Er verschwand wieder in seinem »Salon«. Mit gehobenen Gefühlen sperrte

er seinen Schrank auf, um daraus das nötige Geld zu entnehmen. Dabei

pfiff er leise. Ja ja, er war ein Mann, der im Bewußtsein seines vollen

Schrankes auf alles pfeifen konnte: auf seine Stellung als

Ministerial-Vizesekretär, auf die ganze Welt. Er »diente« nur »um etwas

zu sein«. Die Arbeit war ihm ganz Nebensache. Und solche Herren

Ministerialbeamte brauchten auch gar nicht zu arbeiten. Es genügte, wenn

sie alle Monate ihren Gehalt behoben, täglich dem Amte einen kurzen

Besuch abstatteten, die anderen, die Arbeitsbienen, in ihrem Fleiße

aufhielten und sich im übrigen der »Gesellschaft« widmeten -- und dem

Vergnügen! So einer war der Doktor von Fritzburg. Und es war schade um

ihn. In seinem Innern war er immerhin ein besserer Mensch, als all die

»feinen« seichten Kerle, mit denen er in Verkehr stand -- als all die

koketten seelenleeren und nichts weniger als spröden Damen, denen er den

Hof machte -- wenn's ihn just freute! Ja! Einem echten Weibe war er eben

noch nicht begegnet, der eitle Fant.

Als er gedankenvertieft -- ein ganz ungewöhnlicher Zustand bei ihm!

-- durch die Straßen schritt, fiel ihm plötzlich der Müller ein. Der war

etwas Einzigartiges von einem Menschen gewesen in seines Vaters

vornehmem Hause. Eine Art »Mädchen für alles«. Er klopfte Teppiche,

machte alle Gänge, schleppte unglaublich große Lasten und war immer voll

Humor -- »an echta Weana.« Dieser prächtige Kauz wurde aber ganz

plötzlich von der Köchin des Hauses eingefangen und von der Stelle weg

geheiratet. »Aus dem Menschen will ich schon was machen!« hatte die

Agnes damals mit unglaublicher Zuversicht gesagt.

»Na, was wird sie wohl aus ihm gemacht haben?« dachte Doktor Fritz

spöttisch lächelnd, als er dieser Erzählung seiner verstorbenen Eltern

gedachte. Er hatte sie, solange Mama lebte, zu Weihnachten stets

aufgesucht, die arme kinderreiche Familie. Seit Mutters Tode aber ... Na,

du lieber Gott! Ein junger lebenslustiger Mann hat eben anderes zu tun!

Heute aber, heute will er wieder erscheinen bei den armen Teufeln -- als

Engel des Wohltuns! Als großmütiger Geber, ein Spender, ders tun kann!

Wie sie da schauen werden die beiden Alten und der Rudi, der Pepi, der

Poldl, der Gustl, der Franzl und ... noch einer -- na! Ist gleich! Und

die kleine Mizzi! Ja, das war wirklich ein herziger Schneck gewesen,

das!

Schon stand er in einem »Basar«, Abteilung »Kinderspielsachen«. Puppen,

Schaukelpferd, Trommel, Hampelmännlein, Wurstel und der lieben lustigen

Dinge mehr, waren bald gewählt.

»Aushalten!« rief da Doktor Fritz plötzlich. »Aushalten!«

Verblüffte staunende fragende Blicke der dienenden »Feen«.

»Ich kann das alles nicht brauchen. Bitte etwas für -- Erwachsene!«

Er hatte in seinem schönen Eifer nämlich vergessen, daß die »armen

Kleinen« mittlerweile ja auch groß geworden sein mußten -- »Rudi« und

»Pepi« mußten sogar älter sein als er! Vielleicht auch der »Poldl«.

»O bitte sehr!« sagten die »Feen« und wiesen nach einer Glastür. Er trat

ein und stand in der Abteilung für »Erwachsene«.

»Das geht ja wie im Märchen«, dachte sich Fritzburg. Rasch, nervös, ohne

viel Bedenken wählte er.

»Aber Zigarren!«

»O bitte sehr!« sagte nun die »Königin« der »Feen« -- sie gefiel ihm!

-- »Johann, holen Sie dem Herrn Zigarren von drüben!«

»Der Herr« unterhielt sich einstweilen in seiner eroberungslustigen und

siegessicheren Weise mit der »Feenkönigin«.

»Jetzt aber einen Wagen!«

»O bitte sehr! Johann, besorgen Sie dem Herrn einen Wagen!«

»Fiaker? Komfortabla?«

»Alles eins!«

Der Doktor machte der »Feenkönigin« das Kompliment, daß sie nicht nur

zaubern, sondern auch bezaubern könne. Und ehe der grinsende Johann mit

dem Wagen erschien, hatte er ein Stelldichein erwirkt. Ja, er war eben

»ein verfluchter Kerl!« Ihm konnte _keine_ widerstehn! Keine? Hm! Nun

ja! Vor kurzem hatte ihn eine gründlich ablaufen lassen im Abenddämmer

drüben im Stadtpark. Dumme Gans! Auch _die_ wird nachgeben müssen! Er

hatte es sich in den Kopf gesetzt! Sie konnte ihm nicht auskommen -- er

kannte ihren täglichen Weg.

Der Einspänner, den Johann »brachte«, trat ein und fragte:

»Is weit, gnä Herr? I bin um siemi bstöllt.«

»Weit? Himmel Herrgott! Wo wohnen denn diese Leut nur gschwind!«

»Ja i waß nit!« sagte der Rosselenker »feanzerisch«. Die Feen lächelten.

»No wirds?« fragte der Kutscher jetzt schon ungeduldig. Als dem

verzweifelten Doktor noch immer keine Adresse einfiel, schnalzte der

Fahrgewaltige laut mit der Zunge und sagte lakonisch: »Dann suachn S'

Ihna an andarn! Wüha Bräunl!«

»Halt! Also fahrn ma halt!«

»Nach Nußdorf naus?«

»Na, ins nächste Kaffeehaus! Dort werd ich im »Lehmann« nachschaun.«

»Den »Lehmann!« Wohnungsadressen!« rief Doktor Fritzburg dem

händereibenden Kellner im »nächsten Kaffeehause« zu.

»Schackerl, den »Lehmann!« Was belieben sonst?«

»Was Sie wollen!«

Der »Lehmann« kam.

»Ma -- Me -- Mi -- Mo -- Mü -- -- Müller!«

So! Zwei -- drei Spalten voll »Müller!«

Wie hieß jener Müller nur? Richtig, Josef! Zehn -- fünfzehn -- zwanzig

»Josef Müller«!

»Daß der Unglücksmensch aber auch Müller heißen muß!« rief der

gepeinigte »Wohltäter« halblaut vor sich hin und schlug mit der Faust

auf die unglaublich vielen »Müller« ein.

»Was manan S' denn für an Müller, Herr Nachbar?«, fragte jetzt ein

behäbiger Herr vom Nebentische sehr freundlich.

An der Tür erschien aber schon das unheimlich große runde blaurote

Gesicht des ungeduldigen Einspänners.

»Gnä Herr, Zeit is! I vasam sunst mei bstöllte Fuahr!«

»Gleich! Gleich! Welchen Müller, fragen Sie? Ja, mein Gott! Sie kennen

ihn ja doch nit!«

»No, sagn können Sies ja doh! Dös kost ja nix! I kenn nämli an Josef

Müller.«

»Der, den ich meine, hat eine Menge Kinder: Rudi, Pepi, Poldl, Gustl,

Franzl und ein Mäderl, Mizzi heißts.«

»Und a Frau, geltn S', a recht a riegelsame resche Frau, die nach jedn

zehntn Wurt sagt: »No wia-r-i halt sag!«

»Ja, die is! Die ists!«

»Na, alsdann! Warum sagn S' denn dös nit glei?«

»Bitte, wo wohnt denn der Mann?«

»In Margaretn drentn, wo er schon seit dreißg Jahr wohnt. In der

Gartengass'n Numaro 5.«

»A, richtig ja!«

»No also! An andersmal mirkn S' Ihna die Adreß von Ihnari Kundschaften

besser!«

»Der Kerl schaut mich gar für einen Ladenschwengel an!« dachte der gute

Doktor erheitert und doch ein wenig gekränkt. Seine Intelligenz war

beleidigt worden.

»Fahr ma, gnä Herr?«

»Ja, fahr ma!«

»Nit amal bedankn kann si der Lackl!« rief ihm der gefällige

Auskunftgeber laut und zornig nach.

Nun mußte der durch den Einspänner rasch hinausgedrängte »Wohltäter«

hell auflachen. Mit Aufwand aller Beredsamkeit und Anpreisung eines

»aber schon _sehr_ feinen Trinkgeldes« konnte er den brummigen Kutscher

bewegen, noch vor einer Delikatessenhandlung stehn zu bleiben. Als sie

endlich in der stillen Gartengasse anlangten, schneite es lustig.

Der Hausmeister erschien dienstbeflissen und half die schwere Menge

»Packln« hinauftragen. _Hinauf?_ Ja, die Müllers wohnten jetzt im ersten

Stock! »Na freilich, in so einem Haus kann man sich das schon leisten!«

dachte Fritzburg etwas hochmütig. Als aber der durch das Trinkgeld

geradezu liebenswürdig gemachte Hausmeister in das dunkle Vorzimmer

hineinrief: »Gnä Frau! Gnä Frau! Es is wer kumma!«, war ihm das denn

doch zu viel. Die ehemalige Köchin -- »gnä Frau!« Er hätte beinahe laut

aufgelacht, hatte aber dazu keine Zeit finden können: durch die rasch

aufgerissene Tür stürmte eine ziemlich groß gewachsene Frau auf ihn zu

und drückte ihm mit dem hellfreudigen Rufe: »Grüaß di Gott, Gustl!«

einige kräftige Küsse auf die Lippen, daß es nur so schmatzte.

»Aber Frau Müller! Was tun S' denn?«

»Jessas Maria! Wer is eppa denn?«

»Ich bins! Wissn S', der Fritzburg, der kleine Fritzerl aus der

Maximilianstraße.«

»Was? Der klane Fritzl? Den i auf'n Händn tragn hab, und der allweil in

Lutschl nöt mögn hat und allweil »Mima« statt »Mama« gsagt hat? Na

wia-r-i halt sag!«

»Ja, der!«

»No, is aber dös liab von Ihna! Da muß i Ihna ja glei noh a Bußl gebn!«

»Halt! Sie zerbrechen mir ja alles! Da schaun S' her!«

Nun ging ein Fragen los, ein Bewundern und Verwundern, ein Lachen und

Freudengeplapper, ein Gerührtsein und verzücktes Schluchzen. Das

besorgte alles Frau Müller -- der gute Doktor brauchte bloß zu staunen,

rang nach Atem und wünschte in Gottes Namen lieber bei der etwas weniger

lebhaften Tante Hildegard zu sein oder wenigstens bei der »Pfeife«. Wie

da loskommen?! Und wenn die andern auch so, so -- »lebhaft« wären! Du

lieber Gott!

Um den Sturzbach ihrer Rede wenigstens abzulenken, fragte er nach den

»Kindern«.

Da erfuhr er denn zu seinem sprachlosen Erstaunen, daß der »Rudi« nicht

etwa ein armer Taglöhner oder Dienstmann, sondern -- Professor sei. Der

habe ein recht liebes Frauerl, »das kan Stolz net kennt.« Der »Pepi«

aber -- der Medizin-Doktor war, habe eine, die so »gar net zu uns paßt«.

»Liawi Kinderln« aber hätten sie beide. Nur seien jene des Professors

»so viel brav«, während die vom »Pepi« »grad tun, als warns die reinen

Grafn«. Der käme auch seltener zu ihnen, der »Pepi«. Er tät schon mögn

-- aber ... »Ja, mein Gott, a Doktor braucht a reichi Frau! No, wia-r-i

halt sag!«

»Na und der Poldl -- der Leopold, wollt ich sagen?«

»Ja, der Poldl!« Die Mutteraugen leuchteten. Der sei Elektrotechniker,

gut angestellt und so tüchtig, »daß 's a wahre Freud is.« Der Gustl

hingegen sei Bahnbeamter -- und den habe sie eben jetzt erwartet. Er

müsse jeden Augenblick kommen.

»Und der Franz?« fragte Fritzburg immer gespannter.

Der Franz war »Wasser-Inschenir« beim Magistrat -- »aa a ganz tüchtiger

Kampl.«

»Und der -- wie heißt der kleine Jüngste?«

»Den Edi meinen S'?«

»Ja, den Edi! Richtig, Edi!«

»Ach der! Der macht uns wohl a kleins bißl Sorgen.«

»Ist er leicht gar mißraten?«

»A beilei! Aber a wengerl flott is er halt! Er is noh Student, wissn S'

auf der Universität.«

»Na, das macht nix -- Ihre Kinder können gar nit schlecht sein!«

»Das is schon richti,« sagte Frau Müller einfach und seufzte leise auf.

»Aber a Schlankl is der Edi doch -- wissn S', er tut dichten!«

»Aha! Deshalb!«

»Ja, die Dichter sein halt alle a weng »Lumpn« -- und dös fürcht i halt!«

»Aber Frau Müller! Und was ist es denn mit der Mizzi, der

Ganz-Jüngsten?«

»Ja, die Mizzi! Ja, die Mizzi!«

Dem Herrn Ministerial-Vizesekretär wurde es förmlich warm ums Herz, als

er das glückliche Mutterantlitz betrachtete, das lächelnde, das

freudestrahlende Mutterangesicht. Wie lange, lange ists her, daß er

nicht mehr in das liebe sanfte Angesicht seiner Mutter schaute? Ach ja!

»Was ist denn die?« fragte er warmfühlig.

»Die? Die ist Bürgerschullehrerin! Sie, Herr Doktor, die müssn S' sehn!

Da wern S' schaun!«

»Ist sie so hübsch?«

»Ach was, »hübsch«! Pah -- »hübsch«! Eine Schönheit is 's! Marand Josef!

I versünd mi ja grad! No wia-r-i halt sag!«

»Das is ka Sünd, Frau Müller. Und wissn S' -- schöne Mädls, die seh ich

auch gern -- ja-a!«

»Glaubs schon. Aber das sag ich Ihnen glei: spassn laßt die Meine nit!

Die waß, wers is!«

»I bin wirkli schon neugierig! Na, und was is 's denn eigentlich mitn

»Herrn« Müller?«

Der sei jetzt »Pensionist«, wie der Professor immer lachend sage. Alle

Kinder helfen zusammen, um den Eltern, die sich früher um sie gerackert

und geplackt hätten, das Dasein so angenehm wie möglich zu machen. Die

Schwiegertochter Anna, »in Professor sei liabs Frauerl« vergöttere ihre

Schwiegermutter geradezu ... Jawohl!

Endlich kam der gute behäbige Müller nach Hause und endlich auch

-- Mizzi. Als der Doktor die erblickte, gab es ihm einen »damischen Riß«

-- das war ja jene eine Einzige, die ihn ablaufen ließ, als er ihr

»nachstieg«, ihr »zusetzte« und endlich -- frech war mit ihr! Wie eine

beleidigte Königin hatte sie sich damals vor ihm aufrichtet und ihn mit

einer Gebärde und mit einem Blick abgewiesen, dem er gehorchen _mußte_.

Mizzi hatte draußen erfahren, welcher »Wohltäter« drinnen im Zimmer sei.

Freudig trat sie über die Schwelle -- wie erstarrt stand sie vor dem

rasch erkannten »galanten Herrn«.

Mit feinem Takte, den er bewundern mußte, verwischte aber das schöne

stattliche Mädchen rasch das Peinliche der Lage und benahm sich den

ganzen Abend wie eine »vollendete Dame«.

Es kam Gustl, der Eisenbahner, Edi, der Dichter, Poldl, der

Elektrotechniker, und später auch der »Herr Professor«, ein fideles

fesches Haus, wie alle andern. Mizzi spielte in wahrhaft künstlerischer

Weise Klavier, Edi königlich die Geige und die anderen Brüder sangen,

beinahe wie die Opernsänger. Lustig wars und so gemütlich, so

anheimelnd, so ungezwungen harmlos, daß sich Fritz, als er spät nachts

durch die stillen Straßen auf dem weißen weichen mondscheinbeglänzten

Schneeteppich heimwärts duselte, mit Wehmut und Freude sagen mußte, so

unbefangen frohe Stunden habe er schon lange nicht mehr erlebt -- so

warm gemütliche aber wohl noch nie! Er kam sich innerlich so arm vor

gegen diese heiteren prächtigen natürlichen Menschen. Und neben dem

stolzen schönen Mädchen -- so klein, so unwichtig und ganz und gar

unsicher.

Nächsten Tages aber war er auf Mizzi wütend. Es kam ihm zum Bewußtsein,

wie herablassend milde sie ihn behandelte, wie vornehm nachsichtig -- ihn

»den Wohltäter aus Laune und Langweile«. Als sie ihm dieses böse Wort

sagte, lächelte ihr rosiger Mund, ihr großes leuchtendes Blauauge aber

blickte ernst dabei, abweisend -- schier mitleidig!

Das verdroß ihn. Aber in seinem Innern wurde ein Sehnen wach. Und es

wuchs mit jedem Tage und trieb ihn hinaus in die stille schmale Gasse,

in der die alten kleinen Häuser neben modernen Zinskasernen so

bescheiden traulich stehn -- steinerne Erinnerungen an das alte

gemütliche Wien. Er log sich selbst vor, daß er ja nur Edi, den Dichter,

besuchen wolle, »der wirklich ganz nette Sachen mache und die Geige

spiele, wie nicht bald einer«. Tief verletzt durch des stolzen Mädchens

vornehm abweisendes Wesen, ging er jedesmal mit dem festen Vorsatze

davon, _niemals_ wieder zu kommen.

Alle Qualen der Eifersucht, all die bittere Pein des Verschmähten mußte

er durchleiden. Edi, der Dichter, sah das lange mit an. Endlich -- es

war an einem lauen Frühlingsabend -- sagte er zu dem älteren Freunde

ernst:

»Ich sehe, du leidest durch sie. Aber glaub mir, du bist ihr nicht so

gleichgültig, als sie tut. Ich kenne sie genau. Sie kann nur nicht die

Ueberzeugung gewinnen, daß du _wirklich_ gut bist, daß du wohltätig sein

könntest aus dir selbst heraus, kurz, sie hält dich für einen etwas

seichten Menschen -- und die mag sie nicht. Ich rate dir: sei fest,

mannhaft trotzig, zeig es ihr nicht, daß du leidest durch sie und gib

dich ganz, wie du bist -- das heißt, streife alles Gemachte und Gezierte

ab und schau in dich hinein, ob du wirklich ein ganzer Kerl bist -- ein

ganzer _Mann_. Und lerne _arbeiten_! Dann kanns nicht fehlen!«

Diese Rede erfüllte ihn anfänglich mit geheimem Ingrimm. Der »junge

Bursche«, der »grüne Junge«, wagte es, so zu ihm zu sprechen -- zu ihm,

dem Ministerial-Vizesekretär! Er glaubte _herabgestiegen_ zu sein zu all

diesen »Vorstadtsleuten« und fühlte mit jedem Tage mehr, daß sie _alle_

über ihm standen, daß selbst die beiden wackeren Alten trefflichere

Menschen waren, als so manche aus der »feinen Gesellschaft«, in der er

verkehrte.

Endlich gestand er sich das alles ehrlich ein. Und allgemach vollzog

sich nun in ihm eine schöne tiefe Wandlung: er erlebte die

Auferstehungsfreuden seines inneren Menschen. Und daraus erwuchs ihm die

Kraft, um das prächtige warmherzige Mädchen ernstlich und mannesstolz zu

ringen. Es war ein harter, für ihn oft verzweifelter Kampf, ein Kampf,

der ihm die Seele, die darbende verarmte Seele, im tiefsten Grunde

aufwühlte und läuterte. Endlich errang er sie. Es war am

Weihnachtsabend, ein volles Jahr nach seinem ersten Besuche, als sie ihm

als köstliches Weihnachtsgeschenk das Geständnis machte:

»_Seelisch_ gehöre ich dir längst an. Ich wäre aber _nie_ die Deine

geworden, hätte ich gefunden, daß wir nicht zusammenpassen. Lieber hätt

ich mit mir gerungen, lieber wär ich allein geblieben! Glaube mir, ich

habe mit dir gelitten. Aber ich konnte dir die Qual nicht ersparen. Sie

war notwendig!«

Ja, sie _war_ notwendig! Er hat dies nicht nur ihr zugestanden, sondern

auch -- mir.

Am Wege.

Wie ist das gewesen? Wie ist das nur gewesen ... Weit, weit zurück

wanderten seine Gedanken. Bis in die Tage der Jugend, in die sonnigen

stillen, ach so schönen, schönen Tage der Jugend ...

Seine Hand glitt von dem liebreizenden Blondköpfchen des

Wirtstöchterleins langsam herab. Und die Kleine, die ihm diese

Erinnerungen in der Seele wachrief, so daß sie aufstanden wie aus langem

Schlaf, die liebe Kleine sah scheu und großäugig zu ihm auf. Sah, wie

sein Blick weltfremd in unfaßbare Fernen ging, und der lange angegraute

Bart über seiner Brust seltsam zitterte. Da er sich nicht regen wollte,

schlich sie langsam zur Tür. Dort schaute ihre scheue Hoffnung nochmals

und wieder und wieder zurück. Endlich huschte sie hinaus. Und hatte sein

vergessen.

Der Mann aber dort in der dunklen Ecke lauschte der Erinnerung. Und die

sprach: So wars: die Lichter brannten noch auf dem kleinen Tannenbaum,

da war sie herübergekommen aus dem großen Hause, das sie das Schloß

nannten. War gekommen, so hold, so still und so scheu, wie vorhin da das

blonde Wirtstöchterlein. Und vorher, wie oft, wie so oft war sie da

gekommen zu ihm, dem großen Knaben, und hatte sich von ihm erzählen

lassen von all den wundersamen Dingen, die seine dämmernde Kinderseele

schaute und schuf. An jenem Weihnachtsabend aber war das ganz seltsam.

Da kam sie so still und so feierlich. Und hatte ihn flüsternd gefragt:

Weißt du, wo das Glück wohnt?

Er sah in die Ferne und sah bunte Märchenwelten aufsteigen. Dort, dort

wohl wohnte das Glück. Wo denn wohl sonst? Sie aber sprach wieder leise:

»Das Glück wohnt bei euch.« Da fielen die Märchenwelten in seiner Seele

jäh in Nacht und Finsternis. Und er sah nach der kleinen blonden

Freundin -- schier böse. »Wer, wer sagt dir das, Elsa? Wer sagt Dir

das?«

Und von ihren Lippen kam es zaghaft: »Die Mutter.«

Wie sie das sagte damals! Ihre Seele weinte dabei. Und langsam, langsam

stiegen aus den bangen Kinderherzen die Tränen in die großen scheuen

Augen.

So war das damals. Und sie hatte geweint dabei. Hatte geweint, weil in

ihrem großen schönen Hause das Glück nicht wohnte. Dort wohnte der

Unfrieden. Auf leisen Sohlen schlich das Leid dort durch die vielen

schönen Zimmer, wo so viel, o so unausdenkbar viel Glück und Freud'

hätten wohnen können. So dachte er damals und war dem stolzen herrischen

Manne gram, durch den die stille blasse Frau, der kleinen Freundin

Mutter, so viel hatte erdulden müssen.

Und die, die hatte gesagt, bei ihnen, in ihrem kleinen Häuschen wohne

das Glück. Der Knabe konnte das nicht fassen. Der Jüngling begriff's.

Ja, das Glück wohnte bei ihnen, wohnte so lange ungetrübt bei ihnen, als

der Vater lebte, und hatte ihm so lange ungetrübt geblüht, bis der Vater

von drüben, der herrische Mann, zwischen ihn und Elsa getreten war.

Stolz gab er ihm zu wissen: für so armer Leute Sohn sei ihm seine

Tochter zu gut. Er solle lassen von ihr, wolle er nicht haben, daß er

rauher käme als dies erste Mal -- es wäre denn, so fügte er spöttisch

hinzu, er käme als reicher Mann wieder. Da rief der Trotz aus dem

Jüngling: ja, das werde er! Er werde erst wiederkommen zu ihm, wenn er

ihm ebenbürtig sei in den Stücken, die ihm, dem Geldstolzen, so über

alles gingen. Er werde erst wiederkommen, bis er so reich, reicher sei

als er selber.

Und so war er den Weg gegangen, den harten Weg, den der Bettelstudent

gehn muß durch all die Lehrschulen, bis sie ihn reif erklärten für die

Schule des Lebens. Das bescheinigten sie ihm mit dem Diplom eines

Ingenieurs. Der Staat bot ihm eine bescheidene Stelle. Er schlug sie

aus. Er mußte ja den Weg gehn, der zum Reichtum führt. Und der ist lang

und hart und mühselig, ist ein Weg in die Irre, wenn nur immer die

eigene Tüchtigkeit die Führerin ist und nicht auch das blinde Glück. Und

so wanderte er. Und mit ihm wanderten treu und unverdrossen Sorge und

Enttäuschung. Vor ihm her aber zogen immer Sehnsucht und Hoffnung. Und

lockten und lockten. Immer wieder, immer und immer wieder.

Und zu Hause warteten sie. Mutter und Braut. Die stille blasse Frau im

Schlosse drüben war zu müde geworden. Sie hatte nur auf den Tod

gewartet. Den Erlöser. Weit, weit weg war er damals von der Heimat -- und

viel, o viel weiter noch von seinem Ziele. Da endlich, endlich lächelte

ihm das Glück. Weit draußen war's, in den Niederlanden. Und endlich,

endlich gelang das Große, das Ersehnte: er konnte seiner Gesellschaft

eine Erfindung zur Verfügung stellen, die einen Geldstrom in ihre Kassen

lenkte und ihn selbst zum reichen Manne machte. Noch ließen sie ihn

nicht frei. Noch mußte er an der Spitze des ins Riesenhafte gewachsenen

Unternehmens bleiben. Erst wenn alles in den festen Bahnen strammer

Ordnung und sicherer Gewöhnung sei, könne er frei werden. Kaum, daß sie

ihn über die Weihnachtsfeiertage ziehen ließen. Seiner Sehnsucht nach ...

Verwundert blickte er um sich. Und traulich nicht -- schier fremd grüßte

ihn die kleine dürftige Wirtsstube, die einstens den armen

Bettelstudenten so froh gegrüßt hatte. Ein Fremder in der Heimat.

Niemand kannte ihn. Und niemand sollt' ihn erkennen! Freude rief's in

ihm und Trotz. Sie, sie sollten ihn zuerst begrüßen -- seine Berge! Und

dann Mutter und Braut.

Da hörte er draußen in der großen Gaststube die Männer durcheinander

sprechen. Dies und das. Nicht was sie sprachen, wollt' er erlauschen

-- nur erfreuen wollt' er sich an der solange, lange entbehrten

heimatlichen Mundart. Eben wollt' ihn diese Freude hinausziehen zu den

Männern. Da hörte er einen sagen: »Also hat sie's halt auch dermacht,

die alt' Brunnerin.« -- »Ja ja,« sagte drauf bedächtig ein anderer,

»hab's schon g'hört. Gestern is verstorben. A recht a traurig's

Weihnachten das.«

Da war der Mann drinnen bleich geworden. Sein Herz stand schier still.

Er ging zu den Männern hinaus.

»Meint ihr die Frau Brunner drüben, die in Almau?«

»Dieselbige, wuhl.« Sie sahen erstaunt nach ihm.

Er aber warf den Pelz um seine Schultern und ging hastig zur Tür hinaus.

Die Männer, die am Postschlitten arbeiteten, um die gebrochene Kufe

wieder brauchbar zu machen, schauten ihm staunend nach. »Wird ihm halt

doch die Zeit lang worden sein und er geht ein Stückerl voraus.« So

meinten sie.

Die lange Verzögerung, die durch den kleinen Unfall eingetreten war,

hatte ihn sehr verdrossen. Jetzt war es ihm gleich. Die Mutter wartete

ja nimmer. Und Elsa wußte noch gar nicht, daß er kam. Er hatte bloß der

Mutter geschrieben. Elsa sollte erst gerufen werden, wenn die Lichter

brannten am Baum. Wenn die Lichter brannten ... Nun brannten wohl nur

zwei Kerzen im ganzen Hause. Sie brannten zu Häupten der Mutter. Sie

hatte ihn nicht mehr erwarten können ...

Müde trug er das junge schwere Leid über den Schnee in den wallenden

Nebel hinein. Da rief die Stimme der Wirtin hinter ihm her: »Herr

Brunner! Herr Brunner!« Sie hatte ihn also nachträglich doch erkannt.

Wohl an seinem jähen Erschrecken und Erbleichen.

Er schlug rasch einen Nebenweg ein. Der Schlitten sollte ihn nicht

einholen. Er wollte nicht, daß das unbeholfene Mitleid dieser guten

Leute zu ihm spreche.

»Herr Brunner! Herr Brunner!« rief die Wirtin wieder. Und »Herr Brunner!

Herr Brunner!« rief eine tiefe männliche Stimme langgedehnt seinen

Namen. Und die Stimmen klangen ihm durch den Nebel wie aus weiter

unermeßlicher Ferne und klangen ihm nicht wie Menschenstimmen. Hinter

ihm tastete das Mitleid, vor ihm schritten Leid und Weh und in ihm war

alle Freude erstorben. Die Mutter konnte den Sohn nimmer erwarten ...

Da stand plötzlich ein ungeheurer Zorn in ihm auf wider den Mann, der

ihn einst vom blumigen Weg hinweggedrängt hatte auf die steinige

staubige Straße, auf der die Menschen nach Geld und Gut und Reichtum

jagen.

Wohl: er hatte es erjagt, dieses »Glück« -- aber _wie_ kam er heim! Ein

armer, jammervoll armer Reicher! In den fünfzehn Jahren des Kämpfens und

Ringens, des Hoffens und Verzweifelns war seine Seele flügellahm

geworden. Und schlecht, schlecht war er geworden da draußen im wüsten

Kampfe, im gierigen Losstürmen auf das eine, eine niedere und ach so

schwer erreichbare Ziel: das _Mitfreuen_ hatte er schier verlernt -- das

Mitfreuen an dem ehrlichen Erfolg anderer. Und mehr als einmal war er

dem gierigsten und schadenfreudigsten Sieger über den Edelsinn erlegen:

dem Neid. Wie ein Almosen warf ihm das Leben endlich Gold hin, nachdem

es ihm vorher den Reichtum der Seele geraubt hatte. Frühen Altersschnee

in Haar und Bart -- ein Irrwanderer, kehrte er heim. Und daran war nur

er schuld, er, der hartherzige geldstolze Mann ... Niemand als der?

Niemand sonst als dieser Mann?

Weihnachtserzählungen · 第 7 / 10 段