nicht gekommen? Ist sie nicht zu dir gekommen in die Fremde mit einem
gar warmen, gar lieben Brief? »Liebster,« so hat sie zu dir gesprochen,
»ich bin nun mündig, der väterlichen Gewalt entwachsen. Das kleine
Vermögen der Mutter ist mein. Es schützt uns vor Not und Armut -- komm,
o komm! Laß den freudentötenden Kampf nach Geld und Gut und komm! Such
dir in der Heimat eine bescheidene Stelle und laß uns unser Heim
errichten. Drinnen wird das Glück wohnen, das leuchtende
seelenerwärmende Glück, wie es einst gewohnt hat bei deinen Eltern.« Und
du, du hast gejubelt. Da aber bäumte sich dein Stolz auf und dein Trotz.
Du wolltest dich nicht demütigen, wolltest nicht als Besiegter hintreten
vor den Mann, der nur Spott und Hohn für dich gehabt hätte. Und du
gingst den steinigen ausgedorrten Weg weiter. _Durftest_ du das?
Durftest du _ihr_ und durftest du der Mutter all die lichten Stunden
nehmen, die ihnen geworden wären, hättest du der Stimme der Liebe und
nicht der Stimme des Trotzes gefolgt? Durftest du das? Wogen dir Spott
und Hohn dieses Mannes mehr, stand dir dein Ehrgeiz höher als all die
Freuden, die du erleben und geben hättest können? Die stillen sonnigen
Freuden, die die Tausende, die dem gleichen Ziele zuwanderten und
zuwandern, nie und nimmer erleben und geben können?«
So sprach die Reue. Und ihm war, als schritten ungesehen im Nebel neben
ihm all die ungezählten Hunderttausende, die vor ihm und mit ihm
denselben steinigen Weg gewandert sind -- und am Wege liegen blieben.
Ein Grausen überkam ihn. Wie oft war er selber daran gewesen, umzusinken
und zu verschmachten. Er wagte nicht aufzuschauen. Furcht hatte die Reue
abgelöst. Sie lauerte nur darauf, ihm im Nebel die bleichen starren
Gesichter aller derer zu zeigen, die mit verdorrten Seelen durchs Leben
gingen und am Wege erlagen. Er sah nicht auf und sah nicht links und sah
nicht rechts. Neben ihm aber hallten die gespensterhaften Schritte, die
das Ohr nicht, die nur die Seele schaudernd vernimmt. Sie hallten,
verwehten und erstarben. Und endlich fühlte er nur _eine_ neben sich:
die Mutter. Die aber sah mit hellen Augen nach ihm und lächelte ihn an
mit jenem lieben stillen Lächeln, das sie immer so tapfer vor Leid und
Weh zu stellen wußte. Da tastete mit sanften seidenweichen Fingern die
Hoffnung wieder leise an seine Seele. Ein Drängen kam in ihn
-- unerklärlich froh. Und um ihn her war ein Flüstern, wie es oft an
stillen Sommertagen geheimnisvoll über Wald und Fluren zittert und
haucht. Schneller schritt er aus und fiel fast hin. So glatt war mit
einem Male der Weg unter dem Schnee. Da rief eine Stimme warnend hinter
ihm her:
»Sie, Herr! Sie! Nit da! Nit da!«
Er hörte kaum darauf. Da klangs lauter, ängstlicher, drängender:
»Herr, Sie brechen ja durch!«
Da krachte und klirrte und kreischte es auch schon unter seinen Füßen
und stöhnte und seufzte so seltsam, als käm es herauf aus unendlichen
Tiefen. Mit Schrecken hatte er erkannt, daß er im Nebel auf den
flachuferigen kleinen See geraten war. Rasch kehrte er um. Da stand ein
armes kleines Mutterl vor ihm, dicht in ein altes Wolltuch gehüllt.
»Da hats aber graten!« meinte sie halb ernst, halb schalkhaft. »Is ja
noch gar dünn, das Eis! Mitten drin is er 'leicht gar noch offen, der
See. Ah wuhl.«
Mit neugierigen Augen guckte sie nach dem stattlichen Manne, dem der
Rauhfrost Haar und Bart und Pelz so dicht umsponnen hatte, daß er
aussah, wie der König Winter selbst. Oder war der weiße Zauber erstanden
aus frosterstarrten Reugedanken all der Tausende, die da an ihm
vorübergeisterten?
Er dankte dem Mutterl warm, gab ihm Geld und ging. Sorge und Sehnsucht
trieben ihn fort. Das Frauerl aber, das arme, rief ihm erschreckt nach:
»He! Sie, Herr! Sie müassn Eahna girrt haben! Das ist ja zviel! Das is
ja um Gotts Willen viel zviel!«
Er schritt aus. Plötzlich wandte er sich um. Er wollte doch dem guten
Weiblein nicht ein Almosen hingeworfen haben -- seiner Lebensretterin!
Und _wie_ ers gab, wars ein Almosen. Also fragte er:
»Hat's Mutterl wohl Kinder?«
»I freil wuhl -- ihra zwölfi!«
»Nun, dann machen Sie den Kindern heut eine rechte Freud, bitte.« Und er
gab ihr ein zweites Goldstück. »Von einem, dem heut eine große Freude
gestorben ist.«
Sie starrte sprachlos auf die Goldstücke in ihrer Hand, den
Freudenschreck im Gesicht.
»Is wohl schiar aso, wia d'Mutter gsagt hat. Muaß schiar aso sein.« So
brummelte sie vor sich hin.
Er wollte gehn. Dennoch blieb er und fragte, was denn die Mutter gesagt
habe?
»Ja, sehn S' Herr, uns ist just gestern aa a Freud gstorben, wia Eahna.
Freili d'Mutter, sie is schon recht alt, recht alt is schon gwesen. So
an etla neunzg Jahr. Ja. Aber daß just an _dem_ Tag hat gehn müass'n,
das is ihr so viel unliab gwesen. Schau, hats gsagt, i kann nix dafür.
Der Mensch kann si halt sei Sterbstund nit aussuachn. Ewi nit. I aber
habs tröst. Und drauf hats gsagt: schauts Kinder, es is halt in Herrgott
sein Willn, daß i just an dem Tag zu eahm auffikimm. Da kann i eahm ja
glei sagn: Herr, lieber Gott-Vater, der du so viele Engerln hast
-- schau, i hab drunt auf der Erdn aa so a hübschi Schoar Engerln, hoaßt
das halt -- Enkelkinder. Und da just heunt der Geburtstag is von dein
allerheiligsten Herrn Sohn, so mach denen drunt, dene arme Hascher, halt
amal a rechte Freud! Und dabei hats soviel liab gwackelt und deut mit
ihrn müadn Kopf. Ihre Augen aber san helliacht wordn und san nur so
ganga von oan zum ondan, wia zwoa lustige Schelma. Alli zwölfi sans
nämli dagstandn, die Kinder, und habns angschaut und habn si nit zrührn
traut. Nur aus d'Augn hat eahna so gwiß a liabigs Valanga gschaut. Da
hat das guati alte Häuterle glacht und hat gsagt: »I kenn engs schon an,
was eng jetztn da denkts, alle miteinander! Laßts eng nur nit d' Freud
verderben wegen meina! Laßts eng nur nöt d' Freud verderben!« Das is 's
letzte gwesen, was gredt hat. Und sie hat Wort ghaltn. Sie hat bitt für
ihre Enkelkinder.«
Dabei sah sie wieder die Goldstücke an. Dann erfaßte sie jäh die Hand
des gütigen Mannes und küßte sie unter tausend »Vergelts Gott!«
»Liabs Mutterl«, sagte er gerührt und fand zwanglos Klänge der
langentwöhnten heimatlichen Mundart wieder, »liabs Mutterl, das freut
mich, daß mich die Großmutter zu Ihnen gschickt hat. Aber sehn S', da
hätt ich beinah vergessen -- sie hat mir ja gesagt, drei, drei soll ich
Ihnen geben. Weil halt aller guten Dinge drei sind.« Er legte ihr noch
ein Goldstück auf die Hand und schritt schnell davon. Rasch hatte ihn
der Nebel aufgenommen.
Plötzlich überkam ihn eine treibende Angst: wenn Elsa den Brief geöffnet
hätte! Wenn sie ihn erwartete! Nach so langem, langem Warten jetzt noch
stundenlang warten müssen -- das nähme die letzten Kräfte, löschte der
sehnsuchtsdurstigen Seele alles Glühen aus ... Und wenn sie gar erfahren
hätte, er sei drunten in der Bahnstation gesehen worden und nicht mit
der Post gekommen -- was müßte sie denken, was erleiden!
Rasch klomm er die scharfansteigende Straße hinan. Sein Heimatsort lag
hoch. Und plötzlich trat er aus dem dichten Nebel ins Helle. In stiller
Winterpracht, übergossen von dem rosigen Lichte der scheidenden Sonne,
lagen seine Berge vor ihm, grüßten ihn und kannten ihn! Wie er auch,
verwirrt von der Majestät der Berge und der Majestät des Schweigens,
starr dastand: sein _innerer_ Mensch kniete vor all der göttlichen
Herrlichkeit und weinte und lachte, jubelte und betete und dankte Gott
für die erlösende Stunde dieses Wiedersehens und -- der Auferstehung.
Wie lange er so stillversunken und weltvergessen gestanden hatte -- er
hätts nicht sagen können. Als er aber weiter ging, wußte er: die Schätze
seiner Seele lagen nur verschüttet in ihm. Die Heimat gab sie ihm
wieder.
Als er endlich vor seinem schmucken bescheidenen Vaterhause stand,
funkelten droben die Sterne. Dunkel wars im großen Zimmer und daneben in
der kleinen trauten Kammer brannte ein spärliches Licht. Er wußte, was
für ein Licht, und wußte, wem es brannte ...
Zögernd drückte seine Hand die Klinke, auf der jene liebe Hand da
drinnen, ach, wie so oft, so oft geruht hatte. Und zögernd trat er ein.
Leise. Sein Herz pochte durch die Stille. In dem kleinen dunklen Vorraum
legte er Pelz und Mütze ab und strich sich die Eiskristalle aus Bart und
Haar. Behutsam, behutsam öffnete er endlich die Tür in die große Stube
-- da, wo einstens das Glück wohnte und aus stillen Augen lachte. Und
behutsam, behutsam schloß er sie wieder. Die Klinke aber gab, ins Schloß
zurückschnellend, einen gar seltsamen lauten, lange nachklirrenden
Klang. Schier wie ein fröhlicher Schrei hatte es geklungen: Da ist er!
Die Tür in der Wand gegenüber ging auf. Sein Herz erstarrte: dort auf
der Schwelle, umflossen vom milden gelblichen Lichte stand sie -- Elsa,
die Braut. Stand in der schneeweißen Schönheit des jähen Schrecks.
Langsam tat er einen Schritt und schwer, schwer und heiser rang es sich
aus seinem Munde: »Ich weiß es schon.«
Da tauchte hinter Elsa, in weiße Linnen gehüllt, eine Gestalt auf und
sah mit großen verwunderten Augen nach ihm -- seine Mutter.
Er taumelte erschüttert einige Schritte vor. Ein Stuhl stand im Weg und
im Dunkel. Er stürzte darüber.
Tief erschrocken eilten die Frauen herbei. Elsa kam mit dem Lichte.
Langsam hatte der Mann sich aufgerichtet und blickte totenbleich nach
der Mutter wie nach einer Erscheinung.
»Mutter -- bist du 's wirklich? Sie sagten -- sie sagten -- -- du seist
gestorben ...«
Die Frauen sahen sich sprachlos an.
»Die alt Brunnerin, sagten sie, sei gestern verschieden. Die von Almau
hier.«
Die Mutter faßte sich zuerst.
»Bibi ist gestorben, Franz, die alte Bibi.«
»Die -- alte -- Bibi ...« So hieß die alte Bibiana Brunner schon in den
Tagen seiner Jugend. Ein Lächeln trat in seine Züge. »Und hat ihre
Tochter nicht eine Menge Kinder?«
»Freilich hat die Bachlehnerin eine helle Schar davon. Ich mein, wohl
ein Dutzend.«
»So war ich also der lieben alten Bibi ein unbewußter Himmelsbote. Und
du, Mutter, du wolltest wohl eben, des Wartens müde und erstarrt von der
Enttäuschung, zu Bette gehn?«
Die Mutter nickte. Da schloß er sie in seine Arme. Nun war der seltsame
Bann gelöst, der auf ihren freudendrängenden Seelen gelegen war wie Reif
auf jungblühenden Blumen. Und es war, als wäre ein unsichtbarer Vierter
zögernd und unhörbar davongeschlichen.
Als die Dreie dann, froh vereint, unterm Baume saßen, erzählte der
glückselige Mann von seinem Wege hieher und sagte ihnen, er sei da
seinen harten schweren Lebensweg noch einmal gewandert mit all seinem
Leid und seinen wenigen, ach so armen Freuden. Nun aber sei er am Ziele
-- ein wandermüder Mann. Und nun wolle er endlich, endlich -- _leben_!
Wahrhaftig lebe der Mensch ja nur in Glück und Freude. Und wahre Freude
schaffe: _Liebe geben_. Je reicher wir Liebe geben, Menschenliebe geben,
desto reicher werde unsere Seele, desto tiefer und reiner unsere Freude,
desto schöner, desto gottähnlicher unser Leben ...
In dieses Gespräch hinein sangen draußen die Weihnachtsglocken feierlich
ihr weihevolles Hohelied.
Da standen die drei glücklichen Menschen auf und gingen durch die
funkelnde frostklirrende Sternennacht in die dämmerernste Kirche an die
Krippe des Gottmenschen, den sie ans Kreuz geschlagen hatten, weil er
Liebe, Liebe, Liebe gab in unausdenklicher Fülle.
Das goldene Seil.
Immer wieder mußte Mutter Bertram den Kopf schütteln und sich immer
wieder allerlei unruhsame Gedanken machen, so oft sie ihren Einzigen
heute anschaute. Der war so viel ein nachdenklicher Bub, ein
versonnener.
Was er denn heut wieder gar so sei, fragte sie endlich. Es sei nichts,
gar nichts weiter. So wars immer. Nie sagte er ihr, an was er eigentlich
denke, wenn er so dasitze und vor sich hinschaue. Nur ein einziges Mal
hatte er ihr einiges verraten, ganz schüchtern und verschämt. Und das
war so schön, so unerhört für das einfache Frauerl, daß es ganz stolz
wurde und sich nun immer damit tröstete: es wird wieder so was Schöns
sein -- laß ihn gehn in Gottes Namen.
Heute aber konnte sie sich mit diesem Troste nicht bescheiden. Es war
Christtag heut und der arme Bub wird wohl darüber nachdenken, wie so
wunderschön es wäre, wenn auch zu ihm das Christkind käme -- so in
rechter Weis nämlich: in Glanz und Schimmer und in Pracht und
Herrlichkeit. Ach Gott ja, das wollte sie ja selber gern; aber sie war
eine arme kränkliche Frau, die sich kümmerlich mit ihrer Strickmaschine
fortbringen und froh sein mußte, wenn sich zu ihrer stillen
Hausgenossin, der Frau Sorge, nicht noch ein gar rebellischer Herr
gesellte -- der Hunger.
Einstens ja, da wars besser, damals, als ihr Mann noch lebte. Damals war
ihr Gesicht noch nicht so blaß, nicht so spitz und nicht so voller
Linien und Furchen. Diese waren allgemach durch die herben Liebkosungen
ihrer stillen Hausgenossen entstanden und sie wirkten auf das zarte
Empfinden Ottis schier schmerzlich. Ganz besonders wenn die Mutter
lachte. Was sie noch immer gern tat. Dann kam ein Zug in ihr Gesicht,
daß man meinte, sie lache nicht, sondern weine.
Das empfand er gestern abend besonders herb. Da sprach die Mutter -- sie
konnte manchmal sein wie ein Kind, trotz aller Sorg und Müh -- vom
Weihnachtsabend. Wie schön es halt wär, wenn sie wieder einmal einen
gebackenen Fisch essen könnte und eine Wollhaube hätte, so eine recht
warme. Es friere sie immer so viel in den Ohren, wenn sie zur Kirche
gehe. Das malte sie so schön aus, plauderte darüber so harmlos und so
viel, daß sie ganz übersah, daß Otti sie immer trübseliger anschaute.
Mein Gott, einen Lieblingswunsch hat jeder Mensch. Und der von Mutter
Bertram war doch gewiß kein unbescheidener.
An das gestrige Gespräch dachte nun Otti. Er wollte der Mutter schon
längst einmal eine recht große Freude bereiten. Sein kühnster Wunsch
war, sie von der abscheulichen Strickmaschine zu befreien. Die werde sie
noch ganz krank machen, sagte er einmal erregt. Und die kleine
zierliche, naiv harmlose Frau sah in solchen Augenblicken zu ihrem
kräftigen Jungen auf -- schier verschüchtert wie einst zu ihrem Manne.
Und sie empfand dann in ihrer geistigen Abhängigkeit eine gar köstliche
Befangenheit. Geradezu beschämt fühlte sie sich oft ihrem Buben
gegenüber, der mit seinen zwölf Jahren so ernst war, während sie am
liebsten immer gelacht und gesungen hätte, wenn sich das für eine Frau
in ihrer Lage schickte. Sie nahm auch jetzt seine nachdenklichen Blicke
als stumme Vorwürfe und fragte deshalb ablenkend und nach Frauenart ganz
unvermittelt:
»Du denkst jetzt gewiß an das goldene Seil, Otti, gelt?«
»Ach Gott nein«, sagte Otti in seiner singenden Art und erhob sich. Es
war ihm ein Gedanke gekommen. »Du, Mutter, ich geh zum Frohner Toni in
die Stadt hinein. Bei der Rechenaufgab soll ich ihm helfen.«
»Hätt das nicht auch nach den Feiertagen Zeit?«
»Mich freuts grad heut.« Er hatte das ganz still gesagt, grüßte scheu
und rasch und ging zur Tür hinaus -- viel behender als es sonst seine
Art war. Die Mutter rief ihn nicht zurück. Wenigstens kommt er auf
andere Gedanken, dachte sie und arbeitete weiter.
Otti stampfte langsam durch den Schnee. Es fiel ihm gar nicht ein, zum
Frohner Toni zu gehn. Aber der ersehnte Fisch und die warme Wollhaube
zogen ihn nach der Stadt. _Sehen_ wollt er wenigstens diese beiden Dinge
in den Schaufenstern der Kaufleute und auf dem großen Fischmarkte. Und
ganz leise und ganz tief in ihm regte sich Hoffnung: vielleicht
geschieht ein Wunder. Er dachte das nicht, aber es war in ihm und trieb
ihn an.
So kam er an dem Teich vorbei. Der war hart und dick gefroren. Hie und
da lagen Eisschollen auf der glatten Fläche. Und Otti wußte: dort waren
die Luftlöcher für die Fische. Er griff unwillkürlich in die Tasche,
drinnen er seine Angelschnur wußte. Als er sie hervorzog, schien sie
schwer wie hartgefrorenes Schifftau. Langsam steckte er sie wieder ein
und dachte während er unlustig und schwerfällig weiterging an das
goldene Seil, das ja heute Nacht vom Himmel niederhängen wird und von
jedem erfaßt werden kann, der in Sinn und Herz keine Sünde trägt. Und
wer es in die Hände bekomme, das herrliche goldene Seil, der dürfe
getrost daran ziehen. Dann wird hoch droben im Himmel ein Glöcklein
ertönen und einen Engel herbeirufen. Der fragt dann mit lieber Stimme,
was der da drunten sich Gutes wünsche und Schönes? Und er darf es
ungescheut sagen, was es auch sei. Der Engel bringe die Wünsche ohne
weiteres dem lieben Gott selbst vor und der gewährt sie in seiner
unendlichen Güte gern und immer. So erzählte ihm die Großmutter. Und in
der weihevollen Christnacht und in der geheimnisvollen Nacht der
Sommersonnenwende hänge es hernieder vom dämmernden Sternenhimmel, das
wundersame goldene Seil.
In der letzten Sommersonnenwendnacht war er auf der Suche nach ihm. Aber
er fand es nicht, obwohl er es damals so notwendig gebraucht hätte. Die
Mutter war recht krank und er hatte viele Tage nichts Warmes zu essen
gehabt. Ob wohl alle, denen es so viel besser ging als seiner Mutter und
ihm, einmal an diesem Wunderseile gezogen hatten? Aber wie könnte das
sein? Der Frohner Toni zum Beispiel, der alles haben konnte, was er
wollte, war gerade keiner von den Bravsten und sein Vater, hat er sagen
hören, habe seinen Reichtum auch nicht auf die gottgefälligste Weise
erworben. Wie so etwas nur möglich sei und wie der liebe Gott das
zulassen könne? Und der feine Knabe damals aus der Stadt, der ins Eis
einbrach? Ob dem sein Vater auch auf die Art reichgeworden ist, wie dem
Toni der seine? Wenn er das gewiß gewußt hätte ... Nein! Er hätt immer
getan, was er dort auf dem Teiche getan hat vor etwa vierzehn Tagen. Er
hatte dem feinen Knaben gesagt, du, gib acht, das Eis ist noch nicht
stark, fahr nicht zu weit hinaus! Der aber hat ihn nur stolz und
hochmütig angeschaut und ist dahingesaust. Schön konnte er laufen und
sehr feine Schlittschuhe hatte er. Wenn er solche auch haben könnte,
dachte er heimlich. Da brach der Knabe durch das Eis. Otti hielt gerade
eine lange Stange in der Hand, mit der er vorhin prüfend auf das Eis
geschlagen hatte. Er lief hinaus, reichte dem Knaben die Stange hin. Der
aber schlug ganz verzweifelt um sich und geriet immer mehr in das noch
dünne Eis. Otti schrie ihm zu, er möge doch umkehren, da, wo er
hineinfiel und Otti jetzt stehe, sei das Eis fest. Als der Knabe aber
nicht hörte, sprang er selbst ins Wasser. Wie er mit ihm wieder
herauskam, wußte er selbst nicht mehr recht. Er war ganz von Sinnen, als
er wieder droben auf dem festen Eise lag. Und da ihn schließlich sehr
fror, lief er, so schnell er konnte, heim, ohne sich weiter um den
Knaben zu kümmern. War auch nicht mehr notwendig, da ohnehin schon Leute
da waren. Zwei Tage lag er im Schüttelfrost. Dann war wieder alles gut.
Ein Schulkamerad der damals am Teich mit dabei war, erzählte ihm
nachher, daß der feine Knabe von seinem Begleiter, der sein Lehrer
gewesen sein müsse, rasch in warme Decken und Pelze gehüllt wurde und
daß sie dann schnell mit ihm in die Stadt fuhren. In dem schönsten
Schlitten, den er je gesehen habe. Den Schulkameraden habe der Herr mit
der schönen Pelzmütze noch gefragt, wer der kleine Lebensretter sei und
er habe ihm zugerufen, das sei doch der Bertram Otti.
»Der hat gmeint, mich müssen alle Leut kennen«, dachte er jetzt, immer
dahingehend, lächelnd bei sich und dachte an den schönen Schlitten und
an den feinen Knaben, der ihm nicht einmal »Dank schön« gesagt und sich
die ganze Zeit her nicht um ihn gekümmert hatte. Um des Dankes willen
hast dus nicht getan, sagte ihm verweisend die Mutter, als er ähnliche
Gedanken äußerte, und vielleicht -- ja vielleicht ist der Knabe am
Fieber gestorben, das ihn wohl auch gepackt hatte, so wie ihn.
Bei dieser Vorstellung versiegten ihm jählings alle Gedanken, die ihm
bisher ungerufen gekommen waren wie im Traume. Und als er verwundert
aufsah, kam ihm alles ganz anders vor. Er wußte nicht wie, aber so schön
sah's ihn nicht mehr an wie vorhin. Und war doch genau dieselbe Gegend.
Da er mittlerweile in die äußeren Straßen der Stadt gekommen war, hieß
es nun auf den Weg achten. Je tiefer er in die Stadt kam, desto
lebhafter wurde das Weihnachtstreiben. Ueberall geschäftige Menschen mit
fröhlichen Gesichtern und mit wohlverhüllten Gaben in der Hand. Und wer
noch nichts hatte, der ging so dahin, daß man es ihm ansah, es gehe die
drängende Freude mit ihm auf den Christkindlmarkt.
Da dachte er wieder an seinen Fisch und an die warme wollene Haube für
die Mutter. Und kam just an ein Schaufenster, wo solche Hauben neben
anderen Sachen ausgehängt waren. Schöne begehrenswerte Sachen! Da gerade
ein Geschäftsfräulein herauskam, um einen Gegenstand aus dem
Schaufenster zu holen, nahm er sich ein Herz und fragte, was so eine
Haube wohl koste? »Drei Kronen fünfzig«, sagte das Fräulein und schaute
ihn an, als wollte sie sagen: »Sonderbar, daß so ein Bub nach nichts
anderem fragt als nach einer Wollhaube für Frauen.«
Der Bub aber war über den hohen Preis so erschrocken, daß er sich
wortlos davonschlich. Er irrte eine gute Weile unfroh durch die Gassen,
kam aber, ohne es recht zu wollen, wieder zu dem Schaufenster, wo die
Wollhaube hing. Sie war schön grau, hatte roten Putz, war innen hübsch
gefüttert und mußte sehr warm sein. Sehr warm, dachte er und ging wieder
weiter. Das Geschäftsfräulein hatte ihn von drinnen gesehen und ihm
flüchtig zugelächelt. Das kam ihm aber erst zum Bewußtsein, als er schon
weit von dem Laden weg war. Wenn die schon so freundlich ist, so schaust
nochmals hin, sagte er zu sich selbst und drängte und schob sich wieder
an das Schaufenster. Und schaute mit großen Augen hinein. Aber nicht
mehr nach der Wollhaube, sondern nach einem Paar blinkender
Schlittschuhe. Die werden wohl mehr kosten als die Wollhaube, meinte er.
Da tupfte ihn jemand auf die Schulter.
»Du, möchtest du dir nit ein paar Heller verdienen?« Es war das
Geschäftsfräulein.
»O gern.«
»Dann komm herein.«
Mit ein paar großen ungelenken Schritten war er im Laden und folgte dem
raschschreitenden Fräulein in einen halbdunklen Nebenraum. Der war
schier übervoll gestopft mit Paketen -- groß und klein, rund und eckig.
»Kennst du dich aus in der Stadt?«
»Freilich.«
»Dann kannst du da einiges austragen. Weißt, unsere Laufburschen wissen
heut nit, wo ein und aus und die Dienstmänner laufen auch weiß Gott wo
rum. Und fort müssen die bestellten Sachen -- nit?«
»Natürlich!« jubelte Otti.
»Alsdann paß auf. Ich geb dir nur kleinere Sachen da auf die
Buckelkraxe. Aber achtgeben, damit nichts hin wird!«
»Ach! Gschieht nichts!«
Sie belud ihm die »Kraxe« sehr behutsam und gab ihm eine Anzahl Zettel,
die man leicht in zwei Teile trennen konnte. Einen Teil soll er der
Kunde geben, den andern aber von dieser unterschreiben lassen und wieder
bringen. Die Adressen stünden überall darauf und lesen könne er ja wohl.
»Wenns deutlich gschrieben ist,« meinte Otti sehr wichtig, sah, daß es
ging, ordnete die Zettel nach Gassen und ging frohgemut ins
Straßengewühl hinaus. Jetzt paßte er ja hinein in dieses Bild als
richtige vollwertige Figur. Er mußte aber eilen, wollte er die paar
Zwanzighellerstücke sparen, die ihm das Fräulein für die »Elektrische«
gab, damit er zu den weiter entfernten Kunden fahren könne. Es ging
alles ganz gut und glatt. Ueberall hatte man ihn freudig empfangen und
ihm beinahe überall ein kleines Trinkgeld gegeben.
Sehr vergnügt kehrte er in den Laden zurück und das Fräulein belud ihm
die »Kraxe« abermals, lobte ihn und sagte verheißungsvoll, er werde das
nicht zu bereuen haben. Als er draußen die Wollhaube im Fenster sah,
meinte er frohlockend: »Werden dich schon kriegen! Und wenns amend nicht
langt -- ich glaub, das Fräulein läßt handeln!«