerder aufhielten,
schon seit seiner Heirat mit ihr auf Reisen. Der Pastor erfreute sich
seiner alten Gesundheit, predigte wie früher von der Kanzel, hörte die
energischen Reden seiner Frau und horchte auf Lenchens süßes Geplauder,
und endlich war auch Theonie, nachdem sie ihre Rückkehr Tankreds halber
immer von neuem aufgeschoben hatte, nunmehr wieder auf Falsterhof
eingezogen.
Aber noch etwas anderes, das im Winter in der Schwebe gewesen, hatte
Gestaltung gewonnen. Carin war Theonies Gesellschafterin geworden und
aus dem Pastorenhause, wo man ihr so freundlich zuvorkommend
Gastfreundschaft geboten hatte, nach Falsterhof übergesiedelt. Carin
schien, seitdem sie neben Theonie einherging, um Jahre verjüngt.
Nicht ganz so erfreulich standen die Dinge auf Holzwerder. Herrn von
Tressens Gesundheitszustand war nicht der beste; es machten sich Leiden
bei ihm bemerkbar, die ihn häufig auf längere Zeit ans Zimmer oder gar
ans Bett fesselten. Die freie Bewegung ward ihm gehemmt. Empfang von
Gästen im eigenen Hause und Besuche bei Freunden in der Nachbarschaft
mußten eingeschränkt werden.
Gretes Mutter fühlte zum erstenmal eine starke Vereinsamung; unheimlich
drängte es sich ihr auf, daß das Alter sich nahe, daß allerlei Verzicht
geboten erscheine, und statt des früheren raschen ein mehr beschauliches
und auf die Pflege des Körpers gerichtetes Leben notwendig und weise
sei. Aber noch etwas anderes drückte sie: Es war doch so ganz anders
geworden, seitdem ihr Mann und sie die Herrschaft auf Holzwerder hatten
abgeben müssen, sie waren nicht mehr der alleinige Mittelpunkt in der
Wirtschaft; man fragte sie nicht wie früher, und sie trafen keine
Entscheidungen.
Schon durch die Beschränkung auf die ihnen oben im Schloß eingeräumten
Zimmer wurden sie täglich an die eingetretene Veränderung erinnert. Die
Gewohnheit, zu herrschen, zu gebieten, wirkte nach, und mit dem Verlust
stieg der Reiz. Wenn Hederich über Gutsgeschäfte sprach, so war es des
neuen Herrn Wille, dem er sich fügte. Hederich mußte Tankred
allwöchentlich berichten und empfing Anweisungen von ihm.
Das junge Paar war nur deshalb noch nicht zurückgekehrt, weil Grete
neuerdings an einer fieberartigen Erkrankung, die zwar keinen
ernstlichen Charakter angenommen hatte, aber doch den Aufschub der
Weiterreise erforderlich machte, daniederlag.
Die Briefe, welche das junge Ehepaar schrieb, atmeten nicht gerade
übermäßige Wärme. Tankred machte zwar glatte Worte, aber sie erschienen
auch eben nur als solche, und Grete gab sich, wie sie war: kühl und
verstandesnüchtern. Über das Verhältnis zu ihrem Manne schrieb sie
nichts; ob sie glücklich sei, erwähnte sie mit keiner Silbe. Ihre
Berichte beschränkten sich auf Schilderungen der Länder, die sie
besuchten, auf Reiseeindrücke und auf ihr Befinden.
Gelegentlich blickte auch etwas von Sehnsucht nach Holzwerder durch.
Ihre Heimat sei doch am schönsten, hatte sie geäußert, aber das war das
einzige gewesen, was ihr Veranlassung zu einer Empfindungsäußerung
gegeben hatte.
Seine lange Abwesenheit begründete das junge Paar durch den Umstand, daß
sie, abgesehen von Gretens Unpäßlichkeit, beide noch nie etwas von der
Welt gesehen hätten; sie wollten nun die Gelegenheit nützen.
Deutschland, England, Paris, die Schweiz und zuletzt Italien hatten sie
auf kürzere oder längere Zeit berührt.
Neuerdings verkehrte Hederich sehr viel bei den Alten, fast jeden Abend
kam er, spielte Whist oder plauderte und berichtete, was ihm die Spatzen
zugetragen.
Er hielt mit seinem kühlen Urteil über Tankred auch jetzt nicht zurück,
aber gestand zu, daß sein neuer Herr für vieles einen richtigen Blick
habe und gut zu disponieren verstehe.
„Er wird's auch bald allein machen, drum und dran! Weshalb noch einen
Verwalter halten und bezahlen?“ hatte er schon hingeworfen und auf die
Einwände der beiden Tressens hinzugefügt: „Ja, ich sagte auch bezahlen,
gnädige Frau. Er ist wie das Fräulein, er sieht auf den Schilling.“
Tressens fühlten, daß Hederich recht habe; in den letzten Wochen vor der
Hochzeit hatten sich allerlei kleine Dinge bemerkbar gemacht, die nur
wegen mangelnder Veranlassung früher nicht zum Ausdruck gelangt waren.
Ihrer Kinder Engherzigkeit hatte Tressens gestört, aber gerade sie, die
es nicht verstanden, zu hüten, schätzten doch auch wieder deren
Sparsamkeitssinn, wenn schon ihr Temperament sie einmal hinriß, sich
dagegen aufzulehnen.
Wenn die Alten allein waren, gaben sie ihren Gedanken rückhaltslos
Ausdruck; Befürchtungen, die durch die Abmachungen vor der Hochzeit
beseitigt zu sein schienen, machten sich leise vorahnend wieder geltend.
Grete und Tankred hatten ihnen ein Drittel der Jahreserträgnisse des
Gutes überwiesen und ihr Einverständnis erklärt, daß die Alten im Schloß
wohnen blieben. Wenn sich später herausstellte, daß doch ein so enges
Zusammenleben nicht zuträglich sei, so verpflichteten sie sich, ihnen
eine Wohnung in Elsterhausen für ihre Bedürfnisse einzurichten, ohne
allerdings gehalten zu sein, sie noch besonders zu bezahlen.
Grete hatte ihren Eltern diese nach wiederholten Beratungen mit Tankred
aufgesetzten Punkte eines Tages als ihren unabänderlichen Willen
unterbreitet, ja, das Aktenstück ihnen gleich unterschrieben auf den
Tisch gelegt. Der Rechtsanwalt hatte Tressens in einem privaten
Schreiben geraten, anzunehmen, was ihnen geboten wurde. Es sei doch
möglicherweise auch in ihrem Interesse, daß eine Trennung stattfinde,
und der materielle Punkt sei nicht wohl anfechtbar, da die Überweisung
eines Drittels aus den Einkünften koulant zu nennen sei. —
Es war mitten im Juni, an einem das Gemüt erheiternden, sehr schönen
Sommertage, als nach Tisch ein Brief von Grete eintraf, der nunmehr
verkündete, daß Breckens zurückkehren würden.
Zufälligerweise hatten sich Theonie und Carin, welch letztere nach wie
vor von den guten Gesinnungen der beiden Tressens stete Beweise erhielt,
auf Holzwerder zum Nachmittag angemeldet. Zwischen Theonie und Tressens
hatte sich aus naheliegenden Gründen ein freundschaftlicher Verkehr
entwickelt, und die Neigung, sich häufiger zu begegnen, war dadurch
verstärkt worden, daß Hederich, der bei Theonie viel aus- und einging,
ein für die Herbeiführung einer Annäherung erprobtes Mittel fleißig zur
Anwendung brachte. Er berichtete beiden Gruppen das Günstige, was sie
übereinander geäußert hatten.
Theonie hatte es sich zum Gesetz gemacht, ein Urteil über Tankred
Tressens gegenüber nicht abzugeben; sie wollte ihnen ihren guten Glauben
nicht nehmen, auch lag es in ihrer Art, Kritiken über Nebenmenschen
auszuweichen. Sie schien auch Carin in diesem Sinne beeinflußt zu haben.
Es kam aus dem Munde Carins nie mehr ein tadelndes Wort über den
inzwischen der Familie Tressen so nahegerückten Mann.
„Wir wollen nun die alten Dinge ruhen lassen, Frege!“ hatte Theonie nach
ihrer Rückkehr auch gegen letzteren geäußert. Sie fühlte, daß sie, wenn
sie auch durch die damaligen Erregungen entschuldigt wurde, nicht recht
gehandelt hatte, ihren Diener als Wächter und Berichterstatter über
Tankred anzustellen. Das in ihr wohnende, Milde heischende
Gerechtigkeitsgefühl kam immer wieder zum Ausdruck.
Frau von Tressen hatte für die erwarteten Gäste im Garten in einer Laube
den Kaffee servieren lassen und sich eben dahin begeben, als der
Gutsbote Gretes Brief brachte.
„Lies ihn noch rasch vor, ehe Frau Cromwell kommt,“ bat Herr von Tressen
seine Frau und lehnte sich in einen der Gartenstühle zurück.
Sie nickte und sagte — schon hatte sie das Schreiben zur Hälfte
durchflogen —: „Wie sonderbar sie sich doch brieflich ausdrückt, und wie
eigentümlich sie die Sätze formt!“
Dann begann sie:
‚Liebe Mama!
Tankred meinte anders. Ich meinte aber, daß zu viel weniger sei. Er
dann auch. Das ging vorher, und ich sage es, weil wir erst eben
schrieben, die Reise sei noch aufgeschoben. Wann wir kommen? Wir
wollen direkt reisen, aber es hält uns ein schöner Punkt, ein Wald,
eine Aussicht, eine Bekanntschaft unterwegs länger; dann später. Erst,
wenn wir Euch ganz nahe, melde ich den Tag bestimmt. Man freute sich
damals fortzugehen. Jetzt anders. Oft kann ich es kaum erwarten, in
meinem Stübchen zu sitzen. Bitte, die Blumen! Vergiß sie nicht. Wie
schön, daß Papa besser ist. Das giebt ruhige Stimmung; man wünscht sie
herbei, immer draußen und drinnen hell. Wer liebt es nicht? So vieles
ist zu erzählen, aber zu viel läßt gar nicht reden. Man weiß nicht, wo
beginnen und wo enden! Es sollte doch anders sein. Ich berichte Dir
mündlich alles. Daß das Korn so schön steht, schreibt Hederich. Auch
eine gute Nachricht. Ich bin ganz hergestellt, da beschäftige ich mich
mehr mit Euch. Das will ich auch, und Ihr wollt es. Man soll die
Funken anblasen. Wer sich immer recht verstände! Tankred ist klarer.
Wenn er nicht so rasches Blut hätte, ganz zielbewußt. —
Lebt der große Hahn noch? Sonderbar! Vorige Nacht hörte ich ihn immer
krähen, und Hederich stand in Hemdsärmeln dabei und sagte: „Drum und
dran, er ruft Sie, Fräulein Grete!“ Grüß ihn besonders!