schritt langsam den schneeigen Hang hinab. Fernher klangen Glocken.
Weihnachtsglocken. Feierlich, friedvoll betend. Seine Seele aber
fröstelte dabei und seine Gedanken irrten in weiter öder Wirrnis
-- schwere schwarze unchristliche, hilfeheischende Gedanken -- und
nirgends winkende Rettung, nirgends endliche Ruhe ...
Drunten von der Straße herauf klang jetzt eine klare Männerstimme:
»Wo gehst du hin?«
»Heim!« antwortete froh bewegt eine andere.
Heim! Auch er wollte heimgehn. Ja heim! Zu ihr und dann _mit_ ihr ...
Trotzig richtete er sich auf und ging festen sicheren Schrittes die
erreichte Straße entlang -- heimwärts! Aus Not und Elend, aus Kummer und
drohender Schande, aus Menschenverachtung und namenlosem Ekel
heimwärts ...
Doch sein Kind! Das arme liebe rosige Kindlein ... Engelsschön kam es in
diese Welt -- und wurde zum Unheilsboten für die, die es lieben sollten
und lieben mußten. Die Mutter starb beinahe in jener schweren Stunde
-- und seither sind Krankheit, sind Not und Elend daheim die Hausgenossen
und seine unzertrennlichen Begleiter die Verzweiflung und die
Versuchung ...
Er schritt gedankenversunken vorwärts, dem Orte zu, die stillen Straßen
zum Bahnhofe hinaus.
Vor diesem hielt er ein. Droben im ersten Stock schimmerten die Lichter
des Weihnachtsbaumes. Er hörte den Jubel der Kinder und sah das
Schattenbild seines Vorstandes im Fenster. Der dort droben -- der könnte
_auch_ helfen! Er hatte Geld. Er ließ sich kaufen mit dem Gelde seines
seelenarmen Weibes -- vielleicht rührt ihn, den innerlich Glücklosen,
des verzweifelten Kollegen Unglück -- vielleicht _hilft_ er in dieser
Stunde des Friedens und selbstlosen Gebens ... Vielleicht ...
»Der!« Er lachte auf. Hatte ihm doch der wirklich Beglückte, der heute
jenes Frühlingslied gesungen, nicht geholfen! Und andere mehr, auf die
er baute -- Freunde, Jugendfreunde, Dankesverpflichtete ...
»Da ist mein einziger Retter und Helfer! Mein einziger Erbarmer!« Er
schlug bei diesem Gedanken an die Tasche, die den Revolver enthielt.
Aber das Kind! Das liebe süße unschuldige Kind! Doch seine Zukunft? War
es nicht besser ...
Er ging zaghaft und klopfenden Herzens und am ganzen Körper zitternd bis
an die Ecke des Gebäudes und langsam, innerlich erschaudernd, darum
herum. Dort hinter den matterleuchteten Fenstern -- dort _wohnte_ einst
all sein Glück ... Und _jetzt_ ... Und er soll hineingehn und sollte,
mußte ihr sagen: »Frida, sei bereit! Wir müssen ein Ende machen ...«
Da drinnen! Was um Gottes willen war da drinnen! War sie wahnsinnig
geworden und zündete Lichter an in ihrer Verzweiflung und Vereinsamung?
Und er heraußen, er mußte sich sagen: »Wohl ihr, wenn ihre Seele schon
drüben weilt ... Es ist wohl besser so ...«
Drinnen glitzerte es heller und heller. Er trat einen Schritt vorwärts
-- den ersten Schritt, schien es ihm, in die Ewigkeit, einen zweiten,
zögernd und schaudernd einen dritten -- zitternd griffen die
froststeifen Finger nach dem Gesimse. Und als er nahe vor dem Fenster
stand, schlossen ihm aufstürmende Angst und Entsetzen die Augen....
Gewaltsam bezwang er sich und blickte durch die Spalten der Fensterladen
in das lichterglänzende Zimmer ... Dann sank er mit einem heiseren
unbeschreiblichen Schrei ohnmächtig in den Schnee ...
Als er wieder erwachte, lag er in seinem traulich durchwärmten Zimmer
auf dem weichen Ruhebette, und über ihn beugte sich ein liebes bleiches
Gesicht in liebevoller Sorge -- und zugleich voll unfaßbaren Friedens.
Er richtete sich verwirrt auf und sah sie groß und staunend an. Ehe er
noch ein Wort finden konnte, sprach sie mit warmer freudedurchzitterter
Stimme:
»Gott sei Dank, daß du wieder zu dir kommst! Wir waren schon in großer
Sorge um dich. Ich habe dich durch Püregger überall suchen lassen.«
»Ja aber sag mir um Gottes willen, wie kommt es denn, daß du auf bist,
daß du dort ... Wer brachte denn diesen Baum ...?«
»Ich, Oswald!«
Jählings sprang er auf.
»Onkel Ludwig!« Aufrecht stand er da, wie zum Angriffe bereit. Seine
Augen sahen finster drohend, feindlich nach dem peinlich überraschten
Manne.
»Ja, Oswald«, sprach der Onkel beklommen und stotternd weiter. »Ich
-- ich wollte euch -- weil gerade Weihnachten war ... über
-- überraschen ...«
»Ueberraschen! Und draußen könnten jetzt Hunderte von Menschen liegen,
Tote, Zerschmetterte, Verletzte, Schreiende -- Wahnsinnige! Und hier
herinnen -- Mensch! wenn du wüßtest, wie grausam du mich gemartert hast!
Ich könnte dich ...!«
Er sank aufstöhnend auf das Ruhebett zurück, preßte beide Hände an die
Stirn und rief unter ergreifendem Lachen:
»Ueberraschen wollte er mich! Erst schlägst du mir alle Hoffnungen tot,
bringst mich moralisch um und dann ...!«
»Oswald! O, ich ahne, was hätte geschehen können! Jetzt begreife ich
erst Püreggers sonderbares Wesen und seine Verstörtheit -- o, mein armer
armer Oswald!«
Frida, sein erbleichtes Weib, hatte die Arme fest um ihn geschlungen und
weinte, weinte unbezwinglich und mit solcher Heftigkeit, daß ihr zarter
Körper wie im Froste bebte.
Er zog sie eng an sich, und sagte tief bewegt:
»Laß es nun gehn, Frida! Es ist ja alles wieder gut!«
Der Onkel ging erregt auf und ab. Er hatte bei seiner Ankunft flüchtig
gehört, daß es beinahe ein großes Eisenbahnunglück gegeben hätte -- nun
ahnte er den Zusammenhang und war erschüttert.
Rasch trat er auf den Neffen zu, streckte ihm beide Hände entgegen und
brachte nur mühsam die Worte hervor:
»Verzeih mir!«
Mehr als sein Mund sprachen seine Augen.
Oswald sprang auf und zog den tiefbewegten Mann an seine Brust. Und
plötzlich kam es über ihn mit unbezwinglicher Gewalt. Er mußte weinen
-- und weinte all den großen stummen Schmerz seiner gemarterten Seele aus
und weinte die Freuden der Erlösung und der Rettung.
Und als es sich im Bettlein daneben regte -- da riß er sich los und
beugte sich über das kleine rosige Gesicht. Lange kniete er so da. Als
er sich wieder erhob, lag auf seinem Angesicht der ergreifende Ausdruck
ernsten Friedens.
»Zündet den Baum wieder an«, sprach er dann, »es ist ein doppeltes Fest
heute für uns: Weihnacht und Ostern. Friede ist eingekehrt in unsere
Seelen und auferstanden sind in uns all die toten Freuden und
Hoffnungen! Onkel, ich werde nie vergessen, was ich in diesen Stunden
gelitten! Es wird mir seelisch gehn wie dem Krieger, der in siegreicher
Schlacht Arm oder Bein verloren -- du verstehst mich wohl!«
Stumm reichte ihm der Onkel die Hand und führte ihn schweigend zu dem
Baume. Oswald stand aufrecht und unbeweglich und sah ernst und fremd in
den so oft bejubelten Lichterglanz. Erst als er freudig merkte, daß
seines Weibes Augen heller und wärmer glänzten als all die Lichtlein,
denen erst der Mensch durch die Sinnbildlichkeit Seele verleiht, wandte
er sich langsam zu Frida hin und fragte, sie leicht umfangend:
»Glaubst du, daß wir jemals wieder _unbefangen_ glücklich sein können?«
Sie lehnte sich an seine Brust und sah mit stillem Lächeln zu ihm empor.
»Ja, Oswald, das glaube ich, denn wir haben eines, was uns niemand geben
und niemand nehmen konnte -- auch die Not nicht: unsere Liebe ... Und wir
haben ja unser herziges Mädi!«
Er neigte sich zu ihr herab und küßte den zuckenden lächelnden Mund.
Der Onkel aber legte die Hand auf seine Schulter und sprach mit warmer
bewegter Stimme:
»Und ich -- ich hab dir ein Geständnis zu machen ... Hm! Das mit dem
Ueberraschen war eigentlich ... Ich hab wirklich im blinden Zorn
telegraphiert, ohne Bedenken -- _pumpen_ will er halt, dacht ich mir.«
»Na, Onkel -- Seelenkenner bist du offenbar keiner!«
»Kann schon sein. Es ließ mir keine Ruhe, sag ich dir, bis ich abfuhr.
Schau dir die Sache halt mal an, dacht ich mir. Und dann kannte ich ja
auch Frida noch gar nicht. Vielleicht tust ihr unrecht! Hm! Weihnachten
war auch und ich -- hm, ja! ich fühlte mich so vereinsamt. Hm! Und
jetzt, sag ich dir, bin ich erschüttert und beschämt. Wenn jenes Unglück
wirklich geschehen wäre -- nicht du, Oswald: ich hätte die Schuld!
Verzeihe mir nochmals! Ich bin nicht hart, sag ich dir, ich war nur
verhärtet. Ein Starrkopf war ich! Hm, Dickschädel sind wir eben alle,
wir Frickenbergs. Ja ja! Jetzt aber will ich gut machen, was ich
verschuldet, ja verschuldet! Es ist meine Pflicht, meine heiligste
Pflicht, euch ein väterlicher Freund zu sein. Hab ja nur euch auf dieser
Welt! Es war schändlich von mir! Schändlich, sag ich dir! Na aber jetzt
sollt ihr fort von hier! So bald wie möglich. Und auf mein steirisches
Gut sollt ihr. Weißt du, das hat dir immer am besten gefallen. Es gehört
von heute an dir, Oswald! Laß nur, laß nur! Mich freut es, sag ich dir,
daß ich euch etwas geben kann von meinem überflüssigen Reichtum. Den
größten Reichtum hast du freilich hier.«
Er wies auf Frida.
»Nein, hier!« sagte diese lächelnd und schmiegte sich an des Gatten
Herz.
Ein Egoist der Liebe.
Als er schon, auf seinen derben Knotenstock gestützt, langsam und
schwerfällig den Weg in das stille Städtchen hinabging, klangen ihr erst
des alten Vaters Worte, die ihr zuvor nur in den Ohren geklungen, in der
Seele seltsam wieder.
»Ich werd' halt im Vorbeigehn hineinschaun auf die Post, ob das
Christkindl nit doch was g'schickt hat für uns.« So hatte er gesagt.
Und seine Stimme klang so eigenartig bewegt dabei, so ungewöhnlich weich
und schier schalkhaft. Sie hatte aus diesem Klange nur wehmutsvoll
heitere Selbstbespöttelung herausgehört und antwortete deshalb fast
herb:
»Was soll es denn _uns_ bringen!«
Wie er sie dabei ansah! Wie ihr seine Worte erst jetzt in ihrem Inneren
lebendig wurden, sah sie seine Mienen und seinen sonderbar unruhigen
Blick erst jetzt mit dem Auge der Seele.
Was war da für ein lichter Schimmer ausgegossen gewesen über die
geliebten abgehärmten Züge und wie seltsam zuckte es durch die starren
Falten seines Gesichtes -- fast wie innerliche Freude! Und nach ihren
Worten -- wie schwand da alles jäh hinweg! Sein Gesicht wurde wieder
regungslos, sah aus wie sonst: wie in Stein gehauen, so grau und so
hart. Und in seinen hellblauen Augen losch das Leuchten aus wie ein
müdes Kerzenlicht im Windhauche. Und nach ihr blickte nichts als die
langgewohnte Düsterheit und jener starre herbe Mannestrotz, der sich
wohl nimmermehr wandeln wird in stille Ergebenheit und ruhiges Sichfügen
in das Unabänderliche.
Sie sah ihm durch das Fenster sinnend nach.
Wie er dahinschritt heute! Aufrechter, sicherer, fester als sonst, fast
stramm. Und wie er um sich blickte, als wollt' er sagen:
Schaut mich nur an! Ich bin der alte Stormer, auf den die
Schicksalsschläge nur so niedersausten. Neun blühende Kinder hab' ich
verloren, durch Krankheit und Unglück, durch Krieg und ... Ja, einer,
einer ist mißraten. Aber als er erkannte, wie groß die Schande sei, die
er ausschütte über sich und seinen Namen, über seine Eltern und
Geschwister -- da riß er die dunkle Pforte selber auf, die uns trennt
von der Ewigkeit.... Und das war gerade an dem Abende, an dem tiefster
Friede ausgegossen ist, weit, weit über die Lande der Christenheit ...
Und zuletzt starb ihm die, an die er sich noch klammern, an der er sich
noch aufrecht halten konnte: sein treues wackeres und seelenstarkes
Weib ...
Jetzt war er einsam. Nur das jüngste seiner Kinder war ihm geblieben
-- Berta. Und nichts von seinem großen Besitze war ihm geblieben als
dieses kleine Haus da heroben auf dem Berge -- seines Vaters Haus, seine
Heimat. Alles andere: seine großen industriellen Unternehmungen, die er
mit ungewöhnlicher Kraft und Tüchtigkeit schuf, seine Erfindungen, die
ihm Reichtum einbrachten -- alles, alles ging zugrunde durch das Unglück
und die Schuld anderer oder notgedrungen in andere Hände über. Und
fremde Menschen ernteten nun die Früchte seines erfinderischen Geistes.
Und dieser hart heimgesuchte Mann schritt nun, ein trotziger Greis,
unter den Blicken seines einzigen Kindes aufrecht den Berg hinab, um
nachzusehen, ob das Christkind ...
Berta seufzte tief auf bei diesem Gedanken.
Jetzt war er ihren Blicken entschwunden. Und ihre Gefühle, jäh und warm
dem Herzen entsprungen, eilten ihm nach: tröste dich Vater, du sollst
mich nicht verlieren, mich soll nichts mehr von Dir trennen. Sind wir
doch zusammengekettet mit den schweren Banden des Schmerzes und
bittersten Leides. Die halten fest ...
Ihr gestütztes Haupt hob sich unwillkürlich ein wenig und ihre Blicke
glitten langsam über das Städtchen drunten hinweg, an den
leichtbeschneiten Waldhügeln vorbei und blieben drüben an dem
Eichenwalde sinnend hangen.
Als läge es längst hinter ihr, jahrzehntelang, so erinnerungsklar und
erinnerungsverklärt blickte sie nun alles an, was sie an jenen kurzen
Tagen dort drüben in dem verschwiegenen Eichenwalde erlebte.
Es war im Spätsommer. Der Vater lag im Bette, an einem alten Fußleiden
erkrankt. Auf ihren täglichen kurzen Spaziergängen führte ihr nun dort
drüben das Schicksal den Mann entgegen, der ihrer dämmernden Seele Licht
und Glück bringen sollte. Täglich begegneten sie sich die kurzen drei
Wochen drüben im Walde. Sie sprachen nach und nach viel miteinander:
über sein Geschäft, über die Natur, über Kunst und Musik und manches
andere. Aber nicht, was sie sprachen, sondern wie sie's sprachen, war
für sie von Reiz und immer reicherer Beseligung. Sie lauschten nur dem
Klange ihrer Stimmen, sahen nur den Schimmer ihres Lächelns und ihrer
Blicke -- und das Glück, das sie damit einsogen, das leuchtete dann,
ihnen selber noch unbewußt, aus ihren Augen so tief und rein, so warm
und offenkundig, daß jeder unbefangene Dritte sofort erkannt hätte: das
sind zwei, die zusammengehören fürs Leben. Der vollen Größe und Tiefe
ihrer Empfindungen wurden sie sich erst beim Abschiede bewußt. Das war
für sie eine Stunde, reich an Seelenschätzen fürs ganze Dasein.
Er wollte sogleich zu ihrem Vater. Sie hielt ihn zurück. Der Vater, der
an ihr, seinem Letzten, mit der ganzen angstvollen Liebe eines alten
schicksalsverfolgten und liebebedürftigen Mannes hing, müsse
stillallmählich vorbereitet werden. Zudem sei er, wenn auch schon außer
Bette, noch krank.
Sie bat ihn, ihr zu schreiben. Sie wollte dann den Vater unvermerkt in
ihr junges Glück einweihen und ihn schließlich die Briefe lesen lassen.
Damit war er einverstanden und schied. Er mußte fort. Er war
Geschäftsführer einer großen Fabrik, hatte jüngst ein beträchtliches
Erbe angetreten und hoffte als Teilnehmer seine Arbeitskraft dem
umfangreichen Unternehmen widmen zu können. Er war über die erste Blüte
der Jugend hinaus, ein ernster hochgebildeter Mann, der auf seinen
weiten Reisen viel und vieles gesehen und erlebt hatte -- nur die Liebe
noch nicht. Die war ihm erst in diesem stillen Erdenwinkel erblüht, den
er, vom Zufalle oder wohl von seinem gütigen Geschicke geführt,
aufsuchte, um Erholung nach langen Strapazen zu finden und Kräfte für
neue Arbeit zu sammeln. An Leib und Seele gesund, erfüllt von einem
ganzen Frühling neuen inneren Lebens, schied er, ein Beglückender und
Beglückter zugleich.
So schien es ihr. Doch der versprochene Brief kam nicht. Nur solche
kamen damals, die sie wenig freuten: von ihren schon verheirateten
Freundinnen aus der Töchterschule, von einer Base, die nur schrieb, wenn
sie etwas brauchte. Sie wartete. In ihrer Angst und Seelenqual fürchtete
sie, er sei erkrankt.
Sie schrieb ihm. An demselben Tage aber stand in der Zeitung die
Nachricht, daß er, der neue Firmachef, an einem großen Feste teilnahm,
das zu Ehren des greisen Gründers des alten Hauses veranstaltet worden
war. Sie ließ den Brief nicht abgehn.
Noch hoffte sie. Die Tage schwanden und wurden kürzer und trüber, kälter
und stiller. Mit den Blättern der Bäume sanken auch ihre Hoffnungen
dahin. Endlich gab sie das Hoffen gänzlich auf. In einer stürmischen
Spätherbstnacht weinte sie erschüttert ihren Schmerz aus und ihre
Verzweiflung. Nun war auch ihr Sehnen tot.
Still und ernst, festgefügt in ihrem Innern und mit dem toten Glücke in
der Seele, trat sie am nächsten Morgen ans Fenster ihres Zimmers.
Draußen war es still und trüb und weithin kahl und öde. Und langsam
begann es zu schneien. --
Während die Tochter droben einsam saß und aus ihren Erinnerungen heraus
der untergehenden Sonne nachschaute, hastete Stormer unruhevoll den Berg
hinab. Kaum wußte er sich den Blicken Bertas entrückt, knickte er in
sich zusammen.
»Herr, mein Gott, wend' es zum Besten! Ich kann sonst nicht mehr zurück.
Ich kann's nimmer mitanschaun!«
»Recht guten Abend!« grüßte jetzt einer ausnehmend freundlich. Das war
der alte Jakob, der Briefträger, der zur Post ging. Stormer schrak
zusammen und wandte sich mit zorniger Gebärde ab.
Wenn ihm der damals den Brief nicht gegeben hätte, wär' alles anders
gekommen. Aber bequem sind sie halt alle diese Leute, bequem und so viel
übereifrig. Wo sie nur einen Schritt ersparen können ...
Drei, vier Tage lang trug er den Brief mit sich herum. Was ihm denn nur
eingefallen war, ihn zu öffnen! Nie in seinem Leben hatte er so etwas
getan. Die Männerschrift auf der Adresse, ja ja, die fremde kräftige
Männerschrift war's, die ihn verleitete. Aber die heimliche Freude, die
er empfand, als ihm der Brief in die Hände fiel -- woher kam die? Damals
fragte er nicht viel. Er wußte nur, daß sie diesen Brief nicht lesen
dürfe -- niemals! Na und das mit dem fremden Menschen, mit diesem Erwin
Uller -- mein Gott, das konnte doch so tief nicht gegangen sein. Das
wird sie schon überwinden. Hatte schon weit mehr und weit Schlimmeres
überwinden müssen. Und er auch -- noch viel, viel mehr und viel
Schmerzlicheres. Das hielt sie ja so innig zusammen, die zwei Letzten
einer großen, einst glücklichen Familie, darum hatte er sie ja so lieb
und hing an ihr mit der ganzen zitternden Angst und Zärtlichkeit, mit
der ganzen Selbstsucht und dem ganzen Liebeshunger eines hartgetroffenen
Vaterherzens.
Und nun kam da ein wildfremder Mensch und wollte ihm sein Alles und
Letztes nehmen. Fortziehen wollte er mit ihr und er, er sollte dort
droben allein hausen mit allen seinen Leidgedanken und umspukt von
qualvollen Erinnerungen, sollte sich allein überlassen bleiben mit
seiner ganzen bitterschweren Vergangenheit.
Daß er einfach mitziehen könnte, wie Uller schrieb, daran dachte er gar
nicht weiter. Drängte sich ihm der Gedanke aber doch auf, dann wehrte er
ihn schier zornig ab. Er will gar nicht mit, will nicht unter fremde
Leute, will nichts mehr wissen von der Welt. Aber sie? Sie war noch jung
und hatte noch etwas zu erwarten von der Welt. So mahnte ihn sein
Gewissen. Er aber sagte sich darauf: Was soll sie erwarten? Auf die
Stormers wartet kein Glück da draußen. Das Schicksal beschenkte sie
immer nur so reich, um sie desto ärmer zu machen. Er täte nur Gutes, es
wäre seine Pflicht geradezu, seine heilige Vaterpflicht, sie vor neuen
Enttäuschungen, vor neuem Leide und Weh zu bewahren. Die Einsamkeit wäre
ihr Hort. Und ihr Schutz gegen alle weitere Pein und Seelennot: nichts
wünschen und nichts verlangen, nichts ersehnen und -- nichts hoffen ... So
beruhigte er grausam sein Gewissen. Wäre die Sorge nicht gewesen, daß
etwa ein zweiter Brief kommen und Berta in die Hände fallen könnte -- er
wäre ganz ruhig und schier zufrieden gewesen.
Diese Sorge aber trieb ihn, kaum genesen, und trotz seinem immer noch
leidenden Beine bei jedem Wetter, bei Sturm und dichtestem Nebel von
seiner Höhe hinab ins Städtlein. Und niemand war darüber erfreuter als
der alte Jakob. Der brauchte nun nicht mehr den Berg hinaufzukeuchen,
just wegen des einen Hauses dort droben, und bekam überdies von dem
alten Herrn noch Trinkgeld. So viel spaßig sind halt zuweilen die Leute,
meinte Jakob, so viel spaßig. Ihm wars recht so.
Und der zweite Brief kam. Nach etwa vierzehn Tagen. Eingeschrieben. Der
gute alte Jakob begnügte sich selbstverständlich mit des alten Herrn
Unterschrift und dem Trinkgelde, das diesmal reicher ausfiel als sonst.
Dafür dankte aber Jakob auch über alle Maßen freundlich.
Der Brief brannte Stormer noch mehr auf die Seele als der erste. Das
schien ja wirklich tief gegangen zu sein, sehr tief sogar. Wenigstens
bei dem verdammten Herrn Erwin Uller dort drinnen in der Wiener Stadt.
Und was für ein Geist sprach aus diesen Zeilen -- was für ein Herz!
Nun begann er Berta schärfer zu beobachten. Sie ließ sich nicht viel
anmerken. Das tun sie alle nicht, die Stormer. Er wußte das. Es drückte
ihn schwer auf die Seele. Wenn es nun doch auch bei ihr tief ... Aber er
sagte sich immer wieder: Sie überwindets schon.
»Wir Stormer überwinden alles. Wir sind stärker als die Tücke des
Schicksals. Und dann -- nein, so leicht setzt man uns auch nicht in
Flammen. Um unser Herz ist ein Panzer von Mißtrauen gegürtet. Bis der
auftaut ...«
Aber geschehen mußte nun etwas -- geschrieben mußte dem Manne werden.
Kurz und bündig, klar und scharf, so daß ihm für alle Zeiten gründlich
die Lust verging, nochmals zu kommen. Mit dem Schreiben ging's ihm schon
schwer. Die rechte Hand war fast gelähmt und so angeschwollen, daß sie
kaum die Feder halten konnte. Aber es mußte sein. Und wenn etwas sein
mußte, brachtens die Stormer immer zusammen. Auch der Brief kam
zustande.
Nachdem er ihn fortgesandt hatte, stampfte er noch eine Zeitlang täglich
den Berg hinab zur Post und keuchend wieder hinan. Und wenn das oft
recht schwer und mühselig ging, konnte er fast böse sein auf Berta. Als
hätte sie ihm das alles angetan. Und wenn er allein in seiner Stube saß,
konnte er mit geballter Faust ins Finstere hinein drohen und mit den
feindlichen Mächten hadern, daß sie ihm auch das noch auferlegten und er
kämpfen müsse um das Letzte, was ihm noch Liebes verblieben sei auf
dieser Welt. Gegen Berta war er liebevoller und zärtlicher denn je. Oft
übermannte ihn bei ihrem Anblicke die Rührung so mächtig, daß er schnell
von ihr wegeilen mußte, um nicht in Tränen auszubrechen. Und gelang ihm
dies nicht mehr, dann machte er einen »gewaltigen« Spaß und brach
darüber selbst in lautes erzwungenes Lachen aus. Dann konnten sie ja so
mitlaufen, die dummen Tränen. Es sah dann aus, als hätte sie ihm das
Lachen erpreßt. Das kommt ja vor.
Eines Tages sah er sie in ihrem Zimmer schreiben. So vertieft war sie,
daß sie nicht hörte, wie er die Tür öffnete. Geräuschlos schloß er sie
wieder. Und bleicher als sie, schlich er wieder davon. Sie schrieb an
ihn -- er fühlte es. Sein Gewissen rief es ihm zu und seine Angst trieb
ihn von einem Zimmer ins andere. Der Brief durfte nicht fort. Unter
keinen Umständen und wenn er ihn selbst ...
Aber wird sie ihm den Brief anvertrauen, ihm, der nach ihrer Meinung
noch nichts ahnte von all dem, was sie heimlich quälte?
Aufgeregt war er im Hause herumgegeistert; endlich griff er verzweifelt
nach der Zeitung. Und die brachte ihm die unverhoffte Befreiung aus
seiner Pein: jene Notiz wars über das Fest, bei dem Uller anwesend war.
Und eine schöne lange Rede hielt.
Wie er es gewohnt war, las er ihr auch damals dies und das aus der
Zeitung vor und ließ unauffällig jene Notiz mithineinlaufen. Bei Ullers
Namen zuckte sie zusammen. Und als sie alles wußte, erbleichte sie.
Ohne ein Wort zu reden, stand sie bald nachher auf und ging. Er rief ihr
nach, er gehe hinab in die Stadt -- ob sie was habe oder brauche? Einen
Brief zur Post oder sonst etwas?
Nein, sie habe nichts und brauche nichts. Wie ihre Stimme dabei klang
und wie sie ging! In jeder ihrer Bewegungen drückte sich ihr
Seelenzustand aus. Ganz starr wurde ihm dabei und ein schier
körperlicher Schmerz durchlief ihn eisigkalt.
Nachts konnte er nicht schlafen. Es war jene stürmische Spätherbstnacht,
in der Berta ihr Weh und Leid ausweinte und als kostbaren Schatz stark
und stolz in ihrer Brust verschloß.
Es duldete ihn nicht im Bette. Aus dem Finstern sprangen ihn
Schreckbilder an und wie mit kalten Händen griffs nach ihm aus allen
Winkeln. An den Fenstern rüttelte der Sturm. Manchmal wars, als schlüge
einer mit der Faust daran. Dann heulte es draußen auf und durch das Haus
ging es wie leises Wimmern und Weinen und Stöhnen.