Theonie.‘

„Also doch!“ murmelte Tankred. Auf der einen Seite befriedigte ihn der

Inhalt dieser Zeilen außerordentlich. Sie räumte das Feld, und er konnte

nach seinem Belieben bleiben; auf der anderen Seite aber entzog sie ihm

die Gelegenheit, auf sie einzuwirken. Daß er sie trotz der

Entschiedenheit ihres Charakters allmählich würde einschüchtern können,

schien ihm zweifellos; er wußte, daß sie Furcht vor ihm empfand, und ihr

würde sie unterliegen. Durch eine einzige Unterredung aber konnte er

nichts erreichen, besonders wenn sie am hellen Tage stattfand. Die

Nacht, das Grauen mußte helfend einwirken. — Der Mann warf den Kopf

zurück. Sie sollte nicht reisen, wenigstens eine Woche mußte sie noch

bleiben. Alle seine Künste wollte er aufwenden. — Künste? Theonie

gegenüber? Doch wohl ein vergebliches Beginnen! Sie durchschaute ihn so

gänzlich, daß nichts verfing. Nein, nur ein Appell an ihren

Gerechtigkeitssinn, unterstützt durch indirekte und gegebenenfalls

direkte Drohungen, konnte zum Ziel führen. — Daß er sich auch von seiner

Leidenschaft hatte hinreißen lassen, da er doch wußte, ein Werben, in

welcher Form es immer geschehe, sei zwecklos! Es war, um sich selbst zu

ohrfeigen! Wäre das nicht geschehen, so würde er jetzt eine Neigung zu

Grete von der Linden als Vorwand benutzen. Er könnte erklären, es sei

möglich, deren Hand zu erwerben, wenn er über ein Erbteil zu verfügen

habe. —

Plötzlich schoß Tankred ein Gedanke durch den Kopf. Es hatte ihm einmal

jemand erzählt, daß der Beamte eines großen Hauses in Amsterdam bei der

Werbung um die Hand der Tochter des Chefs die abweisende Antwort

erhalten habe: „Ja, wenn Sie einmal Compagnon von Watkin in London sind,

dann kommen Sie wieder, dann läßt sich über die Sache sprechen!“ Der

junge Mann war alsdann nach London gereist und hatte den Chef des Hauses

Watkin gefragt, ob er ihn als Teilhaber aufnehmen wolle. Er sei der

Schwiegersohn von van der Huyssen, dem sechzigfachen Millionär in

Amsterdam. Auf diese Weise war er in den Besitz des Mädchens gelangt,

das er liebte, und war zugleich Mitbesitzer vieler Millionen geworden.

Unter solchen Gedanken legte sich Tankred zu Bett. Noch einmal hörte er

draußen ein Geräusch, als ob jemand langsam an seine Thür schleiche;

auch Max knurrte mit rasch wieder ersterbendem Laut auf. — Dann aber

war's still, und von Träumen umgaukelt, schlief Tankred von Brecken bis

zum Morgen.

* * * * *

In ihrem Zimmer befand sich Theonie und ordnete an ihren Koffern. Eben

hatte sich die Zofe entfernt, und Frege trat ins Gemach.

„Wann ist er nach Hause gekommen?“ fragte sie ohne Einleitung.

„Es war zwischen zwölf und ein Uhr. Er hat selbst den Fuchs abgesattelt.

Dann hatte er noch Licht im Vorderzimmer und las wohl den Brief der

gnädigen Frau. Als ich nach ein Uhr noch einmal über den Flur schlich

und durch das Schlüsselloch sah, verlöschte gerade das Licht.“

Theonie nickte. „Also Du weißt: wenn wir beim Frühstück sitzen, bleib in

der Nähe. Ich bin nicht sicher, daß er nicht abermals unverschämt gegen

mich wird. Da will ich Dich erreichen können. — Und berichte mir also

jeden Tag, Frege. Sobald er fort ist, telegraphierst Du mir, ich komme

dann zurück — Ah,“ unterbrach sie sich, „er wird nicht freiwillig

gehen! — Und es durch Zwang erreichen? Dann wird er sich auf jede Weise

zu rächen suchen, und ich werde keinen ruhigen Augenblick mehr haben.

Vor solchen Menschen schützt keinerlei Schloß und Gesetz, sie sind zu

allem fähig.“

Frege widersprach seiner Herrin nicht. Er bewegte den alten, großen Kopf

mit den scharfen Linien und starrte mit dem eigentümlichen Ausdruck vor

sich hin, der den Schwerhörigen eigen ist.

„Ich wüßte eins, gnädige Frau,“ schob er dann, das Wort nehmend, ein.

„Wenn er das Fräulein auf Holzwerder heiratet, dann werden Sie von ihm

befreit für alle Zeiten. Das sollten Sie zu fördern suchen.“

„Wie kann ich das fördern, Frege? Und ob Du recht hast, ist noch sehr

zweifelhaft. Dann bleibt er doch in unserer Nachbarschaft. Schon seine

Nähe beunruhigt mich, flößt mir Furcht ein.“

Frege bewegte die Achseln. ‚Es mag zutreffen, aber in der Not nimmt man

das, was man finden kann‘ stand in seinem Gesicht geschrieben.

Nun schlug die Uhr vom Gutsthor herüber, und Theonie entließ Frege und

stieg die Treppe hinab. Ihr graute vor diesem Gang so sehr, daß ihr die

Kniee zitterten.

Während dessen befand sich Tankred noch im Freien. Ein unruhiger Drang

hatte ihn, gleich nachdem er sich aus dem Bett erhoben, hinausgetrieben.

Die Natur lag da im strahlenden Glanz der Herbstsonne. Als sich Tankred

dem großen Tannenhügel näherte, der zur Linken einen Teil des Parkes

begrenzte, eröffnete sich ihm ein zauberhaft schönes Bild! Unzählige

Lichter irrten zwischen den Stämmen, versteckte kleine Sonnen blitzten

und durchleuchteten die dunkelgrünen Zweige der Fichten; breite Ströme

ergossen sich den Hügel hinab, wo eine Lichtung geblieben war, und an

anderer Stelle stieg ein einsamer Weg im schattigen Dunkel die Höhe

hinan und weckte das Verlangen, sich dort niederzulassen und den

würzigen Duft der Kiefernadeln einzuatmen.

Die Schönheit der Natur wirkte auf die Seele des Mannes ein, aber mehr

noch ward das Verlangen nach Besitz in ihm geweckt.

Als er aus dem Park heraustrat, und sein Blick weithin die Koppeln,

Wiesen, Felder und Waldungen umfaßte, die alle zu Falsterhof gehörten,

die dalagen von der Sonne umflossen wie ein herrliches Eden, als sein

Blick nach dem Pachthof hinüberschweifte, und die Kuh- und Schafherden

vor ihm auftauchten, das Geräusch thätiger Menschenarbeit zu ihm

herüberdrang, die Wirtschaftsgebäude unter dem farbigen Laub

emporstiegen, und er im Geiste an sich vorüberziehen ließ, was alles sie

bargen an Getier, Getreide und sonstigem Vorrat, welch ein Leben in der

Meierei war, wie weit sich die Gemüsegärten ausstreckten, und wie endlos

auch noch östlich von Falsterhof das Gutsland sich dehnte, da krallte

sich der Teufel der Habsucht so tief in seine Seele ein, daß sein Herz

klopfte, und seine Handflächen sich feuchteten.

Es war auch alles klar in ihm. Einen Vorschlag wollte er Theonie machen,

ohne Umschweife. Da er doch einmal die Maske abgeworfen hatte, war's

schon weise, nun ohne Schwanken und Zaudern zu sagen, was er wünschte.

Sie konnte es sich ja überlegen, seinen Vorschlag auf der Reise wägen

und ihm schreiben. — Ja, so sollte es sein.

Und dann standen sie sich gegenüber. Theonie goß eben Wasser auf den

Thee, als Tankred ins Gemach trat. Sie wandte das Haupt, bewegte es

unbefangen, obschon es in ihrem Innern pulsierte, und sagte:

„Bitte, nimm Platz. — Willst Du vielleicht etwas von dem Graubrot

abschneiden? Ich sehe, Kathrine hat es vergessen. Und Eier, die Du so

liebst, fehlen ja auch. Soll ich rasch welche bestellen?“

Tankred ward aufs angenehmste berührt. Theonie ließ ihn die Vorfälle des

verflossenen Tages nicht entgelten, sie legte freundlich versöhnliche

Gesinnungen an den Tag.

Auch er begegnete ihr mit ausgesuchter Aufmerksamkeit.

Als sie sich gegenüber saßen, sagte er:

„Ich danke Dir für Deine Zeilen, Theonie. Darf ich fragen, wo Du Dich

hinbegiebst, und wie lange Du fortzubleiben gedenkst?“

„Ich reise zunächst nach Hamburg, wo ich einige Zeit verweilen will.

Über die Länge meiner Abwesenheit habe ich noch nichts festgesetzt.“

„Jedenfalls sehen wir uns aber dann wohl nicht wieder?“

„Nein, schwerlich.“

Es trat eine Pause ein. Neben dem Tische dampfte der Theekessel und sang

heimliche Lieder. Die Sonne warf durch die großen, tiefen Fenster ihre

Strahlen, blieb zwar hockend auf den Fensterbrettern, aber erhellte

doch das Gemach, als seien die Wände plötzlich in lichtdurchflutetes

Glas verwandelt. Die alten, kostbaren Möbel glänzten, das weiße Leinen

der Servietten und eine von Frege in die Mitte des Tisches gestellte

rote Herbstrose hoben ihre Farben reizvoll von einander ab, und das

Krystall und das Silber auf dem Frühstückstisch flimmerte und blitzte.

Eine Platte mit süß duftenden, dampfenden Rindfleischschnitten und eine

einen zarten Champignongeruch verbreitende Schale mit Sauce standen

neben mehlig-hellen Kartoffeln.

Vor allem bediente Tankred sich, und nun schenkte Theonie ihm auch ein

Glas goldfunkelnden Rheinweins ein.

Sie verstand es, die Dinge gemütlich zu machen; wenn sie etwas bereitete

oder die Hand darüber hielt, war's stets tadellos, und auch heute

schmeckte es dem Manne vortrefflich, und die Vorzüge sorglosen

Wohllebens drangen wiederholt auf ihn ein. Es gab eigentlich nichts

Herrlicheres, als auf Falsterhof zu leben. Alles stand wie durch Zauber

auf dem Tisch, die Gemächer waren mit allen nur denkbaren

Bequemlichkeiten versehen, die Dienerschaft war noch vom alten Schlage,

voll Ehrerbietung und Aufmerksamkeit, und wenn sich Tankred in der

Umgegend oder in Elsterhausen zeigte, begegnete man ihm mit jener

Unterordnung, die Stand und Reichtum stets in der Welt hervorrufen.

„Höre mich, bitte, an, Theonie, bevor wir auseinandergehen,“ begann

Tankred unter solchen Eindrücken in gehobener Stimmung. „Wirf Deinen

hohen Gerechtigkeits- und Deinen Verwandtschaftssinn mit in die

Wagschale, wenn Du mir antwortest. Ich sagte Dir gestern, ich wisse, daß

ich in meinen Entschlüssen, ein arbeitsames, geregeltes Leben zu

beginnen, gefördert werden würde, wenn ich heiraten könnte — Nein, nein,

fürchte nicht, daß ich Dir wieder zu nahe trete. Du hast mir gestern an

den Tag gelegt, daß Du meine Empfindungen nicht teilst, und nie werde

ich Dich wieder belästigen. Ich wollte etwas anderes sagen: Wenn ich in

guten, geordneten Verhältnissen wäre, könnte ich sicher auch eine brave

Frau finden. Nun bin ich, und besitze ich aber nichts, und das, was Du

mir gütigst zuwenden willst, giebt unter heutigen Verhältnissen einem

Landmann keine Möglichkeit, sich eine Selbständigkeit zu verschaffen.

Wir sind die letzten beiden Breckens auf der Welt, Theonie. War es nicht

ein bischen ungerecht von Deinen Eltern, mich ganz leer ausgehen zu

lassen? Wäre es den natürlichen Verhältnissen nicht entsprechender

gewesen, wenn Dir ein Teil, und mir der andere geworden wäre, zumal Du

Deinen Gatten verloren hast und nicht wieder heiraten willst? Ich weiß,

daß Du mich nicht liebst. Ich fühle sogar, daß Du mich nicht achtest,

obgleich ich Dir nie etwas zu leide that und mich nur des Vergehens

schuldig machte, Dir meine Liebe in einer Form zu gestehen, die Du

leicht nachgesehen haben würdest, wenn Du meine Neigung erwidertest.

Aber wenn Du mich auch nicht liebst und meinem Charakter mißtraust, so

hast Du doch als eine Brecken und vermöge Deiner ganzen Veranlagung

gewiß den Wunsch, daß ich fortan einen soliden und rechtschaffenen

Lebenswandel führe, daß ich dem Namen der Familie Ehre mache. Wenn dem

aber so ist, so hilf mir, gieb mir eine Stellung in der Welt durch

freiwillige Teilung des Besitzes und lasse mich in Zukunft Falsterhof

verwalten. Hast Du kein Vertrauen zu meinen wirtschaftlichen

Fähigkeiten, so kann ja auch alles bleiben, wie es jetzt ist, aber dann

mache die Mittel zu einer Teilung zwischen uns flüssig, indem Du eine

größere Summe auf Falsterhof aufnimmst oder mir die Hälfte der Rente

überweisest. Ich sehe, Du zuckst zusammen, Du findest es über die maßen

unbescheiden von mir, eine solche Forderung zu stellen, und ich gebe

auch zu, daß mein Verlangen sehr ungewöhnlicher Art ist. Aber ich bin

nüchtern veranlagt und setze anderseits ein großes Vertrauen in Deinen

Gerechtigkeitssinn, auch weiß ich, daß Du geringen Wert auf Hab und Gut

legst, und so fand ich denn den Mut, Dich mit meinem Wunsche bekannt zu

machen. — Nun, Theonie?“ schloß er und griff wieder nach Messer und

Gabel, die während seiner Rede geruht hatten. „Was meinst Du? Willst Du

so freundlich sein, zu überlegen, was ich Dir vorzutragen mir erlaubte?“

Theonie hatte bei den letzten Sätzen sinnend vor sich hingeschaut. Ihre

Gedanken beherrschten sie so, daß sie nur halb vernommen, was er am

Schluß gesagt hatte. Aus diesem Gesichtspunkte hatte sie ihres Vetters

Stellung zur Familie Brecken allerdings noch niemals ins Auge gefaßt.

Die Berechtigung eines Anspruchs von seiten Tankreds war ihr auch nicht

einmal in den Sinn gekommen; bei dem Gedanken, ihm eine Summe

zuzuwenden, hatte lediglich ihr Gefühl, nicht aber ein Pflichtzwang sie

geleitet.

Dennoch war jetzt alles klar in ihr, und ihm fest und ehrlich ins Auge

schauend, erwiderte sie:

„Ich weise Deine Vorschläge durchaus nicht zurück. Aber vor der Hand

kannst du in keiner anderen als der Dir bereits mitgeteilten Weise auf

mich rechnen. Ich will einen Entschluß von solcher Tragweite — ich

spreche, wie ich gleich betonen will, nur von einer Erbteilüberweisung;

die Verwaltung des Gutes möchte ich dem Manne nicht entziehen, der

meines Vaters ganzes Vertrauen besaß und es stets rechtfertigte — also,

ich will einen Entschluß von solcher Tragweite nicht fassen, ohne

Justizrat Brix zu rate zu ziehen, und ihn auch abhängig machen von

gewissen Umständen, die erst nach einer Reihe von Jahren meiner

Beurteilung unterliegen können.“

Theonie machte eine Pause, und Tankred setzte voraus, daß seine Kousine

noch etwas für ihn Günstiges hinzufügen werde. Aber sie neigte nur in

Bestätigung ihrer Worte den Kopf und machte dann eine Bewegung zum

Aufstehen.

„Es ist wohl so weit, der Wagen wird vorgefahren sein,“ sagte sie, nach

einer im Zimmer stehenden Uhr schauend. „Entschuldige mich, ich habe

oben noch etwas zu thun.“

Aber Tankred hielt Theonie durch seine blicke zurück.

„Schon einmal machte ich Dir Andeutungen, daß ich ohne Mittel sei,

Theonie. Wir wurden damals unterbrochen. Würdest Du wohl die Güte haben,

mir einiges Geld zurückzulassen?“

Sie nickte bereitwillig und sagte, die Börse ziehend, mit einem Anflug

von Verlegenheit: „Wie viel, bitte?“

„Ein paar hundert Thaler würden mir zunächst sehr gelegen kommen, da ich

einige Verpflichtungen habe.“

„Ein paar hundert Thaler? Die habe ich nicht hier. Da müßte ich erst an

Brix schreiben.“

„Gieb mir ein paar Zeilen an den Verwalter,“ wandte Tankred ein. „Er ist

stets bei Kasse und wird mir auf Deine Anweisung gleich zahlen.“

„An den Verwalter?“ wiederholte Theonie zögernd und pedantisch

überlegend. „Das würde ihm sehr auffallend erscheinen. Das ist nie

geschehen, alles geht durch Brix.“

„Mache diesmal eine Ausnahme, Theonie. Ich werde es ihm schon

erklären —“

Aber sie gab noch immer nicht nach. Ein starker Ordnungssinn, den sie

von ihrem Vater geerbt, war ihr eigen.

„Nein, ich möchte es doch nicht. Aber hier,

bitte — vorläufig,“ — entschied sie und reichte ihm ein paar Geldscheine,

die sich in ihrer Börse befanden, „für weiteres werde ich sorgen.“

Tankred nahm mit gezwungener Miene das Geld; er mußte an sich halten, um

ihr nicht schroff zu begegnen. Dieses in seinen Augen kleinliche Markten

und Überlegen um ein paar hundert Thaler von einer Person, die, wenn sie

ihr Eigentum flüssig machte, Millionärin war, brachte ihn schon an sich

auf, verletzte aber auch seine Eitelkeit im höchsten Grade. Es mußte

alles nach seinem Kopfe gehen. Wenn die Dinge sich nicht gestalteten,

wie er sie sich in seinem Sinn zurechtgelegt hatte, wußte er,

wenigstens für den ersten Augenblick, seinen Unmut niemals zu

unterdrücken.

„Nun — lebe wohl,“ — sagte Theonie, vom Reisefieber erfaßt, mit deutlicher

Unruhe. — „Möge es Dir gut gehen! Und bitte, besuche Justizrat Brix, er

wird Dir das Nötige mitteilen.“

Plötzlich kam Tankred der Gedanke, daß dieser fortwährende Hinweis auf

den Rechtsbeistand und Vermögensverwalter der Familie noch einen

besonderen Grund habe. Theonie würde ihm am Ende noch Bedingungen durch

Brix stellen. Das reizte und beunruhigte ihn so sehr, daß er sie

abermals zurückhielt und die Worte hervorstieß:

„Du kannst es nicht erwarten, eine doch an sich gar nicht eilige Reise

anzutreten, und wendest dabei große Umständlichkeiten an, während Du

meine Angelegenheit behandelst wie eine lästige Nebensache. Weshalb soll

ich denn durchaus den Umweg zu Brix machen? Gieb mir doch einfach eine

Anweisung auf ihn, die ich verwerten kann. Ich habe nicht gern mit ihm

zu thun. Er ist mir sehr unsympathisch.“

Diese Worte reizten nun auch Theonie, und sehr rauh und mit einem

starken Anhauch von Bevormundung gab sie, zugleich durch ihre Mienen

zeigend, daß sie sich durch seinen Einwand durchaus nicht beirren lasse,

zurück:

„Es muß aber doch so bleiben! Einige kleine Unbequemlichkeiten mußt Du

schon mit in den Kauf nehmen, wenn Du Geld empfangen willst.“

Aber sie bereute sogleich, was sie gesprochen. In dem Antlitz des

Menschen, der ihr gegenüber stand, erschien ein furchtbarer Ausdruck.

Wut, Rachsucht, Totschlag standen in seinem Gesicht geschrieben, und ein

zähneknirschendes, von funkelnden Blicken begleitetes:

„Nein, ich muß nicht und will nicht!“ drang wie ein Gewitter aus seinem

Munde. „Ich habe Dir alles freundlich und sachlich vorgestellt, ich habe

an Deinen Gerechtigkeitssinn und Dein Verwandtschaftsgefühl, aber auch

an Deine Klugheit appelliert, mich nicht wie einen lästigen Habenichts

zu behandeln, sondern wie einen halbwegs Gleichberechtigten. Als Du dann

die ablehnende Antwort auf meine Rede mit allerlei mystisch klingenden,

aber sich wohl auf meinen zukünftigen Lebenswandel beziehenden Worten

begleitetest, schwieg ich und fügte mich. Dann bat ich um etwas Geld,

das Du mir nicht aus eigener Initiative gabst, obschon Du wußtest, daß

ich schon seit der Krankheit Deiner Mutter nichts besaß, und machte,

weil ich es gleich gebrauchte und —“ hier schob Tankred einen

berechnenden Satz ein — „auch für meine Abreise desselben bedürftig war,

den Vorschlag, es sofort herbeizuschaffen. Auch den wiesest Du zurück

und stelltest Dich auf den pedantisch engherzigen und kleinlichen

Standpunkt Deines filzigen Vaters, dem Gold und Silber alles war.“

Aber nun unterbrach Theonie, die anfänglich mit Angst und Herzklopfen

zugehört hatte, und weil etwas Wahres in Tankreds Worten lag, sich

getroffen fühlte, ihren Vetter mit einigen, alle Klugheit und

Besonnenheit beiseite werfenden Worten. Dieser verkommene Mensch wagte

es, das Andenken ihres Vaters zu beschimpfen in dem Augenblick, wo er

bettelte, bettelte um Geld, das jener durch Ordnung und Sparsamkeit sich

erworben?! Dasselbe ungestüm tobende Blut, das in Tankreds Adern rollte,

pulsierte in den ihren, und besinnungslos vor Erregung rief sie ihm

entgegen:

„Halt! Mit dieser Verunglimpfung meines verstorbenen teuren Vaters hast

Du jeglichen Anspruch auf das kleinste Entgegenkommen von meiner Seite

verwirkt. Das merke Dir! Und nun verlasse Falsterhof sogleich! Nicht ich

gehe, Du gehst —! Das ist mein letztes Wort.“

In diesem Augenblick erschien die dürre Gestalt Freges in der Thür, und

hinter ihm Klaus, der Kutscher, mit neugierig fragender, halb

ängstlicher, halb entschlossener Miene.

„Ah!“ drang's aus dem Munde Tankreds, und er richtete seine Gestalt zur

Abwehr auf. „So stehen die Dinge? Sind nicht auch noch Gensdarmen zur

Hand? Ich aber sage euch, ich bleibe auf Falsterhof und weiche keiner

Gewalt! Muß ich ihr aber dennoch weichen, so hütet Euch!“

Nach diesen mit furchtbarer Stimme und unter drohenden Gebärden

ausgestoßenen Worten trat er durch das anstoßende Gemach auf den Flur,

und die Zurückbleibenden hörten, wie er die Zimmer des Onkels aufschloß.

„O mein Gott! Weshalb willst Du mich denn so grausam strafen, indem Du

mir diesen Menschen ins Haus sandtest! Was that ich, um so Schreckliches

zu verdienen?!“ hauchte Theonie und sank wie vernichtet in ihren

Stuhl. —

Tankred wanderte in seinem Zimmer mit Mienen auf und ab, als wäre er

eingesperrt und sänne darüber nach, wie er sich befreien könne. Aber

sein Ingrimm richtete sich diesmal nicht auf eine andere Person, sondern

auf sich selbst. Er hatte sich wieder nicht in seiner Macht gehabt,

abermals war er seinem Jähzorn unterlegen, und statt seine Sache zu

verbessern, hatte er sie gänzlich verfahren.

Da seine Handlungsweise mit der eben erst wieder gegebenen schriftlichen

Zusicherung im krassesten Widerspruch stand, hatte er Theonie schlagend

bewiesen, daß sie recht hatte, wenn sie ihm aufs äußerste mißtraute.

Nicht nur hatte er jede Ehrerbietung außer acht gelassen, sondern sich

auch zum Richter ihrer Handlungsweise aufgeworfen und am Ende sogar

Drohungen ausgestoßen, die nur zu gut verrieten, was sich in den

tieferen Winkeln seiner Seele versteckte. Sie konnte sich nach diesem

Vorgang ihm nicht wieder nähern, das Tuch zwischen ihnen war

zerschnitten.

Unglaublich hatte er gehandelt!

War sie nicht auf seinen Antrag eingegangen, und war das nicht ein über

alle Erwartungen günstiges Ergebnis gewesen?

Nach einer einzigen Unterredung, und trotz ihrer ausgesprochenen

Abneigung gegen ihn, hatte er erreicht, was einem andern kaum zu denken

in den Sinn gekommen wäre. Es würde ihn nicht überrascht haben, wenn

Theonie ihm erwidert hätte: Ich weiß nicht, ob ich mehr über Deine

unverschämte Forderung mein Erstaunen ausdrücken soll, oder über deinen

Mut, sie mir vorzutragen.

Statt dessen hatte sie seine Gründe angehört und unbefangen gewürdigt

und dem Sinne nach nur erwidert: Ich will das Erbteil meiner Vorfahren

nicht gefährden, bewährst Du Dich aber, dann soll die Hälfte Dein

Eigentum sein. Sie hatte gehandelt wie ein selbstloser, gerechter, aber

auch wie ein weiser und besonnener Mensch, er aber wie ein zügelloser,

von gemeinen Trieben geleiteter Rabulist.

Nun hatte er am Ende auch das Geld verscherzt, das sie ihm willig hatte

auszahlen wollen. Sicher würde Theonie jetzt wieder zu ihrem

Rechtsanwalt gehen, alles annullieren, was sie früher festgesetzt hatte,

und zugleich die Mittel mit Brix beraten, ihn, Tankred, mit Gewalt von

Falsterhof zu entfernen. Und die Geschehnisse würden an die

Öffentlichkeit dringen, und er würde der Familie Treffen als das

erscheinen, was er wirklich war.

Wie gut hatte er alles eingefädelt, und mit welcher Pfuscherarbeit

geendigt! Wäre er fügsam gewesen, so hätte er Tressens erklären können,

er habe, wenn auch erst nach einigen Jahren, Anspruch auf die Hälfte von

Falsterhof. Theonie würde, unter geschickter Behandlung der

Angelegenheit von seiner Seite, diese Begünstigung bestätigt, es würde

sich alles ohne Schwierigkeiten und Künste geregelt haben, während nun

schon eine Unsumme von Verstellung, Intrigue und Lüge aufgewendet werden

mußte, um nur die üblen Eindrücke wieder zu verwischen.

Und dann war das Resultat auch noch zweifelhaft, die Wahrscheinlichkeit

lag vor, daß alle Mühe umsonst gewesen.

Nein! er war doch noch ein großer Stümper! Er mußte sich's zugestehen.

So sehr ergriff den Mann die Einsicht in seine Fehler, daß er sogar auf

den Gedanken kam, ob es nicht doch am Ende vorteilhafter sei,

tugendhaft zu werden, umzukehren und sich zu bemühen, ein ordentliches

Leben zu führen. Ihm kamen plötzlich Zweifel, ob ihm nicht doch die

Eigenschaften zur erfolgreichen Schurkerei fehlten, da er sie nicht

durch Selbstbeherrschung zu unterstützen vermochte. Er hatte noch nicht

warten gelernt. Warten können! Was lag nicht alles in den Worten! Und er

besaß auch nicht hinreichenden Mut; seine Genußsucht und sein

Bequemlichkeitsdrang schoben sich in seine Entschlüsse und machten ihn

feige.

In seinem charakterlosen Hin und Her, aber auch zufolge seiner

schrankenlosen Selbstsucht überlegte er, ob er nicht lieber Theonie

nachreisen, abermals ihre Verzeihung erflehen und schwören solle, daß

das Geschehene nichts mit seinem Herzen gemein habe. Nur der Zorn hätte

aus ihm geredet. Er vertraute dabei seiner eminenten Verstellungskunst.

Der Gedanke, durch eine einzige Unterredung alles noch wieder ins

richtige Geleis bringen zu können, beschäftigte ihn plötzlich

solchergestalt, der Gegensatz zwischen dem, was augenblicklich war, und

dem, was er vielleicht wieder erreichen konnte, drängte sich ihm so

stürmisch auf, daß er das Haupt zurückwarf, die Klingel zog und dem

stumm und finster hereintretenden Frege zurief, er möge sofort den Fuchs

satteln.

„Wohin ist meine Kousine gereist?“ fügte er erregt hinzu. „Es ist

wichtig, daß Sie mir die Wahrheit sagen, da ich mich entschlossen habe,

alles daran zu setzen, um unser Zerwürfnis zu beseitigen. Also, wohin

hat Klaus die gnädige Frau kutschiert?“

Frege befand sich in größter Verlegenheit. Er wußte nicht, wie er am

besten zu Gunsten seiner Herrin handeln würde.

„Ich weiß es nicht, Herr von Brecken. Zunächst wollte Frau Cromwell bei

Pastors vorsprechen und später Nachricht geben.“

So wand sich Frege heraus.

Bei der Erwähnung der Pastorfamilie schoß Tankred ein Gedanke durch den

Kopf. Wenn sie von den letzten Vorfällen durch Theonie unterrichtet

wurden, würden Tressens auch bald wissen, was geschehen war. Jüngst

hatte die Familie bereits geäußert, daß sie Pastors, die sie sehr

schätzten, allernächstens mit Tankred zusammen einladen wollten.

Das verstärkte des Mannes Entschluß, unter allen Umständen Theonie

nachzueilen. Er konnte sie noch erreichen, wenn er nicht säumte; sicher

würde sie sich bei Höppners einige Stunden, vielleicht sogar den Tag

über aufhalten. Sehr unbequem war ihm freilich die Pastorin, sie guckte

durch die Wand, sie nahm kein Blatt vor den Mund. Wie der Teufel vor dem

Zeichen des Kreuzes zurückwich, so fühlte er seine Gewalt und Kraft

gehemmt durch die grade Ehrlichkeit ihres Wesens.

Kaum zehn Minuten später war Tankred unterwegs, er jagte dahin, daß der

Staub der Landstraße hoch aufwirbelte, und der schnaubende und wild

stürmende Fuchs die Aufmerksamkeit der die einsame Landstraße belebenden

Fußgänger erregte. —

Inzwischen saß Theonie bei Höppners im Gartenzimmer und berichtete mit

eben wieder zurückgewonnener Fassung von allem, was geschehen war.

Der Pastor richtete unter der silbernen Brille seine Augen mit dem

Ausdruck größter Teilnahme auf Theonie, aber sein sich auf- und

abschiebender Mund und seine leisen Kopfbewegungen verrieten, daß er

zugleich nach einer Entlastung für Tankred suchte, daß er die Hoffnung

nicht ausgab, die Herzen zu versöhnen.

Anders die Pastorin, die allem Gerechten eine warme Freundin, aber dem

Schlechten eine eifrige und unerschrockene Gegnerin war.

„Ich sollte nur Ihrem Vetter gegenüberstehen, ich wollte ihm schon die

Seele mürbe machen, liebste Theonie. Sie thun auch ganz unrecht, Furcht

zu empfinden. Menschen, wie Ihr Vetter, sind nur mutig, wenn sie keinen

Widerstand treffen; sehen sie, daß man ihnen die Zähne zeigt, ziehen sie

wie die Hunde den Schwanz ein. Was soll Ihnen denn geschehen? — Er könnte

Sie totschlagen, meinen Sie? Welcher Gedanke! Er will nur Vorteile aus

Ihnen ziehen. Was gewinnt er, wenn er sich mit der Staatsgewalt in

Konflikt bringt? Ihre Phantasie ist erregt; der alte Frege, dessen

Mißtrauen sich erhöht, weil er schlecht hört, hat Sie ängstlich gemacht.

Ich wette darauf, daß Ihr Vetter von selbst wieder ankommt und um gut

Wetter bittet.“

So sprach die Frau, freilich mehr, um Theonie zu beruhigen, als ganz

ihrer Überzeugung folgend. Auch sie stand unter dem Eindruck, daß

Tankred zu dem Schlimmsten fähig sei.

Nachdem es ihr zu ihrer Freude gelungen war, Theonie etwas zu

beruhigen, und nachdem auch noch der Pastor, seiner Veranlagung

entsprechend, milde zum guten geredet, ja, den Vorschlag gemacht hatte,

als Vermittler aufzutreten und Tankred zu bewegen, Falsterhof zu

verlassen, wandten sie sich anderen naheliegenden Dingen zu, und die

Pastorin rief:

„So, liebste Frau Theonie! Nun müssen Sie doch auch unsere Lene sehen,

unser Herzenskind. Ich sandte sie mit Christine fort, weil ich wollte,

daß wir uns erst ungestört aussprächen. Gleich will ich mal umschauen,

wo sie ist. Sie werden wohl von der Pastorenwiese zurück sein.“

Nach diesen Worten machte sie eine Bewegung, um fortzueilen, unterbrach

sich aber, da eben die Thür sich öffnete, und ein freundlich

aussehendes, sauber gekleidetes Dienstmädchen mit bloßen Armen, in einem

sogenannten Brabanterrock, mit einem kleinen, blonden Mädchen von fünf

Jahren an der Hand, in die Thür trat.

„Bist Du da, mein Lenchen, mein kleines, süßes Lenchen?“ rief die Frau

glückselig und hob das Kind mit den verlegenen, unschuldigen Augen

empor, herzte es und zeigte es triumphierend dem Besuch.

Die folgende Stunde war dann allerlei Besichtigungen gewidmet. Frau

Höppner besaß viele Vögel, die sie Theonie zeigte; sie führte sie auch

in den trotz der Herbstzeit noch sorgfältig geharkten und sauber

gehaltenen Garten.

Den Hühnerhof mit den gackernden Kratzhennen und dem gespreizt

einherschreitenden Hahn mußte Theonie ebenfalls in Augenschein nehmen

und eine neue Tapete im Kabinet neben dem Wohnzimmer bewundern. Als sie

wieder über den Flur schritten, sah Theonie daß sich eben ein Bauer mit

dem Pastor unterhielt. So menschenfreundlich schimmerte es in des

Geistlichen Auge, so geduldig hörte er auch noch zu, als der Mann am

Schluß wiederum anhub, und mit so sanft ermunternden Worten entließ er

ihn!

Und überall, wohin das Auge schaute, war gleichsam Sonnenschein! Ordnung

und Schönheitssinn in der kleinsten Kammer, und das Gesinde, durch

Beispiel geleitet, bescheiden und rührig, selbst der Hund anschmiegend

und gehorsam.

Im Gartenzimmer zeigte die Pastorin Theonie allerlei Handarbeiten, mit

denen sie für Lenchen beschäftigt war. Auch des Kindes erstes

Schreibbuch legte sie ihr vor und sagte glücklich, und ihr sonst jeder

Überschätzung abgewandtes Wesen ein wenig verleugnend:

„Wirklich erstaunlich, was das kleine Geschöpf für eine sichere Hand

hat, wie talentvoll sie überhaupt ist. Nicht wahr? Es ist doch sehr viel

für ein Mädchen in den Jahren?“ Und Theonie pflichtete lächelnd bei,

obschon sie das unbehülfliche Gekritzel noch nicht sehr kunstgerecht

fand.

Durch die Seele der jungen Frau zog ein unnennbar sehnsüchtiges Gefühl.

Ein solches Heim zu besitzen, ein Kind zu haben — glücklich zu

sein — ja — glücklich zu sein!

Sie verwünschte fast das große Erbe, das, ihr kaum zugefallen, schon die

Leidenschaft der sie umgebenden Menschen geweckt, ihr Angst, Unruhe und

Qual verursacht und sie selbst verführt hatte, gegen ihre bessere

Überzeugung sich fortreißen zu lassen.

Denn Theonie bereute die Form der Lossagung von ihrem Verwandten. Der

Pastor hatte gesagt: „Wenn Sie, statt Ihrem Vetter zornige Worte

zuzuschleudern, liebe gnädige Frau, sanft erklärend auf ihn

eingesprochen hätten, würde er zur Einsicht gelangt sein. Sie haben ihn

auch ein wenig gereizt!“

Freilich hatte die Pastorin ihn unterbrochen und noch einmal ihre

Ansicht dargelegt. „Nein, ich hätte ebenso gehandelt wie Frau Theonie.

Der saubere Herr mußte fühlen, daß ihm ein Wille gegenüberstand, denn

nur so findet ein Mensch wie er die Grenzen wieder. Giebt man ihm nach,

so wachsen seine Unverschämtheit und sein Übermut, und man hat das Spiel

verloren! Theonie muß auf ihrem Standpunkt beharren. Jetzt keine

Weichheit mehr, kein Nachgeben!“

Aber trotz dieser ihre Handlungsweise verteidigenden Worte fühlte

Theonie doch, daß der Pastor auch ein Recht für seine Ansicht habe.

Hatte nicht sie ebenfalls ein Ziel vor Augen gehabt, war's ihr nicht

entrückt worden durch den Ausbruch ihres wenn auch an sich gerechten

Zornes? Auch dieser praktische Gedanke mischte sich in die sittliche

Überlegung. Sie stand wehrlos und ohne Schutz da! Was halfen alle

Urteile und Meinungen anderer, wenn sie Tankred nicht von Falsterhof

entfernen konnte, nicht die Sicherheit hatte, sich seiner für immer zu

entledigen, wenigstens nicht mehr mit ihm in Berührung zu kommen?

Als Erzieher bei einem Menschen wie Tankred aufzutreten, war zwecklos;

aber zwischen sich und ihm ein erträgliches Verhältnis herzustellen und

indirekt auf ihn einzuwirken durch ihr Geld, durch Verweigern oder

Gewähren, das war weise, und es entsprach zudem dem Drang ihres Innern,

den letzten, der den Namen Brecken trug, vor Selbstbeschimpfung seines

Namens zu behüten.

So kämpfte in ihr auf der einen Seite der ursprüngliche Entschluß,

Tankred keinerlei Konzessionen mehr zu machen, ihre Hand ganz von ihm

zurückzuziehen und alle Folgen ihrer Überzeugung zu tragen, mit der ihr

innewohnenden Einsicht, Herzensmilde und Klugheit, die doch zu einer

Verständigung rieten.

Als man sich zum Abendessen im Pastorhause rüstete, die Frau vom Hause

eben noch in der Küche eine Anzahl Eier zerschnitt und die flaumenweich

gekochten, einen starken Phosphorgeruch verbreitenden, weiß und goldgelb

schimmernden Hälften auf einen Teller legte, trat das Kindermädchen ihr

näher und meldete, daß ein Herr im Flur stehe und nach Frau Cromwell

frage.

„Wer denn?“ warf die Pastorin leicht hin, ging, das Messer noch in der

Hand, an die Küchenthür und guckte um die Ecke. Aber sie prallte zurück,

als sie Tankred von Brecken vor sich sah.

„Um es gleich zu sagen, sehr verehrte Frau Pastorin,“ hub er, ehe sie

Worte gewinnen konnte, an und trat ihr mit einschmeichelnder Artigkeit

entgegen, „ich komme, um mit meiner Kousine ein versöhnendes Wort zu

sprechen, und möchte Ihre freundliche Vermittelung anrufen. Nicht wahr,

Sie schlagen mir mein Ersuchen nicht ab? Ich rechne auf Ihre mir bisher

stets bewiesene Güte.“

Aber die Antwort fiel doch nicht ganz so aus, wie Tankred, den Wirkungen

seiner Geschmeidigkeit vertrauend, vorausgesetzt hatte.

„Zunächst, bitte, treten Sie gefälligst in das Zimmer meines Mannes!“

entgegnete sie höflich, aber durchaus kühl. „Ich werde Frau Cromwell

fragen, ob sie Sie empfangen will. Offen gestanden, ich glaube es nicht,

und jedenfalls werden Sie sich schon etwas gedulden müssen. — Hier —“

schloß sie ebenso kurz und entschieden und öffnete das Gemach ihres

Gatten, aus dem Tankred der dumpfsäuerliche Geruch der vielen Pfeifen,

die der Pastor den Tag über rauchte, entgegenschlug. Noch eine Sekunde,

dann hatte sich hinter ihm die Thür geschlossen. Die Pastorin aber begab

sich, nachdem sie vorher noch in völliger Ruhe die Küchenangelegenheiten

erledigt, ins Gartenzimmer und verkündete ihrem dort mit dem Pastor

weilenden Besuch, was sich ereignet hatte.

Theonie erbleichte, ja, sie zitterte am ganzen Körper, der Pastor aber,

bei dem die Ehrfurcht vor allem, was den Namen Brecken trug, ebenso sehr

wirkte wie die ihm angeborene rücksichtsvolle Höflichkeit, rief fast

ängstlich tadelnd:

„Aber wo, wo ist er denn? Du hast ihn doch nicht draußen stehen lasten?“

Die resolute Pastorin schüttelte bloß den Kopf und sagte kurzhin: „I,

wie sollt ich wohl; er ist natürlich in Deinem Zimmer.“

„Nun, da will ich —“

„Nein, bitte, bleibe,“ entschied die Frau in einem Ton, der keinen

Widerspruch aufkommen ließ. „Erst müssen wir überlegen, gründlich

überlegen. Wenn Sie meinem Rat folgen wollen, liebe Theonie, so erklären

Sie, daß Sie Ihren Vetter erst morgen vormittag empfangen könnten.

Einmal haben wir Zeit, zu beraten, und dann kühlt sich der Übermut des

sauberen Herrn noch weiter ab.“

Der Pastor schüttelte bei diesem Vorschlag sogleich den Kopf. Theonie

aber schwankte.

Was im allgemeinen richtig sein mochte, war doch vielleicht bei Tankred

nicht angebracht. Sein Hochmut und seine Eitelkeit gaben fast immer den

Ausschlag. Es war auch möglich, daß er, da er den ersten Schritt gethan,

erklärte, sich nicht als ein Bettler behandeln lassen zu wollen. Er war

wieder im Vorteil, wenn Theonie der Versöhnung aus dem Wege ging, und

was besonders maßgebend war: sie wünschte so rasch wie möglich Klarheit

zwischen sich und ihm zu schaffen; sie hoffte noch immer, daß er

Falsterhof verlassen werde.

So entschied sie sich denn, Tankred nicht abzuweisen, und schlug vor,

ihm sagen zu lassen, daß sie nach Beendigung des Abendessens, also nach

Verlauf einer kleinen Stunde, bereit sei, ihn anzuhören.

„Ja — ja — aber — wir legen dadurch an den Tag, daß wir ihn nicht an

unserm Tisch sehen wollen; das — geht doch wohl nicht —“ schob wieder

der Pastor in seiner Gutmütigkeit ein. „Er hat unsere Gastfreundschaft

angerufen, indem er unser Haus betrat.“

„Ach was!“ entschied die Pastorin. „Laß ihn nur fühlen, wie wir über

sein Benehmen denken, das schadet gar nichts. Überhaupt ist Zartheit der

Gesinnung bei diesem Menschen durchaus unangebracht. Den muß man

behandeln als das, was er ist!“

So eilte denn der Pastor in sein Arbeitszimmer, schädigte Theonies

Angelegenheit durch sein gewohntes höfliches Entgegenkommen und bat

Tankred, unter dem Hinweis, daß sich seine Kousine gerade sehr

angegriffen fühle, geneigtest in einer Stunde wiederkommen zu wollen.

„Sie sind wohl im Krug abgestiegen?“

Tankred nickte.

„Werden Sie die Nacht hier zubringen?“

Nein, er wolle nach Falsterhof zurückkehren, entgegnete Tankred und

fügte, um wenigstens den Pastor zu gewinnen, eine Summe von Artigkeiten

hinzu, die denn auch auf dessen arglos vertrauendes Gemüt die

beabsichtigte Wirkung übten. Aber als ihr Mann ins Wohnzimmer

zurückkehrte und über seine Unterhaltung mit Tankred berichtete, nahm

die Pastorin das Wort und erging sich über ihn in scharfem Tadel.

„Solche Gutmütigkeit, wie Du sie an den Tag legst, Adalbert,“ hub sie

an, „ist Schwäche. Wo bleibt der Vorteil für die Guten, wenn man den

Miserablen alles nachsieht? Das entspricht auch gar nicht dem Willen des

göttlichen Wesens, dem Du nacheifern möchtest. Wenn Du aber nicht dieser

Ansicht bist, so predige von Deiner Kanzel auch nicht mehr von Himmel

und Hölle, von Guten, die zur Rechten, und von Bösen, die zur Linken

stehen sollen. Dann verheiße ihnen allen Verzeihung! Nein, das Gute für

die Guten, das Schlechte für die Schlechten. Wenn Du nicht strenger

unterscheidest, wird man Dich charakterlos, unmännlich schelten, und mit

Recht! Gewiß, das Herz soll sprechen, die Erwägung, daß man für die

eigenen Schwächen die Nachsicht der Mitmenschen in Anspruch nehmen

möchte, soll ihre Stimme haben, aber erst heißt's, die Forderung

stellen: Lege an den Tag, daß Du das Gute nicht nur willst, sondern

übst! Dann giebt's Barmherzigkeit auch im Himmel!“

Und nun wandte sie sich an Theonie und fragte, was sie betreffs Tankreds

beschlossen habe.

„Sprechen Sie erst Ihre Meinung aus, liebe Frau Pastorin,“ entgegnete

Theonie. „Ich möchte gern hören, ob wir übereinstimmen!“

Die Pastorin warf einen freundlichen Blick auf die junge Frau. Es gefiel

ihr, daß sie schon einen Entschluß gefaßt hatte, sie fand auch, daß

Theonie richtig entschieden, als sie Tankred den ihm gewordenen Bescheid

gegeben.

„Ich würde Ihrem Vetter Folgendes erklären,“ erwiderte sie deshalb,

Theonies Wunsche willfahrend: „Vorbedingung sei, daß er Falsterhof

sofort verlasse und bei Justizrat Brix schriftlich erkläre, daß er

niemals ohne Aufforderung dahin zurückkehren werde, auch keine Rechte

auf irgend einen Teil Ihres Vermögens habe. Nachdem dies geschehen,

würden ihm die einmal zugesagten fünfzigtausend Mark ausgezahlt werden.“

„Nun und dann?“ fragte Theonie, als die Pastorin schwieg.

„Dann? Liebe Theonie! Sind Sie etwa gewillt, ihm noch sonst irgend etwas

zuzubilligen? Ich rate ab, etwas anderes zu erwähnen. Sollte er auf ein

weiteres zurückkommen, so würde ich ihm erwidern, daß ich mich jetzt in

keiner Weise mehr binden wolle. Das habe er durch seine Begegnung

verscherzt.“

„Aber deswegen ist er doch hergekommen!“ schob der Pastor, diesmal

nicht nur seiner Gutmütigkeit, sondern einer richtigen Erwägung folgend,

ein.

„Gewiß! Aber wer weiß, was geschieht!“ entgegnete die Pastorin.

„Hoffentlich heiratet doch unsere Theonie noch einmal, und dann braucht

sie ihr elterliches Vermögen selbst.“

„Ich weiß, ich werde ihn nicht los! Er geht nicht, wenn ich mich nicht

entgegenkommender äußere,“ sagte Theonie, der Pastorin letzte Worte

durch ein sanftes Kopfschütteln übergehend.

„Sie erklären ihm ja nur, daß Sie sich nicht binden wollen; darin liegt

doch kein absolutes Nein.“

„Das ist sophistisch, Marie!“ schob der Pastor ein.

„Ach was! Wie kann man mit ungleichen Waffen siegen! Einer soll Kanonen

haben, und der andere bloß einen Helm, da ist kein Verstand drin.“

Während sie noch sprachen, entstand draußen ein Geräusch, und Theonie,

bereits Tankred vermutend, fuhr zitternd zusammen. Schon der bloße

Gedanke, ihrem Vetter wieder gegenüber zu treten, erregte sie aufs

höchste. Das gab der Pastorin den Entschluß ein, Theonie vorzuschlagen,

sie wolle statt ihrer mit Tankred verhandeln.

„Ich werde es schon machen und sehr schnell mit ihm fertig werden. Ich

erkläre ihm, wozu Sie sich verstehen wollen, und damit basta! Zu

gleicher Zeit will ich aber auch dem Herrn seinen Standpunkt einmal klar

machen.“ Und dabei blieb es trotz des Pastors Gegenrede.

Fünf Minuten später meldete die Magd den Herrn von Brecken.

„Bitte ihn, in des Herrn Zimmer zu treten. Zünde Licht an!“ entschied

die Pastorin, und nach einer Weile begab sie sich in das Gemach. Tankred

war nicht wenig enttäuscht, statt Theonie die Frau des Hauses zu sehen,

aber er ließ sich nichts merken und begegnete ihr mit ausgesuchter,

seine tiefe Verpflichtung ausdrückender Höflichkeit.

„Ihre Frau Kousine ist zu angegriffen, um mit Ihnen, wie es ihre Absicht

war, zu sprechen,“ hub die Pastorin in gemessener Weise an und machte

eine Bewegung gegen Tankred, Platz zu nehmen. „Sie hat mich, um gleich

auf die Sache zu kommen, beauftragt, Ihnen folgendes zu sagen: Es ist

Frau Cromwells Wunsch, daß Sie Falsterhof verlassen und ohne ihre

Aufforderung nicht dahin zurückkehren. Sie verpflichten sich dazu

schriftlich bei Justizrat Brix, ferner erklären Sie, keinerlei Rechte

auf das Breckensche Vermögen, das flüssige oder liegende, zu besitzen,

und nachdem das geschehen, ist Frau Cromwell nicht abgeneigt, ihr

Anerbieten wieder aufzunehmen und Ihnen fünfzigtausend Mark

auszuliefern. So, Herr von Brecken, das ist alles, was ich zu berichten

habe.“

„Über die Zukunft hat meine Kousine mir nichts zu sagen?“ brachte

Tankred, nur mühsam seine durch Enttäuschung hervorgerufene Erregung

verbergend, hervor.

„Nein!“

„Kann ich meine Kousine vielleicht morgen sprechen?“

„Nein! Schon deshalb nicht, weil sie nicht mehr hier sein wird, und auch

die Angelegenheit zwischen Ihnen und dem Justizrat innerhalb drei Tagen

erledigt sein muß. Im anderen Fall will Frau Cromwell sich auf nichts

einlassen und ersucht Sie, innerhalb dieser Zeit unbedingt Falsterhof zu

verlassen.“

„Und wenn ich es nicht thue?“

„Nun, dann wird sie Sie zu zwingen wissen.“

„Haben Sie ihr diese Ratschläge erteilt, Frau Pastorin?“

„Gleichviel. — Ihre Kousine weicht von ihrem Entschluß nicht ab.“

„Und wenn ich nun beschwören kann — ich kann es beschwören und habe nur

bisher nichts geäußert, weil ich den Schein einer Pression vermeiden

wollte, — daß meine verstorbene Tante mir bei Lebzeiten die Hälfte von

Falsterhof zugesagt hat?“

„So würden Sie einen falschen Eid schwören. So weit werden Sie es doch

wohl nicht kommen lassen. Ich will Ihnen mal etwas sagen, Herr von

Brecken. Was denken Sie eigentlich? Glauben Sie wirklich, daß Sie mit

solchen Mitteln durchdringen, daß es bloß eines solchen für Sie bequemen

Entschlusses bedarf, um mühelos ein reicher Mann zu werden? Welcherlei

Ansprüche können Sie erheben? Sie haben bisher nicht an den Tag gelegt,

daß Sie arbeiten und wie andere Menschen durch Pflichterfüllung und

Fleiß sich Ihr Brot verdienen wollen, vielmehr alle Eigenschaften eines

recht leichtfertigen und keineswegs gewissenhaften Menschen zur Schau

getragen. Statt sich Ihrer Kousine für ihre Hochherzigkeit dankbar zu

erweisen, die Gabe, die sie Ihnen bietet, als ein unverdientes Geschenk

hinzunehmen, stellen Sie einfach die Forderung, den Besitz mit ihr zu

teilen. Als sie Ihnen nicht gleich in einer Ihnen genehmen Form die

Mittel zur Verfügung stellte, die Sie zu brauchen vorgeben, werden Sie

ausfallend und stoßen Drohungen aus, wie man Sie wohl auf der Bühne von

Bösewichtern, aber nicht von einem sittlichen Menschen zu hören gewohnt

ist. Nun wollen Sie gar durch falsche Eide Ihre Forderungen erzwingen!

Gehen Sie in sich, Herr von Brecken! Noch ist es Zeit. Das Ende wird

sonst schrecklich sein. Eine Weile begünstigt das Schicksal wohl

solcherlei Treiben, aber nur um den Übermut nachher um so schwerer zu

strafen. Nehmen Sie, was Ihre Kousine Ihnen bietet, und erwerben Sie

sich durch einen tadellosen Lebenswandel die Anwartschaft auf fernere

Zuwendungen, dann sind Sie weise. Wenn Sie mir das versprechen, will ich

verschweigen, was eben über Ihre Lippen gegangen ist, und es soll auch

alles, was sonst geschehen, der Außenwelt vorenthalten bleiben. Im

anderen Falle aber seien Sie überzeugt, daß wir mit allen Mitteln Ihrem

ungesetzlichen, frivolen, ja, gefährlichen Treiben entgegentreten

werden. Und noch eins: Wenn Sie glauben, daß Sie uns Furcht einflößen

können, so irren Sie sich. Sie werden vielmehr erkennen, daß mit uns

nicht gut Kirschen essen ist. — So, nichts für ungut. Die meisten

Menschen haben eine Periode, wo sie der Teufel packt. Ich will denken,

daß er auch nur zeitweise über Sie gekommen ist. Helfen Sie selbst, ihn

auszutreiben!“

Tankred hatte der Rede der Frau, die ihn wie einen Schulbuben

abzukanzeln sich erdreistete, mit einem unbeschreiblichen Ärger

zugehört. Mehr als einmal hatte er in seiner maßlosen Erregung den

Versuch gemacht, die Sprecherin zu unterbrechen, seine Hände ballten

sich unwillkürlich, und die Zähne preßten sich zusammen.

Aber da sie sich durch seine Haltung durchaus nicht beirren ließ, da sie

ruhig und fest fortfuhr, hatte er, um wenigstens in einer Weise seiner

Stellung zu ihren Worten Ausdruck zu verleihen, sich abgewandt und voll

Ungeduld mit den Fingern auf den Tisch getrommelt. Erst am Schluß ihrer

Rede ward seine Hand ruhig, und nur ein finsterer Zug blieb in seinem

Angesicht haften; offenbar trat die Überlegung bei ihm ein, ob es nicht

doch richtiger sei, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

„Gut denn,“ stieß er, nachdem sie geendigt hatte, kurz entschlossen

heraus. „Ich will Ihnen einen Gegenvorschlag machen, Frau Pastorin. Ich

will die von Ihnen geforderte Erklärung geben, auch mich mit der

angebotenen Summe begnügen, wenn meine Kousine mir einen Brief des

Inhalts schreibt, daß sie einen moralischen Anspruch auf Falsterhof von

meiner Seite anerkennt. Sie giebt mir damit nichts anderes, als was sie

mir schon vor unserm Zerwürfnis zugebilligt hatte. Auch muß sie

hinzufügen, daß sie diesen Anspruch in Geld verwandeln will, wenn sich

nach Verlauf einer Anzahl Jahre herausgestellt hat, daß ich in ihren

Augen dessen würdig bin. Was Sie da von falschen Eiden sprechen, die ich

schwören würde, von meinen Charaktereigenschaften und von

Eventualitäten, denen ich mich aussetzen werde, wenn ich meiner

Überzeugung nachgehe, will ich unberührt lassen. Als kluge Frau wissen

Sie am besten, daß bloße Behauptungen taube Nüsse sind, und daß wir die

Natur die Sprache nicht verliehen hat, um gegebenen Falles die Rolle

eines Taubstummen zu spielen! Ich gab meiner Kousine zu, daß manches an

mir zu bessern sei, und um die Besserung um so sicherer herbeizuführen,

bat ich sie um ihre Hand und um einen Teil ihres Überflusses. Was ist

ein Mensch ohne Mittel, besonders einer, der durch verehrte Erziehung

hervorgerufene Eigenschaften besitzt, wie ich? Sie sprechen vom Teufel,

der mich gepackt haben soll, aber Sie alle wollen nicht helfen, ihn zu

vertreiben.“

„Nein, man vertreibt ihn nur selbst durch festen Willen, durch

Beherrschung seiner Leidenschaften, durch Bezwingung seiner Natur und

durch Beschränkung seiner Bedürfnisse. Daß Ihre Kousine, die keine Liebe

für Sie empfindet, Sie heiraten soll, um Sie zu bessern, ist in der That

ein starkes Verlangen. Und daß jemand Glücksgüter fordert, um seine

Fehler abzulegen, beweist, daß er noch nicht das ABC sittlicher

Lebensanschauungen in sich aufnahm, wohl aber eine an Irrsinn grenzende

Selbstüberhebung besitzt. Sehen Sie, das ist meine Ansicht. Um aber zum

Schluß zu gelangen: Ich will Ihrer Kousine mitteilen, was Sie wünschen,

sie mag dann selbst entscheiden.“

„Also auf Ihre Befürwortung habe ich nicht zu rechnen?“

„Nein, Herr von Brecken. Wenn es nach mir ginge, erhielten Sie nichts

weiter als ein Darlehen, und das auch nur, damit Sie in die Lage

gerieten, sich Arbeit und Verdienst zu schaffen. Ich würde erst sehen

wollen, ob Sie ein anderer werden. Ihre träge Genußsucht in solcher

Weise zu unterstützen, halte ich fast für ein Verbrechen.“

Tankred zuckte die Achseln, aber da er seiner Sache schon gewiß war, da

er sah, daß er doch wieder auf dem Punkte stand, seine Zwecke zu

erreichen, triumphierte er innerlich, überging die letzten Ausführungen

der Pastorin und sprach ihr sogar seinen Dank für ihre Bemühungen aus.

„Ich weiß, Sie werden Ihre schlechte Meinung über mich ändern, Frau

Pastorin! Sicher!“ schloß er mit künstlichem Ernst und suchte, indem er

sie trotz ihrer herben Begegnung gleißnerisch seiner Achtung und

Bewunderung versicherte, noch zu gewinnen, was etwa durch Schmeichelei

zu erobern war. —

* * * * *

Grete von der Linden griff mit recht mürrischer Miene nach Umschlagtuch

und Hut und begab sich in den Garten. Sie wollte versuchen, hier ihre

Gedanken zu ordnen, nachdem sie ein sehr aufregendes Gespräch mit Carin

Helge gehabt hatte.

Ihre frühere Erzieherin und jetzige Gesellschafterin hatte geäußert, daß

Herr von Brecken ihr ein äußerst widerwärtiger Mensch sei, eine

Persönlichkeit, vor der man sicher auf der Hut sein müsse, und Grete

hatte sehr empfindlich entgegnet, daß sie es nicht passend finde, daß

Carin ein solches Urteil über Freunde des Hauses fälle.

Darauf war wieder eine etwas schroffe Äußerung von Fräulein Carin

gefallen, und nach einer nicht minder gereizten Antwort von Grete hatte

die erstere erklärt, daß es bei der geringen Übereinstimmung, die

neuerdings zwischen ihnen herrsche, wohl besser für sie sei, Holzwerder

zu verlassen. „Ja, machen Sie das ganz, wie Sie es für gut befinden,

liebe Carin.“ Mit diesem kühl gesprochenen Wort war das Band zerrissen,

das die beiden seit Jahren verknüpft hatte. Aus der ursprünglichen

Erzieherin war nach Gretes Einsegnung eine Freundin geworden. Auf Gretes

ausdrücklichen Wunsch war Carin auf unbestimmte Zeit als

Gesellschafterin und Gast auf dem Gut geblieben. Aber von Monat zu Monat

hatte sich im letzten Jahr das Verhältnis schlechter gestaltet. Grete

waren die Flügel ungewöhnlich rasch gewachsen, sie erlaubte sich, über

alles sehr präzise nachzudenken, sich ihre eigene Meinung zu bilden und

dieser nicht nur Ausdruck zu geben, sondern auch über entgegengesetzte

Ansichten kurz wegzugehen oder ihnen entschieden entgegenzutreten.

Einige Ausflüge mit ihren Eltern in die große Welt hatten sie rasch

gezeitigt. Sie wußte, daß sie hübsch und klug war, und schmeichelnde

Stimmen hatten es in zahlloser Wiederholung bestätigt, aber sie wußte

auch, daß sie eine reiche Erbin sei, und hatte bereits erfahren, wieviel

ein Mensch, den man für begütert hält, der Welt ohne Widerspruch bieten

kann.

Geld und Gold beugte die Kniee der Menschen und schuf demütige Gebärden

selbst dann, wenn die den Nacken krümmenden Personen keiner Vorteile

gewärtig sein konnten.

Grete hatte ein Interesse für Tankred, weil ihrem praktischen Sinn die

Vorzüge einleuchteten, die erwachsen würden, wenn die beiden

aneinandergrenzenden, großen Güter unter eine Herrschaft kämen.

Breckens waren Freiherren, auch Tankred hatte das Recht, sich Baron zu

nennen. Schon seit ihrer Kindheit hatten ihr die Bewohner von Falsterhof

großen Respekt eingeflößt. Reichtum verband sich bei ihnen mit solider

Gesinnung und vornehmer Zurückhaltung; die alten Breckens ließen die

Menschen an sich herankommen, sie suchten sie nicht auf. Das gefiel

Grete, die Eindrücke der Jugend wirkten nach und übertrugen sich auf

Tankred.

Er war ein stattlicher Mann, groß und geschmeidig und hatte etwas

Energisches in Haltung und Ausdruck, und doch besaß er etwas

Fortreißendes, wenn er liebenswürdig sein wollte.

Daß sich nichts von Sentimentalität in seinem Wesen äußerte, war Grete

höchst willkommen; sie haßte alle Empfindsamkeit, weil sie selbst davon

nichts besaß. Und endlich und zuletzt — sie mochte ihn einmal, und durch

seine Vermögenslage würde sie imstande sein, um so leichter die

allerdings nur moralisch begründeten materiellen Ansprüche ihrer Eltern

zu befriedigen. Allerdings, auch das überdachte Grete; sie war durchaus

nicht geneigt, sich Einschränkungen aufzuerlegen.

Freilich waren Tankreds Vermögensverhältnisse noch nicht völlig

aufgeklärt. Einige behaupteten, Tankred von Brecken besitze keinen

Groschen, andere dagegen, — sie wollten es aus seinem Munde gehört

haben, — daß er Miterbe von Falsterhof sei.

Nach dem ersten Besuch war Tankred noch zu wiederholten malen auf

Holzwerder gewesen, obschon er nicht mehr auf Falsterhof wohnte. Er

hatte sich in Elsterhausen unter dem Vorgeben eine Wohnung gemietet,

daß ihm der Aufenthalt auf dem Gute ohne Theonie zu einsam, es auch für

seine Bemühungen, sich ein Gut zu kaufen, bequemer sei, in der mit der

Eisenbahn verbundenen Stadt zu wohnen.

Heute ward Tankred abermals erwartet, und bei dieser Gelegenheit hatte

sich Herr von Tressen auf Veranlassung seiner Frau vorgenommen, mit dem

Gast über dessen Vermögensverhältnisse zu sprechen.

Frau von Tressen besaß die Eigenschaften, welche die verstorbene Frau

von Brecken an ihr gerühmt hatte. Sie war gutherzig, klug und energisch,

hatte eine gerechte Denkungsart und einen ehrenwerten Charakter. Aber

sie liebte das Leben und seine Zerstreuungen und hatte niemals recht

verstanden, sich einzurichten. Während ihr erster Mann noch gelebt

hatte, war er der verständige Haushalter gewesen, aber nach seinem Tode

hatte Frau von Tressen über ihre Verhältnisse gewirtschaftet und in

ihrem zweiten Mann keinerlei Stütze für bessere Entschlüsse gefunden. Im

Gegenteil, das ihr persönlich gebliebene Vermögen war schon längst

verthan. Bei der Feinfühligkeit, die ihr eigen war, hatte sie bisher

noch niemals mit Grete über die Zukunft gesprochen, ebensowenig ihr

Mann, der alles beiseite legte oder aufschob, was ihm unbequem war. So

vertrauten beide stillschweigend Grete, aber ihr Nachdenken sagte ihnen

auch, daß ihre Tochter eine offnere Hand haben werde, wenn sie einen

wohlhabenden Mann heirate.

Tankred gefiel ihnen aus denselben Gründen, die für Grete hauptsächlich

in die Wagschale fielen.

Wohl wollte sich in der Frau — wie in Carin — bisweilen ein Mißtrauen

gegen Tankred regen, aber durch seine Geschmeidigkeit ward ihre Vernunft

eingeschläfert, und ein Gemisch von befriedigter Eitelkeit, Anbequemung

an Gretes deutlich hervortretende Wünsche und jene Flüchtigkeit, die

zunächst nur das greifbar Vorteilhafte ins Auge faßt, bestimmten sie,

sich für die Partie zu interessieren, — natürlich vorausgesetzt, daß

Tankred der vermögende Mann sei, als den sie ihn schätzten.

Ihr künftiger Schwiegersohn und ihre Tochter sollten sich schriftlich

verpflichten, ihren Eltern jährlich eine festgesetzte Summe zu zahlen.

Aber wenn nun Tankred kein Vermögen besaß, oder wenn er oder ein anderer

Gatte Gretes sich weigerte, für ihre und ihres Mannes Existenz

aufzukommen?

Zum erstenmal überfiel es die Frau schwer, zum erstenmal in ihrem Leben

überkam sie eine schier unbezwingliche Angst, es könne dergleichen

geschehen oder später eintreten. Ihr Mann, ein früherer Offizier, war

vollkommen erwerbsunfähig. Schon machten sich allerlei durch einen

raschen Lebenswandel hervorgerufene Leiden bei ihm bemerkbar, ihn

plagten vorübergehend Gichtschmerzen; eigentümliche nervöse Beschwerden,

Schlaflosigkeit und Atemnot waren schon vor zwei Jahren eingetreten und

hatten das Herz der Frau mit Sorge erfüllt. Wenn er sich dann wieder

erholt und wohl gefühlt, hatten sie beide die Gedanken an Krankheit und

Tod rasch beiseite geschoben; aber gegenwärtig erschien ihr alles in

einem anderen, sehr dunklen Lichte. Unklar und drohend stieg die Zukunft

vor ihr auf, und sie beschloß, vorsichtig zu handeln und sich nicht auf

bloße Eindrücke oder gar auf den Zufall zu verlassen. —

Als Grete nach ihrer Wanderung im Freien ins Herrenhaus zurückkehrte,

begegnete ihr Hederich, der die Weste schief zugeknöpft hatte, und dem

ein Zipfelchen hinten aus dem Rockkragen hervorschaute. Er war ein gut

geschulter Verwalter und ein gerader, durchaus ehrlicher Mensch, der

nicht eben überintelligent und vielseitig war, aber instinktiv das

Rechte traf, in allen seinen Obliegenheiten nach Grundsätzen verfuhr und

allgemeine Achtung genoß.

Niemand übte einen so großen Einfluß auf Grete aus, wie er, ja, insofern

das junge Geschöpf überhaupt jemanden, einschließlich ihrer Mutter, zu

lieben vermochte, — ihren Vater betrachtete sie eigentlich nur als eine

durch unantastbare Verträge überkommene, friedfertige und unschädliche

Persönlichkeit, — empfand sie ein solches Gefühl für Hederich. So lange

sie ihn gekannt hatte, war er ihr stets gütig und zugleich ehrerbietig

begegnet. Wann immer sich eine Gelegenheit gefunden, hatte er ihr

Aufmerksamkeiten erwiesen, und schon als Kind war sie zu ihm gelaufen

und hatte ihm ihr kleines Herz ausgeschüttet. Nicht Herr von Tressen,

der immer nur seine Amüsements, seine L'Hombre-Partieen, Diners, Jagden

und Reisen ins Auge faßte, hatte ihr den früh verlorenen Vater ersetzt,

sondern der Junggeselle Hederich.

Er kannte nichts von der Welt draußen, aber um so besser war er über

alle Gutsangelegenheiten und alle Persönlichkeiten in nächster und

weiterer Umgegend unterrichtet. Er ward auch sehr häufig in praktischen

Fragen, bei der Beurteilung von Pferden und anderen die Landwirtschaft

betreffenden Dingen, über Korn, Witterung und Gesinde um Rat gefragt und

wußte eigentlich immer alles. Dem pfeifen es die Drosseln von den Bäumen

zu, sagten die Leute von ihm.

„Guten Morgen, guten Morgen, liebes Fräulein. Drum und dran. Schon so

früh heraus? Wie geht's Papa heute? Hab' ihn noch nicht gesehen. — So,

so, das ist schön. — Ja, gewiß, gern. — Ich habe Zeit! Sollen wir hier den

Buchensteg entlang gehen? Nun, liebes Fräulein, was ist, bitte?“

„Zuerst Hederich: Fräulein Carin verläßt uns. Sagen Sie, was halten Sie

eigentlich von ihr?“

„Viel, Fräulein Grete! Sie ist eine ehrliche Person und braucht nicht

erst ein Kreuz auf dem Rücken zu haben zum Zeichen, daß sie dienstfähig

ist. Sie hat von ihren Eltern Verstand mit in die Wiege gelegt gekriegt.

Aber drum und dran, warum fragen Sie?“ forschte der Alte mit seinem tief

eingeschnittenen Gesicht und machte neugierige Augen.

„Nun ja, weil sie weggeht, und ich darüber nachdenke, an wem die Schuld

wohl liegt. Gewiß Hederich, ich stimme Ihnen bei. Aber wir verstehen uns

nicht mehr. Da ist es besser —“

„Ja, ja, Sie gehen bei Zeiten auseinander, als daß Sie in Feindschaft

enden. Gewiß, das hat sie nicht um Sie verdient, Fräulein Grete!“

Grete schwieg, sie fühlte er hatte recht; gern würde sie aber gesehen

haben, daß er ihr bereitwillig zugestimmt hätte.

„Wie kam denn das mit Ihrem Streit, Fräulein Grete, nichts für ungut,

wenn ich fragen darf?“

„Über Herrn von Brecken erzürnten wir uns. Apropos! Was halten Sie von

dem?“ unterbrach Grete sich, als sei sie erst durch das Gespräch auf ihn

gebracht, während sie es doch nur um seinetwillen begonnen hatte.

Der Verwalter antwortete diesmal nicht gleich. Er schien ausweichen zu

wollen.

„Nun? Haben Sie etwas gegen ihn?“

„Mit Verlaub, Fräulein Grete. Will Fräulein Carin etwas von ihm wissen?“

„Nicht viel eben! Sie verdächtigt seinen Charakter.“

Hederich bewegte den Kopf, zog die breiten Lippen und machte große

Augen.

„Ja, sie versteht's —“

„Wieso? Mögen Sie ihn auch nicht? Hören Sie, Hederich! Ich frage nicht

umsonst. Ich — ich —“

„A — h —“ machte der Mann und sah Grete groß an. „Nun ja denn! Ich weiß

nichts Schlechtes von ihm. Drum und dran, er soll leichtsinnig gewesen

sein. Anfangs da gefiel er mir auch sehr gut. Er hat mir sogar eine

Meerschaumpfeife geschenkt. Aber wissen Sie, Fräulein Grete, er hat was

im Auge — oft — man kann sich fürchten —“

„Ja, ein energischer Mensch ist er. Ich glaube deshalb auch, wenn er

sich mal gesetzt hat, mal zur Ruhe kommt, wird er ordentlich, sparsam

und solide werden.“

„Ja — ja — das ist wohl anzunehmen,“ bestätigte Hederich. „Aber ob er so

recht umgänglich werden wird — gegen Sie — ich meine — drum und dran — und

denn — und denn, Fräulein Grete — er hat, glaub' ich, gar nichts!“ stieß

Hederich zum Schluß heraus.

„So? Wissen Sie etwas Bestimmtes darüber?“ forschte Grete, den ersteren

Einwand umgehend.

„Er soll ein Versprechen haben von seiner Kousine auf Falsterhof, aber

auch bloß ein Versprechen, das an Bedingungen geknüpft ist.“

„In der That? Von wem haben Sie das? Von ihm selbst?“

Hederich verneinte stumm. Er wollte nicht mit der Sprache heraus.

Zuletzt ließ er etwas von Frege fallen und ging noch weiter und

erklärte, Frege traue Tankred nicht über den Weg.

„Ja, aber weshalb mißtrauen ihm denn die Leute? Ich verstehe nicht,“

betonte Grete, durch die Enttäuschung, die sie empfand, zum Widerstand

gedrängt. Sie wollte Gutes hören, und da sie es nicht vernahm, wollte

sie es, wie alle Hoffenden, erzwingen.

„Sie meinen — drum und dran —“ entgegnete Hederich ehrlich, — „daß er

wenig Herz hat und nur auf seinen Vorteil bedacht ist. Für andere

Menschen hat er nichts übrig.“

Grete fand diese Eigenschaft nicht so schlimm. Die Erklärung regte sie

nicht auf, sondern beruhigte sie, obschon sie gern gesehen hätte, wenn

Hederich von Tankred eingenommen gewesen wäre.

„Na,“ schloß sie nüchtern. „Besser ein Fuchs, als ein dummes Huhn.“

„Ja, — ja — liebes Fräulein, aber es liegt — drum und dran — etwas

dazwischen. Das ist das Richtige. Ihre Mama — na ja, sie hat ja eine

sehr leichte Hand — aber die hat die schöne Mitte, klug und gut.“

Grete antwortete nicht.

„Warten Sie, alter, guter Hederich —“ sagte sie und schob ihm das

Bändchen unter den Rockkragen, — „hier steckt was heraus.“ Und plötzlich

ganz unvermittelt: „Wie viel sicheres Einkommen hat Falsterhof, und wie

viel unser Gut?“

Darauf mußte Hederich schon antworten, weil er sich in der Rolle des

genau Unterrichteten überaus gut gefiel.

„Falsterhof wirst wenigstens hundertzwanzig- bis hundertdreißigtausend

Mark jährlich ab, und Holzwerder durchschnittlich, mal mehr, mal

weniger, so etwa sechzigtausend Mark.“

„Nicht mehr?“ fragte Grete enttäuscht.

„Nein, mehr nicht, Fräulein, und dann sind da auch noch Zinsen

und — und — na, gleichviel —“

Eben waren sie wieder am Gutshof angelangt und nahe Hederichs Haus, das,

von Epheu umsponnen und von schönen Bäumen umgeben, einen reizvollen

Anblick gewährte.

„Haben Sie nie daran gedacht, zu heiraten, Hederich?“ fragte Grete

sinnend.

„Ja, einmal. — Was jetzt die Frau Pastorin ist — unter uns gesagt — die

Pastorin Höppner, die hätt' ich gern gehabt, aber sie neigte ja mal zu

so was Kirchlichem und zum Pastor. Ja, ja, ist ja auch ein netter

Mensch, bloß kein Mann. — Nein, drum und dran — kein Mann. Ich freue mich

noch immer, wenn ich sie sehe — ja, das thue ich!“ schloß Hederich, mehr

mit sich selbst als mit Grete redend.

„Adieu! Danke, alter guter Hederich!“ sagte Grete. Was sie für ihn

empfand, spiegelte sich in ihren Augen wieder.

Und er fühlte es und sagte:

„Noch eine hab ich immer in mein Herz geschlossen.“

„Nun?“

„Sie! Fräulein Grete,“ sagte er mit warmem Ausdruck. Nun zog's über das

Angesicht des Mädchens, und sie drückte ihm gerührt die Hand. Bisweilen

sprang noch einmal wie in ihren Kinderjahren eine heiße Quelle in ihr

auf; die Sehnsucht, gut zu sein und sich Liebe zu erwerben, durchzog sie

stürmisch. —

Tankred war nach Abrede auf Holzwerder eingetroffen, und eben

versammelten sich die Herrschaften, um zu Tisch zu gehen. Nur Carin

fehlte noch, und Frau von Tressen, die nicht gern warten mochte, schaute

etwas ungeduldig nach der Thür.

„Wo bleibt denn Carin? Weißt Du etwas von ihr, Grete?“ wandte sie sich

fragend an ihre Tochter und zog zugleich die Klingel. Grete zuckte mit

deutlicher Teilnahmlosigkeit die Achseln; in denselben Augenblick aber

öffnete sich die Thür, und Carin trat mit sichtlich verweinten Augen ins

Gemach.

Alle blickten befremdet auf, aber Frau von Tressen verscheuchte die

Peinlichkeit der Situation, indem sie sogleich das Zeichen zum Tischgang

gab.

Nach Aufhebung der Tafel verschwand die Freundin des Hauses, die fast

stumm dagesessen, sogleich wieder, und dieser Umstand veranlaßte

Tankred, der mit Grete allein plaudernd in einem nach dem Garten

schauenden Balkonzimmer saß, die Rede auf Fräulein Helge zu bringen.

„Wir haben uns erzürnt, und mit unserer Freundschaft ist's aus. Das

Fräulein verläßt morgen früh Holzwerder,“ entgegnete Grete kalt.

Die Mitteilung überraschte, aber interessierte und erfreute zugleich

Tankred sehr. Die mißtrauischen Augen dieser Person in Zukunft nicht

mehr auf sich gerichtet zu sehen, war ihm eine große Beruhigung.

„Das sagen Sie so leicht hin, gnädiges Fräulein?“ knüpfte er, um mehr zu

hören, an.

„Nun ja, was ist denn weiter? Sie war in unserm Hause angestellt, blieb

dann noch einige Jahre als meine Gesellschafterin bei uns und sucht sich

nun eine andere Thätigkeit. Ein Bündnis fürs Leben habe ich doch nicht

mit ihr geschlossen.“

„Ließ die Dame etwa die Ehrerbietung gegen Sie aus den Augen, wenn die

Frage erlaubt ist?“

Statt zu antworten, lächelte Grete vor sich hin. Dann sagte sie, halb

verlegen, halb schelmisch zu Tankred emporschauend:

„Sie, Herr von Brecken, sind sogar die Veranlassung zu unserm Zwist.

Wenn Fräulein Helge uns verläßt, so tragen Sie die Schuld. Ja, ja, man

kann sündigen, ohne es zu wissen,“ schloß sie, als Tankred große,

forschende Augen machte.

„Ich?“ stieß er heraus. „Ich bitte, sprechen Sie. Das interessiert mich

natürlich ungemein.“

Einen Augenblick schwankte Grete, ob sie Tankred antworten solle.

Verriet sie ihm, daß Carins absprechendes Urteil über ihn sie geärgert

habe, so offenbarte sie auch ihre Neigung zu ihm und griff den Dingen

vor. Sie wollte ihm aber erst Hoffnungen machen, wenn sie über seine

äußeren Verhältnisse genau unterrichtet war.

Dem klugen Intriganten ahnte, wie die Dinge lagen, und seine Wünsche

unterstützten seine Annahme.

Er nahm deshalb rasch statt ihrer das Wort und sagte eindringlich:

„Ist es denkbar, daß Sie, mein Fräulein, für mich gegen Fräulein Helge

Partei nahmen? Darf ich es hoffen, da es mir beweist, daß ich Ihnen

nicht gleichgültig bin? Offen gestanden, Ihre Freundin war auch mir

gleich bei dem ersten Anblick unsympathisch, und daß sie gegen mich

intrigieren werde, war mir unzweifelhaft. Ich that ihr nichts, aber

vielleicht sagte ihr ihr Ahnungsvermögen, daß — daß —“

„Daß?“ forschte Grete, die eigentlich sich nicht fortreißen lassen

wollte, und doch dem Reiz nicht widerstehen konnte, der in halb

verdeckten Erklärungen liegt.

„Nun, daß Sie mir mit der Zeit vielleicht etwas gut werden könnten, und

daß sie, Fräulein Helge, dann nicht mehr der Mittelpunkt Ihrer Gedanken

sein würde.“

„Sollte es das sein?“ ging's rasch und fast gegen Gretes Willen über

ihre Lippen. Also Beweggründe egoistischer Natur hätten Carin geleitet!

Das war Grete bisher noch nicht in den Sinn gekommen, aber da es ihr

paßte, da sich daraus die Gründe für Carins Abneigung gegen Tankred

erklären ließen, nahm sie das Gesagte als zutreffend an.

„Gewiß, ich bin dessen sicher, Fräulein von der Linden. Und nicht

wahr?“ fügte Tankred, sich vorsichtig umschauend und leiser und zärtlich

sprechend, hinzu: „Ich darf annehmen, ich darf hoffen, daß Fräulein

Helge das Rechte traf —?“

Nun sah er sie an mit seinen leidenschaftlichen, sinnverwirrenden Augen,

und sie ward unsicher und beängstigt. Ihr Blut regte sich, ein Strom

schoß durch ihre Glieder, Liebe und Leidenschaft vereinten ihre Kräfte

und wollten sie fortreißen. Aber dennoch siegte die überlegende

Vernunft.

„Wir wollen über andere Dinge sprechen, Herr von Brecken,“ stieß sie,

sich mit Gewalt beherrschend, heraus und sah ihn an, als ob sie seine

Worte als ein übertriebenes Kompliment aufgefaßt hätte. Und zur besseren

Bestätigung ihrer Unempfindlichkeit fügte sie hinzu:

„Es giebt ja interessantere Themata als Fräulein Helge. — Wie denken Sie

zum Beispiel über die Stellung des Jupiter zur Sonne?“ —

Als später Tankred mit Herrn von Tressen in dessen Rauchzimmer saß — es

war kurz vor dem Abendessen — sagte der letztere:

„Haben Sie etwas von ihrer Frau Kousine gehört? Wo hält sie sich jetzt

auf, wenn's erlaubt ist, zu fragen? Wird sie den ganzen Winter

fortbleiben?“

„Sie ist bei Verwandten ihres Mannes in Hannover und will schon in

einigen Wochen nach Falsterhof zurückkehren.“

„Und dann siedeln Sie auch wieder nach Falsterhof über? Oder welche

Pläne haben Sie, Herr von Brecken? Ist es richtig, was meine Tochter mir

sagt, daß Sie ein Gut kaufen wollen? Hoffentlich dann in unserer Nähe,“

schloß Herr von Tressen artig.

„Allerdings, ich möchte wohl hier herum etwas erwerben, finde aber

nichts Passendes. Ja, wenn ich ein Gut wie Holzwerder kaufen könnte —“

Unwillkürlich erhob Herr von Tressen den Blick. Hatte Tankred die

letzten Worte mit einer bestimmten Absicht gesprochen? Wollte er auf

diese Weise das Gespräch auf Grete hinüberleiten? Im Augenblick fand

Herr von Tressen keine Anknüpfung, dann aber kam ihm ein guter Gedanke,

und er sagte:

„Falsterhof selbst zu verwalten, da Sie ja, wie ich höre, Mitbesitzer

sind, würde Ihnen nicht konvenieren? Übrigens nachträglich meine

Gratulation! Es ist wohl die schönste Herrschaft in der Provinz.“

Diesen Worten war es unmöglich, auszuweichen. Tankred wußte auch, daß

sie absichtlich gesprochen waren. Tressens wollten Klarheit haben, und

wenn die Dinge nach ihren Wünschen ausfielen, stand einer Heirat mit

Grete nichts im Wege.

Und da doch einmal das Schweigen gebrochen werden mußte, da Tankred je

eher, desto lieber zum Ziele gelangen wollte, warf er alle Bedenken

beiseite und sagte:

„Da Sie mich fragen, will ich Ihnen offen antworten, Herr von Tressen.

Ohnehin drängt es mich, ein unumwundenes Wort mit Ihnen zu sprechen.

Wollen Sie es mir gestatten?“

„Ich kann mich dadurch nur geehrt fühlen,“ entgegnete Gretes Stiefvater

verbindlich und zugleich mit größter Spannung.

„Nun, meine Kousine ist allerdings alleinige Erbin von Falsterhof, aber

sie hat selbst den Wunsch, mich an dem Besitze in halber Höhe zu

beteiligen. Zu diesem Zwecke wurde mir durch ihren Rechtsbeistand

bereits ein bares Kapital überwiesen. Weiteres macht sie abhängig von

gewissen Bedingungen. Ohne Rückhalt gesprochen, sie will mich prüfen, ob

ich imstande bin, mit einem großen Vermögen umzugehen. Eine gewisse

Breckensche Pedanterie, übertriebene Gewissenhaftigkeit leiten sie. Aber

ich besitze ein Schriftstück, das unzweifelhaft ihre Absicht kund giebt,

mich zum gleichberechtigten Erben einzusetzen. — Ich gelange nun auf den

anderen Punkt, Herr von Tressen. Ihre Tochter, Fräulein Grete, hat

gleich bei unserer ersten Begegnung einen tiefen Eindruck auf mich

gemacht, und er hat sich bei jeder von Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin mir

in so überaus liebenswürdiger Weise gestatteten Wiederholung meiner

Besuche verstärkt. Aber noch ein besonderer Umstand tritt hinzu, der

meine sehr lebhaften Wünsche unterstützt. Unwillkürlich richtet ein

besonnener Mensch auch den Blick auf die Umgebung der Erwählten seines

Herzens. Er fragt sich, ob die Personen, die ihr nahe stehen, ihm

sympathisch sind, und da muß ich ohne Komplimente sagen, daß ich es als

das höchste Glück ansehen würde, in Zukunft gerade mit Ihnen und Ihrer

Frau Gemahlin in nähere Berührung zu treten.“

Bei den letzten Worten machte Tankred ein so freimütig liebenswürdiges

Gesicht, so ehrlich blickte sein Auge, und so überzeugt klangen seine

Worte, daß sie die volle Wirkung erzielten, die er damit beabsichtigt

hatte.

Herrn von Tressens Eitelkeit ward geschmeichelt, und da die

vorausgegangenen Mitteilungen äußerst befriedigender Art zu sein

schienen, war er bereits entschlossen, Tankred ganz in dem von ihm

gewünschten Sinne zu antworten, als ihm die Erinnerung kam an das, was

seine Frau ihm eingeschärft hatte. Er sagte deshalb vorläufig noch mit

etwas Zurückhaltung:

„Bei einer Verlobung unserer Tochter, sehr geehrter Herr von Brecken,

treten besondere Verhältnisse ein, die der Erörterung unterliegen

müssen. Wenn ich Ihren sehr ehrenden und mich äußerst erfreuenden

Antrag — meiner Tochter Stellung zu demselben kenne ich vorläufig noch

nicht, ich darf dies gleich betonen, zweifle aber nicht, daß sie Ihnen,

wie Sie es voraussetzen, geneigt ist, — also wenn ich Ihren Antrag in

Überlegung ziehen soll, ist eine vorherige Klarstellung zwischen uns

nötig.

Meine Tochter ist alleinige Inhaberin von Holwerder. Mit ihrer Heirat

hören unsere rechtlichen Ansprüche auf, und wir sind angewiesen auf ihre

gütige Hand. An sich ist dies peinlich, aber noch peinlicher gestalten

sich die Dinge, wenn ihr Gatte Mitbesitzer und Verwalter des Vermögens

wird. Eine klare, bindende schriftliche Bestätigung unserer moralischen

Ansprüche ist erforderlich, nachdem die Höhe der uns zu zahlenden

jährlichen Rente festgesetzt ist. Je bereitwilliger uns der Mann, der

Grete einmal heimführen wird, in dieser Hinsicht entgegenkommt, desto

geneigter werden wir ihm selbstverständlich sein. Darin liegt keine

verwerfliche Geldsucht, sondern es begründet sich in der Natur der

Dinge. Von der Luft können wir nicht existieren, und ein anständiges

Auskommen wird meine Tochter ihrer Mutter selbst wünschen.“

Tankred hatte während Herrn von Tressens Rede wiederholt, eifrig

beipflichtend, den Kopf bewegt. Aber da er vorläufig noch nicht Gretes

Bräutigam war, hemmte er den Strom bereitwilliger Rede und sagte, der

Wirkung seiner Antwort gewiß:

„Ich würde, wenn mir das Glück werden könnte, Fräulein Grete heimführen,

es als eine Ehrensache betrachten, die Existenz derjenigen möglichst

ausgiebig materiell sicher zu stellen, denen ich mein Lebensglück in

erster Linie verdanke. Das als Antwort auf eine Eventualität, die in

eine Thatsache umzuwandeln, Sie, mein hochverehrter Herr von Tressen, so

freundlich und gütig sein wollen, zu unterstützen.“ —

Als die beiden Ehegatten sich abends schlafen legten und Gelegenheit

hatten, sich ohne Zeugen auszusprechen, berichtete Herr von Tressen in

sehr gehobener Stimmung seiner Frau von dem Inhalt der stattgehabten

Unterredung.

„Vortrefflich,“ sagte die Frau, nachdem er geendigt. „Aber nun wäre es

doch wünschenswert, daß wir das Schriftstück, von dem Brecken spricht,

einsähen, und daß Du auch an Frau Cromwell schriebest.“

„Meinst Du wirklich, daß letzteres notwendig ist? Ich denke, die

Einsicht in das Abkommen genügt; hoffentlich wird Brecken es uns von

selbst vorlegen. Ihn darum zu ersuchen, ist peinlich.“

„Nun, es wird sich ja finden! Vorläufig wollen wir Grete noch nichts

mitteilen, aber ich will sie morgen sondieren, wie sie zu Brecken

steht. Daß sie sich sehr für ihn interessiert, ist zweifellos. Übrigens,

wie ist sie kühl! Von der Helge trennt sie sich mit einer

Gleichgültigkeit, die mich fast erschreckt. Armes Mädchen! Sie war sehr

weich und rührte mich sehr bei der Unterredung, die ich am Vormittag mit

ihr hatte, während Ihr spazieren gingt. Aber an eine Aussöhnung denkt

sie selbst nicht. Sie fühlt, daß Grete ihr Gehen will, Grete hat

begierig die Gelegenheit zur Herbeiführung der Verstimmung ergriffen.“

Aber Herr von Tressen hörte schon kaum mehr zu, tiefe Atemzüge bewiesen,

daß er bereits dem Schlaf erlegen war.

* * * * *

Tankred saß in seiner Wohnung in Elsterhausen und studierte immer von

neuem ein Schriftstück. Es war das Schreiben, welches er vor Wochen von

Theonie erhalten hatte, und es lautete wie folgt:

‚Nachdem mein Vetter Tankred von Brecken schriftlich erklärt hat, daß

er keinerlei rechtliche Erbansprüche an den Nachlaß meines Vaters

besitzt, insbesondere sich auch der Einrede begeben hat,

diesbezügliche Zusicherungen von seiten meiner verstorbenen Mutter

empfangen zu haben, bestätige ich hierdurch meine Zusage, ihm die

Summe von fünfzigtausend Mark sofort auskehren zu wollen, und habe

meinen Sachwalter, Justizrat Brix, mit den betreffenden Anweisungen

versehen.

Weitere Zuwendungen, größere oder kleinere bis eventuell zur Hälfte

des vorhandenen Gesamtbesitzes, sollen nicht ausgeschlossen sein, doch

will ich mich darüber erst nach Verlauf eines Zeitraumes von fünf

Jahren äußern und verpflichte mich, wie ich ausdrücklich hervorhebe,

dazu in keiner Weise.‘

In dieser Fassung machte der Inhalt keinen sehr vorteilhaften Eindruck,

und was noch schlimmer war, er bot durchaus keine sichere Bürgschaft,

daß Tankred einmal Miterbe von Falsterhof würde.

Er konnte das Schriftstück Tressens vorlegen und einen Kommentar dazu

geben, aber es blieb doch sehr zweifelhaft, ob Gretes Eltern sich damit

begnügen würden. Was bedeuteten fünfzigtausend Mark? So viel wie nichts!

Und während der nächsten fünf Jahre wenigstens war er nicht imstande,

weiteres Kapital oder eine Rente mit in die Ehe zu bringen.

Es blieb also nur übrig, die Vorlegung zu umgehen oder selbst eine

zweifellos günstige Erklärung abzufassen, mit anderen Worten, eine

Fälschung vorzunehmen. Wenn er Grete erst mal geheiratet hatte, fand

sich alles leicht. Aber in ihren Besitz mußte er erst gelangen, und dazu

bedurfte es stärkerer Mittel, als ihm zu Gebote standen.

Tankred überlegte auch, wie viel Rente Gretes Eltern zuzuwenden sein

würde. Unter zwanzigtausend Mark jährlich waren sie sicherlich nicht

abzufinden, dann blieben noch dreißig- bis vierzigtausend Mark für

seinen und Gretes Bedarf. Das war nicht übermäßig viel, aber doch sehr

viel, wenn man nichts besaß. Auch waren noch die Vorteile

hinzuzurechnen, die ihnen würden, wenn sie auf dem Gute blieben. Alles,

was sie brauchten, erhielten sie dort. Nur das Stadtleben verschlang

viel, die Reisen und sonstiger Luxus.

Und die Alten würden ja auch nicht ewig leben. Also es war doch ein

sehr gutes Geschäft, Grete von der Linden zu heiraten. Sie war, da das

Gut eine Rente von etwa sechzigtausend Mark abwarf, eine Millionärin.

Auch des Erfolges war Brecken gewiß, wenn nicht noch unberechenbare

Zwischenfälle eintraten, wenn nicht eben dieses verflixte, von dem

Justizrat mit sehr wenig Rücksicht auf seine Wünsche abgefaßte

Schriftstück jede Hoffnung wieder zerstörte.

Hm! hm! — Tankred erhob sich und wanderte sinnend im Zimmer auf und ab.

Dann aber ließ er sich wieder an dem Schreibtisch nieder und schrieb

lange, änderte, fügte hinzu, überlegte, änderte nochmals und las

schließlich, was vor ihm lag:

‚Nachdem mein lieber Vetter Tankred von Brecken erklärt hat, auf

Ansprüche, wie sie ihm aus den Zusicherungen der verstorbenen Frau von

Brecken erwachsen sein mögen, verzichten zu wollen, bestätige ich

hierdurch meine Zusage:

I. ihm zunächst fünfzigtausend Mark auszukehren, ferner II. ihm die

Hälfte des Besitzanteils an Falsterhof überweisen zu wollen, wenn mir

nach fünf Jahren die Gewähr gegeben ist, daß er damit im Sinne meines

verstorbenen Vaters verfahren, also es weise nützen und mehren wird.

Eine solche Einschränkung zu machen, ist durch die Kautelen, welche

das Testament für mich selbst enthält, geboten und entspricht demnach

nur genau den mir selbst zustehenden Rechten.

Todsünden · 第 11 / 23 题