Jetzt kam der kritische Augenblick: Herr Schoißengeyer wollte wild
werden. Da aber sank Thilde wie bei ihrer Heimkehr zu seinen Füßen und
blickte stumm zu ihm auf. Und stumm flehten ihre großen dunklen Augen.
Und Eduard -- tat das gleiche. Und die Mutter -- tat das gleiche.
Da lachte Herr Schoißengeyer laut auf. Das klang zunächst geradezu
fürchterlich: zornig, wild wütend und so recht eigentlich wie ein lautes
heulendes Weinen. Dann aber wurde er milder, und endlich rannen dem
guten alten Selbstling wirklich die Tränen über die erst zornesbleichen,
dann schamrot brennenden Wangen.
»Verzeih uns halt allen,« flehte Frau Marie gerührt. »Wir stehn nit
früher auf.«
»In Gotts Nam. I kann ja nit anders!« -- Nun wurde _er_ in _eine_
Umarmung eingeschlossen von den glücklichen Dreien.
Thilde war die erste, die sich loslöste. In frauenhaft freudiger
Erregung und liebevoller Eile huschte sie ins Nebenzimmer. In
frauenhafter _Ruhe_ und leuchtender Glückseligkeit kehrte sie in wenigen
Augenblicken wieder. In ihren Armen aber trug sie ein süßes Etwas,
eingehüllt in eine duftige Wolke von Spitzen und Schleiern. Mit einem
liebwarmen Blick nach dem Vater sagte sie voll holder Scheu und voll
schlichten Stolzes:
»Vater, da schau her! Da bring ich dir -- 's Christkinderl! Wir habens
erst heut kommen lassen.«
Herr Schoißengeyer beugte sich über die Wolke von Spitzen und Schleiern
-- und sah ein rosiges Kinderangesichtchen.
»Um Gottes willen, was ist denn das?«
»Das ist unser Kinderl, Vater! Toni heißt's wie du -- ist aber ein
Mäderl.«
»Was! A Kind habt's aa schon und i waß nix davon?«
»Ja, weißt Vater -- schau, was hätt's denn auch gnützt? Und dann -- sag's
du, Eduard!«
»Ja, Vater, siehst, das war so. Grad damals hab ich mir dacht: so geht's
nimmer weiter. Da muß was gschehn! Und da ist mir der ganze tolle Plan
eingefallen, dich so im gutem, weißt ...«
»Herumzkriagn! Nit wahr? Den altn Dickschädl den! Wirst dir denkt habn.«
»_Denken_ kann man sich so etwas schon ... und du -- du darfst's auch
sagen!«
»Hm! Du! Na wart nur! Hahaha! Das wird angfeucht! So was! Hohohaa! Aber
schen war das von enk alle nit, daß ...«
»Ja mein Gott, Vater, schau! Wie anders wärn wir denn zum Ziel kommen
auf gute Weis? Thilde tät sich noch immer die Augen ausweinen -- und
jetzt ist sie glücklich! Und wir alle -- du auch! Leugne es nur nicht!«
»In Gotts Nam ja! Ich auch!«
An diesem Abend wurde wieder ausnahmsweise Rüdesheimer »angestochen«
-- aber nicht bloß _eine_ Flasche. Und schließlich war es nicht der
Rüdesheimer allein, der »angestochen« war.
Assistent Frickenberg.
Er hatte soeben ein Telegramm aufgenommen. Ein Privattelegramm. An sich
selbst. Es brachte ihm sein moralisches Todesurteil, riß grausam die
letzte feste Stütze um, auf der seine Daseinsfreude, sein ganzes
Lebensglück noch ruhte: die Hoffnung. Die letzte schwache verzweifelnde
Hoffnung ...
»Nein!«
Nichts sonst enthielt die Henkersdepesche.
Alle Freuden und Sorgen, aller Glücksjubel und all die Seelenqualen von
der Rosendämmerzeit der Kindheit bis herauf zum blühenden frohbewußten
Mannesalter, alles Licht seiner Seele, die Wärme seines Empfindens
-- alles, alles war ausgelöscht, war zerstoben und begraben durch dieses
eine kalte entsetzliche »Nein!«
Die Apparate klapperten unaufhörlich. Die Nadel der Bussole schwankte
und pendelte. Langsam -- schneller; ermattend -- aufflackernd: der
getreue Pulsschlag des regen funkenentsprungenen Lebens in dem
weitgedehnten starren Drahtgespanne.
Mit jenem Blicke, der wohl sieht, aber nichts der Seele, nichts dem
innen quellenden Leben vermittelt, sah er über die Ruhelose hinweg zu
den hohen wunderlich gestalteten vielgezackten Felsenbergen empor. Sie
standen schön und klar in herrlicher Winterpracht -- ein steingewordener
launenhafter Schöpfergedanke. Und hinter den Bergen ein
Winterabendhimmel mit seinen ersten flimmernden Glanzsternen und seinem
blassen kalten Farbenzauber, der vom Sonnentode kündet und zugleich
scheue Träume spinnt von kommenden Frühlingsfreuden ...
Er sah in die Stille des Abendhimmels empor. Und sein Auge blieb
unbeweglich hangen an dem funkelnden Abendstern, der Venus. In ihm aber
blieb es starr wie dort droben all die absonderlichen Zinnen und Zacken
und Grate. Auch in seiner Seele tiefsten Tiefen war es Winter geworden
-- und Nacht. Und keine Frühlingshoffnung durchwärmte sie -- keine
Hoffnung auf den kommenden Tag ...
Sinnentot, hörte er kaum noch das nervenaufregende pochende und
hämmernde ungeduldig-drängende und zornige Klappern der Apparate
-- draußen aber das Lied, das fröhliche jubelnde, ihn unbewußt höhnende
Lied, das klang an sein Ohr, dem lauschte er unwillkürlich. Es war ein
schönes helles Frühlingslied -- jenes von Uhland, mit dem
hoffnungsfrohen Verse: »Nun muß sich alles, alles wenden!« Es schien,
als sänge unsichtbar, hoch vom Himmel hernieder, der Frühling selber der
erstarrten Natur ein Trostliedlein, ein Lied der Hoffnung. Er kannte den
Sänger und wußte: auch _der_ durfte hoffen. Auf ein großes, auf ein
reiches allgesichertes Glück. Der dort draußen, der trägt sein Glück in
sich, so tief, so lebenswarm, so weltendaseinsfroh, wie einst er
selber ... Doch jener konnte sein Lieb heimatfreudig und besitzstolz in
ein gesichertes Heim führen, er stand seelenruhig auf festem Grunde ...
Und sein Lieb, es hatte alles was _sie_ hatte, die erst noch so Blühende
-- sie, die jetzt drüben bleich und fiebernd liegt in dem unheimlich
großen und fast leeren Zimmer mit seinen dunklen flüsternden Ecken
-- alles: Seele, Herz, Gemütstiefe, Schönheit und frohen Sinn. Aber jene
hatte auch reichlich, was die Seine nicht gehabt und auch er nicht:
Geld ...
Sie setzten ihre Lebensfreude und ihre Hoffnungen, ihr ganzes stolzes
Glückesträumen in den scheinbar festen sicheren Grund ihrer jungen
großen Liebe -- und in ihre blühende Gesundheit. Aber dem gabenreifen
fruchtersehnenden Boden fehlte der goldene fördernde und erhaltende
Dünger: das Geld ... Und allmählich wucherten auf ihrem verdorrenden
Lebensacker, dem Unkraute gleich, Sorgen und Kümmernisse. Und sie
wuchsen und wuchsen und drängten die unbefangenen glücksfrohen Freuden
zurück in die verschwiegensten Tiefen ihrer Seelen. Noch so jung, wußten
sie beide schon, daß sie glücklich -- gewesen.
Und _er_, der hätte kommen können, um hilfefreudig alles zum Guten zu
wenden, er, der mit vollen Händen tausendfach hätte geben können, was
ihm fehlte -- er ließ durch den blitzesschnellen Funken sagen: »Nein!«
Durch ihr jungblühendes Liebesparadies war an der Seite der bleichen Not
die Versuchung gezogen -- und hatte gesiegt! Und ihre mächtige
Bundesgenossin war -- die Liebe ... Sie hatten gesiegt über Pflicht und
Ehre ...
Dort hatte sie ihn hingedrängt, die bittere Not, dort zur Kasse. Und die
Versuchung hatte sie geöffnet und gesprochen: »Nimm!« Und die Liebe
flüsterte: »Um deines kranken Weibes willen, das stirbt, kannst Du ihm
nicht bieten, was es haben _muß_!« Und sanft und zuversichtlich sprach
-- es klang so seelenwärmend und zukunftssicher -- die Hoffnung: »_Er_
wird helfen! Er _muß_ helfen! Dem _Menschen_ muß er helfen als Mensch,
will er auch nicht den Neffen retten als erzürnter starrköpfiger Oheim!«
Und der antwortete auf seinen Verzweiflungsbrief: »Nein!«
Er war also nicht bloß ein kleinlicher Starrkopf, der alte Soldat und
reiche Gutsbesitzer, der dem Neffen gram war und ihn enterbte, weil er
den »glänzenden« Waffenrock auszog und das geliebte geldarme, aber
seelenreiche Mädel zu seinem Weibe machte: er war ein herzloser
Geldmensch, ein Unmensch, grausamer als das Unrecht, unerbittlicher als
der Haß ...
Und daß er, der hilflose Assistent, ein Besiegter war jener dunklen
zwingenden Mächte -- es konnte täglich, es konnte stündlich entdeckt
werden ... Und dann ...
»Herr Assistent, Sie werden gerufen ...« Es war der alte Stationsdiener
Püregger, der ihn angesprochen hatte.
Frickenberg stand auf, langsam, unsicher, tastend, wie aus tiefem
Rauschschlafe.
»Von wem?«
Der Alte zeigte schweigend auf den rufenden Apparat. Sprechen _konnte_
er nicht, der Blick seines Vorgesetzten, sein Aussehen -- es war zum
Erbarmen! Einst freilich hatte er ihn nicht recht leiden mögen, den so
leicht erregbaren, im Dienste unerbittlich strengen, kurzangebundenen
jungen Herrn. Als er ihn aber vor einigen Wochen ungesehen beobachten
konnte, wie er gestützten Hauptes dasaß und ein unbezwingliches
Erschaudern, ein Weinkrampf schier seinen kräftigen Körper durchrüttelte
-- da tat er ihm bitter leid. Und seither hatte er ihn auch lieb -- den
Leidensgenossen! Den _jungen_ gebildeten Leidensgenossen, der so viel
mehr und reicher denken konnte als er, der Alte, Ungebildete. Und
_denken_! In Not und Gram und Kummer und Verzweiflung! O, er kannte das!
Da kommen die stürmischen Qualgedanken und rütteln wie die
siegessicheren Feinde an den Pforten der Vernunft oder schleichen sich
wie Schlangen heran und zeigen verlockende Bilder gewaltsamer
gesetzverpönter Selbsthilfe -- oder Bilder verzweifelnder Erlösung ... Es
ist dann gerade, als tät' einer winken: »Komm, mach' schnell! Mach' ein
Ende!« ... Ja, das kannte er, der stille Alte, der knorrige Graubart.
Darum konnt er jetzt nicht sprechen, darum blieb sein tiefgefurchtes
wetterzerrissenes Gesicht starr und unbeweglich.
Frickenberg setzte sich an den Apparat. Eine Flut ungeduldiger Worte des
erregten Kollegen der nächsten größeren Station las er gedankenlos ab,
_hörte_ sie förmlich mit der zornigen Stimme jenes wohlbekannten
Erregten.
»Zug 17 kreuzt mit Zug 268 dort. Zug 3 fährt dem Zug 15 dort vor.«
Gewohnheitsgemäß spielte er auf dieses Diensttelegramm die üblichen
Bestätigungen ab, trug die Depesche gewohnheitsgemäß in das
»Telegraphen-Journal« ein -- dann klapperten die Apparate verdrossen
weiter, die Bussolennadel zitterte, bebte, schwankte und pendelte. In
ihm aber blieb es noch immer still. Seine Seele hörte nicht und empfand
nicht.
Drei grelle Glockenschläge.
»Das Signal vom Achtundsechziger« sagte Püregger, um den in sich
Versunkenen aufzumuntern.
Frickenberg stand auf, setzte die rote Kappe zurecht und schritt zur
Tür.
»Den Mantel, Herr Assistent! Es ist sehr kalt draußen. Sie könnten sich
leicht erkälten.«
»Und wenn ...?« Es zuckte über sein bleiches Gesicht -- es sollte wohl
ein Lächeln sein. Dem Alten tat es im Herzen weh. Und des Beamten
starrer Blick beunruhigte ihn. Er sah drein wie ein Betrunkener, wie
einer, der nicht recht ...
Der Zug kam. Es wurde verschoben. Lange, unwillig. Es war ja so kalt und
Weihnachtsabend. Frickenberg mahnte nicht, trieb nicht an, ließ alles
gehn, wie es ging. Erstaunt sahen ihn die Zugbegleiter an. Was hatte er
denn heute, der »schneidigste Assistent« der Strecke? Einer lächelte dem
anderen verständnisinnig zu und wünschte sich selbst einen recht heißen,
recht starken tiefen Trunk ...
Da kam die Zugmaschine wieder, glutäugig pustend und schnaubend, in
hastiger Ungeduld und eingehüllt in eine wirbelnd wallende, jäh
zerstiebende Dampfwolke. Und ihr voran auf den eisglitzernden Schienen
lief ein glühend roter Schein, schlangenartig, züngelnd, nach ihm
langend. Und er ging den zuckenden schillernden Schlangen entgegen -- es
zog ihn widerwillig hin, unbezwinglich ... Wie im Zorn gellte die
Lokomotive -- er wankte zurück. Drüben das matterleuchtete Fenster
-- nein! _Jetzt_ nicht! Nicht ohne sie! Sie war ja bereit.
»Wenn es nicht anders geht, machen wir ein Ende.«
So sagte sie vergangene Nacht. Und nun war er am Ende ...
»Gehn ma?« fragte der Zugführer, auf die Uhr schauend.
Frickenberg nickte, zog seine Uhr hervor, verglich sie auch mit jener
des Maschinführers und rief Püregger zu, das Signal zu geben.
Langsam kroch der schwere Zug die Steigung hinan. Die Wagenräder
klirrten, rollten, kreischten, klapperten, sangen. Die mächtige
Bergmaschine keuchte schwer und tief und sandte gewaltige Feuerwolken in
die sinkende Dämmerung hinein. Hochauf flogen dicke weiße zitternde
Ringe. Darunter wogte und wallte, quirlte und kreiste es und mengte sich
ineinander blutig rot, gespenstig weiß und abscheulich schwarz
-- vielgestaltig, blitzschnell wechselnd, phantastisch, dämonisch.
Frickenberg starrte auf das oft geschaute Bild hin, als sei es ihm etwas
Neues, Fremdes. Und in ihm kam ein Gefühl auf, als drohte ein Unglück.
Kaum war der Signalwagen über den Ausfahrtswechsel, als zwei
Glockenschläge die kalte dünne Luft durchzitterten, grell, hastig,
drohend, wie schadenfroh jauchzend. Und wieder zwei und wieder -- das
Signal für den Zug 17! Für den Personenzug, der hier in der Station mit
dem eben ausfahrenden Güterzug kreuzen sollte und in der kürzesten
Fahrzeit kam, da er verspätet war.
Die nahe unabsehbare Gefahr machte ihn rasch zum Herrn der
verhängnisvollen Lage.
»Geben Sie »Alle Züge aufhalten!« rief er Püregger zu und entriß ihm
die Laterne.
Dann rannte er schnellbeinig, kraftsicher dem Zuge nach. Er sprang über
Wechsel hinweg, über Schienen und Schotter, über Gräben und
Leitungsdrähte und schwang die Laterne in mächtigem Kreise -- das
rettende Signal, das den Zug zurückrufen sollte, ehe es zu spät, ehe er
das während des Verschiebens auf »Halt« gestellte Distanzsignal
überfahren und in den tiefen, in scharfer Biegung liegenden
Felseinschnitt kam -- dort war der Zusammenstoß unabwendbar. Er sah mit
dem scharfen Auge des Verzweifelten im Dunkel den Stockmann auf seiner
Bremse stehn -- mit dem Rücken gegen ihn. Nahm dieser Mann das Signal
nicht auf, dann ... Er rief, schrie, pfiff, schwang unausgesetzt die
Laterne, stürzte, eilte mit verletztem Knie weiter und weiter.
Die vereisten Schienen erschwerten glücklicherweise die Ausfahrt sehr
und verlangsamten sie -- vielleicht erreicht der Zug nicht früher ...
Nein! das nützte nichts! Dort droben stand das Distanzsignal -- und
zeigte auf »Frei!« Frei für den einfahrenden Personenzug -- frei für den
Siegeszug des Verhängnisses und des Todes ...
Eine Sekunde stand er wie gelähmt. Unversehens streifte seine Hand die
Rocktasche. Ein rascher Griff, ein Blitz und scharfer lauter Knall -- der
Revolver, der sein Erlöser werden sollte, war zum Retter geworden für
all die Ahnungslosen in dem nahenden Zuge: der Stockmann hatte den Schuß
gehört, wandte sich um, sah das hilfeheischende Signal, gab es weiter,
sprang ab, lief vor -- und endlich, endlich schwankten die
bedeutungsvollen Lichter den Zug entlang ... Eines -- zwei -- drei ...
Schrill gelte der erlösende Pfiff der Lokomotive. Es klang wie ein
Schreckensschrei. »Achtung! Bremsen an!«
»Zurück! zurück!«
Frickenberg stand, einen Fuß auf die Birne des Einfahrtswechsels
gestützt, wie angewachsen, wie angefroren, so aufrecht, so starr und so
bleich. Der lange Zug polterte an ihm vorbei auf das schützende
Nebengleis.
»Was gibt's?« rief der Zugführer atemlos und machte große erschreckte
Augen, vorwurfsvolle.
Frickenberg wies stumm nach der Höhe. Dort tauchten die roten Lichter
der Personenzugs-Lokomotive auf. Ein scharfer warnender Pfiff und der
heute ungewöhnlich lange Zug mit seinen zwei schnaubenden dampfenden
Maschinen sauste und donnerte an Frickenberg vorbei in die Station.
Aus all den hellbeleuchteten Wagenfenstern sahen fröhlich lachende und
plaudernde erwartungsungeduldige Menschen -- ahnungslose festfreudige
Menschenkinder ...
Ein Grausen packte Frickenberg. Er sah sie unter rauchenden Trümmern
liegen, die erst so Fröhlichen alle -- wimmernd, stöhnend,
hilfeschreiend ... Und viele still -- tot ...
Püregger kam heran, steif und starr, das tiefgefurchte wetterbraune
Antlitz leichenfahl ... Er war vorhin zum Apparat geeilt. Es fiel ihm das
Signal nicht ein. Er suchte nach dem Buche das es enthielt, und fand es
nicht. In seiner steigenden Angst und Verwirrung tat er den
verhängnisvollen Griff, der das Distanzsignal wieder auf »Frei!«
stellte, gab aufs Geratewohl ein auffallendes Glockenzeichen und wankte
mit dem erdrückenden Bewußtsein, ein falsches gegeben zu haben, wieder
hinaus.
Für Frickenberg war sein Erscheinen die lebendige Mahnung zur Erfüllung
seiner Pflichten. Er kam ihnen nach, so gut es ging, fast wortlos,
gewohnheitsmäßig, ohne Willkür. Er war wie erstarrt und glich noch mehr
einer wandelnden Leiche als der alte Püregger.
Als der Zug voll heiterer Menschen draußen war, und er stumm den Lastzug
mit seinem verdutzten und erschrockenen Personale abgefertigt hatte, kam
der Stationsvorstand erregt auf ihn zu.
Was es gegeben habe?!
Frickenberg glotzte ihn an, ohne eine Miene zu verziehen, unfähig, ein
Wort hervorzubringen.
»Herr, Sie sind besoffen!«
Der andere stand still, regungslos. Er hatte ja getrunken in den
erregten Stunden der Erwartung jener Entscheidung, die schon nachts
hätte kommen können, jede Stunde kommen mußte und immer nicht kam. Es
waren Ewigkeiten des Erwartens und der Seelenmarter. Da trank er viel,
sehr viel. Aber es griff ihn nicht an. Seine seelische Erregung war
stärker als die geistige des Weines. Und jetzt war er wie gelähmt, wie
ausgehöhlt im Innern.
»Ich ziehe Sie vom Dienste ab, Herr Assistent! Gehn Sie! Haben Sie mich
verstanden?«
Er ging, wankte. Den Stationsplatz hinab _mußte_ er. Auch durch die
Einfahrtshalle ... Von dort führte links ein dunkler Gang zu seiner
Wohnung. Er wandte den Kopf zur Seite, schlich vorbei, auf die Straße
hinaus -- den Rock offen, die rote Kappe tief im Genicke. Der Schnee
knisterte und knirschte unter seinen Füßen. Ein leichter feiner Nebel
lag über der Gegend. Und weithin spannen die bleichen Mondesstrahlen
liebliche Träume. Weihnachtsträume, Weihnachtsmärchen. Er ging seinem
Schatten nach, starrte ihn an, wie etwas Fremdes, Ungewöhnliches, bückte
sich danach und schob sich mühsam wieder in die gerade Haltung. Dort
vorn beim Magazine glitzerte und schimmerte etwas farbenmild im
Mondscheine. Liegnitzer Ziegel. Schöne glatte kristallartige
Bausteine ... Die gehörten dem, der heute das Frühlingslied in den
Winterabend hineingesungen -- dem Glücklichen ... dem doppelt Reichen!
Der wird sich im kommenden Frühjahre eine Villa bauen dort droben bei
dem lauschigen Waldhange. Und in das schöne glitzernde Haus wird er sein
trautes, mit Seele und Geld gesegnetes Liebchen einführen als
glückliches geldsorgengefeites Weib. Eine schöne stattliche Villa mit
Türmchen und Erker ...
Dort hinter dem Magazine stand eine Reihe Lastwagen. Er blieb stehn,
lange, an das Gitter gelehnt, und lächelte seltsam. Die Geister des
Weines wurden allgemach Herren über seinen Willen, über seine Sorgen und
seine grausam überspannten Nerven ... Leuchtende Trugbilder stiegen vor
ihm auf, lockende, beglückende ... Er sah in den Wagen dort _seine_
Ziegel und wollte sich ein Schloß erbauen, just über jener Villa, ein
Schloß mit hohem schlankem Turm und einer flatternden Fahne darauf ...
Dort wollte er stehn mit Frida, seinem Weibe, und singen -- so froh und
hell, so jubelnd, wie jene dort unter ihm ... Jenes schöne liebe
Frühlingslied ...
Als er schwankend weiter ging, die Hände auf dem Rücken, den Kopf
gesenkt und ein geistlos-schalkhaftes Lächeln auf den Lippen -- da
summte und tönte, jubelte und schmeichelte das Lied um ihn her,
klangrein und lockend, glücksfroh und unablässig. Und sachte und
eroberungslustig führten es die siegreich gewordenen Weingeister in
seine leere unbehütete Seele. Aber schnell, wie ein Kind aus ödem
finsterem Hause, sprang es über die verzerrten Lippen wieder zurück: in
lauten heiseren Tönen störte es die Stille der heiligen Nacht und
erstarb zitternd im raschen frostklaren Wiederklange ...
So kam er in den Ort. Leute erschienen neugierig an den
christbaumschimmernden Fenstern, traten aber lachend oder geärgert und
empört über die leichtfertige Störung wieder zurück. Manches harte
Schimpfwort folgte ihm nach. Es mochte ihn ja niemand recht leiden im
ganzen Orte. Er war so wortkarg, schloß sich niemand an und galt daher
für stolz -- der Herr von Habenichts! Unaufgehalten kam er singend an
das andere Ende des kleinen Ortes und wieder ins Freie. Ein schriller
kurzer Pfiff machte ihn endlich verstummen. Er sah nach der Station
hinüber. Dort hielt heute ausnahmsweise der Schnellzug.
Bei dem Anblicke der beleuchteten Wagenfenster überkam ihn ein
plötzliches Angstgefühl. Er wurde sich dessen bewußt, wehrte sich
dagegen und schritt steif, trotzig, gewaltsam aufrecht wie ein
Volltrunkener, der flüchtig zum Bewußtsein seines Rausches kommt, die
Straße entlang, leise vor sich hinpfeifend, ängstlich in die Ferne
lauschend.
Wieder ein kurzer Pfiff dort drüben und ein namenloses Erschaudern in
seiner furchtbezwungenen Seele. Fernher hörte er das Schnauben und
Pusten des Zuges. Plötzlich verstummte es. Er wagte nicht, sich
umzuschauen, und pfiff sein Liedchen lauter. Es nützte nichts: er hörte
es kommen über den hartgefrorenen Schnee. Es huschte und sprang, es
pfauchte und hauchte, griff aus mit langen hageren Beinen und langte
nach ihm mit dürren gierigen Armen ... Er ging unbewußt schneller, lief,
stürmte dahin wie ein Verfolgter, querfeldein, die Höhe hinan, dem Walde
zu. Endlich stürzte er und blieb liegen in dem kalten knisternden
Schnee. Der kühlte ihm die heiße schweißtriefende Stirne.
Wie er so dalag, sah er sich im Geiste als kleinen Knaben in fliegender
Angst durch jene lange dunkle Allee jagen, durch die ihn die wilde
Gespensterfurcht einst so oft in solch sinnlose wahnwitzige Flucht
getrieben. Und er sah das liebe einsame düstere Vaterhaus mit seinen
großen tönenden Hallen und seinen unheimlichen Kellerräumen, durch die
nächtlich Geister schlichen. Um diese angsterzeugten Bilder schlossen
sich und sammelten sich nun wieder die verwirrten Gedanken. Er mußte des
Vaters gedenken, des wortkargen finsteren Mannes, und der lieben guten
Mutter, des holden Sonnenscheines in jenem düsteren Hause, der Sonne
seiner verträumten freudenarmen Jugend.
Und den zagenden Gedanken folgten drängend und ringend die lange
erstarrten Gefühle ... Trostlose Vereinsamung durchzog zuerst die wieder
erwachende Seele. Und jählings darauf ein Sehnen, ein heißes brünstiges
Sehnen nach der fernen fremden unerforschten Heimat dort über den
Sternen. Und aus diesem ernsten warmen Fühlen rang sich unvermittelt aus
den Fesseln der Betäubung los seiner Seele großer brennender Schmerz ...
Wild und mächtig faßte er ihn an und wie ein Schrei nach Gerechtigkeit
flohen wieder die ersten _bewußten_ Worte über seine Lippen.
»Du Allbarmherziger! Hab ich das verdient!«
Flehend und drohend zugleich streckte er beide Arme gegen den
mildschimmernden Sternenhimmel.
Da löste es sich von dem Baume neben ihm schwer und lautlos und flog mit
trägen schwarzen Schwingen langsam und geisterhaft dem nahen Walde zu.
Sachte rieselten auf ihn herab die zarten Nebelblüten, die der große
Zauberer des Winters, der Rauhfrost, um Ast und Aestchen spinnenzart
gesponnen.
Betroffen sah er dem großen schwarzen Vogel nach, der wie der Geist des
Bösen von ihm geflohen. Und sinnend sah, _schaute_ er zum ersten Male
wieder in die stille rätselvolle Glanznacht.
Knapp vor ihm stieg ein feiner Hauch aus dem Schnee empor. Dort ruhte
wohl im warmen Neste ein scheues Hasenpaar. Die Wärme zog ihn an und jäh
aufwallende zornige Zerstörungslust. Schon hob er den Fuß, um die armen
Tiere erbarmungslos in die bitterkalte Frostnacht zu jagen ... Plötzlich
aber hielt er ein, senkte Haupt und Arme.
»Wozu? Das Blei ist schon gegossen, das euch den sicheren Tod bringt,
wie oft unser Schicksal schon beschlossen ist, wenn wir ahnungslos noch
in Freuden schwelgen ... Und ich -- ich bin angeschossen vom Schicksale
-- totgetroffen ... und kann mir den Gnadenstoß selbst geben ... Das ist
mein einziger Vorteil vor euch, ihr vielbedrohten Todgeweihten.«