„Tragen Sie dies der gnädigen Frau hinauf, die ich nicht stören will, da
sie sich gestern abend schon unwohl fühlte. Ich werde heute nicht bei
Tisch sein,“ erklärte Tankred dem durch Klingeln herbeigerufenen Frege.
„Die gnädige Frau ist bereits in der Frühe nach Elsterhausen gefahren.
Sie ist nicht anwesend,“ ging's kurz aus des Dieners Munde.
Tankred zog ein enttäuschtes Gesicht. Aber sich schnell wieder
beherrschend, warf er hin:
„So — so? Und wann kehrt sie zurück?“
„Die gnädige Frau will morgen ihre Reise antreten. Sie meinte, gegen
abend wiederzukommen.“
„Hm, schön!“ Damit war Frege entlassen.
* * * * *
Herr von Tressen warf eben noch einen prüfenden Blick auf die heute
reicher als sonst im kleinen Speisezimmer hergerichtete Tafel, als der
Diener bereits Herrn von Brecken von Falsterhof anmeldete.
„Bitte, sehr angenehm! Führe Herrn von Brecken ins Empfangzimmer und
benachrichtige die gnädige Frau.“
Tankred schaute sich mit prüfendem Auge in dem Raume um, in den ihn der
Diener geführt hatte. Eine große Eleganz trat ihm entgegen. An den
Wänden hingen wertvolle Gemälde, die Polstermöbel waren mit Seide
bezogen, und die Fensterpaneele und Teile der Wände in Weiß und Gold
gemalt.
Und nun öffnete sich die Thür, und Frau von Tressen, eine ungewöhnlich
stattliche Erscheinung mit lebhaften Augen, einer energisch
geschnittenen Nase und vollen Formen, trat ihm mit ausnehmender
Liebenswürdigkeit entgegen. Sie verwickelte Tankred sogleich in ein
anregendes Gespräch, an dem kurz darauf auch die übrigen Hausbewohner
teilnahmen.
Herr von Tressen war ein starker Fünfziger, dem man die Spuren einer
flotten Lebensweise ansah. Sein Gang war ein wenig unsicher, und die
Augen hatten etwas Mattes, aber sein Gesammtäußeres war, durch eine
gewählte Kleidung gehoben, doch ungemein sympathisch. Er glich einem
Major außer Dienst und trug in dem scharf markierten Gesicht einen
starken Schnurrbart.
Besonders anziehend aber sah Grete aus. Sie hatte ein mausgraues Kleid
an, das vollendet saß, und ihren schlank geformten Hals umschloß ein
kleiner, aufrechtstehender Kragen. Ihre Züge waren auch heute kalt,
solange sie nicht sprach, wenn sie aber den etwas sinnlichen Mund
öffnete, und ein Lächeln ihn umspielte, wenn Ausdruck in ihre Augen
trat, war sie von einem unwiderstehlichen Reiz.
Diesem unterlag auch Tankred, der bei Tisch und in der Folge alles
aufbot, um sie und ihre Umgebung zu gewinnen.
Halb freimütig, halb zurückhaltend, stets von ausgesucht zarter
Artigkeit, niemals mit Beifall zurückhaltend, immer seine Worte wägend,
verstand er es, durch sein Komödienspiel alle, bis auf die
Gesellschaftsdame, Fräulein Helge, zu täuschen.
Die letztere blieb nicht nur zurückhaltend gegen ihn, sondern legte
sogar einen gewissen Widerstand an den Tag, indem sie einigemale seinen
Worten entgegentrat. Freilich geschah das nicht in Formen, die es auch
für die übrigen erkennbar machten, daß sie ihn zu brüskieren trachte,
aber Tankred mit seinem scharfen Spürsinn wußte, daß sie sich gegen ihn
auflehnte, und er in ihr eine Gegnerin zu besiegen habe.
Indessen schien sie auf Grete keinen Einfluß auszuüben. Tankred bemerkte
sogar einmal, daß etwas von widerspenstigem Trotz in Gretes Augen
aufblitzte. Das freute ihn, obgleich ihn die Unendlichkeit ihrer Blicke
fast erschreckte. In der Seele dieses Mädchens war nichts Nachgiebiges,
sie ging ihren eigenen Weg, und sicher gehörte sie nicht zu den vielen
sanftmütig sich unterordnenden, auf eine eigene Meinung verzichtenden
jungen Geschöpfen, die mit blindem Idealismus in die Ehe gingen und sich
den später eintretenden Enttäuschungen geduldig fügten.
Nach eingenommenem Kaffee mußte Tankred die Malereien der Frau des
Hauses, die nicht ohne Talent ausgeführt waren, in Augenschein nehmen;
man sprach mit Interesse und Verständnis über Politik, Litteratur und
Kunst, und Grete ward aufgefordert, etwas zu spielen und zu singen, was
sie ohne Einwendungen that.
Ihre Stimme war schön, und ihr Spiel technisch vollendet, aber allem
fehlte doch die rechte Wärme.
„Sie müssen einmal von einer starken Leidenschaft ergriffen werden, dann
wird Ihr Gesang alles in den Schatten stellen, gnädiges Fräulein,“ wagte
Tankred zu sagen, und Grete von der Linden sah ihm so scharf und beinahe
herausfordernd in die Augen, daß es ihn fast verwirrte.
Sie besaß nichts von schüchterner Verlegenheit; vielmehr schien sie
sagen zu wollen: Prüfe mich, ob ich kalt bin, und mich nicht schon eine
Leidenschaft ergriffen hat. Aber Tankred kannte die Frauen. Es gab
viele, die in solcher Weise zum Tändeln aufforderten, sich aber mit
sittlicher Entrüstung zurückzogen, sobald ein Mann ihnen besondere
Aufmerksamkeiten erwies.
Solche Weiber reizt es, Herz und Gemüt der Männer zu beunruhigen, auch
haben sie Interesse für sie, und es steigert sich, solange jene
unempfindlich bleiben. Sobald die Männer aber an den Tag legen, daß ihre
Sinne in Aufruhr geraten, ziehen sie sich gleichgültig von ihnen zurück.
Tankred wendete die Taktik an, Grete von der Linden mit äußerster
Aufmerksamkeit zu begegnen, aber ihre Eifersucht und ihr Nachdenken wach
zu rufen, indem er mit ungemessenem Lob und gleich großer Begeisterung
von anderen Frauen und Mädchen sprach.
„Es ist das schönste, geistreichste und klügste Geschöpf, das mir im
Leben vorgekommen ist,“ warf er, eine Äußerung einer gerade erwähnten
Dame geschickt in das Gespräch einflechtend, hin. „Ich hatte auch das
Glück, von ihr ausgezeichnet zu werden, aber ein einziger Zug genügte,
um mich verzichten zu lassen.“
„Und der war?“ fiel Grete, ihre Neugierde nicht verbergend, ein.
Tankred machte eine ausweichende Bewegung und lächelte in überlegener
Weise.
„Nun?“ drängte Grete, während sie, wie zufällig, einige Schritte ins
Nebengemach that, durch die sie sich und ihren Begleiter dem
Gesichtskreis der übrigen entzog.
„Sie mißhandelte,“ entgegnete Tankred, indem er eine kleine
Rokoko-Nippesfigur, die auf dem Schreibtisch stand, ergriff und sie in
seiner Hand drehte, „ihre Zofe wegen eines geringen Versehens in
unerhörter Weise und verdoppelte noch die Züchtigung, als diese ihr
nachwies, daß nicht sie, sondern die Dame selbst an der ihr
vorgeworfenen Unterlassung schuld sei.“
„Ja, eines Fehlers geziehen zu werden, gefällt niemandem,“ entgegnete
Grete, Partei nehmend. „Jedenfalls war die Zofe wenig klug, gerade in
dem Augenblick in solcher Weise den Vorwurf von sich abzuwälzen.“
„Sie legen durch Ihre Bemerkung eine sehr nüchterne Auffassung der Dinge
an den Tag, gnädiges Fräulein. Das ist beneidenswert —“
„Finden Sie es beneidenswert, wenn das Gemüt bei einem nicht
mitspricht?“ Diesmal klang etwas Weicheres durch den Ton ihrer Stimme.
„Allerdings. Man will lieber Herr als Sklave sein, und ersteres ist man
nur, wenn man den Verstand als Kommandeur vor seine Truppe stellt.
Ah — tausendmal um Verzeihung —“ unterbrach sich Tankred, dem bei den
letzten Worten die Nippesfigur aus den Händen fiel, und der beim
Herabbeugen zu seinem Schrecken gewahrte, daß ihr ein Arm abgeschlagen
war.
Er dachte, daß Grete die Sache leicht nehmen und ihn beruhigen werde,
aber statt dessen zeigte sie einen deutlichen Verdruß und sagte: „Die
Figuren stammen noch von den Eltern meines Großvaters, sie sind sehr
wertvoll, fast unersetzlich, da man heutzutage solche Übergangsfarben
nicht mehr zu komponieren weiß.“
Als hierauf Tankred abermals Worte des Bedauerns sprach, schloß sie,
kaum hinhörend, die Kunstfigur in ein Schränkchen ein und sagte: „Sie
gehören zu den Menschen, die alles anfassen müssen. Man sagt, solchen
hafte ein Diebssinn an.“ Die letzten Worte begleitete sie zwar mit einer
lächelnden Miene, sie sprach sie, als ob sie nur einen Scherz habe
machen wollen, aber Tankred erschrak doch heftig, und für Sekunden war
ihm Grete fast unheimlich.
„Ich werde mich zu bessern suchen,“ stieß er mit einschmeichelnder
Artigkeit heraus. „Und Sie haben mir vergeben, gnädiges Fräulein? Nicht
wahr, ich darf ein wenig Hoffnung hegen?“
Gleichzeitig sah er sie mit seinen bezwingenden Augen an, flüsterte die
letzten Worte in doppelsinniger Betonung und preßte einen den Eindruck
derselben verstärkenden, weichen Kuß auf ihre Hand.
Und Grete wehrte ihm nicht, sie gab seinen Blick zurück, aber in ihren
Augen erschien nicht der Strahl reiner, aus der Seele quellender
Hingebung, sondern etwas Leidenschaftliches, das er in ihr anzufachen
verstanden hatte. —
Bei einem vor dem Abendessen unternommenen Spaziergang fand Tankred noch
einigemal Gelegenheit, sich Grete auf kurze Zeit ohne Zeugen zu nähern.
Sie sprach davon, daß sie sich darauf freue, wieder einen Teil des
Winters in Hamburg zuzubringen, und fragte mit einem von Tankred nicht
unbemerkten, interessierten Blick, ob er künftig auf Falsterhof wohnen
oder das Gut verlassen werde.
„Ein herrliches Erbe ist Ihnen und Ihrer Frau Kousine in Falsterhof
geworden,“ warf sie sondierend hin.
Tankred nickte, als rede sie von etwas Unbestreitbarem; er machte
durchaus keine Einwendung.
Grete schien sehr befriedigt; unmittelbar darauf gestattete sie ihm eine
Blume, die sie gepflückt, an sich zu nehmen. Auch lächelte sie mit einem
die Sinne anfachenden, reizenden Lächeln vor sich hin, als Tankred
trivial, aber überzeugend klingend, sagte: „Von allen Andenken, die ich
der Güte schöner und kluger Frauen verdanke, ist dies Blümchen das
wertvollste.“
Beim Souper plauderte er absichtlich fast nur mit der Frau des
Hauses, — es war eine alte Weisheit: Wer die Tochter gewinnen will, muß
die Mutter erobern! — und nach aufgehobener Tafel unterhielt er sich bei
der Zigarre so ausschließlich mit Herrn von Tressen, daß die Damen eine
Handarbeit ergriffen und sich in die Rolle der Zuhörer fügten. Nur eine
nahm einmal das Wort, Carin Helge. Sie sprach von einem Schauspiel, das
sie gesehen. In ihm habe ein gefährlicher Mensch in die gute
Gesellschaft einzudringen gewußt und alle getäuscht, bis auf die
Gouvernante. Sie habe ihre Umgebung gewarnt und dadurch ein Verbrechen
verhütet.
„Und das Ende?“ fragte Grete, als sie eine Pause machte.
„Das Ende war ein Totschlag —“
„Was verhandelt ihr da Schreckliches?“ fragte Herr von Tressen lachend.
„Es klingt ja entsetzlich —“
Tankred aber bestätigte Carins Erzählung mit gleißnerischer
Unbefangenheit und sagte — und sie verstand ihn —: „Sie vergessen,
gnädiges Fräulein: es kommt zweimaliger Totschlag in dem Stücke vor.
Erst beseitigt der Verbrecher seine Angeberin, dann unterliegt er selbst
dem Schicksal.“
Und als sie hierauf nichts erwiderte, sondern nur mit den Lippen zuckte,
gab Grete dem Gespräch eine andere Wendung und bat Tankred, einige
Handfertigkeiten zum besten zu geben, von denen er ihr gesprochen. Da er
darin Meister war, erntete er großen Beifall, auch ahmte er Tierstimmen
nach und erregte dadurch namentlich Gretes Bewunderung.
Es war für ländliche Verhältnisse schon spät, als der Stallknecht
Tankreds Fuchs vorführte. Unter einem „Auf Wiedersehen am Schluß der
Woche“ und einem „Vergessen Sie es nicht!“ von Grete, dem Frau von
Tressen lebhaft beistimmte, nahm der Gast Abschied.
Nach Falsterhof zurückgekehrt, zog Tankred das Pferd selbst in den Stall
und zäumte es ab. Von Klaus war nichts zu sehen. Aber er ereiferte sich
darüber nicht, sein Kopf war so voll von Gedanken und Anschlägen, daß
nur sie sein Innerstes beherrschten.
Auf dem Flur brannte die Lampe, Max knurrte wie immer und beruhigte sich
erst allmählich. Nun hallten Tankreds Schritte über die Steinfliesen,
und er öffnete die Thür seines Gemachs. Das erste, was sein Auge traf,
war ein weißes Kuwert, das auf dem Tisch lag. „Ah —! Sicher eine Antwort
von Theonie!“ Er griff, ohne den Hut abzunehmen und sich des Reitmantels
zu entledigen, ungestüm danach und las:
‚Da ich morgen Falsterhof verlasse, mußt Du Dich bei Deinem Entschluß,
noch hier zu bleiben, schon allein einrichten und mich entschuldigen.
Wenn Du mir noch etwas zu sagen hast, — ich möchte sonst bitten, Dich
mit Justizrat Brix, der über alles orientiert ist, in Verbindung zu
setzen, — muß es morgen vormittag um halb elf beim zweiten Frühstück
geschehen. Um elf Uhr habe ich den Wagen bestellt.