„Ja, ja, das ist vortrefflich, das macht einen guten Eindruck und atmet
trotz der geschäftlichen Kürze und Form volles Wohlwollen,“ flüsterte
Tankred. „Im Grunde ist's ja auch genau dem Sinne des Originals
entsprechend, und daß sich Tressens den Wortlaut nicht abschreiben,
dafür werde ich schon Sorge tragen. Sollten sie sich also sogar bei
Theonie erkundigen, so wird es sich doch immer nur um den faktischen
Thatbestand handeln: fünfzigtausend Mark bar und Aussicht auf die Hälfte
des Besitzanteils von Falsterhof nach fünf Jahren.“
Und so überzeugt war Tankred von dem Gelingen seines Vorhabens, daß er
sich sogleich daran begab und, die Handschrift des Schreibers des
Originals täuschend nachahmend, den Entwurf ins Reine schrieb. Endlich
blieb noch Theonies Unterschrift, und auch sie gelang ihm überraschend.
Nun hatte er nur noch mit einer Person zu rechnen, mit der Pastorin
Höppner, und sie zu veranlassen, daß sie ihm wenigstens keinen
Widerstand entgegenstellte, mußte jetzt seine Aufgabe sein.
Zu diesem Zwecke wollte er sich noch an demselben Tage ins Dorf begeben,
vorher aber einen Besuch in Falsterhof machen, teils um seine Neugierde
zu befriedigen, teils um von Frege etwas über Theonie zu erfahren.
Es war gegen ein Uhr mittags, als Tankred auf einem Rappen, den er sich
in Elsterhausen für seine Reitausflüge gemietet hatte, in die Allee von
Falsterhof einbog. Obschon der Winter im Anzuge, war die Luft milde, und
die schneebeladenen, im Sonnenschein funkelnden Bäume, insbesondere die
kleinen Tannenwaldungen, die in dem Umkreise von Falsterhof vielfach
auftauchten entzückten das Auge.
Tankred befand sich in einer außerordentlich gehobenen Stimmung; je
mehr er über die Zukunft nachdachte, desto aussichtsvoller erschien sie
ihm, und nur eins mischte sich noch beunruhigend in seine Gedanken: daß
Grete von der Linden, die sehr genau wußte, was sie wollte, ihm am Ende
doch noch einen Korb geben konnte. Er glaubte es nicht, er vertraute den
Erfahrungen, die er an Frauen gemacht hatte, aber — eine Möglichkeit war
doch vorhanden.
Während er so zerstreuten Sinnes den Rappen in die Allee lenkte, hörte
er hinter sich das Geräusch eines dahineilenden Wagens, und als er den
Blick wandte, sah er zu seiner großen Überraschung Grete, die selbst das
Gefährt lenkte, vor sich.
„Sie, mein hochverehrtes Fräulein?“
„Sie, — Herr von Brecken?“ ging's zugleich aus Gretes Munde. „Wohin? Nach
Falsterhof? Ist Ihre Frau Kousine zurück?“
„Nein,“ — erklärte Tankred und regierte sein unruhig schnaubendes Pferd
durch einen so mächtigen Druck, daß es sich fast überschlug und nun
bewegungslos verharrte. „Ich will nur einmal auf Wunsch meiner
Verwandten, die mir heute einen sehr liebenswürdigen Brief geschrieben
hat, nach dem Rechten sehen und will dann nach Elsterhausen
zurückkehren. Darf ich fragen, wohin Sie wollen? Kennen Sie Falsterhof
eigentlich? Möchten Sie nicht einmal einen Blick ins Haus werfen? Es
wird Sie, glaube ich, interessieren, den mächtigen Bau mit den schönen,
altertümlichen Möbeln in Augenschein zu nehmen.“
Einen Augenblick zögerte Grete noch, da sich ihr der Gedanke des
Abweichenden oder gar Unpassenden einer Besichtigung des Hauses in
Tankreds Gesellschaft aufdrängte. Aber sie überwand das Bedenken,
nachdem Tankred ihr zugeredet und erklärt hatte, daß Frege sie
herumführen, und er sie sogleich wieder zurückgeleiten werde.
Grete sah bezaubernd aus. Sie trug eine eng anschließende, mit Pelz
besetzte Jacke, ein dichtes, schweres Winterkleid in sogenannter
Lodenfarbe und auf dem Kopfe eine kleine, kecke Jagdmütze.
Ihre reizenden Formen kamen zum Ausdruck, und die Zähne in dem klugen,
fein geschnittenen Munde blitzten verführerisch. —
Als sie unter lebhaftem Plaudern den Hof erreicht hatten, zeigte sich
anfangs nichts, nur Max erhob ein wütendes Gebell. Dann aber kam Klaus
aus dem Stalle gelaufen und nahm auf Tankreds Wink die Pferde in
Empfang.
„Bitte, erlauben Sie!“ bat Tankred, der schnell von seinem Tier
herabgesprungen war, und streckte die Arme aus.
„Nein, ich danke, ich danke, ich kann allein, Herr von Brecken,“ wehrte
Grete ab. Aber sie gestattete es doch, daß er ihre beiden Hände ergriff,
und ließ sich so von ihm beim Herabspringen helfen.
Nachdem er in dem Gegendruck ihrer Rechten einen stummen Dank empfangen,
schritt er an Gretes Seite dem schloßartigen Gebäude zu, das wie immer
unheimlich einsam und finster im Hintergrunde des großen Hofes
emporstieg.
Max folgte ihnen, in kurzen Zwischenräumen bellend auf dem Pflaster
erscholl das Geräusch der fortgeführten, und einmal übermütig hintenaus
schlagenden Gäule. Und dann ertönte dumpf die schwere Flurglocke, und
sie betraten das Herrenhaus von Falsterhof.
Zunächst drückte Tankred auf eine Klingel, um Frege herbeizurufen, aber
da der nicht sogleich erschien, öffnete er selbst die Thür zur Linken
und bat Grete, in die Wohngemächer einzutreten.
Ein überraschender Luxus trat ihnen entgegen; überall befanden sich
kostbare Teppiche, alte Möbel und Kunstgegenstände; faltige Gardinen und
Vorhänge, meist aus schweren Seidenstoffen, beschützten Thüren und
Fenster, und alles Vorhandene verriet gediegenen Geschmack und den
Reichtum der früheren Besitzer. Aber ein Hauch schwermütiger
Verlassenheit durchwehte die Gemächer, und erst als sie die nach dem
Parkgehölz zu liegenden Räume betraten, und hier die heller eindringende
Sonne den kostbaren Gegenständen ein heiteres Gepräge verlieh, die
eingelegten Schränke und Tische in ihrem Glanze blitzten, die
Silbersachen funkelten, und die Bukets in den Fußteppichen in
farbenreicher Schönheit aufleuchteten, verlor sich der Druck, der sich
unwillkürlich auf Gretes Gemüt gelegt hatte, und ein Ruf der
Überraschung ging aus ihrem Munde.
„So schön hätte ich mir Falsterhof nicht gedacht. War es Ihr Onkel, der
einen so ausgeprägten Sinn für kostbare Dinge und einen so feinen
Geschmack besaß?“ fragte sie.
„Er sowohl wie seine Frau hatten beide Verständnis dafür und Freude
daran,“ entgegnete Tankred. „Wenn es sich um ein schönes, altes Möbel
oder irgend eine Seltenheit handelte, hatte mein Onkel stets Geld. Er
besaß eigentlich nur diese Passion und ging ihr bis in die letzten
Lebensjahre nach. Sie müssen nun aber erst mal seine eigenen Gemächer
sehen. Ich bitte, hier geht's hinaus, gleich über den Flur auf die
andere Seite.“
Aber Grete zauderte noch, sie beugte sich zu einem in Elfenbein
ausgelegten Kästchen herab und ließ ihr Auge darauf ruhen.
Wie so oft äußere Dinge die Vorstellungen der Menschen beeinflussen, so
geschah's auch hier. Tankreds Wert und Ansehen stieg in ihren Augen
durch all diese herrlichen Dinge, und ein gewisses eifersüchtiges
Verlangen, der Mittelpunkt seines Lebens zu werden und Rechte auf all
das zu erwerben, was sie umgab, regte sich in Grete.
Sie wünschte in diesem Augenblick, daß er ihr Komplimente sage, ihr den
Hof mache, ja, sie wollte, wenn er's nicht von selbst that,
herbeiführen, was ihre Gedanken und Sinne beschäftigte.
So war es denn durchaus nicht ohne Absicht, daß sie, als er ihr näher
trat, den Kopf so zur Seite neigte, daß seine Wange ihr Haar streifte,
und ihre Häupter sich sanft berührten. Sie zog das ihrige auch nicht
zurück, und als er gar absichtlich oder unabsichtlich sich leise an sie
drängte, ließ sie es geschehen und wich erst nach einer Weile, ihm einen
sinnverwirrenden Blick zuwerfend, zurück.
„Beneidenswert, hier zu wohnen, das alles sein eigen zu nennen,“ stieß
Grete, nun den Weg zur Thür nehmend, heraus und seufzte begehrend auf.
„Das sagen Sie?“ entgegnete Tankred, ohne ihr zu folgen, und sie durch
seine Haltung am Weiterschreiten hindernd. „In Holzwerder strahlt doch
alles in Schönheit, dort weht eine reizvolle Gemütlichkeit, während
Falsterhof düster und einsam ist. Nur in diese beiden Gemächer dringt
etwas Wärme und Licht.“
„Ja, aber es strotzt hier von Reichtum und solider Fülle, und das liebe
ich. Ich gestehe, daß mich das Besitzen an sich reizt, und ich
unterscheide mich dadurch von meiner Mutter und meinem Stiefvater, die
viel für Überflüssiges, für gelegentliche Genüsse und für Dinge
ausgeben, die ebenso rasch zerrinnen, wie sie erworben werden. Für
Kunstsachen möchte ich auch ein wenig verschwenden, sie können durch die
Zeit nur an Wert gewinnen. Was habe ich zum Beispiel von einem teuren
Essen und teuren Weinen?“
„Dann stimmen wir also ganz in unseren Neigungen überein,“ erwiderte
Tankred. Und mit brennendem Blick fügte er hinzu: „Ja, erwerben,
besitzen, Gut und Geld sammeln, hat auch für mich einen unnennbaren
Reiz. Früher war das nicht so. So lange ich nichts besaß, war ich
leicht, legte keinen Wert auf Geld. Aber ich bin anders geworden. Ich
glaube, daß wir auch sonst mancherlei Ähnlichkeiten haben. Wir hassen
zum Beispiel die Sentimentalität, besitzen einen auf das Greifbare
gerichteten Sinn und einen übereinstimmenden Geschmack in dem, was man
bequem nennt.“
Grete nickte lebhaft, er wußte ihr Ich in das seinige einzuspinnen, er
holte alles hervor, gleichviel ob es mit der Wahrheit übereinstimmte
oder nicht, jegliches, von dem er glauben konnte oder wußte, daß es ihr
gefallen werde. Er schmeichelte ihr in scheinbar unberechneter Rede mit
der alten Kunst der Verstellung. Und zum Schluß wußte er noch einen
besonderen Druck auf sie auszuüben, indem er berechnend hinwarf:
„Glücklich ist derjenige, der Ihnen im Leben näher treten darf, der von
Ihrer Freundschaft berührt wird, glücklich, weil Sie sich ganz so geben,
wie Sie sind, ehrlich und offen, ohne falsches Gefühl, und sicher fest
halten, was Sie einmal ergriffen haben.“
„Sie spotten, Herr von Brecken. Was bin ich?“ gab Grete halb
geschmeichelt, halb in ehrlicher Überzeugung zurück. „Wollen Sie wissen,
daß ich oft sehr traurig bin, mich sehr unglücklich fühle? Ich denke
dann, daß ich eigentlich gar keine guten Eigenschaften besitze. Ich bin
oft eigenwillig, rechthaberisch, gar nicht gefügig und sehr egoistisch.
Ich bin nicht gut, wie man sein müßte. Die Natur schuf mich so, — leider!
Freilich beruhige ich mich dann wieder und sehe gerade in meiner
Charakterveranlagung mein Glück. Es ist wirklich von Übel, wenn man eine
so leichte Hand hat wie meine Eltern, so vertrauensselig und gutmütig
ist. Was hätten sie nun in ihrem Alter, wenn ich nicht wäre? Natürlich
werde ich sie nicht verlassen, aber so wie bisher werden sie doch nicht
weiter leben können, wenn ich einmal —“
Grete stockte.
„Wenn Sie einmal?“ setzte Tankred leise an und trat Grete, plötzlich
alles wagend, mit zärtlich werbenden Mienen und Blicken näher. Aber
obgleich ihre Augen verrieten, daß sie bei ihm war, entwich sie ihm
doch, als er zu weiteren Worten ansetzte. Auch hörten sie draußen
Schritte, und, ihre Verwirrung bekämpfend, gingen sie auf den Flur, wo
ihnen Frege mit ernster Ehrerbietung gegenübertrat.
Tankred verständigte den Diener seiner Kousine mit einigen laut
gesprochenen Worten und ersuchte ihn dann, in den Stall zu gehen: Klaus
möchte den Wagen und das Pferd vorführen, sie wollten gleich wieder
fort, er wünschte dem Fräulein nur noch die Herrenzimmer zu zeigen.
Tankred wollte Frege verscheuchen, in den Gemächern des verstorbenen
Onkels hoffte er zu erreichen, was ihm eben entgangen.
Aber Gretes Stimmung war bereits eine andere geworden. Entweder sie
bereute, daß sie sich hatte fortreißen lassen, oder sie wünschte sich
nicht der Möglichkeit auszusetzen, von Frege überrascht zu werden.
Sie besah die Räume, in die Tankred sie führte, flüchtiger und machte
eine hastig unruhige Bewegung zur Rückkehr, als sie in einer alten
Rokokouhr die Zeiger bereits auf zwei Uhr gerichtet fand.
„Schon zwei Uhr! Ich muß zurück, Herr von Brecken. Ein andermal den
Park.“
„O nein! Ich bitte, bleiben Sie, Fräulein,“ wandte Tankred schmeichelnd
ein. „Wann werden Sie wieder hierher kommen? Vielleicht niemals!“ — Und
einen neckisch ernsten Ton annehmend, fügte er hinzu: „Hätten Sie, wie
ich zu hoffen wagte, ein wenig Interesse für Falsterhof und seinen
künftigen Besitzer — dann — dann —“
Aber schon während Tankred noch sprach, machte Grete eine nicht
ungütige, aber entschieden abweisende Bewegung.
„Ich glaube, zu wissen, was Sie wollen, Herr von Brecken,“ stieß sie
rasch, und als ob jede Minute Zaudern verderblich sei, heraus. „Aber,
bitte, nicht hier, nicht jetzt, unter den mißtrauischen Augen des alten
Dieners. Kommen Sie morgen zu uns zu Tisch nach Holzwerder. Wir sprechen
uns dann, und — und —“
„O Grete, teures Mädchen —“ stieß Tankred, nicht Herr seiner durch den
Widerstand verschärften Leidenschaft, heraus. Aber statt ihm
nachzugeben, schüttelte sie das Haupt und verließ mit sanfter
Entschiedenheit und eiligen Schrittes das Gemach.
Draußen angekommen, drückte Tankred den Dienern jedem ein Geldstück in
die Hand, und kurz darauf hatten sie beide Falsterhof verlassen. —
„Hier,“ sagte Frege, als das Geräusch der Räder und Hufen verklungen
war, und gab Klaus die empfangene Münze. „Ich will von ihm kein Geld. — “
Nach diesen Worten zog er sich langsam in das finstere Haus zurück.
* * * * *
Als Tankred durch das Kirchdorf trabte, sah er zu seiner höchsten
Überraschung Fräulein Helge mit der Frau Pastorin zusammen vor sich
auftauchen. Dies bestimmte ihn, einen anderen Weg einzuschlagen, um das
Wirtshaus zu erreichen, in welchem er sein Pferd einstellen wollte. Dort
angekommen, forschte er die Wirtin aus, ob Besuch im Pastorenhause sei.
„Ja, schon seit längerer Zeit. Das Fräulein, das früher auf Holzwerder
gewesen, befindet sich dort.“
Tankred wollte weiter fragen, aber sagte sich, daß man ihm hier doch
Näheres, seine Neugierde Befriedigendes nicht werde mitteilen können.
Jedenfalls hockten nun zwei ihm sehr feindliche Personen zusammen, und
heute einen Besuch bei Höppners zu machen, war zwecklos. Aber auch etwas
Gutes lag wieder darin. Sicher würden Pastors jetzt Tressens auf
Holzwerder nicht besuchen. Es war vielmehr anzunehmen, daß durch die
Aufnahme Fräulein Carins im Predigerhause ein etwas gespanntes
Verhältnis zwischen den beiden Familien eintreten werde. Der Pastorin
sah es freilich ganz ähnlich, keine ängstlichen Rücksichten zu nehmen,
wenn sie von ihrer besseren Überzeugung geleitet ward. Ihr natürliches
Selbstgefühl wurde durch den Umstand verstärkt, daß sie ihrem übrigens
ziemlich viel älteren Manne ein nicht unbedeutendes Vermögen in die Ehe
gebracht hatte. Sie konnten auch leben, ohne daß der Pastor sich in
abhängiger Stellung mühte.
Während Tankred seinen Weg wieder zur Stadt nahm, machte er sich
Gedanken über den Meinungsaustausch der beiden Frauen bezüglich seiner
Person.
Die Pastorin würde wenigstens in der Hauptsache nicht mit ihren
Eröffnungen zurückhalten, und die Helge würde triumphieren, daß sie ihn
so richtig durchschaut hatte. Bei seinem feigen Sinne kamen ihm doch
wieder recht schwere Bedenken. Wenn sich nun die Helge aufraffte und an
Grete, ihre frühere Schülerin und Vertraute, eine Warnung ergehen ließ?
Sein Schuldbewußtsein drängte ihm plötzlich alle möglichen
Vorstellungen auf, und er verlebte einen sehr unruhigen Tag. Einige
Personen mußte er notwendigerweise beseitigen: die Helge, den alten
Frege und die Pastorin. Daß damals Frege den Brief an ihn geschrieben,
war ihm durch Vergleichung von Schriftstücken, die von dessen Hand
herrührten, zweifellos geworden; auch lag es in der Natur der Sache, daß
er zu Theonie hielt. Um so mehr drängte es Tankred, sich nun so rasch
wie möglich Gretes zu versichern, und am nächsten Tage schon etwas
ruhiger gestimmt, machte er sich denn auch um die Tischzeit auf den Weg
nach Holzwerder, indem er diesmal den Postwagen benutzte.
Ein eigentümlicher Zufall führte es mit sich, daß auf der ersten Station
zwischen Elsterhausen und dem Kirchhof Breckendorf der Pastor Höppner,
welcher dort bei einer armen Familie einen Besuch gemacht hatte,
einstieg. Er begrüßte Tankred mit gewohnter Höflichkeit und Unterordnung
und gab sich auch in der Folge überaus beflissen und mit der ihn stets
auszeichnenden liebenswürdigen Gutmütigkeit in seinem Wesen.
Tankred konnte sicherlich nichts erwünschter sein als diese Begegnung,
da Höppner harmlos alles ausplauderte, was Brecken zu wissen wünschte.
„Wir kennen,“ hub er an, „Fräulein Helge ja schon so viele Jahre, und
meine Frau hat sich stets sehr freundschaftlich zu ihr gestellt. Sie
schätzt ihren Charakter außerordentlich und empfand gleich lebhaftes
Mitleid, als sie erfuhr, daß gewisse Umstände die Entfernung der Dame
von Holzwerder ohne eine sofortige Aussicht auf eine andere Stellung
erforderlich gemacht hätten.“
„Was war denn wohl die Veranlassung?“ schob Tankred, sich unwissend
stellend, ein.
„Darüber bin ich nicht unterrichtet,“ entgegnete Höppner, langsam die
Worte dehnend und in gewohnter Rücksicht ausweichend. „Es wird wohl auf
beiden Seiten ein wenig Schuld sein, aber das ändert ja nicht die
Notwendigkeit, daß wir uns der uns befreundeten Dame annehmen.“
„Sehr, sehr menschenfreundlich von Ihnen, Herr Pastor. Ganz Ihrem und
Ihrer Frau Gemahlin vortrefflichem Charakter entsprechend,“ schob
Tankred, glatt schmeichelnd, ein. „Wird Fräulein Helge länger bei Ihnen
verweilen? Übrigens eine ausgezeichnete Dame, wie ich Ihnen beipflichten
muß. Eine Dame, die ich hoch verehre, obschon wir uns einander wenig
genähert haben.“ — Tankred wußte, daß der immer zum Friedenstiften
geneigte, gutherzige Höppner jedes Wort seiner Rede den Frauen
hinterbringen werde.
„Fräulein Helge hat Aussicht, — ja, sieh! das wird Sie ja gerade sehr
interessieren, und da Sie sie so schätzen, auch freuen, Herr von
Brecken, — Gesellschafterin bei Ihrer Frau Kousine zu werden. Die
Verhandlungen, durch meine Frau eingeleitet, haben guten Fortgang. Bis
die Sache entschieden, bleibt sie bei uns.“
Tankred glaubte, daß ihn der Schlag treffen solle bei diesen von dem
Pastor so arglos und mit so befriedigter Miene hingeworfenen Worten.
Das fehlte gerade noch! Theonie, Frege und das Geschöpf mit dem
unerträglich affektierten Vornamen künftig zusammen auf Falsterhof!
Tankreds Stimmung war die denkbar schlechteste. Wie würden sie ihn alle
beobachten, und wie würden sie Buch führen, um nach fünf Jahren zu
erklären, daß er des Erbes nicht würdig sei! Und alle die Katzenbuckel,
die er den Dreien in so langer Zeit würde machen müssen, während er sie
am liebsten an dem Kragen genommen und sie irgendwo auf eine wüste Insel
geschickt hätte. Und dieser Pastor! Er ging in der Welt umher wie ein
Blinder! Ungewöhnlich beschränkt war doch dieser Geistliche!
So ging es in Tankreds Innerm auf und ab, aber mit kräftiger
Selbstbeherrschung wußte er gleichwohl seine Enttäuschung zu verstecken,
pflichtete vielmehr, hoch erfreut über solche Möglichkeit, dem Pastor
bei und verabschiedete sich von ihm, ohne zu verraten, daß er den Weg
nach Holzwerder nahm. Er gab vielmehr vor, eine Einladung auf eins der
in größerer Entfernung liegenden Güter erhalten zu haben.
Als Tankred, nachdem er den Postwagen an einer Wegbiegung verlassen und
einen Fußpfad eingeschlagen hatte, durch das Gutsthor trat, sah er, daß
Herr von Tressen mit einer Anzahl von Angestellten auf dem Hofe
beschäftigt war. Auch die Damen standen nicht weit ab und schauten zu,
wie die einzelnen Teile einer Dampfmaschine von einem ausgespannten
Wagen abgehoben wurden. Nach rascher, freundschaftlicher Begrüßung
wandten sich alle wieder der Thätigkeit der von Hederich angeleiteten
Knechte zu. Aber es wollte nicht gelingen, den schweren Gegenstand, der
jetzt an der Reihe war, herabzuheben; tief Atem holend, hielten die
Beschäftigten inne.
„Erlauben Sie mir!“ rief Tankred, welcher sah, daß die Damen den
Vorgängen mit großer Spannung folgten, und schwang sich auf den offenen
Lastwagen. Hier packte er mit wahrhaften Riesenkräften den unter den
Dampfzylinder geschobenen Hebel, rief den Arbeitern zu, jenen nochmals
anzufassen und abwärts zu drücken, und brachte nun gleichsam spielend zu
wege, was allen Mühen bisher getrotzt hatte. Auch beim Niedersetzen der
schweren Eisenmasse war er behülflich und stand, während die übrigen,
nachdem das Werk gethan, sich pustend den Schweiß wischten, da, als ob
es sich um eine Kinderei gehandelt hätte.
Auch am Nachmittag, nach Tisch, legte er Proben von der Stahlkraft
seiner Arme ab, indem er auf Herrn von Tressens Veranlassung einen
bisher nicht zu bändigen gewesenen Hengst bestieg und unter den Augen
der Gutsinsassen und der Herrschaften um den Hof herum jagte. Es war,
als sei die Legende vom wilden Reiter zur Wahrheit geworden!
Mehreremale machte das Tier, ein schwarzes Rassepferd, Sätze, daß die
Umstehenden unwillkürlich aufschrieen und einen tödlichen Sturz schon
vor Augen sahen, aber Tankred riß den Hengst herab, als ob in die
schnaubenden Nüstern gebohrte unsichtbare Stahlstricke ihn
niederzerrten, peitschte ihn zwischen die Ohren und über die Weichen und
flog dann wieder in solcher Karriere über den Hof, daß die Funken aus
dem Pflaster stoben.
Zuletzt stand das Tier auf einen einzigen Ruck schaumbedeckt, zitternd
und bebend, der übermenschlichen Gewalt sich bedingungslos fügend, da.
„Herrlich! Wundervoll!“ riefen Frau von Tressen und Grete, als Tankred
abgestiegen war und sich ihnen näherte.
Auch Hederich war ganz hin.
„Drum und dran, das ist ein Stück, wie ich es noch nicht gesehen habe.
Alle Achtung, Herr von Brecken,“ stieß er heraus und bewegte in
unbeschränkter Bewunderung den Kopf.
Tankred aber wandte das Auge zu Grete, und sie sah ihn mit einem Blicke
an, der mehr sprach als alle Worte.
Dann aber trat an Tankred etwas anderes, weit schwereres heran. Herr von
Tressen zog ihn vor dem Abendessen in sein Arbeitszimmer. Tankred wußte,
daß nun das Schriftstück von Theonie zur Sprache kommen werde.
Noch war er nicht so verdorben, daß er der Vorlage des gefälschten
Dokuments mit völliger Ruhe entgegen gesehen hätte; bisher hatte er
gelogen und betrogen, auch sich Vorteile zu verschaffen gewußt, die
seinen Brotherrn geschädigt hatten, aber doch nicht als direkter
Diebstahl anzusehen waren. Aber vor Fälschungen war er bisher doch
zurückgeschreckt! Nun beschritt er einen Weg, der ihn bei Entdeckung
jeden Augenblick mit der Staatsgewalt in Berührung bringen konnte, und
so peinigte ihn außer dem Rest von Ehrgefühl, das noch in ihm war,
auch — die Furcht. Er sagte sich wie schon früher, daß er nicht dazu
veranlagt sei, die Folgen eines Verbrechens auf sich zu nehmen, daß er
nicht die mit der vollkommenen Verderbtheit verbundene und für sie
erforderliche Seelenruhe besitze: und doch beschwichtigte er sich. Wenn
das Schriftstück nicht in Tressens Händen blieb, wer konnte ihm dann
etwas nachweisen? Er würde im Fall mit kühner Stirn leugnen und Tressen
der falschen Verdächtigung zeihen. So zog er denn, sobald das Gespräch
dazu Anlaß bot, das von ihm mitgenommene Papier hervor und überreichte
es Gretes Vater mit voller Unbefangenheit.
Tankred beobachtete des Lesenden Züge. Ohne Zweifel; er hatte seine
Sache gut gemacht! Tressen bewegte nach genommener Einsicht mit
deutlicher Befriedigung den Kopf und legte, Tankreds geschickt
abgefaßtem Kommentar ebenfalls mit größter Genugthuung zuhörend, das
Papier neben sich auf den Tisch.
Er schien das Schriftstück einstweilen behalten zu wollen, aber Tankred
ließ seinen Zweck nicht aus dem Auge. „Der letzte Passus“ — schob er in
seine Rede ein, nahm die gefälschte Akte an sich und entfaltete sie,
„bedarf auch nach anderer Richtung hin noch einer Erklärung. Gestatten
Sie. Es heißt da — —“
Nun las er vor, und nachdem er zu Ende gelesen, ließ er das Papier,
nachdem er es noch eine Weile in den Händen gehalten, gleichsam
unwillkürlich in seine Brusttasche zurückgleiten.
„Würden Sie erlauben, daß ich auch meine Frau mit dem Inhalt des
Schriftstückes bekanntmache?“ fiel Tressen ein und streckte mit
höflicher Bewegung die Rechte aus. „Ich lege es dann morgen dankend in
Ihre Hände zurück. Ich hoffe doch, daß Sie die Nacht noch bei uns
bleiben, wenn Sie uns nicht gar einige Tage schenken können? Sie
wissen, unsere Fremdenzimmer stehen allezeit für Sie bereit!“
Tankred schwankte. Was Tressen ihm über sein Bleiben vorgeschlagen,
stimmte sehr mit seinen Wünschen überein, aber das Papier auch nur
zeitweilig von sich zu geben, hieß alles aufs Spiel setzen! Sie konnten,
ohne ihm etwas mitzuteilen, Abschrift davon nehmen, die Kopie Theonie
vorlegen! Was er selbst gethan haben würde, mutete er anderen zu.
„Natürlich! Mit Vergnügen,“ bestätigte er trotzdem. Aber mit der
Geistesgegenwart, die ihm eigen war, fügte er hinzu: „Verzeihen Sie die
Frage, mein hochverehrter Herr von Tressen, ob es vielleicht möglich
wäre, daß wir jetzt gleich im Beisein Ihrer Frau Gemahlin einmal die
ernsten Dinge, die wir vorhaben, einer Besprechung unterziehen. Offen
bekannt, habe ich keine Sekunde Ruhe mehr. Ich möchte etwas Gutes aus
dem Munde Ihrer Frau Gemahlin hören; sie wird auch wissen, ob ich mir
bei Ihrem Fräulein Tochter Hoffnung machen kann. Später, wenn Gäste
eintreffen, ist die Gelegenheit zu einer vertraulichen Unterhaltung
abgeschnitten. Eine Nacht der Ungewißheit raubt mir den Schlaf. Sie
lächeln! Aber Sie werden sich der Zeit erinnern, wo Sie um Ihre Frau
Gemahlin warben, das wird Sie für meine Bitte nachsichtig stimmen. Ich
möchte für den Fall auch gern Ihre künftigen Angelegenheiten besprechen,
Ihnen gleich meinen Standpunkt darlegen. Verzeihen Sie, daß ich das so
ausspreche, so unbescheiden vorzugreifen wage, aber ich fühle mich — der
Himmel möge verhüten, daß ich in meinen Hoffnungen betrogen
werde — bereits als ein Teil der Familie, deren Vertrauen mich würdig zu
zeigen ich stets aufs eifrigste bestrebt sein werde.“
Diesem Wortschwall erlag Herr von Tressen. Er neigte kavaliermäßig das
Haupt, bat Tankred, einen Augenblick zu verziehen, und holte seine Frau
herbei. —
* * * * *
Das Gespräch war lange beendet, und die Abendtafel abgedeckt. Herr von
Tressen, Gretes Mutter und Hederich hatten am Whisttisch Platz genommen,
während Tankred um die Erlaubnis gebeten hatte, sich mit Fräulein Grete
unterhalten zu dürfen.
Man hatte ihn verstanden und ihm gern die Bitte gewährt. Während im
Wohngemach die Karten klapperten, und die beim Anschreiben benutzte
Bleifeder immer mit demselben harten Geräusch aus Tressens Hand auf den
Spieltisch fiel, während Frau von Tressens lebhaftes Lachen erscholl,
und Hederichs unvermeidliches „Drum und dran! das mußte Schlemm werden!“
ertönte, saßen nebenan Tankred und Grete in stillem Geflüster, und
endlich die lang ersehnte Gelegenheit ergreifend, raunte er dem durch
seine Worte und Gebärden immer mehr erregten Mädchen zu:
„Gestern auf Falsterhof wehrten Sie mir, Fräulein Grete, zu sprechen.
Ich ging mit Gefühlen, die ich nicht zu beschreiben vermag, von Ihnen.
Mir war, als ob Sie mir befohlen hätten, einen Tag und eine Nacht den
Atem anzuhalten. Ich ringe seit gestern gleichsam nach Luft, und nur ein
Gedanke beschäftigt mich: zu vollenden, was mir gestern auf der Lippe
lag. Darf ich denn nun sprechen, — o bitte, nein, lassen Sie mir Ihre
Hand, die ich es nicht mehr erwarten kann, zu fassen, — Ihnen sagen, was,
was, — “ Er hielt inne und forschte in ihrem Angesicht.
Grete wagte nicht, empor zu sehen. Sie lag unter dem Bann seines Wesens,
und gerade weil es sie drängte, das sie berauschende Wort zu hören, fand
sie keine Sprache. In dieser sonst so kalten Brust brach eine heiß
strömende Quelle auf, das Gefühl überflutete alles: Verstand, Vernunft
und Überlegung. Sie liebte und wollte geliebt sein! Ihr Herz pochte,
ihre Sinne waren in Aufruhr, und schon die Nähe des Mannes durchströmte
sie mit einer fieberhaften Wonne. Als er noch einmal auf sie einsprach,
drängend, schmeichelnd, zärtlich und feurig, war sie nicht mehr Herr
ihrer selbst; sie litt es, daß er sie, ihr Schweigen, ihr Wesen richtig
deutend, umfaßte, und plötzlich drängte sie selbst ihre Lippen zu den
seinen und hielt ihn lange und fest umschlungen.
Auch durch Tankreds Inneres zog ein Gefühl von Sättigung und Wonne, und
seine Seele triumphierte. So war es denn erreicht! Er, der vor
Halbjahresfrist noch wie ein Bettler, wie ein Ausgestoßener auf
Falsterhof erschienen war, saß im Schloß von Holzwerder, und die Erbin
der reichen Herrschaft hing an seinem Halse und gestand ihm ihre Liebe.
Ja, sie würde sich wie ein Raubtier aufgerichtet haben, wenn jemand ihn,
Tankred von Brecken, von ihrer Brust hätte reißen wollen. —
* * * * *
Fast eine Woche war vergangen. Tankred war abermals auf dem Wege nach
Falsterhof und zwar diesmal mit der Absicht, von Frege Bestimmtes über
die Rückkehr seiner Kousine zu erfahren. Er hatte sich mit Grete von der
Linden verlobt und war von ihr und ihren Eltern bestürmt worden, nunmehr
seinen Aufenthalt wieder auf Falsterhof zu nehmen. Die Entfernung von
Elsterhausen sei zu groß. Grete hatte den Wunsch, Tankred täglich zu
sehen. „Weshalb willst Du meine Wünsche nicht erfüllen?“ hatte sie in
einem starken Gefühlsdrange gefragt. „Ich kann ohne Dich nicht sein.
Liebst Du mich weniger, als ich Dich?“
Der Grund, den Tankred früher für seine Entfernung von Falsterhof
angegeben, fiel nun fort; von der wahren Ursache aber wünschte er nicht
zu sprechen.
Er wollte heute von Frege hören, ob Theonie vielleicht die Absicht habe,
den Winter über fortzubleiben, und ihr dann schreiben, daß sie ihm wegen
der veränderten Verhältnisse erlauben möge, die Räume, die er in
Falsterhof inne gehabt, wieder zu beziehen. Theonies Plan, Carin zu sich
zu nehmen, widersprach zwar der Annahme, daß sie ihrem Besitz fern
bleiben wolle, aber da Tankred hoffte, daß die Dinge sich nach seinen
Wünschen gestalten möchten, legte er ihnen auch eine größere
Wahrscheinlichkeit bei. In Breckendorf erfuhr er, als er von seinem
Rappen abstieg und sich in der Schenkstube des Kruges niederließ, daß
der Pastor erkrankt, und man in großer Sorge um ihn sei. Da der Pastor
Tankred nicht im Wege stand, so regte sich in ihm ein Anflug von
Bedauern; viel lieber hätte er gehört, daß sie, die Pastorin,
hoffnungslos darnieder liege. Die „Person“ war ihm in der Seele
zuwider. Nachdem er dann noch erfahren, daß Carin nach wie vor im
Pfarrhause sei, machte er sich wieder auf den Weg.
Als er den Hof erreichte, — es war gegen vier Uhr nachmittags, und er
wollte noch an demselben Tage, nach einem Besuche in Holzwerder, nach
Elsterhausen zurückkehren, — sah er Frege gerade mit langsamen Schritten
ins Haus treten. Die Erscheinung des Alten wirkte in dieser einsamen,
finsteren und regungslosen Umgebung fast wie ein düster gemaltes Bild.
Ringsum nichts Lebendiges. Die Bäume streckten regungslos ihre dürren,
kahlen Zweige in die graue, lichtwehrende Luft, und Öde und ein
gleichsam stumpfes Verzichten auf Leben und Sonnenschein lag über allem
ausgebreitet.
Brecken überkam ein Gefühl von grenzenloser Leere, ja, von Grauen. Es
legte sich ihm plötzlich auf die Brust, als ob er fliehen müsse, als ob
seiner etwas Furchtbares hier warte. Dann aber ritt er auf den Stall zu,
löste die Trense aus des Rappen Maul, holte, da Klaus nicht zugegen war,
selbst Häcksel aus der Futterkiste herbei und warf ihn dem Rappen in die
Krippe. Nun schritt er auf das Haus zu, wandte sich, ohne die Klingel zu
ziehen, sogleich zu der von Frege bewohnten, nach dem Garten gelegenen
Kammer, klopfte und trat, ein Herein nicht abwartend, näher.
Der Alte war nicht da; auf dem Tische aber lag ein Brief, in den Tankred
ohne Besinnen guckte. Das an Theonie gerichtete Schreiben begann mit
allerlei nebensächlichen Dingen. Nach Erwähnung dieser war ein Absatz
gemacht, und das alsdann Niedergeschriebene lautete wie folgt:
‚Und nun die Hauptsache, gnädige Frau. Herr von Brecken hat sich mit
Fräulein von der Linden verlobt. Die Herrschaften haben es zugegeben,
nachdem er durch ein Schriftstück von der gnädigen Frau nachgewiesen
hat, daß er Miterbe von Falsterhof ist und die Erbschaft nach fünf
Jahren antreten kann. Ich glaube nicht, daß es das richtige Papier
ist, und schicke der gnädigen Frau Abschrift davon.‘
Was war das? Tankred zitterten die Glieder, das Blatt mit Freges großen,
steifen Buchstaben bebte in seiner Hand, und das Blut schoß ihm tobend
ans Herz. Rasch! Weiter lesen, ehe er gestört ward —!
‚Die gnädige Frau werden sich wundern, wie ich zu der Einsicht des
Schriftstücks gekommen bin. Der Zufall hat auch merkwürdig dabei
gespielt. Am Tage nach der Verlobung war ich schon früh bei Herrn
Hederich in Holzwerder, der, wie ich wußte, zur Stadt wollte und schon
oft mein bischen Geld mit in die Sparkasse genommen hat. Da traf ich
hinter dem großen Wirtschaftshaus, wo die Knechtsstube ist, Peter, den
Diener der Herrschaften, der das Zeug rein machte. Auch Herrn von
Bremens Sachen, der die Nacht bei Hederich geschlafen hatte, putzte er
und legte grade ein Kuwert auf den Tisch, das aus der Tasche gefallen
war.
Erbschaftsakte (Falsterhof) Tankred von Brecken, las ich. Grade wurde
Peter abgerufen. Da nahm ich schnell mein Wirtschaftsanschreibebuch
und meine Bleifeder und schrieb ab, was in dem Dokument stand. — ‘
Soweit war Tankred von Brecken gekommen, als er Schritte auf dem Flur
hörte. Sicher! Es war Frege, und rasch legte er den Brief wieder auf den
Platz und faßte die Thürklinke. Als er hinaustrat, streifte er den
Alten, der mit einer Miene zurückprallte, als ob die Erscheinung eines
Verstorbenen vor ihm aufgestiegen wäre.
„Ah, da sind Sie, Frege! Eben guckte ich in ihr Zimmer und fand Sie
nicht. Einen Augenblick! Ich möchte etwas von meiner Kousine hören.
Kommen Sie! Wir können nach vorn gehen!“
Der Alte, sichtlich aufs äußerste betroffen, aber sich beherrschend,
nickte ehrerbietig und schritt voran, um die Thür zu den Gemächern des
alten Herrn zu öffnen. Aber ehe sie eintraten, fragte Tankred: „Wo ist
Klaus?“
„Er ist vor einer halben Stunde nach Marienhof gegangen. Er wollte seine
Schwester besuchen —“
Tankred bewegte kurz den Kopf. Was er hörte, befriedigte ihn sehr.
Kaum waren sie in den fast schon dunklen, dumpfen Raum eingetreten, als
Tankred die Thür schloß, auf den Alten losstürzte, ihn an der Gurgel
packte und ihm zuraunte: „Wo ist die Abschrift des Schriftstücks, das Du
Bandit Dir auf Holzwerder angeeignet hast? Heraus damit, oder ich töte
Dich, so wahr ich Brecken heiße!“
„A — h —“ drang's aus der Kehle des Gemarterten. Er wollte reden, aber
die furchtbare Faust Breckens schnürte ihm Atem und Sprache ab.
Brecken lockerte mit den funkelnden Augen eines Raubtiers seine Hand,
stieß den Alten auf einen Stuhl und blieb neben ihm stehen.
„Nun?“ zischte er mit furchtbaren Gebärden.
„Ich sag's nicht, und ich bin kein Bandit,“ stieß Frege entschlossen
heraus. „Ein Bandit ist der, welcher —“
Aber Brecken ließ ihn nicht ausreden. Er faßte ihn hinten am Rockkragen,
schob den Widerstrebenden zur Thür, entriegelte sie und stieß sein Opfer
bis in die Kammer. Hier ließ er ihn los und befahl ihm, den Brief an
sich nehmend, nochmals, die Abschrift auszuliefern.
Aber der Alte hob sich stöhnend in die Höhe, blickte den Mann fest an
und sagte: „Ich thue es freiwillig nicht, wenn Sie mich auch töten.
Früher oder später wird's doch Mordgeruch geben. Fangen Sie nur mit mir
an!“
Brecken fletschte die Zähne, und so furchtbar war seine Wut, daß er
Frege mit einem einzigen Schlage zu Boden streckte. Und dann beugte er
sich über ihn und schrie: „Gieb, oder Du bist eine Leiche!“ und als
Frege dann mit letzter Kraftaufwendung abermals verneinend den Kopf
schüttelte, griff er in dessen Tasche, fand zwei Schlüssel und begab
sich selbst ans Suchen. Seine Bemühungen waren nicht umsonst; nach
wenigen Minuten fand er in der Schublade der Kommode sowohl das
Wirtschaftsbuch wie auch ein Blatt Konzeptpapier, auf das Frege den
Wortlaut des Falsifikats niedergeschrieben hatte.
Nachdem er es an sich genommen, näherte er sich Frege, der sich
inzwischen mühsam emporgerafft hatte und, die Hand an den blutenden
Kopf pressend, mit noch immer gleich finsterer Entschlossenheit dastand,
und sagte, ihm die Schlüssel hinwerfend: „Diesmal ging's noch an Dir
vorbei, Du schleichender Schuft. Aber hüte Dich! Trittst Du mir noch
einmal in den Weg, so weiß ich, was ich zu thun habe!“
Dann schritt er hinaus, band sein Pferd im Stall los und jagte im Galopp
auf der Straße nach Holzwerder zu.
* * * * *
Und wieder einen Tag später in der Dämmerungsstunde saß die Pastorin an
dem Bette ihres Mannes und hörte mit tiefbeschwertem Herzen, was aus
seinem Munde drang.
„Kräfte, Kräfte — Lene, fehlen mir! Bitte, reiche mir einen Schluck
Wasser.“
„Soll ich nicht etwas Wein hineinthun?“
Der Kranke schüttelte den Kopf. „Ich mag nicht. Nichts schmeckt, nur
Durst habe ich, immer Durst nach Wasser. Ah,“ stieß er heraus und ließ
erschöpft das Haupt in die Kissen fallen, nachdem die Pastorin ihm das
Verlangte eingeflößt. Und dann schlossen sich seine Augen. Aber zugleich
streckte er zärtlich die Hand nach ihr aus.
„Mein guter Mann!“ flüsterte die Frau liebevoll und ergriff die ihr
dargebotene Rechte. Schwere Thränen tropften aus ihren Augen. Eine
stumme Dankgebärde war es von seiner Seite gewesen, aber auch ein Drang,
ihr seine Liebe an den Tag zu legen.
Und später öffnete sich die Thür, und die kleine Lene schob sich, leise
auftretend, herein.
„Papa Gute Nacht sagen,“ ging's aus dem Munde des Kindes.
Aber die Frau wehrte der Kleinen mit sanfter Bewegung, zog sie zu sich
empor und ging mit ihr in eine entferntere Ecke des Zimmers.
„Papa schläft, mein süßes Kind, wir dürfen ihn nicht wecken! Ich werde
ihm erzählen, daß Du da warst.“
Lene nickte. „Papa immer krank! Papa soll mit mir spielen,“ klagte sie
traurig. Aber einem stark entwickelten Ordnungssinn folgend, glitt sie
von dem Schoß der Mutter herab und nahm das Blatt einer Blume auf, das
am Boden lag. Sie legte es in ihrer Mutter Hand und fuhr fort:
„Wann steht Papa wieder auf, Mama, bald?“
Da überkam die Frau der Schmerz.
Am Mittag hatte ihr der Arzt gesagt, daß er kaum verstehe, daß der
Kranke bei so schwachem Puls noch lebe. Ein rasendes Fieber, das Höppner
nach einer Erkältung erfaßt, hatte alle seine Kräfte verzehrt und ihm
jegliche Widerstandsfähigkeit geraubt.
„Weshalb weinst Du?“ forschte nun Lenchen mit weinerlicher Stimme und
schmiegte sich ängstlich an die Brust der Bedrückten. Und unter leisem
Schluchzen flüsterte die Pastorin:
„Ich bin traurig, weil unser Papa so krank ist, mein süßes Lenchen. Wir
wollen heut abend beten, daß ihn der liebe Gott bald wieder gesund
macht.“
Das Kind nickte eifrig. „Ja, ich will für Papa und für die weiße Henne
beten. Sie hat noch immer ihr schlimmes Bein. Sie schrie, als Trine sie
auf den Schoß nehmen wollte.“
Die Frau drückte in abermaliger, übermächtiger Rührung das Kind ans Herz
und setzte es sanft auf die Erde hinab. „Komm, ganz leise, geh nun
wieder nach vorn und bitte Fräulein Carin, daß sie Dir Deine Puppe
anziehen hilft, und nachdem mußt Du ein wenig lernen, Lenchen, das
Einmaleins!“
„Soll ich es Papa hersagen, wenn ich es kann?“
„Gewiß, Lenchen, dann wird er um so eher gesund!“
Das Kind horchte vergnügt auf und trippelte aus dem Gemach.
Nach einer Weile öffnete Fräulein Carin die Thür und fragte, ob Frau
Höppner ihren Mann verlassen könne. Es seien mehrere Personen da, die
sie zu sprechen wünschten.
Die Frau trat an das Bett des Kranken, vergewisserte sich, daß er noch
schlief, und folgte dann dem an sie ergangenen Rufe.
Sie fand neben Frauen aus dem Dorfe, die nach des Pastors Befinden
fragten, vornehmlich aber andere Anliegen hatten, und denen sie in ihrer
entschiedenen, aber stets hülfbereiten Weise Rat erteilte, auch Frege
von Falsterhof auf dem Flur. Da sie mit ihm länger zu sprechen wünschte,
rief sie ihm freundlich grüßend zu: „Gehen Sie nur in meines Mannes
Zimmer, Frege, ich komme gleich, und wir können dann in Ruhe reden.“
Aber er blieb wartend stehen und trat erst, nachdem die übrigen sich
entfernt hatten, mit der Pastorin in das erwähnte Gemach.
„Nun, mein guter Frege? Was haben Sie?“ hub die Pastorin, nachdem beide
sich gesetzt hatten, an und legte, wie meist beim Plaudern, die
gefalteten Hände auf die Brust. „Sie wollen wohl etwas von Frau Cromwell
hören? Oder haben Sie selbst Nachricht?“
„Nein, ich komme wegen etwas anderem. Ich kann nicht mehr auf Falsterhof
bleiben. Es geht mir am Ende doch ans Leben. Wenn ich auch ihm, Herrn
von Brecken, gegenüber so gethan habe, als ob mir Leben oder Sterben
gleich wäre, man will doch nicht wie ein Hund totgeschlagen werden!“
„Na, was sind denn das wieder für Sachen,“ stieß die Pastorin
erschrocken heraus. „Soll man denn nie vor dem schrecklichen Menschen
zur Ruhe kommen? Erzählen Sie, was geschehen ist, Frege —“
In diesem Augenblick erfolgte eine Störung. Die Magd erschien und
meldete, daß Herr von Brecken da sei. Er wolle sich nach des Herrn
Pastors Befinden erkundigen und bitte auch in anderer Angelegenheit die
Frau Pastorin sprechen zu dürfen.
Die Frau schwankte, was sie thun solle. Frege um Breckens willen
ungehört abfertigen, konnte ihr nicht beifallen. Ihre gerade Natur
machte niemals Standesunterschiede, auch regte sich in ihr eine
natürliche Neugierde, Näheres von Frege zu erfahren. So entschied sie
sich denn rasch, hinauszugehen, um Tankred mit kurzen Worten
abzufertigen.
Während sie jedoch der ihr voranschreitenden und die Thür
offenlassenden Magd folgte, erblickte der auf dem Flur harrende Besucher
gerade denjenigen Mann in dem Gemach des Pastors, um dessen willen er
vornehmlich heute seinen Gang angetreten hatte. Aber Tankreds Mienen
verrieten nichts; mit unbefangenster Artigkeit trat er auf die Pastorin
zu und richtete, schon während sie ihm in die Wohnstube voranschritt,
äußerst teilnehmende, ihren Mann betreffende Fragen an sie. Nachdem dies
geschehen, nahm die Pastorin das Wort und sagte, nicht ahnend, daß
Tankred wisse, wer bei ihr sei:
„Ich habe Besuch, den ich nicht fortsenden kann, aber ich wollte Sie
doch für einige Minuten wenigstens empfangen. Zunächst eine Frage:
Bestätigt es sich, daß Sie sich mit Fräulein von der Linden verlobt
haben? Man sagt so!“
Tankred nickte. „Ja, Frau Pastorin; es war neben dem Wunsche, mich nach
des Herrn Pastors Befinden zu erkundigen, der Zweck meines Erscheinens,
Ihnen persönlich das für mich so glückliche Ereignis mitzuteilen. Haben
Sie Nachricht von meiner Kousine? Wissen Sie, wann sie nach Falsterhof
zurückkehrt? Ich war gestern dort, aber kam über einen ärgerlichen
Zwischenfall gar nicht dazu, Frege zu fragen. Denken Sie — und auch das
wollte ich zur Vermeidung thörichter Aussprengungen Ihnen sagen, — der
Mensch lehnte sich in so ungebührlicher Weise gegen mich auf, daß ich
ihn züchtigen mußte. Ich erhielt durch einen Zufall Kenntnis von
allerlei Schleichereien seinerseits und einem ganz unerhörten Eingreifen
in meine persönlichen Angelegenheiten. Er hat neulich bei seiner
Anwesenheit auf Holzwerder das mir von Theonie ausgefüllte
Schriftstück — Sie wissen, die Abtretungsakte, die ich Herrn von Tressen
vorlegen wollte, — an sich genommen und kopiert und weigerte sich, mir
die Abschrift herauszugeben. Es wird wahrlich nicht in dem Willen meiner
Kousine liegen, besonders nicht, nachdem wir dauernd Frieden
geschlossen, daß ihr Diener auf eigene Faust Spionage treibt und sich
dabei den Anschein giebt, als ob es für das Wohl und Wehe seiner Herrin
nötig sei. Es scheint, der Mensch will mir imputieren, ich habe ein
Schriftstück überhaupt gar nicht von seiner Herrin empfangen! Weshalb
sollte er sich sonst erdreistet haben, davon Abschrift zu nehmen?“
Nachdem er auf diese Weise Freges Darstellung abgewehrt hatte,
unterbrach sich Tankred und bat, als ob er durch seine Rede fortgerissen
sei, um Entschuldigung, die Pastorin so lange in Anspruch genommen zu
haben. „Verzeihen Sie, daß ich bei Ihrer kurz bemessenen Zeit auch über
diese Angelegenheit mich noch äußerte. Aber da Sie, verehrte Frau
Pastorin, doch gerade die gütige Vermittlerin zwischen meiner Kousine
und mir gewesen sind, wollte ich an Sie auch die freundliche Bitte
richten, Ihre mir gelobte Verschwiegenheit zu brechen und jedem, der
fragt, mitzuteilen, wie die Dinge wirklich liegen. Mich gegen unsinnige
Beschuldigungen eines Dienstboten zu verteidigen, könnte mir wahrlich
sonst nicht beifallen, aber hier ist es in der That geboten, die Dinge
klarzustellen.“
In dieser Rede war jeder Satz berechnet. Daß es sich bei Freges Vorgehen
um etwas ganz anderes gehandelt, daß er eben bei seinem tief
eingewurzelten Mißtrauen gegen Tankred ein Falsifikat vermutet hatte,
erwähnte Tankred natürlich nicht. Er wollte sich den Anschein geben,
als ob die Möglichkeit einer solchen Unterstellung ihm überhaupt gar
nicht in den Sinn gekommen wäre.
Zu seiner Befriedigung bemerkte er denn auch, daß die Pastorin,
unbekannt mit Freges Schlußfolgerungen, Partei für ihn zu nehmen schien
und, ihrem Gerechtigkeitssinn folgend, erklärte, sie werde gern
Gelegenheit nehmen, falsche Gerüchte, wenn sie ihr begegneten, richtig
zu stellen.
Mit den Worten: „Im übrigen will ja Ihre Kousine in vierzehn Tagen
zurückkehren. Sie können dann selbst die Dinge mit ihr bereden,“
verabschiedete sie sich von Tankred und eilte, da eben auch ihr Mann,
bei dem Carin statt ihrer den Dienst versehen, nach ihr verlangte, in
das Krankenzimmer. Infolgedessen streifte Tankred Carin auf dem Flur:
„Ah, mein hochverehrtes Fräulein. Sehr erfreut, sie einmal wieder zu
sehen,“ hub er unter vielen Komplimenten an. „Zu meiner großen Freude
höre ich, daß Sie in Zukunft meiner Kousine Gesellschaft leisten werden.
Ich kann meiner Verwandten dazu nur ebenso sehr Glück wünschen, wie ich
bedauert habe, daß Sie sich von meiner Braut trennen mußten. — Meine
Braut! Allerdings. Das Gerücht bestätigt sich! — Ich danke sehr für Ihre
guten Wünsche,“ schloß Tankred, als Carin, der es war, als habe eine
giftige Natter sie angezischt, die aber doch einige höfliche Worte nicht
umgehen konnte, ihre Gratulation aussprach.
Wenige Sekunden später hatte Tankred, sehr befriedigt über den Erfolg
seines Besuchs, das Pastorenhaus verlassen. —
Als er in seine Wohnung in Elsterhausen zurückgekehrt war, ließ er sich
sogleich nieder und schrieb die nachstehenden Zeilen an Theonie:
‚Liebe Theonie!
Zunächst melde ich Dir heute, daß ich mich mit Grete von der Linden
verlobt habe. Wenn ich in die Dir seinerzeit gegebenen Erklärungen
einflocht, daß mich neben deiner Zuneigung für Dich besonders der
Wunsch leite, durch eine Heirat ein festes Fundament zu gewinnen und
meine ehrlichen Vorsätze zu unterstützen, so kann ich Dir dies auch
jetzt als den wesentlichen Beweggrund für meinen Entschluß anführen.
Nachdem ich auf den höchsten Wunsch meines Lebens, Dich zu besitzen,
habe verzichten müssen, haben der Schmerz und das Verlangen, sobald
wie möglich aus dem unthätigen Zustande herauszukommen, mich bestimmt,
um die Erbin von Holzwerder anzuhalten. Da die künftigen
Lebensverhältnisse, meine und die der Familie Tressen, bei dieser
Gelegenheit zur Sprache gelangten, habe ich das mir von Dir übergebene
Schriftstück vorgelegt, und da es meine Pläne wesentlich gefördert
hat, so will ich auch die Gelegenheit ergreifen, um Dir nochmals von
ganzem Herzen zu danken. Dieser Dank erfüllt mich umsomehr, als ich
mir bewußt bin, nicht immer so gegen Dich gehandelt zu haben, wie Du
es erwarten konntest. Jähzorn ist das Erbteil der Breckens. Er riß
mich hin, mein Inneres hatte keinen Teil daran, und ich habe das
Geschehene ehrlich bereut. Beiläufig bemerke ich, daß Frege sich sehr
ungebührlich benommen hat, indem er das mir von Dir eingehändigte
Schriftstück, das er zufällig in meiner Rocktasche fand, kopierte. Als
ich die Herausgabe meines Eigentums, das ich nicht als für fremde
Augen geschrieben ansehe, forderte, verweigerte er sie und erging sich
zugleich in so unerhörten Ausdrücken, daß er eine ihm gewordene
Züchtigung durchaus verdiente. Ich erzähle Dir dies einmal, um den
wirklichen Thatbestand zu Deiner Kenntnis zu bringen, anderseits, um
Dich freundlich zu ersuchen, ihm seine unwürdige Spionage zu
verbieten. Daß Du nicht damit einverstanden bist, weiß ich.
Und nun habe ich noch eine Bitte. Meine Braut möchte mich natürlich
gern täglich sehen. Auf Holzwerder zu wohnen, widerspricht der
Schicklichkeit. Würdest Du wohl gestatten, daß ich bis zu meiner
Heirat, die schon in sechs Wochen stattfinden soll, wieder nach
Falsterhof übersiedele? Ich weiß nicht, was ich Tressens und Grete als
Grund meines längeren Wohnens in Elsterhausen angeben soll. Du wirst
gewiß auch nicht wollen, daß ich den wahren Sachverhalt aufdecke, und
verstehen, daß ich nicht erklären möchte, Du habest mir den Aufenthalt
in Falsterhof untersagt. Frege werde ich sein Benehmen nicht entgelten
lassen, wenn er trotz der geschilderten Vorgänge ferner in Deinem
Dienste bleiben soll. Daß ich nicht gern mit ihm zusammen bin, wirst
Du begreifen, wenn Du Dich nur einen Augenblick in meine durch sein
Vorgehen geschaffene Lage hineinversetzest. Bitte, antworte bald und
Gutes Deinem Dich herzlich grüßenden und Dir allzeit aufrichtig und
dankbar verpflichteten