von drüben der laute verlockende Ruf tönte: »Ausverkauf! Staunend
billig! Weils die letzten sind!« Das zog ihn hinüber wie mit Stricken.
Mit einem Satze war er in der Mitte der Straße. Er sah nur den rufenden
Fischhändler. Plötzlich hörte er ein zorniges Brummen, schier ein
Brüllen, als stürze wütend ein wildes Tier auf ihn los. Dann ein
vielstimmiger Aufschrei -- und er lag halbbesinnungslos am Rande des
jenseitigen Straßensteiges: ein Wagen der »Elektrischen« hatte ihn
gestreift und zur Seite geschleudert.
Zwei, drei halfen ihm, richteten ihn auf. Er war kreidebleich und
zitterte am ganzen Körper. Seine erste Frage galt der »Kraxe«. Wenn da
etwas gebrochen war! Dann ade Fisch und Haube und Weihnachtsfreude! Eine
flüchtige Besichtigung und Betastung der zumeist aus festen Schachteln
bestehenden Pakete ließ gute Hoffnung zu. Er stammelte seinen Dank und
schlich davon. Dem rufenden Fischhändler wagte er keinen Blick mehr
zuzuwerfen.
Nach echter Bubenart wollte er bei der ersten Partei rasch sein Paket
abgeben und davonlaufen. Als ihm die Dame aber ein Geldstück gab, bat er
doch, nachzusehen, ob nicht etwas gebrochen sei, und erzählte sein
Unglück. Die Dame sah nach. Es war alles heil. Daraufhin gab sie ihm
noch ein Geldstück -- »weil er so ehrlich war«.
Nun wagte er diese »Ehrlichkeit« bei jeder Partei gleich von vornherein.
Und kam überall gut an und weg. Nur bei zweien haperte es. Ein kleiner
Schade. Bei einem alten Herrn bekam er Schelte und war froh, daß es noch
so glimpflich ablief. Bei einem jungen hübschen Frauchen aber setzte es
schließlich doch ein kleines Geldgeschenk ab -- weil er »halt gar so sehr
in Gefahr war«. Und weil »weil heut schon heiliger Abend sei«.
Keckfröhlich übergab er schließlich dem Fräulein die bestätigten Scheine
und fragte, ob noch was zu tun sei? Nein, es gab nichts mehr zum
Austragen. Woher er die Kleider so beschmutzt habe? Er erzählte wieder.
Jetzt mit jenen heißatmigen Uebertreibungen, die dem romantischen Hange
der Jugend entspringen. Das Fräulein war sehr bestürzt, fragte aber vor
allem nach den Paketen. Sie war eben ein Geschäftsfräulein. Da er ihr
beruhigende Auskunft geben konnte, fand sie, es wäre wirklich ein großes
Glück, daß er so gut darausgekommen sei und bemaß großmütig den
ausgesetzten Lohn um ein Zwanzighellerstück höher. Geschäftsleute sind
eben sparsam und lassen ihre Gefühle in Geschäftssachen grundsätzlich
nicht mitreden. Auch nicht um die Weihnachtszeit.
Stolz ging Otti nun in den Laden und verlangte die Haube. Drei Kronen
fünfzig. Er zählte sein »Vermögen«. Es waren vier Kronen zwanzig.
Blieben also nur noch siebzig Heller für den Fisch. Er dachte, das lange
schon noch, jetzt, wo sie im Ausverkauf so »staunend billig« seien.
Einen Fisch wolle er haben, sagte er zum Händler im Tone eines Menschen,
der weiß, daß er bezahlen kann, was er begehrt. Der Fischer sah den
Jungen etwas mißtrauisch an und langte ihm ein armselig Weißfischlein
heraus. Das aber warf Otti verächtlich zurück ins Wasser und meinte,
einen solchen könne er alle Tage haben. Es müsse schon ein Karpf sein
heut und zwar ein Spiegelkarpf. Sei auch noch da, sagte der Fischer in
jenem Gemütstone, der sich immer so hübsch nach der Wertschätzung der
jeweiligen Kunden richtet. Eine Krone achtzig das Kilo.
»Das Kilo?« fragte Otti geradezu entrüstet.
Jawohl, das Kilo. Er werde doch nicht meinen, ein ganzer Karpf?
Da war's vorbei mit Mut und Zuversicht und Keckheit. Sein Geld reichte
ja kaum für ein halbes Kilo. So viel Geld habe er »augenblicklich« nicht
bei sich, wollte er keck sagen. Fiel aber sehr kläglich aus. Der Fischer
warf den schönen Karpfen ins Wasser zurück und wandte dem betrübten
Knaben mit stummer Verachtung den Rücken. Er schimpfte wohl nur deshalb
nicht, weil eine neue Kunde am, die auf weit solideres Geschäft hoffen
ließ.
Ein Herr hatte den kleinen Auftritt mit angesehen und sich daran
köstlich geweidet. Als er aber das bitterenttäuschte Gesicht des armen
Jungen sah und sah, wie es um seine Mundwinkel zuckte und wie er mit
unbeschreiblich bestürzter Miene dem Fisch nachschaute, da überkam den
guten Mann, der offenbar ein Junggeselle und daher ein Kinderfreund war,
die Geberlaune. Die lag ja heute schon so in der Luft.
Er fragte Otti, für wen er denn den Fisch brauche, und als er hörte, der
Junge wolle damit seine Mutter überraschen, die gar so gern einmal einen
gebackenen Fisch äße, da kaufte er ihm mit selbstgefälliger
Freundlichkeit einen halben Karpfen und entzog sich mit derb-humorvollen
Worten und so überaus schnell den überstürzten Danksagungen Ottis, daß
es den Eindruck machte, als reue ihn der ganze Fischhandel schon. Er
lief gewissermaßen vor sich selbst davon.
Otti aber war überglücklich. Hatte er doch nun nicht nur Haube und
Fisch, sondern auch noch siebzig Heller bar! Für diese Riesensumme
kaufte er für sich, was ihm am liebsten war: Zuckerln, und zwar feine.
Im Hochgefühle eines Gebers und zugleich froh Beschenkten ging er die
schneeigen Fluren heimwärts. Es war mittlerweile völlig Nacht geworden.
Doch droben glänzten in seltener Pracht und still die Sterne und in ihm
war so viel leuchtende Freude, daß er sich nicht gefürchtet hätte, wenn
es auch ganz finster gewesen wäre.
Als er am Teiche vorbeikam, blieb er stehn und sagte zu sich selbst:
»Nun hab ich meinen Karpfen auf rechtschaffene Weise. Keinen ganzen
zwar, aber es tut's so auch. Und wenn heut Nacht das goldene Seil in
dieser Gegend irgendwo vom Himmel niederhängen sollt, so kann ich mit
gutem Gewissen danach greifen.«
»Wenn die Angelschnur nicht wär!« sagte da eine Stimme in ihm. Er
schritt rasch aus. Aber die Füße wurden ihm schwer und die Stimme rief
immer und immer: »Wenn die Angelschnur nicht wär! Wenn die Angelschnur
nicht wär!« Da kehrte er um, band an die Schnur eine große Eisscholle
und warf sie durch ein Fischloch ins Wasser. Nun war sein Gewissen
still: denn seit der letzten Beichte hatte er nicht geangelt. Leid war
ihm um die Angelschnur sehr -- doch da man dafür vielleicht das goldene
Seil eintauschen könnte, so kam er zu dem Schluß: dumm wars gewiß nicht.
Und war getröstet.
Vorsichtig schlich er ins Haus. Die Mutter sollt ihn nicht sehen. Doch
die hatte ihn schon gesehen. Sie ging ihm aber nicht entgegen, sondern
guckte schalkhaft um eine Ecke im Hausflur und lachte leise. Otti
wunderte sich darüber sehr. Die Mutter schalt ihn gar nicht, daß er so
spät komme! Sie lachte sogar -- und wie! So hatte er sie noch gar nie
lachen hören. Als er merkte, daß sie in die »schöne« Stube ging, schlich
er in die Küche und warf dort den Fisch ins Wasserschaff. Dann ging er
in seine kleine Kammer und zog seine »besten« Kleider an, damit die
Mutter die Kotflecke nicht sehe und nicht gleich frage, warum und woher.
Dann wärs ja vorbei mit aller Ueberraschung. Und er freute sich schon so
sehr auf ihr freudestrahlendes Gesicht.
Sorgfältig glättete er die Haube und barg sie unter seinem Rock. Dann
wollte er ins Zimmer. Die Tür war abgesperrt. Das war noch nie da. Er
klopfte. Die Mutter antwortete, er müsse schon noch ein bisserl warten.
Er hörte sie drinnen geheimnisvoll herumrauschen und leise -- singen. Da
blitzte ihm ein Gedanke auf: vielleicht hat _sie_ ... Ja, sie war gewiß
in Sinn und Herz viel braver als er. Und so könnt es schon sein, daß der
liebe Gott _ihr_ das goldene Seil in die Hände gespielt hatte, auf das
er seine schönsten Hoffnungen setzte. Nun, wenns schon so war -- so
bleibts doch wenigstens in der Familie.
Plötzlich tat sich die Tür weit auf. Und nun war die Ueberraschung, die
er bereiten wollte, wirklich auf seiner Seite: auf dem Tische stand ein
kleiner Christbaum und darunter lag ein Reichtum, wie ihn diese Stube
noch nie gesehen hatte: ein schöner Bubenanzug, feine Schlittschuhe,
eine ganz echte Pelzhaube, gefütterte Handschuhe, Bücher in prächtigen
Einbänden und -- das tat ihm schier weh -- auch Frauensachen mancherlei
Art. Er stand nur und schaute und staunte.
»Das da gehört alles dir«, sagte die Mutter und sagte es so großartig
einfach und selbstverständlich, als wär das alle Jahre so gewesen um
diese Zeit.
»Ja, aber Mutter ... Nicht wahr, das goldene Seil ...«
Da lachte die Mutter gar schalkhaft und sagte im Märchenton:
»Es war einmal ein Junge, ein feiner, der brach draußen im Teich ins Eis
ein ...«
»Von dem also!« rief Otti schier enttäuscht.
»Vielmehr von seinem Vater. Weil die Weihnachtszeit so nahe war, hat er
sich den Dank für heut aufgespart.«
Und noch mehr wußte die Mutter dem freudebetäubten Jungen zu sagen: sie
habe dem reichen Manne, weil er darum gefragt habe, auch gesagt, daß ihr
Otti halt gar so viel gern studieren tät. Da hat der gute Herr gemeint,
das sei sehr einfach: er lasse den wackeren Lebensretter seines Sohnes
mit größtem Vergnügen auf seine Kosten studieren. Da wurde Otti sehr
schwül zumute. Er fürchtete sich nämlich vor dem Studieren so sehr, als
er sich freute. Die Freude lag in ihm -- die Furcht kam von der Schule.
Da ihm bei alldem heiß geworden war, öffnete er seinen Rock. Da fiel
denn die Wollhaube heraus, von der er geglaubt hatte, sie werde heute
von seiner Mutter bewundert und angestaunt werden, wie ein eitel
Wunderding. Und nun lag sie in ihrer grauen Schlichtheit am kahlen
Boden. Neben all den Herrlichkeiten -- unsagbar armselig! Er schämte
sich ihrer fast.
Die Mutter aber hob staunend die arme Haube auf. Und als sie erfuhr, wie
und unter welchen Umständen Otti dieses ersehnte Geschenk für sie
erworben hatte, da standen ihr die hellen Mutterfreudentränen in den
Augen. Sie umarmte und küßte ihren Sohn und sagte ihm, von all den
schönen Sachen, die sie heute so unverhofft bekommen habe, sei ihr die
schlichte Wollhaube das kostbarste und liebste Stück. Und wenn sie so
reich wäre wie der Mann, der heute bei ihr war -- die Haube würde sie
doch und just zu den größten Feiertagen tragen. Und sie werde sie auch
tragen -- so stolz wie eine richtige Königin ihre Krone. Und werde den
Leuten sagen: seht, die hat mir mein Sohn geschenkt von seinem ersten
Geld, das er sich verdient hat mit Gefahr seines Lebens.
Nun war Otti wieder froh und glücklich und konnte sich seiner schönen
Geschenke von ganzem Herzen freuen.
Als sie dann gar fröhlich beim Fischmahle saßen und von dem Weine
tranken, der unterm Baume lag, meinte die Mutter:
»Du, Otti, heut warst du aber fest dran am goldenen Seil! Mit beiden
Händen hast dus gehabt!«
Otti sah seine Mutter verwundert an. Er werde ihre Worte schon verstehn,
später, wenn er einmal ein studierter Mann sein werde, sagte sie und
freute sich sehr, daß sie so weise und überlegen sprechen konnte.
Und Zeit und tiefere Erkenntnis kamen. Und als nun Otto, ein Mann
geworden, mir die Geschichte dieses ihm unvergeßlichen Weihnachtsabends
erzählte, meinte er, er glaube fest daran, daß für _jeden_ Menschen so
ein goldenes Seil vom Himmel niederhänge. Um zu ihm zu gelangen, gehörte
aber etwas, was er jedem vom Herzen gern wünsche: _ein starker Wille zum
Guten_.
Eine Insel der Seligen.
Immer noch konnte sie es nicht fassen, saß noch immer in ihrem alten
Lehnstuhl und hielt den Brief in den Händen, der ihr die letzte Hoffnung
nahm und alle Freude ihres Lebens.
Zwei Jahre fast waren es nun her, daß sie von ihrem Helmi nichts mehr
hörte. Er war unter die Lebendigtoten geraten, unter die
Kriegsvermißten. Und just heute, am Tage, wo Friede und Freude sein oder
doch einkehren sollte in aller Herzen, just heute kam auf ihr
unermüdliches Nachforschen ein Brief, der ihr gewissermaßen amtlich
beglaubigte, ihr Wilhelm sei schon lange nicht mehr unter den Lebenden.
»Erlöst«, hauchte sie endlich, nachdem sie in weher Mutterliebe das
ganze helle Leben durchdacht und durchträumt hatte, das ihr Liebling,
ihr einziges Kind, durchwandert hatte bis zu dem Tage, da auch er hinein
mußte in den wilden grausamen Krieg. Und der Stunde gedachte sie, da die
Nachricht kam, er sei vermißt. Die bangen, immer wiederkehrenden Fragen
aber: Wo wird er jetzt sein? Wie wird es ihm ergehn? Was wird er
erleiden, was erdulden müssen in der wahrscheinlichen Gefangenschaft
weit hinten in der sibirischen Einöde? -- alle diese marternden Fragen
kamen nun zur Ruhe, kamen zur Ruhe auf so bittere Art ...
»Erlöst«, wiederholte sie, wischte sich über die Augen, stärkte ihre
tränenschwere Seele mit einem Gebet und nahm sich vor, für heute zu
schweigen vor dem Bräutlein des Toten, vor der lieblichen Adelheid. Erst
nach den Feiertagen soll sie erfahren, was unabänderlich ist und daher
ertragen werden muß ...
Dies denkend, hörte sie vom Flur des Hauses den hellen freudigen Ruf:
»Mutter!« Eilige Schrittchen nahten sich der Tür. Rasch verbarg Frau
Burga den verhängnisvollen Brief, glättete die ergrauten Scheitel und
mühte sich, unbefangen zu erscheinen, damit Adelheid, die unverzagt
Hoffende, nichts merkte.
Die war unterdessen aufgeregt ins Stübchen getreten und erfüllte es mit
ihrer hellen Lebendigkeit und blonden Lieblichkeit wie mit einem
Leuchten und Schimmern.
»Mutterl!« rief sie wieder und ihre Stimme lachte und weinte Freude.
»Denk' dir, der Steinbauer Franzl hat einen Brief geschrieben. Geflohen
ist er, im deutschen Lager ist er angekommen nach langer gefahrvoller
Flucht durch Rußland. Und Helmi sei schon vor ihm entflohen, müsse schon
in Deutschland sein oder droben in Schweden. Mutter! Mutter! Er lebt! Er
lebt! Hab ichs nicht immer gesagt ... Ja, was hast du denn? Du freust
dich ja gar nit? Du weinst ja ...«
»Schau Adi, weil das halt gar so überraschend kommen ist.«
Das blonde Mädchen warf sich ungestüm zu Füßen der alten Frau, legte ihr
Köpfchen mit der schweren goldigen Haarkrone in ihren Schoß und weinte,
erschüttert von Freude und Glück.
Frau Burga streichelte sanft über den widerspenstigen Haarflaum der
Aufgeregten hin. Da schaute Adi zu ihr auf. In ihrem nicht auffallend
schönen, aber berückend liebreizenden Gesichtlein strahlte unter Tränen
ein so glückseliges Lächeln, daß Frau Burga nicht wußte, wie ihr geschah
vor Weh und vor Freud über die Treue und über das Glück des guten
Kindes. Sie ist ja so selten geworden, die lautere Treue -- schier etwas
Verächtliches ...
»Ein neues Leben ist auferstanden«, dachte sie schmerzlich, »ein neuer
eisigkalter Glaube; Throne sind gestürzt, Reiche zerfallen, Heiliges
zertrümmert worden, und weit, weit im Land geht die Selbstsucht um,
schier allmächtig herrscht die Habgier und frißt an den Seelen ... Ein
Reich ist aufgerichtet worden des kalten Verstandes, der Gleichheit, die
mir eine Gleichheit scheint des Bösen nur, da sie haßt, was nicht ist
wie sie ... Und ich alte Frau bin allein in dieser kalten rücksichtslosen
Welt: nach dem Vater ist nun auch der Sohn hinübergegangen ... und die
da, die jetzt vor mir kniet und unter Tränen glückselig lächelnd zu mir
aufschaut, die mir Trost und Halt, mir Stütze ist im Glauben an das
Bessere im Menschen -- die muß ich nun auch hingeben, muß ihr, der
Treuen, noch zureden ...«
»Gelt, Mutterl«, sagte Adi, als hätte sie die peinigenden Gedanken der
geliebten Frau erraten, »gelt, jetzt wirst du mir keine so garstigen
Andeutungen mehr machen, ich soll halt doch den Krohner Sepp nehmen,
weils die Mutter will, die der Reichtum blendet? Jetzt kann ichs dir ja
sagen: eh ich den genommen hätt, so reich er auch ist, wär ich ledig
geblieben. Ich leb ja nur in mir und nur für Helmi, hab meinen Beruf,
kann mich ausgeben an die Kinder und von ihnen empfangen unendlich viel
Liebe und Freude. Das hätt mein Leben schon ausgefüllt ... kämen dazu ja
noch die Erinnerungen an das Schöne und Helle und Liebe ... ach, Mutter,
du verstehst mich ja!«
»Ja, ich versteh dich. Du bist treu und lauter und darum eine Lehrerin
und Jugendbildnerin mit goldener Seele. Eine, der die Kinder aus Liebe
folgen, ohne daß sie strenge zu sein braucht mit ihnen.«
»O, das kann ich schon auch, wenn es sein muß!«
»Ja, das kannst du -- wundersamerweise kannst du das, du blumenzartes
Dingelchen.« Sie lächelte und war seltsam berührt von dem selbstsicheren
Ernste, der wie ein Schatten über Adis sonniges Gesichtlein gekommen
war.
»Heut aber, Mutter gelt, heut darf ich ...« Sie nickte der verstehenden
Frau bedeutsam zu, ging zum Harmonium und öffnete es. Das Mutterherz
zuckte schmerzlich zusammen; doch sie vermochte es nicht, die
überströmende Glückseligkeit ihres »Kindls« zu zerstören. Es war ja eine
Weihefeier für den lieben Toten. Und so lauschte sie denn
tieferschüttert der feierlichen Musik, die der geschaffen hatte, den sie
als Abgeschiedenen beweinte, während sie dort, die Glückselige, ihn als
Wiederkehrenden begrüßte mit seines Wesens ureigenster Sprache: mit
seiner Musik.
O, wie viele schöne und stolze Hoffnungen waren mit ihm
dahingeschwunden! Sein Vater war ein Musikbeflissener, ein Regenschori
wie selten einer, doch kein Schaffender, kein Schöpfer. In ihrem Wilhelm
aber floß der göttliche Born. Seine erste Messe hatten sie in der Kirche
drüben aufgeführt, ehe er in den Krieg mußte, und selbst drinnen in der
Landeshauptstadt durchbrauste sie die Hallen des neuen Domes, erfüllte
die Herzen der Gläubigen mit Andacht und jene der Kenner mit Freude und
Zuversicht. Und jetzt durchbrausten die feierlichen Klänge des Te Deum
laudamus die Stube und erschütterten das wunde Mutterherz; sie aber, die
ahnungslose Braut, zerfloß in Glückseligkeit ...
Als die Musik verklungen war, herrschte eine Weile feierliche Stille in
dem schon dämmerigen Raume; dann stand Adelheid auf, legte den
Zeigefinger an den rosigen Kindermund und flehte mit den Augen: Kein
Wort jetzt! Keinen Laut! Mit leisen Schrittlein schwebte, huschte sie
hinaus, ließ die Mutter allein mit dem inneren Verklingen und Verwehen
der Musik, die dem erstanden war, dessen Seele sie jetzt um sich zu
fühlen glaubte.
Ueberwältigt von den glückseligsten und erhebendsten Gefühlen, war das
frohmutige Kind hinweggegangen -- und sie, die nichts mehr wollte auf
dieser Welt als dieses Glück: sie mußte es ihr nehmen. Wie wird sie das
ertragen? Wohl ist sie innerlich stark; aber sie ist so blumenzart, so
ganz Liebe für den Liebsten, daß sie auch zusammenbrechen konnte, sie,
die keinen Augenblick die Hoffnung auf seine Wiederkehr aufgegeben
hatte.
»Furchtbar wär für mich dieser Schlag -- für sie aber ... wärs für sie
nicht Erlösung, Errettung vor den Schrecken der Gegenwartswelt ...«
Welch bittrer Trost! Welche Welt, in der es besser war, zu sterben, als
zu leben. Sie war aufgestanden, ordnete gedankenverloren dies und das
und sagte endlich zur alten Lina, ihrer Magd, sie wolle noch ein wenig
hinübergehn zu ihrem Mann -- auf den Friedhof. Es war ihr liebe
Gewohnheit, auch jetzt noch alles ihrem Manne zu sagen, der all sein
Lebtag ein großes Kind geblieben war und sich ohne seine Frau wohl nicht
zurechtgefunden hätte in den Wirrnissen des Lebens.
Als sie vor die Tür ihres Häuschens trat, sank eben die Wintersonne
hinunter, feierlich schön. O, dieser weite Blick hinunter ins Land,
hinüber nach den Bergen! Dies Häuschen zu besitzen, hier heroben den
Lebensabend zu verträumen, war ihres Mannes heißester Herzenswunsch
gewesen. Eine kleine Erbschaft ermöglichte ihm die Erfüllung. Er konnte
noch die Freude erleben, seinen Sohn als hoffnungsvollen Tondichter
gefeiert zu sehen, und war eines Abends inmitten seiner Musik und seiner
Träume und Pläne mit seinen Lieblingen, den Bienen, hinübergegangen in
das Reich, wo es keine Enttäuschungen mehr, dafür aber ein Herrliches
gibt, das zugleich ein Furchtbares ist für sterbliche Menschen,
unerträglich ihrem Sinne: unerbittliche Gerechtigkeit, uneingeschränkte
Wahrheit.
Es war schon dunkel als sie vom Friedhofe heimkam. Sie fühlte sich so
müde; schwer waren ihr die Glieder, die Augen, die keine Tränen mehr
hatten, fielen ihr zu, und bedrückend und doch trostvoll war in ihr das
Fühlen und Denken: die Toten haben es besser als die Lebenden ...
Ehe Adelheid zum Abendessen kam, nach dem der kleine Baum angezündet
werden sollte, konnte sie sich noch ein Weilchen ausruhen in ihrem
lieben alten Sorgenstuhl.
Wie sie so dasaß, müde an Leib und Seele, trat der Schlummer an sie
heran und brachte ihr einen wundersamen leuchtenden Traum: Christus
stand dort in der Erkernische und schaute nach ihr. Seine Augen
leuchteten wie zwei milde Sonnen und unbeschreiblich aus ihnen sprach
die Gottesseele. Und sie verstand ihre Sprache: »Hoffe, du Gute, du
Trostmutige, hoffe: dein Glück ist nahe! Was in Liebe so schön geblüht,
in Treue sich so stark bewährt -- es soll nicht umsonst geblüht, gehofft
und gelitten, nicht umsonst vertraut haben auf Gottes Hilfe.«
An ihr vorbei schritt darauf der Herr und sein Leuchten ging mit ihm
durch das dunkle Zimmer. Lautlos schritt er zur Tür hin, öffnete sie und
winkte hinaus, ruhevoll wie es nur ein Gott vermag. Und einer trat
herein, ein bleicher junger Mann, den sollte sie kennen -- war es nicht
Wilhelm, ihr Sohn? So über alle Maßen feierlich sah er aus, so erhaben
fremd, daß ihr bange wurde in all der Freude stillallmählichen sichern
Erkennens: er ist's! Er ist es ja!
Der Herr nimmt ihn bei der Hand, führt ihn der Mutter zu. Er läßt sich
vor ihr nieder, sein Körper zuckt im heftigen Schluchzen der
Wiedersehensfreude. Und sie, sie möchte sich auch freuen, will die Hand
ausstrecken nach ihrem Kinde, dem endlich wiedergefundenen -- wagt es
aber nicht: der Herr steht ja leuchtend hinter ihm und es ist ja die
Seele, nicht der Leib ihres Sohnes, was da vor ihr kniet. Wer sollte
wagen, danach auszustrecken die irdische Hand? Und heiß war in ihr,
übermächtig das Wünschen, das schier sündhafte: o, wär es doch sein
Leib! Dürft ich ihn nochmals an mein Herz drücken und an dem seinen
weinen Tränen der Freude und des Mutterglückes. O, wie durfte sie mit
solchen Wünschen aufschauen zum Herrn, der ihr die Gnade erwies, im
Traume zu schauen, was sterbliche Augen nie erreichen können: ihres
Kindes Seele! Die schlackenlose leuchtende Seele ...
Jetzt stand das Ueberirdische ihres Kindes auf und schaute sie an -- o
Herr im Himmel, mit Augen, die so voll waren irdischen Glückes und
menschlicher Freude, daß sie froherschrocken glaubte, er stehe vor ihr
leibhaftig und nicht als seliger Geist. Der Herr aber an seiner Seite
nickte ihr zu und sie las in seinem göttlichen Herzen die Worte: Freue
dich, er ist es wahrhaftig und bleibt bei dir, bis ich ihn rufe. Und
wieder nickte er ihr zu, gottvoll gütig, breitete segnend die Hände und
schritt durch den Erker feierlich hinaus in die Sternennacht.
Der Sohn aber, der leuchtende, schritt schier ebenso feierlich zum
Harmonium und alsbald klang es leise wie aus unermeßlichen Fernen, wurde
lauter, wuchs an, jubelte, jauchzte, weinte, lachte, brauste wie ein
Freudensturm. So gewaltig war das Brausen, schreckhaft schön und
glückselig froh, daß Frau Burga aufwachte oder doch aufzuwachen meinte;
denn als sie mit offenen Augen in die Stube sah, glaubte sie, den Sohn
im Sternenschimmer sitzen zu sehen; nur sein Leuchten war wundersam
versponnen mit dem Sternenglanz. In der brausenden Musik aber erkannte
sie das Te Deum laudamus dessen, der dort saß, Gott mag wissen, als was.
Sie lauschte und lauschte und fragte sich wirr und wundergläubig: ist
das noch Traum? Ist es schon Wachen? _Darf_ ich mich rühren? _Darf_ ich
ihn anrufen? Nein ... es könnte zerfließen, das Wunder der Christnacht.
»Schweigen muß ich«, dachte sie, »stillehalten. Du aber, o Herr, komm,
komm und hauche mich an, auf daß meine Seele sich löse von der irdischen
Hülle und mit der meines Kindes aufsteigen kann zu Dir, dem Licht und
der Seele der Welt ...«
Und ohne daß sie es wußte, wurde ihr Beten laut: »Herr, Herr, hauche
mich an! Erlöse mich! Führ mich hinweg aus der Welt, vor der mir graut!«
Da brach die Musik jäh ab. Und der dort, der sie hervorgebracht hatte,
erhob sich. Sie hörte das jähe Rücken des Stuhles, hörte seines Fußes
festen Tritt; doch, starr befangen zwischen Wunder und Wirklichkeit,
vermochte sie sich nicht zu rühren, getraute sich kaum zu atmen und
hatte das Empfinden: es ist ja doch nur ein Traum, sonst müßt ich ja
aufstehn und ihm um den Hals fallen ...
»Mutter ...« Hatte es da nicht leise geklungen: »Mutter?« Und wieder kam
es, lauter, inniger: »Mutter! Mutter!« Und der dort im Sternenschimmer
breitete die Arme -- o mein Gott! Nur jetzt nicht sterben vor Glück und
Freude!