Er zündete Licht an. Was flog da vom Fenster weg? Im langen weißen

Kleide ... Der jähe Schreckgedanke, sie habe sich ein Leid angetan, jagte

ihn aus dem Zimmer. Erst rannte er dahin, so schnell er konnte, dann

schritt er zaghaft vorwärts und endlich schlich er sich lautlos an die

Tür ihrer Schlafkammer. Nun hörte er sie stöhnen und weinen. Einzutreten

wagte er nicht, so sehr es ihn auch drängte. Er fühlte, daß er unfähig

war, jetzt vor sie hinzutreten -- ihr jetzt alles zu gestehn. Es hätte

ihr Tod sein können oder der Tod ihrer Liebe -- zu ihm ... dem Vater. Bis

zum grauenden Morgen hockte er auf ihrer Türschwelle. Als es drinnen

endlich still geworden war, schlich er frostdurchschüttelt in sein

Zimmer zurück.

Scheu und beklommen schaute er nächsten Tages Berta ins Gesicht. Sie war

ernst und gefaßt. Bleich waren ihre Wangen, kalt und ruhig ihre Augen

-- ihr Mund aber lächelte. Dieses tote Lächeln kannte er. Es tat weher

als Tränen und Vorwürfe. Sie hat es überwunden, sagte er sich. Aber _er_

wurde nicht froh darüber.

Seit jenem Tage vollzog sich in der Brust des alten Mannes ein schwerer

zäher Kampf und allmählich eine tiefe Wandlung. Und das Gute und Edle

siegte endlich in ihm: er hatte sich schwer und widerstrebend zur

opfermutigen und entsagungsstarken Liebe durchgerungen und erkannt, daß

es keine reinere und schönere Tat der Liebe gebe als die, andere

selbstlos zu beglücken. Mit Schaudern dachte er nun an das, was er in

seiner verblendeten Selbstsucht zerstört hatte: das Lebensglück seines

einzigen Kindes.

Als er so weit war, entschloß er sich, alles wieder gutzumachen, wenn es

noch ginge. Er setzte sich dann in einer stillen weißen Nacht hin und

begann an Uller zu schreiben. Schwer, bitter schwer löste sich

Geständnis auf Geständnis von seiner Seele. Noch schwerer schrieb er sie

nieder. Er hatte noch keine Uebung im rückhaltslosen Selbstbekennen. Er

hatte bisher nur _um_ sich und wohl noch niemals tief und furchtlos _in_

sich geblickt. Drei Nächte plagte er sich ab. Endlich war der lange

schicksalsbedeutende Brief fertig.

Am nächsten Morgen trug er ihn zur Post hinab. Vier Tage fehlten noch

auf Weihnachten. Bis zum heiligen Abend konnte Antwort da sein von ihm

oder -- er selbst. Aber es kam kein Brief. Nicht am zweiten Tage, nicht

am dritten und nicht am vierten, letzten. Jakob kam mit leeren Händen

früh und nachmittags ...

Und nun war es am letzten Tage Abend geworden, die heilige Nacht war

gekommen und er sollte nun in dieser glückseligen Friedenszeit dort

droben mit der bleichen Tochter allein sitzen -- im ängstlichen

Schweigen und mit dem schweren Schuldbewußtsein in der Brust ...

Die Hoffnung, Uller könne noch mit dem Abendzuge selbst kommen, trieb

ihn dem Bahnhofe zu. Der Zug fuhr ein. Uller stieg nicht aus. Ueberhaupt

kein Fremder. Nur Einheimische, Studenten, Urlauber und sonst noch junge

Leute. Lauter fröhliche Feiertagsgesichter.

Gebeugt, als hätte er eine Riesenlast zu schleppen, wankte er in das

Städtchen zurück -- auf die Post. Vielleicht war doch ein Brief gekommen

jetzt mit dem Zuge. Es waren heute so viele Sachen eingelaufen. Endlich

war alles durchgesucht, gesichtet, verteilt. Für ihn war nichts da. Fast

wäre er zusammengebrochen in der engen Poststube. Wie ein Betrunkener

taumelte er hinaus auf die Straße. Wohin jetzt?

»Aus der Welt!« flüsterte es in ihm. »Aus der Welt!« wiederholten seine

Lippen lautlos.

Da hörte er Jakobs freundliche Stimme. Es sei doch etwas da für ihn

-- aber nur ein Brief. Stormer haschte begierig danach. Er war von Uller.

Bei der nächsten Laterne las er ihn. Als er fertig war, lehnte er sein

greises Haupt an die kalte Wand und weinte unter heftigem Schluchzen die

ersten Freudentränen seit seiner Kindheit. Sein Brief hatte Uller in

eine Stadt Nordböhmens nachgesandt werden müssen, wohin er gereist war,

um die Feiertage bei seiner Mutter zuzubringen. Morgen komme er selbst,

schrieb er.

Noch niemals war Stormer den Berg so rasch und so froh hinangestiegen.

Droben gab es eine erschütternde Aussprache. Und dann eine stille

herzliche Feier.

Einsam saßen sie dort droben in trautem Lampenscheine und mildem

Kerzenschimmer -- und doch hatten sie einen Gast bei sich, einen lieben

und in diesem Unglückshause gar wundersamen Gast: das Glück.

Frau Bettis Christgeschenk.

Hastig hatte sie den Brief versteckt und die Tränen verwischt, als sie

unvermutet Christine eintreten sah.

Diese war die Tochter ihres ehemaligen Brotherrn. Sie hatte die früh

verstorbene Mutter Christinens mit selbstloser Aufopferung gepflegt, war

dann in dieselbe ansteckende Krankheit verfallen und rang lange mit dem

Tode. Seither hing Christine an der Hüterin ihrer Kindheit mit einer

Liebe, die sich immer mehr verschönte und klärte, je mehr sich

Christinens herbe Jungfräulichkeit entfaltete und je mehr sich ihre

ausgeprägte Eigenart und frühzeitige Selbstständigkeit entwickelten und

ausreiften.

Harmlos lächelnd war Frau Betti ihrem Liebling entgegengetreten.

Christine aber hatte bemerkt, was die alte Frau verbarg und verbergen

wollte.

»War der Brief von Rudolf?« Ein dunkles Rot stieg bei Nennung dieses

Namens in ihre frostfrischen Wangen.

»Der -- der Brief? A mein! Der ist ja nur vom Gärtner-Loisl! Ja! Wegen

dem Blumensamen schreibt er, weißt ...«

»Ueber einen Brief vom Gärtner-Loisl weint man nicht, Betti!«

Das klang wieder in jenem bestimmten festen Tone, dem gegenüber Mutter

Betti keinen Widerspruch kannte.

Schier zornig sah das alte Mutterl nach Christinen; unter Tränen aber

gab sie ihr den Brief hin. Er war zerknüllt von den angstzitternden

dürren Fingern und feucht von den sorggeweinten Tränen. In atemloser

Spannung sah sie nach Christinen, die trotzig aufgerichtet am Fenster

stand und las. Aus ihren Mienen konnten Bettis Augen keine Antwort

lesen. Schweigend sah Christine, als sie den Brief gelesen hatte, in das

verglimmende Abendrot. Und Betti schien es, als sei auch das frische

Wangenrot des jungen stolzen Mädchens verblichen ...

Plötzlich faßte sie eine große innere Angst.

»Christine!« rief sie zitternd. »Um Gottes willn! Glaubst am End auch

du, daß er _schlecht_ wordn is, der Rudolf?«

»Nein!« Fest klang dieses Wort, aber hart, herb.

Mit großen Augen sah Betti nach ihr und wagte keine Frage mehr.

»Wie viel Geld hast du ihm schon geschickt, Betti?«

»Ach, mein Gott, laß mir die Sorg allein, Christine.«

»Nein! Ich will alles wissen! Alles! Verstehst du?«

Betroffen und forschend schaute das gequälte Mutterl in das trotzige

Angesicht ihres Lieblings. So herb und starr hatte sie die lieben

stolzen Züge noch nie gesehen. Langsam, als sei ihr jede Sekunde

Verzögerung Gewinn, schlürfte sie zu ihrer Schublade und brachte nach

längerem Herumkramen ein vergriffenes Notizbuch hervor.

»Da!« Ein Blick, der strafte und zugleich flehte, begleitete dieses

Wort.

Rasch flogen Christinens suchende Blicke über die ungefügen Ziffern.

Dann richteten sich die großen blauen Augen kalt und fragend -- drohend

fast nach dem erschrockenen Weiblein.

»Wo hast du das viele Geld her -- nach alledem?«

»Vom -- vom Ferdl, vom Prinz Ferdl.«

»Auf Wechsel?«

»Ich -- ich glaub.«

»Wann ist der erste fällig?«

»Zu Neujahr -- glaub ich.«

»Kannst du zahlen?«

»Nein!«

Strenger konnte sie am jüngsten Tage Gott der Herr nicht fragen -- und

gewissenhafter könnte sie ihm nicht antworten.

»Und warum hast du mir davon nichts gesagt?«

Darauf hatte Frau Betti nur Tränen. Christine verstand sie. Milder und

leiser fragte sie:

»Und was willst du ihm jetzt schreiben -- deinem Sohn?«

»Mein Gott, was soll i denn tun? Krank is er, schreibt er -- und

Ehrenschulden solln 's sein. Da wird wohl schier nix anders übrig

bleiben, als daß i dem Prinz Ferdl die Kuh ...«

»Und zu Neujahr nimmt er dir dein Häusl weg und wirft dich auf die

Straße hinaus!«

Das waren Worte, die schwerer trafen als Steine. Ihr ganzer

Ueberraschungsschmerz, ihr ganzes namenloses Staunen und Herzleid

blickte Betti aus den starrenden Augen -- sprechen konnte sie kein Wort.

Und er fand den Weg zu dem herbverschlossenen Herzen Christinens, dieser

angststarre flehende zürnende Mutterblick. Aber sie gab dieser warmen

Regung nicht nach und sagte in festem Tone:

»Die Kuh, Betti, kaufe _ich_! Die 300 Kronen, die er wieder haben will,

bring ich ihm selbst! Ich fahre morgen nach Wien, die Weihnachtseinkäufe

zu besorgen.«

»Du -- _du_ willst ...?!«

»Ja! _Dich_ will er doch gar nicht haben in Wien! Du hast 's ja doch

gelesen!«

Rasch war sie aus dem Zimmer gegangen, schwer und ächzend war die Tür

zugefallen.

Sie, die bisher nur Liebe und Güte war gegen Frau Betti, ließ nun das

verzweifelte alte Mütterchen in Bestürzung zurück und in bitteren

Tränen.

Bettis einfältiger Geist konnte die Lösung dieses Rätsels nicht finden,

ihr schlichtes Gemüt sie nicht ahnen.

* * * * *

Christine ging rasch über den knisternden Schnee. Lüge und Heuchelei

hatte aus dem Briefe gesprochen -- aus dem Briefe des Sohnes an die

Mutter, einer Mutter, die an ihren Sohn glaubt wie an Gottes Wort. Aus

dem Briefe des Mannes, dem sich ihre Seele längst heimlich in einer

Liebe erschlossen hatte, gegen die sie ankämpfte mit all ihrem Stolze

und ihrem ganzen beharrlichen Trotze -- und der ihr Herz doch immer

wieder unterlag, wie sehr sich ihr trotziger Geist auch aufbäumte und

ihr Stolz sich wehrte.

Sie wußte es längst, daß er in leichtfertige Gesellschaft geraten war,

sie hatte ihn verteidigt gegen den erzürnten Vater, der ihm reiche

Stipendien für seine Studien verschafft hatte und nun schon zwei Jahre

vergeblich auf den Chemiker wartete, den er für seine Fabrik so

notwendig brauchte. Sie hatte ihn verteidigt gegen die Anschuldigungen,

die die »lieben Nachbarn« der Mutter hinterbrachten, sie hatte die gute

Betti in ihrem Glauben an den Sohn bestärkt -- weil sie selbst an ihn

glaubte. Und dieser schöne beseligende Glauben war jetzt jäh und

unvermutet in ihr zusammengebrochen.

Durfte sie den vorschnell gefaßten Entschluß, ihn aufzusuchen, um ihn

wenigstens _für die Mutter_ zu retten, auch wirklich ausführen? Es

konnte _gut_ sein für ihn und für das arme alte Mutterl. »Das erkannte

Gute aber soll man ausführen, je eher, desto besser.« Das war einer der

letzten Aussprüche ihrer sterbenden seelengroßen Mutter. Danach hatte

sie immer gehandelt -- und wollte es auch jetzt tun.

Und diesem starken Zuge ihres Wesens folgte sie auch unbedenklich, als

sie, an der Gartentür des alten Prinz vorübergehend, von einem

plötzlichen Gedanken erfaßt wurde. Rasch war sie an der Tür des

Geldmaklers und klopfte entschlossen an. Prinz, ein hagerer langer Mann

mit ausgesprochenem Habichtgesichte, war allein und seine Neugierde, was

denn des reichen Fabrikanten und Bürgermeisters stolze Tochter bei ihm,

dem »armen Bauer«, wolle, bald erfüllt. Nach vielen Ausflüchten und

Beschwörungen legte er Christinen endlich die vier Wechsel Bettis vor.

Christine rechnete zusammen. Dann schaute sie großstaunend und zornig

nach dem gekrümmt dastehenden Prinz.

»Das sind ja _zweitausend_ Kronen, Herr Prinz!«

»Zu dienen, gnädigstes Fräulein, netto tausend Gulden.«

»Sie haben aber der alten Frau nur fünfhundert gegeben!«

Prinz begann nun zungengeläufig zu erzählen, was er der guten Betti noch

alles gegeben haben wollte. Christine legte anstatt aller Antwort die

vier Wechsel aufeinander, zerriß sie in zorniger Hast, schritt zum Ofen

und warf die zerknüllten Fetzen in das flackernde Feuer.

»Um Gottes willn, was haben Sie getan?«

»Sie vor der Anzeige wegen Wucherei gerettet!« entgegnete Christine

scharf. »Morgen fahre ich nach Wien und verkaufe meine Obligationen

-- und übermorgen haben Sie Ihr Geld. Bereiten Sie eine Quittung über

1100 Kronen vor!«

Damit ging sie. Während sie raschen Schrittes auf ihr Vaterhaus zueilte,

stand der »arme Bauer« noch immer händeringend vor dem gierig

flackernden Feuer. Gerade auf sie hatte er bei Einlösung seiner

geliebten »Papierln« gerechnet. Und nun ...

* * * * *

Klopfenden Herzens, aber mit schweren, seltsam müden Füßen stieg

Christine nächsten Tages die drei Treppen zu Rudolfs Wohnung hinan. Zwei

Jahre hatte sie ihn nicht gesehen, ihn, der der Gespiele ihrer Jugend

und die Sehnsucht ihres Herzens -- gewesen war. In diesem Augenblicke

empfand sie nichts als Zorn und Verachtung gegen ihn. Ein Mann -- und

schwach! Zweimal hatte er mit Hilfe der reichlichen Stipendien in den

Ferien Studienreisen ins Ausland gemacht und sich nicht gekümmert um

Heimat und Mutter -- und sie, die ihn so sehnlich erwartete, wohl längst

vergessen.

Entschlossen trat sie in das halbdunkle Vorzimmer. Lautes Stimmengewirre

und übermütiges Lachen aus jungen Kehlen klang hinter einer der Türen.

Jetzt hörte sie einen sagen, einen mit einer kreischenden Stimme:

»Na, was ist's denn mit 'm Geld, Rudolf? Rührt sich deine Alte noch

allweil nit?«

»Weiß der Kuckuck!« darauf Rudolfs tiefe klangvolle Stimme. »Ihr Bankier

scheints, ist auf einmal knauserig wordn!«

Unter dem »Bankier« verstand er offenbar ihren Vater oder gar -- sie!

Ein schneidendes Weh ging für einen Augenblick durch ihre junge Seele.

Dann aber erstarrte alles in ihr im zornigen Trotze. In diesem Gefühle

trat sie entschlossen ein -- hochaufgerichtet, starr. Die ganze

Gesellschaft schien zum Ausgehn fertig und empfing sie mit mehr

verlegenen als staunenden Blicken und einem kaum unterdrückten »Ah!«

Rudolf stand einige Augenblicke verblüfft und verwirrt da. Dann griff er

nach der zierlichen Studentenmütze und stotterte:

»Fräulein Christine -- was verschafft mir ...«

»Ich habe mit Ihnen zu sprechen, Herr Frühbach, und zwar allein!« Das

klang so bestimmt, mit so viel verhaltenem Zorne in der Stimme, daß die

vier fünf Herrchen nach einigen unbeholfenen Worten verdutzt abzogen.

Erst draußen im Vorzimmer fielen in taktlos lauter Art einige anzügliche

Bemerkungen, die Christinen das Blut in die zornbleichen Wangen trieben.

Rudolf hatte rasch aber mit unverhohlenem Widerwillen seinen Ueberrock

abgelegt und lud die ungebetene Gastin mit einer gezwungenen

Handbewegung zum Sitzen ein. Sie lehnte ab.

»Ich komme von Ihrer Mutter. Sie haben von ihr Geld entlehnt und fordern

für die Weihnachten neuerdings Geld und zwar unter dem Vorwande, krank

zu sein und Ehrenschulden ...«

»Entschuldigen Sie, Fräulein -- kommen Sie im Auftrage meiner Mutter

oder ...«

»Einerlei! Ich frage nicht und habe auch kein Recht, Sie zu fragen, zu

was Sie das Geld brauchen. Aber ich sage Ihnen, daß Sie Ihre Mutter in

die Hände des alten Prinz getrieben haben, daß die Arme eben daran war,

ihr Letztes, ihre Kuh ...«

»Ja, aber hat Ihnen denn meine Mutter nicht ...«

»Was?«

Er sah sie forschend und unsicher an.

»Sie meinen wohl, ob sie nicht das Geld von meinem Vater oder von mir

entliehen habe?«

»Ja, aber sie hat mir doch ...«

»Sie irren, Herr Frühbach! Ihre Mutter hat mehr Schamgefühl, als Sie ihr

zutrauen!«

»So lassen Sie mich doch ...«

»Und mehr Charakterstärke, scheints, als Sie! Schämen Sie sich, Herr

Frühbach!«

»Was gibt Ihnen ein Recht, mich abzukanzeln wie einen Schuljungen?«

»Meine Liebe zu Ihrer Mutter und mein Erbarmen mit dem Schmerz, den Sie

ihr bereiten!«

Er senkte die zornfunkelnden Augen.

»Daß Sie es wissen: ich selbst bin hinter all das gekommen -- gegen den

Willen Ihrer Mutter. Und _ich_ habe sie aus den Händen des alten

Wucherers befreit. Und hier sind die geforderten 300 Kronen. So. Jetzt

sind Sie _mir_ 1400 Kronen schuldig, Herr Frühbach! Und ich will hoffen,

daß _diese Ehren_schuld den Vorzug vor allen anderen haben wird!«

Im Innern zitternd wie im heftigsten Frostgefühle, hatte sie das Geld

auf den Tisch gelegt und wollte nun rasch zur Tür hinaus, unfähig zu

ermessen, daß sie den eigentlichen Zweck ihres Wagnisses nicht erreicht

-- ja kaum angestrebt hatte.

Er vertrat ihr, bebend vor Aufregung, den Weg.

»Was wollen Sie noch von mir?!«

»Ich muß Ihnen doch -- danken, Fräulein ...«

»Wollen Sie mich verspotten? Was ich tue, geschieht für Ihre _Mutter_!

Und wenn Sie noch einen Funken Ehrgefühl und Kindesliebe ...«

»Sprechen Sie das nicht aus! _Schlecht_ bin ich nicht -- noch bin ich es

nicht!«

»Sie haben gelogen und geheuchelt -- der Mutter gegenüber!«

»Ja!« Er senkte den Kopf. »Aber es geschah nur im Leichtsinn, im

grenzenlosen dummen Leichtsinn der Jugend ...«

»Das nennen Sie bloß Leichtsinn?«

»Ja! Sie haben recht -- es war _schlecht_ von mir! Ich fühle das erst

jetzt durch Sie ... Bedenken Sie, ich bin aus engen ärmlichen

Verhältnissen plötzlich in die Freiheit geraten -- in _diese_ Freiheit

und in diesen Sumpf ... Aber ich will mich aufraffen -- bei Gott, ich

will mich aufraffen ...«

»Und wenn _die_ wieder kommen -- Ihre »Freunde«?«

»Die sollen keine Macht mehr haben über mich!«

»Glauben Sie?«

»Zweifeln Sie an mir?«

»Ja!«

»Ich werde es Ihnen beweisen!«

»Durch Taten, Herr Frühbach!«

»Ja durch Taten. Ich werde das Geld, das ich Ihnen jetzt schulde, selbst

verdienen, ich werde arbeiten und meine letzten Prüfungen machen. Und

ich will Ihnen als anständiger, als ganzer Mann wieder entgegentreten

oder nimmermehr in meinem Leben!«

»Das wäre ein Sieg über sich selbst, Herr Frühbach! Dazu gehört viel

Stärke!«

»Trauen Sie mir diese Kraft, trauen Sie mir diese Willensstärke nicht

zu, Fräulein Christine?«

Er hatte sich aufgerichtet. Seine Augen sprühten und drückten doch

zugleich eine große Seelenpein aus: sie fühlte ahnungstief, daß sie mit

ihrer Antwort über ein Schicksal entscheide. Langsam richtete sie ihr

Auge voll auf ihn und sagte fest:

»Ja!«

»Ich danke Ihnen!« Er war vor ihr niedergesunken und küßte stürmisch

ihre Hände. »Sie sind wie ein guter Engel in dieses Zimmer gekommen

-- zur rechten Stunde! Eben wollte ich fort und hätte wohl die größte

Torheit meines Lebens begangen -- Sie haben mich gerettet!«

Er schwieg erschüttert. Sie stand betroffen da und wagte keine Regung,

fand kein Wort.

»Sie haben mich verletzt, Fräulein Christine -- und ich danke Ihnen

dafür! Sie haben mich beschämt und gedemütigt ...« Er erhob sich langsam

und sprach in tiefster Seelenregung: »Ich habe mich benommen wie ein

toller Junge, wie ein Knabe habe ich mich benommen -- können Sie mir

verzeihen ...«

»Sie müssen erst die Tat ...«

»Ja, Sie haben recht. Ich bin nicht wert, zu Ihnen aufzuschauen ... Sie

sind so rein und so innerlich stark -- so jung noch und schon so tief

und fest in sich gefügt ... Ich aber ...«

In Christinens Auge war wieder Wärme gekommen und eine unendliche Milde

in ihre zitternde Stimme.

»Ich werde Ihrer Mutter sagen, daß Sie krank gewesen sind, schwer krank.

Doch jetzt -- jetzt seien Sie auf dem Wege der Genesung ... Und werden

genesen ... In kurzer Zeit ganz genesen ...«

»Christine!«

Er war mit ausgebreiteten Armen auf sie zugestürzt. Sie aber hatte rasch

das Zimmer verlassen und floh über die Treppe hinab in nieempfundener

Aufregung. In ihrem Gesichte waren die strengen herben Linien, die Trotz

und gewaltsame Beherrschung gezogen hatten, noch nicht verschwunden

-- aus ihren Augen aber strahlte und leuchtete schon das ganze tiefe

neuerwachte Glück in ihrer Seele ...

Er aber warf sich auf das Sofa und stöhnte:

»O, was war ich für ein Narr! Ich hab sie von mir gestoßen -- die Reine!

Wie meine Kindheit ist sie zu mir gekommen, wie mein besseres Selbst ...«

Als er sich nach langem Sinnen und Ergründen seiner selbst endlich

erhob, stand in seiner Seele die Erkenntnis fest: sie zu erringen, sei

der Weg zu seiner Rettung -- und zu seinem Glücke ...

* * * * *

Am Weihnachtsabend des nächsten Jahres erhielt Christine einen großen

Brief von Rudolf. Er enthielt die selbstverdienten 1400 Kronen und die

Mitteilung, daß er seinen Chemiedoktor gemacht habe. Sonst, außer warmen

Dankesworten -- nichts weiter.

Mit seltsam erregten Gefühlen ging sie am Abend zu ihrer guten alten

Betti hinüber. Die stand im vollen Lichterglanz des Weihnachtsbaumes und

neben ihr stand, jugendkräftig und vollbärtig -- Rudolf, ihr Sohn.

Verwirrt blieb Christine auf der Schwelle stehn. Frau Betti aber eilte

ihr entgegen, so schnell es ihre alten Beine vermochten, sank vor ihr

nieder und weinte Tränen auf die Hände der wonnevoll Ueberraschten.

Verwirrt und errötend zog Christine das ganz fassungslose Mutterl empor.

»Er hat mir alles gesagt!« rief Betti schluchzend aus. »Ich schäm mich

so sehr und bin so glücklich -- Gott verzeih mirs! Ich bin so sündhaft

glücklich!«

Jetzt kam zögernd auch Rudolf herbei. Tiefgesenkten Hauptes blieb er vor

Christine stehn.

»Herr Doktor ...«

Er schaute auf und schaute froherschrocken in ihr strahlendes

feuchtschimmerndes Auge.

»Herr Doktor -- Sie haben Ihren Beweis erbracht!«

Langsam ging sie, unfähig, den Blick von ihm zu wenden, auf Rudolf zu.

Mädchenhaft zögernd reichte sie ihm die Hand zum Gruße.

Er beugte sich langsam und schier ehrerbietig über die kleine tapfere

Hand und küßte sie fast feierlich-ernst. Wirr und mit unbezwinglichem

Befremden hob sie ihren Blick zu ihm auf. Und tief drinnen in diesem

scheuen Blick konnte er selig erschauernd eine bange heiße zitternde

Frage lesen.

Im jähen Jubelsturm seiner Gefühle preßte er ihre Hand an sein pochendes

Herz. Und willenlos sank sie tief errötend an seine Brust ...

Als sie dann später die Geschenke besahen, sagte Rudolf beglückt zu dem

ganz wonneseligen alten Mutterl:

»Das schönste Geschenk hast doch du bekommen, Mutter: Christine hat mich

dir als guten Menschen wiedergegeben!«

Frau Betti aber sah leuchtenden Auges zu ihm und zu Christinen auf und

meinte mit stillem Lächeln:

»_Die_ Mutter möcht ich kennen, die heut glücklicher ist als ich!« --

Der Wohltäter.

»Einen Armen!« rief Dr. Fritz von Fritzburg zur Tür seines »Salons«

hinaus. »Frau Schwammerl, wissen Sie mir keinen Armen? Einen verschämten

würdigen, recht braven Armen?«

»Wa--as?«

»Einen Armen sag ich! Ich will heut Wohltäter spielen!«

»Wohltäter spielen?«

»Bitt Sie um Gottes willen, Frau Schwammerl, schaun S' nicht so rührend

verständnislos drein! Ich will heut am Weihnachtsabend einen würdigen

Armen beschenken -- verstehn Sie?«

»Versteh schon! Aber warum denn?«

»Ja, so verstehn Sie immer alles!«

»Bitt schön, Herr Doktor.«

»Na na!«

»Sie haben aber doch gesagt, daß Sie zur Tante Hildegard gehn wern.«

»Und dort mit der süßen alten Jungfrau Whist spielen! Brr! Lieber soll

sie mich enterben! Hab auch so zu leben -- Gott sei dank!«

»Ja, aber zur »Pfeife«!«

»Sie wollen also durchaus jede edle Neigung in meiner Brust ertöten?«

»Aber, Herr Doktor! Ich bitt Sie!«

»Na also, dann ...«

»Ja, aber Ihr lieber Freund Brugger wird gwiß bei der »Pfeifn« auf Sie

warten!«

»Mein lieber Freund Brugger wird eben nicht bei der »Pfeife« auf mich

warten. Und die, die heute bei der »Pfeife« auf mich warten, auf die

pfeif ich.«

»Ja aber, wo ist denn der Herr Brugger heut?«

»Eingesponnen hat sich der Unglücksmensch.«

»Wa--as?«

»Eingesponnen hat er sich!«

»Bitt schön, was ist denn das, »eingesponnen«?«

»Wie sich eine Raupe einspinnt, das wissen Sie wohl?«

»Zu dienen, Herr Doktor!«

»Na sehn Sie, bei uns Junggesellen ist das umgekehrt: der flotte freie

Falter »Hagestolz« spinnt sich ganz unvermerkt ein und kriecht eines

Tages als abscheuliche Raupe »Ehemann« vor uns andern herum.«

»Is aber das grauslich!«

»Nicht wahr?«

»Warten Sie nur, warten Sie nur, bald spinnen Sie sich auch ein!«

»Ach lassen Sie jetzt das Variieren klassischer Zitate und verschaffen

Sie mir lieber einen recht netten Armen -- eine ganze Familie

meinethalben! Ich hab keine Zeit mehr zu versäumen -- es ist ja schon

halb sechs!«

Weihnachtserzählungen · 第 6 / 10 段